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Full text of "Mitteilungen Der Schlesischen Gesellschaft Volkskunde Yr 1917yr 1918yr 1919"

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MITTEILOHGEN 

DER 


SCHLESISCHEN GESELLSCHAFT 
FÜR VOLKSKUNDE 

herausgegeben 


THEODOR SIEBS 


Mit einer Sprachkarte 


Band XIX ' ? 

Jahrgang 1917 


BKESLAU 

Kommissionsverlag von M. & H Marcus 
1917 


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Alle Beeilte Vorbehalten 


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Inhalt. 


Aufsätze und Mitteilungen. 


Klapper, Oberlehrer Dr. phil. Josef, Altschlesische Schreiberverse . . 1 

Hilka, Oberlehrer und Privatdozent Professor Dr. phi\. Alfons, Die 
Wanderung der Erzählung von der Inclusa aus dem Volksbuch 

der sieben weisen Meister.29 

Kanipers, Universitätsprofessor Dr. phil. Franz, Turm und Tisch der. 
Madonna. Studien zu den orientalischen Kultureinflüssen auf das 

Abendland und zur Gralsage.73 

Olbrich, Oberlehrer Professor Dr. phil. Karl, Deutsche Himmelsbriefe 

und russische Heiligenamulette im Weltkriege.140 

Giernoth, Oberlehrer Dr. phil. Josef, Die Sprache des Kuhländchens 

nach der Mundart von Kunewald. Mit einer Sprachkarte . . . 157 

Schoppe, Dr. phil. Georg, Wortgeschichtliche Studienil.215 

W r ocke, Oberlehrer Dr. phil. Helmut, Ein schlesisches Quellenbuch der 

Kundensprache.248 

Kother, Taubstummenlehrer Karl, Wie der Bauer den Flachs zubereitete 253 

Schultheiss, Tassilo, Mundartenproben aus Mazedonien.260 

Andreae, Privatdozent Dr. phil. Friedrich, Husarenlied.262 

Landau, Rabbiner Dr. A., Agla. Zu Mitteilungen XVII, 55 . 263 

— Zum schlesischen Wörterbuch. Zu Mitteilungen XVI, 111 ff. . . 264 

Kampers, Universitätsprofessor Dr. Franz, Nachtrag zu Seite 105, Anm. 2. 265 


Besprechungen. 


Günther, Fritz, Die schlesische Volksliedforschung (H. Jantzen) . . . 266 

Schweizerisches Archiv für Volkskunde. XX. Jahrgang (Siebs) . 268 
Freud, Prof. Dr. Sigm., Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Siebs) 269 

Bohn, Dr. Erich, Der Spuk in Öls (Siebs).270 

Bruinier, J. W., Das deutsche Volkslied. 5. Aufl. (Siebs).270 

— Die germanische Heldensage (Siebs).270 





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Böcke 1, 0., Die deutsche Volkssage. 2. Aufl. (Siebs).270 

Bet sch, Robert, Das deutsche Volksrätsel (H. Jantzen).272 

Mogk, Prof. Dr. Eugen, Deutsche Heldensage (Siebs).278 

Bö ekel, 0., Das deutsche Volkslied (Siebs).273 

Fehrle, Eugen, Deutsche Feste und Volksbräuche (H. Jantzen) . . . 273 

Lauf-fer, Otto,, Niederdeutsche Volkskunde (H. Jantzen).274 

Meier, John, Das deutsche Soldatenlied im Felde (Siebs).274 

— Volksliedstudien (Siebs).274 

Bächtold, Hans, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube (Siebs) 275 s 

M ausser, Otto, Deutsche Soidatensprache (Siebs).275 

Löwis of Menar und Hoerschelmann, Märchen und Sagen der 

Baltischen Provinzen (Siebs).276 

Teutsch, F., Die Siebenbörger Sachsen in Vergangenheit und Gegen¬ 
wart .276 

Stenn er, Friedrich, Die Beamten der Stadt Brassö (Kronstadt) von 

Anfang der städtischen Verwaltung bis auf die Gegenwart. 1916. 276 

Manz, Gustav, 100 Jahre Berliner Humor (—e—) 277 

Nitschke, Richard, Geschichte des Dorfes Proschlitz Kr. Kreuzburg . 277 

Eckart, Rudolf, Der Wehrstand im Volksmund (H. Jantzen) .... 277 

Rößler, Hans, Der Förschter-Hons (—e—).278 

Der gemütliche Schläsinger. Kalender für 1918 (—e—) .... 278 

Geschäftliche Mitteilungen. 

Volkskunde und Jungdeutschland; Sitzungsberichte, Nachrichten und 

Anzeigen.273 


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Altschlesische Schreiberverse. 

Von Dr. Josef Klapper in Breslau. 


Ein Bild des deutschen Volkslebens wäre unvollständig, wenn 
der deutsche Student darin fehlte. In anderen Ländern könnte man 
hier den Studenten missen; bei uns sind Volkstum und Studententum 
noch nicht zu trennen. Der Studentenbrauch holt wesentliche Züge 
aus altdeutschem Handwerksbrauch; das Studentenlied ist zum Volks¬ 
lied geworden, und der Studentenwitz hat den philiströsen Bürger 
zum Ziele, und das Volk gibt ihm Recht. So war es in vergangenen 
Tagen mehr noch als heute. Die Volkskunde wird daher auch in 
diesem Felde deutscher Kultur Ernte halten dürfen. Und die 
Wandlungen des Studenten vom krassen Fuchs zum alten Haus, wie 
sie sich in der Überlieferung deutschen Schrifttums spiegeln, der 
Ausdruck von Weltanschauung und Seelenstimmung, von Lust und 
Leid seit den Tagen der Carmina Burana bis zum neuen Kommers¬ 
buche werden reichen Stoffauch der Volkskunde bieten. Anschauungen 
und Stimmungen fanden natürlich in vergangenen Jahrhunderten auch 
hier einen mehr formelhaften Ausdruck in der Wahl von Wort und 
Bild, ihr Inhalt war wohl auch enger begrenzt als heute; der Gründ¬ 
en ist damals wie heut der gleiche, es ist der im Studentenherzen 
wohl stärker als anderswo empfundene Zwiespalt zwischen Ideal und 
Leben, zwischen dem Hange zum frohen Lebensgenuß nnd der Er¬ 
kenntnis, daß der Weg zu ernsten Zielen Entsagung heißt. Zwei 
Seelen wohnen, ach! in des Scholaren Brust. Und noch ins finstere 
Philsterium hinein winken die heitren Bilder vergangener Scholarenzeit. 

Wenn vor fünfhundert Jahren der junge Kleriker das akademische 
Studium mit dem Philistertum der heiligen Theologie vertauschte und 
von nun an hinter den Klostermauern oder auf einsamer Expositur als 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 1 


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2 


Schreiber oder Seelenhirt sein weltentrücktes Amt zu üben hatte, 
dann blickte er so manches Mal zurück ins Land der jetzt verbotenen 
Freuden. Übermütige Liedchen, kräftige Sprüchlein voll Lebenslust, 
wie sie einst im Kreise heiteren Vaganteutums erstanden waren, 
kehrten dann wohl in seinen Sinn zurück, und seine Hand, die eben 
fromme Zeilen noch mühevoll und sauber auf dem Pergament beendet 
hat, kann solcher Lockung nicht mehr widerstehn. Im Buche, das 
jetzt glücklich abgeschlossen ist, blieb auf der letzten Seite noch 
ein Stückchen freier Raum, und wo nach alter Überlieferung ein 
Stoßgebetlein seine Stätte finden sollte, entstellt — o Schreck!, — 
ein tolles Verslein, aus Studentenübermut geboren, das fromme Werk. 
Ein Satirspiel nach der Tragödie. Ein kurz Gebetlein hätte dorthin 
gehört; was meistens schon mit einem frommen Verse begonnen 
ward, es sollte auch so enden. Nicht selten finden wir sogar, daß 
eine gleiche Hand den losesten Scholarenvers mit dem aus herzinnig 
frommem Sinne entquellenden Gebete vereint. 

Diese enge Welt der Schreibersprüche, deren Anfänge ins achte 
Jahrhundert zurfickzuverfolgen sind, soll uns hier beschäftigen. Doch 
nur soweit uns dies die schlesische Überlieferung ermöglicht. 
Auch auf diesem Gebiete reichen die Quellen in Schlesien nicht 
über die letzten 150 Jahre des ausgehenden Mittelalters zurück. 
Es ist kaum etwas Neues, was durch sie an Stoff erschlossen wird. 
Anderwärts sind solche Sprüche ja schon in beträchtlicher Zahl 
gelegentlich bei der Beschreibung von Handschriften mitgeteilt 
worden; wer eine reiche Auslese von sachkundiger Hand besorgt 
genießen will, der wende sich an den entsprechenden Abschnitt in 
Wattenbachs schönem Buche über das Schriftwesen im Mittelalter 1 ). 
Ein Versuch zur erschöpfenden Sammlung ist jedoch bisher, auch 
nicht einmal auf landschaftlich begrenztem Gebiete gemacht worden. 
Die vorliegende Sammlung verfolgt dieses Ziel für Schlesien, soweit 
die Handschriften in Betracht kommen, die auf der Königlichen und 
Universitätsbibliothek vereinigt sind. Sie wird uns einen, wenn 
auch notwendig unzulänglichen Einblick ermöglichen in dieStimraungs- 
und Gedankenwelt unserer alten schlesischen Schreibermönche und 
damit ein Gegenstück bilden zu der Sammlung altschlesischer Sprich¬ 
wörter, die uns die Stimmungen und Anschauungen des Bürger- und 
Bauernstandes spiegelten 2 ). 

l ) 3. Auflage, 1896. 

3 ) Vgl. in diesen Mitteilungen Bd. XIII (1910) 77 ft. 


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3 


Gottes Lob soll nach altem Brauche das Werk beschließen, an 
dem der Mönch oft monatelang geschrieben hat. 

Lob dem Ewigherrschenden in der Himmelsburg; Lob dem Allmächtigen; 
Lob dem wahren Gotte; Dank dir, Gott, der du uns immerdar liebst. Gelobt 
sei Gott in den kleinsten Dingen wie in den größten. Gebencdeit sei der Drei¬ 
einige. Lob sei Christus, da das Buch beendet ist. Ehre dem Dreieinigen, 
<lem Vater, dem Sohne und dem Geiste. Lob und Ehre sei Christus, das Buch 
hat ein Ende. Lob sei dir, Christus, dafür daß das Werk vollendet ist. Das 
Ende der Laufbahn ist erreicht, lebt somit wohl, ihr Schreiber! So endet dies 
Werk im Namen Christi. Der das Alpha und 0 ist, Christus sei gelobt und 
gepriesen. Gebenedeit sei Christ, der für uns litt. Der Jungfrau Sohn sei 
gelobt, so oft jemand in diesem Buche liest. Amen, unser Trost sei der heilige 
Geist. Gebenedeit sei Gott und seine liebe Mutter. Lob sei dem Sohne 
Marias in alle Ewigkeit. Gelobt sei Gott mit allen seinen Heiligen. Lob sei 
Gott und dem heiligen Bartholomäus. Lob sei Gott und dem heiligen Augustin. 
(Nr. 1—40). 

Das einfache Lob Gottes und seiner Heiligen wandelt sich zur 
Widmung; das vollendete Werk wird den Himmlischen dargebracht, 
und an die Opfergabe schließt sich die Bitte an den Herrn um 
Verzeihung der Sünden, um Gnade und Seligkeit, das Gebet zu 
Maria und den Heiligen um ihre Fürbitte bei Gott und um Hilfe 
in irdischer Not. 

Nimm hin, Künder des göttlichen Wortes, was ich hier schrieb. Nimm 
an, o Christus, das Buch, das zu deinem Lobe vollendet ist; meines Herzens 
demütige Stimme singt dir Lob und Ehre; des Lesers heiliges Gebet sei meines 
Werkes Lohn; solches Gebet, aus ganzem Herzen dargebracht, erschließe uns 
den Himmel. Nun ist fürwahr ein Ende; gelobt sei Gott, Gnade mir Sünder. 
O Gott, segne das Leben des Schreibers und des Lesers. Höre, Christus, am 
Ende des Werkes mein Gebet; Zu dir seufze ich, bei dir zu leben sehne ich 
mich: um die Seligkeit liehe ich zu dir; laß mich die Sünde beweinen; nimm 
von mir die Furcht der Welt und ihre Liebe; gib mir ein Leben, das vor 
Sehnsucht nach dem Himmel glüht: ich grüß dich, Jesu Christ, nimm mich zu 
deiner Rechten, Schöpfer des Lebens, sprich in meinem Tode das Wort der 
Schrift zu mir: Kommet, ihr Seligen, Amen. Möchte mit Christus ewig leben, 
der dieses Buch geschrieben hat. Hilf, Gott, aus Not! Nun hat der Psalter 
ein Ende, Gott uns zum Himmel sende. Gott errette die Seele des Schreibers 
und des Lesers. Der Lohn des Schreibers sei der dreieinige Gott. Wer dieses 
Buch geschrieben, der möge nicht sterben, ohne seine Sünden aufrichtig zu 
Feichten. Der barmherzige Vergelter erbarme sich der Seele des Schreibers 
Möchte ich rein von Sünden bleiben, darum bitte ich zum Beschluß. Laßt uns 
Amen sprechen, damit wir vereint mit Christus bleibeu. Er gebe uns die 
Freuden des ewigen Lebens. Bessere, guter Jesus, den Schreiber dieses Buches; 
Amen, das geschehe, lieber Herr und Gott. Nun ist das Werk beschlossen, 
nun will ich dir, Christus, einen Lobgesang singen; doch sei mir Sünder gnädig; 
gib meiner Seele Frieden und erleuchte meinen Geist, daß ich, was in dem 

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Werk beschrieben ist, richtig erfasse. Anfang, Mitte und Ende lenke du r 
Maria. Führe, milde Jungfrau, meine Hand, daß ich nichts Eitles schreibe. 
Amen sagen wir nun alle; o Maria, gütige Mutter, hilf uns. Königin des 
Himmels, verlaß den Schreiber uicht. Nun reich ich, o Gott, dir dieses wert¬ 
lose Buch; ich habe es beendet; Lob sei dir, Jungfrau Maria; hilf mir, Himm¬ 
lische, daß ich die Freuden des lebendigen Gottes schaue. Hilf, Gott, Maria, 
gib Rat! Maria, Mutter, reine Magd, all unser Not sei dir geklagt. Amen, 
das walte Gott; und die Mutter sein möge unser aller Schutz und Schirm sein; 
Amen, das gescheh. Lob sei dir, Christus, der du unser Schöpfer, Erlöser und 
Heiland bist, Amen; so spreche ich Schreiber Heinrich und setze hinzu: 0 
Maria, Rosenkönigin, empfiehl uns Hilfeflehende dem Herrn. Maria sei gnädig 
uns, bitt dein liebes Kind für uns. Nun schließt das Buch von des Johann 
von Luberaze Hand; dies Buch schrieb Johann und segnete es; der allmächtige 
Gott gebe, daß auch er gesegnet sei; nun sollt ihr beten und eure Bitten aus- 
schütten, daß er zu Gottes Ruhme Gnade finde; zum Herrn des Himmels wollen 
wir mit gläubigem Sinne rufen, daß der Herr nach Verdienst seine Himmels¬ 
gaben schenke; loben wir ihn, weil des Johannes Taten des Lobes wert sind; 
loben wir ihn im Wettstreit jetzt und in Ewigkeit. Wach, Engel, wach! 
(Nr. 41—73). 

Mancher dieser frommen Wünsche, mit denen der Schreiber von 
seiner Arbeit Abschied nimmt, ist in ganz allgemeiner Form gehalten, 
ohne daß Gott oder die Heiligen besonders genaunt werden: Amen 
wollen wir alle sagen. Das Buch ist zu Ende, der Schreiber bleibe von Sünden 
frei. Des Schreibers Lohn sei die Liebe des heiligen Geistes. Wer dieses 
schrieb, des Hand sei gesegnet. Wer dieses schrieb, schreibe und lebe noch 
lange Zeit. Ich hoffe, einst von Sünden frei zu sein. (Nr. 74—80). 

Einigemal beschränkt sicli der Schlußvers auf die Bitte des 
Schreibers, der Leser möge seiner im frommen Gebete gedenken: 
0 lieber Freund, bitte du für mich Laurentius, der ich harte Not erlitten habe* 
als ich dieses Buch schrieb mit eigener Hand. So bitte ich euch, geliebte 
Brüder, zum Beschluß, daß ihr beim Lesen an mich armen Sünder denkt. Mit 
frommem Sinne bittet der Schreiber um ein Ave Maria. Betet für mich armen 
Sünder. Nun zum Beschluß sei Lob und Ehre Christus; und betet ein Vater¬ 
unser und ein Ave, so bitt ich, für mich, der das Buch schrieb. (Nr. 81—85). 

Bisher bewegen sich die Verse in der bekannten Gedankenwelt 
mittelalterlichen Mönchtums, ohne daß die Gebetlein besondere volks¬ 
tümliche Färbung zeigen. Anders steht es in der folgenden Gruppe, 
in der derber Volks- und Scholarenhumor immer wieder zur Geltung 
kommt. Teils ist nur auf den Verlauf, die Art der Schreibarbeit 
hingewiesen, wobei wiederholt scheinbar ernsthaft gebeichtet wird, 
daß Sonn- und Feiertagsruhe dafür geopfert wurden, teils wird Ab¬ 
schied genommen vom Leser und ihm das Buch gewidmet; aber es 
wird auch der übermütigen Freude über die Beendigung der mühe¬ 
vollen Arbeit in kräftigen Worten Ausdruck verliehen. Bald spottet 


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ein Verslein über drohende Schulstrafen und bakelschwingende Lehrer, 
bald trifft der Spott den ungebildeten Bauern, wobei es zweifelhaft 
bleibt, ob er auch noch sozusagen unter die Menschen gerechnet 
wird. Manche dieser scherzhaften Bemerkungen verläuft sich auch 
mitten in den ernsten Text hinein, wenn nur ein Plätzchen dafür 
frei geblieben war. 

Da habt ihr die Bescherung; tantum de feste. Nun ist das Ziel erreicht, 
und ich sag euch Lebewohl. Ich habe das Werk beendet, oft hab ich die 
Festtagsruhe geschändet. Christus mache seiner Mutter zur Ehr den Schreiber 
selig: die Rechte des Schreibers schütze des Allmächtigen Hand; ich habe 
das Werk vollendet, oft wurde das Fest geschändet; doch möge meiner sich 
erbarmen, dessen Name Jesus Christus ist. Höre nun auf, Schroiber, denn 
deine Hand ist ermüdet. Stelle jetzt die Arbeit ein, sie hat dich lange genug 
beschäftigt. Dieweil das Buch beendet ist, springt der Schreiber in hohem 
Freudensprung empor. Paul aus Mainz hat dies Buch beendet, trag es heim. 
Das Buch schrieb einer, den ich nicht kenne. Ich schrieb das Buch nicht mit 
dem Fuß, ich schrieb es mit der Hand. Ich habe das Buch ohne Hände ge¬ 
schrieben, das ist kein Scherz, sondern stimmt ganz genau. Mielchen, ich frage 
dich, liebst du von Herzen mich? Sag es nur. wenn’s nicht sollt sein, gibt's 
ja noch andre Mägdelein. Schluß, sprich Amen, liebes Kind mein, Amen. Hier 
fehlt nichts im Texte, mir aber fehlt ein hübsches Kind. Schluß, beiß mich 
nicht, alter Schulhund. Ich lache übers ganze Gesicht, den mächtigen Rohr¬ 
stock furcht ich nicht. Laßt es mich am Schlüsse sagen: Bauern können 
Feigen nicht vertragen. (Nr. 80—109;. 

Auch an ernsten Hinweisen auf die Schwierigkeit der Arbeit 
fehlt es nicht. Zu hohe Anforderungen von seiten des Lesers werden 
zurückgewiesen, dabei die Hoffnung ausproehen, daß das Buch 
gerechten Anforderungen genüge, auch die Bitte um günstige Be¬ 
urteilung und um gütige Berichtigung der Schreibfehler geäußert. 
Die Schuld für Fehler der Abschrift wird der schlechten, unleser¬ 
lichen Vorlage zugeschoben, doch auch die eigene Ungeschicklichkeit 
bekannt. 

Ich habe das Buch beendet, ich schrieb es nach Gebühr. So ist es zu 
Ende: Gott gebe, daß es geraten sei. Habt mir es nicht für übel. Ein Schuft 
der, der von einem Schreiber fordert, was nur zwei leisten können. Wenn 
du, lieber Leser, alles, was ich schrieb, lobtest, war es um deine Urteilsgabe 
nicht gut bestellt; doch wenn du alles tadeln wolltest, so sagte ich: du gönnst 
inirs nicht. Was der Schreiber verfehlte, mögest du, Leser, bessern. Hätte 
ich ein besseres Exemplar benutzen können, dann hätt ich allein manch falsches 
Wort vermieden. Hätte der Schreiber besser schreiben können, so hätte er es 
auch getan. Ach, ich hab es nicht richtig abgeschrieben, weil ich es nicht 
lesen konnte. Hätte ich besser geschrieben, so hätte ich auch meinen Namen 
hinzugesetzt. Nuu ist das Buch beendet, Lob und Ehre sei Christus dafür; 
ach. ich habe es schlecht vollendet, da ich uicht gut schreiben kann; wer es 


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schrieb, des Hand möge gesegnet sein; Ainen, sage dir fürwahr, du mögest 
geminnet sein. (Nr. 110 — 123). 

Die letzte Probe leitet schon zu jenen Versen über, in denen 
in einfacher Angabe oder in gelehrtem Versteckspiel unter halb 
rätselhaften Andeutungen der Name des Schreibers oder die Ent¬ 
stehungszeit des Buches mitgeteilt werden : Wer das Buch schrieb, trug 
den Namen Ottelin. Wer mich schrieb, hieß Konrad. Dies Buch schrieb ein 
Hieronymus, er betet allezeit zu Christus. Wer mich schrieb, hieß Ludwig. 
Wenn du, Leser, meinen Namen wissen willst, ich heiße Blasius und mit dem 
Zunamen Buriak. Nachdem ich dies mit meiner Hand in Kürze geschrieben 
habe, mach ich hier Schluß; wenn du meinen Namen wissen willst, so kan ns 
du dir hier den Vornamen und den Zunamen bilden; Bar ist die erste Silbe, 
to die zweite, lo die dritte, me kommt zu viert; us ist der Schluß; nun lindst 
du, wie ich heiße; setze dann Buch und endlich wald, so weißt du meinen 
Zunamen; das Jahr lindst du durch Rechnung aus dem Worte Muccucculim 
(1453); der Tag des Jahres war der vierte vor dem Johaunistage. Nach 
Tausend, nach dreihundert, nach sieben und viermal zehn ist dieses Buch an 
einem Dienstage beendet worden; wer es schrieb, war Johannes geheißen; wer 
es schrieb, des Rechte sei gesegnet. Im Jahre Tausend nach der Geburt Christi 
aus der Jungfrau und dazu vierhundertfünfundsechzig, am zehn und neunten 
Tage vor den Kalenden des August hab ich zur Ehre Gottes und aus Liebe 
zur Gottesgeb&rerin dies Buch beendet; möchte mich der Herr rein von Sünden 
bewahren heut und gestern und immer und an allen Tagen. (Nr. 124—132). 

Manche Angaben gewähren einen Einblick in die persönlichen 
Verhältnisse der Schreiber; es sind meistens Klagen über die schwierige 
Lebenslage des Klerikers. „Geschrieben in der Verbannung durch 
mich Martin Tilo, der ich auf unsicherem Grunde stehe und von 
einem Tage zum andern mein Dasein friste; hoffen und harren ist 
wahrlich eine Qual; wenn die Hoffnung zergeht, heißt sie nicht 
mehr Hoffnung, sondern Pein“. — „Wenn es dir wohl geht, so 
gedenke an einen armen Gesellen“, klagt der Breslauer Nikolaus 
Niederbein 1451 in Lemberg. — „Lob dir, Christus“, ruft ein anderer, 
„denn das Buch ist zu Ende; wer reichlich von dem Seinen spendet, 
wird von allen gelobt: doch gibt es in der Welt keinen Reichen, 
der sagen möchte: Ich habe genug“. „Ich -lasse alles allen, laßt 
mir meine Träume“. — Und ein vierter warnt: „Wenn ich auch jetzt 
arm bin, soll mich doch niemand verachten; Christus war arm, und 
doch herrscht er nun über die Welt“. (Nr. 133—136). 

So nähern wir uns bereits den Sentenzeu. Vom Werke, das 
beendet ist. greift der Schreiber gern auf eine sprichwörtliche Wendung 
über. Daneben gelten teilweise kurze Versgebetlein, die keinen Hin¬ 
weis mehr auf das vollendete Werk enthalten, als Beschluß. 


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Das Ende des Buches ist da, unser aller Ende kommt auch einmal. So 
ist endlich der Schluß da, doch will ich armer Erdenwurm nicht frohlocken, 
denn unser aller Ende ist der Tod. Lobe den Beginn, wenn die Sache gut 
ausging; erst wenn das Ende gut ist, ist das Ganze lobenswert. Amen, das 
gescheh! Ach Mensch, wenn du wüßtest, was du bist und woher du stammst, 
•dann würdest du dich nie freuen, du würdest allezeit weinen. Hier schließt 
das Buch von der Hand C. Krapitz; wer die Teile der Logik nicht kennt, strebt 
vergebens zur Weisheit; die Weisheit erforsche mit Hilfe der Logik, nicht um¬ 
gekehrt. Schluß des Buches; über jede Pest geht doch ein unaufrichtiger Mensch, 
der mit blumiger Rede die Pfade seiner Seele schmückt; oft tötete schon durch 
ihren Biß die Schlange einen gewaltigen Stier; vom zwerghaften Hunde wurde 
manches Mal ein Eber gestellt. Wenn Gott allen Doppelzüngigen die Sprache 
rauben wollte, gäbe es ai^ einem Tage mohr als hundert, die wie einst Zacharias 
verstummen müßten. Bricht einer das Wort, so brich es ihm auch. Es wird 
kein großer Weiser aus dem, der nur immer spielen möchte. Der süße Name 
unseres Herrn Jesus Christus und der Name der glorreichen Jungfrau Maria 
seien gebenedeit; ihr schwarzen Mönche, ihr seid zu allem Guten träge, ihr 
seid, Gott ist dessen Zeuge, die schlimmste Pest. Nun gehen wir hin und 
singen Lob und Dank: doch nehmt euch vor den Kellerlöchern in acht, sonst 
brecht ihr euch den Hals. Nun ist das Buch zu Ende, ich schrieb es ohne 
Hände; überlege dir alles gut, tu das Gute, meide das Böse. Hüte dich vor 
den Katzen, die vom lecken und hinten kratzen. Wer seine Fehler wohl erwägt, 
nicht nach meinen Fehlern fragt. Heilige Maria, Gottesgebärerin, reine Jung¬ 
frau, nimm dich meiner an in diesem Tale der Tränen; denn der Sünden- 
schmutz droht mich zu überwältigen: dich, Gütige, bitte ich, laß mich nicht 
darin versinken. Vater im Himmel, dein Name sei geheiligt; dein seliges Reich 
komme in diese Welt; dein Wille geschehe auf Erden wie im Sternenreiche; 
gib du uns unser tägliches Brot: vergib uns unsre Schuld, wie wir unseren 
Schuldnern vergeben; laß nicht zu, daß uns Versuchung schade; dein Schutz 
verteidige uns gegen alles Übel. (Nr. 137—150). 

Bunter und volksmäßig derber wird die Sprache der Beschlüsse, 
wenn der Wunsch nach Entgelt der mühevollen Arbeit zum Aus¬ 
drucke kommt. Die Bitte um den handgreiflichen Lohn wird in die 
verschiedensten Formen gekleidet; die Hoffnung, daß die Schreib¬ 
arbeit nicht unbewertet bleibe, die ganz allgemein gehaltene Forderung, 
die das Wesen des erwarteten Entgelts nicht näher bezeichnet, die 
K läge, daß der Lohn zu gering ausgefallen and nur ein Dankschön 
gewesen sei, das Bedauern, daß die Bezahlung schon vorweg geleistet 
und verbraucht sei, die Bitte um Geld zu einem Trunk, um ein 
Rind oder ein Pferd, um einen Mantel oder einen Becher Bier, der 
scherzhaft geäußerte Wunsch, daß der Lohn ein hübsches Mägdelein 
sein möchte, die Zusammenfassung mannigfacher derartiger Wünsche 
in der Gebetsparodie. 

So steht geschrieben: Wer mehr arbeitet, soll auch mehr Lohn empfangen. 


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8 


Der schönste Trost in der Arbeit ist die Hoffuung auf den Lohn. Nun ist das 
Werk zu Ende, drum fordere ich den Lohn für die Arbeit. Das Werk ist 
beendet, den Lohn der Arbeit hab ich schon vertan. Da ist die gute, nützliche 
Ziege fertig; mir ist mein Lohn gar krank, mir wird nichts gegeben außer: 
Habe Dank. Hier schließt das Buch von der HancL des Schreibers, sein Lohn 
ist ein Dreck. Das ist das Ende, und der Schreiber braucht gar dringend Geld. * 
Das Ende ist da, das macht mir große Freude. Ach, Gott, wie sehr geht Geld 
vor Ehr; Geld geht vor alle Ding’: „Du lügst“ rief da der Pfenning. Der 
mich schrieb, hieß Albert; gebt dem Schreiber ein Rind zum Geschenk oder 
auch ein Pferd. Höre nun auf, Schreiber, deine Hand ist müde; gebt dem 
Schreiber ein Rind oder ein Pferd. Wenn du mir Armen einen Mantel schenkst, 
machst du, daß ich mich reicher fühle als der Papst. Hier soll ein Ende sein, 
schenk mir zu trinken ein, Amen. „Gieß ein gut Bier“, sprach der Lese¬ 
meister. Amen, nun laßt uns gehn nach Jubelwitz, holen wir uns die wohl¬ 
verdienten Hellerlein in Schlaup, versaufen wir sie im Kretscham, in den wir 
geraten; wer hierher seinen Namen setzte, der will gelobt sein. Das Ende 
ist wirklich da; ich begehre von Eurer Gnaden das Schlußgeld dafür; denn 
ich bin ein frommer Knecht, und mich gelüstet nach einem Trünke Wein. 
Dies schrieb Nikolaus aus Neiße, der gern gutes Bier trinkt, schlechtes aber 
garnicht mag. Hier hat das ein Ende, Gott uns sende in sein Reich, wo wir 
bleiben mögen ewiglich; ich habe das geschrieben, mir sind gar wenig Heller 
übrig blieben, sondern sie sind gegangen um Wein und Bier, jetzt und allezeit 
gar schier, denn das macht die Menschen schön und zier. — Nach Beendigung 
des zweiten Bandes setzt der gleiche Schreiber das Yerslein: An beiden 
Teilen hab ich viel geschrieben, mir sind wenig Heller übrig blieben, sie sind 
gegangen um Bier und Wein; Gott behüte den Schreiber vor ewiger Pein, 
Amen. Nun hat das Buch ein Ende; Gott geb uns nach diesem Elende die 
ewige Ruh, da helf uns Maria zu; etcetera, Schreiber, dem ist der Beutel leer, 
darein möchte er Pfennige haben und dazu ein Mägdelein wohlgetan; der ist 
Ellrich genannt und geboren zu Bayerland. Ach, Gott, durch deine Güte 
beschere uns Kappen und Hüte, Hausfrau und wenig Kinder, Mäntel und Röcke, 
Ziegen und Böcke und dazu Hellerlein, so wollen wir gerne deine Diener sein, 
Amen. So schließt dies Buch: der Schreiber bleibe von Sünden rein: wer das 
Buch vernichtet, dem breche der Teufel den Hals; lobe den Schreiber, bis du 
einen besseren findest; man gebe dem Schreiber für seine Feder ein schönes 
Mägdelein; das Buch ist vollendet, der Schreiber springt empor peto leto. 
(Nr. 151—177), 

Das mühsam geschaffene Werk wird der Obhut des Benutzers 
empfohlen; vor Beschädigung wird gewarnt. Der ehrliche Finder 
wird um Rückgabe gebeten; der Bücherdieb verflucht und mit der 
ewigen Höllenqual bedroht. 

Das Buch ist beendet ; wer es findet, der soll es dem Johann von Warten¬ 
berg wiedergeben. Wenn jemand dies Buch gestohlen hat oder findet und 
es nicht dem Bruder Johann Fleischer wiedergibt, der sei verflucht. Das Buch 
gehört nach St. Maria in Heinrichau; wenn es jemand entwendet, der sei ver¬ 
flucht. Hier endet der zweite Band der Homilieu des Marienklosters in Sagau; 

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wenn es jemand stiehlt oder mutwillig beschädigt, der sei verflucht. Das Los 
der Himmlischen möge der Schreiber dieses Werkes teilen; den Tod der Schufte 
möge der Dieb des Buches sterben. Nie soll derjenige Christus erblicken, der 
dieses Buch entwendet; nun sprechen wir geziemend Amen zum Beschluß. 
Wer das Buch stiehlt, dem breche der Teufel den Hals. Den Dieb sollen 
Erebus, Styx, Cocytus wälzen, dem der es wiederbringt werde der Himmel 
zum Erbe; wenn du den Namen des Besitzers erfahren willst, Si ist die erste, 
mon die zweite Silbe: zu Hirschberg ist er geboren, Feist ist er zubenannt; 
ihm möge man um der Ehre Christi willen dieses Buch wiedergeben. 

So führen die Buchschlüsse vom Himmel durch die Welt zur 
Hölle; ästhetisch wertvoller sind die Verse, die ernstes Gebet zum 
Inhalte haben, volkskundlich bedeutender die ungeschminkten, teil¬ 
weise derben Scherzverse. Die Stimmung, die bald zu der einen, 
bald zu der anderen Art der Buchschlüsse greifen läßt, ist mit Ort, 
Zeit, Alter und Lebenslage des Schreibers verschieden. Auf Grund 
der geringen und lückenhaften Überlieferung für die Jahrhunderte 
oder die Ordensgemeinschaften feste Ergebnisse herausfinden zu 
wollen, wäre verfehlt. Die Mehrzahl der Verse sind formelhaft 
überliefertes Gut; wenn einzelne Arten zu gewissen Zeiten nicht ver¬ 
wendet worden sind, so müssen sie doch in den Schreibstuben weiter¬ 
gelebt haben, da sie später wieder auftauchen. Die Klostersitte war 
eben nur zeitweilig gegen ihre Verwendung; die Bekanntschaft mit 
den verschiedenen Gruppen der Schreibverse können wir in jedem 
Kloster voraussetzen. Eine Anordnung nach Klöstern oder nach dem 
Stande des Schreibers an der Hand der zufälligen Überlieferung ist 
somit überflüssig. Die Gesamtheit dieser Überlieferung bietet also 
weniger ein Hilfsmittel-für die Charakteristik bestimmter Klöster 
oder Zeiten, als vielmehr ein Bild des Gedankenkreises des Scholaren- 
tums im allgemeinen. 

Die Form der Verse bietet im Vergleich mit der sonstigen 
mittelalterlichen Scholarenpoesie kaum etwas Eigenartiges. Überwiegend 
wird durch Rhythmus oder Reim eine poetische Form angestrebt, so- 
daß unter sechs Fällen immer nur ein Prosaschluß vorkommt. In 
diesen prosaischen Schlußbemerkungen handelt es sich dann um 
formelhafte Wendungen aus kirchlichen Gebeten (Nr. 27. 35. 36. 49. 
55. 97, zweiter Teil) oder um Wendungen, die der Predigt entlehnt 
sind (Nr. 82. 86. 87. 151); an einigen Stellen werden Angaben 
persönlichen Inhalts in Prosa gemacht (Nr. 81. 111. 134), diese 
meist in leicht scherzhafter Art (Nr. 94. 102. 104. 105. 159. 168. 
171); zweimal sind die Prosaschlüsse Entlehnungen aus Versen 


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(Nr. 96. 97. erste Hälfte), zwei enthalten Sentenzen (Nr. 113. 152), 
and der Rest sind Besitzervermerke mit der Bitte um Rückgabe 

oder der Strafandrohung für Bücherdiebe (Nr. 178 bis 181). Nur 

sechs von den Prosaschlüssen sind deutsch, darunter zwei auch nur 
teilweise, die übrigen sind lateinisch. 

Die Form der lateinischen Sprüche in poetischer Gestalt bietet 
keine Überraschungen, ln zwei Fällen liegt rhythmische Prosa vor, 
die reimlos bleibt (Nr. 74. 137), in elf weiteren Füllen bindet der 
Reim zwei Gedankenhälften, ohne daß ein Rhythmus beabsichtigt 
erscheint (Nr. 4. 10. 28, Vers 2. 40. 64, Vers 2. 115. 116. 116a. 
117. 118. 121). Zwei Zeilen rhythmischer Prosa sind durch Paar- 

reira gebunden in Nr. 85; zwei dreisilbige Satzhälften durch weib¬ 

lichen Endreim in Nr. 43; zwei siebensilbige Hälften durch Reim 
in der zweiten Silbe eines (Trochäus in Nr. 26. Einige Sprüche 
bilden antike Hexameter nach (Nr. 114. 129); ein Vierzeiler bringt 
antike Distichen (Nr. 142). Aber weitaus die Mehrzahl, 126 Fälle, 
weist die mittelalterliche Form des Hexameters mit Reimbindung der 
Zäsur und der Endsilbe auf; Freiheiten im Bau sind hier zahlreich, 
doch bleibt in der fünften Silbe immer der Daktylus gewahrt, wenn 
auch mit Verstößen gegen die antike Quantität. Einigemal (Nr. 8. 
11. 18. 33. 37. 52) zerstören Einschiebungen, in anderen Fällen 
die Verkürzung (Nr. 3) oder sonstige Unregelmäßigkeit (Nr. 155) 
die ursprüngliche Gestalt. Reirakünsteleien bekannter Art treten 
hinzu. Bald weisen in Hexameterpuaren die Zäsursilben andere 
Endreime auf als die Endsilben (Nr. 54, Zeile 2—3. 42. 66, Zeile 2 
bis 3. 149. 182. verderbt in Nr. 34); bald schreitet die Form zum 
Dreireim (Nr. 30. 32. 101, Zeile 2. 146, Zeile 2); besonders kunst¬ 
voll ist die Kongruenz des Reimpaars Nr. 183, in dem der erste 
Ve rs durch Dreireim mit dem zweiten gebunden ist; einmal liegt 
V ierreim vor (Nr? 147). Ein vermutlich aus einem leoninischen 
Hexameter entstellter leoninischer Pentameter läuft dabei unter 
(N r. 62), desgleichen Mischungen antiker und leoninischer Form 
(N r. 35. 150. 188). Vagantenrhythmik begegnet in Nr. 80 mit 
Re imbindung beider Hälften und in Nr. 70, wo rhythmische Prosa 
ra it zwei Rhythmenversen vereint ist, die ihrerseits reimgebunden 
sind . 

Die deutschen Verse sind ganz einfach gebaut. Bis auf ein 
Sto ßgebetlein (Nr. 73) lassen sich alle aus der vierhebigen Vers- 
zeile herlei ten (Nr. 50. 67. 68. 69. 71. 148. 161. 172. 173. 174. 176). 


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Dabei finden sich auch Fälle lateinisch-deutscher Sprachmischung 
in denen die Versform in die Brüche geht (Nr. 106. 108. 109); 
zweimal dringt die Sprachmischung in den Hexameter (Nr. 158 und 
verdorben 170); Sprachmischung in rhythmischer Prosa mit Binnen¬ 
reim zeigt Nr. 169. Sprachlich gehören die deutschen Stücke alle 
der ostmitteldeutschen Mundart an; nur Nr. 48 zeigt niederdeutschen 
Einschlag. Die in mittelalterlichen Dichtungen da und dort auf¬ 
tretende Neigung, mit griechischen Brocken zu prunken, begegnet 
einmal (Nr. 188). Unerklärte Wörter, wohl slavischen Ursprungs 
finden sich in Nr. 103. 

Die Zeit der Überlieferung ergibt sich aus der folgenden 
Aufstellung. 

12. Jahrhundert. Undatiert: Nr. 23. 

13. Jahrhundert. 1275: Nr. 48; undatiert: Nr. 123. 137. 147. 162, 
165. 180. 184. 

14. Jahrhundert. 1. Hälfte. 1347: Nr. 131; undatiert: Nr. 22. 
47. 64. 66. 120a. 163. 174. 177. 

14. Jahrhundert. 2. Hälfte. 1353: Nr. 135. J354: Nr. 72; 

1356: Nr. 13b: 1372: Nr. 60; 1374: Nr. 78. 124. 125. 154: 1376: Nr. 167a; 
1384: Nr. 3. 68. 119. 120. 126; 1385: Nr. 19. 61: 1386: Nr. 81. 96. 159; 
1389; Nr. 13c: 1390: Nr. 93. 110; 1392: Nr. 89; 1393: Nr. 13d 13e. 
nndatiert: Nr. 13f. 21. 32. 49. 62. 99. 101. 118. 139. 142. 145. 149. 150. 151: 
160. 182. 186. 187. 

15. Jahrhundert. Anfang. 1400: Nr. 183; 1401: Nr. 77. 94; 
1402: Nr. 28; 1404: Nr. 73. 154a: 1407: Nr. 39. 171: 1408: Nr. 69.140. 
154b: 1409: Nr. 82; 1410: Nr. 154c; 1412; Nr: 20. 103. 166; 1413: 
Nr. 74; 1414: Nr. 17. 141. 176: 1415: Nr. 45. 54. 55; 1417: Nr. 63. 156; 
14 19: Nr. 58.95; 1420: Nr. 106; 1422: Nr. 44. 72? 173?; 1423: Nr. 144; 
142 4 : Nr. 18; 1425: Nr. 5a; 1426: Nr. 12. 14a; 1427: Nr. 50; 1431: 
Nr. 52; 1434: Nr. 53; 1435: Nr. 8, undatiert: Nr. 6. 10. 13g. 13h. 15.30. 
31. 33 . 40. 46. 51. 57. 75. 80. 91. 102. 104. 107. 108. 111. 113. 133. 153. 155. 
158. 168. 178. 185. 

15. Jahrhundert. Mitte. 1441: Nr. 4. 67; 1446: Nr. 7; 1448: 
Nr. 97; 1449: Nr. 122. 138; 1450: Nr. 70. 179; 1451; Nr. 9. 116a. 134: 
1452: Nr. 16. 86; 1453: Nr. 116; 1454: Nr. 130; 1457: Nr. 164; 1459: 
Nr. 38. 115: 1460; Nr. 152; undatiert: Nr. 11. I3i. 13k. 131. 13m. 13n. 
14 b. 25. 29. 34. 41. 42. 42a. 56. 71. 79. 88. 90. 98. 100. 109. 127. 136. 146. 
157. 161. 170. 188. 

15. Jahrhundert. Ende. 1461: Nr. 37. 76; 1463: Nr. 128; 1464: 
Nr. 114. 175; 1465: Nr. 132; 1466: Nr. 65. 112; 1468: Nr. 26; 1469: 
Nr. 92. 121; 1472: Nr. 1. 83. 87. 143; 1474: Nr. 27. 35.36; 1476: Nr. 169; 
1478; Nr. 105. 117; 1487: Nr. 24; undatiert: Nr. 2. 5b. 43. 148. 

16. Jahrhundert. 1534: Nr. 129; 1573: Nr. 84. 

17. Jahrhundert. 1616: Nr. 85. 


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T exte 


Alle Sprüche entstammen, falls nichts anderes in den Anmerkungen 
gesagt ist, der Kgl. und Universitätsbibliothek zu Breslau. Sie sind 
nach dem Inhalte und in den einzelnen inhaltlich zusammengehörenden 
Spruchgruppen möglichst nach der Zeit geordnet. Die Anmerkungen 
enthalten die erreichbaren Nachweise über die Handschrift, die den 
Spruch enthält,- den frühesten Besitzer, das Kloster, dem die Hand¬ 
schrift gehörte, die Zeit der Abfassung und den Schreiber; in einigen 
Fällen ist auf verwandte Sprüche und die Literatur darüber hin¬ 
gewiesen. Vorangestellt mögen die folgenden in schlesischen Hand¬ 
schriften allgemein üblichen Schlußformeln sein: 

Amen. Deo gratias. Explicit. Explicit expliciunt. Finis. Finis huius 
libri. Finis huius operis. Et sic est finis. Explicit feliciter. Telos. Finis 
adest fauste. Et sic est finis, pro quo laudetur deus. Laus deo. Sit laus deo 
et sic est finis. Laus deo in seclorum secla. Deo sit laus et honor Amen. 
Laus deo omnipotenti. Et sic est finis, laudetur deus et eius mater. Explicit, 
pro quo deus gloriosus una cum matre omnibusque sanctis eviter sit benedictus. 

Lob Gottes, der Trinität, Christi, des heiligen Geistes, 
Marias, der Heiligen. 

1 Laus in arce poli in ewum regnanti. 

2 Lob sey got dem almächtigen. 

3 Finito libro sit laus deo vero. 

4 Deo gracias, qui nos semper amas. 

5 Deo gracias. Et sic est finis. Laudetur deus in ymis. 


1 Cod. II F 108 Bl. 180ra v. J. 1472: Dominikaner Breslau. —•. 2 Cod. I 
D 37 Bl. 144* Ende des 15. Jhdts.; Dominikaner Breslau. — 3 Cod. I F 269 
Bl. I58rb v. J. 1384: Elisabethkirche (Breslau?); Schreiber Couradus Schelhom 
d.e ciuitate Esschynwege posito Hassige. — 4 Cod. III F 15 v. J. 1441; in 
Breslau benutzt. — 5 Cod. I ^ 144 Bl. 288* v. J. 1425; Aug.-Chorh. Sagani 


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6 Et sic est finis. Laudctur deus in irnis. 

7 Sic adest finis. Laudetur deus in ymis. 

8 Et sic est ünis. Laudetur deus in summis et in imis. 

9 Et sic est finis. Laudetur deus in celis. 

10 Finis huius, laudetur deus. 

11 Et sic est finis. Sit deus benedictus in trinis. 

12 Sit laus Christo finito libro isto. Amen. 

Sit gloria trino, patri, filio et spiritu uno. 

13 Finito libro sit laus et gloria Christo. Vgl. Nr. 123. 153. 174. 

14 F inito isto sit laus et gloria Christo. Vgl. Nr. 12. 

15 Carmine finito sit laus et gloria Christo. 

16 Finito libro reddetur gloria Christo. 

17 Finis adest libro. Sit laus et gloria Christo. 

18 Explicit Über iste, sit tibi laus et gloria, Christe. 

19 Laus tibi sit, Christe, quoniam über explicit iste. 

Schreiber frater Bernhardus; ferner Cod. II Q4 Bl. 346 v 2. Hälfte 15. Jhdt. 
Aug.-Chorh. Sagan. — 6 Cod. I F 501 Bl. 289ra Auf. 15. Jhdt.; Corpus-Christi 
Breslau. — 7 Cod. I F 92 Bl. 257ra v . J. 1446; Corpus-Christi Breslau; Schreiber 
Andreas Gnechwitz presbiter. — 8 Cod. I F 319 Bl. 313 * v. J. 1435; Kollegiat- 
stift Glogau: vgl. zu diesen Sprachen Wattenbach, Schriftwesen 3. Aull. (1896^ 
502: Et sic est finis, laudetur Deus in hymnis. — 9 Cod. IV Q 21 Bl. 42 v v. J. 
1451; Schreiber Laurencius Conradi. — 10 Cod. I F 716 Bl. 339** Anf. 15. Jhdt. 
Dominikaner Breslau. — 11 Cod. I F 312a Bl. 87 vb 15. Jhdt. — 12 Cod. I F 560 
v. J. 1426; Kollegiatstift Glogau; früherer Besitzer Dominus Augustinus Ortlip 
vicarius. — 18 Cod. I F 142 Bl. 352vb Mitte 14. Jhdt.; Aug.-Chorh. Breslau. 
Cod. IV Q 179 Bl. 255 r v. J. 1356; Zisterzienser Leubus; geschrieben per manus 
fratris Franczonis Löss. Cod. I F 143 Bl. 249 vb v. J. 1389: Kollegiatstift Glogau. 
Cod. IV Q 180 Bl 53* und 113v v. J. 1389; Zisterzienser Heinrichau. Cod. I 
F 276 Bl. 242 vb v. J. 1393; Zisterzienser Räuden. Cod. I F 569 Bl. 180vb Ende 

14. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau. Cod. I F 307 Bl. 78r Anf. 15. Jhdt.; Zister¬ 
zienser Heinrichau. Cod. I F 292 Bl. 109 ▼» Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. 
Cod. I F 666 Bl. 281 vb 15. Jhdt.; Zisterzienser Räuden; früher Domini Symonis 
in Brawnaw. Cod. I F 254 Bl. 183vb 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan. Cod. IV 
Q 102 Bl. 124vb 1. Hälfte 15. Jhdt. Zisterzienser Räuden; Schreiber Andreas 
Tinczer de Bythum. Cod. I F 202 Bl. 180'b Mitte 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; 
früher fr. Thomas. Cod. I F 726 Bl. 572rb 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; 
Schreiber Thomas Haselbach in studio Wienensi. Cod. IV Q 126 Bl. 282 ▼ v. J. 
1457; Corpus-Christi Breslau; Schreiber Rinthfleisch. Cod. I F 312b Bl. 83** 
v. J. 1488. Cod. II Q 16 Bl. 217r 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber fr. 
Bernhardus. — 14 Cod. I F ^ t. J. 1426; Matthiasstift Breslau. Cod. I Q 184 
Bl. 126▼ 15* Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 15 Cod. I F 662 Bl. 245vb Anf. 

15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Mathias de Melitz. — 16 Cod. I F 18 
Bl. 328vb y. J. 1452; Dominikaner Schweidnitz. — 17 Cod. IV Q 24 Bl. 135 ▼ 
v. J. 1414; Corpus-Christi Breslau; Schreiber Joh. Gerstmann de Lewenberg 
n Neiße. — 18 Cod. IV F 81 Bl. 204 vb v. J. 1424; Matthiasstift Breslau. — 
19 Cod. I F 718 Bl. 217v» v. J. 1385; Dominikaner Breslau. 


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20 Laus tibi, Christe, quoniam über explicit iste. Vgl. Nr. 135. 

21 Laus tibi sit, Christe, quoniam explicit über iste. 

22 Laus tibi sit, Christe, nam finitur Über iste. Amen. 

23 Laus tibi sit, Christe, quoniam labor explicit iste. 

Finis adest mete. Scriptores ergo valete. 

24 Explicit, pro quo completo sit laus et gloria Christo. 

25 Explicit hoc opus ueutrorum nomine Christi, 

Qui dedit alpba et o: sit laus et gloria Christo. 

26 Explicit. Sit Christus benedictus, qui pro nobis est passus. 

27 Laus filio Marie. Finis huius operis. 

2* Laus tibi, Christe, quoniam über explicit iste. 

Virginis filius laudetur, quando in iibro Malogranatu legetur. 

20 Cusus ab Alberto doctore fante referto 

Est codex iste, sit laus perpes tibi, Christe. 

80 Amen, solamen sit sanctus Spiritus, amen. 

81 Amen. Solamen. 

Explicit lumen anime. 

32 Amen, solamen sit sanctus Spiritus, amen. 

Qui sua perpendit, mea crimina non reprehendit. 

33 Explicit. Benedictus sit deus et pia mater eius. 

34 Explicit hic über totus de philosophia, 

pro quo deus sit benedictus materque eius Maria. Amen. Vgl. Nr. 97. 

35 Sit benedictus Marie filius in secula seculorum. 

36 Sit laus Jesu et Marie virgini. Vgl. Nr. 146. 

37 Et sic est finis. Laudetur deus cum omnibus sanctis. 


20 Cod. I F 270 Bl. 268rb v. J. 1412; Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber Valen- 
tinus de Njssa. — 21 Cod. 1 F 179 Bl. 16vb Ende 14. Jhdt.: Aug.-Chorh. 
Breslau : früher frater Nicolaus Misnensis. — 22 Cod. I Q 128 Bl. 47 *b Auf. 
14. Jhdt. — 28 Cod. IV F 75 Bl. 206** 12. Jhdt.; Ecclesie Collcgiate B. V. 
•Glogovie Maioris. — 24 Cod. I F 140 Bl. 120« v. J. 1487; Schreiber Paulus 
<ie Frawenstat. — 25 Cod. IV Q 80 Bl. 11 r Mitte 15. Jhdt.; es handelt sich 
um einen Traktat über die verba neutra. — 26 Cod. I F 312b Bl. 167« v . J. 
1488. — 27 Cod. I F 99 Bl. 380*b v. J. 1474; Zisterzienser Heinriehau; Schreiber 
N. K. — 28 Cod. 1 F 299 Bl. 382« v J. 1402; Liber Malogranatus des Doms 
zu Neiße; Schreiber Matthias Leuthomisler de Czwicauia — 20 Cod. I F 325 
Bl. 258▼b 15. Jhdt.: Zisterzienser Bauden; Traktat des Albertus Maguus de 
missa. — 30 Cod I F 478 Bl. 233▼ Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 
81 Cod. I F 52 Bl. 72« Anf. 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: vorher Gregor 
Pistoris de Lobin; Lumen animae ist der Titel des Traktats. — 82 Cod. IV 
F 33 Bl. 172« 14. Jhdt ; Zisterzienser Heinriehau: vgl. Wattenbach, Schrift¬ 
wesen S. 502, wo zu Amen, solamen sit sanctus spiritus, amen die Literatur 
verzeichnet ist. — 83 Cod. I F 479 Bl. 282« Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner 
Breslau. — 34 Cod. IV F4 Bl. 126 1 b Mitte 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan. — 
85 Cod. I F 99 Bl. 206 vb v . J. 1474; Zisterzienser Bauden. — 36 ebenda 
Bl. 300 r b. — 37 Cod. I F 712 Bl. 236« v. J. 1461; Corpus-Christi Breslau. 


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* 15 

88 Sit laus deo et sancto Barthoiomeo. 

89 Sit laus deo. 

Laudetur deus et sanctus Bartholomeus. 

40 Sit laus deo et beato Augustino. 

Gebet um Gnade zu Gott, um Fürbitte zu Maria und den Heiligeu. 

41 Suscipe nunc tanta per me scripta, gerofanta. 

49 Suscipe completi laudes, o Christe, laboris, 

Quas cordis lefci vox subdita reddit honoris. 

Sit rnerces operis oracio sancta legentis, 

Que iungat superis nos toto robore mentis. 

48 Finis adest vere. 

Laus deo, salus reo. 

44 Vitam scribentis benedic, deus, atque legentis. Vgl. Nr. 90. 

45 Ad te suspiro, tecum regnare requiro. 

Postulo gaudere, michi da me crimen flere. 

Mundi pauorem de me tollas et amorem, 

Et michi da vitam zeli feniore politam. 

Aue Jesu Christe, sub dextris me tibi siste, 

Conditor o vite, michi die in fine: Venite. Amen. 

46 Concludendo libellum presentem 
Audi me, Christe, dicentem: 

Ad te suspiro, tecum regnare requiro usw. wie vorher. 

47 Scriptor, qui scripsit, cum Christo vivere possit. 

48 Scriptor, qui scripsit, cum Christo viuere poscit. 

49 Amen schriber. 
god hilf vt noth. 

50 Alhie hod der Saltir eyn ende, 

got vns zeu hymmele zende. Vgl. Nr. 172. 174. 


88 Cod. I F 751 Bl. 216« v. J. 1459; S. Maria in Rosis Seminarii Nissensis 
Schreiber fr. Martinus Carnificis. — 39 Cod. I F 98 Bl. 205** v. J. 1407; Corpus- 
Christi Breslau. — 40 Cod. I F 190 Bl. 164 *b Anf. 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan ; 
Besitzer Benedictus Nayl alias Birlandius de Stynauia, später Gregor Pistoris 
de Lobin. — 41 Cod. I Q 322 Bl. 7r Mitte 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 

49 Cod. I F 666 Bl. 214rb 15. Jhdt.; Zisterzienser Leubus; ebenso Cod. I F 323 

Bl. 84 r 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber Magister S. rector scole sanete 
Elyzabeth in Wratislauia; Lesarten cordis] corde; Que] Qui; superis] super hys. 
— 48 Cod. 4 F 85 Bl. 81 vc 2. Hälfte 15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; früher 
Georgius Fabri de Loben. — 44 Cod I F 22 Bl. 151 ▼ v. J. 1422 16. Mai; Aug.- 
Chorh. Sagan; geschrieben per manus cuiusdam Saxonis Johannes Andree 
nuncupati. — 45 Cod. I F 604 Bl. 161 rb v. J. 1415; Aug.-Chorh. Sagan. — 
46 Cod. I F 530 Bl. 286 rb Auf. 15. Jhdt. — 47 Cod. I F 118 Bl. 85 « Anf. 14. Jhdt. 

Literatur Wattenbach S. 503. — 48 Cod. I F 5 BL 186v. J. 1275; Liber s. 

Marie de Wladislauis, also Zisterzienser Räuden. — 49 Cod. I F 491 Bl. 218*b 
Ende 14. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau. - 50 Cod. I F 328 Bl. 288« v. J. 1427; 


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hi 


51 Saluet scribentis animarn dcus atque legentis. Vgl. Nr. 90. 

52 Cum finis datur, dcus in (personis) trinis laudatur. 

Ex isto line, deus, laus tibi in personis trine. 

53 Scriptoris munus sit Christus trinus et vnus. Amen. 

54 Codicis istius scriptor nunquam moriatur, 

Quin peccata prius sua pure contiteatur. 

Scriptoris munus sit Christus trinus et unus. 

55 Misereatur pius remunerator scriptoris anime. 

56 Explicit istud opus, numquam se mittat vopus. 

Sim vicio Über. Explicit iste über. 

57 Deo gracias. 

Amen dicamus, vt cum Christo maneamus. 

58 Cristus perpetue det nobis gaudia vite. 

59 Libri scriptorem, Jhesu bone, fac meliorem. 

e 

Amen, dass geschech, her got Über. 

60 Hoc opus est clausum. Jubilosum psallere plausum, 

Criste, tibi cupio, sed miserere reo. 

Mentis dare pacem velis et succendere facem, 
vt noscam scripta,que sunt hoc scemate picta. 

61 Principium, medium, linem, Maria, rege meum. 

62 Ne scribam vanmn, duc, pia virgo, manum. 

63 Duc, pia virgo, manum, ne posset scribere vauum. 

64 Amen dicant omnia, amen. 

0 Maria, iuua, mater pia. 

65 0 regina poli, scriptorem relinqucre noli. 

Kollegiatstift Glogau; Schreiber Johannes Lesswitz de Legnitz; ähnlich Watten¬ 
bach S. 525 Hie hat das puech ein end. Got allen trubsal von vns wend; Das 
buch hat ein ende. Gott uns sinen heiligen geist sende. — 51 Cod. 1 F 586 
BL 90« Auf. 15. Jhdt.: Corpus-Christi Breslau. — 52 Cod. III F 13 BL 308* 
v. J. 1431; Dom zu Neiße: vorher Doktor Mathias de Gorka. — 53 Cod. IV 
F 53 Bl. 269* v . J. 1422; Aug.-Chorh. Sagan: Cod. I F 592 Bd. II Bl. 259« 
v. J. 1434; Aug.-Chorh. Sagan. — 54 Cod. I F 131 Bd. II BL 181* v. J. 1415; 
Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Henricus Gobin. — 55 Cod. I F. 480 BL 85« v. 
J. 1415; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Nicolaus Hirsberg alias FlögiL — 
56 Cod. IV FI Bl. 274* Mitte 15. Jhdt.: Dominikaner Breslau; Sinn des ersten 
Verses unklar. — 57 Cod. I Q 158 BL 50« Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. 
— 58 Cod. IV Q 54 Bl. 279 v v. J. 1419; Aug.-Chorh. Breslau: geschrieben in 
Krakau von Jodocus de Czeginhals. — 59 Cod. I F 62 Bl. 174 va 2. Hälfte 14. 
Jhdt.; Zisterzienser Räuden; Schreiber magister Johannes de Czlewings. — 
60 Cod. I* F 135 Bl. 139r v. J. 1372; Zisterzienser Räuden; Schreiber frater 
Nicolaus Cujus, damals 72 Jahre alt. — 61 Cod. I F 588 Bl. 53« v. J. 1385; 
Aug.-Chorh. Breslau; häutig; vgl. Wattenbach S. 492. — 62 Cod. IV F 6 Bl. 68r 
oben, 14. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 63 Cod. III F 29 Bl. 112« v. J. 1417; 
geschrieben in Montpellier. — 64 Cod. I F 153 Bl. 164* Anf. 14. Jhdt ; Zister¬ 
zienser Heinrichau. — 65 Cod. IV Q 19 BL 51' v. J. 1466; Aug.-Chorh. Breslau; 
geschrieben in Breslau. 


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66 Explicit ecclesiastica historia. 

Hunc tibi dans librum sum, deus, exiguum. 

Librnm finivi. Tibi sit laus, virgo Maria, 

Meque dei vivi fac cernere gaudia, dya. 

67 Hilf got, Maria berot. ^ 

68 Maria mutir, reyne mayt, alle vnser not sye dyr geclayt. 

69 Amen. 

Das walde got vnde dy mutir seyn, 

dy müs allir vnsir fretschilt seyn. Amen, daz gesche. 

70 Explicit. 

Laus tibi, Christe, qui es ereator et redemptor idem et salvator. Amen 

sprach Heynrich. 

0 Maria, Dorum Dos, supplices commenda nos. 

71 Maria, bis genedic vns. 

Maria, bete deyn kynt vor vns. 

72 Explicit über iste per manus Johannis de Luberaze. 

Hunc librum scripsit Johannes, cui benedixit. 

Omnipotens dominus prestet, quod sit benedictus. 

Nunc orare decet et nostras fundere preces, 

CJuod in honore dei gracia tiet ei. 

Ad dominum celi ploremus mente fideli; 

Premia pro meritis det dominusque suis. 

Johannis gesta quia sunt, laudemus, honesta; 

Hic laudemus eum certatim nunc et in euum. 

73 Wach, engl, wach. 

Gebete und fromme Wunsche ohne Nennung Gottes 
oder der Heiligen. 

•74 Amen dicant omnia. 

75 Explicit iste Über; sit scriptor crimine über. 

Merces scriptoris sit sancti fervor arnoris. 

66 Cod. I F 127 Bl. 194*b Anf. 14. Jhdt; Zisterzienser Heinrichau. — 
67 Cod. III F 15 Bl. Ir v. J. 1441; in Breslau benutzt, wohl auch da ge¬ 
schrieben. — 68 Cod. I F 625 Bl. 186va v. J. 1384; Aug.-Chorh. Breslau; vor¬ 
her frater Nicolaus Misnensis; der Text des alten Marienliedes, dem die 
beiden Verse entnommen sind, ist aus einer schlesischen Handschrift ge¬ 
druckt in der Zeitschr. f. deutsches Altertum 50 (1908) 201. — 69 Cod. I 
F 293 Bl. 86* v. J. 1408; Franziskaner Jauer. — 70 Cod. I Q 124 Bl. 166* v. 
J. 1450; Dominikaner Schweidnitz; Schreiber Maternus Augustinus Pfaffenmolncr 
de Monsterberg. — 71 Cod. IV Q 175 Bl. 259* 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; 
Schreiber und Vorbesitzer dominus Conradus de Reichenbach. — 72 Cod. I 
F 650 Bd. 4 Bl. 198ra Y . J. 1354; Aug.-Chorh. Sagan. — 73 Cod. I F. 614 
Bl. 115* v. J. 1404; Dominikaner Breslau. — 74 Cod. I F 16 Bl. 328** v. J. 1413; 
Kullegiatkirche Otmachau; früher dominus Wenceslaus dictus Rothffridek. — 
75 Cod. I Q 191 Vorsatzbl. ** Anf. 15. Jhdt.; der erste Vers ist weit verbreitet; 
vgl. Wattenbach S. 509 Anm. 2. 

Mitteilungen d. Schien. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 2 


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76 Et sic cst finis. 

Finitus est über. Sit scriptor criminis über. 

77 Explicit i8te über; qui scriptor, sit crimine liber. Vgl. Nr. 177. 

78 Explicit. Qui scripsit scripta, manus eius sit benedicta. 

79 Qui scripsit, scribat et longo tempore uiuat. amen. Vgl. Nr. 123. 131. 

80 Sicut spero, mundus ero. Vgl. Nr. 175. 

Bitte um das Gebet des Lesers. 

81 Bone amice, ora pro Laurencio, qui satis et duris laboribus pressus 
opus proprijs manibus exarauit. 

82 Explicit. Rogo eciam vos, fratres dilectissimi, quatenus deum rogetis 
pro me peccatore. 

88 Scriptor mente pia petit vnum aue maria. 

Orate pro misero peccatore. 

84 Scriptor mente pia petit vnum aue maria. 

Orate deum pro eo. 

86 Finito libro sit laus et gloria Christo. 

Vnum pater et vnum ave in fine dicite, queso, nomine scribe. 

Angaben über die Schreibarbeit, Scholarenscherze. 

86 Tantum de festo. 

87 Et tantum de festo. 

88 Et sic est finis. 

Finis adest mete; vobis iam dico: valete. 

89 Hoc opus peregi, festum sepissime fregi. 

90 Christus scriptorem saluet per matris honorem. 

Dexteram scribentis protegat manus omnipotentis. 

Hoc opus peregi et festum sepissime fregi, 

Sed parcat iste, cui nomen est Jhesu Christi. • 

76 Cod. IV Q 81 Bl. 492 r v. J. 1461; Kollegiatstift Glogau; früher Job. 
Thorwartir de Steynavia, campanator in Lobin; Schreiber Jeorgius Naustat de 
Dresden — 77 Cod. I F 90 Bl. 212 vb v. J. 1401; Zisterzienser Räuden — 
78 Cod. IV Q 64 Bl. 64▼ v. J. 1374; Aug.-Chorh. Breslau; vgl. Wattenbach 
S. 504 Anm. 6; seit dem 12 Jhdt. üblich. — 79 Cod. I Q 181 Bl. 63* Mitte 
15. Jhdt; aus einem Zisterzienserkloster — 80 Cod. I F 486 Bl. 273*b 1. Hälfte 
15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan — 81 Cod. IV F 76 Bl. 162vb v . J. 1386; Dom 
zu Neiße: vorher Eccl. colleg. sancti Nicolai Othmuchowiensis; Schreiber frater 
Laurencius — 82 Cod. I F 37 Bl. 306rb v . J. 1409; Aug -Chorh. Sagan; Schreiber 
Heinrich Gobin — 88 Cod. IV 0 7 Bl. 48 r v. J. 1472; Zisterzienser Leubus ; 
Schreiber Johannes Hungari de Bartpha. — 84 Cod. I Q 182 Bl. 150v v. J. 1573; 
Jungfrauenstift Trebnitz. — 85 Cod. I Q 260 Bl. 183r v. J. 1616; Jungfrauen- 
stift Trebnitz. — 86 Cod. IV F 24 Bl. 374 vb v. J. 1452; Corpus-Christi Breslau — 
87 Cod. IV 0 7 v. J. 1472 vgl. Nr. 83. — 88 Cod. IV Q 66 Bl. 47r Mitte 
15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau. — 89 Cod. I F 298 Bl. 210rb v . J. 1393; 
Corpus-Christi Breslau. — 90 Cod. I F 714 Bl. 191 rb 15. Jhdt.: Aug.-Chorh. 
Sagan. — 


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91 Scriptor iam cessa, quia manus est tibt fessa. VgL Nr. 103. 163. 

92 Scriptor opus siste, tenit labor iste satiä te. 

Est hac in prosa completa sub online rosa, i 

Vnde mannm sisto; sit laus et gloria Christo. 

93 Libro completo scriptor saltat pede leto. Vgl. Nr. 177. 

94 Finitum est hoc opus per manus Pauli de Menicz. Trag is heym. 

95 Explicit Lucianus per manus nescio cuius. 

90 Expliciunt concordancie per manus et non per pedes. 

97 Et sic est finis. Finitus est Über iste per manus et non per pedes. 

Laudetur deus et sua mater Maria in sccula seculorum. Amen. 

98 Finiui librum, scripsi sine manibus illum. 

99 Finiui librum, scripsi sine inauibus ipsum. 

100 Finiui librum, scripsi sine manibus Jhesum. 

101 Finiui librum, scripsi sine manibus ipsuin. 

Omnia discernas, bona facias, pessima sperpas. 

102 Finiui librum, scrispi sine manibus ipsum. 

Hoc non sit iocum, verum esse congruum totutn. 

Ach Mila, te quero, si me diligis corde vero; 

Si non, pro vero die, quod alias michi quero. 

103 0 scriptor, cessa, quia iam manus est tibi fessa. 

Quis bibit Itywo, stabit sibi colauo ciziwo. 

Finiui librum, scripsi sine manibus ipsum. 

104 Expliciunt. Ameu, libes kint meyn, amen. Vgl. Nr. 123. 

105 Hic nicliil deest, nisi pulcra piiella. Vgl. Nr. 174 bis 177. 

91 Ood. I Q 142 Bl. 187r 1. Hälfte 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 
92 Cod. III F 2 Bl. 263 rb v. J. 1469; Corpus-Christi Breslau: Schreiber Matthias 
Gordan; es handelt sich um den medizinischen Traktat Rosa angücana. — 93 
Cod. I Q 112 Bl. 154v v. J. 1390; Aug.-Chorh. Sagan; vgl. Wattenbach S. 500 
Anm. 3. — 94 Cod. I Q 36 Bl. 73 v v. J. 1401: Dominikaner Breslau. — 95 Cod. 
IVF78 Bl. 81 ra v. J. 1419; Corpus-Christi Breslau: es ist der Lucianus, 
lexicum latinum. — 90 Cod. I F 568 Bl. 134▼!> v. J. 1386; Aug.-Chorh. 
Sagan. — 97 Cod. II Q 29 Bl. 241 r v. J. 1448; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber 
Donatus Jockrim in Frankfordis. — 98 Cod. I F 562 Bl. 203 Mitte 
15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; vgl. Wattenbach S. 509; nachweisbar seit 
dem 12. Jhdt.; r das kann wohl nur ein frostiges Spiel der Quantität in manus 
und manes sein.“ — 99 Cod. I F 148 Bd. I Bl. 124vb 14. Jhdt.; Zisterzienser 
Heinrichau. — 100 Cod. I F 562 Bl. 203vb Mitte 15. Jhdt.; Kollegiatstift 
Glogau. — 101 Cod. I F 189 Bl. 152 r* Ende 14. Jhdt.; Kollegiatstift 
Glogau. — 102 Cod. I F 166 Bl. 191rb Auf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau; 
Schreiber pauper Nicolaus. — 103 Cod. I F 594 Bl. 139r v. J. 1412; Domini 
kaner Breslau. — 104 Cod. I Q 158 BI. 133'b Auf. 15. Jhdt.; Dominikaner 
Breslau: Schreiber Martinus Hübner de Pretin in Görlitz. — 105 Cod. IV 
Q 20 Bl. 109 ▼, wo der Text einige Zeilen frei läßt, v. J. 1478; Kollegiat¬ 
stift Glogau; geschrieben von Paulus Lehener zu Krakau: vgl. Wattenbach 
S. 503: Et hic nihil deficit nisi una pulcra puella, aus dem Stettiner 

2* 


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106 Explicit, expliciunt, 

beys mich nicht, du aldir 6chulhunt. 

107 Jam rident dentes magnam pertecam vidcntes. 

108 Explicit, expliciunt; 

dy feygyn zeyn den pawrn vngisundt. 

109 Explicit, expliciunt; 

den pawern synt die feyen vngcsunt. 

Beurteilung der geleisteten Arbeit. 

110 Finivi librum, scripsi ut decuit ipsum. Vgl. Nr. 23. 

111 Explicit. Got gebe, daz is gar sey. 

112 Non egre feratis michi. 

fk 

hot mirs nichet vor vbel. 

113 Qui vult habere scriptorem valentem pro duobus, nequam. Vgl. Nr. 177. 

114 Ad Lectorem. 

Qui legis ista, tuum reprehendo, si mea laudes 
Omnia, iudicium, si nihil, invidiam.. Vgl. Nr. 32. 

115 Laudetur deus in ympnis etcanticis. 

Quid errauit scriptor, hoc corrige, tu, lector. 

116 Si errauerit scriptor, debet corrigere lector. 

117 In quo erravit scriptor, tu corrige, lector. 

118 Si exemplar habuissem, libenter melius emendassem. 

119 Scriptor scripsisset bene melius, si potuisset. 


Verzeichnis S. 30 v. J. 1456, geschrieben ab honorabili baccalaurio Paulo 
Klinkkebyl. Et ipse erat bacc. Rostokkiensis satis sufficiens in scienciis. — 

106 Cod. IV Q 36 Bl. 12r v. J. 1420: Aug.-Chorh. Breslau; Schreiber frater 
Jodocus Bertold de Czeginhals. — 107 Cod. I F 284 Bl. 53vb 1. Hälfte 15. Jhdt.; 
Corpus-Christi Breslau; vgl. Wattenbach S. 611 und Anm. 3: Qui te finivit, 
partecas rodere scivit. — 108 Cod. IV Q 28 Bl. 147 ▼ Anf. 15. Jhdt. — 

109 Cod. IV F 35 Bl. 134 v Mitte 15. Jhdt. ; vgl. Wattenbach S. 520 aus Cod. 
germ. Monac. 3697: Explicit, expliciunt. Sprach dy kacz czu dem hunt: Dy 
fladen sein dir ungesunt. — 110 Cod. I Q 112 Bl. 74 ▼ v. J. 1390; Aug.-Chorh. 
Sagan. — 111 Cod. I F 580 Bl. 50** Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 

112 Cod. IV Q 19 Bl. 38 va v . J. 1466; Aug.-Chorh. Breslau; geschrieben von 
Johannes Snehut in Zittau. — 113 Cod. I F 596 Bl. 150'b Anf. 15. Jhdt.; Domi¬ 
nikaner Breslau. — 114 Cod. IV Q 123 Vorsatzblatt, v. J. 1664. — 115 Cod. I 
F 713 Bl. 265 vb y. J. 1459; Zisterzienser Kamenz; Schreiber Matthias Hanke. — 

116 Cod. I F 772 Bl. 333rb y. J. 1453; Dominikaner Breslau; früher Nicolaus 
Tempelfeldt de Brega; Schreiber Johannes Rosingart alias Sine cura de 
Stregouia; im 15. Jhdt. sehr verbreitet; vgl. Wattenbach S. 340; Cod. IV Q 41 
Bl. 274 v y. J. 1451; Aug.-Chorh. Breslau. — 117 Cod. II F 18 Bl. 118* v. J. 
1478; Schreiber frater Benedictus ord. minor. conuentus czerwysten. (Zerbst). — 
t 118 Cod. I F 627 Bl. 117 ™ Ende 14. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; Eintrag , 

des Rubrikators; Tadel der sorglosen Vorlage vgl. Wattenbach S. 334 ff. — 

119 Cod. I F 625 Bl. 186 ™ v. J. 1384; Aug-Chorh. Breslau; vorher frater 


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120 Scriptor scripsisset melius, si potuisset. 

121 Et sic est finis huius epistole. 

Heu, non recte scripsi, quia legere nesciui. 

122 Si melius scripsissem, nomen meum apposuissem. 

123 Finito libro sit laus et gloria Criste. 

Qui me scribebat, Hilger nomen habebat. 

Heu, male fiuiui, quia non bene scribere sciui. 

Qui scripsit scripta, sua dextera sit benedicta. 

Amen dico tibi vere, du moesses gemynnet syn. Vgl. Nr. 104. 

Namen- und Zeitangaben. 

124 Explicit. 

Qui me scribebat, Ottelinnus nomen habebat. 

125 Finito libro sit laus et gloria Cristo. 

Qui te scribebat, nomen Conradus habebat. 

Explicit. 

126 Explicit über. 

Qui me scribebat, Conradus nomen habebat. 

127 Jeronimus scripsit, Christum semper benedixit. Amen. 

128 Qui me scribebat, nomen Lodwicus habebat. 

129 Quisquis es, nostrum nescis eloqui nomen, 

Blasius uocor cognomineque Buriak. 

130 Hisce prefixis manu fininem iungo prolixis 

Haud; si tu propria scire volueris nota, 

Sensum hinc primi nominis formas et ymi. 

Bar fore primani silbam to puto secundani, 

Lo tonet tercij, me die in ordine quarti, 

Nicolaus Misnensis; ferner Cod. I F 269 Bl. 125 r v. J. 1384: Elisabethkirche 
(Breslau?); Schreiber Conradus Schelhorn de ciuitate Esschynwege posito (!) 
Hassige; vgl. Wattenbach S. 507 aus St. Gallen v. J. 1379 (Scherrer S. 260): 
Ideo male finivi, quia non bene scribere scivi. — 120 Cod. I F 120 Bl. 231 rb 
Anf. 14. Jhdt.; Zisterzienser Bauden: vgl. Wattenbach S.508 Anin. 2 — 121 Cod. IV 
Q 53 Bl. 319 v v. J. 1469; Kollegiatstift Glogau: Schreiber Paulus de Lobin in 
Levtschovia — 122 Cod. I F 613 Bl. 107 ra y. J. 1449: vgl. Wattenbach S. 506 
aus Neumarkt in Steiermark: Et si melius scripsissem Nomen meum non appo¬ 
suissem — 128 Cod. I F 576 Bd. I Vorsatzblatt; Text des Vorsatzblattes aus 
dem 13. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: vgl. Wattenbach S. 504 und Anm. 6: Qui scripsit 
scripta, manus eius sit benedicta. — 124 Cod. IV Q 64 Bl. 79 vv. J. 1374 Aug- 
Chorh. Breslau; vgl. Wattenbach 502 Anm. 4; häufig ähnliche Wendungen — 
125 Cod. IV Q 64 Bl. 274w. J. 1374; Aug.-Chorh. Breslau — 126 Cod. I F 269 
Bl. 73r* v. J. 1384; Elisabethkirche (Breslau?); Schreiber Conradus Schelhorn 
de ciuitate Esschynwege — 127 Cod. I F 262 Bl. 6ra Mitte 15. Jhdt. — 128 Cod I F 
186 BL 301 vb v. J. 1463 — 129 Cod. I 0 126 Innenseite, v. J. 1534; Besitzer- 
verse — 180 Cod. I F 141 Bl. 255 v v. J. 1454: Minoriten Breslau; Schreiber 
Barlholemeus Buchwald: vgl. Wattenbach S. 517 mit Beispielen für diese be¬ 
liebten Versteckspiele 


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Us in pedc sita, nouicn inueneris ita. 

Buch inde loccs, waldi cognomine voces, 

Muccucculim statues, annum in calce rcquires, 

Diem in annis, quarta nat. ante Johannis. 

131 Post M post tria CCG post septern post quater XXXX que 
In martisque die completus erat über iste. 

Qui ine scribebat, Johannes liouien habebat. 

Qui scripsit scripta, sua dextera sit bcnedicta. 

132 Anno milleno Christo de virgine nato, 

Quadringentesimo sexagesimo quoque quiuto, 

Kalen augusti decimo sicque iungito uono 
Ob dei honorem genitricisque eius amorem 
Hunc liniui librum, ut me a crimine puruin 

Conseruet hodie, cras semper ac omni die. Vgl. Nr. 29. 72. 123. 133. 
171. 174. 178. 179. 188. 

Angaben und Klagen über die Lage des Schreibers. 

133 Scriptum in exilio per Martin um dictum Tylo, 

Qui sto super incerto, vitam cum lumine verto. 

In spe pendere non est nisi passio vere. 

Si spes frustratur, non spes, sed pena vocatur. 

134 Explicit. 

Wen dir is wol geet, zo gedencke an eynen armen gesellen. 

135 Laus tibi sit, Christe, quoniam über explicit iste. 

Qui sua dat large, laudatur ab omnibus ille. 

Non est in mundo diues, qui dicat: habundo. 

Omnibus omnia, non mea sompnia. 

133 Si modo sum degens, non debet spernere^me gens: 

Christus pauper erat, qui nunc super omnia regnat. 


Allgemeine moralisierende Sentenzen und Versgebetc. 

137 Finis est, finis uenit. 

138 Et sic est finis. 

Non gaude, cinis, 

Quia mors est super omnia finis. 


131 Cod. III F 28 Bl. 48 ?a v. J. 1347; kam nach 1572 ins Kollegiatstift 
Glogau — 132 Cod. I Q 179 Bl. 75 v v. J. 1465; Zisterzienser Kamenz. — 
138 Cod. I Q 133 Bl. 133r Anf. 15. Jhdt. — 134 Cod. 1 F 600 Bl. 143** 
t. J. 1451; Corpus-Christi Breslau; Schreiber frater Nicolaus Nedirbeyn, damals 
in Lemberg. — 135 Cod. IV Q 155 Bl. 239 v v. J. 1353; geschr. von Johannes de 
Sytewizc per tune capellanus in Wizzomels. — 136 Cod. I F 648 Bl. 212 xb Mitte 
15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan, Schreiber Sigismundus Gleybicz. — 187 Cod. I 
F 256 Bl. 119rb 13, Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau; Schreiber frater Theodericus 
in Heinrichowe. — 138 Cod. I F 773 Bl. 128 fb v. J. 1449; Corpus-Christi Breslau. 


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139 Principium lauda, dum sequatur bona caude. 

Cum finis borius est, totum laudabile tune est. Vgl. Nr. 101. 

140 Amen, daz gesche. 

Ach, homo, si scires, quid esses vel vnde veniros, 

Nunquam gauderes, sed omni tempore tleres. 

141 Explicit per manus C. Krapicz. 

Qui nescit partes, in vanum tendit ad artes. 

Arteö per partes, non partes stude per artes. 

Explicit Über anno domini M° CCC° X1III 0 . 

142 Explicit. 

Omne genus pestis superat mens dissona verbis, 

Cum sentes animi florida lingua polit. 

Sepe necat morsu spaciosum vipera thaurum, 

A cane non magno sepe tenetur aper. 

143 Scripta anno 1472 per fratrem Johannem Bartpha. 

Si deus elingucs faceret quoscumque bilingues, 

Una quippe die lierent plus quam centum Zacharie. 

144 Frangenti fidem lides frangatur eidem. 

145 Non bene doctus erit, qui semper luderere querit. 

140 Amen. 

Dulce nomen domini nostri Jhesu Christi et nomen gloriose virginis 
Marie sit benedictum in secula seculorum. Amen. 

Ve, monachi nigri, vos estis ad omnia pigri. 

Vos estis, deus est testis, turpissima pestis. 

147 Imus, gaudemus, psallemus, gratilicamus. 

Et caveas caveas, ne pereas per eas. 

148 Hutt dich vor deyn kaczeyn, 

dy do vorne leckeyn vnde hyndene kraczen. 

149 Sancta Maria, dei genitrix, uirgo quoque pura, 

Hac in* valle rnei lacrimarum sit tibi cura: 

Nam cupiunt sordes mei peccati dominari, 

Sed pia tu cordes hys nunquam subpeditari. 

150 Explicit pater noster. 

Alme paterque tnum sit nomen sanctiticatum 

139 Cod. IV <4 193 Bl. 79* Ende 14. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 
140 Cod. I F 293 Bl. 94 r y. J. 1408; Franziskaner Jauer. — 141 Cod. I Q 100 
Bl. 172r v. J. 1414; Dominikaner Breslau. — 142 Cod. 1 P 82 Bl. 192** Ende 
14. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Nicolaus Tellendorf Pruteuus, ambonista 
in Crosna. — 143 Cod. IV 0 7 Bl. 7r v. J. 1472; Zisterzienser Leubus. — 
144 Cod. I <^412 Bl. 38** v. J. 1423: Dominikaner Breslau; geschrieben in 
Erfurt. — 145 Cod. I Q 311 Bl. 104*» Ende 14. Jhdt.; Dom zu Neiße. — 
140 Cod. I F 761 Bl. 367** Mitte 15. Jhdt.; Corpus - Christi Breslau. — 
147 Cod. I F 661 Bl. 159 *a 13. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau. — 148 
Cod. IV 0 2 Bl. 82* und 121*; 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau; früher 
Schweidnitz; Schreiber frater Caspar de Forstenberck de conventu Swydnicensi. 
— 149 Cod. I F 59 Bl. 245 *b 14. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau. — 150 Cod. I 


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Aducniatque tuum regnum per secla beatum. 

Veile fcuum fiat in terris sicut in astris. 

Tu panem nostrum da nobis cotidianum. 

Debita dimitte, ut nos debitoribus nostris. 

Et non permittas, vt nos temptacio ledat, 

Sed tutela malo tua nos defendat ab omni. 

Bitte um weltlichen Lohn; Gebetsparodien. 

151 Scriptum est enim, quia, qui plus laborat, plus mercedis accipiet. 

152 Spes premij solacium est laboris. 

158 Finito libro sit laus et gloria Christo. 

Finis adest operis, mercedein posco laboris. 

154 Finis adest operis, inercedem posco laboris. 

155 Finis adest operis, precium vult scriptor habere. 

156 Finis adest vcre, precium volt scriptor habere. 

157 Finis adest operis, mercedem consumpsi laboris. 

158 Explicit capra bona et vtilis. 

Est precium mir kräng, cum nichil dabitur nisi: habe dang. 

169 Explicit über tigurarum per manus scriptoris pro merda. 

160 Finis adest vere, scriptor nimis indiget ere. 

Finis adest certe, letatus sum bene per te. 

161 Ach got, wy serc 
get gelt vor ere?: 

F 73 Bl. 142 ra 14. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; Besitzer im 15. Jhdt. der 
Glogauer Kanonikus magister Johannes Buchwelder. — 151 Cod. I 0 128 Bl. 57 ▼ 
Ende 14. Jhdt.; Crucigeri in Neiße. — 152 Cod. I F 657 Bl. 216 va v. J. 1460; 
Aug.-Chorh. Sagau; Schreiber Laurencius de Newmarkt. — 158 Cod. I F 672 
Bl. I49rb Anf. 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; gehörte 1453 dem frater Symon, 
der in profesto concepcionis virginis Marie vestitus est. — 154 Cod. IV Q 64 
Bl. 266* v. J. 1374; Aug.-Chorh. Breslau; Cod. I F 510 Bl. 165 v * v. J. 1404; 
Aug.-Chorh. Sagan; Cod. I F 293 Bl. 314* v. J. 1408; Franziskaner Jauer; 
Cod. I F 38 Bl. 210*t> v. J. 1410; Zisterzienser Heinrichau; Schreiber Petrus de 
Crelkaw; vgl. Wattenbach S. 512 und Anm. 7. — 155 Cod. IV Q 27 Bl. 163* Anf. 
15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; früher dominus Petrus Nachanze altarista. — 
156 Cod. I Q 278 Bl. 247* v. J. 1417; Aug.-Chorh. Breslau; Schreiber frater 
Georgius in Tyncz; vgl. Wattenbach S. 513 Anm. 2. — 157 Cod. I F 738 Bl. 578 
Mitte 15. Jhdt; Zisterzienser Räuden. — 158 Cod. IV F 80 Bl. 54 'b 1 . HMfte 
15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Breslau; früher Magister Martinus Storni; vgl. Watten¬ 
bach S. 513 aus Hoffmann, Altd. Hss. S. 181 vom Jahre 1472: Finis adest operis» 
mercedem posco laboris. Est michi precium kräng, ubi nichil sequitur nisi 
habdaug; ferner Wattenbach S. 513 aus Hoffmann, Altd. IIss. S. 151 von Eberhard 
Schulteti de Möchingen 1405: Est michi precium kranck. Quia nichil datur 
michi nisi habdanck; ebenso Wattenbach S. 514 aus Mones Anz. f. d. Kunde 
der deutschen Vorzeit II 191: Est mcrces ibi krank, ubi datur nil nisi hab dank. 
159 Cod I F 770 Bl. 163 vb v . J. 1386. — 160 Cod. I Q 136 Bl. 142 ▼ 14. Jhdt.; Aug.- 
Chorh. Sagan. — 161 Cod. Q 317 Bl. 131 ▼ Mitte 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau; 


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172 Hj hot das cyn ende. 

Got vns sende 
in seyn reych, 
do wir wesen ewicleich. 

Ich habe das geschrebin, 

mir ist gar wenig hellir obirblebin, 

zunder sy seyn gegangen vor weyn vnd byr 

Nw vnd alleczeyt vil schyr, 

wenne is machet dy menschen schon vnd czyr. 

178 An beyden teylen hab ich vy] gescraben. 

Mir ist wenig heller obirbleben. 

Se seyn gegangen vmb bir vnd vmb weyn. 

Got behüte den Schreiber vor der ewygen peyn. Amen. 

174 Finito libro sit laus et gloria Christo. 

Nu hat das buch ein ende. 

Got geh vns nach disem eilende 

di ewigen ru; 

do helf vns maria czv. 

etcetera schriber, 

dem ist der beitel 1er. 

dar ein inuz er phennig hau, 

vnd dar czv ein meidel wolgetan, 

der ist vlrich genant 

vnd geborn vz beiernlant. 

175 Votum 

Qui librum scripsit, cum sanctis vivere possit. 

Detur pro poeua scriptori pulchra puella. 

Ad auctorem. 

Eipetis, ut detur subito tibi pulchra puella, 

Carpitur ast scriptis pulchra puella tuis. 

Huius iudieio, cum scribis vera, inereris 

Pro poena, ut detur nulla puella tibi. Vgl. Nr. 105. 

178 Ach got, durch deyner gute 
beschere uns kogil vnd hüte 

Bl. 383rt> v. J. 1407; Missale magnum geschrieben im Breslauer Prämonstratensor¬ 
kloster zu St. Vinzenz unter Abt Johannes Hartlib; vgl. Wattenbach S. 517. — 
172 Cod. 1 F 684 Bl. 264ra v. J. 1442? Corpus-Christi Breslau; vgl. W&tten- 
bach S. 508 aus dem Breslauer Cod. Rhedig. in q. XXI der Goldenen 
Schmiede: Ich habe dys büchelyn gesehribin, Das Ion ist zu dem byer 
blebin. — 178 Cod. I F 684 Bl. 372rb v . J. 1442? Corpus-Christi Breslau. — 
174 Cod. I F 12 Bl. 169rt> Mitte 14. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau; vgl. 
Wattenbach S. 517 aus Anz. für Kunde der deutschen Vorzeit 1880 (XXVI, 306) 
einer Schweidnitzer Richtsteighandschrift des 15. Jhrts. entnommen: Hy hat 
das buch eyn ende. Got muz den schriber sendeu Vz disem eielende in daz 
ewige rieh Czu den iunevrowen suberlich. — 175 Cod. IV Q 123 Vorsatzblatt, 
v. J. 1664. — 176 Cod. IV Q 36 Bl. 199r v . J. 1414: Aug.-Chorh. Breslau; 


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Fil hawsfrawc 
vnd wenik kinder, 

Mantil Tnd ragke, 

Czegun vnd bagke 

vnd dorczu hellerleyn, 

zo wel wir gerne dcyn dyner zcy®. 

177 Explicit iste über, scriptor sit orimine über. 

Quis me consumat, demon collnm sibi frangat. 

Lauda scriptorem, donec videbis meliorem. 

Detnr pro penna scriptori pulchra puella. 

Libro conpleto scriptor saltat peto (!) leto. 

Bitte um Rückgabe gefundener Bücher: 

Verfluchung der Bücherdiebe. 

178 Et sic est tinis. 

Quis invenit, Johanno Wardenbrugo reddere debet. 

179 Si quis furatus fuerit librum istum aut invenit et non reddiderit fratri 
Johanni Carnificis, anathema sit. 


Schreiber Jodocus Bertold de Czeginhals; vgl. Wattenbach S. 515 aus dem Co<L 
Pal. germ. 19 bis 23 am Ende des 1. Bds.; der 4. Bd. ist geschrieben von propst 
Cnonrot von Nierenberg (Wilken S. 314—318): 0 got durch dine güte Beschere 
uns kugeln und hüte, Mcnteln und rocke, Geiszc und bocke, Schöffe und rinder, 
Vil frawcn und wenig kinder. Expl. durch den bangk. Smale dienst machent 
eime das jor langk; diese Verse des 15. Jhrts. sind, als die Bibelhandschrift 
im Vatikan war, den deutschen Besuchern als Lutherverse vorgewiesen worden: 
vgl. Herrn Maximilian Missons Reisen aus Hqlland durch Deutschland in Italien, 
Leipzig 1701 S. 464, wo sie etwas modernisiert sind: 0! Got durch deine 
güte / Bescher uns kleider und hüte / Auch mäntel und rocke / Felle, k&lber 
und bocke / Ochsen, schafe und rinder / Viele weiber, wenig kinder. Schlechte 
speis und trank Machen einem das jahr lang; ähnlich Wattenbach S. 515 aus 
einer Heilsbronner Handschr. der Gesta Romanorum v. J. 1476: Hie hat das 
puch ein cnd. Gott uns sein gnad send, darzu ochsen und rinder und ein schon 
frawe on kinder (Cod. Erl. Un. 139 aus Hocker, Bibi. Heilsbr. 1731 S. 124)^ 
vgl. dazu F. Latendorf im Anz. f. Kunde der deutschen Vorzeit, Neue Folge XXV 
(1878) Sp. 16; ebenda XXVI (1879) Sp. 276 stehen ähnliche Verse, die ein 
Wolff von Stehau (Stechau) ins Stammbuch des Hans Ludwig von Sperwerseck 
zu Steinreinach und Schneit, conciliarius provincialis, praeses in Burglengenfeld, 
pro tempore orator et legatus Principis Palatini, geschrieben hat (Bibi. d. Germ. 
Mus. Nr. 16280 Bl. 60 v. J. 1596): Her got durch deine güte Bescher Schwartze 
mentel vnd grnen Hütte, ein Schon weib, vil Rinder, wentzig kinder, einen 
guten mut, vffen winter Einen Zobeln Hudt. — 177 Cod. I Q 349 Bl. 263 ▼*> 
Anf. 14. JhdL; Dom zu Neiße; vgl. Wattenbach S. 506 Anm. 5: Lauda scriptorem, 
donec videas meliorem; zu 4 peto’ vgl. lat. t pedere\ — 178 Cod IV Q81*> 
Bl. 246 r Anf. 15. Jhdt. — 179 Cod. IV Q 22 Vorsatzbl. v. J. 1450; geschrieben 
in Wien; Dominikaner Breslau. 


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180 Liber in Heynrichau sancte Marie, quem si quis defraudauerit, 
anathema sit. 

181 Ezplicit über omeliarum pars secunda sancte Marie uirginis in Zagano, 
quem qui fraudauerit uel sponte uiolauerit, anathema sit. Amen. 
Scriptus est autem amno incarnacionis domini M° CCC° 1III sub abbate 
Theoderico. 

182 Explicit. 

Sorte supernorum scriptor Übri pociatur, 

Morte malignorum raptor libri moriatur. 

188 Expliciunt. 

Sorte supernorum scriptor operis pocietur, 

Morte malignorum raptor libri moriatur. 

184 Non uideat Christum, qui librum subtrahat istum. 

Amen finale pro fiat dicitur apte. Amen. 

186 Explicit. 

Qui te furetur, tribus ügnis associetur. 

186 Qui me furetur, tribus lignis associetur. 

187 Qui rapit hunc librum, demon frangat sibi colluin. Vgl. Nr. 177. 

188 Cleptentem herebus, stix, cochitusque rotabunt, 

Ac restitutor vsyon in testa potitur. 

Si possessoris nomen tu noscere velis, 

Sy tibi sit prima, mon sillaba sitque secunda, 

Hirsbergk est natus, sed feyssteque cognominatus. 

Ob laudem Christi presens codex detur isti. 

180 Cod. I F 256 Vorsatzblatt: Handschr. 13. Jhdt.; Eintrag des Ana¬ 
thema von Hand des 15. Jhdts.; Zisterzienser Heinrichau. — 181 Cod. I 

F. 660 Bd. II Bl. 212 v ®: Aug.-Chorh. Sagan; vgl. Wattenbach S. 527 ff.; 

G. A. Crüwell, die Verfluchung der Bucherdiebe im Arch. f. Kulturgesch. 4 
(1906) S. 197 ff. — 182 Cod. I F 30 Bl. 162rb Ende 14. Jhdt.; Zisterzienser 
Heinrichau; vgl. Wattenbach S. 528 aus Cod. lat. Mon. 14258; Crüwell S. 221. 

— 188 Cod. I F 667 Bl. 205 v » v. J. 1400; Aug.-Chorh. Breslau: Schreiber 

Magister Johannes Cniczburg. — 184 Cod. I F 256 Bl. 119rt> 13. Jhdt.; 

Zisterzienser Heinrichau; Schreiber frater Theodericus in Heinrichowe; vgl. 
Wattenbach S. 528 aus Cod. lat. Monac. 4683 und Cod. Haiberst. 102. — 
186 Cod. I Q136 Bl. 27 Anf. 15. Jhdt.: Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber frater 
Nicolaus de Soravia. — 186 Cod. IV F 55 Bl. 178 T ü 14. Jhdt.: Dominikaner 
Breslau: Schreiber frater Georgius; vgl. Wattenbach S. 528 aus einer iu Italien 
geschr. Handschrift vom Jahre 1461: Quis ine furatur, in tribus tignis suspen- 
datur. — 187 Cod. I F 491 Bl. 218 v t> Ende 14. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau. 

— 188 Cod. I F 32, hinterer Einbanddeckel, um 1450. 


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Die Wanderung der Erzählung von der Inclusa 
aus dem Volksbuch der Sieben weisen Meister. 

Von Dr. Alfons Hilka in Breslau. 


In der gesamten Weltliteratur erfreuten sich die Erzählungen 
von Frauenlist und Frauentrug besonderer Beliebtheit, sie liegen tief 
im Volksempfinden begründet, sind auch ganz unabhängig von den 
mannigfachen Wandlungen innerhalb des Anfangs, des Aufschwungs 
oder des Niedergangs eines völkischen Gesamtlebens. Nicht die 
frauenfeindliche Richtung schlechthin seit Evas und Adams Ver¬ 
fehlung gab solchen Tendenzen immer neue Nahrung, wenngleich 
asketischer Eifer verschiedener Jahrhunderte diese Bewegung in 
literarischer Form verstärkt haben dürfte, auch die Lust am Fabulieren 
und am Erfinden mannigfacher Listen und Ränke beim weiblichen 
Geschlechte dem schuldigen oder schwachen Hausherrn gegenüber, 
jener ingenia feminarum, die den Triumph sattsam berechnender 
oder schlagfertiger Berechnungskunst im Augenblick der Gefahr und 
zur Befreiung aus unwillkommenen Banden bedeuten, tritt hier im 
vollsten Maße hervor. Fast scheint es, als ob der Orient mit seiner 
traditionellen Unterdrückung und Einsperrung der Frau oder mit 
seinem vorwiegend asketisch-frauenfeindlichen Charakter religiöser 
Werke ein besonders fruchtbares Feld für diesen mächtigen Ableger 
der Erzählungsliteratur abgegeben hätte, aber das lebensfrohe Altertum 
wie das mönchisch-christliche Mittelalter und erst recht die Neuheit 
mit ihrem Eindringen in das komplizierte Gewebe der weiblichen 
Seele, wie Roman und Sittendraraa bekunden, sind in gleicher Art, 
wenngleich in mannigfach abgestuften Formen, an dieser ungemeiu 
reichen Variation eines uralten Themas beteiligt. Die Tendenz bleibt 
"dieselbe, mag sie auf Erheiterung oder moralische Erbauung und 


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Abschreckung der Hörer, Leser oder Zuschauer berechnet sein, nur 
die Formen treten in stets wechselnden Typen auf, die demnach ver¬ 
schiedene Wirkungen auszulösen vermögen. So führt uns eine fest¬ 
gekettete Überlieferung etwa von SalomonsSprüchen an (vgl.Ecclesiasticus 
25, 23: Commorari leoni et draconi placebit quam habitare cum 
muliere nequam) teils nach dem Orient mit Werken wie das Paiica- 

t 

tantra oder die Sukasaptati oder die buddhistischen Ausflüsse des 
Misogynismus, die noch im Barlaambuche für das Abendland einen 
mächtigen Nachhall gefunden haben, oder jener große Zweig der 
Sieben weisen Meister, teils nach dem Abendlande, schon im griechisch- 
lateinischen Altertum, das durch Namen wie Hesiod, Semonides, 
Euripides, Lukianos, Catull, Virgil (varium mutabile semper femina), 
Ovid, Properz, Juvenal, Seneca vertreten ist, aber auch in der Über¬ 
gangszeit zu den Kirchenvätern Tertullian und Hieronymus, oder 
im Mittelalter zu der hochbedeutsamen, in Byzanz ausgestalteten Novelle 
vom Philosophen Sekundus, wo die eigene Mutter zur Beleuchtung 
des Satzes dient: jiäoa yvvi) jtÖQvtj, t) de Äadoööa öäxpQOJV, und 
dann zu jenen reichhaltigen Kundgebungen innerhalb der mittel¬ 
lateinischen und der vulgären Literaturen x ), die, sämtlich vom moral¬ 
asketischen Geiste durchdrungen, mit Ironie und Satire rückhaltlos 
weibliche Untreue und Verschlagenheit geißeln oder in Predigt- 
exerapeln und Schwänken belehrend und unterhaltend zugleich 
wirken und teils kirchliche, teils profane Äußerungen wiedergebeu, 
endlich zu der Neuzeit mit ihren vielgestaltigen, bald idealistischen, 
bald realistisch-psychologischen, bereits arg verfeinerten und förm¬ 
lichen Studien des Frauenlebens samt dem Problem der Ehe, also 
des Ehebruchs überhaupt. 

Fast keine der mittelalterlichen Rahmenzählungen, der Predigten, 
Schwänke und Fabeln wie Legenden und Novellen hat sich solch 
nachhaltigen Einflüssen entziehen können, für den Freund der 
Volks- und Literaturkunde ist hier ein schier unerschöpfliches Feld 
gegeben, auf dem er mit Lust und 'Laune den inneren und äußeren 
Zusammenhängen von Themen und Motiven und vor allem der Frage 
nach dem Ursprünge solcher Stoffe und deren Wanderungen nach- 


l ) Vgl. jetzt August AVulff, L)ie frauenfeindlichen Dichtungen in den 
romanischen Literaturen des Mittelalters bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 
Halle 1914 und meine Besprechung dieses Buches im Literatnrblatt f. gerin. 
u. rom. Philologie 1916, Sp. 246 ff. 


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spüren darf. Soll aber die literargeschichtliche Betrachtung seitens 
des Folkloristen oder des anspruchslosen Philologen zu gegründeten 
Ergebnissen führen, so bleibt nur das Mittel übrig, unbeirrt vom 
Methodenstreit und unabhängig von Theorien über die Herkunft 
literarischer Stoffe, zu denen eine Verallgemeinerung nur allzuschnell 
verführt, jeden einzelnen Fall für sich zu prüfen 1 ), das Ergebnis 
zn buchen, mag es auch negativ ausfallen, und durch ein vor¬ 
sichtiges Verfahren die Grundlage für eine Forschung zu legen, die, 
höchst anziehend wegen ihrer Eigenart, mit einer Menge von 
Schwierigkeiten für einen jeden verknüpft ist, der sich nun einmal auf 
diesen oft schwankenden Boden dei vergleichenden Literaturbetrachtung 
zu begeben den Drang verspürt hat. Das Auftauchen einer bisher 
unbekannten Variante zu der unter dem Namen zwei Träume*) 
oder DieEntführung 3 ) oder Inclusa 4 ) weitverbreiteten Erzählung 
mag uns Gelegenheit geben, den Verzweigungen dieses Stoffes, der 
durch den Miles gloriosus des Plautus, durch die Sieben weisen 
Meister und durch Platens Lustspiel „Der Turm mit sieben Pforten“ 
am meisten bekannt geworden ist, nach der gründlichen Untersuchung 
durch Ed. Zarncke 5 ) erneut nachzugehen und die Ursprungsfrage 
unter Benutzung unseres neuen Zeugen zu vertiefen. Es ist das 
Thema „von dem Ehemanne, der vermittelst einer geheimen Tür 
oder eines Loches oder eines unterirdischen Ganges, die sein Haus 
mit dem Nachbarhaus verbinden, um seine Frau betrogen wird 6 )“. 
Auf eine Einleitung, die den Grund zum Verlieben aus der Ferne 

*) Versuche nach dieser Richtung hin bedeuten in jüngster Zeit mein 
Aufsatz: Die Wanderung einer Tiernovelle = Mitteilungen XVII (1915), S. 58 ff. 
und fUr den Stoff der Placidaslegcnde die Artikel von W. Bousset, Die Ge¬ 
schichte eines Wiedererkennungsmärchens = Nachr. der Göttinger Ges. d. Wiss. 
phil.-hist. Klasse 1916, S. 469—551 nebst W. Meyer, Die älteste lat. Fassung 
der Placidas-Eustasius-Legende = ebda 1916, S. 745—800. Zuletzt A. Milka u. 
W. Meyer, Über die neu-aramäische Placidas-Wandergeschichte = ebda 1917, 
S. 80—95. 

2 ) Dunlop-Liebrecht, Gesell, der Prosadichtungen. Berlin 1851, S. 199. 

8 ) H. Ad. Keller, Li Romans des SeptSages. Tübingen 1836, S. CCXXVII. 
Dyocletianus Leben. Quedlinburg 1841, S. 61. 

*) K. Goedeke = Orient u. Occident III (1864), S. 422. K. Campbell, 
The Seven Sages of Rome. Boston 1907, S. CIX. 

6 ) Parallelen zur Entführungsgeschichte im Miles gloriosus = Rhein. 
Museum, N. F. XXXIX (1884), S. 1—26. 

•) R. Köhler, Kleinere Schriften zur Märchenforschung. Weimar 1898, 
Bd. I, S. 488. 


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enthält, folgt die Schilderung von der täuschenden List in drei 
Teilen: a) der unterirdische Gang oder ein Wanddurchbruch, b) die 
Täuschungsobjekte, um beim Eheraanne allmählich die Überzeugung 
von einer Doppelgängerin reifen zu lassen, c) die Trauungszene. 

Die meisten Abarten schuf im Abend lande die Form der 
Inclusa im okzidentalischen Zweige der Sieben weisen Meister, nach 
Loiseleurs Urteil *) die beste ihrer Art unter allen Geschichten dieser 
Sammlung. In der altfranz. metrischen Version (KH-Ch) 2 ) lautet 
sie kurz folgendermaßen: 

I. Ein Ritter des Königreiches Monbergier träumt von einer 
wunderschönen Dame und beschließt, ihre Liebe zu erringen. Auf 
Grund eines Traumes schenkt auch eine Dame dem Ritter aus der 
Ferne ihre Neigung. Das Träumen war so lebhaft und so deutlich, 
daß jeder sofort den anderen, wollte er ihn auffinden, zu erkennen 
hoffte. Nach dreiwöchentlicher Irrfahrt gelangt endlich unser Ritter, 
stattlich ausgerüstet, nach Ungarn an ein hohes Schloß am Meer. 
Es ist wohl ummauert, von der Außenwelt ganz abgeschlossen wie 
die Gemahlin des Besitzers, der sie hinter zehn versperrten Toren, 
deren Schlüssel er stets bei sich trägt, voll Eifersucht hütet. Der 
Ritter erschaut zufällig die Frau hoch oben an einem Fenster, und 
beide erkennen alsbald in einander den ersehnten Gegenstand ihres 
Traumes. Sie darf ihm voller Angst vor dem bösen Gemahl kaum 
ein Wort zurufen, und begnügt sich mit dem Refrain eines Liebes¬ 
lieds (un son d’amors). Nun bietet der Ritter, der sich für einen 
durch Kriegswirren verbannten Krieger ausgibt, dem Schloßherrn seine 
Dienste an, unterwirft in kürzester Frist all dessen Gegner und 
weiß sein Vertrauen zu erringen, so daß er bei ihm Seneschall wird. 
Aber es ist Zeit, daß er den Zugang zur Geliebten sich durch List 
erschleicht. Sie selbst hat ihm gelegentlich einen hohlen Binsenhalm 
vom Fenster herabgeworfen, um ihn zur Tat aufzufordern. 

IIa). Er erbittet vom Burgherrn die Gnade, neben dem Turme 
ein Haus für sich aufbauen zu dürfen, und bei dieser Gelegenheit 
legt ihm ein erfahrener Maurermeister einen unterirdischen Gang bis 

*) Loiselcur Deslongcliamps, Essai sur les fables indienncs. Paris 
1838, S. 158. 

2 ) A. Keller, Li Romans des Sept Sages, v. 4218 ff. (K). H. A. Smith = 
Romanic Review III (1912), v. 1447 ff. (l'h). Eine moderne Nacherzählung in franz. 
Prosa unter dem Titel „Le Chevalier ä la trappe“ bot Logrand d’Aussy, 
Fabliaux et contcs (3me ed.). Paris 1829, S. 156 ff. 


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zur Kemenate der Geliebten an. Eine Falltür erschließt'den Zugang 
hierzu. Aber um ganz sicher zu gehen, tötet er den Meister. Jetzt 
gelangt er leicht ans Ziel seiner Wünsche, b) Beim Abschiede gibt 
ihm die Dame einen goldenen Ring mit. Bei der nächsten Zu¬ 
sammenkunft mit dem Ehemann erkennt dieser am Finger des Ge¬ 
fährten sein Eigentum wieder, wagt aber nicht darnach zu fragen, 
sondern eilt nach dem Turm, wohin inzwischen der Fremde mittels 
des Ganges und der Falltür ihm vorausgeeilt ist, um den Ring der 
Dame einzuhändigen. Jener läßt sich durch den Anblick des Ringes 
täuschen und denkt, daß es gar leicht zwei ähnliche Ringe auf der 
Welt geben könne, c) Am folgenden Morgen schlägt unser Ritter 
die Einladung zur Jagd mit dem Hinweis auf die Ankunft seiner 
Braut (amie) aus, mit der er nunmehr so bald wie möglich heimzu¬ 
kehren gedenke. Er lädt ihn zum Mahl unter dreien ein, und der 
Schloßherr schafft selbst reichlich Wildpret herzu. Doch wie er¬ 
staunt er, neben dem Seneschall die angebliche Braut, die seiner 
Frau aufs Haar gleicht, zu sehen! Verstört und schweigsam bleibt 
er und kostet auch trotz der Zureden der Dame nichts von den auf¬ 
getragenen Speisen. So fest vertraut er auf seinen Turm mit dem 
Schatze darin, daß er nicht den Mut hat, den Ritter zur Rede zu 
stellon. Sobald es nur der Anstand zuläßt, stürzt er nach dem Turm, 
fieberhaft schließt er sämtliche Pforten auf, doch in der erleuchteten 
Kemenate sieht er seine Frau, die die Ahnungslose trefflich zu spielen 
weiß. Sein Mißtrauen ist ganz geschwunden, er redet sich sogar 
ein, daß ganz leicht auch zwei weibliche Wesen völlig einander 
gleichen können. Inzwischen hat der Ritter ein Schiff am Strande ge¬ 
mietet und alles zur Abreise vorbereitet, es weht ein günstiger Wind. 
Er bringt vor dem Schloßherrn sein Anliegen vor, dieser möchte 
persönlich ihm als Trauzeuge in der Kirche dienen. Gern übernimmt 
jener diesen letzten Freundschaftsdienst, begleitet sogar nach der feier¬ 
lichen Trauung das Paar bis ans Schiff und ist seiner Frau beim Ein¬ 
steigen behiflich. Mit geschwellten Segeln entführt das Schiff das Paar 
in die Ferne, aber der Burgherr, der nach seinem Turme eilt, erkennt 
zu spät, daß er der Angeführte ist. Seine Trauer und seine Reue 
ist nutzlos. — Die Hs. Chartres (Ch) ist fast gleichlautend, spricht 
aber von zwanzig Pforten und schmückt die Beschreibung des Baues 
der Ritterherberge aus. Hingegen kürzt die aus dem gereimten 
Original hervorgegangene Prosaversion D 1 ) vieles ab, gibt überhaupt 

’) G. Paris, Deui redactions du Roman des Sept Sages. Paris 1876, S. 44 fl'. 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 3 


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nur den allgemeinen Gang der Erzählung wieder. So fehlt die An¬ 
gabe über die Herkunft des Ritters, der hier seinen Freunden eine 
Pilgerfahrt vorlügt. Ungarn ist nicht erwähnt, ebensowenig der 
Liebessang und die Liebesbotschaft der Dame. Nur drei Pforten 
verschließen den Turm. Das wichtige Ringmotiv ist ausgelassen. 
Die Frau weist selbst auf die Ähnlichkeit von Personen hin und 
schließlich entläßt der Ehemann das Paar mit reichen Geschenken. 

Lückenlos ist die Überlieferung im altfr. Prosatext A 1 ), des¬ 
gleichen in der daraus geflossenen italien. Prosa 1 ), wo aber als die 
Heimat des Ritters Paris genannt wird, von zwanzig Toren die Rede 
ist und die Dame selbst die Ähnlichkeit von zwei Ringen betont. 
Die in der lat. Übersetzung der hebräischen Version (Mischle 
Sendabar) angefügte Erzählung 3 ) bringt mehrere eigene Züge: der 
Hauptheld ist ein miles gallicus, der nach Spanien kommt zum 
Turm mit zwanzig Schlössern, und die Dame wirft ihm bei der 
ersten Begegnung ihren Handschuh herab. Der geheime Zugang 
zum Turm wird mit einem versiegelten Steine verschlossen, es fehlt 
die Tötung des hilfsbereiten Maurers, die Dame selbst weist 
nach dem gemeinsamen Mahle in der Herberge des Ritters darauf 
hin, daß schöne Frauen stets einander gleichen. — In der mittel¬ 
englischen Hs. D 4 ) fehlt die Ermordung des Maurers, auch die 
Trauungsszene; der Schloßherr stürzt sich zuletzt vor Gram von 
den Zinnen seiner Burg herab, wobei er sich den Hal6 bricht. — 
Über etwaige Änderungen von M = Male Marrastre vermag ich 
nichts zu sagen, da diese Fassung noch inediert ist. 

Besser bin ich infolge der Auffindung weiterer Hss. über J = 
Versio italica 5 ) unterrichtet. Der Eifersüchtige ist hier ein weiser 
Richter, der seine Frau in einem fensterlosen Turme mit sieben 
Pforten verwahrt hält und ihr nur an vier Festtagen im Jahre das 
Ausgehen gestattet. Gerade bei einer solchen Gelegenheit sieht sie 

*) B. Plomp, De iniddelnederlaudsche bcwerking van het gedieht van 
den VII Vroeden van binnen Rome. Utrecht 1899. S. 37 ff., I.oiseleur a. a. 0. 
S. 89 ff. 

,J ) H. Varnhagen, Eine italien. Prosaversion der Sieben Weisen. Berlin 
1881, S. 36 ff. 

3 ) Meine Ausgabe im 4. Hefte der Sammlung mittellat. Texte. 
Heidelberg 1912, S. XIX nebst Teit S. 30. 

4 ) Campbell a. a. 0. S. CX. 

5 ) A. Mussafia= Sitzungsberichte der Wiener Akad. d. Wiss., phil.- 
hist. Klasse, LVII (1868), S. 92 ff. 


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«in Jüngling, den das Gerücht von ihrer seltenen Schönheit zur Reise 
übers Meer dahin gelockt hat. Die Dame aber wird von Liebe ent¬ 
zündet, weil er ihr überall nachgeht. Der Fremde kauft ein be¬ 
nachbarte! Haus und wird durch seinen großen Aufwand mit dem 
Ritter bekannt, der ihn öfters zu Tisch einladet. Darauf legt er 
ganz allein (der Maurer fehlt,) den unterirdischen Gang an, der 
unter dem Bett der Dame mündet; Teppiche verdecken den Rest, 
so daß der Ehemann nichts merkt. Die Frau selbst, die sich wie 
ein Vogel im Käfig eingeschlossen wähnt, gibt dem Liebhaber die 
Täuschuugslisten an; zunächst tritt er vor den Mann in dessen 
Kleidern auf, sodann gibt sie ihm ein Hündchen mit, das die 
gleiche täuschende Wirkung ausübt, und viele Zimmergegenstände. 
Endlich rät sie ihm zur Trauungskomödie, bei der viele Anwesende 
infolge des Schweigens des Gatten den Trug ruhig gelten lassen. 
Das Ganze erscheint also bereits stark ausgeschmückt, wie die Ver¬ 
mehrung der Zahl der Täuschungsobjekte (ursprünglich nur der 
Ring) beweist. Die nämliche Fassung bietet II Libro dei Sette 
Savi di Roma 1 ). dieStoria d’una crudele matrigna 2 ) und der 
wichtigste Vertreter des Erasto-Kreises, nämlich L’Araabile di 
Continentia 3 ). ln letzterer Prosa ist die Erzählung «tark gedehnt 
und mit allerlei Zusätzen versehen worden, um die Spannung des 
Lesers zu erhöhen, aber der Hauptcharakter dieses italienischen 
Zweiges der Sieben Weisen bleibt gewahrt. Am Schlüsse wird vom 
geprellten Ehemanne, der zum römischen Hochadel gehört, berichtet, 
daß er vor Verzweiflung ob der ihm angetanen Schmach sich vom 
Turm herabstürzte und so einen elenden Tod fand. Der Erasto 
selb?t, von dem mir keiner der alten Drucke zur Verfügung steht, muß 
nach der Analyse in der Bibliotheque universelle des romans (Paris 
177.'), S. *29 ff.) eine Kontamination des italienischen mit dem fran¬ 
zösischen Zweige der Sieben Weisen enthalten. Denn das Ausgehen 
an Festtagen und das Hündchen erinnert an J, dagegen der Maurer, 
der Ring und das Mahl, das übrigens an Bord der Fregatte verlegt 
wird, stammt aus den franz. Versionen. Der Gatte, ein griechischer 


■> ed. A. CappelU = Scelta di curiositä lettcrarie 64. Bologna 186), 

S. 20 ir. 


s ) ed. G. Uomagnoli = Scelta di curiositä letterarie 
S. 37 ff. 

s ) ed. A. Cesari = Collezione di opere inedite o 
1896, S. 63 ff. 


14. Bologna 1862, 
rare 37. Bologna 

3* 


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Prinz und Gouverneur von Morea, läßt in seiner Wut, das flüchtige 
Paar verfolgen, was - erfolglos bleibt, und stirbt aus Gram einige 
Tage später. Das italien. Gedicht in ottava rima = ^oria di 
Stefano, figliuolo d’un imperatore di Roma 1 ) gehört zur selben 
Gruppe. Der Eifersüchtige ist aber nur un castelano, der Turm hat 
wie in der italienischen Prosa nur Oberlicht vom Dache aus. Der 
Jüngling scheint aus derselben Stadt zu stammen, da von seiner 
Reise nichts gesagt wird. 

G. Paris 2 ) hat den Beweis geliefert, daß die lateinische Hi stör ia 
septem Sapientum Romae, die die größte Verbreitung erhielt, 
nebst ihren germanischen und slavischen Ausflüssen lediglich auf 
einen altfranzösischen Text, etwa auf die Redaktion A zurückgeht 
und höchstens gegen 1330 entstanden sein mag. In der bisher ältesten 
Innsbrucker Hs. weist unsere Geschichte folgende Eigentümlichkeiten 
auf: Nach dem Doppeltraum und der Reise des Ritters in ein fernes 
Land, das nicht nachher angegeben wird, stimmt dieser am Fuße des 
Turmes ein Liebeslied (canticum amoris) an, die Dame teilt ihm durch 
einen herabgeworfenen Brief ihre heftige Neigung mit. Der König, 
der von seinen Heldentaten hört, fordert ihn zum Verbleiben in 
seiner Nähe auf. Als der Ritter endlich durch den geheimen Gang 
zu seiner Dame im Turm (Zahl der Verschlüsse fehlt) gelangt ist, 
sträubt sich diese gegen den unsittlichen Verkehr, was uns nach ihrem 
Brief durchaus verwundern muß. Erst die Androhung des Todes durchs 
Schwert zwingt sie, ihm zu Willen zu sein (offenbar verfolgt der 
Redaktor hier seine bei ihm übliche moralisierende Tendenz) und 
geht so drei Übeln aus dem Wege, nämlich, daß sie in üblen Ruf 
gerät, ihrem Manne Schmach zufügt und die Tötung des Liebhabers 
nach dessen Entdeckung herbeiführt. So meint sie schließlich: „Diese 
Torheit will ich nicht begehen, den Fremden abzuweisen.“ Die Ent¬ 
deckung des Ringes am Finger des Ritters erfolgt bei Gelegenheit 
einer Jagd, als dieser an einer Quelle eingeschlafen ist. Beim Er¬ 
wachen schützt er Krankheit vor, worauf beide nach Hause sprengen. 
Rückgabe des Ringes, Bedrohung der Königin mit dem Tode, falls 
sie nicht sofort den Ring vorweise. Dann nimmt sie ihn aus einer 
Truhe hervor. Sie meint, daß zwei Ringe oft einander ähnlich seien. 


*) hgb. P. Rajna = Scelta di curiositä letterarie 176. Bologna 1880, 
S. 106 ff. 

2 ) a. a. 0. S. XXVIII ff. 


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Daran schließt sich die Täuschung beim Mahle, dadurch verstärkt, daß 
die Königin ihre Sangeskunst zum besten gibt und man den Gatten 
am Fortgehen hindern will, als er eilige Geschäfte auf seiner Burg 
vorgibt. Wiederum wird er enttäuscht und seine Frau hält ihm vor, 
die Vernunft müsse ihm sagen, daß Ähnlichkeit zwischen Menschen 
oft bestehe, wie dies auch beim Ringe der Fall gewesen sei. Wieder¬ 
holt heißt es vom Könige, daß der feste Turm ihn hinters Licht 
führte, sodaß er seinen Augen nicht glauben mochte. Bei der 
Trauung in der Kirche ist seine Bereitwilligkeit so groß, daß er der 
Braut wegen der Ähnlichkeit mit seiner Frau sein besonderes Wohl¬ 
wollen zusichert, ja bei der Abfahrt am Strande ihr noch ausdrücklich 
Treue und Gehorsam gegen den neuen Gatten einschärft und beiden 
seinen Segen erteilt. — Mit dieser Darstellung deckt sich jene in der 
französischen Übersetzung im Genfer Druck, welche G. Paris 1 ) zum 
Abdruck gebracht hat. Das Sträuben der Dame ist jedoch gemildert: eile 
fit ce qu'il demandoit apres aucunes deffenses gracieuses. — Auf die 
deutsche Prosa geht der Ludus septem sapientum zurück, von 
dem mir ein Druck Frankfurt (gegen 1560) zur Verfügung steht, 
aus der Bibliothek des St. Vinzenz Stiftes zu Breslau in die Kgl. 
und Univ. Bibliothek übergegangen. Unsere Geschichte hat hier 2 ) 
einige Ausschmückungen erhalten: Der getäuschte Ehemann ist 
Menelaus, König von Sparta, der seine Gemahlin Helena so sehr 
liebte, daß er sie in einem festen Turm eingeschlossen hielt und 
die Schlüssel dazu stets bei sich trug. Der Liebhaber ist natürlich 
Paris Alexander in Phrygien, des Königs Priamus Sohn. Im Traume 
sieht und umarmt er Helena, nach deren Besitz er dann unablässig 
trachtet. In Sparta wirft ihm Helena einen Brief (schedula) vom 
Turmfenster herab und erklärt ihm ihre Liebe. Wie in der Historia 
läßt sich Helena bei der ersten Zusammenkunft zunächst mit dem 
Tode bedrohen. Auch im übrigen folgt dieser Text mit nur gering¬ 
fügigen ausschmückenden Zusätzen (Trauung im Minervaterapel) der 
Historia, und am Schluß heißt es, daß Menelaus den Rest seines 
Lebens in größter Trauer zubrachte (in luctu et squalore quod reli- 
quum erat vitae miser exegit). 

Dies sind der Hauptsache nach die wesentlichsten Formen unserer 
Geschichte im Volksbuche der Sieben weisen Meister. Die Fassung des 
altfranzösischen Dolopathos versparen wir uns absichtlich für später zwecks 


l ) a. a 0. S. 139 fl‘. *) Als septimum reginae exetnplum. 


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besonderer Gegenüberstellung zu der von uns neuaufgefündenen Version, 
Wir haben es also mit einer in sich durchaus abgerundeten und 
wohl motivierten Erzählung zu tun, in der die Steigerung der glücklich 
durchgeführten List bemerkenswert ist. Wenn daher eine Stelle aus 
der provenzalischen Dichtung Fl amen ca 1 ) hierher gestellt worden- 
ist, die nur das Motiv des unterirdischen Ganges verwendet (übrigens 
nur für die Zwecke des Eifersüchtigen), so trägt dies zur Entwicklungs¬ 
ireschichte unseres Stoffes ebensowenig bei, wie das Vorkommen des 
Schlußteils in einer lat. Cambridger Hs. 12 ) zum Zwecke der Kon¬ 
tamination mit einem anderen Stoffe, da hier der Doppeltraum so¬ 
wie die Täuschungsobjekte fortgefallen sind. Beachtung verdient 
aber, daß für das Antrauen durch einen Freund des Bräutigams von 
einem „sarrazenischen“ Gesetz die Rede ist. Diese Kürzung lautetr 
Die Gattin aber sinnt nach dieser Versöhnung auf neue Mittel, den 
Mann zu betrügen. Auf ihren Rat kauft der Liebhaber einem armen 
Nachbarn sein Haus ab und verkehrt dann fortwährend mit ihr mittels 
eines unterirdischen Ganges. Hiermit nicht zufrieden, will sie eine 
förmliche Heirat mit dem Freunde zustande bringen. Sie spricht 
zu ihm folgendermaßen: „Mein Gatte ist dein Waffenfreund. Sage 
ihm, daß aus deinem Vaterlande eine gekommen ist, die du heiraten 
möchtest; aber da es Sitte deines Landes und sariazenisches Gesetz 
ist, daß man seine Braut nur aus der Hand eines Mannes empfangen 
darf, so bittest du ihn, dir diesen Dienst zu erweisen, da du keinen 
näheren Freund hier hast. Wenn er mich dann sieht, kann er wohl 
Verdacht schöpfen und in der fremden Frau seine Flau erkennen. 
Begibt er sich deshalb nach Hanse, um sich von meiner Anwesenheit 
zu überzeugen, so eile ich voraus und begegne ihm im Schlafzimmer. 
Seines Irrtums gewiß kehrt er dann zu dir zurück, und ich eile 
wieder voraus und werde von ihm dir übergeben ‘in Gegenwart aller 
derer, die sich eingefunden haben.“ Dieses geschieht auch. Daß 
das Paar davonreist und der Mann nur das Nachsehen hat, ist nicht 
ausdrücklich gesagt, aber es versteht sich von selbst. — Ganz ver¬ 
flacht und nichts weiter als eine freie Bearbeitung der Inclusa ist 


J ) v. 1304 — 1317 der Ausgabe ;2. Aull.) von P. Meyer, Paris 1901. 

-) Anhang zur Ausgabe der Disei plina clericalis von A. Hilka und 
\V. Soderbjelui. Helsingfors 1911, S. 70. Vgl. dazu die Bemerkungen beider 
Vl. : Vergleichende» zu den mittelalterlichen Frauengeschichten = Neupililol. 
Mitteilungen (Helsingfors) 1913, S 4 ff. 


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die Erzählung in Marques de Rome 1 ), einer Fortsetzung zu den 
Sieben Weisen, wo an die Stelle des Doppeltraumes das Verlieben 
infolge der 'bloßen Anpreisung der Tüchtigkeit des Helden (Zoroas, 
eines Sohnes des Seneschals des Perserkönigs Darius) getreten ist. 
Die eingesperrte Prinzessin entbietet ihm, als sie den schlafenden 
Ritter am Fuße des Turmes erblickt hat, durch einen Brief ihre 
Liebe. Somit hat sich nur der Anfang unseres Motivs erhalten, da 
sofort weitere Berührungen mit dem Inclusastoff (die heimlichen Zu¬ 
sammenkünfte erfolgen mittels eines heraufgewundenen Korbes (cor- 
beille), was durch diensteifrige damoiseles geschieht) ausgeschaltet 
sind. „Die einzelnen Abweichungen unserer Novelle von der Dar¬ 
stellung der Inclusa sind lediglich Erfindungen und Schöpfungen der 
Phantasie unseres unbekannten Verfassers“ (J. Alton). — Ganz über¬ 
flüssig war der häufige Hinweis bei Keller u. a. auf eine metrische 
Variante bei Imbert, womit wohl nur sein conte „Les amants 
corsaires ou l’heureux stratagöme“ 2 ) gemeint sein kann; denn 
hier werden uns zwei eifersüchtige Greise vorgeführt, die ihre jungen 
französischen Frauen hinter dreifachem Verschlüsse halten, bis sie 
ihnen durch die als Korsaren verkleideten Liebhaber endgültig auf 
einer Spazierfahrt zur See entführt werden. — Zum bloßen Streich 
in Fabel form ist bereits im Mittelalter unsere Geschichte, wozu sich 
nur der Schlußteil in entstellter Form eignen konnte, herabgesunken, 
wozu Liebrecht 3 ) allerlei Parallelen, darunter aus Laßbergs Lieder¬ 
saal, beigebracht hat, im Schwank „Des trois femmes qui trou- 
verent un anneau“ 4 ). Drei Frauen kommen überein, daß der Ring 
derjenigen gehören soll, die ihrem Manne den besten Streich spielen 
würde. Die dritte greift zur List der täuschenden Ähnlichkeit: 
Sie schlägt ihrem Liebhaber vor, sie zu heiraten, und zwar solle 
dies mit Bewilligung ihres Mannes geschehen. Ein gewisser Eustache 
wird durch Geld für ihre Zwecke gewonnen, sodaß er seine Nichte 
zu verheiraten vorgibt. Ihr Mann gibt dann seine eigene Frau vor 
dem Geistlichen fort, da diese sich rasch verkleidet und die Rolle 
der angeblichen Braut übernommen hat. Es bleibt bei diesem Tausch, 

*) J- Alton, Le roinan de Marques de Rome. Tübingen 1889, S. 123 u. 173. 

*) B. Imbert, Historiettes ou nouvelles en vers (2d* ed.). Amsterdam 
1774, S. 167 ff. 

3 ) Zur Volkskunde. Heilbronn 1879, S. 127 ff. 

4 ) A. de Montaiglon, Recueil general et complet des fabliaui. t. I. 
Paris 1872, S. 175 ff. 


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weil der Gatte damit durcli seine feierliche Erklärung einverstanden 
gewesen ist, und die Frau triumphiert: „Je di que ce n’est pas prester 
(dies ist kein bloßes Verborgen).“ 

In der italienischen Novellistik fand der Stoff weitere Aus¬ 
gestaltung. Bei Sercambi 1 ) ist der Eifersüchtige der Sultan von 
.Babylonien, der seine Lavina im Turm versteckt hält. Ein vor¬ 
nehmer junger Genuese hat von ihrer Schönheit und ihrem elenden 
Dasein gehört und, als Kaufmann auftretend, erwirbt er das uneinge¬ 
schränkte Vertrauen des Sultans; er mietet einen an den Turm anstoßen¬ 
den Palast und gelangt durch den von einem Baumeister bewerk¬ 
stelligten Wanddurchbruch zur Geliebten. Doch das Mittelstück der 
Täuschungsgegenstände ist stark abgeändert. Die Schlußszene spielt 
sich zunächst an Bord des Schiffes ab; der Sultan verlobt ihm seine 
Frau, die inzwischen gut Italienisch gelernt hat, so daß jener über sein 
anfängliches Stutzen leicht hinwegkommt und schließlich beim Ar,- 
stecken des Ringes durch den Bräutigam seiner Frau den Finger 
hält 2 ). Dann findet das Mahl im Palaste des Antoniotto statt. Vorher aber 
hat er sich im Turme rasch davon überzeugt, daß Lavina in ihrem Kätig 
steckt, und auch ihr Festkleid, das sie bei der Feier getragen hat, 
wird ihm von ihr aus der Truhe vorgewiesen. Nach dem Essen führt das 
Paar dem Gaste einen tadellosen türkischen Tanz vor, was ihn zur 
raschen Heimkehr mit dem üblichen Erfolge veranlaßt. Das Feiern 
der Hochzeit wird noch mehrere Tage fortgesetzt, und nachdem des 
Nachts sämtliche Kostbarkeiten aus dem Turm in die Schiffe ver¬ 
schleppt worden sind, fährt das neue Paar, vom Sultan an den 
Meeresstrand begleitet (Lavina muß den im letzten Augenblicke der 
Abreise mißtrauisch Gewordenen nochmals enttäuschen) mit falscher 
Reisezielangabe davon. Die Verfolgung durch die gesamte Flotte 


') ed. A. d’Ancona, Novelle di Giov. Sercambi. Bologna 1871 = Scelta 
di curiosita letterarie 119, S. 96 (nov. XIII. De furto unius mulieris) — Nur 
eine entfernte Ähnlichkeit mit Inclusa hat die zweite Novelle des vierten 
Tages bei Sfraparola ed. Gins. Rua. Bologna 1898, S. 206 ff. (Verkehr des 
Paares mittels einer Kiste, in der sich der Liebhaber im Zimmer der Filenia 
versteckt hält. Der Schauplatz ist Athen. Am Schluß steht der falsche, aus der 
Tristansagc bekannte Reinigungseid). Noch weniger gilt dies für die vierte 
Novelle desselben Tages. — Die Fassungen bei Sansovino, Cento novelle 
antiche X 8 und Masuccio, Novellino nr. 38 und 40 sind mir leider augen¬ 
blicklich unerreichbar. 

2 ) Vgl. zu diesem eigentümlichen Brauch R. Köhler, Kleinere Schriften 
11 S. 586. 


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des Sultans schlägt fehl, da dessen Abgesandte in Neapel keine 
Spur der Flüchtigen finden, und der trübsinnig gewordene Sultan 
segnet bald darauf das Zeitliche. — Bei Sercarabi nimmt demnach 
der häufige Ortswechsel zwecks Enttäuschung des Eifersüchtigen die 
Stelle der Täuschungsobjekte ein, an die das Hochzeitskleid nur noch 
ganz entfernt erinnert. Immerhin bleibt der Gesamteindruck der 
Überlieferung noch gewahrt. 

MitMalespini gelangen wir wiederum zu einer schwankhaften 
Ausgestaltung, die sich weit von der Urform entfernt. Die 53. Novelle 
„Der kürzere Weg zwischen zwei Häusern“ lautet nach E. Misteli 1 ): 
„Ein reicher Schatzmeister ist der Nachbar eines Mannes, dessen 
schöne Frau es jenem angetan hat, und um deren willen er mit dem 
Manne enge Freundschaft schließt. Die Abwesenheit des letztem 
soll den Schatzmeister zum gewünschten Ziele führen. Aber uner¬ 
wartet kommt schon in der Nacht der Mann zurück und wird nur 
ungern bei seinem Freund., dem Schatzmeister, vorgelassen, wo er 
eine Weibsperson zu sehen vermeint, welche mit seiner Frau die 
größte Ähnlichkeit hat. Da die beiden Häuser miteinander in Ver¬ 
bindung stehen, so wünscht er den Verbindungsgang zu benutzen, 
um nach Hause zu kommen, wird aber genötigt, einen Umweg zu 
machen. Unterdessen kehrt aber die Frau über diesen Gang heim 
und empfängt den Mann mit einer zündenden Anrede wegen seines 
so späten Erscheinens, das sich nur durch die Annahme erklären 
lasse, daß er andern Weibern nachgezogen sei. Der Mann muß um 
Verzeihung bitten und bleibt auch in Zukunft getäuscht.“ — Diese 
Version geht auf die erste Novelle von La Sale’s Cent nouvelles 
nouvelles 2 ) zurück, wozu noch weitere Parallelen in der Fabel- 
und Novellenliteratur beigebracht werden können. Wir lassen jedoch 
diese Ableger unseres Stoffes füglich bei Seite, da sie bei ihrer 
Verflachung der Hauptform unser Problem kaum zu fördern ge¬ 
eignet sind. 

Ganz künstlerisch und frei hat das Inclusa-Motiv Bojardo in 
seinem Epos Orlando Innaraorato für die Leodilla-Episode (I, canto 
XXI—XXIII verwertet, wie C. Searles 3 ) gezeigt hat. Leodilla mußte 
den alten Folderico heiraten, der sie im Wettlauf (Atalanta-Motiv) 

') Emil Misteli, Celio Malespini und seine Novellen. 2. Aufl. Aarau 
1905, S. 60. 

*) Hg. Th. Wright, Paris 1857, I S. 1 ff. nebst Anm. II S. 252. 

3 ) Modern Language Notes XVII (1902), S. 165 ff. 203 ff. 


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4‘J 


überlistet hat, indem er drei verlockende Äpfel vor ihr zu Boden warf. 
Der eifersüchtige Alte hütet seinen so erworbenen Schatz in einem 
Schloß mit sieben Mauern und ebensoviel Türmen und Toren, was 
auf die Versio Italica zurückgeht. Der unterirdische Gang, den 
sein junger Nebenbuhler Ordauro ohne Hülfe eines Baumeisters an¬ 
legt zu seinem zwei Meilen weit davon entfernten Palaste, die die 
Dame bei ihrer fabelhaften Schnelligkeit später spielend zurückzu- 
legen weiß, die List des Gastmahls, aber ohne die Täuschungsobjekte 
(Ring, Kleider), die Entführung vor den Augen des die Liebenden 
auf ihrer Reise sechs Meilen weit begleitenden Eifersüchtigen, nach¬ 
dem Ordauro seinen Aufbruch damit begründet hat, daß ihm das 
Klima dieses Landes nicht Zusage, dies alles gibt im ganzen den 
. Rahmen unserer Erzählung gut wieder. Hingegen hat der Dichter 
ein neues Element eingefügt, das berechnet war, jene Täuschungs¬ 
gegenstände überflüssig zu machen: der Jüngling sucht nämlich von 
vornherein alle Verdachtsmomente mit dem Hinweis darauf zu ent¬ 
kräften, daß des Alten Frau eine ihr überaus täuschend ähnliche 
Zwillingsschwestern habe, die nicht einmal ihre Eltern von jener 

hätten unterscheiden können. Über die hierdurch geschaffene Un- 

• 

Wahrscheinlichkeit, da doch Leodilla nie von einer solchen Schwester 
hat etwas verlauten lassen, geht freilich nnser Epiker leicht hinweg, 
es ist klar, daß er diesen Zug der plautinischen Komödie entlehnt 
hat, auf die wir noch zurückzukommen haben. Dies paßt auch zu 
einem sonstigen Verfahren, größere Mannigfaltigkeit des Erzählten 
durch Kombination verschiedener Stoffe zu erzielen, zumal er auch 
die Antike gern umformt. 

Wenn wir nun einen Blick auf das Vorkommen unseres Themas 
in der abendländischen Märchenliteratur w'erfen, so ergibt sich 
bald, daß bei der mündlichen Verbreitung eigentümliche Formen 
entstehen, die im schmückenden Beiwerk, in Kürzungen und Zusätzen 
am meisten hervortreten. Im griechischen Märchen l ) „Die Gold¬ 
schmiedin und der treue Fischersohn“ bringt das Mittelstück die 
Entführungsgeschichte, die nicht lokalisiert ist. Ein reisender Prinz 
verliebt sich auf das bloße Gerücht hin in eine Goldschmiedsfrau, 
die mit der goldenen Krone auf dem Kopfe am Fenster sitze und 
mit dem goldenen Apfel spiele. Sein Freund, der Fischersohn, mietet 

’) I. G. v. Hahn, Griechische und albanesische Märchen. Leipzig 1864 1 

S. -201 ft'. 


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43 


für ihn ein Haus in der Nähe der Behausung des Eifersüchtigen 
und gräbt eine Höhle zu ihr. Der Turm hat sieben Stockwerke, 
•de sind mit sieben Schlössern verschlossen und die sieben Schlüssel 
führt der Goldschmied stets bei sich. Um diesen zu täuschen, ent¬ 
leiht der Prinz Goldapfel wie Goldkrone, nach deren Muster er beim 
Goldschmied Bestellungen macht. Dann muß der Mann bei der 
angeblichen Hochzeit den Brautführer machen. Durch die Höhle 
wird die Frau an den Strand auf das Schiff gebracht. Ein letztes 
Mal eilt der Eifersüchtige zurück; da sitzt sie aber noch mit der 
goldenen Krone auf dem Kopf im Sessel und spielt mit dem goldenen 
Apfel. Noch zweimal macht er diese Probe, hierauf hält er nach 
griechischer Sitte während der Trauung die Brautkronen, die er 
beide selbst verfertigt hat, über seine Frau und den Prinzen. Heim- 
gekehrt findet er das Nest leer, verwünscht seine Augen und reißt 
'ich beide aus dem Kopfe. (Die Fortsetzung geht in einen anderen 
Märchenstott über). Manches erinnert hier an Sercambi. — Der 
erste Teil eines albanischen Märchens 1 ) „Der Pope und seine 
Krau“ bringt statt des unterirdischen Ganges eine Tür zwischen den 
Nachbarhäusern und nur die Trauungszene. Der Schluß ist schwank- 
artig, da der Pope betrunken und von den Flüchtigen als Räuber aus- 
^estattet wird. Er tröstet sich nach dem Erwachen in der Gesell- 
'chaft von fünf vorbei komm enden Räubern. — Mehr scherzhaft wie 
10h ist die listige Entführung der Frau eines (buckligen) Schneiders 
•largestellt, aber in den Einzelheiten stark verwischt, in einem 
römischen Volksmärchen 2 ), in einer Novelle des Batacchi 3 ) und 
in sizilianischer*) Tradition, die zusammen eine Gruppe bilden, 
wobei mit dem Namen der Entführten Grazia für die zweideutige 
Eheeinwilligung (mi date la vostra buona grazia?) witzig gespielt 
wird. Ein Loch in der Wand beider Häuser vermittelt den Verkehr, 
eine Puppe die endgültige Täuschung. Im übrigen sind wir hier 
weit von der vollkommenen literarischen Form unseres Stoffes ent- 

1 ) (j. Meyer und R. Köhler, Albanische Märchen = Archiv f. Literatur- 
fesch. XII (1884), S. 134 ff. 

2 ) R. H. ßusb, The Folklore of Rome. London 1874, S. 399 ff. Inhalt 
b-i E. Zarncke a. a. 0. S. 4 und bei W. A. Clouston, Populär tales and 
n tions, vol. II. Edinburgh 1887, S. 218 ff. 

3 ) Novelle galanti (1800), nr. 2 r Re Barbadicane e •irazia“. 

4 ) Gius. Pitre, Fiabe, novclle e racconti popolari siciliani, vol. III. 
Palermo 1875, S. 308 ff., nr. I1G .Lu Custurcri*. 


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44 


fernt. Dasselbe wird wohl für ein schottisches Märchen 1 ) gelten, 
das mir widriger Umstände wegen heute nicht zugänglich ist. 

Die Übersicht über die abendländischen Fassungen schließe ich, 
mich zur Neuzeit wendend, mit dem Hinweis auf die dramatischen 
Bearbeitungen bei Karl Weiß 2 ), mir unzugänglich), von Kotzebue 3 ) 
„Die gefährliche Nachbarschaft“ (Lustspiel in einem Aufzuge (erinnert 
stark an das römische Volksmärchen, zu dem durch eine Vertauschung 
zweier Bräute ein glücklicher Ausgang gedichtet worden ist; der um 
seine Braut Gefoppte ist auch hier ein Schneider, die Täuschung er¬ 
folgt gleichfalls vermittels einer Öifnung in der Wand der Nachbar¬ 
häuser nebst einem sie verdeckenden Bilde) und auf Platens „Turm 
mit sieben Pforten“, Lustspiel in einem Akt (1825) (ursprünglich: 
mit achtzehn Pforten) 4 ). Platen gibt selbst an, daß er durch die 
Analyse bei Le Grand d’Aussy, Fabliaux et Contes IV. zu seinem 
Stück angeregt worden ist, das beweist auch die Erwähnung des 
Kinges, aber vom literargeschichtlichen Standpunkte aus muß man 
sich eigentlich wundern, daß er den alten lebenskräftigen Stoff 
mancher wesentlicher Motive entkleidet und das Ganze zu einer 
bloßen Entführungsszene herabgedrückt hat. Hierher gehört auch 
ein episches Gedicht von Gramberg 5 ) „Die Entführung“ (1801). 
Es beginnt mit der Irrfahrt des durch den Traum um seine Ruhe 
betrogenen Ritters, der endlich zu einem Schloß am Meer gelangt, 
vom greisen Schloßherrn wohl bewirtet wird und am Morgen eine 
Falltür entdeckt, die ihn durch einen düstren Gang zu dem so oft 
im langen Traum der Phantasie erblickten holden Wesen führt. Die 
aus einem edlen Hause Entführte und im Turm hinter zehnfachem 
Schloß Gehütete berichtet dem Ritter, daß sie den Werbungen des 


0 Campbell, Populär Tales of the West Highlands, I S. 281 ff. 

а ) Die Wiener Haupt- und Staatsactionen, Bd. VI „Der betrogene Ehe¬ 
mann“ (1724) in 3 Akten. Wien 1854, S. 75 ff. 

s ) Theater von August v. Kotzebu e, 4. Bd. Wien 1831, S. 135 ff. 

4 ) krit. Ausgabe der sämtl. Werke durch M. Koch u. E. Petzet, Bd. 
XI Leipzig, S. 265 ff. 

б ) Braga hg. Anton Dietrich, 9. Bändchen. Dresden 1828, S. 49 ff. — 
Eine Entstellung unserer Geschichte, ohne den unterirdischen Gang oder die 
heimliche Tür, steht innerhalb der mit allerlei Motiven verquickten bulgarischen 
Erzählung von der Egyluda und dem Trojanerprinzen Alexander, mit einer 
latein. Übersetzung von P. Syrku abgedruckt im Archiv f. slav. Philologie VII 
(1884), S. 81 ff. Vgl. die Schlußbemerkungen von K. Köhler zu diesem 
„kuriosen Text.“ 


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Alten bisher standhaft -widerstrebt haba, ihr aber nur noch eine drei«* 
tägige Frist beschieden sei, und sie bittet den Fremden, sie aus 
dieser Haft zu befreien. Des Jünglings • lebhafte Erzählung von 
seinem Traum und der fernen Suche erweckt alsbald den Argwohn 
in des Alten Brust: 

Er eilt, sobald er kann, die Sorge zu bekunden, 

Beurlaubt sich von seinem Gast, 

Und sucht das Liebchen sonder Rast. 

Und sieht sie wohlverwahrt in ihrem festen Kerker, 

Kein Winkelchen, das ihm Verdacht erweckt; 

Und leicht entgeht dem spähenden Bemerke!* 

Der Teppich, der den Weg zum hohen Turme deckt. 

Denn freundlicher wie sonst dünkt ihm die Holde, 

Der Argwohn flieht vor ihrem heitren Blick, 

Die Hoffnung kehrt vertraulich ihm zurück; 

Die Liebe naht mit ihrem süßen Solde. 

„Zwei Tage noch“, so ruft entzückt der Greis, 

„Wird neue Jugend und wirst du mein Preis.“ 

Unterdes hat der Ritter, der zum Strande gewandelt ist, dort einen 
Seemann gefunden, der, ausgesandt, die einem edlen Prinzen bei einer 
Jagd entführte Tochter aufzusuchen und zurückzuholen (dies ist 
durch günstige Schicksalswendung eben unsere Dame), zur raschen 
Entführung entschlossen ist. In Anwesenheit des Burgherrn wird des 
Ritters angebliche und tiefverschleierte Braut, die soeben angekommen 
sei, am Altar dem Jüngling übergeben, die Abfahrt soll bald statt¬ 
finden. 

Der Greis begehrt des Gastrechts alte Sitte; 

Er faßt das schöne Weib an zarter Hand, 

Und führet nun mit langsam schwerem Schritte 
Die Eilende zum längst ersehnten Strand. 

Das edle Paar empfängt des Schiffes Mitte; 

Das Weib zerreißt das leichte Zauberband; 

Der Schleier fällt, — der Greis sieht sich betrogen, — 

Und sicher fliegt das Schiff durch weite Wogen. 

Wir wenden uns nun den orientalischen Parallelen unseres 
Stoffes zu. Im Hauptteile einer neu-aramäischen Erzählung 1 ) 
„Der Prinz und die Frau des Juden lllik“ wird die Frau des jüdischen 
Goldschmiedes Illik in Bagdad hinter vierzig Türen gehalten. Der 
freigebige Prinz läßt sich ein kostbares Schwert, dann einen kunst¬ 
vollen Dolch vom Goldschmiede anfertigen, macht aber absichtlich 

*) M. Lidzbarski, Geschichten und Lieder aus den neu-aramäischen 
Handschriften der kgl. Bibi, zu Berlin. Weimar 1896, S. 229 ff. 


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4 « 


ihm beides, abgesehen von der reichlichen Bezahlung, zum Geschenk. 
Dasselbe geschieht mit ein Paar Armbändern, die für seine Braut 
bestimmt seien. Die Goldschmiedsfrau war auf den Bericht von der 
Freigebigkeit dieses Fremden schon lange auf ihn aufmerksam ge¬ 
worden und setzte es endlich durch, daß er in das wohlgehütete 
Heiligtum eingeladen wurde. Der Mann wird betrunken gemacht 
und an den Füßen herausgezogen. Am nächsten Tage wird ihm 
auf Anraten der Frau ein benachbartes eingefallenes Haus abgemietet, 
und der Jüngling läßt im Neubau alsbald einen unterirdischen Gang 
graben, der unter den Sessel der Frau mündet. Der Tunnel ver¬ 
mittelt den ungestörten Verkehr. Jenes Schwert, der Dolch und die 
Armbänder bilden die in der bekannten Art verwendeten Täuschungen, 
um den Juden, der sie bald bei seinem Gast, bald in seiner Behausung 
am richtigen Orte vorfindet, in falsche Ruhe einzuwiegen, Sehr fein 
bemerkt zu ihm die Frau: „Hundert Dinge gibt es, die einander 
gleichen. Was du auch jetzt bei dem Manne siehst, immer sagst, 
du, es ist mein. Es ist möglich, daß, wenn er morgen mit 
einer Frau kommt, die mir ähnlich ist, du dann auch sagst: 
es ist meine Frau. Wie sollte er zu mir gelangen, wo vierzig 
Türen vor mir verschlossen sind? Aber das ist nur, weil du ein 
böses Her/, hast und kein Vertrauen kennst, weil du ein Lump und ein 
schlechter Kerl bist.“ Dann stellt der junge Mann, der Schwert und 
Dolch mitnimmt, dem Juden dessen Frau als seine Braut vor, und 
der Gang bewerkstelligt wiederum die Enttäuschung, sodaß der 
Mann nicht mehr wußte, was er sagen sollte und so für den Schluß 
des Abenteuers gut vorbereitet war. Dem Charakter dieser binnen¬ 
ländischen Erzählung entsprechend ist von keiner Seefahrt die Rede, 
der Prinz entführt die Goldschmiedsfrau, eine weite Strecke von 
Illik begleitet, zu Pferde. Als der Jude nach seiner Heimkehr nichts 
mehr, weder Frau noch Sachen, vorfindet, rührt ihn der Schlag und 
er erliegt seinem Schmerze. — Wir sehen, daß im allgemeinen diese 
Fassung recht gut mit den Sieben weisen Meistern zusammengeht. 
Offenbar bringen beide dieselbe Urform zum Ausdruck, wobei der 
Aramäer im Bestreben nach spannender Darstellung stärkere Änder¬ 
ungen vorgenommen hat. Jedenfalls bildet seine Geschichte ein 
wertvolles Bindeglied innerhalb der Entwicklungsgeschichte unseres 
Themas. Geschickt ist das Ganze abgerundet und alles von Anfang 
bis zum Ende wohl motiviert, wie wir dies bisher nur in Frankreich 
beim ersten Auftauchen des okzidentalischen Zweiges der Sieben 


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weisen Meister gesehen haben. — Die anderen orientalischen Zeugen 
der Inclusa bieten bei weitem nicht die gleiche Ursprünglichkeit. 
In einem syrischen 1 ) Märchen liebt ein Armer die Frau eines ihm 
befreundeten reichen Juden. Sie veranlaßt den Armen, einen großen 
unterirdischen Gang bis in ihr Hans anzulegen. Als Täuschungs¬ 
gegenstände gelten hier ihres Mannes Stnte und der silberbeschlagene 
Sclinh der Frau. Diese erklärt ihm immer: „Ein Ding gleicht dem 
andern.“ Dann kommt der Hochzeitsschmauß mit der bekannten 
List. Der Schluß aber ist roh ausgestaltet, der Reiche wird betrunken 
gemacht, vergiftet and begraben, und das saubere Paar kann sich 
heiraten vor aller Welt und den Dumrakopf noch nach seinem Tode 
höhnen. — Der Stoff erscheint hier volkskundlich vergröbert. — 
Eine romantische Ausschmückung begegnet uns in der großen 
Märchensammlung von Tausend und eine Nacht in der Habicht 
sehen Ausgabe (Breslau) 2 ) „Geschichte vom Fleischhauer, seiner 
Gattin und dem Soldaten.“ Der Soldat, der die Fleischersfrau bereits 
oft genug besucht hat, legt zur größeren Bequemlichkeit den unter¬ 
irdischen Gang an, und die Frau muß vorgeben, daß des Soldaten 
Schwester, die ihr überaus ähnlich sei, nach langer Abwesenheit 
inzwischen von der Reise mit ihrem Gatten angekommen sei. Die 
Täuschungsobjekte fehlen. Der betrogene Ehemann wird in der 
Trunkenheit (vgl. das albanische Märchen) kahl geschoren, in ein 
Türkenkleid gesteckt und hinausbefördert, in diesem Wahn durch 
die Beschimpfung seiner Frau bestärkt und dadurch unschädlich 
gemacht. — Das Motfv von der zum Verwechseln ähnlichen Schwester 
erinnert uns sofort an das plautinische Lustspiel Miles gloriosus, 
das sich herübergerettet zu haben scheint. — Besser ist die Über¬ 
lieferung in einer anderen Tradition von Tausend und eine 
Nacht in der Geschichte von Kamaralsaman 3 ) und der Frau des 

*) E.Pr yin u. A.Socin, Syrische Sagen und Märchen. Güttingen 1881,8. i>7 ff 

a ) XIV, S. 60 ff. (896. Nacht) „Geschichte des Gerbers und seiner Frau.“ 
Vgl. W. Bacher, Der Miles gloriosus in 1001 Nacht = Zeitschrift der dt. 
morgen! Gesellschaft XXX (1876), S. 141 ff. W. A. Clouston, Populär tales 
and fictions, II S. 223 ff. Ausg. Henning (Reclani), Bd. XVIII, S. 158 ff. — 
VgL V. Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes, t. VIII (1904), S. 95—96. 

s ) J. von Hammer, Der Tausend und einen Nacht noch nicht übersetzte 
Märchen, Erzählungen und Anekdoten, aus d. Frz. ins Dt. übs. von Aug. F,. 
Zinserling, III.Band. Stuttgart u. Tübingen 1824, S. 355 ff. Ausg. Henuing 
(Beelam), Bd. XVII S. 5 ff. Vgl. V. Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes 
t. IV (1900), S. 212 ff. 


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Juweliers in Ba^ra gewahrt. Die Freigebigkeit dem Juwelier gegen¬ 
über erinnert zunächst durchaus an die aramäische Version, sie dient 
dem Liebhaber zur Einführung in das Haus des Ehemanns, auch der 
wiederholte Schlaftrunk bei der ersten und späteren Begegnung mit der 
jungen Frau. Das Verlieben geschieht auf das bloße Gerücht von 
der Schönheit der Dame hin, eine durch zwei Schränke verdeckte 
Öffnung in der das Nachbarhaus trennenden Wand bewerkstelligt 
den Verkehr. Es findet die Komödie mit vielen Täuschungsgegen¬ 
ständen statt: die Reichtümer des Juweliers, Möbel, kostbarer Dolch 
und Uhr, die zum Freunde herübergeschafft werden. Zuletzt ver¬ 
kleidet sich die Frau als Sklavin, und nach der letzten Probe gelingt 
die Flucht unter Mitnahme aller Schätze und einer getreuen Dienerin 
auf dem Landwege nach Ägypten. Der Juwelier folgt der Un- 
getreuen nach Kairo, wo Kamaralsaman auf Befehl seines Vaters eine 
andere ehelichen mußte, und tötet dort seine Frau nebst deren Dienerin. 
Zum Entgelt erhält er Kamaralsamans Schwester und kehrt später 
in die Heimat zurück. — Die persische *) Geschichte von den drei 
betrügerischen Frauen, von denen jede ihrem Gatten einen besonderen 
Streich spielt (vgl. das altfrz. Fablel), bringt jene erste Variante 
aus 1001 Nacht. Die Richtersfrau veranlaßt einen nach ihr schmachten¬ 
den Zimmermann den unterirdischen Gang zu ihr zu graben (die 
Botschaft überbringt ihm eine Sklavin) und sie gleich am folgenden 
Tage in seiner Behausung für seine Braut auszugeben. Der vorbei¬ 
kommende Ehemann wird gebeten, einzutreten und die Trauungs¬ 
formel zu sprechen; sofort ist er beim Anblick seiner Gattin betroffen 
und eilt, halb gefaßt, heim, da er sein Gebetbuch vergessen habe. 
Dann erregt ein schwarzes Mal an der Lippe der Frau, das er oft 
geküßt hat, seinen Argwohn und er eilt unter dem Vorwände zurück, 
erst eine notwendige religiöse Waschung zu Hause vornehmen zu 
müssen; eine Apfelhälfte, die er ihr schenkt, und ein Rubinhalsband 
dienen weiterhin zur Täuschung, bis er nach langem Sträuben in 
aller Form das Paar getraut hat. Die durch den Gang zurückgeeilte 
Frau aber mißhandelt mit ihrer Sklavin den Richter, der, ganz von 
Sinnen, in einem Irrenhause Zuflucht sucht. — Das meiste ist hier 
phantastisch ausgeschroückt und die Komik dadurch erhöht, daß der 
Mann in seiner Eigenschaft als Standesbeamter die Trauungszeremonie 
vornehmen muß. — Ein türkisches Märchen »Das mit List ge- 

*) W. A. Clouston, A group of Eastem romance6 and tales, privately 
printed (1889), S. 358 ff. nebst Anm. 9, S. 548 ff. — 


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freite Mädchen J )“ ist dadurch bemerkenswert, daß der Jüngling sich 
in ein Bild der Schönen verliebt und sich in die Stadt des Originals 
begibt. In Mädchenkleidung findet er Zutritt im Hause des Vaters 
der jungen Dame, eines Fürsten, gibt sich ihr zu erkennen, greift 
auf ihren Rat zur List des unterirdischen Ganges, und der Vater 
selbst spricht über seine eigene Tochter, die als ihre Gesellschafterin 
keck auftritt, den Trausegen, begleitet auch das Paar eine Strecke 
Weges. „Als er in das Haus seiner Tochter eingetreten war, war 
seine Tochter verschwunden. Da schickte er jenem reichen, jungen 
Manne eine Schrift: „Du hast meine Tochter mit List entführt.“ 
Das Mädchen schickte ihm seine Schrift zurück: „0 Vater, nach 
deinem eigenen Befehle hast du mich gegeben“. — Die Erzählung 
bei Gueulette*) „Aventures du vieux Calender“ können wir hier 
füglich übergehen, da der unterirdische Gang nebst sonstigem Auf¬ 
putz der Handlung nur dazu dient, einen Eifersüchtigen von seinem 
Laster durch eine von seinem Vater abgekartete Komödie zu heilen. 
Die Täuschung erhöht hier ein Muttermal der Frau an ihrem Ohr. — 
Stark abgeändert erscheint endlich der Stoff, in eine längere Novelle 
hineingebracht, deren Rahmen an Floire et Blancheflor u. ä. erinnert, 
in der auf neupersische Tradition zurückgehenden Reise der Söhne 
Giaffers 3 ). Ein bereitwilliger Freund unterstützt die von einander 
infolge der Heiratspläne eines rücksichtslosen Königs am Hochzeits¬ 
tage getrennten Liebenden Feristenus und Giulla. Diese hat den 
König, der sie in einem versteckten Gemache seines Harems zurück¬ 
hält, hinzuhalten gewußt, während der Bräutigam, ungerecht 
zum Tode verurteilt, sich aus der Haft hat in Sicherheit bringen 
können. Auf den Rat seines Vertrauten wird ein großer und schöner 
l’alast neben dem Ort, wo seine Giulla schmachtet, einem Kaufmann 
abgekauft, und nun gelangt er durch den Gang, den der in solchen 
Dingen wohlbewanderte Freund mit einer Zauberrute macht, bis in 
das Gemach der Giulla, die ihren lieben Mann mit tausend Freuden 
empfängt. Der König nimmt eine Einladung in den Palast des an¬ 
geblichen Kaufmanns an und sieht überrascht beide jungen Eheleute, 

1 ) W. Radi off, Proben der Volksliteratur des türkischen Stämme Süd, 
Sibiriens, IV. Teil.* St. Petersburg 1872, S. 393 ff. 

a ) Contes tartares (101. —104. Viertelstunde) = Cabinet des fees XXII. 
S 89 ff. dt. Übersetzung, II. Teil, Leipzig 1728, S. 151 ff. 

*) H. Fischer u. Job. Bolte, Die Reise der Söhne Giaffers. Tübingen 
1895, S. 133 ff. nebst Anin. S. 219 ff. 

Mitteilungen d. Sch los. Ges. L Vkde. Bd. XIX. 4 


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die ihn da begrüßen und die er durchaus zu kennen glaubt. Er 
kehrt um, findet aber stets alles in schönster Ordnung daheim (Hals¬ 
schmuck als Täuschungsobjekt), und als er das dritte Mal Giullas 
Arm blau und gelb drückt, um durch dies Zeichen sicher zu gehen, 
beseitigt letzteres ein von jenem Freunde auf den Arm geriebenes 
Heilkraut. Die Entführung zu Schiff geschieht bei Nachtzeit und 
ohne Begleitung des Königs, der, um alle Hoffnung betrogen, sich 
so sehr grämt, daß er in eine schwere Krankheit verfällt und in 
zwei Tagen elendiglich stirbt. — Damit sind auch die orientalischen 
Parallelen erschöpft. Wir haben aber bereits gesehen, daß sie 
sämtlich sich von jener in sich geschlossenen Form, wie sie in 
Frankreich am durchsichtigsten erscheint, nur mit Ausnahme etwa 
des Aramäers, entfernen. Auch der Umstand ist recht auffällig, daß 
der orientalische Zweig der Sieben weisen Meister unsere Wander¬ 
novelle durchaus nicht enthält. Auf Grund unseres vorliegenden, 
wenngleich reichlichen Materials ist die Ursprungsfrage kaum in 
einer bestimmten Kichtung zu beantworten möglich. Nun scheint 
allerdings das Motiv vom Wanddurchbruch in Verbindung mit der 
betrügerischen Vorspielung einer • zum Verwechseln ähnlichen 
Schwester antik zu sein, da es bereits im plautinischen Lustspiel 
Miles gloriosus auftritt und auf Griechenland, als ihren Ent¬ 
stehungsort, hinzudeuten, weil nach dem Prologe des zweiten Aktes 
ein griechisches Original ’AAagcjv *) die Fabel des Stückes ent¬ 
halten habe. Allerdings betont Clouston 2 ), es sei zweifelhaft, ob 
der griechische Dramatiker die Fabel des Stückes selbst erfunden 
oder eher einer orientalischen. Tradition entlehnt habe. Daß aber 
die Fassung von 1001 Nacht „Geschichte des Gerbers und seiner 
Frau“ direkt auf Plautus zurückgeht, erscheint trotz des auch hier 
auftretenden Schwesternmotivs, auf das Bacher 3 ) so starkes Gewicht 
legt, unwahrscheinlich (von dem Zuge, daß ein Soldat die gleiche 
Hauptrolle spielt, sehe ich ganz ab, da in 1001 Nacht ein solcher 
der Mitbetrüger, bei Plautus aber der Betrogene ist.) Bacher kann 
für den orientalischen Ursprung nur Vermutungen äußern: „Man 
könnte immerhin annelunen, daß der Stoff des Miles gloriosus, zu 

einer kurzen Prosaerzählung verarbeitet, auch in den Orient gelangte, 

. __ . % 

l ) 0. Ribbeck. Alazon. Ein Beitrag zur antiken Ethologie. Leipzig 1882 
S. 55 ü*. 

“) Populär tales and fictions. II S. 227. 

s ) a. a. O. S. 142. 


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51 


durch Erzählertradition sich forterhielt und endlich modificiert in 
unserer Erzählung fixiert wurde. Vielleicht stammt aber jener Stoff 
aus dem großen indischen Sagenquell, welcher ja von den ältesten 
Zeiten her den Occident gespeist hat, und gelangte einerseits sehr 
frühe in den Kreis der klassischen Komödie, während er andrerseits 
im Oriente selbst bis zu den Begründern der berühmtesten Märchen¬ 
sammlung sich fortpflanzte.“ *) Da aber in 1001 Nacht der geheime 
Verbindungsweg zwischen zwei von einander weit abliegenden Häusern 
mehr an die Version der Sieben Weisen gemahnt, so liegt Grund zur 
Annahme vor, daß diese letztere in der arabischen Fassung mit dem 
plautinischen Motiv, das dann eben auch sich im Orient fortgpeflanzt 
hat, kombiniert wurde. Dieser neuere Einfluß könnte demnach für 
unseren Urstoff ausscheiden. Wie Bojardo zu dieser Verquickung 
mit der Urform kam, wurde bereits oben gezeigt. 

Am kräftigsten hat noch immer E. Zarncke das schwierige 
Problem anzupacken gewußt und die verschiedenen Traditionen mit¬ 
einander zu vereinigen gesucht. Er betont 2 ) die Übereinstimmung 
zwischen dem Miles gloriosus und der orientalischen Geschichte von 
Kamaralsaman und hält alles, für Ausläufer einer ursprünglich 
griechischen Fabel, in deren Urform die Zwillingsschwester und 
die Entführung zu Schiff mit Einwilligung des Ehemannes gestanden 
habe. Nicht unwesentlich sei auch der Zug der Ausplünderung des 
Ehemannes und der Schenkung des Sklaven. Ich schätze dies 
Nebenmotiv nicht so hoch ein, es findet sich auch in der Versio 
italica und bei Sereambi, es wird uns auch im neuen Texte begegnen. 

.Vielleicht darf man aber, ohne das stillere Fortleben der 
griechisch-plautinischen Überlieferung ganz ableugnen zu wollen, 
zur Annahme übergehen, daß zu Beginn des Mittelalters eine ganz 
neue Originalform unseres Stoffes in bewußt künstlerischer Absicht ent¬ 
standen ist und teils in mündlicher teils in schriftlicher Überlieferung 

') Ganz zuversichtlich äußert sich E.Roh de in seinem Vortrage „Übergriech. 
Novellendichtung und ihren Zusammenhang mit dem Orient“ = Verhandlungen 
der 30. Versammlung dt. Philologen u. Schulmänner in Rostock. Leipzig 1870, 
S. 67 = Griech. Roman S. 596: „Wenn ich bedenke, daß die Fabel des Miles 
gloriosus in einer Erzählung der 1001 Nacht sich vollständig wiederholt, so 
weiß ich diese Tatsache, die doch gewiß nicht aus einer Kenutnis der Komödie 
selbst bei dem orientalischen Erzähler erklärt werden kann, nicht andejs zu 
deuten, als aus einer gemeinsamen Benutzung einer älteren griechischen 
Novelle.“ 

*) a. a. 0. S. 22 ff. 

4 * 


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eine ungeahnte Verbreitung im Abend- wie Morgenlande gewonnen 
hat. Ihren besten und ausgeprägtesten Charakter hat sie im west¬ 
lichen Zweige der Sieben weisen Meister erhalten, und Frankreich 
hat ihr zur reinsten literarischen Fixierung zunächst verholten. Diese 
Urform enthielt folgende Motive: 1. Verlieben durch Doppeltraum 
(oder mit einer Abart: durch Hörensagen). 2. Der unterirdische 
Gang (später wiederum gelegentlich durch Wanddurchbruch ersetzt, 
was durchaus nicht auf Plautus zurückzugehen braucht). 3. Die 
Täuschungsobjekte als Vorbereitung zu 4. Trauung im Beisein des 
Mannes oder direkte Übergabe der Frau an den Liebhaber durch 
den eigenen Gatten. 5. Die Entführung zu Schiffe. Dies ist der 
mittelalterliche Inclusa-Stoff, der nun den merkwürdigsten 
Wandlungen und Wanderungen ausgesetzt worden ist. Wir haben 
sehen können, wie Kürzungen und Auslassungen einzelner Teile 
ebenso sehr wie Erweiterungen (etwa in der Zahl und Art der 
Täuschungsgegenstände oder im Schicksal des gefoppten Ehemannes) 
in buntester Fülle den Occident wie den Orient betroffen haben, 
letzteren aber besonders schwer, so daß nur die aramäische Erzählung 
ein gutes Bindeglied darstellt. Wird sich ein Schluß über die 
Herkunft der Inclusa ziehen lassen? Gern greift man alsbald 
zur orientalischen Hypothese. Dafür ist aber bisher nur das erste 
Motiv (Verlieben durch den Traum) ins Feld geführt worden, 
an das selbst Zarncke 1 ) erinnert und das nach Clouston 2 ) durch¬ 
aus orientalisch („essentially Oriental“) sein soll. So weist er bezüglich 
des Anfangsmotivs des Träumens von einem fernen geliebten Wesen 
auf die indische Väsavadattä des Subandhu (7. Jhdt.) hin- und 
Chauvin 3 ) bringt weitere Beispiele bei. In der Tat mag dies 
„poetische Motiv der Traumliebe“, von E. Rohde 4 ) meisterhaft 
beleuchtet, ein asiatischer und namentlich indischer Einschlag 
sein, zumal noch das erste Erblicken des Geliebten im Traum mit 
der freien Gattenwahl des Mädchens verknüpft erscheint, was gleich¬ 
falls Rohde treffend betont hat, so daß auch der griechische Roman 
diese Traumliebe (im Bericht des Chares vonMytilene) übernommen hat. 

') a. a. 0. S. 22, Anm. 1 u. 26. 

a ) Populär tales and fictions, II S. 228 und The Book of Sindibäd, 
S. 346—47. 

3 ) Bibliogr. des ouvrages arabes V S. 132. 

4 ) Der griechische Roman und seine Vorläufer. 3. Auflage. Leipzig 1914, 
S. 47 ff., besonders S. 53 Anm. 4. 


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„Die Beliebtheit eines so sonderbaren Motives erklärt sich gerade 
im Orient sehr einfach aus dem eingeschlossenen Leben der Frauen 
und der dadurch veranlaßten Verlegenheit der Romanschriftsteller 
um ein Mittel, ihre Paare zusammenzuführen. Aus demselben 
Grunde lieben sie es, den Helden in ein Bild *) des nie zuvor 
gesehenen Mädchens sich verlieben zu lassen. Auch dieses Motiv 
stammt vermutlich aus Indien. Zuweilen werden beide Motive, 
Traum und Bild verbunden.“ Immerhin fragt es sich, ob dieses 
Kriterium des Anfangsmotivs ausreicht, den Gesamtstoff von 0 (Urform 
der Inclusa) als orientalisch anzusehen, selbst wenn man nicht zur folk- 
loristischen Deutung eines solchen rein märchenhaften Motivs (ich 
erinnere an Jaufre Rudels amor lonhtana) übergehen will. Zarncke 
äußert sich ganz vorsichtig: „Es ist schwer zu sagen, wie die 
Inclusa nach Frankreich gekommen ist. Ihre auffallende Ähnlich¬ 
keit (Verlieben aber auf Grund einer Schilderung der fernen Schönen!) 
mit dem griechischen Märchen könnte uns wohl veranlassen, sie als 
direkt aus Griechenland entlehnt zu betrachten; nimmt man doch 
dasselbe jetzt allgemein von Flor und Blancheflor an. Freilich 
scheint das Motiv der beiden Träume dem zu widersprechen, das 
doch wohl orientalischen Ursprungs sein wird; aber wer wollte jetzt 
noch feststellen, wie eine derartig weithin verbreitete Erzählung und 
wo vor allem sie die Gestalt erhielt, in der sie aufgezeichnet wurde?“ 2 ) 
So müssen wir die erneut aufgeworfene Frage in der Schwebe lassen 
und Zusehen, ob ein bisher unbekannter Text, auf den wir gestoßen 
sind, uns weiter bringen kann. 

Die Handschrift der Herzogi. Bibliothek Wolfenbüttel 671 
(Heimst. 6*22 3 ), ein Sammelkodex mit 17 Stücken, von verschiedenen 
Händen des XV. Jahrhunderts geschrieben, bringt als Nr. 10 ein 
Filo überschriebenes lat. Gedicht in 472 Hexametern, das nach der 
Inhaltsangabe der Hs. auf einem Vorsatzblatte, wohl von Polykarp 
LeysersHand, näher beschrieben wird als: Filo, seu Carmen Amatorigm, 
ad modum Roraanzarum quas lmdie vocamus, descriptum, incerti 
Auctoris. Die Dichtung entstammt derselben deutlichen Hand wie 
von BI. 75—181 die Stücke: Bernhardus de laudum titulis — 
Descriptio cuiusdam doctoris Henrici praepositi in Erfordia = 

] ) V. Chauvin V S. 132 bringt weitere Belege. 

2 ) a. a. 0. S. 22 Anm. 1. 

3 ) Vgl. v. Heinemann, Die Hanrlscbrifteu der Bibi. 7.u Wolfenbüttel, I 2 
'1886j, S. 83. 


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r>4 

Oecultus 1 ) — Peregrinus seu Carmen de instructione peregrinantium 
— Pyramus bis carmine expressus 2 ). Unser Text steht auf Bl. 14ti r — 
15tiv, einspaltig zu je 21 Zeilen. Die Initialen sind nicht aus- 
geführt, dafür ist freier Raum gelassen. Diese Dichtung, von der Polykarp 
Leyser 3 ) bereits den Anfang (v. 1 —113) abgedruckt hat, ist bisher 
unberücksichtigt geblieben, wie mir auch ein hervorragender Kenner 
wie Joh. Holte freundlichst bestätigt hat. Dies rührt auch daher, 
daß die Anfangsverse bei Leyser keinen Einblick in den Gang der 
Handlung gewähren, ebensowenig seine dort angeführte Angabe: Narrat 
deinde carminis auctor Filonem voti sui memorem Tyrum naue con- 
scensa profectum, a Zenone hospitio exceptum, et tandem singulari 
artificio Feloniam secum in Graeciam duxisse. Jenes „singulare artifi- 
cium“ bildet aber gerade den Kernpunkt unseres Themas. Der Inhalt 
lautet nämlich folgendermaßen: 

In Griechenland, der Mutter aller Studien, lebte ein au allen irdischen 
Schätzen reich gesegneter Mann, namens Filo (= Philo). Schönheit und edle 
Geistesgaben zeichneten ihn aus, dazu der Jugend Kraft und Anmut. Er ließ 
eine weibliche Statue aus parischem Marmor, alles täuschend nachgebildet und 
reich verziert, mit einer Krone auf dem Haupte und in prächtiger Gewandung, 
wobei weder Gold noch Edelsteine gespart wurden, von Künstlerhand für sich 
verfertigen und in seinem Hause in einer Halle aufstellen, zu der nur wenige 
Vertraute Zugang hatten. Von der Schönheit dieses Bildes bezaubert nahm er 
sich vor, nur ein gleiches lebendiges Ebenbild dereinst zu seiner Gemahlin zu 
erheben. So blieb er lange Zeit unvermählt. Einst kam aus Tyrus ein reicher 
Mann zu ihm, namens Zeno, den er aufs beste bewirtete und dem er alle 
Schätze seines Hauses vorwies, das goldene Hausgerät und die stattliche 
Dienerzahl. Dem Gastfreund zu Ehren erscholl lauter Festesklang bei Musik 
und Tanz, als ob alle neun Musen die Feier verschönern wollten. Endlich 
führte, er ihn auch vor sein geliebtes Bild in seinem Heiligtum. Kaum ward 
Zeno dessen ansichtig, so stürzte er, vor Schrecken und Staunen starr, zu Boden 
und erholte sich nur langsam von seiner Ohumacht, worauf er in heftige Klagen 
ausbrach, welch unseliges Geschick oder welcher Räuber ihm seine geliebte 
Frau Filonia (= Philoneia) entführt und hierher gebracht habe. Mit Mühe be¬ 
ruhigte ihn der Grieche durch den Hinweis darauf, daß er nur ein Bild vor 
sich habe, doch sofort richtete er an ihn die neugierige Frage, ob seine Gattin 

1 ) Hgb. Theobald Fischer, Nicolai de Bibera Cannen satiricum = 
Gcschichtsquellen der Provinz Sachsen I. Erfurter Denkmäler. Halle 1870> 

S. 37 fl. 

2 ) Hgb. E. Farad, Recherches sur les sources latines des contes et romans 
couitois du mojen äge. Paris 1913, S. 41 ff. 

3 ) Polycarpi Leyscri Hißtoria poetarum et poematum medii aevi. Halae 
1721, S. 2081 ff. Folgende Lesefehler darin: v. 17 Immo — 25 similis — 62 
simile — 71 varias — 74 resoluit — 86 se pelle — 96 natum — 100 conueniunt. 


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55 


sich durch gleiche Schönheit auszeichne. Dies bestätigte der Tyrier, voll Lobes 
über die täuschende Ähnlichkeit. Der Grieche aber bewahrte alle seine Worte 
wohl in seinem Herzen und hörte mit Vergnügen auf alle Lobeserhebungen des 
Tyriers, der nicht müde wurde, seine Frau zu preisen. Im kühlenden Schatten 
prächtiger Bäume eines Gartens, in den beide traten, setzten sie ihre Gespräche 
fort und hier hatte Filo Gelegenheit, alles Nähere über die Heimat und 
Wohnung seines Gastes zu erfahren (77). 

Nach einigen Tagen verabschiedete sich Zeno von seinem edlen Wirt und 
kehrte nach glücklich überstandener Seefahrt nach Tyrus zurück. Freudig 
begrüßte ihn seine Filonia und, nach dem Grunde seiner längeren Abwesenheit 
befragt, gestand ihr Zeno, noch immer von jenem seltsamen Zusammentreffen 
mit dem seiner Frau so sehr gleichenden Bilde aufs heftigste erschüttert, 
was er in Griechenland gesehen batte. Er rühmte die jugendliche Schönheit 
seines Wirtes, seinen Reichtum, seiuen feinen Anstand und seine Klugheit und 
bei der Erzählung von seiner durch jähe Bestürzung hervorgerufenen Ohnmacht 
vergaß er nicht, ihr seine hierdurch bewiesene große Liebe zu versichern. 
Filonia tröstete ihn wegen der ausgestandenen Angst und fügte hinzu, daß 
sein Erlebnis in der Tat wunderbar sei (113). 

Filo jedoch, eingedenk seines Vorsatzes und des fernen vor ihm gerühmten 
Ebenbildes, beschloß sein Glück zu wagen. Auf zwei mit allerlei Kostbar¬ 
keiten beladenen und prächtig ausgeschmückten Schiffen stach er in See, nach¬ 
dem er getreuen Dienern die Obhut über seine Statue anvertraut hatte. Die 
Fahrt verlief glücklich, angenehm verkürzt durch Musik, Tafelfreuden und 
Becherklang. Bald sahen sie die Zinnen von Tyrus vor sich zu ihrer Freude 
aufsteigen. Heiter stieg Filo mit seiner Begleitung ans Land und vor den 
Mauern der Stadt «schlugen sie ihr prächtiges Zeltlager auf. Von den hohen 
Mauern aus hatte bereits Zeno die Ankunft der Fremdlinge bemerkt, er eilte 
hinaus und begrüßte den griechischen Gastfreund mit unverhohlener dankbarer 
Freude., Hierauf führte er Filo nebst Gefolge in seinen Palast, wo er ein 
rauschendes Fest für sie veranstaltete. Filonia aber, die von der Ankunft des 
Griechen Filo bereits vernommen hatte, trauerte voll Bitterkeit, daß es ihr nicht 
vergönnt war, ihn zu sehen. Am Abend fand das Festmahl statt, zu dem all 
erdenklicher orientalischer Luxus aufgeboten wurde; Speisen, Getränke, Musik 
bewiesen des Tyriers dankbare Gastlichkeit, aber Filonia blieb unsichtbar und 
Filo mußte ohne den Genuß ilirea Anblicks in sein Lager draußen vor der 
Stadt zurückkehren. Am nächsten Tage besuchte ihn dort Zeno. Man trieb 
Kurzweil mit Schach- und Würfelspiel, die reichlich versehene Küche bot ein 
auserlesenes Mahl und das Spiel gab ihrem Beisammensein einen harmonischen 
Abschluß. Da wagte Filo die scheinbar harmlose Frage, warum sich noch 
immer Filonia seiner Begrüßung entziehe. Zeno erwiederte kurz, er könne 
niemandem ihren Anblick gestatten. Von einer Schar Jungfrauen umgeben, 
müsse ihr der Verkehr mit dem Gatten genügen. Darüber verwundert billigte 
Filo diese Art von Verwahrung eines so kostbaren Schatzes, erbat aber die 
Erlaubnis, ihr seine Hochachtung durch ein Ehrengeschenk zu bekunden. Da¬ 
mit war Zeno zufrieden und verlangte nur, daß eine der Jungfrauen es persönlich 
abhole. Daheim übermittelte er Filonia den Wunsch des Fremden, sie zu ehren, 
und bald erschien in Filos Zelt ihre Vertraute Dina mit besonderen Grüßen 


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ihrer Herrin, viel bewundert von den anwesenden Griechen. Sie nahm die 
Ehrengabe in Empfang, auch ein persönliches Geschenk und der freigebige 
Grieche bat sie zu melden, daß er lieber das Geschenk an Filonia selbst iiber- 
braeht als nur übersandt hätte. Dies richtete Dina getreulich aus und wurde 
nicht müde, all die Vorzüge des unvergleichlichen Fremdlings anzupreisen (218). 

Filonia besaß einen kostbaren King aus Gold mit einem Hyazinth und 
schickte durch Dina diesen als Gegengabe au Filo, zugleich als Unterpfand ihrer 
Liebe und Treue. Denn bereits war ihr Herz in Liebe entflammt, da sie schon 
längst durchschaut hatte, daß Filos Reise nur ihr gelte und keinem anderen. 
Da unterdessen Zeno seinem Freunde ein Absteigequartier nahe bei seinem 
Palaste eingeräumt hatte, so bat sie Dina, ihr behilflich zu sein, eine heimliche 
Zusammenkunft zu ermöglichen. Sie möge dem bereits heißgeliebten Manne 
den Auftrag ihrer Herrin schlau ausrichten, durch zwei ihm ergebene Griechen 
einen unterirdischen Gang bis zu ihrem Gemach anlegeu zu lassen; der eine 
könne graben, der andere die Steine sichernd zusammenfügen, und nur des 
Nachts dürfe die Arbeit von statten gehen, damit in Zenos Abwesenheit das 
Herüberschlüpfen Filos gelinge. Zeno, der bei seiner Gemahlin erschien, 
bewunderte das Geschenk seines Gastfreuudes und gab gern seine Einwilligung, 
daß Dina das Gegengeschenk überbrachte. Sie entledigte sich des Auftrages 
Filonias überaus gewandt. Filo schwamm in eitel Freude, desgleichen seine 
Mannen, die er ins Geheimnis einweihte Es dauerte auch nicht lange, so hatte 
er zwei tüchtige Meister zur Hand, die freiwillig ans Werk gingen und umso 
eher es vollendeten, als bereits ein solcher Gang von ihnen nach den ersten 
Spatenstichen vorgefunden wurde, so daß sie alles eben nur auszubauen und zu 
vollenden brauchten. Filo jubelte, daß ihn das Glück bei seinem Vorhaben 
so sehr unterstützte. (265). 

Dina selbst konnte eines Tages, als sie die fremden Männer aus dem Gange 
in der Kammer ihrer Herrin emportauchen sah, die Ankunft Filos ankündigen, 
da eben Filonia sich allein befaud. Kaum wollte diese der freudigen Bdtschaft 
Glauben schenken, doch schon stand der vielgepriesene, so lange von ihr ge¬ 
trennte Grieche vor ihr da. Es war frühmorgens, die Schar der Jungfrauen 
schlief noch und von Zeno war nichts zu befürchten. Beide konnten sich im 
gegenseitigen Bewundern nicht genugtun und erneuerten das Band unverbrüch¬ 
licher Zuneigung und Treue, während Dina sich zartfühlend zurückzog. Beiin 
Abschied nahm Filo allerlei Gegenstände; die Zeno gehörten, an sich, einen 
Tisch, mehrere Leuchter und eine Schüssel, die seine Getreuen durch den Gang 
in seine Behausung fortschleppten und dort auf seinem Tische recht deutlich 
sichtbar aufstellten. Inzwischen tilgten Dina und Filonia alle Spuren seiner An¬ 
wesenheit hinweg, die Mündung des Ganges und den Fußboden verdeckte ein 
Teppich (291). 

Wie gevföhulich stattete einst Zeno seinem Filo einen Besuch ab und 
entdeckte erschrocken seinen Tisch, die Leuchter und die Schüssel. Aber auf 
seine verwunderte Frage nach dem Ursprung dieser Geräte bekam er von Filo 
die Antwort, daß dieser dies alles aus Griechenland mitgebracht habe. Uber 
diese Ähnlichkeit brauche er nicht zu staunen, da Zeno doch selbst zu seiner 
vollen Zufriedenheit über ein weit bedeutenderes Zusammentreffen ähnlicher 


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Umstände bei jenem Bilde in Griechenland aufgeklärt worden sei, das er an¬ 
fänglich für seine eigene Frau gehalten habe. Noch immer betroffen schwieg 
Zeno, mußte ihm aber kleinlaut beigeben und eilte auf seinem weiteren Ober¬ 
wege zu Filonia, um seines nicht gänzlich überwundenen Verdachtes loszuwerden. 
Geschickt und weit schneller brachte Filo durch den geraden Tunnel die Geräte 
an ihren früheren Standort zurück, ohne Filonia zu sehen oder zu begrüßen. 
Als Zeno bei Filonia erschien, fand er alles in schönster Ordnung am richtigen 
Platze wieder, konnte es aber nicht unterlassen, ihr seine merkwürdige Be¬ 
obachtung mitzuteilen. Ihrem Nachweis, daß niemand außer den zu ihrer 
Hut befohlenen Jungfrauen ihr nahen könne und auch Dina nichts von seinem 
Hausrat mitgenommen habe, konnte er sich nicht verschließen. Wie könne er 
sich überdies über die Ähnlichkeit der von Filo aus der Heimat mitgebrachten 
Gegenstände wundern, da jenes Standbild ihr gleichfalls so maßlos ähnlich 
gewesen sei! (325). * 

Am nächsten Tage begab sich Zeno auf die Jagd und war vom Waidglück 
begünstigt, während Filo bei Filonia verweilte. Diesmal nahm er Waffen des 
Hausherrn, Panzer, Schild und Helm zum gleichen Zwecke wie früher mit. 
Als nun gegen Abend Zeno bei ihm erschien, fiel sofort sein Blick auf die be¬ 
wußten Waffen und er glaubte sie als sein Eigentum beanspruchen zu müssen. 
Doch rasch fiel ihm Filo ins Wort, er tadelte ihn wegen dieses abermaligen 
Mißtrauens einem Freunde gegenüber und hielt ihm vor, daß er wiederum sich 
durch ähnliche Äußerlichkeiten bestechen lasse, während doch ein Künstler 
auf der ganzen Welt unschwer solche Nachbildungen verfertigen könne. Wie 
jenes Bild, so seien auch diese Waffen unfehlbar sein Eigentum. Zeno konnte 
nicht umhin, ihm recht zu geben. Die Rückgabe der Waffen durch den Gang 
erfolgte prompt genug und Zeno, dem dieselben Gründe von seiner Frau entgegen¬ 
gehalten wurden, mußte diesmal Abbitte leisten und feierlich versprechen, sie 
nicht mehr mit seinem kleinlichen Verdachte zu belästigen (362). 

Frühmorgens trat Zeno eine dreitägige Geschäftsreise an. Unser Paar 
war wieder beisammen und wagte etwas Entscheidenderes, insofern als Filo 
seine Filonia mit derselben prunkhaften Gewandung, wie sie daheim ihr Eben¬ 
bild trug, versah und in seine Herberge führte. Seine griechischen Begleiter 
staunten alle über diese feenhafte Erscheinung, die alles von ihnen bisher Ge¬ 
sehene überstrahlte und sie huldigten begeistert ihrer seltenen Schönheit. Als 
Zeno von seiner Reise heinikehrte und Filo den gewohnten Besuch abstattete, 
sah er das ganze Haus voll Festesstimmung und seine Frau an der Seite Filos, 
so daß er verblüfft sich dies alles nicht erklären konnte. Filonia aber hatte 
die Weisung erhalten, weder zu sprechen noch eine Bewegung zu machen. 
Endlich gedachte Zeno des bei Filo gesehenen Bildes und fragte, ob er es etwa 
nochmals vor seinen Augen sehe und ob es sich bewegen könne und ob etwa 
die mitleidige Natur inzwischen der schönen Gestalt auch Stimme und Bewegung 
gewährt habe. Es fehlte nicht viel, so wäre das Paar in lautes Lachen aus¬ 
geplatzt. Als Filo die Frage verneinte, stürzte Zeno eilends von dannen unter 
dem Vorwände, das Wunderbare seiner Frau berichten zu müssen. Schnell 
hatte Filonia die Prunkgewänder abgelegt und war ihrem Manne durch den Gang 
vorausgeeilt. Bald berichtete er ihr von dem unerwarteten Auftauchen des 
marmornen Ebenbildes, sie jedoch hieß ihn gutes Mutes sein, könne er doch 


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ein geliebtes Weib aus Fleisch und Blut sein eigen nennen, während der Grieche 
nur den Marmor anbeten könne. So war auch diese Täuschung, der Vorbote 
einer größeren und letzten, gelungen (413). 

Am nächsten Tage mußte Zeno seinen Geschäften nachgehen, sein Weib 
nahm die Griechen bei sich auf und diese schafften alle Kostbarkeiten Zenos 
zu den Schiffen fort. Indes war bereits das Gerücht verbreitet, daß die 
Fremden alles zur Abreise vorbereiteten und Kilo, bei dem Zeno dann vorsprach, 
bestätigte diese Nachricht: es sei unziemend, die Gastlichkeit eines Freundes 
allzu lange in Anspruch zu nehmen und ohnehin habe er weit länger bei ihm 
als umgekehrt geweilt. Nichts könne jetzt seine Rückkehr aufhalten: nur das 
eine bedauere er schmerzlich, nie Filonia erblickt zu haben. Zeno tröstete ihn 
gutmütig: deren Anblick ersetze doch stets das Anschauen des geliebten und 
so ähnlichen Bildes. Filonia saß wieder stumm und wie versteinert auf ihrem 
Piedestal in der bekannten Gewandung und wurde nun durch Filos Gefolge 
zum Strande getragen. Zeno begleitete sie dahin und küßte alle beim Abschied, 
auch die vermeintliche Bildsäule. Noch lange stand er da und verfolgte mit 
den Augen die hurtig davonsogelnden Griechen. Als er jedoch heimkehrte und 
ein6ah, daß er der Gefoppte sei, brachte er seine Klage ob des Betruges bei 
allen Tyriem vor. Zum Schaden hatte er aber den Spott seiner Landsleute zu 
tragen, die die Schlauheit des Griechen bewundern mußten. Kilo legte glücklich 
die Heimreise mit seinem Schatze zurück und veranstaltete ein rauschendes 
Hochzeitsfest, zu dem von nah und fern Gäste erschienen, die nicht müde 
wurden, seine Erwerbung zu preisen. Schließlich führte Kilo die Neuvermählte 
vor das Marmorbild, die Ursache ihres Glückes, und Filonia spendete reichliche» 
Lob des Bildhauers Kunst, der sie alles verdankten. 


Text der neuen Version. 

Incipit Filo. 

Qrecia, suinmorum fecunda parens studiorum, fol. 146 r. 

Clara viris doctis, argeuto dives et auro, 

Filonem genuit, pollentem rebus et arte. 

Res sibi Fortuna partim, non oinnibus una, 

5 Ars partim dederat, partim quoque cura parentum; 

Agros, ancillas, pecus, aurum, rnenia, villas, 

Gemmas, argentum, vestes numerumque clientum 
Hic homo possedit, nichil ex hiis defuit illi. 

Annis florebat nec erat quis pulchrior illo; 

10 Prudens, facundus, hilaris nullique secundus. 

Nil Deus hic oblitus erat Naturaque dives. 

9 pulchior. 


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59 


Hic speciem üeri iussit similem inulieri, 

Marmore descctam Pario, varie redimitam. 

Os, nares, oculi, guttur, collum, caput omnc, 

15 Crura, pedes, digiti, manus utraque, brachia, venter 
Pulchre disposita sunt, gratissima cuncta videnti. 

Juno, Diana, Venus, Pallas cum Dcjdanira 
Isti cessissent aut, si presens Paris esset, 

Hic Helenam forma decerneret inferiorem. 

20 Kilo diversis ornatibus induit illam: 

Aures cum collo, cum pectore brachia gemmis fol. 146^ 

Justis auro micuere caputque corona. 

Jaspis, smaragdus, carbunculus atque topazon, 

Sardis, crisolitus, saphirus, onix, ametistus 
25 Hic fulget, hie iacinctus sirnul atque berillus, 

Purpuream clamidem viridi tunice superaddit. 

Gemmis intextis auro micat utraque vestis; 

Digna suo cultu speciosa probatur ymago. 

Sic ars artiiicis, sic est manus hic operata. 

80 Hane Kilo celsa servandam ponit in ede. 

Aula patet paucis, paucis accedere fas est, 

Tactibus liumanis ne degeneraret ymago. 

Hic quoque secum decrevit Votum faciendo 
Uxorem sibi ducendam nunquam nisi talern, 

35 Tarn pulchram, quoque tarn mundam sicut et redimitam. 

Sic aliquod vir deduxit sine coniuge tempus. 

Vir quidam Tyrius, cui Zeno nomen, ad huius 
Hospicium venit casu quo nescio ductus. 

Filo dives erat nec dives eo minus ille. 

40 Suscipitur dives a divite diviciasquc fol. 147*, 

Ostendunt, sumptus, ex auro vasa domusque 
Inclita cortinis, fainuli famulatus et ordo; 

Organa cum cithara, lira, timpana menia coinplent, 

Hospes susceptor, hospes susceptus ovantur. 

45 Musice dulcedo mulcet famulos utriusque, 

Congaudent, plaudunt, saltant ducuntque coreas, 

Ut Musas hic iurares cantare novenas. 

Post ludum Filo Zcnonem ducit in aulam, 

Inclita qua stabat, qua servabatur ymago. 

50 Quam cum vidisset hospes, ruit obstupefactus 
Atque diu sine voce iacet, tandem redit in se 
Cumque gravi gemitu, clamore gravi replet aulam: 

„Hach me! ve misero! michi qualiter uxor amanda 
Huc mea devenit? quis eam michi casus ademit? 

55 Egrcdiens te, cara v domi, Filonia, reliqui! 

_ • 

32 ne dignaretur ym. — 37 cui ceno n. — 45 Musica d. — 4S ccnonem 


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_«0 

Quis predo, quj s f ur h uc ra pt am michi duxit?“ 

1 o refert. „Hospes, erras: non huc tua venit 
oniunx. Hec ad me spectat, quam cernis, ymago. 
* c ’ ro & 0: numquid habes uxorem tarn speciosam, 
Que tanto cultu niteat, sic inclita vultu?* 

H,c ait: „A specie nichil hac uxor mea differt, 

Si tarnen hec simili fruitur spiramine vite.* 

Ergo miratur speciem mirandoque laudat 
Hospes et assidua Filoniam mente revolvit, 

€5 Nil differre duas repetens, similes sed utrasque. 

Filo notat que Zeno refert, auditque libenter. 

Post hec hospicio simul egrediuntur in hortum. 

Hic gratum gramen, hic colloquiis locus aptus; 
Expansi rami prebent hic arboris umbram. 

70 Hic residere viris placet, hic describit uterque 
Inter sermones varios, quos mutuo dicunt. 

De regione sua quesivit ab hospite Filo ^ 

Atque locuin nomenque loci, sua que domus esset. 
Ille suo susceptori quesita revolvit: 

75 »Filo, mee patrie nomen Tyrus, Tyri urbis 
Diviciis mee nemo mea precellit in urbe: 

Cunctas in patria specie mea femina vincit.* 

Paucis mansit apud Filonem Zeno diebus. 

Ad patriam tandem rediens proticiscitur ille 
^ Per mare, per terras silvasque, pericula magna 
Evadens patriam terrain reprehendit et urbem. 
Occurrunt et suscipiunt famuli venientem 
Et gaudens sua gaudentem Filonia recepit. 
Consederunt et, colloquiis dum dulcia iungunt 
85 Oscula multa, virum rogat hec causamque morarum. 
Ille refert se veile prius nec posse redisse. 

Tune illi subiit in mente Filonis ymago: 

„Heu michi! a proclamat, „que me vidisse recordor, 
Delectat mea visa loqui, dum visa retrudit! 

90 Dum recolo, stupor invadit mentera recolentis, 

Ille stupor, qui me tenuit, dum talia vidi.* 
lila virum quod narret ei, que viderat, orat, 

Oscula dans collumque viri complexibus arctans. 
„Hospicio me Grecus“, ait, „Filo, vir honestus, 

95 Excepit, quem divicie, virtus, honor ornant. 

Hunc fecit Fortuna virum michi prospera noturn. 
Nemo fere laudare potest, ut convenit, illuin; 

Ut taceam de diviciis et menibus altis, 

80 tanta c. — 68 ceno — 67 in ortum — 69 arbore — 71 v 
— 78, Adque — 88 Ey michi — 92 que vidit o. — 96 natum 


fol. 147* 


fol. 148 r. 


. qui m. 4. 


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61 


Annis, consiliis Höret vultusque dccore. 

100 Virtutes convenerunt omnes in eundem. 

Grecia tota parem Piloni non habet unum. .fol. 148*. 

Huius in ede viri, quc mira modo loquar, audi: 

Par tibi, nil distans, stat ymago statu specieque, 

Tarn vultu tibi quam cultu penitus similatur. 

105 Hane vidi stupuique videns, de te michi raptam 
Esse putans, cecidi iaeuique diu sine voce. 

Vix solans michi restituit sensum pius hospes. 

Ne talem mirere, rogo, dilecta, stuporem: 

Hoc tuus egit amor tidumque meum tibi pectus. 

110 Filo tuam commendabat spcciem licet absens, 

Qua sua me testante pari fulgebat ymago.“ 

Auditum conquesta viri Pilonia stuporem 
Esse probat miranda satis que dixerat ipse. 

Filo sui voti memor et pulchre mulieris, 

115 Quam se Zeno domi iactarat habere maritam, 

Expensis binas multis studioque carinas 
Instituit, rerum complens opibus variarum, 

Argentum, gemmas, ebur, aurum, strenua vasa, 

Aureas ciatos, discos, vestes preciosas, 

120 Hec et que numerum superant fert omnia secum, 

Gaudia que mundi dicuntur honorque decusque. 

Eius ymago domi servata remansit in aula, fol. 14$*. 

Cetera custodes sua [iussit] servare fideles. 
llli quique rates ingressi carbasa tendunt, 

125 Remos inponunt, assumitur anchora, pergunt, 

Ornant et firmant pendencia stura (?) carinas. 

Intus lorice, galee servantur et enses, 
ln summis malis utriusque ratis micat aurum, 

Velorum synuosorum pictura refulget. % 

130 Cursus prosper eis Fortunaque prospera favit, 

Naves Filonis portant genus omne melodis, 

Hec utreque ferunt naves quoniam et bona multa. 

Hic tuba, tympana, lira, iigtula dulce resultat, 

Organicum, cithara delectat et lira nautas 
135 Dantque dapes varie, dat gaudia nobile vinum. 

Multas a dextris regiones atque sinistris 
Castraque firma vident, que pretereunt sine clade. 

Tandem Filo Tyri turres et menia celsa 
Aspiciens gaudet, cui congaudet sua turba, 

140 Qui reliquis maiora notans, hic menia quedam. 

Tendit eo ratus esse sui Zenonis amici 

105 Hunc — 107 V. solens — 115 ceno d-iactaret — 119 Auleas. — 141 T. 
eo ixatns e. 


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PRINCETON UNIVERS1TY 




Et ccrte Zcnonis erant in littore structa. 

Applicuerc rates, iniungitur anchora ponto. 

Filo sagax prope Zcnonis nmros sua figi 
145 Castra iubet, qtiibus io summo micat aurea pinna. 
Sed Zeno per cancellos a menibus altis 
Prospiciens et castra videns descendit ad illa. 

Qui vcniens et cognoscens in pace salutat 
Filonem miroque modo letatur in huius 
150 Hospitis advcntu, cui donans oscula grates 
Pre collatormn meritis agit officiorum. 

Non inodus est ibi leticie, convivunt utrique; 
Suscipiens hospes gaudet susceptus et hospes, 
Filonis quoque suseeptis nautis famulisqae 
155 Oscula dans pro magnificis grates refcrendo 
Obsequiis sibi collatis apud hos aliquando. 

Hospicio caris introductis peregrinis 
Vasa iubet poni cum dulcibus aurea vinis. 

Filonie patuit quod Filo Grecus adesset. 

160 Quem dolet ipsa sibi licitum non esse videre. 
Tempus adest vcspertinum, iain cena paratur: 

Hic Tjrie monstrantur opes et gloria Grecis, 

Pallia, cortine cameras, laquearia muros, 

Pulvilli molles auro sericoquc micantes 
165 Exornant sedes, pavimenta tapecia strata. 

Mense ponuntur conditaque fercula dantur 
Pigmentis variis, hec debita Zeno rependit 
Officii memor exhibiti Filonis in aula. 

Hic cibus argento, potus conunittitur auro, 

170 Hic hilaris dapifer, hylaris pincerna minis tränt, 
Hic adeo diversa sonat dulcedo melodis. 

Cum Musis ut adesse novcm credatur Apollo. 

Cena transacta Zeno redit in sua castra 
Nec longum per circuitum via ducit ad aulain, 

175 Qua nulli cernenda viro Filonia manebat. 

Mane suum rediit Filonem visere Zeno. 

Appositi scaci breve tempus et alea reddunt. 

Dam ludunt, dum disponunt [bec] prandea servi, 
Corrumpit cruor effusus pavimenta coquine, 

180 Hic lepus, hic Silvester aper, cervus, caper, agnus, 
Hic anser, mergus, grus, perdix, ardea, cignus. 
Surgunt a scacis ad mensam hospes et hospes. 
Prandent iocunde cuncti, servitur habunde. 

Surgant a mensis, ludis iterum repetitis. 

185 Filo miratur Zenonis abesse maritam 

181 predii 


fol. 14 *t. 


fol. 150 r. 


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Original fro-m 

PRINCETON UNIVERS1TY 



M _ 

Hospitibus, inenais, ludis causainque requirit. 

Zeno refert: „Cernenda viris non est mea coniunx 
Nec vultus illi concedo videre virorum; 

Virgyneus servire solet pulchre mulieri 
190 Cetus et his solis cnecurn solet illa videri.“ 

Filo refert: -,Tu mira refers et rara. sed esto; 
Illam custodia, quia diligis utpote dignam. 

Nunc tarnen hanc concede meis me visere donis: 
Diviciie licet innumeris fulcita probetur, 

195 Forsitan huc allata sibi mea dona placebunt.“ 
Inclinano desideriis hiis hospitis hospes 
„Filonie reddeutur“, ait, r tua munera grata, 

Nemo tuis tarnen e famulis ascendat ad illam. 

Una suis de virginibus, que mittere gestis. 

200 Afferat!“ Ista placent Filoni. Zeno reversus 
Explicat audita; iuvat hec audire maritam. 
Mittitur a domina fidissima nuncia Dina; 

Cum famulis hanc Filo suis suscepit honeste. 

Que submittendo vultum visumque müdeste 
205 „Te mea domna“, refert, „Filo, Filonia salutat, 
Mittit in affectu quod in effectu tibi mailet.“ 

Filo Filonie gratcs ait atque puelle. 

Verba, pudor, gestus Dine Grecis placuere. 

Per quam donorum Filo precium varioruin 
210 Mittit Filonie clam dicens ista puelle: 

„Noveris hec pocius dare me quam mittere Teile.“ 
Insuper et Dine donum donat speciale. 

Ad dominam redit illa suam transmissaque dona 
Exponit. Que suscipiens exultat in illis. 

215 Quam dives, quam iocundus, quam sit speciosus 
Filo, Dina refert domine laudandoque prefert 
Omnibus: huic non posse viro quemquam similari. 
Hec mulcent domine cor et aures nuncia Dine, 
lacincto fuit uxori Zenonis et auro 
220 Annulus insignis, tali caruit Tyrus omnis; 

Per Dinam quem Filoni mittens ait: „Affer 
Hoc fidei pignus et amoris, vir quia dignus 
Laudibus, obsequio, donis et honore probatur; 

0 quociens te teste meus Zeno probat illum! 

225 Que mando, tibi commendo secreta tegenda. 
Crudelis non esse velis hec ad peragenda; 

Söllers, subtilis, sis prorida, cauta, fidelis. 

In Tyrio9 hunc duxit amor velud estimo fines; 
Adxentus sum causa sui, me cernere Yenit» 

188 Nec Tultis ulli — 190 et hie s. — 192 digna — 195 
900 Alleret — 201 i. hic — 228 In tirioa 


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fol. 150». 


fol. 151». 


huc illata — 


Original from 

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<;4 

230 Nec certe minus eius ego desidero vultum, fol. 151 ▼. 

Sed prohibet me Zenonis custodia clausain. 

Consilium fer et auxilium nos mutuo cerni. 

Fama viri me delectat, sed plus sua forma. 

Quod fieri valet, absque gravi valet arte, labore: 

235 Zeno viro dedit hospicium nostros prope muros. 

Huc per directum spacium breve tenditur inde. 

Hunc hortare, viros ut provideat sibi binos 
De Grecis, quos adduxit, quos seit sibi bdos; 

Alter humum fodiat, lapides secet alter et aptet 
240 Et 6ic occultus et non nisi nocte meatus 
Ad nostmm conclave sua tendatur ab ede. 

Cum Zeno fuerit absens, hic Filo valebit 
Ad me transire, me visere clamque redire.“ 

Post breve Zeno redit a Filoniaque rogatur, 

245 Reclusis ut Dina seris exire sinatur, 

Filonis subitarc casam portareque munus. 

Vir simul aperit portas exitque puella 
Filonisque domum subiens missum sibi donum 
Filonie defert et post secreta subinfert. 

250 Letificant secreta virum plus munere misso 
Et sibi Fortunam gaudet favisse secundam. 

Qui famulis audita suis secreta revelat; 

Omnes congaudent dominoque iuvamina spondent. fol. 152 
Inter quos sector lapidum fuit unus et alter 
255 Fossor humi, qui prosiliunt seseque fatentur 

Artes scire, quibus opus est, ut res modo poscit. 

Instrumenta parant sua certatimque laborant 
Non nisi nocturnis horis cessantque diurnis. 

Vix opus est ceptum, sub humo(que) repente meatum 
260 Inveniuut longum, quo casu uescio factum; 

Hunc ars Humana Natura vel est operata, 

Ad conclave fere Filonie tenditur iste. 

Aitifices peragunt, quod restat adbuc peragendum, 

Angulus occurrit conclavi(s) ydoneus illi(s). 

265 Filo de tantis succesaibus exhilaratur. 

Casu Dina subit ipsuin conclave recludens; 

Que terra prodire viros cernens stupefacta 
Ad dominam currit, que sola sedebat in aula, 

Atque refert iam Filonem conclave subisse. 

270 lila negat sc posse fidem dictis dare, tandem 
Exurgens illa conclave preeunte puella. 

Ecce diu separatus adest gratissimus hospes. 

Mane fuit, reliqua vicina dormit in ede 
Turba pucllarum nec Zeno domi fuit hospes. 

238 fides — 239 fodeat — 246 snbitatur c. letaturque munns 


Gck igle 


Original ftorri 

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65 


280 Filonem Filonia videns et leta salutans fol. 152*. 

* In sua colla ruit, compleiibus oscnla iungens. 

lila viri speciem miratur, quia illius ipse, 

Mutue se laudant et iungunt fedus amoris. 

Fas fuit audire, non omnia eemere Dine. 

285 Colloquiis tandein Unitis pluribus ille 

Tollit Zenonis discum, candelabra, pelvem 
Datqne suis, repetendo domum per concava terre 
Inque sua mensa cernenda palarn dedit illa. 

Ast aditum Filonia tegens et Dina ineatus • 

290 Decens quod erat reparant camere pavimenta, 

Janua non potuit dinosci strata tapeti. 

Tune veniens solito Filonem visere Zeno, 

Cemere quippe suos in rus descenderat agros. 

Vidit et agnovit discum, candelabra, pelvem 
295 Et quis eo tulerit mirando stupendoque querit; 

Ex faiis onichilo pars claro, pars micat auro. 

Filo refert: „Ad me suppellex pertinet ista. 

Partibus hanc Tyriis induxit Greca carina, 

Hane eadem nisi vi magna prokibente reducet.“ 

300 „Hiis“, ait ille, „meum conclave simillima servat.“ 

„Nullum par“, ait, „est id cui par esse videtur; 

Ex quo sint paria, tua non tarnen esse probentur. foL 153 r. 
Ne mirere tuas res, Zeno, meis simulari, 

Cum tibi visa tue mea par sit ymago marite.“ 

305 Credulus assentit, silet, repetit sua castra 
Excelsum per circuitum per firmaque castra. 

Interea Filo per directum gradiendo 

Res, quas abstulerat, Zenonis in ede reponit 

Nec sibi Filonia visa redit in sua castra. 

310 Zeno domum rediens a Filouiaque receptus 
Interius conclave subit, fit ei comes illa. 

# Hic varii precii cum suppelectili multa 

Servantur posita: discus, candelabrum, pelves 
Inque suis ex more locis sunt cuncta reperta. 

315 Statim Filonie, que viderat, indicat ipse: 

„Res* ait „hiis similes vidi Filonis in ede 
Atque stupens admirabar super hiis.* At illa: 

„Tu scis mea quanta custodia nostraque cuncta 
Servat et accessus datur huc nulli nisi nostris 
320 Virginibus, que concluse non egrediuntur. 

Egrediens Dina nuper nichil hinc tulit horum. 

Scis huc quod tulerit, tu scis hanc esse fidelem. 

286 candelebra — 290 Decet — 291 capeti — 294 candelebra — 298 
tlriis — 304 me par sit — 312 cum supplectile in. — 313 candelebrum — 
319 null um — 

Mitteilungen d. Schlw*. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 5 


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Original ftom 

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Sed inir&ris, quia miraris quod res habet hospes 
Iste pares nostris, michi cum sua par sit ymago.“ fol. 153*. 
325 Et sic illusus est coniugis arte maritus. 

Noz abiit, aurora surgit, surgit quoque Zeno, 

Qui saltus ad venanäum petit arva nemusque. 

Prebet successus Uli Fortuna secundos 
Dumque foria ludit venando, domi suus hospes 
330 Illum deludit et fraudis conscia tamquam, 

Nam sibi per notum Filoniam Filo meatum 
Visitat et revocat alternum fedus arnoris. 

Zenonis qui loricam, scutum galeamque 
Dempta sua coram cernenda reponit in ede. 

835 Post nonam de venatu cum Zeno redisset, 

Hospitis hospicium solito subit huncque salutans 
Loricam videt atque suum cum casside scutum. 

„Instrumenta“, refert, „certe mea bellica sunt hec. 

Sin autem, differre nichil mea miror ab istis.“ 

340 „Non decet“, ille refert, „tociens ut amicus amicum 
Exprobret: en alia vice grande satis michi crimen 
Si non inponis, tarnen inposuisse probaris. 

Te fallit tua simplicitas similesque coiores, 

De simili massa plerumque simillima formant 
345 Artifices opera variis in partibus orbis. 

Sicut ymago tue par est mea, Zeno, marite, fol. 154 r. 

Bellica sic parea nobis quoque sunt tegumenta.“ 

Ille refert: „Hiis, Filo, tuis assencio dictis.“ 

Sic hospes Tyrius fraudatur ab hospite Greco 
850 De scuto, de lorica galeaque. Reversus 
indicat uxori que viderat omnia Zeno. 

Interea Filo per directum gradiendo 
Restituit camere, de qua tulerat prius arina, 

Ante tarnen reditum Filonie fretus amore. 

355 Mota viro mulier, dum narrat ei sibi visa, 

„En“, ait, „arma tue camere custodia servat. 

Si tot diviciis pollet vir ut asseris illum, 

Non eget ille tuis, propriis qui rebus habundaL 
Pelves sunt illi, discus, candelabra, scuta. 

360 Sed ne mircris hec euncta tuis simul&ri, 

Cum te teste michi sit par illius ymago.“ 

Hee dicens plorat et. eam ne plus gravet, orat 
Ignotumque viri cesset nomen reeitare. 

Quam solans, placans, complectens, oscula iungens 

865 Exüt acturus sua mane negocia Zeno 

Permansitque tribus sollers in agendo diebus. 

159 candelebra — 36S eodem — 


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67 


Interea solito Filoniain Filo frequentat; 

Ornatam tandein cultu vestivit eandem, fol. 154▼. 

Tali cultura, domi quali sua stabat ymago 
370 Hancque domum secam duxit Zenonis ab aula. 

Cernunt, inirantur, laudant Greci mulierem, 

Obsequium prestant, huic pronis vultibus astant, 

Testantos tote quod non habeatur in orbe 
Femina par specie, cultu, par gestibus illi. 

375 Post triduum rediens post acta negocia Zeno, 

Hospitis hospicium nolens transire subintrat, 

Hunc ibi visurus ex more suosque clientes. 

Ecce suam videt uxorem iuxta latus eius 
Gaudentesque viros de persone novitate. 

380 Jusserat hanc Filo nec vocem nec dare moturn. 

Ille diu stupet inspicietis illam dubitansque; 

Inde recordatus Filonis ymaginis inquit: 

„Hec vel ymago tua vel coniunx est mea, Filo. 

Die tua, queso, loqui valet bec per seque moveri?* 

385 Nam dubium reddit an ymago sit an sua coniunx, 

Quod neque dat vocem presente viro neque motum, 

Ars aut hanc humana quidem de marmore fecit, 

Sed dare non potuit illi motum neque sensum, 

Post Natura sui miserans concessit utrumque, fol. 155*". 

390 Sed certis horis meruit decor eius id uns. 

Yix certe tenuei;e viri, vix femina risum. 

Filo sedere rogat illum prope se, negat ille: 

„Hic tt ait r ulla micbi non esse potest mora, vadam 
Filonie nova dicturus mirandaque dicta.* 4 
395 Qui miraus, festinans repetit sua castra. 

lila novum, gradiens pariter prevenerat illum, 

Cultum deponens, gemmas simul atque coronam. 

Iamque domum vix ingressus vir coniuge visa 
Exclamat: „Filonia, tibi fero nuncia mira: 

400 Par tibi vera michi venit Filonis ymago! 

Ecce viri tenet hospicium iuxta latus eius. 

Huius in adventu gaudent omnes novitate, 

Omatu specieque sua spiendet domus eius; 

Non specie, sed te vultus precellit honore. 

405 Indue te cultu sirnili: nil differet a te.* 

Cui Filonia refert: „Felix esset tuus hospes, 

Si tua quam laudas vita frueretur ymago 
Et simul et specie gauderet et eius amore, 

Sed michi tu rnulto felicior esse probaris, 

410 Qui non letaris in ymagine non animata, 

Sed viva, racionali pulchraque marita. 4 * foL 155▼. 


405 nil differt — 410 n*i i imica — 


5* 


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_«8 

„Me tuus,“ inquit“, amor delectat, ymaginis illum.“ 
lila refert: „Quod quisque tenet, teneat fruiturus.“ 

Eiiit mane suis Zeno disponere rebus; 

415 Filo venit. Quem cum Dina Filonia recepit, 

Inducit camere secumque viros venicntes. 

Ancille relique sibi disponunt opus aptum; 

Tune cultu vestita suo mulier meliore 
Scrinia cum gemmis, argento tollit et auro, 

420 Sed remanet Filonia sedens in sede priori, 

Cetera turba suas res omnes navibus inferL 
Hos iubet obscurum celare Filo meatum. 

Zeno superveniens iam volle recedere Grecos 
Audierat subiitque domum Filonis et ecce 
425 Assurgens Filo Zenoni „Convenit“ inquit, 

„Ne quis apud carum longo nimis hospes amicum 
Tempore durando gravet hunc fiatque molestum: 

In patriam cogit me res tempusque redire. 

Dignus es ut magnas pro magnificis tibi grates 
430 Officiis reddam, quas devotus tibi reddam. 

Per breve tempus eras Grecis meus hospes in oris, 

Hie ego per longuin iam duravi tuus hospes. 

AflFectus nullus michi defuit hic pietatis, fol. 156r # 

Si modo Filonie lieuisset cernere vultum.“ 

435 Zeno refert: „Hane, Filo, brevem depone querelam! 

Que nuper venit tecumquc redibit ymago, 

Vultum Filonie tibi presentare valebit.“ 

Post Filo cum sede simul tolli mulierem 
Mandat et inferri illam manibus famulorum. 

440 Spes quoque Zenonis fit eundo collateralis, 

Ad naves veniunt, hic ultima basia iungunt 
Nec puer unus erat, cui non daret oscula Zeno. 

Postremo dixit Filonie propter amorem: 

„Hec eciam secum mea basia ducet ymago.“ 

445 Dixit et illa dedit nec ei vox est neque motus. 

Post hec inpulsis Greci remis abierunt 
Estque viros oculis de littore Zeno secutus. 

Quos ubi non vidit ultra, sua castra revisit 
Atque videns se delusum sibi coniuge rapta 
450 Conqueritur cunctis Tyriis de rebus sie artis. 

Sed cum res ut gesta fuit, cunctis patuisset, 

Stultam derident Zenonis simplicitatem, 

Artem Filonis laudant et calliditatem. 

Auster qui flavit ad terga viris, bene favit 
455 Inque brevi spacio longum spacium maris alti fol. 156 v. 

431 in horis — 439 i. naro m. f. — 450 tiriis et r. et artis — 451 potuisset 


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Metitur, Grecos properat adtingere fines. 

Occurrit nil triste viris in utraque carina. 

Leticiam dat preda Tyri nec dampna marina 
Obsistunt ipsis, delphini, Scilla, Caribdis. 

460 Pilo Bnique domum tandem cum pace reversi 
Felices sc successys gaudent habuisse. 

Ergo iubente viro convivia magna parantur, 

Eins in adventu multi novitatc vocantur 
Finitimi Greci qui Ictantes epulantur, 

465 Electa delectati specie mulieris, 

De Tyriis quam subtilis vir duzerat oris. 

Hic quoque diversis augentur gaudia ludis. 

Exinde Filoniam Filo deducit in aulam 
Qua custodita, qua multiplici redimita 
470 Ornatu, par Filonie sua stabat ymago. 

Quam mulier cemens et se miratur et illam, 

Artificis manum doctam coinmendat et artem. 

Explicit Filo. 

Werfen wir nun einen Blick auf diese eigentümliche Fassung 
zurück, so ergibt sich unschwer, dal.* sie sehr kunstvoll aufgebaut 
ist und ihr festes Gefüge sie ohne weiteres der Inclusa in den 
Sieben weisen Meistern durchaus ebenbürtig zur Seite stellt. Die 
Täuschungsobjekte sind wirkungsvoll gewählt, freilich der Ring mußte 
hier als Gegengabe dienen, damit der Verkehr zwischen dem Paare 
zustande kam. Das Plündern der Schätze des Mannes begegnete uns 
auch sonst (Miles gloriosus, Versio italica, Sercambi, Kamaralsaman). 
Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der das Ganze beherrschenden 
uud sehr fein berechneten Intrigue, wonach die Ähnlichkeit des 
Marmorbildes von Anfang an das Motiv abgibt, das die letzte große 
Täuschung des Ehemannes überaus glaubhaft, erscheinen läßt. Jeden¬ 
falls ist der unbekannte Verfasser mit der größten Kompositiousgabe 
mit dem Stoffe umgegangen und es ist nur zu bedauern, daß wir 
die Entstehungszeit dieser Dichtung nicht genauer festlegen können, 
zumal sie nur in dieser einzigen, späten und nicht ganz korrekten 
Handschrift überliefert ist. Sprachliche Kriterien des mit der Antike 
wohl vertrauten Dichters reichen kaum aus, für uns aber über¬ 
wiegt das stoffliche Interesse. Und da finden wir alsbald, daß be¬ 
züglich des Motivs vom Marmorbild unsere Version die größte 

459 cilla — 461 gaudet — 463 nouitatis — 466 De tiriis — horis. 


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Ähnlichkeit mit einer -anderen zeigt, mit der wir füglich unsere 
Untersuchung beschließen. 

Diese steht in demaltfranz. Dolopathos des Herbert 1 ) (vor 1223) 
als Einleitung zur Erzählung Puteus, und es ist merkwürdig, daß . 
sie dem lat. Original l ) gänzlich fehlt, während Herbert sonst ziemlich 
getreu übersetzt hat. Man wird G. Paris 3 ) beipflichten, daß ihm 
eine zweite, ausführlichere Redaktion des Dolopathos, der einen 
Sonderzweig der occidentalischen Gruppe der Sieben weisen Meister 
darstellt und sich auf mündliche Überlieferung stützt, Vorgelegen 
hat. Hier wird folgendes berichtet: 

Ein junger, reicher und angesehener Römer wird von seinen 
Verwandten zum Heiraten gedrängt, aber er ist dazu wenig geneigt, 
da er über Frauentreue sehr skeptisch denkt. Um den Zureden zu 
entgehen, läßt er durch einen Bildhauer eine weibliche Statue ver¬ 
fertigen und auf einer hohen Säule aufstellen mit der Versicherung, 
nur das lebende genaue Ebenbild dereinst heiraten zu wollen. Vor¬ 
überziehende Leute aus Griechenland begrüßen freudig und ehr¬ 
furchtsvoll dies Standbild und melden ihm, daß sie eine diesem 
Konterfei völlig ähnliche Dame im Turme einer Hafenstadt, wo ihr 
Gatte sie eingesperrt halte, kennen gelernt haben. Deren trauriges 
Los gehe ihnen umsomehr zu Herzen als sie sehr freigebig sei und 
sie überaus freundlich behandelt habe, da sie bei ihr Zuflucht 
suchten. Nun bestürmen den Römer die Verwandten erst recht, 
diese Dame zu suchen und durch eine Heirat mit ihr dem früher 
gegebenen Versprechen nachzukommen. Nach glücklicher Seefahrt 
erreicht er den Hafen und sieht die selten schöne Frau am Fenster 
ihres Turmes stehen. Sie klagt ihm ihr trauriges Geschick, zu dem 
sie durch ihres Mannes Eifersucht verdammt sei; er berichtet von 
seiner edlen Herkunft und versichert, daß er um ihretwillen übers 
Meer gekommen sei. Sie gibt ihm nun den Rat, in die Dienste 
ihres Gemahls zu treten, dicht neben dem Turm einen zweiten zu 
bauen und einen unterirdischen Gang bis zu ihrem Gemach zu 
graben. Dies geschieht, und er macht sich durch sein freigebiges 


J ) Ch. Brunet et A. de Montaiglon, Li romans de Dolopathos. Paris 1856, 
S. 353 ff. (t. 10324 ff.) 

2 ) Vgl. meine krit. Neuausgabe Historia septcui sapicntuin II. Johannis de 
Alta Silva Dolopathos. Heidelberg 1913 = Sammlung mittcllat. Texte, Heft 5. 

8 ) In seiner gehaltvollen Besprechung von H. Oestcrleys Ausgabe des 
Dolopathos, Straiiburg 1873 = Romania II (1873), S. 497 ff. 


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71 


Auftreten sehr beliebt. Nun erhalten wir die üblichen Kniffe: als 
Täuschungsobjekte dienen zunächst ein kostbares Schach- und Damen¬ 
spiel, dann ein Gewand (sorcot) seiner Frau, Geschirre wie Messer, 
Becken, Kleinodien, zuletzt eine goldene Schale. Schließlich 
bekommt der Mann die eigene Frau zu Gesicht, die der Fremde 
für seine bis dahin kranke Gemahlin ausgibt, die erst jetzt habe 
bei ihm eintreffen können. Alle angestellten Proben beseitigen des 
Ehemannes Argwohn und persönlich begleitet er das Paar bei der 
Heimfahrt eine Strecke von drei Tagen. Daheim entdeckt er, daß 
er das Opfer eines Betruges geworden ist. 

Damit ist aber die Geschichte nicht zu Ende: der betrogene 
Ehemann verfolgt das Paar bis nach Rom. Der Römer versteht es, 
ihn wiederum auf Anraten der listigen Frau hinters Licht zu führen, 
indem er scheinheilig seine Reue über diese Entführung bekennt 
und ihm versichert, daß das uDgetreue Weib in jenes steinerne 
Bild verwandelt worden sei, das er als abschreckendes Beispiel auf 
hoher Säule öffentlich ausgestellt habe. Dies glaubt der Mann, 
bringt das Standbild nach der griechischen Heimat und bestattet 
es prunkvoll! 

Prüfen wir, auf den neuen Text gestützt, die Frage nach 
dem Ursprünge unseres Themas nochmals, so müssen wir gestehen, 
daß die Vermutung, die Geschichte sei auf griechischem Boden 
entstanden, einen gewichtigen Zeugen gewonnen hat Das Lokal¬ 
kolorit des Filo, die Beziehungen zwischen Griechenland und Tyrus, 
die Entführung zur See durch einen Gastfreund, das die Liebe er¬ 
regende Bild neben der sonstigen Traumliebe mögen einen matteren Ab¬ 
glanz einer alten vorderasiatischen, also wohl phönizischen Liebesfabel 
bedeuten. Es ist möglich, daß diese letztere selbst ein letzter 
Reflex der von Rohde betrachteten asiatischen Sagenüberlieferung 
durch die Kombination von Traum- oder Bildliebe mit der Gatten¬ 
wahl, sodaß man selbst nach Indien gelangen dürfte, darstellt. Da 
aber in keiner der orientalischen Versionen unseres Stoffes diese 
freie öffentliche Gatten wähl seitens einer Jungfrau auftritt, viel¬ 
mehr fast durchweg es auf eine raffinierte Täuschung des Ehemannes 
abgesehen ist, so daß wir eine Entführungsgeschichte erhalten, so 
kann man Rohdes Satz auch hier gelten lassen: „Es scheint, daß 
die Kenntnis orientalischer Liebesfabeln hie oder da griechische 
Stämme zu einer wetteifernden Ausbildung ähnlicher Sagen auf 
heimischem Boden angeregt habe“ (S. 47). Dabei wird man un- 


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willkürlich an jene „milesischen Erzählungen“, die Rohde (S. 584 ff.) 
beleuchtet hat, erinnert, an „solche Novellen, in welchen allerlei 
bedenkliche erotische Abenteuer nicht ohne Lüsternheit dargestellt, 
List, Kühnheit, Geistesgegenwart, ja unbedenkliche Ruchlosigkeit der 
Liebenden vergnüglich ausgemalt werden“ und die „sich an den 
Namen des üppigen Milet knüpfen“. Damit ließe sich denn auch 
das Auftauchen unseres Stoffes in der Fabel des Miles gloriosus gut 
in Einklang bringen, indem nämlich des Plautus verlorene griechische 
Quelle unser Thema wohl frei ausgestaltet hat. Unsere besten Haupt- 
formen, der Miles gloriosus, die Sieben weisen Meister (Frankreichs 
Rolle bei der weiteren Wanderung), Dolopathos, Filo sind vermutlich 
Glieder einer und derselben Entwicklungsreihe, als deren Wurzel 
eine ältere, von Vorderasien befruchtete griechische Novelle an¬ 
zusehen auch unsere kleine Studie geneigt ist. In gewissem Sinne 
kann man also noch immer E. Zarnckes Schlußsatz gelten lassen: 
„Soviel nur steht fest, daß Unsere Erzählung, von Hellas ihren Ur¬ 
sprung nehmend, im Laufe der Jahrhunderte die Welt durchwanderte 
und überall dahin ihren Fuß setzte, wo man Gefallen fand an 
Schwänken und Märchen, im Orient und im Occident.“ 


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Turm und Tisch der Madonna. 


Studien zu den orientalischen Kultureinflüssen 
auf das Abendland und zur Gralsage. 

Von Dr. Franz Kampers in Breslau. 


Der typologischen Exegese des Alten Testaments, die schon im 
Neuen, wie bekannt, anhebt und dann in der Folge einen Augustinus, 
Beda Venerabilis, Walafried Strabo und andere phantasiebegabte 
Vertreter fand, verdanken im späteren Mittelalter Frömmigkeitsbücher 
mit zumeist gesucht wunderlichem, oft naiv rührendem, manchmal 
dichterisch fruchtbarem Inhalt ihre Entstehung. Unter diesen zieht 
sowohl durch die Mannigfaltigkeit seiner Vergleiche, wie auch durch 
seine große Verbreitung und Beliebtheit das „Speculum humanae 
salvationis“ die Augen auf sich'). 

Ein Dominikanermönch hat dieses Erbauungsbuch um die Mitte 
des 14. Jahrhunderts wohl in Straßburg zusammengestelll. Der 
Verfasser kennzeichnet in den ersten Versen des Prologs sein Werk 
bescheiden mit den Worten: „ad eruditionem multorum decrevi librura 
corapilare.“ In der Tat! Aus dem Eigenen hat unser Mönch wohl 
nur recht wenig beigesteuert, als er, dem Hange der Zeit folgend, den 
Versuch unternahm, die alttestamentliche Geschichte mit Einschluß 
der heidnischen in eine wohlgeordnete Summe von Vorbildern der 
Einzeltatsachen des christlichen Heilswerkes aufzulösen. Manches 
Seitenstück hat er in der „Summa“ des großen Thomas von Aquin, 
manches in der „Legenda aurea“ des vielgelesenen Jacobus a Voragine 

*) Speeolam humanae salvationis. Par J. Lutz et P. Perdrizet. Tome I 
(Mühlhausen 1907) 2. Ygl. auch die Schrift von P. Poppe, Über das Speculum 
humanae salvationis und eine mitteldeutsche Bearbeitung desselben. Berliner 
Dias. 1887. Auf das „Speculum“ machte mich Herr Dr. Max Pfeifer aufmerksam. 


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gefunden, manches hier und dort in der schriftlichen Überlieferung 
aufgelesen 1 ); daneben aber sehen wir auch Züge auftauchen, welche 
über die schriftliche Überlieferung hinaus unmittelbar in den Mythus 
des Ostens verweisen. Zu den letzteren gehören vornehmlich die 
beiden Vorbilder der Madonna: Turm und Tisch, welche noch deutlich 
nicht nur in unserem „Speculum“, sondern auch in der Sage dieser 
Zeit ihren ursprünglichen mythisch kosmologischen Gedankeninhalt 
erkennen lassen. 

Einen Turm der Madonna kennt auch der heute noch in der 
katholischen Kirche fortlebende Rest dieser seltsamen Frömmigkeits¬ 
literatur des 14. Jahrhunderts: die Lauretaniselie Litanei. Dabei 
denke ich nicht an den „Elfenbeinernen Turm“, oder an den „Turm 
Davids“ dieses dichtenden Zwiegebetes. Der letztere wird freilich 
auch in unserem „Speculum“ der jungfräulichen Magd des Herrn 
angeglichen in den Versen: 

„yuapropter etiam turn David couiparatur cius vita, 

C^uae mille clipeis erat couiumnita. 

Clipei sunt virtutes et opera virtuosa, 

Quibiis munita erat Mariae Virginis vita gloriosa.“ 2 ) 

Ich meine die andere Bezeichnung der Gottesmutter in dieser Litanei: 
„Sitz der Weisheit“. Was dieses Gedankenbild mit dem Turm zu 
tun hat, werden wir gleich sehen. 

Eine Münchener Handschrift s ) unseres „Speculum“ zeigt uns 
im Bil de den Thron Salomons, der sich — mit Einschluß des Thron¬ 
sitzes — ,in sieben sich verjüngenden Abstufungen aufbaut. Aut 
der Höhe sitzt Salomon, während unten die Königin von Saba steht. 
Darunter sind die Verse geschrieben 4 ): 

„Thronus veri Salomonis est Beatissima Virgo Maria, 

In quo residebat Jesus Christus, vera Sophia. 

Thronus iste factus erat de nobilissimo thesauro. 

De ebore videlicet candido et fulvus nimis auro.“ 

Gold und Elfenbein werden mystisch auf Eigenschaften der jung¬ 
fräulichen Mutter gedeutet. Dann heißt es weiter: 

„Thronus Salomonis super sei gradus erat exaltatus, 

Et Maria superexcellit bcatorum sex status .... 

') Ebenda S. 255 ff. über die Quellen des „Speculum' 4 . 

2 ) Ebenda S. 15 v. 83 sq. 

3 ) Clm. 146. l)ie Wiedergabe im 2. Bande des obengenannten Werke« 
ron Lutz und Perdrizet Taf. 18. 

«) Ebenda S. 21. v. 53. 


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i i) 


Vel sex gradus Salomonis thronus habebat, 

Ouia post sex aetates mundi Maria nata erat.“ 

Nebenbei sei bemerkt, daß der Verfasser bei der Erwähnung der 
„Sophia“ das Adjektiv „vera“ ersichtlich unterstreicht — wohl mit 
absichtlicher Wendung gegen diejenigen, welche, wie das frühzeitig 
geschah, in der alttestamentlichen Sophia die Gottesmutter erkannten 1 ). 

Hier haben wir also den „Sitz der Weisheit,“ zugleich aber 
auch den Turm. Es ist nämlich die kosmische Bedeutung dieses 
salomonischen Stufenthrones längst erkannt. Ausdrücklich heißt es 
im Midrasch Esther aus dem 7. oder 8. Jahrhundert: „Der Thron 
war in der Form des Wagens desjenigen gebaut, welcher sprach und 
die Welt ward, des Heiligen, gebenedeit sei er! Und so heißt es: 
»Der Thron hatte sechs Stufen, entsprechend den sechs Himmels¬ 
sphären. Es sind doch aber sieben? R. Abtin sagte: Der Ort, wo 
der König (Gott) thront, ist verborgene J ). Dieser sagenberühmte 
Thron Salomons will sein ein Abbild des göttlichen Herrlichkeits¬ 
thrones auf dem Weltenberge, des ragenden Mittelstückes im Welt¬ 
bilde der Assyrer 3 ). Der göttliche Thron des Weltenberges, auf den 


1 ) Ebenda S. 254. Vgl. meinen Aufsatz: Aus der Genesis der abend¬ 
ländischen Kaiseridee. Mitteilungen d. schles. Gesellsch. f. Volkskunde. XVII 
(1916) 168 ff. 

2 ) Herr Prof. Dr. Krebs in Freiburg i. B. macht mich auf eine nach 
mehreren Richtungen hin anziehende Deutung des Salomonischen Thrones auf¬ 
merksam. In Bonaventuras Itinerarium mentis in Deum [I n. 5] lesen wirc 
„Sicut deus sex diebus perfecit Universum mundum et in septimo requievit, sic 
minor mundus (seil, homo) sex gradibus illuminationum sibi succedentium ad 
quietem contemplationis ordinatissime perducatur. In cuius rei ligura sex gra¬ 
dibus ascendebatur ad thronum Salomonis“ [III Reg. 10, 19]. Und ebenda 
[VII n. 1] heißt es: „His igitur sex considerationibus excursis tanquam sex 
gradibus throni veri Salomonis quibus pervenitur ad pacem, ubi verus pacificus 
in mente paciiica tanquam in interiori Hierosolyma requiescit“ .... Wir 
haben also hier die Auffassung von der Stufenwanderung der Seelen, welche 
auch in der Sage vom Priesterkönig Johann in die Erscheinung tritt. Bona- 
venturae Opera omnia. V (Quaracchi 1891) 297; 312. 

*) Nach dem Vorbild des Salomonthrones errichtete eine Recension der 
„Historia de proeliis“ den Thron des Cyrus, worauf mich Herr Kollege Hilka auf¬ 
merksam machte. „Erat enim thronus ex auro totus septem cubitis super alia 
sedilia elevatus et per septem gradus ascendebant reges ad thronum. Erantque 
ipsi gradus mirilico opere constructi. Primus gradus erat ex amatisto, secun- 
dus ex smaragdo . . .“ Die Edelsteine werden dann, ganz wie im Steinbuch 
des Albertus Magnus, gedeutet. F. Pfister, Die Historia de preliis und das 
Alexanderepos des Qüilichinus. Münchener Museum. 1 (1911) i'Ö.Wf. 


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76 


«illmorgendlicli der Sonnengott emporsteigt, um sein Tagesregiment 
anzutreten, ist gekrönt von dem heiligen Steine, oder dem Altäre, 
oder dem Throne, oder dem Tische des Gottes, dem Sonnentische 
des griechischen Mythus, der nach Pomponius Mela stets mit Speisen 
besetzt ist. Diese babylonische Auflassung des göttlichen Bergthrones 
hat auch die jüdischen Religionsvorstellungen beeinflußt. Hingewiesen 
sei hier nur auf die Übersetzung dieses mythischen Gedankens ins 
Architektonische in der Stelle des Buches Henoch: „der Turm war 
ragend und hoch, und der Herr der Schafe stand auf dem Turm, 
und man setzte ihm einen vollen Tisch vor.“ Der Turm dieser 
Vision hat ohne Zweifel die himmelstrebenden Zikkurats, die Sakral- 
türme des Orients zum Modell, die wiederum Abbilder des göttlichen 
Bergthrones sein wollen 1 ). 

Von alledem weiß natürlich der kindlich fromme Schreiber und 
Maler unseres „Speculum“ nichts mehr. Er hat selbst auch kaum 
einen derartigen Zikkurat gesehen. Auch kein Palästinapilger dürfte 
ihm dessen Beschreibung vermittelt haben; denn die wenigen damals 
noch erhaltenen sakralen Steinriesen lagen weitab vom Heiligen Lande. 
Trotzdem werden hier und, wie wir gleich sehen werden, in der 
gleichzeitigen Dichtung des Abendlandes die architektonischen Formen 
eines solchen plumpen Giganten richtig überliefert. 

Das Bild des siebenstufigen Sakralturmes wiederholt sich in 
unserer Handschrift. Die Arche wird hier nämlich als Schiff mit 
zwei Schnäbeln dargestellt, auf dem sich der Zikkurat erhebt, der 
oben mit einer Art Tempelhäuschen, dem Sitze Noes, gekrönt ist*). 
Die Deutung dieses Bildes wird erleichtert durch die „Christliche 
Kosmographie“ des Kosmas Indikopleustes. In dieser erscheint die 
Erde, was ja auch sonst vielfach der Fall ist, als Schiff mit zwei 
Schnäbeln, auf dem sich der freilich nicht abgestufte Weltenberg er¬ 
hebt 3 ). Die Ähnlichkeit zwischen beiden, ein Jahrtausend auseinander¬ 
liegenden Bildern ist geradezu verblüffend. Der alte Usener 4 ) hätte 

*) F. Kam per a, Das Lichtland der Seelen und der heilige Gral. Köln 
1916, S. 25 u. S. 88 ff. Ich kann auf dieses .Buch — namentlich gegen den 
Schluß dieses Aufsatzes — nur in wichtigeren Fällen, um größere Wieder¬ 
holungen zu vermeiden, verweisen. 

*) Lutz n. Perdrizet, Bd. II. Taf. 4. 

s ) Le miniature della topografia cristiana di Cosma Indicopleuste. Cod. 
Tat. greco 699. Con introduz. di C. Stornajolo. Milano 1908. Tav. 5 aq. 

*) H. Usener, Die Sintflutsagen in Religionsgeschichtliche Unter¬ 
suchungen. 3. Teil (Bonn 1899). 


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77 


seine helle Freude an dieser mythisch kosmischen Darstellung der 
Arche gehabt und ihr sicherlich einen bedeutsamen Platz in seinen 
„ Sintflutsagen“ angewiesen. In der Tat erinnert diese Münchener 
Miniatur deutlich an die von Usener behauptete Tatsache, daß zu 
irgend einer Zeit der Noebericht der Bibel mit, dieser solarischen 
ßergsage verquickt worden ist. Noe ist hier an die Stelle des 
Sonnengottes getreten, welcher auf dem von dem Erdschiffe ge¬ 
tragenen Länderberge thront. So nehmen wir in diesem Bildchen 
unseres Erbauungsbuches deutlich das geheimnisvolle Fortleben uralter 
Züge wahr, deren Bedeutung längst freilich in Vergessenheit geriet 
— ein neuer Beweis dafür, daß wir erst am Anfang unserer Er¬ 
kenntnis der orientalischen Kultureinflüsse auf das Abendland stehen. 
Daß wir tatsächlich und unbedingt ursprünglich vorhandene Be¬ 
ziehungen zwischen dem Weisheitsthrone der Gottesmutter und dem 
Bergthrone der göttlichen Herrlichkeit annehmen müssen, wird durch 
die Abwandlungen dieses gedankentiefen mythischen Zuges in der 
profanen Sage noch offensichtlicher. 

Beziehungen zwischen diesem orientalischen Weltbilde und der 
vielgeästelten Artursage habe ich unlängst festgelegt. Ich wies hin 
auf die Bergsitze dieses bretonischen Königs, die Cathedra Arthuri, 
von der Giraldus 1188 berichtet, oder den „Arthurs Seat“ bei 
Edinburg, oder den Berg „Cadair-Arthur“ in Wales, den man auch 
als Dom dieses Helden feierte: ich unterstrich den solarischen 
Charakter dieser bretonischen Sage, nach der König Artur, dem 
Sonnengotte gleich, aus dem Berge hervorkommt und von dessen 
strahlendem Gipfel aus die Welt regiert. Auch auf den Weltentisch 
wies ich hin, der hier als runde Tafel König Arturs sich, wie die 
Erde, dreht, oder nach anderen Dichtungen als Rad mit einem .Thron¬ 
sitz darauf von einer göttergleichen Fürstin — so wie die Erdachse 
auf dem Länderberge durch Rheia-Kybele — gequirlt wird. Das sind 
alles Bilder von kosmischer Bedeutung. Aber auch Architekturen, 
welche Dichtungen dieses* oder eines eng verwandten Sagenkreises 
auf bauen, erwiesen sich nicht nur als Nachbildungen der alten 
Zikkurats, sondern haben ersichtlich auch noch deutliche Bezug¬ 
nahmen auf den sich drehenden Bergthron der Welt. Ich zeigte, 
wie die Salomonsage anknüpfend an jene sakralen Türme des Orients 
zunächst der Sage vom Priesterkönige Johann einmal das mythische 
Motiv von der Lichtlandsreise nach dem Urbilde des im Zauberschiff 
allnächtlich zum Berge des Sonnenaufganges fahrenden Sonnengottes, 


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78 


sodann die Vorstellung eines siebenstufigen, in seinem obersten Teile 
sieh wie das Firmament drehenden, kosmischen Palastes der Seelen 
vermittelte *). Alsdann s ) wird in Parzivals Gralsuche in den Epen des 
Wolfram von Eschenbach und des Chrestien von Troyes unbewußt 
der alte Zug der Lichtlandfahrt des Sonnengottes abgewandelt. An 
den Berg der Herrlichkeit erinnert beim Eschenbacher nicht nur die 
paradiesische Umgebung und die Vorstellung eines Seelenlandes, 
sondern auch die Wendelschnecke mit dem Zauberspiegel, die, wie 
Wolfram den alten Zug rationalistisch umdeutet, von fern gesehen 
sich wie im Kreise henirazudrehen scheint, und noch manches andere*). 
Deutliche Spuren solcher kosmischer Architekturen weist auch sonst die 
französische Dichtung auf. Der sich drehende Palast zu Konstantinopel, 
der in Karls des Großen „Reise nach Jerusalem und Kcmstantinopel“ 
eingehend beschrieben wird, beschäftigt uns später noch 1 2 3 4 5 * ). Die 
Turmform dieses konstantinopolitanischen Palastes mit Stockwerken 
ist im Clig6s des Chrestien von Troyes festgehalten*). Ich zweifle 
nicht, daß diese literarische Geschichte des Zikkurats sich noch durch 
anziehende Kapitel erweitern ließe. Für die richtige Einordnung der 
Miniaturen unseres „Speculum“ in die uralte Überlieferungsreihe ge¬ 
nügen diese Seitenstücke vollauf. 

Sowohl in dem Paradiesespalast des Priesterkönigs Johann, als 
auch in der Gralburg findet sich nun der stets mit Speisen bedeckte 
Tisch, der Sonpentisch des Mythus, wieder*). Diesen kennt auch das 
„Speculum“; es erzählt uns von ihm eine seltsame Geschichte 7 ): 

„Piscatores quidam rete suum in inare proiccerunt 

Et casu mirabili mensain auream extraxerunt. 

Mensa illa erat tota de auro et multuin pretiosa 

1 ) Kain per s, Lichtland. S. 91 ff. 

2 ) Weiter unten werde ich meine früheren Nachweise ergänzen und etwas 
berichtigen. 

3 ) Ebenda S. 57 ff. u. S. 91 f. 

4 ) Karls des Großen Reise nach Jerusalem mnd Konstantinopel, herausg. 
v. Koschwitz. 2. Aufl. Heilbronn 1883. S. 342 ff. O. Söhring, Werke bildender 
Kunst in altfranzösischen Epen. Romanische Forschungen. XII* (1900) 513 f. 
Auch das Rad in dem Vers: „et misent une roe que li vens fet torner u in 
„Floire et Blanceflor“, das Söhring auf ein Wasserrad deuten möchte, gehört 
meines Erachtens in diesen Zusammenhang und entspricht dem Rade des Königs 
Artur und des Apollonius [Kampers, Lichtland S. 60 f.]. 

5 ) Darüber Söhring S. 515 f. 

ß ) Kampers, Lichtland S. 30f. 78 f. 90 ff. 

7 y Speculum I, 12. 


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7<> 


Et videbatur omniam oculis mirabilitcr speciosa. 

Ibidem in littore maris templum quoddam erat aedificatum 
Et in honorem solis, quem gens illa eoluit, dedicatum. 

Ad templum illud mensa illa est deportata 
Et ipsi soli tanguam deo, quem colebant, oblata. 

Mensa illa per totum mundum usa est hoc vocabulo, 

Quod communiter dicebatur mensa solis in sabulo: 

Sabulum enim arenosa terra appellatur, 

Et ibi templum solis in arcnoso loco habebatur. 

Per mensam igitur solis Maria est pulchre praeflgurata, 

Quae vero soli, id est summo deo, est oblata . . . 

Mensa solis facta fuit de materia purissima, 

Et Maria erat mente et corpore mundissima. 

Pulchre Maria est per mensain solis praefigurata, 

Quia per eam coelestis esca nobis est collata; 

Nam ipsa filium Dei Jesum Christum nobis generavit, 

Qui nos suo corpore et sanguine refocillavit. 

Benedicta sit illa beatissima mensa, 

Per quam collata est nobis esca tarn salubris et tarn immensa.* 
Eine ähnliche Geschichte ist uns in der antiken Sage von den 
sieben Weisen Griechenlands überliefert. In deren Fassung bei 
Valerius Maximus ist es die „mensa Delphica“, welche aus dem 
Meere gefischt wird, und wegen deren es zum Streite kommt. Das 
Orakel des Apollo bestimmt dann, daß der Weiseste sie erhalten 
solle. Nun wird sie dem Thaies gegeben, der sie dem Bias über¬ 
mittelt, und indem sie darauf stets von ei gern zum andern der sieben 
Weisen weitergegeben wird, gelangt sie zuletzt in den Besitz des 
Solon, welcher sie dem Apollo als dem Weisesten darbringt. Das 
Fortleben dieser Sage im Mittelalter ist durch die Gesta Romanorum 
mit ihrem krausen Fabelgestrüpp bezeugt. Hier ist es ein goldener 
Tisch, der aus einer Hand in die andere wandert und schließlich in 
den Besitz Salomons gelangt, der an Stelle Solons zum letzten der 
weisen Sieben geworden ist 1 ) „qui in ea pinxit ymaginem humilitatis 
et posuit eam in templum Apollinis“. 

*) Gesta Uomanorum. Hrsg. v. H. Ocsterlev. Berlin 187-2. S. 618. 
Für das Fortleben dieses Mythologems vgl. u. a. auch die bei Oesterley — 
allerdings bibliographisch schauderhaft! — genannten parallelen Stellen bei 
dem Dominikaner R. Holkot, Moralisationes Historiarnm. Venedig 1605, p. 232, 
der auch Salomon nennt. Die „mensa aurea“ findet sich weiter bei Joh. 
Manlius, Locorum cornnmnium collcctanea. Francofurti 1508. p. 5. Gxilium 
melancholiae [Auß Ludovici Caron Frantzösischem Tractat Le Chasse-Ennuy.J 
Strafiburg 1643, p. 531 und sonst noch öfter. Holkot gilt, wie mir Herr Kollege 
Hilka mitteilt, als Quelle der Gesta Romanorum. 


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Von jenen sieben Weisen erzählen die Verse des „Speculum“ 
nichts, trotzdem gehen sie sogar über die antike Überlieferung dieser 
Sage durch die Bezeichnung des Tisches als „mensa Solis“ hinaus. 
Diese Bezeichnung muß die ursprüngliche gewesen sein. Der mittel¬ 
alterliche Dominikaner konnte nun unmöglich aus freier Erfindung 
aus der „mensa aurea“ der Gesta Romanorum, oder aus der „mensa 
Delphica“ des Valerius Maximus einen Sonnentisch machen, ei muß 
deshalb einer anderen, uns unbekannten Quelle gefolgt sein. Tat¬ 
sächlich ist dieser Delphische Tisch, ebenso wie die anscheinend so 
gänzlich verschiedenen Gegenstände, die in den anderen antiken Über¬ 
lieferungen der Sage an dessen Stelle aus dem Meere gezogen werden, 
der Sonnentisch, der die Erde 1 ) oder das Fahrzeug bedeutet, auf 
welchem der Gott allnächtlich über das Meer zum Berge des Auf¬ 
ganges im Hyperboreerlande fährt. Den schwimmenden goldenen 
Dreifuß, auf dem Apollo über den Ozean schwebt, fand antiker Glaube 
in einem Sternbilde wieder 2 ), und die „phiala“, welche nach der 
Überlieferung des Kallimachos bei jenem wunderbaren Fischfänge aus 
dem Meere gezogen wurde, ist ebenfalls nur eine andere Erscheinungs¬ 
form für die gleiche mythische Vorstellung. Im goldenen, von 
Hephaistos geschmiedeten Becher schifft der Sonnengott zu den 
Hyperboreern 3 ). 

Indem die „Gesta Romanorum“ aus dem letzten griechischen 
Weisen, Solon, einen Salomon machen und diesen .Judenkönig auf 
jenem Tisch ganz im Sinnb der stets „Mäßigung“ predigenden Sage, 
deren Mittelpunkt er ist, ein Bild der Demütigung anbringen lassen, 
wird der Sonnentisch zu jenem Salomontisch, der die Phantasie der 
spanischen Goten und Mauren, sowie der Franken frühzeitig lebhaft 
beschäftigte. Weder in der jüdischen Sage, noch auch in deren 
späteren Schößlingen: den Sagen vom Priesterkönige Johann, von 
Artur und vom Gral, verleugnet letzterer seine mythische Herkunft. 
Der sich wie die Welt drehende Tisch Arturs und die Graltafel in 
der „Queste du Graal“, welche die Rundheit der Welt und den 
Kreislauf der Planeten und Gestirne bedeutet, ist sagengeschichtlich 
verwandt mit jenem von Einhard, Thegan und Prudentius beschriebenen 
Tisch des karolingischen Schatzes, „auf dem der ganze Himmelskreis 
und die Sterne und der verschiedene Lauf der Planeten in erhabener 

*) Über den Tisch als Erde Kampers, Lichtland, S. 31 n. 90f. 

*) F. Boll, Sphaera. Leipzig 1903, S. 126. 

s ) R. Eisler, YVeltenmantel und Himmelszelt. München 1910, S; 257. 


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Arbeit“ abgebildet war. Dieser wieder ist ein Nachfahre jenes 
salomonischen Tisches des Gotenschatzes mit seinen 365 Füßen, eine 
Zahl, die in ihrer kosmischen Bedeutung der jüdischen Tempel¬ 
symbolik entspricht, nach welcher der Schaubrottisch ein Gegenbild 
der Erde sein sollte. Das Urbild all dieser Tische ist aber jene 
mensa solis auf dem Götterberge, die von der jungfräulichen Mutter¬ 
göttin des Orients gequirlt wird 1 ), jene mensa solis, die in so über¬ 
raschender Ursprünglichkeit in unserem Speculum plötzlich wieder 
auftaucht. Der Mythus vom Sounentische ist in unserem Frömmigkeits¬ 
buche in seiner ganzen alten und gedankentiefen Einfachheit erzählt, 
in der profanen Dichtung dagegen wird dieses Mythologem abgewandelt. 

Wie in der Sage von den sieben Weisen Griechenlands erscheint 
der Sonnentisch in den Sagen von König Salomon vielfach als los¬ 
gelöst vom Götterberge. Seinen ursprünglichen Zusammenhang mit 
dem alten kosmischen Weltbild vergaßen aber auch diese nicht so 
ganz. An diese Beziehungen erinnern in den arabischen Quellen 
über dieses Prunkstück des Gotenschatzes der Berg Salomons bei 
der -Stadt des Tisches“ und die Grotte des Herkules mit dem 

i 

Salomonstisch, von dem spanische Romanzen singen. Auch die Mär 
vom Priesterkönig Johann und vom Gral verleugnet den alten 
kosmischen Grundgedanken der hier noch deutlich erkennbaren 4 Einheit 
von Stufenturm und Tisch nicht. Der speisespendende Tisch stellt 
in dem Parädiesespalaste des Priesterjtönigs. Hier aber ist seine 
Platte, wie schon zuvor in einigen arabischen Berichten, aus einem 
einzigen Riesensmaragd geschnitten. Daß er nicht mehr, wie in 
jenem visionären Bilde des Buches Henoch, auf dem Turme steht, 

J ) Kam per s, S. 70 ff. Hierher gehört auch wohl der von Eisler, a. a. O. 
8. 486 erwähnte schwimmende Feueraltar, die oder €öria üaXäoör]^ 

Über die Sage von den sieben Weisen vgl. F. A. Bohren, I)e septem sapientibus. 
Bonn 1867. H. Wulf, De fabellis cum collegii septem sapientium memoria 
coniunctis quaestiones criticae. Halle 1896. J. Mikolajczak, De septem 
sapientium iabulis quaestiones selectae. Breslau 1902. Die wichtigeren Text- 
steilen sind: Diog. Laert. I, 27 sq.: Dreifuß; ebenso Diod. IX, 3 u. IX, 13. 
Diog. I, 32: Von Vulcan gefertigt und dem Pelops geschenkt, kommt bis au. 
Menelaus, wird mit der Helena geraubt und von Alexander ins Meer geworfen 
Ähnlich Flut., Solon 4. Diog. I, 28: Nach Kallimachos war es eine. 
T (piäXrj u . Maßgebend für das Mittelalter war Valerius Maximus IV. Ext. 1,7: 
„A piscatoribus in Milesia regione everriculum trahentibus quidam iactuni 
eini rat. Extracta deinde rnagni ponderis aurea Delphica mensa orta coutro- 
ver.sia est“ . . . etc. Ausonius, Ludus septem sapientum in Oeuvres completes 
d'Ausone par E. F. Corpet. I (Paris 1842) 264. 

ViitteUmigen d. Schles. Ge«, f. Vkde. Bd. XIX. 


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82 


sondern in dessen Innerem, ist eine leicht erklärliche dichterische 
Verschiebung. Aber der Smaragd? Auch in Wolframs Gralburg im 
Lande der Seligen, die, wie wir aus Bauresten beim Eschenbacher 
schließen können, nach dem Vorbilde des Stufenpalastes der Un¬ 
sterblichkeit jenes Priesterkönigs von den ersten Graldichtern erbaut 
wurde, ist die Platte des Tisches, der auch hier eine bedeutsame 
Rolle spielt, ein einziger großer Edelstein. Als weitere Änderung 
kommt bei Wolfram hinzu, daß die speisenspendende Kraft hier nicht 
mehr am Tische haftet, sondern auf einen Gegenstand übergegangen 
ist, der „Gral“ genannt wird. Nun kannte die Graldichtung den 
kosmischen Bezug dieses Tisches, der ja in dem sich drehenden 
Tische König Arturs, dessen kreisrunde Form Wolfram besonders 
unterstreicht 1 ), so offensichtlich in die Erscheinung trat, an den ja 
die „Queste du Graal“ erinnerte. Da drängt sich nun ein Vergleich 
mit einer anderen, hochberühmten Tafel auf, welche mit dunklen 
Worten sicherlich kosmischen Inhalts beschrieben und aus einem 
Riesensmaragd geschnitten war. Es ist die „Tabula smaragdina“ 
des Hermes. 

Diese Urkunde auf dem Edelsteine galt den mittelalterlichen 
und auch den späteren Alchemisten bis hinein in das achtzehnte 
Jahrhundert als der Gründungsbrief ihrer Geheimwissenschaft. Der 
krause Text lautet 2 ): „Verum, sine raendacio, certurn et verissimum. 
Quod est inferius est sicut quod est superius, et quod est superius est, 
sicut quod est inferius, ad penetranda miracula rei unius. Et sicut 
omnes res fuerunt ab uno, meditatione unius, sic omnes res natae 
fuerunt ab hac una re, adaptatione. Pater eius est sol, mater eius 
est luna. Portavit il lud ventus in ventre suo. Nutrix eius terra est. 
Pater omnis telesmi totius mundi est hic. Virtus eius integra est, 
si versa fuerit in terram. Separabis terram ab igne, subtile a spisso» # 
suaviter, magno cum itigenio. Ascendit a terra in coelum, iterumque 
deseendit in terram, et recipit vim superjorum et inferiorum. Sic 
habebis gloriam totius mundi. Ideo fugiet a te omnis obscuritas. 
Haec est totius fortitudinis fortitudo fortis, quia vincet omnem rem 
subtilem, oranemque solidam penetrabit. Sic mundus creatus est. 
Hinc erunt adaptationes mirabiles, quarum modus est hic. Itaque 
vocatus sum Hermes Trismegistus habens tres partes philosophiae 

*) Kainpers, a. a. 0. S. 26 ff. Parziv. 309 u. 775. 

a ) Ich gebe den Text nach H. Kopp, Beiträge zur Geschichte der Chemie. 

I (Braunschweig 1869) 377. 


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totius mundi. Completum est, quod dixi de operatione solis.“ 
Daß hier Reste alter religiöser Lehre überliefert werden, beweist die 
verwandte Stelle bei Aristoxenos: „dvo elvai dn dg/fjg rol^ 
ovo iv atrta . . . jrarega /ui~v (p<x>£, /utjräQa di Ok6to< *)“, oder die 
andere des Plutarch von der Ehe zwischen Sonne und Mond 2 ), oder 
weiter die des Servius 3 ): „dicunt physici cum nasei coeperimus, 
sortimur a sole spiritum, a luna corpus,“ oder schließlich die alte 
Vorstellung von der Ehe zwischen Chronos und der Nacht und von 
der Geburt des von den Winden getragenen Welteies durch die 
letztere*). Da die älteren alchemistischen Texte den „Stein der 
Weisen“ als „Ei der Philosophen“ bezeichnen und deutlich Bezug 
nehmen auf diesen kosraogonischen Mythus von dem durch die Winde 
umhcrgewirbelten Weltei, so erkennen wir, wenn auch nur in Um¬ 
rissen, weit zurückgreifende religionsgeschichtliche Zusammenhänge. 
Der „Stein der Weisen“ wird zum „Mysterium des Mithras“, zum 
Weltei; er wird in einer alchemistischen Venetianer Handschrift des 
11. Jahrhunderts „rö tov höojuov fi/jutjfia" 5 ). Es wäre gewiß eine 
lohnende Aufgabe, die religionsgeschichtliche Grundlage der Alchemie 
systematisch zu durchforschen; hier genüge es, durch die Vergleichs¬ 
stellen den kosmischen Bezug der hermetischen Tafel sichergestellt 
zu haben. 

Frühzeitig hat sich die Sage dieser Tafel des Hermes bemächtigt. 
Freilich handelt es sich dabei nur um eine verhältnismäßig recht 
junge Überlieferung. So soll eine dem Albertus Magnus beigelegte 
Schrift „De secretis chymicis“ die Nachricht enthalten haben, daß 
Alexander die Wunder wirkende Schrift auf einer smaragdenen Tafel 
im Grabe des Hermes auf einem, seiner Züge entdeckt habe. Nach 
einer anderen Überlieferung soll sie ein Weib Zara in den Händen 
des Leichnams in einer Höhle bei Hebron gefunden haben 0 ). Diese 
letztere, ersichtlich jüdische Sage ist älteren Ursprungs. Sarai ist 
die Himmelsherrin; sie steht hier für Isis, die neben Hermes ja eine 


! ) H. Diols, Doxographi Graeei. Berlin 1879. S. 557 Z. 10f. 

-) Plutarch, De facie in orbe lunae. 28 u. 30. 

3 Servius zu Verg. Aen. XI,51. Zu diesen Stellen vgl. Eisler, a. :t. O. 
S. 55S u. 729. 

4 , Dazu siehe Eisler, a. a. 0. wiederholt; u. a. S. 391. 

r> ) M. Berthelot, Collection des anciens alchimistes grecs. 11 (Paris 


1888 ) 114 . 

6 ) Kopp, a. a. 0 S. 378. 


r>* 


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84 


hermetische Dialogfigur bildete, und an deren Stelle auch eine jüdische 
Maria gelegentlich tritt 1 ). Daß unter dem Hermes Trismegistus ur¬ 
sprünglich der Gott gemeint ist, den man als den Urquell aller 
Weisheit und sogar als den personifizierten Logos verehrte, ist sicher. 
Er ist identisch mit dem ägyptischen Thot, dem göttlichen Verfasser 
der 4‘J Papyrusrollen, die bei den religiösen Festen der Ägypter in 
feierlichem Zuge von den Priestern vorangetragen wurden. Als 
Schriftsteller erscheint er freilich schon bei Lactanz 2 ), und dessen 
Zeitgenosse Clemens Alexandrinus bezeichnet bereits jene heiligen 
Rollen als „hermetische Schriften“. Es lag nahe, diesen Hermes 
auch als Verfasser einer jener alchemistischen Schriften anzusehen, 
die sich früzeitig gerade in Ägypten eines großen Ansehens erfreuten, 
oder auch als Verfasser astrologischer Werke, die bei den Arabern 
in hohem Ansehen standen 3 ). 

Zuerst soll die Tabula smaragdina von einem Ortholanus oder 
Hortulanus erwähnt sein, der vielleicht im 11. Jahrhundert in England 
lebte 4 ). Unzweifelhafte Bezugnahme auf sie läßt sich aber im 
13. Jahrhundert nachweisen, wo sie einem Albertus Magnus, Arnaldus 
de Villanova, Raymundus Lull bekannt ist 5 ), was unbedingt schon eine 
weiter zurückliegende Vorstufe dieser Überlieferung voraussetzt. 

Zwei Überlieferungsreihen über eine kosmische Tafel stoßen also 


J ) Berthelot, Coli. II, 172: „Xv/nt]g tcai Magia.' Über diese Maria vgl. 
Kopp, a. a. 0. S. 402. Auch in dem unten Anm. 5 genannten Werke von 
Manget ist u. a. [II, 896] die Rede von einer ..Maria Hebraea Moysis soror“. 
Über diese jüdische Maria und deren Schrift über den philosophischen Stein 
handelt auch M. Berthelot, Les origines de l'Alchemie. Paris 1885. p. 171 sv. 

a ) Lactantius, Div. inst. VI de vero cultu c. 25. I de falsa religione c. 6. 

3 ) H. W. Schaefer, Die Alchemie. Ihr ägyptisch-griechischer Ursprung 
und ihre weitere historische Entwicklung. Progr. d. Gymnas. zu Fleusburg 
1887. S. 14 f. Eine arabische Handschrift „Hermetis Trismegisti de lunae 
mansionibus liber“ erwähnt M. Steinschneider, Iber die Mondstationen 
(Naxatra) und das Buch Arcandam. Zeitschr. d. deutsch, morgenländ. Ges. 18 
(1864) 135. 

4 ) Schäfer, a. a. 0. S. 25; Kopp, a. a. 0. S. 379 f. Jöchers Gelehrten¬ 
lexikon [II, 863] unterscheidet zwei Autoren dieses Namens, die aber beide, 
was nicht denkbar ist, auch den anderen Namen Johannes de Garlandia führten. 

5 ) Albertus magnus, Mineralium libri V. L. I. Tract. I. C. 8 und L. III 
Tract. I. C. 6 sowie Tract. II. C. 1. Opera omnia cura ac labore A. Borgnet.* 
V (Paris 1890) 5: 66; 75. Arnaldus Villanovanus, Rosarium. L. I c. 7 in 
J. J. Mangeti Bibliotheca chemica curiosa. T. I. (Genevae 1702) 665; Raymund 
Lull, Codicillus c. 9 et c. 53 in Manget, 1. c. I, 884 et 904. 


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im arabischen Spanien, wo die Alchemie mit ganz besonderem Eifer 
gepflegt wurde, zusammen: die Sage vom salomonischen Tisch und 
die von der Smaragdtafel des Hermes. Die innere Verwandtschaft 
zwischen beiden legt die Übertragung von Eigenschaften der einen 
auf die andere nahe: aus der goldenen Platte des salomonischen 
Tisches wurde in der spanischen Sage eine smaragdene und zugleich, 
behaupte ich, wurde dieser nunmehr einbezogen in die wirren 
Gedankengänge der kabbalistischen Wissenschaft der gotisch-jüdisch- 
arabischen Mischkultur Spaniens. 

Ein solcher Übergang wurde durch die Tatsache, daß Salomon 
schon frühzeitig als großer Zauberer und später als ebenso großer 
Alchemist galt, erleichtert. Als großen Steinkundigen und Hexen¬ 
meister rühmt ihn besonders die arabische Sage 1 ). Bei älteren 
griechischen Alchemisten wird Salomon dann auch als Kunstgenosse 
bezeichnet, so bei Zosimos und Christianos. Eine vielleicht dem 
11. Jahrhundert angehörende alchemistische Handschrift enthält das 
„Labyrinth des Salomo“ mit kabbalistischem Inhalt 2 ). Die wahr¬ 
scheinlich im 1*2. Jahrhundert entstandene, später so hoch bewertete 
alchemistische Turba philosophorura“ bietet auch „Dicta Salomonis, 
fllii David“ 3 ). 

Nach einem leider nicht genau bezeichneten spanischen Manu- 
script, das einen Text der „Vergilii eordubensis philosophia“ ent¬ 
hält, welcher vielleicht dem zwölften oder dreizehnten Jahrhundert 
angehört, ist die Rede von der „ars notoria“, welche in Cordova 
neben „nigromantia“, „pyromantia“ und „geomantia“ gelehrt wird. 
Diese „ars notoria“ ist eine „ars et scientia sancta, quia ista omnes 
aliae sciuntur et per istam omnes aliae scientiae possunt sciri sine 
difficultate aliqua et sine defectibiIitate aliqua et sine diminutione 
aliqua.“ Eine so hochheilige Kunst kann nur von einem heiligen 
Lehrer vorgetragen und von sündenlosen Hörern aufgenommen werden. 
Von dieser „ars angelica“ heißt es dann weiter: „angeli boni et 
sancti composuerunt eam et fecerunt, et postea sancto regi Salomoni 
angeli boni et sancti dederunt et ipsi angeli in ista scientia sanctutn 
Salomonem magistrum fecerunt et eum in ea imbuerunt.“ Durch 
diese Quintessenz aller Weisheit, welche auch Aristoteles beim Be- 

*) G. Salzborger, 1 »io Salomosage in der semitischen Literatur. Berlin 
1907. S. 23ff. Kainpers a. a. 0. S. 38 f. 

a ) M. Berthelot, Les origines de 1’Alchemie. Paris 1885. p. 16. 

*) Näheres bei Kopp a. a. 0. S. 471 Anm. 211. 


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{■uehe des großen Alexander in Jerusalem kennen lernte, bändigte, 
heißt es liier, Salomon die Dämonen seinem Willen. Selbst wenn 
diese seltsamen Ausführungen nicht der genannten Zeit angehören 
sollten, bieten sie eine genügend feste Grundlage für die Annahme 
einer Verknüpfung der älteren, von Engeln gelehrten Kabbala in 
Spanien mit der Person des jüdischen Königs'). Ja, man konnte 
wähnen, dali£>alomon bereits im Besitze des Steines der Weisen war; 
erzählte doch die Sage von seinem Ringsteine mit dem Siegel und 
dem Pentagramm Gottes, durch den er die Geister sich dienstbar 
machte, fabelte sie doch von dem Wunderstein Scharair, dem grünen 
Edelstein, welcher vielleicht derselbe ist, den Ger hundähnliche Geist 
Kabdos beim Tempelbau zeigt, und welcher zur Ausschmückung des 
Heiligtumes dienen soll 2 ). 

Dieser Zusammenhang der Graltafel mit der arabisch-jüdischen 
Kabbala könnte schon aus der von den Alchemisten frühzeitig 
behaupteten Möglichkeit, solche Riesenedelsteine, wie sie für die 
Herstellung einer Tischplatte nötig waren, mit Hilfe ihrer geheimen 
Kunst verfertigen zu können, gefolgert werden. Wenn auch nicht der 
Graltafel, so wird doch deren Vorläuferin, der Gotentafel und der 
Nebenbuhlerin des Gral, der heiligen Schale der Genuesen, in der besten 
Geschichte dieses wissenschaftlichen Irrwahnes 3 ) deshalb mit vollem 
Flechte in dem Kapitel „Smaragd“ Erwähnung getan. Indem ich 
nunmehr auch die Graltafel in dieses Kapitel einreihe, tue ich das 
also nicht auf Grund irgend einer luftigen Mutmaßung. Zwar stehen 
wir in den Tagen des Eschenbachers erst am Anfänge der Ausbreitung 
des alchemistischen Irrwahnes innerhalb des romanisch-germanischen 
Kulturkreises, und deshalb ist dieser Zusammenhang zwischen dem 

0 G. Heine [Bibliotheca anecdotoruni. I (Lipsiae 1848) 211 sq.j bringt 
den Text, der 1290 in Toledo aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt 
sein will. Ob der Kingstein Salomons identisch ist mit dem „Stein der Tiefe“, 
•len David fand, ist nicht ersichtlich. Dieser Stein verschloß den „Brunnen der 
großen Tiefe“, und auf ihm war der Schein ha-mephorasch, der Gottesname 
der Magie, eingegraben. Er soll von David ins Allerheiligste gebracht worden 
sein und auf ihm die Bundeslade gestanden haben. Unberufene, berichtet 
die Sage weiter, drangen wiederholt in das Allerheiligste ein, um jenen Gottes- 
namen für magische Künste zu entziffern. Dieser Schein ha-mephorasch, mit 
welchem schon Lilith, die erste Frau Adams, Magie trieb, ist auch auf dem Ringstein 
Salomons zu leseu. Vgl. E. Bisehoff, Die Kabbalah. Leipzig 1903. S. 82 u. 85. 

2 ) Salzberger a, a. 0. S. 95. 

*) Berthelot, Origines 1. c. p. 221 sv. 


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Tisch Salomons und jener Kabbala zunächst noch ein recht lockerer und 
nur schwer zu erkennen. Die Sage war es. Die als erste den Schleier, 
der geflissentlich über jene magische Weisheit gebreitet wurde, lüftete, 
Bruchstücke der Entstehungsgeschichte jener Zauberkunst weitertrug 
und allerlei Wunderbares und Nichtverstandenes über diese raunte. 
Daran konnten die sagenfrohen benachbarten Proven^alen anknüpfen. 
Die verschwommene Kunde von jener Kabbala in der ritterlichen 
Dichtung der Franzosen und Deutschen, von der auch Wolframs 
Kleinode in der Gralburg Zeugnis geben, hatte somit begonnen. 

Zauber und Märchen sind voneinander nicht zu trennen. Beim 
Eschenbacher handelt es sich aber nicht um einen beliebigen Zauber, 
sondern um einen bestimmten, im Orient erfundenen. Wolframs 
Wundermann ist Klinschor, der „phaffe der wol zouber las“. 
Chrestiens von Troyes *) kennzeichnet ihn, ohne seinen Namen zu 
nennen, mit den Worten: „sages clers d’astrenomie“, der im Auf¬ 
träge der alten Königin den Zauber des Wunderschlosses schuf. 
Weit mehr weiß Wolfram von ihm zu singen. Dieser Abkömmling 
des großen Zauberers des Mittelalters. Virgilfus, raubt hier nach 
seiner Entmannung schöne Frauen und bannt sie in jenes Zauber¬ 
schloß, damit andere ihrer nicht genießen können. Unter diesen 
waren auch Arturs Mutter, ihre Tochter und ihre Enkelinnen. 
Merkwürdigerweise wird in einer Version des „Livre d’Artus“ Arturs 
Mutter durch Merlin auf das Wunderschloß gebracht 2 ). Es will 
mich bediinken, daß Klinschor und Merlin Parallelfiguren sind. 
An sich ist es ja recht unwahrscheinlich, daß die sagenberühmte 
Gestalt aus der Umgebung des bretonischen Artur nicht in irgend einer 
Verwandlung mit diesem zugleich in die engverwandte Parzival- 
dichtung herübergenommen wäre. Ist das der Fall, so wäre auch 
Klinschor ebenso wie Merlin, ursprünglich der Dämon, welcher in 
der Saloraonsage eine Rolle spielt. Zwischen diesem Dämon 
Aschmedai und dem bretonischen Zauberer bestehen in der Tat der¬ 
artige überraschende, schon lange nachgewiesene Ähnlichkeiten 3 ), 
daß wir — unter Berücksichtigung der von mir dargelegten Bedeutung 
der Saloraonsage für den ganzen Sagenkreis vom König Artur — 

*) C'hrestien V. 8910. 

2 ) Parziv. 66,4. Wolfram von Eschenbach, Parzival. Neu bearb. von 
W. Hertz. 5. Autl. Stuttgart 1911. S. 539. 

3 ) M. Gr Unbau ui, Beiträge zur vergleichenden Mythologie aus der 
Hagada. Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellsch. XXXI (1877} 218. 


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in ihnen einen Beweis für den orientalischen Ursprung der Merlin¬ 
sage erblicken dürfen. Nach dem Orient verweist uns nun auch 
Wolfram; er sagt von Klinschor: 

„Clinschore ist staeteclichen bi 
der list von nigrömanzi, 
daz er mit zouber twingen kan 
beidiu wib unde man. 
swaz er werder diet gesiht, 
dien lsct er Ane kumber nibt 1 ).“ 

Und an anderer Stelle: 

„ez ist niht daz laut ze PersiA: 
ein stat heizet PersidA, 
da erste zouber wart erdAht. 
da fuor er hin und hAt dan brüht 
daz er wol schaffet swaz er wil, 
mit listen zouberlichiu zil 2 )* 

Aus dem Lande des Feirefis, also aus dem Orient, bringt 
Klinschor den großen Schatz, ja sogar den Wunderbau der Wendel¬ 
schnecke 3 ). Dabei ist zu beachten, daß arabisch und orientalisch für 
Wolfram gewöhnlich wesensgleiche Dinge sind. 

Von dem Vorhandensein einer irgendwie mit Alchemie in Ver¬ 
bindung stehenden Geheimwissenschaft geben diese mageren Aus¬ 
führungen über Klinschor keine Kunde. Wolfram kennt nun auch 
noch wirkliche arabische Gelehrte, so einen nicht mit Sicherheit fest¬ 
zustellenden Kancor und den wohl mit Thabith ben Korrah identischen 
Thebit, sowie ganz besonders einen sonst gänzlich unbekannten 
Flegetanis, der sein Gewährsmann für die Kunde vom Gral ist: 

„ein beiden Flegetanis 
bejagte an könste hohen pris. 
der selbe fision 
was geborn von Salmon, 
üz israhelscher sippe erzilt 
von alter her, unz unser schilt 
der touf wart fnrz hellefiur. 
der schreip vons gräles äventiur. 

Er was ein heiden vaterhalp, 

Flegetanis, der an ein kalp 
bette als ob ez waer sin got . . . 

*) Parziv. 617, 11 ff. Ich zitiere nach Wolfram von Es chenbach, 
Parzival und Titurel. Herausgegeben und erklärt von E. Martin. Halle 1900 

*) Parziv. 657, 27 ff. 

8 ) Parziv. 589. 


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Flcgetänis der heiden 
künde uns wol bescheiden 
iesliches Sternen hinganc 
unt siner künfte widerwanc; 
wie lange ieslicher umbe get, 
e er wider an sin zil gestet. 
mit der Sternen umbereise vart 
ist gepöfet aller menschlich art. 

Flegetänis der heiden sach, 
da von er bluwecliche sprach, 
im gestirn mit sinen ougen 
verholenbreriu tougen. 
er jach, ez hiez ein dinc der gral: 
des namen las er sunder twal 
inme gestime, wie der hiez 1 )“. 

Des Dichters Gewährsmann ist also ein heidnischer Jude, ein 
arabisch schreibender Nigromant und Astrologe. Hatte Wolfram 
vorhin eine Stadt Persida 2 ), über deren Lage er gewiß nicht orientiert 
war, als die hohe Schule der Magie genannt, auf der Klinschor seine 
Weisheit lernte, so denkt er jetzt an die auch sonst vorherrschende 
Ansicht, daß Spanien die Heimat der Zauberei sei 3 ). 

„Kyot der meister wol hekant 

ze Polet verworfen ligen vant 

in heidenischer schritte 

dirre äventiure gestifte. 

der karakter a b c 

muoser hän gelernet e, 

an den list von nigromanzi. 

ez half daz im der touf was bi: 

anders wser diz ma»r noch unveruumn. 

kein heidensch list mttht uns gefrumn 

ze künden umbes gräles art, 

wie man siner tougen inne wart 4 )“. 

Vom Gral aber weiß nun dieser Flegetanis noch etwas ganz Merk¬ 
würdiges zu berichten: 

') Parziv. 453, 23 ff. 

2 ) Nach E. Martin, Zur Gralsage. Straßburg 1880. S. 7, stammt der 
Name der Stadt Persida aus des Honorius Augustodunensis Imago mundi. 
L. I, c. 14: „in hac primum orta est ars magica“. 

s ) Hertz, a. a. 0. S. 538 verweist auf das Gedicht von Biterolf und 
Dietleib; darnach liegt ein Berg bei Toledo, „da der list nigromanzi von erste 
wart erfunden“. 

4 ) Parziv. 453, 11 ff. 


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Original frorn 

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„ein schar in üf der erden liez: 
diu fuor üf über die sterne hoch, 
op die ir unschult wider zoch, 
sit muoz sin pflegn getouftiu fruht 
init also kiuschlicher zuht: 
diu menscheit ist immer wert, 
der zuo dem grale wirt gegert 1 )*. 

In diesen seinem Gewährsmann Flegetanis gewidmeten Versen 
ist schon eine deutlichere Bezugnahme auf die von Juden und 
Arabern gepflegte Kabbala in Spanien zu erkennen. Aus dieser allein 
aber auf eine Verwandtschaft zwischen der Graltafel und jener Tabula 
smaragdina des Hermes zu schließen, ginge nicht an. Erst die Er¬ 
wähnung der Erdenfahrt der Engel gibt uns dazu ein Recht. 

Vom Falle der Engel spricht Wolfram noch an anderer Stelle: 

„di newederhalp gestuonden 

do ßtriten beguonden 

Lucifer und Trinitas, 

swaz der selben engel was, 

die edelen unt die werden 

muosen üf die erden 

zuo dem selben steine. 

der stein ist immer reine. 

ich enweiz op got üf si verkos, 

ode ob ers fnrbaz verlos. 

was daz sin reht, er nain se wider. 

des steiues ptligt iemer sider 

die got derzüo benande 

unt in sin engel samle. 

her, sus stet ez umben gräl 2 )*. 

Im Widerspruche dazu sagt der gleiche Trevrizent bei Wolfram 
später: 

„ich louc durch ableitens list 
vorne gral, wiez umb in stuende . . 
ich sol gehorsam iu nu sin. 
swester sun unt der herre min. 
daz die vertriben geiste 
mit der gutes volleiste 
bi dem grale waeren, 
kom iu von mir ze maeren, 
unz daz si bulde da gebiten. 
gut ist stad mit sölhen siten, 
er stritet iemmer wider sie, 

] ) Parziv. 454, 24 ff. 

2 ) Parziv. 471, 15 ff. 


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die icli iu ze hulden nante hie. 
swer sins lönes iht wil tragu, 
der inuoz den selben widersagn. 
eweclieh sint si verlom: 
die vlust si selbe haut erkorn 1 )' 4 . 

Eine weitere Stelle der Wolframschen Dichtung setzt dann den 
Fall der Engel in Beziehung zu einer höchst eigenartigen Geschichte 
von Adam: 

„uu priievt wie Lucifern gelanc 

unt sinen nötgestallon. 

si warn doch «ine gallen: 

ja her, wa na men si den nit, 

da von ir endelös er strit 

zer helle enpfahet süren Ion? . . . 

dö Lucifer fnor die hellevart, 

mit schar ein mensehe nach im wart. 

got worhte uz der erden 

Adamen den werden: 

von Adams verhe er Even brach, 

diu uns gap an daz ungemach, 

dazs ir sekepfaere überhörte 

unt unser freude störte. 

vun in zwein kom gebürte fruht: 

einem riet sin ungenuht 

<laz er durch giteclichen ruom 

siner anen nam den magetuom 2 )* 4 . 

Das wird bald darauf von Trevrizent erklärt: 

«diu erde Adames unioter was: 
von erden fruht Adam genas, 
daunoch was diu erde ein magt: 
noch hän ich iu niht gesagt 
wer ir den magetuom benain. 

Kains vater was Adam: 
der sluoc Abein umb krankez guot. 
dö üf die reinen erdenz bluot 
viel, ir magetuom was vervarn: 
den naui ir Adames barn 3 ).* 4 

Diese Geschichte des Urvaters Adam erhält dann später noch 
eine Fortsetzung. Zunächst werden Adams Kenntnisse der Wunder¬ 
kräfte der Natur, besonders der Sterne, gerühmt: 

1 ) Parziv. 798, 6 ff. 

2 ) Parziv. 463, 4 ff. 

3 ) Parziv. 4C4, 11 ff. 


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Original fro-m 

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92 


„Unser vatcr Adam, 

die kunst er von gote nam, 

er gap allen dingen namn, 

beidiu wilden unde zamn: 

er rekant ouch iesliches art, 

dar zuo der Sterne umbevart, 

der siben pläneten, 

waz die krefte heten: 

er rekant ouch aller würze mäht 

und waz ieslicher was geslaht 1 )“. 

Bestimmte Kräuter befiehlt er zu meiden; aber die Adamtochter 
kehren sich nicht an das Gebot: 

„diu wip täten et als wip: 

etslicher riet ir bneder lip 

daz si diu werc volbrähte, 

des ir herzen gir gedähte. 

sus wart verkert diu mennischeit.“ 

Sie bringen infolgedessen misgestaltete Wundermenschen zur Welt. 

Eine ähnliche Sage erzählt etwa hundert Jahre nach Wolfram 
der Verfasser des „Reinfried“. Hier errichten Adam und sein Sohn 
zwei Säulen 2 ), um ihre Kenntnisse auf diesen den Menschen nach 
4er verheißenen großen Flut zu übermitteln: 

„sit daz diu weit ein ende nimt 

mit wazzer ald mit fiure, 

mit hoher koste stiure 

sön wir zwo siule machen 

nä meisterlichen Sachen: 

so sol sin diu eine 

von liehtem marmelsteine, 

der mac geschaden wazzer niht. 

von gebranter ziegei pfliht 

sol diu ander sin gemäht, 

diu hat üf fiures brant kein aht.“ 

Die neugierigen Frauen lesen nach der Flut die Warnung vor den 
Kräutern und misachten diese. So kommen jene Wundermenschen 
auf die Welt. 

Wolframs Adamsage gibt sich deutlich nur als ein Bruchstück 
dieser Mär im „Reinfried“ zu erkennen. Jene Mär selbst ist uralt. 
Sie geht zurück auf zwei außerbiblische Überlieferungsreihen. Die 


1) Parz. 518 ff. 

2 ) Reinfried von Braunschweig. Herausg. v. K. Bartsch. Tübingen 
1871. S. 576. v. 19778. 


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erste ist jene Erzählung von den Wundermenschen, welche seit 
Ktesias und Megasthenes immer wiederkehrt in der Weltliteratur 1 ). 
Ihre Heimat ist die bodenwüchsige Dichtung der Inder. In der 
Naturgeschichte des Plinius *), der seine Kenntnis wohl der griechischen 
Berichterstattung verdankt, fehlen sie nicht. Der große Fabulant, 
welcher den Alexanderroman schrieb, kennt sie 3 ). Bei der Ver¬ 
wandtschaft dieses allbeliebten Machwerkes mit der Sage vom Priester¬ 
könig Johann treffen wir die Mär dann auch in dieser wieder an 4 ). 
Es wurde nun eine Verquickung dieser Sage mit dem biblischen 
Bericht über die Urzeit des Menschengeschlechtes nahegelegt durch 
die Stellen der Genesis: „Da sich aber die Menschen begannen zu 
mehren auf Erden und zeugten ihnen Töchter, da sahen die Kinder 
Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und 
^nahmen zu Weibern, welche sie wollten ... Es waren auch zu den 
Zeiten Tyrannen auf Erden; denn da die Kinder Gottes die Töchter 
der Menschen beschliefen und ihnen Kinder zeugten, wurden daraus 
Gewaltige in der Welt und berühmte Leute.“ Es lag nahe, jene 
Wundermenschen mit diesen Sprossen aus sündiger Vermischung 
in Verbindung zu bringen. Dabei aber ergab sich die Schwierigkeit, 
das von der Sage behauptete Fortleben dieser Misgestalten über die 
Sündflut hinaus zu begründen. Lehrreich dafür ist ein Bericht des 

J ) Hertz, a. a. 0. S. 532. Von dem Pharaonen El-Rajjän wird erzählt 
(F. Wüstenfeld, Die älteste ägyptische Geschichte nach den Zauber- und 
Wundererzählungen der Araber. Orient und Occident I [1862] 336), daß er in 
die Südländer Afrikas zog und dort Menschen wie Affen gestaltet sah und mit 
Flügeln, in die sie sich einhüllten. Vgl. F. Liebrecht, Zur Volkskunde. 
Heilbronn 1879, S. 90 ff. Dieser verweist auf Gervasius von Tilbury, Otia 
imperialia. Hrsg, von F. Liebrecht. Hannover 1856, S. 36, der von den 
Aethiopen erwähnt, daß sie Ohren, wie Flügel hätten. Vgl. auch W. Bousse t 
Die Religion des Judentums im Neutestamentlichen Zeitalter. Berlin 1903, S. 463 
W. Bousset, Die Beziehungen der ältesten jüdischen Sibylle zur chaldaeischen 
Sibylle und einige weitere Beobachtungen über den synkretistischen Charakter 
der spätjüdischen Literatur. Zeitschrift für neutestamentliche Wissenschaft 
(1902) 42—49. Aus der Literatur über diese Sage hebe ich weiter hervor: 
L. Tobler, Über sagenhafte Völker des Altertums. Zeitschrift für Völker 
Psychologie und Sprachwissenschaft XVIII (1888) 237ff. E. Rohde, Der 
griechische Roman und seine Vorläufer. 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 185 ff. 

*) Plinius, Hist. nat. 7,2. 

3 ) A. Ausfeld, Der griechische Aleianderroman. Leipzig 1907, S. 92. 
Dazu die Bemerkung S. 183. 

4 ) F. Zarncke, Der Priester Johannes. Abhandlgn. d. phil.-hist. Classe 
der K. Sächs. Ges. d. Wiss. VII (1879) 911. 


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_ 

Johanues de Marignola ans dem Jalvre 1849: „Am Fuße des Berges 
mit dem Adamfußstapf auf Ceylon leben Religiöse, die sich Sühne 
Adams nennen, von dem sie aber, weder durch Kain, noch durch 
Seth, sondern durch andere Söhne abstammen wollen, was jedoch 
gegen die heilige Schrift ist. Sie behaupten, daß die Siindtlut niemals 
bis zu ihnen hinauf gereicht habe. Außer dem Hause Adams führen 
sie zum Beweise dafür auch ein gewisses im Morgenlande häutiges, 
unstät lebendes Gesindel an, das ich gesehen. Diese nennen sich 
Söhne Kains, ein verworfenes Geschlecht, das nie an einem und 
■demselben Orte bleibt. Zwar läßt sich dieses nur selten sehen, doch 
treiben sie Handel und führen Weiber und Kinder mit häßlichen 
Gesichtern auf Eseln herum 1 ).“ Aus Tabronit stammen Wolframs 
Wundermenschen und Taprobane ist der alte Namen von Ceylon bei 
Plinius 2 ). Ersichtlich schwankt unser bibelfester Reisender. Er ist. 
der strenggläubigen Meinung, daß die Sündflut auch diese Sprößlinge 
Adams verschlungen haben müsse, wagt aber doch nicht, die Sage 
so ganz zu verwerfen. Für das frühe Vorhandensein der Sage in 
der Fassung Wolframs spricht die Tatsache, daß im Decretum Gelasii 
«in „über de filiabus Adae“. verdammt wurde 3 ). Später überwiegt 
die Vorstellung, daß die Wundermenschen erst nach der Sündtlut 
■entstanden seien. Bei Augustinus 4 ) wird eingehender davon gehandelt. 
Er beginnt: „Quaeritur etiam, utrum ex filiis Noe, vel potius ex illo 
uno homine, unde etiam ipsi exstiterunt, propagata esse credendum dt 

4 ) Johannes von Marignola übersetzt von F\ G. Me inert. Abhandlgn. 
•d. böhm. Ges. II (1820) 85. I>as gekürzte Zitat nach P. Hagen, Der Gral. 
Straßburg 1900, S. 16 f. Vgl C. Ritter, Die Erdkunde VI (Berlin 1836; 59 11.; 
V (Berlin 1835) 928. Ritter denkt an die verstoßenen unreinen Kasten. \vel< he 
auch in Ceylon und in Malabar leben. 

J ) Vgl. Hertz, a. a. 0. 8. 518. 

3 ) H. Röuseh, Das Buch der Jubilacen. Leipzig 1874, 8. 477 fi'. 

4 ) Augustinus, De civ. dei. 16,8. Hagen, a. a. 0. S. 22 f. In den 
späteren Dichtungen ist gelegentlich auch der Zauberer Merlin ein solches 
Monstrum. E. Freyuiond, Beiträge zur Kenntnis der altfranzösischen Artus- 
romane in Prosa. Zeitschrift für französische Sprache und Literatur XVII 
(1895) 54. Vgl. zur Sage von den Wundermenschen auch S. Singer, Zu 
Wolframs Parzival. Abhandlgn. z. german. Philologie. Festgabe für R. Heinzei. 
Halle 1898, S. 361 ff., S. 406 ft'. Die Frage, ob die Engel wieder in den Himmel 
aufgenommen worden seien, hat anscheinend die Gemüter stark beschäftigt. Im 
Brandaugedicht (ebenda S. 370) wird deren Wiederaufnahme zugegeben. Ferner 
ist dazu zu vgl. J. v. Döllinger, Geschichte der gnostisch-manichaeischen 
Sekten. München 1890. S. 138 f. 


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V 


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quaedam monstrosa hominum genera, quae gentium narrat historia.“ 
Am Schlüsse dieser Ausführungen heißt es: „Quapropter ut istam 
quaestionem pedetentim cauteque concludam: aut illa, quae talia de 
quibusdam gentibus scripta sunt, omnino nulla sunt; aut si sunt, 
homines non sunt; aut ex Adam sunt, si homines sunt.“ Der ganze 
Bericht des großen Bischofs von Hippo hat zweifellos unsere spätere 
Sage wesentlich beeinflußt. 

ln der Fassung der Adamsage im „Reinfried“ läßt sich dann 
aber noch eine weitere außerbiblische Überlieferungsreihe erkennen, 
welche mutmaßlich im Babylonischen ihre Wurzel hat: ich meine 
die Sage von der Errichtung der beiden Säulen durch Seth. Nach 
Babylon deutet schon das Material der einen dieser Säulen, der 
tönernen. Man ist versucht, an ein Nachwirken der Erzählung 
in dem Sündflutberieht des Berossos zu denken, wonach der „höchst¬ 
weise“ Atra-hasis vor der Flut „alle Schriften, Anfang, Mitte, Ende“ 
in der Sonnenstadt Sippar vergraben habe 1 ). Mit Sicherheit weist 
auf den Orient hin die von Syncellus uns aufbewahrte Stelle des 
später von jüdischen und christlichen Gelehrten stark benutzten 
Manetho, der um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. schrieb 2 ), 
nach der die V iv rf) ZeiQiaÖiKf] yfj“ stehenden Säulen von Thot, dem 
Sohne des Hermes beschrieben worden seien 3 ). Unter der „JZeiqiöc; 
yfj" ist Ägypten zu verstehen. Der hier genannte Hermes entspricht 
dem ägyptischen Gotte Set. Dieser wird auch wohl als Lehrer des 
Hermes eingeführt, was auf die gleiche „Spaltung der hermetischen 
Persönlichkeit“ hindeutet, die sich in den Dialogen zwischen Hermes 
und Tat zu erkennen gibt 4 ). Der zufällige Gleichklang des Namens 
dieses ägyptischen Gottes mit dem Namen des Sohnes Adams hat 
dann zu einer Gleichsetzung des biblischen Seth mit Hermes geführt. 
Später tritt darauf an die Stelle Seths, der als Erfinder der Astrologie 
angesehen wurde, der Vater der Alchemisten, Cham. Im vierten 

O H. Usener, a. a. 0. S. 13. R. Eisler, Weltenmantel nnd Himmelszelt. 
München 1910, S. 572. 

*) Hagen, a. a. 0. S. 20 f. Die einschlägige Literatur bei Eisler, 
a. a. 0. S. 569. Vgl. besonders R. Reitzenstein, Poimandres. Leipzig 1904, 
S. 183: „Die ZeiQi&s yf) ist als Heimat der Isis durch eine Inschrift bezeugt.“ 

*) Die Sage von den Säulen begegnet uns auch im L’image du monde de 
maitre Gossouin [Lausanne 1913. p. 182 sv.j, wie mir Herr Kollege Hilka mit¬ 
teilte. Der Herausgeber, 0. H. Prior, verweist auf Josephus, Ant. jud. I, 2 
und auf Gervasius von Tilbury, Otia Imper. I, 20. 

4 ) Eisler, a. a. 0. S. 569. 


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;»h 


Jahrhundert sagt Johannes Cassianus, daß Cham sein Wissen 
„diversorum metallorum laminis, quae scilicet aquarum inundatione 
corrumpi non possent, et durissimis lapidibus“ eingemeißelt habe *). 
Der alte mythische Zug wird nun im lateinischen Adambuche auf 
den von Seth aufgezeichneten Sündenfallbericht übertragen 2 ). Es 
mag der Eitelkeit gelehrter Juden geschmeichelt haben, durch diese 
Vertauschung der Persönlichkeiten, den Erzpatriarchen Seth zum 
Verfasser der nach Isis Zoj-dlg oder ZeiQiäg benannten astrologischen 
Sothisbücher ansehen zu dürfen 3 ). „Schriften Seths zu besitzen, 
rühmten sich Juden, Samaritaner, gnostische Christen (insbesondere 
die Sethianer) und Muhammedaner“ 4 ). 

Unter dem Einfluß der angeführten Stelle der Genesis kommt 
aber, wie die Dichtungen „Parzival“ und „Reinfried“ aufzeigen, noch 
ein neuer Zug zu dieser Sethsage: im Verkehr der Engel Gottes mit 
den Frauen der Menschen lernen diese die geheimen Künste der 
Zauberei. 

Der Fall der Engel, ihr sündiger Verkehr mit den Frauen der 
Menschen hat die Dichtung im Osten und Westen frühzeitig und an¬ 
haltend beschäftigt. Alt ist dabei auch der Zug, daß die Engel zuin 
Zwecke der Verführung jene Weiber lehrten, wie es im Buche Henoch 5 ) 
heißt: „Zaubermittel, Beschwörungsformeln und das Schneiden von 
Wurzeln und ihnen offenbarten die heilkräftigen Pflanzen.“ Der 
Sagenzug von den Säulen des Seth ist schon bei Josephus 6 ) vereinigt 
mit dem Zuge von jener verbotenen Vermischung. Nach der Er¬ 
richtung der Säulen tritt hier eine Sittenverderbnis ein: „noXXoi ydg 

*) Migne, Patrologia latina XL1X, 759. Vgl. dazu die Historia scholastica 
iu genesim des Petrus Coniestor c. 39 (Migne, Patr. lat. CIIC., 1098): 
„lnagicam arteui (sc. Cham) et septem liberales quattuordecim coluinnis inscripsit, 
septem aeneis, septem lateritiis contra duplex orbis excidium.“ Eisler, 
a. a. 0. S. 568 f. 

2 ) E. Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten 
Testamentes. Tübingen 1900, S. 528. 

3 ) Näheres bei Eisler, a. a. 0. 

4 ) Fabricius, Codex pseudepigraphicus Veteris Testamenti. I (1722) 
141-157; II (1742) 49—55. Hagen, a. a. 0. S. 20. 

5 ) Kautzsch, a. a. O. S. 239. Vgl. auch die Anmerkung bei R. H. Charles, 
The Apocrypha and Pseudepigrapha of the Old Testament. Oxford 1913, p. 191. 
Die Ehen zwischen den Engeln und Menschentöchtern kennt auch das Buch 
der Jubiläen (Kautzsch, a. a. 0. S. 48), nicht aber die Übermittelung des 
geheimen Wissens. 

®) Josephus, Ant. 1, 2, 8 . 


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97 


dyyeXoi \)eov yvvaißl ov/ifuyevxeg vßgioxäg iyevvrjoav Jialöag, Kal 
navxög vnegöircag xaÄod, öiä rrjv im rfj bvvduei nenoitirjOiv. ö/xoia 
ydg rotg vjiö yiyäv xojv xexoX/ufjodat Xeyofiivoig txp' 'EXX rfvatv 
Kal oirxot bgäoat nagabibovxai. u Gegen Ende des zweiten Jahr¬ 
hunderts bringt Clemens Komanus die gleiche Sage 1 ). Hier wird 
schon ganz besonders unterstrichen, daß die Kenntnis der Darstellung 
der edlen Metalle und der Edelsteine durch' die Engel den Töchtern 
der Menschen vermittelt worden sei: „2ov xovxotg bi rotg /xayeu- 
delöiv Mi)eng Kal rag xiyvag x6>v JtQÖg ixaoxa ngaynäxutv nagibooav, 
Kai /xayeiag vnibeißav Kai döxgovofilav iblbaßav.“ Etwas später 
erhält die Sage in Tertullians Schrift „De cultu feminarum“ folgende 
Fassung 2 ): „Nam et illi . . . damnati in poenam mortis deputantur: 
illi scilicet angeli, qui ad filias hominum de caelo ruerunt, ut haec 
quoque ignominia feminae accedat. Nam cum et raaterias quasdam 
bene occultas et artes plerasque non bene revelatas seculo multo 
magis imperito prodidissent, siquidem et metallorum opera nudaverant 
et herbarum ingenia traduxerant et incantationum vires provulgaverant 
etomnem curiositatem usque ad stellarum interpretationem designaverant, 
proprie et quasi peculiariter feminis instrumentum istud muliebris 
gloriae contulerunt, lumina lapillorum, quibus monilia variantur et 
eirculos ex auro quibus brachia artantur et medicamenta ex fuco 
quibus lanae colorantur et illud ipsura nigrum pulverem quo oculorum 
exordia producuntur.“ An anderer Stelle wird dieses Sagenbild er¬ 
gänzt durch die Mitteilung, daß die „angeli qui et materias eius- 
modi et illecebras detexerunt, auri dico et lapidum illustrium, et 
operas eorum tradiderunt, et iam ipsum calliblepharum, vellerumque 
tincturas inter cetera docuerunt, damnati a Deo sunt, ut Enoch refert.“ 
Noch ein Schritt und die Engel werden die Begründer der Chemie, 
oder besser der Alchemie. Ais solche erscheinen sie bei dem 
Byzantiner Zosimos, einem alchemistischen Schriftsteller des 4. Jahr¬ 
hunderts 3 ): „ (päOKOvöiv al legal ygaqxü rjxoi ßißXcu, <b yvvat, öxi 
ioxi xl baifiövutv yevog , ö ygfjxai ywaißiv. ifivtj/uöveuoe bi Kal 
’Eg/iijg iv xotg tpvOiKÖig, küI oyebov öjiag Xöyog (pavegög Kai 
djiÖKgvfpog xoüxo iavTjuövevoe • xof)xo ovv iipaoav al dgyalai Kai 

l ) Clemens Romanus, Hom. VIII, 12 sq. Vgl. H. Kopp, Beiträge zur 
Geschieht« der Chemie. I (Braunschweig 1869) 7 f. 

*) Tertullian, De cultu feminarnm. Lib. L c. 2. Lib. II. c. 10. 

*) K. Krumbachcr, Geschichte der byzantinischen Literatur. 2. Aull. 
Miiuchen 1897, S. 632 f. 

MitteUnngen d. Schien. Gen. t Vkde. Bd. XIX 7 


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98 


defai ygaqxii, oxi äyyekoi xiveg ensäu/LitjOar x<öv ywaiKüv koü 
tutxeAdövreg eöiöagav avxäg nävxa rd xfjg ipvoeojg tgya, cjv yägiv, 
iprjol, jtooöKQovOai'TEg , egro xov oügavoO iueivav, 6n nävxa xä 
novrjgä k ai juijdiv onpe/.oüvxa xt)v ywyijv eöiöagav xovg ävdgconovg. 
i§ avxäv (päöKOvOiv ai avxai ygarpai Kai xovg yiyavxag yeyevijodcu. 
iaxiv ovv avxCyv fj ngcoxtj nagäöocug ffl/iev negi xovxojv xG>v xeyv&v 
ivä/Leoe de xavxrjv xt)v ßiß/.ov yijuev, evdev Kai ij te%vi) yij/aela 
uaAelxai 1 ).“ Die Hagada der .Juden bietet eine Variante zu unserer 
Sage. Hier sind es die Söhne Seths, die Engeln Gottes gleichen, 
welche auf dem Berge Hermon einen erhabenen Wohnsitz haben. 
Von diesem steigen sie später, von Sehnsucht nach dem Paradiese 
getrieben, wieder hernieder und vermischen sich mit den Töchtern 
Kains. Auch in dieser Überlieferung ist Cham der Vater der Chemie 
und diese eine von den Kindern Gottes gelehrte Kunst 2 ). 

Unsere Sage hat uns zu Hermes-Seth geleitet und uns eineu 
Blick in die ältesten kabbalistischen Überlieferungen gewährt. Hängt 
nun vielleicht auch jene Adamsage Wolframs, die in ihrer Breite wie 
ein Fremdkörper im Rahmen der Dichtung anmutet, mit jenem 
alchemistischen Irrwahn zusammen, von dem damals die erste dunkele 
Kunde über die Pyrenäen drang? Ist der Gral etwa gar der Stein 
der Weisen? 

Die Burg, in welcher dieses Heiligtum der ritterlichen Dichtung 
aufbewahrt wurde, ist, wie ich mit den Aufrissen der Bauten Wolframs 
glaube dargetan zu haben, ursprünglich nach dem Vorbilde der 
Burg der seligen Unsterblichkeit des Priesterkönigs entworfen gewesen. 

Ein Wunderstein schlechthin wird nun ausdrücklich in der nach 
dem Orient deutenden Sage dieses indischen Herrschers nicht genannt. 
Wohl werden Steine gerühmt, deren Kräfte zusammengenommen etwa 
den Wunderwirkungen des Gral nahekommen 3 ). Und doch entbehrt, 


*) Erhalten bei Georgius Syncellus, Chronographia. Ex recens. 
G. Dindorf. Vol. I (Bonn 1829) 20 sq. Die Stelle p. 24. Über Cham ala 
Urvater der Chemie und über die Geschichte dieses Wortes vgl. Eisler, a. a. 0 
S. 328. — Über all diese Sagen ist auch M. Berthelot, Les origines de 
l’Alchemie. Paris 1885, p. 11 sv. zu vergleichen. Andere Belege für die Sage 
von den Sethiten und den Kainstöchtern bei M. Grünbaum, Neue Beiträge 
zur semitischen Sagenkunde. Leiden 1893, S. 73. 

2 ) Eingehend handelt darüber Grünbaum, a. a. 0. S. 215 ff. 
s ) Zarncke a. a. 0. S. 913 etc.: verjüngende Kraft, Verscheuchung von 
Haß, Zwietracht und Neid, lichtspendend, wirmegebend. 


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wie ich weiter nachwies, auch das Schloß des Priesterkönigs nicht 
dieses Kleinods. 

Dieser Palast ist nicht so ganz aus der Phantasie des Dichters 
heraus gezeichnet. Wir hörten schon, daß er gebaut ward nach dem 
Muster der siebenstufigen Zikkurats, jener sakralen Türme des Orients, 
und daß diese wiederum ein Abbild des siebenstufigen Bergthrones 
der göttlichen Herrlichkeit sein wollen, den jener stets mit Speisen 
bedeckte Sonnentisoh krönt, über dem die Sonne oder deren strahlendes 
Symbol schwebt. Diesem Sonnensyrabol entspricht nun der alles 
tageshell erleuchtende Edelstein auf der Spitze des Palastes des 
Priesterkönigs, und dem Sonnentische der jetzt natürlich in das 
Innere jenes Riesenbaus versetzte, zum Mahle ladende Tisch. Die 
großen Linien des Aufrisses dieses Bauwerks lassen also dessen Bezug 
auf das Weltbild des alten Orient noch ‘deutlich erkennen. Dieser 
Sagenzug vom kosmischen Hause mit dem Sonnensteine wiederholt, 
sich sogar in anderer Verarbeitung im Presbyterbriefe. Als nämlich 
die Wunderraühle des Priesterkönigs hier beschrifeben wird, heißt es-, 
„Quatuor nempe columpnas magnas et praecelsas de auro purissirao 
fieri l'ecimus, quae in quadam planicie in quadrum sunt dispositae 
. . . Inter quas quidem columpnas superius fieri fecimus domura 
ceu globum rotundaro, quae ita capitibus columpnarum est aequalis 
et iuncta, quod nichil praecellit columnas nec columpnae supereminent 
. . . Subtus rero domum infra columpnas est magna rota cum forti 
fuso de auro fulvissimo formata et disposita, velud est in aliis roolen- 
dinis. Quae rota ita fortiter currit virtute lapidis [qui est in pavi- 
mentoj quod si quis eam firmis oculis vellet intueri, statim amjtteret 
Visum *).“ Eine unzweifelhaft verwandte Architektur in der französi¬ 
schen Dichtung tut dar, daß es sich hier nicht um eine Mühle 
handelt, und daß der treibende Edelstein nicht, wie die interpolierte 
Stelle meint, im Boden ruht, sondern den Bau krönt. In „Karls des 
Großen Reise nach Jerusalem und Konstantinopel“, die ich schon er¬ 
wähnte, werden wir in das Innere des königlichen Palastes in der 
zuletzt genannten Stadt geführt. Dieser hat einen „kreisrunden 
Grundriß, ist eingewölbt und oben durch einen Schlußstein ab¬ 
geschlossen. Der Mittelpfeiler, der das Gewölbe trägt, geht in den 
nächsthöheren Stock durch ein Zimmer und ragt oberhalb des ganzen 
Bauwerks über dasselbe hinaus.“ Die merkwürdigste Eigenschaft 


') Zarncke a. a. 0 S. 918. 

7* 


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dieses Palastes ist die, daß der vom Meere herbrausende Wind ihr» 
dreht „soef et serit“, wie die Welle eine Mühle. Wir kennen diesen 
sich drehenden Palast schon, und auch der Versuch, diese 
Drehung rationalistisch zu erklären, ist uns nicht fremd *). Die 
columpna in medio palatii posita, ex lapidibus preciosis, ex auro et 
ex omni metallo conposita,“ die „exteriores lapides omnino porfiretici“ 
umgeben, kennt auch der Reisebericht des Elysaeus über das Land 
des Priesterkönigs aus dem 12. Jahrhundert. Diese Außenpfeiler 
sind nach dem Grundriß gewiß auch quadratisch geordnet 2 ). Die 
auf'alte Überlieferung zurückgehende Reisebeschreibung des Johannes 
Witte de Hese 3 ) erwähnt ausdrücklich die quadratische Form des 
Grundrisses, was natürlich einen runden Kuppelbau darüber nicht aus¬ 
schließt. Auch bei ihm ruht der Bau auf Säulen, „et media inter 
istas columpnas est maior aliis.“ Der obere Teil dieses Palastes 
dreht sich. In all diesen architektonischen Elementen haben sich 
uralte kosmische Vorstellungen erhalten. Die vier den Himmel 
tragenden Säulen ‘begegnen uns in dem „x öo/xog rer qoküdv“ der 
Orphiker 4 ) und in dem quadratischen Kosmogramm des Mar Aba von 
Nisibis, das uns Kosmas Indikopleustes überliefert hat 5 ), mit seinem 
kegelförmigen, oben gewölbten Berg der Länder auf dem Erdnachen. 
In den Kreis dieser kosmischen Architekturen gehört auch wohl 
das Grabmal des Alyattes, das Herodot neben die aegyptischen und 
babylonischen Wunderwerke stellt 6 ). Dessen Unterbau ist kreisrund; 
darauf erheben sich fünf Säulen. „Etruskische Parallelen zu diesem 
lydischen Bauwerk erlauben die Annahme, daß die mittlere, fünfte 
Säule höher war als die vier Randsäulen, das Ganze also in eine 
erhöhte Spitze auslief.“ Es findet sich hier also auch die Vereinigung 
des lrreisrunden und des quadratischen Grundrisses; auch die Mittel¬ 
säule der französischen Dichtung fehlt nicht. 

Genug! Dieser kosmische Palast des Priesterkönigs ist gekrönt 
von einem Edelstein, der seine ursprüngliche Sonnennatur nicht auf¬ 
gegeben hat; denn taghell breitet er sein Licht aus. Ist er doch 
ursprünglich das Symbol der Sonne über dem Weltenberg. In der 

') Nähere Angaben Oben S. 78, Anm. 4. 

а ) Zarncke a. a. 0. S. 125. s ) Ebenda S. 165. 

4 ) Orphica. Recens. E. Abel. Leipzig 1885. p. 58. v. 29. 

б ) Darüber Eisler a. a. 0. S. 621 ff. 

®) Herodot I, 93. Darauf wies hin in der Besprechung meines Buche» 
[Köln. Volkszeitung. No. 56. 21.1. 17.] A. Dyroff. 


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101 


Salomonsage trägt ihn der König am Finger; er soll den Schlußstein 
des ersichtlich kegelförmig gedachten Totenpalastes der praeadaraiti- 
schen Salomone auf dem Berge aus Goldsand bilden. Sein Glanz 
überstrahlt das ganze Meer. Als Knauf auf Salomons Wunderbau 
in Babylon, auf ‘dem Palaste der Unsterblichkeit des Priesterkönigs, 
und in doppelter Gestalt: einmal auf der Wendelschnecke Wolframs 
als Zauberspiegel oder freischwebend über der Gralburg im „Titurel“ 
finden wir ihn wieder 1 ). Eine solche Sage hatte den Trieb zur. 
Verselbständigung dieses Steines, der in der Salomonsage am Finger 
des Königs Gewalt verleiht auch über die Dämonen, bereits in sich. 
In den Gralsagen hat er sich in der Tat losgelöst von dem Bau 
der Seelen und ist wieder, ohne dabei den inneren Zusammenhang 
mit diesem preiszugeben, zum alten Wunderding des Zaubers 
geworden. Vielleicht geschah diese Bückwandelung ohne jede andere 
Einwirkung nur kraft jenes der Sage vom Ringsteine Salomons 
innewohnenden Triebes, vielleicht aber auch wurde sie herbei¬ 
geführt, oder doch beschleunigt durch jenes dunkele Raunen über 
den anderen Wunderstein der Philosophen und die andere Wunder¬ 
tafel des Hermes, das über die Pyrenäen drang. 

Die letztere, schon durch die besprochenen literarischen Fremd¬ 
körper in Wolframs Dichtung nahe gelegte Annahme entbehrt nicht 
eines gesicherten Untergrundes. In Wesen und Wunderwirkungen näm¬ 
lich ähneln diese Kleinode der schwarzen Kunst der Graltafel und dem 
Gral. Eine Gegenüberstellung wesentlicher Seitenstücke tut das dar. 

Eine Voraussetzung für die Gewinnung des Steines der Weisen 
war die höhere Bestimmung. Ein Julius Maternus Firmicus schrieb 
wohl in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, daß nur eine ge¬ 
wisse Stellung bei der Geburt eines Menschen diesem „scientiam chimi- 
cam“ zu Teil werden lasse. Später wird die Annahme herrschend, „daß 
es auf spezieller göttlicher Auswahl beruhe, wer sich zu dem höchsten 
alchemistischen Wissen erheben könne“, während ein „dazu nicht Aus¬ 
erkorener weder durch geistige Anstrengung noch durch Anwendung 
von Gewaltmaßregeln das Ziel der Alchemie erreichen könne 2 ).“ — Un¬ 
auffindbar ist auch die Gralburg; nur der Auserkorene erwirbt den Gral! 

*) Kampers, Lichtland S. 99. Vielleicht ist dieser Stein identisch mit 
dem Schamir, der beim Tempelbau Verwendung finden sollte. 

a ) H. Kopp, Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Heidelberg 188t>. 
S. 204 ff. C. Engler [Der Stein der Weisen. Festrede. Karlsruhe 1889.] geht 
darüber nicht hinaus. 


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Das Wissen von dem Steine der Weisen verrieten die Engel 
den Töchtern der Menschen. Aus Adam — oder Jungfernerde 
besteht die Materia prima, die der Berufene zu seiner Darstellung 
gebraucht 1 ). — Nur der Vorausbestimmte findet den von Engeln 
auf die Erde gebrachten Gral, und in dem Kapitel, in welchem 
Trevrizent Auskunft über dieses Kleinod erteilt, wird in unverständ¬ 
licher Breite der Verlust der Jungfernschaft unserer Allmutter Erde 
durch die Sünde des Kain erzählt 2 ): 

„Diu erde Adarnes muoter was: 
von erden fruht Adam genas, 
dannoch was diu erde ein magt: 
noch han ich iu niht gesagt 
wer ir den magetuoni bcnam. 

Kains vater was Adam: 
der sluoc Abein umb krankez guot. 
dö üf die reinen erdenz bluot 
viel, ir niagetuom was vervarn: 
den nam ir Adarnes barn.* 4 

Diese auch sonst in der mittelalterlichen Dichtung vorkommende tief¬ 
sinnige Vorstellung ist sehr alt. Schon Irenaeus und Tertullian be¬ 
ziehen sich darauf, und durch die Legenda aurea wird sie allgemeinere 
Verbreitung gefunden haben 3 ). Indem sie sich hier aber durch ihre 
Breite und ohne erkennbaren Bezug zum Aufbau der Dichtung als 
Fremdkörper kennzeichnet, zwingt sie uns nach ursprünglichen, tür 
den Sänger bereits verwischten Zusammenhängen zu forschen, die 
eine Hin Übernahme dieses Zuges in die Graldichtung erklärlich machen 
könnten. Zusammenhänge des Steins der Weisen mit der jung¬ 
fräulichen Erde kennt, wie wir sahen, die kabbalistische Überlieferung. 
So springt ein neuer Faden zu dem ersten von dem Gralkleinod zu 
dem Idol des Irrwahns vieler Jahrhunderte. 

J ) Kopp, a. a. 0. S. 6. M. Bcrthelot, Collection des anciens alchimistes 
grecs. II (Paris 1888) 230. Hermes oder Thot erscheint hier als erster Mensch. 
r 0l bi XaXbaiot Kai JJägdoi Kai Mfjboi Kai 'Eßgaloi KaAotiGiv abröv 'Abd/i, 
u iaxiv iiQfjLTjVFia yij nagfievog, Kai alfiaxa>br)$, Kai yf] nvgd, Kai yf) öaQKivr].“ 

2 ) Parz. 4G4, 11. Vgl. auch Berthelot, Origines 1. c. p. 63. Vgl. auch 
oben S. 91. 

*) Irenaeus, Contra baereses III, 21: Tertullianus, Adv. Jud. XIII; 
Tertullianus, I)e carne Christi XVII: „Virgo erat adbuc terra“; Jacobi 
a Voragine Legenda aurea. Receus. Th. Graesse. Dresden 1846. p. 17: 
„immaculata terra“; Ibid. p. 75: „terra, de qua Adam formatus est, inconupta 
<rat et virgo.“ Ii. Köhler, Di»; Erde als jungfräuliche Mutter Adams. 
Germania VII (1862) 477 ff. 


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103 


Der Stein oder das Ei der Philosophen — das Weltei der 
Mithriasten *) — hat durch den grübelnden Tiefsinn der Gnostiker J ) 
etwas Geheimnisvolles, Mystisches, ja, geradezu Göttliches angenommen. 
Als „tö toö KÖOfiov , wie er in dem erwähnten Venetianer 

Kodex des elften Jahrhunderts genannt wird, feiert man mit tönenden 
Worten „Aldov, röv ot) Xldov, röv ayvtooxov ttal jiüoi yvojöxov, tov 
drifxov kcu TioXvrifXov, röv döfbgrjxov Kai deoöcjgrjxov . . . ToOxo 
yÜQ ioxt tö (päQfianov, tö ttjv dova/utv iyov, xö uidgiauov 
HvoxrfQiov 3 ).“ Eine solche in überaus bedeutsame Formen der 
Religionsgeschichte sich verflüchtigende Auffassung mußte sich im 
christlichen Kulturkreise des Abendlandes abwandeln. Hier werden 
nun ähnliche Verquickungen des philosophischen Steins mit der 
christlichen Heilslehre vorgenommen. Wir sahen schon, daß der 
Lehrer jener „ars notoria“, welche in Cordova gelehrt wurde, ein 
heiliger Mann und dessen Hörer sündenlos und rein sein mußten. 
Was hier von den Lehrern und Schülern der Kabbala allgemein 
verlangt wurde, setzten die Alchemisten für die Beschäftigung mit 
ihrer besonderen Geheimkunst als Vorbedingung voraus 4 ). Der 
religiöse Schwärmer, zugleich aber auch der „erste bewußte Irrlehrer“ 5 ) 
der Alchemie in Europa, Rayraund Lull (f 1315), — wenn anders 
der sogenannte „Codicillus“ ihm mit Recht beigelegt wird — sagt, 
nachdem er als das Ergebnis der Alchemie die Reinigung und Ver¬ 
vollkommnung aller mineralischen Substanzen bezeichnet hat: „Ut 
Christus Jesus de stirpe Davidica pro liberatione et dissolutione 
generis humani peccato captivati ex transgressione Adae natnram 
assumpsit humanam: sic etiam in arte nostra quod per unum nequiter 
maculatur per aliud suum contrarium a turpidine illa absolvitur, 
lavatur et resolvitur.“ Noch kühner ist Marsilius Ficinus (f 1499). 

J ) Darüber Eisler, a. a. 0. S. 524, der an Beziehungen zur „petra genitrix“ 
denkt. 

2 ) Die älteste uns bekannte Anweisung zur Herstellung des Goldes im 
griechischen Papyrus von Leiden wurde zusammen mit anderen Papyrusrollen 
magischen, astrologischen, gnostischen Inhalts gefunden, „so daß auch hierin 
die Beobachtung uns entgegentritt, wie die Chemie mit den genannten mystischen 
Richtungen verquickt war“. H. W. Schaefer, Die Alchemie. Progr. d. Gymn. 
zu Flensburg 1887, S. 17. 

3 ) Borthelot, Collection 1. c II, 18 et 114. Vgl. auch Krumbacher 
a. a. 0. S. 632. 

4 ) Vgl. oben S. 86 Anm. 1. 

5 ) Schäfer, a. a. 0. S. 25f. Kopp, Alchemie S. 210f., 252 ff. 


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104 


Er spricht von der jungfräulichen Geburt des Erlösers und stellt die 
Gottesmutter dem Mercurius der Alchemisten, dem Quecksilber, gleich: 
„Unde nobis puer, hoc est lapis naseitur, cuius sanguine inferiora 
Corpora tincta in coelum salva reducuntur, et permanet virgo 
Mercurius sine labe, quaiis antea fuerat unquam*“ Der spätere ge¬ 
lehrte Basilius Valentinus, über dessen Leben wir nichts Sicheres 
wissen, vergleicht den philosophischen Stein mit der Dreieinigkeit l ). 
Wo solcher Unfug sich breit machen durfte, mußten auch die 
Folgerungen gezogen werden. Die Ausübung der Alchemie galt als 
etwas Geheiligtes, nur gläubig durfte der Kunstgenosse sein „frommes 
Werk“ vollbringen. So lehren schon jener Lull und der berühmte 
Arnald von Villanova 2 ). Der Stein der Weisen ist also nach diesen 
Vorstellungen kein religiöses Heiligtum, und doch weiß man ihn 
durch jene mystischen Vergleiche zu einem Gegenstände frommer 
Scheu zu machen. — Wolframs Gralkleinod ist makellos und rein :i ). 
Der sündige Mann kann den Stein nicht erheben, weil er ihm zu 
schwer ist, aber die reine Jungfrau trägt ihn leicht 4 ). Erst als 
Feirefis die Taufe empfangen hat, ist er befähigt, den Gral zu sehen. 
Wolfram läßt keinen Zweifel darüber, daß sein Wunderstein kein 
christliches Heiligtum ist. Die Verehrung, die ihm zu Teil wird, 
ist völlig frei von religiösen Beweggründen. Auch das Gralkleinod ist 
aber aus dem Dunstkreise des Beinmenschlichen herausgehoben und 
in das mystische Zauberreich des Seelenlandes des Gral zwischen 
dem Himmlischen und Irdischen entrückt. Die Eigenart seines 
Wesens und der ihm gezollten Verehrung hat also ihr Seitenstück 
in jener Wertschätzung des Steins der Weisen. Die Fäden, die 
zwischen beiden laufen, verdicken sich zum Garne. 

Das Mittel, mit dem die Metallveredelung herbeigeführt wurde, 
hieß auch wohl Elixir, so bei Albertus magnus 5 ). Dieser Ausdruck 
wird besonders dann gern von den Alchemisten gebraucht, wenn sie 
die leben verlängernde Kraft ihres Idols hervorheben wollen. Dieses 
Elixir dachte man sich als Stein, dessen bloßer Anblick belebt, oder 
als Pulver, oder als Balsam. — In den französischen Graldichtungen 
begegnet uns auch ein solcher wiederbelebender Balsam und zwar 


l ) Schaefer, a. a. 0. S. 29. Kopp, Alchemie S. 253. 

*) Kopp, a. a. 0. S. 210 ff. 

s ) Parziv. 471, 22: „der stein is immer reine“. 

4 ) Parzir. 235, 477, 809. 

6 ) Kopp, Chemie S. 450 ff. 


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in merkwürdiger Beziehung zum Gral 1 ). Wir werden jetzt nicht 
mehr allzu zaghaft sein und das „lapsit exillis“, wie Wolfram sein 
Kleinod nennt, als „lapis elixir“ autlösen 2 ). Die Tatsache, daß 
Wolfram gleich naöh dem Gebrauche seines ersichtlich verzerrten 
Ausdrucks von der Verjüngung des Phoenix durch den Gral spricht, 
würde gerade diese Richtigstellung empfehlen. Vom Gralstein sagt 
hier der Eschenbacher: 

„des geslähte ist vil reine. 

hat ir des niht erkennet, 

der wirt iu hie genennet. 

er heizet lapsit exillis. 

von des steines kraft der fenis 

verbrinuet, daz er zaschen wirt: 

diu asche im aber leben birt. 

sus rert der fenis müze sin 

unt git dar nach vil liehten schin, 

daz er schoene wirt als e 8 )“. 

Es scheint mir nicht ganz unwesentlich zu sein, daß dieser Bericht 
vom Phoenix sich bei Wolfram im Zusammenhänge mit jener Engel¬ 
sage findet. Da auch die Sage vom Priesterkönige Johann 4 ) den 
Wundervogel in Verbindung mit den Misgestalten erwähnt, so scheinen 
mir hier zusammengehörende Reste einer alten Paradiesessage vor¬ 
zuliegen. Nach Ovids Erzählung hat der Phoenix ja im Elysium 
seinen Wohnsitz, und dementsprechend läßt ihn Lactanz, der den 

l ) Bei Gerbert. Näheres darüber bei V. Juuk, Gralsage und Graldichtung 
des Mittelalters. Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wiss. in Wien. Pbil.-bist. Kl. 
168 (1911) 92 f. 

a ) Diese Auflösung bat K. Burdach, wie er mir liebenswürdiger Weise 
mitteilte, in einem größeren Aufsatz über den „Parzival“ eingehender begründet. 

3 ) Parziv. 469, 4 ff. 

4 ) Im Presbyterbrief wird er nach den pygmei, cenocephali, gygantes, 
monoculi, cyclopes nur erwähnt als „avis quae vocatur fenix“. Eingehender 
sind die Übersetzungen* Das noch dem 13. Jahrhundert angehörende Gedicht 
in der Berliner Handschrift sagt zum Schluß, daß der Phoenix 

„zu puluere verbrinne. 

Von dem puluer wechset dar vnder 
ein ander: daz tut ouch daz wunder.“ 

Nach dem nicht viel späteren Gedicht in der Ambras-Wiener Hs. gewinnt 
nach der Verbrennung des Vogels 

„der asche solhe crafft, 

daz er wirt weerhafft 

vnd wirt darnach iebentig wider.“ 

Za rucke, a. a. 0. VII, 911, 950, 960. 


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Vogel „mit den Motiven des Paradieses“ schildert, in der Lebens¬ 
quelle baden 1 ). Die Alchemie kennt den Phoenix als Symbol des 
Absterbens und Wiederauflebens in der Natur 2 ); er kann somit recht 
wohl auch das Symbol des festen Glaubens der Anhänger jener 
Geheimkunst an die lebenverlängernden Wirkungen des Steins der 
Weisen gewesen sein. Spuren dieses Glaubens finden sich schon bei 
den arabischen Gelehrten, so bei Geber; bestimmt tritt für ihn ein 
der schon genannte Arnald von Villanova. Dann nimmt diese Lehre 
geradezu groteske Formen an 3 ). — Bei Wolfram lesen wir: 

,do der könec den gräl gesach, 
daz was sin ander ungemach, 
daz er niht sterben mohte, 
wand im sterben dö niht dohte 4 ).“ 

Noch sind die Garne, welche ich von dem einen Kleinod zum 
anderen zog, nicht zum festen Seile gedreht. Das könnte überhaupt 
unmöglich erscheinen angesichts der Tatsache, daß von der am meisten 
in die Augen fallenden Eigenschaft des Steins der Weisen: der Ver¬ 
edelung der Metalle, des Goldmachens, in den Gralsagen nicht die 
Rede ist. Auch mein Einwand dagegen, daß dieser Zug sehr schlecht 
zu dem tiefernsten Lebensepos Wolframs paßt und deshalb vom 
Dichter ausgeschieden sein könne, würde nicht viel Gewicht haben 
angesichts der Tatsache, daß auch das nicht minder aus dem Rahmen 
jener Dichtung fallende Motiv vom „Tischlein-deck-dich“ Aufnahme 
fand. Aber in dieser Zeit, in welcher die erste dunkle Kunde von 
jener geheimnisvollen Kunst zu den Franzosen und Deutschen aus 
Spanien drang, dürfen wir uns wohl damit begnügen, statt einer 
solchen Erwähnung des Goldmachens im „Parzival“ vom Gral zu 
hören, daß er dem Märchenreich der Königin Sekundille an Reichtum 
weit überlegen sei: 

.dö sagete man ir umben gräl, 
daz üf erde niht so richcs was 5 ).“ 

Auf große Reichtümer, die der Gral gewährt, deutet es doch auch 

*) K. Burdach, Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Refor¬ 
mation. Sitzungsbcr. der k. preuß. Akad. d. Wissenschaft. XXXII (1910) 
627 ff.: 639 f. 

2 ) C. W. Gessmann, Die Geheimsymbole der Chemie und Medizin des 
Mittelalters. Mönchen 1900, S. 103. 

3 ) Kopp, Alchemie. S. 96 ff. 

4 ) Parziv. 480, 27 ff. Vgl. u. a. auch 469, 16 ff. u. 501,29. 

5 ) Parziv. 519,10 f. 


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107 

wohl hin, wenn in (lern späteren Gedicht „Lorengel“ der Gral jeden 
Wunsch erfüllt, nnd alles gewährt: 

„er hat vom stein wes er begert, 

heit er sich dar mit rechte 1 ).“ 

Überhaupt kann man eine restlose Übernahme eines neuen Stoffes 
von den Sagendichtem dieser Zeit nicht erwarten. Die Phantasie 
jener Tage, berauscht von der bunten Fülle alter und neuer Stoffe, 
kümmert sich überhaupt nicht um alte geschlossene Überlieferungen. 
Keck zugreifend formt sie mit losgerissenen Einzelzügen ihre neuen 
Gebilde. Es kann nicht Wunder nehmen, daß bei einem solchen 
Arbeiten der Gehalt eines solchen Sagenzuges nicht richtig erfaßt 
wird, oder daß das aus dem Zusammenhänge Gerissene sich nach 
der Übernahme in der fremden Umgebung als ein Bruchstück, viel¬ 
fach auch als Fremdkörper kennzeichnet, oder aber endlich, daß der 
gleiche Zug, nur in verschiedener Abwandlung, ohne daß der Dichter 
diese Wiederholung bemerkt, Eingang in die neue Sage findet. Für 
all das ist die Gralsage der klassische Zeuge; sie ist so ganz das 
Kind dieser wahllos in den überreich zuströmenden Stoffen haschen¬ 
den, sagenfrohen Zeit. 

So zieht die Kabbala ihre Spinnfäden von dem einen Kleinod 
zum anderen — hinüber, herüber. Das gleiche, graue, duftige 
Gewebe, das den Stein der Weisen und den Stein des Gral umgibt, 
ist dünn genug, um die seltsame Tatsache erkennen zu lassen, daß 
Züge vom Weltei der Mithriasten und Alchemisten auf das Sonnen¬ 
symbol der Herrlichkeit Salomons übergegangen sind, ehe dieses von 
den Graldichtern zum Idol der weltfliehenden Zeitseele erwählt wurde. 

Die Sage vom Weisen und Zauberer Salomon, der den wunder¬ 
wirkenden Stein mit dem magischen Gottesnamen am Finger trägt, 
der die Sraaragdtafel mit den geheimnisvollen kosmischen Zeichen 
sein Eigen nennt, war wie geschaffen, einen derartigen Übergang 
nahezulegen. Sollte bei diesen Einwirkungen der Geheimwissenschaft 
auf die mystischen Vorstellungen von dem Kleinode der ritterlichen 


*) Lorengel. Hrsg. v. E. Steinmeyer in Zeitschrift für deutsches Alter¬ 
tum XV (1872) 181 ff. Junk a. a. 0. S. 63. Derartige Beziehungen ahnte schon 
H. B. Schindler, Der Aberglaube des Mittelalters. Breslau 1858. S. 134: 
„Wie die nordische Mythe das Erlangen alles Ersehnten im „Wunsche" 
(Wünschelrute, Wünschelreis, Tischlein-deck-dich, Heckethaler) ausgemalt, so 
die Sage im „Gral“. Der Gral gibt Fülle des Reichtums, Kraft und Un¬ 
besiegbarkeit, Schönheit und ewige Jugend, Tugend und Glückseligkeit.“ 


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108 

. Welt vielleicht auch der vielurastrittene Name „Gral“ der jüdischen 
Kabbala entnommen sein? 

Dieser Name ist mit Sicherheit noch nicht erklärt. Dem Zeugnis 
des Mönches Helinand aus dem Anfänge des 13. Jahrhunderts folgend, 
leitete man ihn zumeist ab von gradalis in der Bedeutung von 
„weite Prunkschüssel, worin an reichen Tafeln Delikatessen stufen¬ 
weise, gradatim, abgeteilt lagen 1 )“. Das ist nicht ohne Widerspruch 
geblieben 2 ). Andere haben auf das etymologisch dunkele, in 
England und Italien aber bereits im 9. und 10. Jahrhundert belegte 
garalis, Behältnis für Getränke 3 ), zurückgegriffen, aus welchem 
Worte, nachdem es zu gradalis latinisiert worden, das provenyalische 
Wort grazal, Schüssel, entstanden sei. Guiot-Wolfram aber belehrt 
uns, daß das Kleinod keine Schüssel, sondern ein Stein ist, und 
unser Stammbaum der Gralsage tut dar, daß er im Rechte ist. 
Übrigens hat auch die älteste Graldichtung das Wort nicht in der 
Bedeutung von Schüssel gebraucht; sonst wäre eine gelegentliche 
Scheidung in dieser zwischen „li saint Gr6als et li saint vaissialz“ 
einfach unmöglich 4 ), sonst wäre ferner ein solches unsicheres Ab¬ 
gehen von der Urform graal, wie es die Abwandlungen greal und 
grial dartuen, in fast gleichzeitigen Dichtungen nicht zu erklären. 
Nach wie vor besteht die Möglichkeit einer Ableitung von turris 
oder mons gradalis 5 ) — aber nur die Möglichkeit. In der Auffassung 
der ältesten Graldichter war das Kleinod etwas Geheimnisvolles in 
Steingestalt mit rätselhaftem Namen. 

Unlängst ist nun ganz gelegentlich die Vermutung ausgesprochen 
worden 6 ), daß jenes vielgebrauchte und hochgefeierte Wort aus dem 


l \ Hertz a. a. O. S. 419 f. 

*) G. Gröber, Grundriß der roman Philologie. 2. Aufl. II, 1 (Straßburg 
1902) 502. G. Bai st, Parzival und der Gral. Rektoratsrede. Freiburg i. B. 
1909. S. 37 Amn. 

3 ) Gröber a. a.O. S. 502. Hertz a. a. 0. S. 420. Besonders F. Diez, 
Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen. 5. Ausg. Bonn 1887, 
S. 601 mit seinem Hinweis auf das Vorkommen des Wortes garrales in Collecciou 
de poesias castellanas anteriores al siglo XV por T. A. Sanchez. IV (Madrid 
1790) 189 u. 311. 

4 ) Näheres bei R. Heinzei, Über die französischen Gralromane. Denk¬ 
schriften der Kais. Akad. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 40 (1892) 47. 

ft ) Diese Erklärung schlug ich Lichtland S. 101 vor. 

6 ) In einer Notiz zu meinem „Lichtland 1 * von Poschmann in der Köln. 
Volkszeituug No. 69 vom 25. Jan. 1917. Wenn Poschmann aber auch noch einer 


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hebräischen goral, Los und Losstein, abzuleiten sei. Diese Wort¬ 
erklärung paßt einmal ausgezeichnet zu dem von mir entworfenen 
Stammbaum der Gralsage und beleuchtet namentlich auch den alche- 
mistischen Eiuschlag in diese noch heller. Denn dieses Wort goral 
hat, wie wir gleich sehen werden, in der jüdischen Kabbala Spaniens 
eine große Rolle gespielt. In der unsicheren, mit abergläubischer 
Scheu verbreiteten Kunde von der Geheimwissenschaft jenseits der 
Pyrenäen konnte das unverstandene Wort leicht jene anderen Formen 
annehmen. Durch diesen Nachweis erhöht sich die linguistisch nicht 
zu läugnende Möglichkeit dieser Ableitung des zweisilbigen graal 
aus goral durch Umstellung des r zur Wahrscheinlichkeit und er¬ 
klären sich zugleich die Unsicherheit verratenden Abwandlungen 
des Wortes, das völlig sprachfrerad war und deshalb leicht in der 
mit abergläubischer Scheu weitergetragenen, an sich schon höchst 
dürftigen Kunde von jenem geheimen Wissen der Orientalen in 
Spanien verzerrt werden konnte. 

Ob das Wort goral in der Salomonsage größere Bedeutung 
beanspruchte, weiß ich nicht, wohl aber kann ich mit Sicherheit 
dartun, daß es in der Astrologie und Magie der Hebräer vor Wolfram 
einen besonders starken Klang hatte. Erinnern wir uns, wie Wolfram 
uns glauben machen wollte, sein Gewährsmann, der Heide und 
Nigromant Flegetanis, habe den Namen Gral in den Sternen gelesen. 
Wolfram, oder besser Guiot, war also der Meinung, daß das Wort 
einmal orientalischer Herkunft sei und weiter Bezug habe auf die 
Wissenschaft, das Schicksal der Menschen durch die Stellung der 
Gestirne zu bestimmen. Wenn wir nun wiederholt von einem Buche 
„Goraloth“, einem Losbuche mit allerlei astrologischem Irrwahne 
hören, so erhalten die Verse Wolframs auf einmal ein ganz anderes 
Gesicht. 

Derartige Losbücher, namentlich solche spanischer Herkunft, 
gibt es in Fülle 1 ). Diese sind durchweg nicht jüdischer, sondern 


Beeinflussung der Gralsage durch die Psalmen das Wort redet, so vermag ich 
ihm leider nicht zu folgen. 

*) Für das Folgende verweise ich auf Sotzmann, Die Losbücher des 
Mittelalters. Serapeum. 1850 Nr. 4—6. 1851 Nr. 20—22. H. B. Schindler 
Der Aberglaube des Mittelalters. Breslau 1858, S. 228 ff. Flügel, Die Los¬ 
bücher der Muhammedaner. Berichte über die Verhandlungen der kgl. Büchs_ 
Ges. d. Wies. Phil.-bist. CI. 13 (1861) 24 ff. M. Steinschneider, Hebräische 
Bibliographie. VI (1863) 120 ff. Ders., Über die Mondstationen (Naxatra) und 


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arabischer Herkunft, Wir wissen, daß vielleicht Abraham ibn Esra, 
4er spanische Meister in der Astrologie, Kabbala und Medizin im 
12. Jahrhundert, dem ein hebräischer „Sepher goraloth“ zugeschrieben 
ward, sicher aber, der etwas spätere Jehuda alCharisi von Spanien 
aus Europa bereisten und die geomantische arabische Wissenschaft 
durch Losbücher zunächst auf hebräischen Boden verpflanzten. Das 
Wort goral ist bei einem solchen Sepher Goraloth an die Stelle des 
arabischen Wortes fäl getreten. 

Das Losorakel erfreute sich bei den Arabern großer Beliebtheit. 
Ihre Lose waren gewöhnlich zwei Pfeile ohne Spitzen; der eine Pfeil 
war dann der heißende, der andere der verbietende. Gelost wurde 
im Heiligtume vor dem Idol. Diese Sitte kennt auch das jüdische 
Volk; es besaß ein ähnliches priesterliches Orakel 1 ). Jene arabische 
Divination nun reicht weit zurück. Dem Dscha‘faras-Sädik (f 7<i‘») 
unter anderen, der zur Familie Muhamraeds gehörte, wird eine Ab¬ 
handlung über Alchemie, Vorhersagung aus dem Vogeltluge und Fäl 
zugeschrieben. Sehr geschätzt war auch ein „Buch der Physiognomik, 
des Fäl und der Wahrsagung aus dem Vogelfluge“ des Abu Hasan 
Ali bin Muhammad (f 830). Später wird der Begriff des Fäl zu 
einer auf astrologischem Wege zu gewinnenden divinatorischen 
Losung. Doch mischt sich dann auch alchemistisches Zeug auf¬ 
dringlich unter den älteren Stoff, wie die Bücher vom Fäl und 
Goral dartuen. Leider kann ich als Laie auf dem Gebiete orientalischer 
Sprachen aber nicht untersuchen, ob der Stein der Weisen dem 
Lossteine der Hebräer angeglichen, oder gar gleichgesetzt wurde. 

Immerhin! Angesichts der Tatsache, daß unsere Graldichter 
unter dem Einflüsse der spanischen Kabbala standen, angesichts der 
weiteren Beobachtung, daß in dieser geheimen Wissenschaft das 
Wort goral eine ganz bedeutende Rolle spielte, angesichts der Be¬ 
das Buch Arcandam. Zeitschr. d. deutsch, uiorgenländ. Ges. 18 (1864) 176 ff. 
Ders., Die „Skidy“ oder geomantischen Figuren. Zeitschr. d. deutsch, morgenl* 
■Ges. 31 (1877) 762 f. Ders., Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters. 
II (Berlin 1893) 867 ff. Ders., Die hebräischen Handschriften der k. Hof- und 
Staatsbibliothek in Mönchen. Mönchen 1895. Zu den Codd. hebr. 228, 294, 341. 
J. Wellhausen, Reste arabischen Heidentums. Berlin 1897, S. 132. 
T. W. Davies, Magic Divination and Demonology. London 1898, S. 74 F. 
The Jewish. Encyclopedia. VIII (1904) 187. Auf die Losbücher verwies mich 
liebenswürdigst Herr Prof. Dr. Brann-Breslau. 

') 1. Sam. 30. Wellhausen, a. a. 0. S. 133. Besonders die interessante 
Notiz zu Ezcch. 21, 21. 


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111 

hauptung Wolframs, daß ein Jude das Wort aus den Sternen gelesen 
habe, glaube ich einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit dafür 
dargetan zu haben, daß das Kleinod der ritterlichen Welt wirklich 
▼on jenem hebräischen Worte seinen Namen erhielt. Der Wunder¬ 
stein der Salomonsage wäre darnach zum Losstein, Schicksalstein der 
Juden geworden und vielleicht haben wir in ihm — eine Kenn¬ 
zeichnung, die vorzüglich zu dem Doppelsinn des Wortes „goral“ 
passen würde — jenen obengenannten „ Aidov, röv ov Mdoi' u , das 
Mysterium der Mithriasten und Alchemisten, zu erkennen. 

So hat mich also ein etwas wagemutiger Kitt ins linguistische 
Land entführt, und schon spürt mein Rößlein Lust, sich auf dem 
gefährlichen Boden munter zu tummeln. Wenn der Gral der jüdische 
„goral“, der arabisch-persische „fäl“ ist, warum soll dann Parzival nicht 
der persische färis-i fäl 1 ), der Perser oder Ritter des Loses oder der 
guten Vorbedeutung, sein? Bei dem engen Nebeneinander und häufigen 
Durcheinander der hebräischen und arabischen Sage und Kabbala 
braucht es nicht Wunder zu nehmen, wenn dieser Name der einen 
und jener der anderen Sprache entnommen wurde. So hätten also 
der alte Görres und ihm folgend Richard Wagner das Richtige 
geahnt? Geahnt sage ich; denn Görres leitete den Namen von „parsi 
oder parseh fal“ ab; das sollte arabisch sein und „der reine oder 
arme Dumme“ bedeuten *)“. Diese und verwandte Auflösungen 
hängen gewiß in der Luft; der raeinigen muß man wenigstens das 
zuerkennen, daß gerade die rätselhafte Schlußsilbe eine ansprechende 
Bedeutung durch sie gewinnt. 

Bislang hat sich die Sprachforschung vergeblich bemüht, den 
Namen des Gralhelden restlos zu erklären. Zwar haben einige mit 
Sicherheit behauptet, daß die Vorsilbe Per in den altfranzösischen 
Fassungen eines Namens, wie bei den Namen Peredur und Peronnik, 
auf das Keltische zurückzuführen sei*). Indes der gleichfalls in 
dem altfranzösischen Parceval frühzeitig belegte Name Parzival 
Guiot-Wolframs ist die ursprüngliche Form, und die Iraperativnamen 

*) Arabisch färisu ’lfäl. Der Name Faris ist wiederholt nachweisbar. 
Die Herren Dr. Gratzl und Dr. Reißmüller in Mönchen haben mich bei diesem 
sprachlichen Versuche freundlichst unterstützt. 

*) Hertz, a. a. 0. S. 492 verweist daneben auch auf den Versuch 
Bergmanns, das Wort vom persischen färisifäl, der unwissende Ritter, und 
jenen Opperts, es von Parsi vil oder füll, Persiens Blume, herzuleiten. 

*) Hertz a. a. 0. S. 490ff. 


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n-2 


Perceval, Percheval, Perseval etc. erscheinen mir als ein Versuch, 
den sonst dunkelen Eigennamen durch diese leise Umformung zu 
erklären. Vollends der letzte Teil des ursprünglichen Namens ist 
niemals einwandsfrei aufgehellt worden. 

Gern räume ich ein, daß auch meine Deutung des Namens noch 
gar sehr der Stützen entbehrt. Nur eine kann ich ihr noch geben 
in dem Nachweis einer sehr engen Verwandtschaft der Mär von 
Parzival mit der persischen • Heldensage. Daß man auch diese Tat¬ 
sache nicht als unbedingt entscheidend ansehen wird für die von mir 
vorgeschlagene Namenerklärung, weiß ich. Wenn ich aber auch mit 
der Aufdeckung dieses Zusammenhanges den Sprachforscher nicht 
überzeugen kann, so glaube ich doch auf jeden Fall der ver¬ 
gleichenden Literaturgeschichtschreibung zu nützen 1 ). 

Gerade in den Tagen Fulcos von Jerusalem, dessen Königtum 
an heiliger Stätte auf den ersten Graldichter Guiot einen so tiefen 
Eindruck machte, belebte ein an sich unscheinbares Ereignis die in 
der romantischen Kreuzzugstimmung niemals ganz verschollene Mär 
von jenen ritterlichen Helden des Ostens und besonders von jenem 
dort so hochgefeierten Weltherrscher Chosro. 

Im Jahre 1138 unternahm der byzantinische Kaiser Johannes 
seinen Siegeszug gegen Schaisar, das er so lange belagerte, bis der 
Emir Abu-1 Asakir ihm außer einem jährlichen Tribute kostbare 
Geschenke sandte. Darunter befand sich ein herrliches Kreuz aus 
einem glänzenden Steine und ein Tisch von unschätzbarem Kunst¬ 
werte 2 ). Beide sollten unter Kaiser Romanus Diogenes in die Hände 

') Ein solcher Nachweis ist nur ein neuer Ring einer starken Kette. Schon 
vor einem halben Jahrhundert hören wir die Behauptung: „Die Ritterromane 
haben . ihre Heimat nicht bei den britischen Völkern, wie allgemein gelehrt 
wird, sondern im Oriente.“ [Der große Wolfdietrich, herausg. v. A. Holtzmann, 
Heidelberg 1865. S. XCV.]. An dieses und ähnliche Urteile anknüpfend ist neuer¬ 
dings mit Erfolg der Versuch unternommen, die Abhängigkeit des Urtristan von 
einem persischen Roman des 11. Jahrh. oder dessen älterer Quelle darzutun. 
Vgl. die mir von Herrn Kollegen Appel genannte Studio von R. Zenker, Die 
Tristansage und das persische Epos von Wis und Hämin. Roman. Forschungen. 
29 (1910—1911) 321 ff. Vgl. auch das weiter unten über die Kyrossage 
Vorgetragene. 

2 ) Nicetas, Historia. Rec. J. Bekker, Bonn 1835, p. 41. Joannc g 
(Jinnamus, Epitome. Rec. A. Meineke. Bonn 1836, p. 20. Vom Kreuze heißt 
es hier: „kiöog i)v kvyvirrjg fieyi&ovg lxavüg d^cov, ig övaugtxöv de 

biakagevodeig oyf/na ökiyov rfjg <pvntKf)g iv r<£> kageveodai bJtoßeßklpiet ygotAg « 
R. Röhricht, Geschichte d. Königreichs Jerusalem. Innsbruck 1898. S. 216 


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113 


der Ungläubigen gefallen sein. Der Tisch und besonders der Stein 
in Kreuzesform mußten die neuen Hüter der salomonischen Terapel- 
stätte und des heiligen. Grabes an das uns bekannte Kleinod 
des Judenkönigs und zugleich an die Heimholung des heiligen 
Kreuzes aus dem Besitze der Perser erinnern. Mit diesem frommen 
Gedenken aber verband sich der Rückblick auf die Helden der Kreuzes¬ 
legende. Gerade in dieser Zeit beginnt eine bald in Dichtungen 
festgehaltene Verherrlichung des Befreiers des heiligen Kreuzes, des 
Kaisers Heraklios, welche freilich überaus gekünstelt war, da der 
später noch dazu als Häretiker gebrandmarkte Byzantiner so gar nichts 
von einem Volkshelden an sich hatte. Mit Heraklios zugleich aber stieg 
der Schatten seines Gegenspielers riesengroß empor: Chosro, der Gott¬ 
könig der Perser, von dem Heldensänge des Ostens stolze Märeu 
kündeten und dem die Byzantiner hingerissen und erbebend zugleich 
dämonische Züge gegeben hatten. Als Träger des Weltherrschafts¬ 
gedankens und mit den Ansprüchen eines solchen, umgeben von de 
paradiesischen Pracht des Ostens, war er ganz nach dem Herzen der 
Kreuzzugsromantik geschaffen. 

Die Vorstellung eines die ganze Oikoumene umfassenden Reiches 
wurzelt in der alten Welt und im Mittelalter ganz im religiösen 
Untergrund. Weltbezug, Weltdauer, Weltberuf geben ihr den Inhalt.. 
Von den Gottkönigen des Ostens, von den Augusti Roms, von den 
germanischen Caesaren des Mittelalters erwartete man die Wieder¬ 
herstellung des Einklanges zwischen dem Schöpfer und dem Ge¬ 
schaffenen. Das ist der Grundgedanke der hochgestimmten Schilderungen 
des Königpriestertumes des großen Karl, das ist die Dominante der 
übervollen Akkorde der augusteischen Preislieder, und den Dichter 
der vierten Ekloge glauben wir zu hören, wenn Firdusi von seinem 
das All befriedenden Chosro also singt: 

„Er saß auf dem Throne der Weltherrschaft 
Auf seinem Haupt die Krone der Kraft; 

Gerechtigkeit ringsum breitet’ er aus, 

Die Wurzel des Unrechts reutet’ er aus. 

Wie er der Hoheit Krön' aufgesetzt, 

Ergetzt’ er die Krone, von ihr ergetzt. 

Wo Wildes war, ward es zahm gemacht, 

Was Gram hatte, frei von Gram gemacht. 

Die Frnhlingswolkc regnete Tau 
Und wusch, von Kummer die Erdenau. 

Voll Heil und Frieden ward das Land, 

Und gebunden war Ahrimans Hand. 

Mitteilungen d. Sehles. Ges. f. Vhde. Bd. XIX. 8 


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114 


Gesandte aus jedem Gaue kamen 
Von allen Fürsten und hohen Namen. 

Zu seiner Zeit war kein hohes Genick, 

Das sich nicht gab in seinen Strick. 

Die Welt war bewässert und belaubt, 

In Schlummer sank des Kummers Haupt, 

Die Erde war ein Paradeis* 

Voll Gerechtigkeit, Huld und Preis 1 ).“ 

Mit den Farben der glückseligen Urzeit schildert Firdusi, eben¬ 
so wie Vergil in seiner vierten Ekloge, das Walten seines Welt¬ 
herrschers. Hier wie dort gewinnt das Bild des Helden märchen¬ 
hafte Züge. 

In Chosros Landen liegt die von Sijawusch erbaute Stadt Gang 
Düz, welche an die Stadt des Priesterkönigs Johann und an das 
Beich des Gral lebhaft erinnert. Hinter den Wassern erhebt sich 
auch sie weltentlegen: 

„Zehn Tagreisen jenseit des Meers von Tschin 
Im Lande, dem sonst kein Namen verliehn, 

Kommt Wüste, wo vorbei ist das Meer, 

Du siehst eine Fläch’ ohne Wasser umher . . . 

Drauf siehst du hohe Bergesreihn, 

Da Niemand weiß, wie hoch sie sei’n. 

Gang Düz in Mitten der Berge liegt. 

Merk’ es, das Merken schadet dir nicht! 

An hundert Meilen im Kreis umher 
Sind dem Auge die Höhen zu sehn.“ 

Unauffindbar erscheint auch sie: 

„Wo du magst suchen, kein Weg ist da. 

Alles ist steil, fem und nah, 

Auf dreiunddreißig Meilen so 

Ist hüben und drüben Steinwand hoh 2 ).“ 

Kündet Wolfram von der Gralburg: 

„si [seil, diu burc] stuont reht als si w»re gedraet. 
ez enflüge od hete der wint gewaet, 

. mit sturme ir niht geschadet was. 

vil turne, inanec palas 
da stuont mit wunderlicher wer. 
op si suochten elliu her, 
sine g^ben für die selben not 
ze drizec jären niht ein bröt 3 ),“ 

1 ) Firdosi’s Königsbuch (Schahname) übersetzt von F. Rückert. 
Sage XV-XIX. Berlin 1894. S. 259 f. 

2) Ebenda S. 99 f. *) Parz. 226, 15 ff. 


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so heißt es ähnlich bei Firdusi: 

„Wenn auf fünf Meilen dort fünf Mann 
Stehen im Wege zum Kampf angetan. 

Finden nicht Durchgang tausende 
Beharnischt auf Rossen brausende.* 

Dann wird ein Bild der Stadt entworfen, dessen leuchtende Farben 
wir in der Beschreibung des Reiches des Priesterkönigs und der 
Grallmrg mit dem Zauberschlosse wiederfinden: 

„Weiterhin siehst du die weite Stadt, 

Die Schlösser, Hallen und Gärten hat, 

Überall Bäder und Fluß und Bach 
Und Lust in allen Gassen wach . . . 

Die Wärm' ist nicht warm dort, die Kälte nicht kalt, 

4 Für Lust und Gelag ein Aufenthalt. 

Keinen Kranken du siehst in der Stadt? 

Ein Himmelsgarten nur ist die Stadt, 

Hell all’ ihre Wasser und gut zu verdaun, 

Beständiger Frühling auf ihren Aun . . . 

Er macht einen Ort wie ein Paradies, 

Viel Rosen und Tulpen er wachsen ließ 1 ).“ 

Ein andermal, als Firdusi erzählt; wie Chosro den Zauber von 
Behmens Schlosse bricht, ist von einem ragenden Bauwerke, dessen 
Umrisse uns gleich bekannt Vorkommen, die Rede: 

„Dort ließ Chosro erheben im Raum 
Einen Bau bis zum Wolkensaum 
Zehn Fangschnurlängen breit und lang 
Und ringsum hoher Säulengang, 

Der Umkreis h^lb eines Rosses Lauf; 

Drin stellt 1 er das heilige Feuer auf. 

Da saß dann mancher Mobed" im Kreise, 

Manch Stemonkundiger, mancher Weise, 

Chosro weilt’ in der Burg so lang, 

Bis fest der Feuerkult im Schwang 2 ).“ 

An Wolframs Wendelschnecke mit dem Zauberspiegel, in welchem 
manj alles sieht, erinnert Chosros Weltenbecher. Der Schah nimmt 
iSn auf die Hand: 

„Und schaute drin die sieben Gaun. 

Von Stand und Zeichen der Sphären er maß 
Ein jedes Wie, Warum und Was. 

Gebildet iin Becher zauberisch 

War jedes Gebilde vom Widder zum Fisch, 

Saturn auch und Jupiter, Mars im Azur, 

* . Sonne, Mond, Anahid und Merkur;, 

--- . • :; , r ; • 

l ) Firdosi a. a. 0. S. 100. i 2 ) Ebenda S. 251. , 

9* 


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11 « 


Alles kUuftigc sab darin 

Der Weltherr init prophetischem Sinn. 

Er schaute in allen sieben Gaun, 

Ob Bizhens Spur er mochte schaun. 

Als er kam zum Gau von Kergcsar, 

Da ward er nach Gottes Rat ihn gewahr 
In jener Grub in Banden schwer, 

Den Tod im Elend wünscht’ sich er; 

Ein Mädchen von fürstlicher Geburt 
Band zu seiner Wartung den Gurt 1 ).“ 

Wellenbecher und Zauberspiegel sind Verkörperungen des 
gleichen kosmischen Gedankens, deren zwiefache, anscheinend völlig 
verschiedene Formen sich aus dem Doppelsinn des persischen 
Wortes gäm, Spiegel und Becher, hinreichend erklären. In einem 
moderneren persischen Wörterbuch wird gäm mit poculum und 
speculum übersetzt, und dann heißt es: „poculum Gamshedi, in quo 
secreta septem orbium coelestium conspicienda erant; idem poculum 
etiam nominant »poculum mundum repraesentans« s ). Der alte 
d’Herbelot 3 ) erzählt uns, daß der König Dschemschid, den er als 
Salomon der Perser bezeichnet, und Alexander der Große „avaient 
de ces coupes, globes, ou miroirs par le moyen desouels ils connais- 
saient toutes les choses naturelles et quelquefois meme les sur- 
naturelles. La coupe qui servait ä Joseph le Patriarche pour deviner, 
et celle de Nestor dans Homere oü toute la nature etait representee 
symboliquement, ont pu fournir aux Orientaux le sujet de cette 
fiction.“ Die hier vorgenommene Gleichsetzung von Becher und 
Spiegel begegnet uns auch in dem Ausspruch des türkischen Dichters 
Hafez*): „Der wahre Spiegel Alexanders ist ein Glas Wein.“ Dem¬ 
entsprechend treffen wir auch später Zanberspiegel und Wunder¬ 
becher nebeneinander und durcheinander in den verschiedenen Sagen 
an. Die mohammedanische Legende $ ) kennt einen Pokal des Propheten, 
den Gott zu dessen Erleuchtung erschaffen hat, welcher Hoheit, 
Glanz und Segen verleiht und alle Geheimnisse der Welt erschließt 
und zuerst im Geschlechte der voradamitischen Saloraone forterbte. 


') Firdosi. Sage XX-XXVI. Berlin 1895. S. 51. 

а ) J. A. Vullers, Lexicon Persico-Latinum. I (Bonn 1855) 500 f. 

*) d’Herbelot, Bibliotheque orientale. Haag 1777. p. 127. 

4 ) A. Hilka, Studien zur Alexanderaage. Roman. Forschungen. 29 
(1910—1911)6. 

б ) Näheres Kampers, Lichtland. S. 84 f. 


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117 


tim dann an den persischen König Dscliemschid, den indischen Jatna, 
fiberzugehen. Von einem solchen Wunderbecher ist dann später 
auch wiederholt in der mittelalterlichen Salomonsage die Rede. Ich 
erwähne nur den Vers aus den Chansons de geste des Auberi le 
Bourgogne über den Zauberbecher aus Onyx: 

„Rois Salemons l’ot faite menouvrer. 

Li rois Artus l'ot si faite fermer 
Et parmi fist le soleil coinpasser, 

Et les estoiles qui moult reluisent der 1 )“. 

Neben solchen Wunderbechern gibt es dann eine Fülle von 
Zauberspiegeln in mittelalterlichen Sagen, von denen ich später 
noch kurz reden muß. 

Der Anreiz lag nahe, diese Vorstellungen von einem alles Nahe 
und alles Ferne wiedergebenden Spiegel auf den antiken Pharos 
zurückzuführen 2 ). Damit aber hat man deren tiefere Wurzel noch 
nicht bloßgelegt. Das Bauwerk eines solchen Pharos an sich mit 
seiner leuchtenden Spitze war gewiß auffällig und merkwürdig genug, 
um zur Legendenbildung anzuregen. Es entstanden in der Tat 
Pharoslegenden, die aber schließlich doch wieder auf jene alten 
sakralen architektonischen Nachbildungen des Götterberges mit dem 
Sonnensymbol oder der Sonne zurückgehen. Dort ist jene leuchtende 
Spitze des sich in Absätzen verjüngenden Steinriesen, in unserer 
Sagengruppe ist der strahlende Edelstein auf der Säule, auf dem 
Turme, auf dem schneckenförmigen Unterbau ursprünglich nichts 
anderes als das Sonnensymbol auf dem Abbild des göttlichen Berg¬ 
thrones. Nun erscheint aber die Sonne in indischen Mythen und 
auch sonst wiederholt als Becher. So könnte eine Gleichsetzung von 
Spiegel und Becher nicht nur durch sprachliche, sondern auch durch 
mythologische Gründe gerechtfertigt erscheinen. Indes will ich nicht 
unbemerkt lassen, daß der Becher in der persischen Überlieferung 
nicht die Sonne, sondern die Welt versinnbildet; da könnte man 
dann wieder an den Erdnachen oder an den goldenen Becher des 
Sonnengottes denken. Indes diese Fragen berühren unseren Nach¬ 
weis nicht — ich lasse sie offen. Die Tatsache der Gleichsetzung 
von Becher und Spiegel genügt. 

Doch eine Nachricht von einem Zauberspiegel ist für unser 

•) Ebenda S. 81. 

2 ) So H. Thierach. Pharos. Leipzig 1909. S. 94 ff. 


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gan zes Problem von Bedeutung. Beim Turm des Herkules zu 
Coruna in Spanien wird von einem Spiegel berichtet, in dem man 
die entferntesten Schiffe habe sehen können 1 ). Nun erzählen uns 
spanische Romanzen, daß im Turme des Herkules irgendwo in 
Spanien der Saloraontisch gehütet wurde 2 ). Einen Tempel des 
Herkules, in welchem der berühmte „Smaragd“ der Genuesen, der 
Doppelgänger des heiligen Gral, gefunden wurde, kennt auch die 
bis in das 12. Jahrhundert zurückreichende Sage vom „sacro catino 3 )“, 
sucht diesen aber im Orient, in Tyrus. Diese ersichtlich verwandten 
Züge machen offenbar, wie jener Turm zu Coruna zum Pharos, zum 
'veitbedeutenden Zikkurat mit dem Sonnentische und dem Sonnen¬ 
symbol darüber ward. Die Beziehungen des Salomonischen Tisches 
zu den kosmischen Bauwerken des fernen Ostens sind nun unwider¬ 
leglich erhärtet. Es zeigt sich, daß in Spanien die Kulissen der 
alten Chosrosage nur ganz wenig verändert wurden, und darnach ver¬ 
schiebt sie der Graldichter nur, als er die Burg der Seligen mit 
dem Wundertische und die Wendelschnecke mit dem Zauberspiegel 
für den späten Nachfahren des Dümmlings Chosro erbaut! 

Die Örtlichkeiten der Chosrosage gleichen also sehr denen, 
welche uns in den Sagen vom Priesterkönig Johann und vom Gral, 
deren innere Verwandtschaft uns ja schon bekannt ist, wieder be¬ 
gegnen. Eine byzantinische Sage von jenem persischen Gottkönige 
verstärkt diese Ähnlichkeit noch. Besonders eingehend schildert 
Cedrenus den Feuerterapel und Palast dieses Herrschers, die sich in 
der von Heraklios eroberten Stadt Gazakon erhoben, allwo auch die 
Schätze des Kroisos aufgestapelt waren. Besonders merkwürdig aber 
war hier das ragende Bildnis^ des sich zum Gotte .machenden Chosro, 
über das sich der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen wölbte. 
Der an die Wolken strebende Bau, den Chosro bei Firdusi aufführt, 
wird also hier ganz — allerdings wohl mehr in Anlehnung an die 
Gestalt und Bedeutung der babylonischen Sakraltürme — nach den 
uns bereits bekannten kosmischen Bauwerken beschrieben 4 ). Die 


1 ). A. Graf [Roma nella memoria 9 uclle imaginazioui del medio evo I 
(Turin 1882) 208, nota 48] verweist auf Euseb. N ierembci g, De miraculosia 
naturis in Europa. (?) I c. 67. [Mir unzugänglich]. 

' *) Kampers a. a. 0. S. 28. 

s ) Ebenda S. 85. 

4 ) Georgius Cedrenus ab J. Hekkero einend. 1 (Bonu 1888) 721 sq.: 
„Kai Kaxa/.aßö)V rr/v ’.ra'£,anöv nokiv, ev fj for f)Q%ev ö vadg rov zr vQÖg Kai tA 


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119 


spätere abendländische Sage fügt dem noch Züge bei, die ausgezeichet 
zu all dem passen, was wir von den Zikkurats und deren sakraler 
Bedeutung wissen. Bei dem älteren Aimoin setzt Chosro sich, nach¬ 
dem er sein Reich seinem Sohne übergeben, in einem silbernen Turm 
zur Ruhe, um sich darin als Gott anbeten zu lassen. Diesen silbernen 
Turm kennt auch Vinzenz von Beauvais, der dessen von Edel¬ 
steinen leuchtende Pracht hervorhebt und ausdrücklich auf die 
kosmischen astralen Symbole zu Haupte» des Königs hinweist. 
Ähnliches erzählt Jacobus de Voragine. Vollständig altsgeführt ist 
dann das Sagenbild im 14. Jahrhundert bei Herrmann von Fritzlar 
und Enenkel. Letzterer erzählt, daß Chosro sich viermal im Jahre 
im Fenster dieses Turmes zeige. Wer denkt da nicht an das Noebild, 
in unserem Münchener Speculum? Hier wie dort der ursprüngliche 
Gedanke des auf dem Götterberge thronenden Sonnengottes 1 ). 

Die Verbindungslinien zwischen den Sagen von Chosro und von 
Parzival werden nun noch vermehrt durch die offenbaren Ähnlichkeiten 
in wichtigen Zügen der Heldenlaufbahn beider. 

Wie Chosro, so ist auch Gachmuret, der Vater des Helden, 
gleichzeitig doppelt vermählt, zuerst mit der Mohrenkönigin Belakane, 
welche ihm den Feirefis gebiert, und dann mit Herzeloyde, welche 
er zur Mutter Parzivals macht. Gachmuret betrachtet sich als 
Belakanens rechtmäßigen Gemahl; um so überraschender wirkt die 
gezwungene Motivierung seines Verlassens der eben erst Erkorenen 
und den Sprossen des jungen Bundes Erwartenden mit Gewissens¬ 
bedenken. In seinem Abschiedsbriefe heißt es: 

„w<er din ordn in miner e, 

so waer mir immer nach dir we . . . 

frouwe, wiltu toufen dich, 

du mäht oueh noch erwerben mich 2 ).“ 

XQTjuaza KqoLoov zov Avb&v ßaoiAetog Kai i] jzA&vt) zcüv ävbgdxoyv, kcu 
eioeAücjv ev avzij svge zö uvoagöv etboAov zov Xogqöov, zö ze ixzvnto/ia 
avzov iv Tj) zov nakaziov otpatgoetbei oziyr] tog iv ovgavco Kaürjfi&vov, Ktü 
Ttegi zovzo FjAiov Kai oeAipnp' Kai äozga, oig 6 beioibai/icov d>£ tieoig iAdzgeve, 
Kai dyyiAovg abztp OKrjnzQotpÖQOvg 7t€Qi€Ozrjoev. u Weitere verwandte Stellen 
des Zonaras und Theophanes sind abgedruckt in dem Kommentar zu Eraclius. 
Hrsg. v. H. F. Maßmann. Leipzig 1842, S. 500. 

1 ) Auch diese Quellen sind in dem von Maß mann hrsg. Eraclius S. 4% ff. 
abgedruckt. 

2 ) Parz. 55 u. 56. Eine laxe Auffassung ‘der Ehe scheint mir trotz dieser 
Worte hier von Wolfram vorgetragen zu werden. Anders A. Sattler, Di© 
religiösen Anschauungen Wolframs von Eschenbach. Graz 1895, S. 92 f. 


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Unter dem Gesichtswinkel der Verchristlichung einer heidnischen 
Vorlage gewinnt die widerspruchsvolle Haltung Gachmurets ihre Er¬ 
klärung. 

Wie Parzival stammt auch Ohosro väterlicher- und mütterlicher¬ 
seits von zwei berühmten Geschlechtern ab. Die Konstellation ver¬ 
kündet: 

„Daß von Tur und von Eelkobad 
Ein Schah wird stammen hoch von Kat. 

Von beiden Geschlechtern soll ein Held 
Kommen, der nimmt in den Schoß die Welt . . . 

Aus diesem doppelten Adel entspringt 
Ein Kronenhaupt, das zur Sonn' aufringt. 

Er waltet in Irans und Turans Haus, 

Zwei Reiche ruhn von dem Kampfe aus •).* 

Fernab vom Getriebe der Welt wächst der junge Gralkönig auf. 
Ebenso wird der junge Chosro den Hirten vom Berge Kalu zur Er¬ 
ziehung übergeben. Dort 

„Jagt' er den Wolf, den Bär und den Eber: 

Dann ging er an Löw und Leopard, 

Und Holz nur war seine Waffenart 2 ).“ 

Dem Schah, dem Mörder seines Vaters, wird der „reine Tor“ 
geschildert: 

„Ein kleiner Kuab', unsinnig noch, 

Was wüßt’ er vom Vergangnen doch ? 

Der im Gebirg wuchs als Hirtengespiel, 

Ist wie ein Wild, was dacht' er viel? 

JUngst hört' ich selbst von der Hirtenzunft. 

Der engelgleiche sei ohne Vernunft 3 ).“ 

Freilich nur um den Schah zu täuschen gibt der an den Hof 
geholte junge Held dann überaus törichte Antworten 4 ). 

Gleich der Parallelfigur Parzivals, gleich Gawan, muß auch er 
den Zauber eines Schlosses brechen *). Wie Parzival entflieht auch er 
dann weiter der Welt 6 ), um ganz Gott zu dienen. Schließlich geht 
er mit den Pehlewanen auf einen Berg, allwo er verschwindet: 

„Als ein Teil von der Nacht entwich. 

Erhob zum Beten Chosro sich. 

Ira hellen Quell wusch er Kopf und Brust 
Und sprach leise dazu Zend Ust. 

*) Firdosi, Sage XV-XIX, S. 93 f. 

») Ebenda S. 153. 3 ) Ebenda S. 155. 

4 ) Ebenda S. 238. 5 ) Ebenda S. 248. 

•) Sage XX-XXVI. S. 235 ff. 


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Dann grüßt er die Helden liebevoll: 

^Nun lebet mir auf ewig wohl! 

Wenn jetzt sich die Sonn 1 erhebt im Raum, 

Seht ihr mich nimmer als nur im Traum. 

Morgen verweilt nicht hier in dem Sand, 

Und regneten Wolken Muskus aufs Land! 

Denn vom Gebirg wird ein Wind aufstehn. 

Der Blatt und Zweige wird vom Baume wehn, 

Und fallen wird aus der Wolk 1 ein Schnee, 

Ihr findet nach Iran den Weg nicht meh. < 

Da ward den Fürsten schwer der Mut, 

Bekümmert schliefen die Helden gut. 

Als die Sonne vom Berg aufstand, 

Der Schah aus den Augen der Fürsten schwand. 

Den Schah zu suchen, sie sprangen auf 
Und nahmen durch Sand und Wüste den Lauf. 

Sie fanden nirgend von Chosro 

Ein Zeichen und kehrten zurück unfroh.“ 

Laut klagen die Helden: 

„Wer weiß, wohin auf der Welt er kam?“ 

Dann brechen die von Chosro verkündeten Unwetter herein: 

„Der Schnee zog Segel übers Land, 

Darin jede Lanze der Heldeu schwand. 

Alle blieben verschneit an dem Ort; 

Niemand weiß, wie sie blieben dort 1 ).“ 

Dieser Erzählung stelle ich die Verse von Jans dem Enenkel, 
der wohl um die Mitte des 13. Jahrhunderts schrieb, an die Seite: 

„Dar nach der kaiser wart verholn 
den kristen allen vor verstoln, 
wan nieman west diu maere 
wa er hin körnen waere. 
ob er w»r tot an dH* r.it, 
da von ist wserlich noch ein strit 
in welhischen landen über al 2 ).“ 

Der spätere Oswald der Schreiber weiß noch raeht“. In seiner 
Rahmenerzählung zn jenem bekannten Briefe des Priesterkönigs 
Johann, in welchem dieser die Wunder seines Reiches beschreibt, ist 
von dem Ringe mit den wunderwirkenden Edelsteinen die Rede, 
welchen Kaiser Friedrich II. von jenem erdichteten Herrscher des 
Ostens zum Geschenk erhielt. Mit diesem Ringe, berichtet Oswald, 
sei der Kaiser in den Wald gegangen und durch die Kraft des 

i) Ebenda S. 264. 

*) Veitchronik. Hrsg. v. Ph. Strauch. Deutsche Chroniken III, 574. 


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Steines vor den Augen seines Gefolges verschwunden 1 ). An anderer 
Stelle habe ich gezeigt, daß es das Reich der Unsterblichkeit de» 
Priesterkönigs, oder das Reich des solarischen Königs Artur im 
Innern des Länderbeiges, oder das Reich des Gral — und im letzten 
Grunde der babylonische „Palast der Ewigkeit“ im Bergthrone der 
Sonne ist, in welchem der weltentrückte Kaiser Aufnahme findet 2 ). 

Prüfen wir nun diese sich aufdrängenden Ähnlichkeiten näher, 
so ist eines von vornherein festzuhalten: An eine unmittelbare Ab¬ 
hängigkeit Wolframs, oder besser Guiot’s von der Dichtung Firdusis 
ist nicht zu denken; das schließen allein schon jene bei dem 
deutschen Dichter, oder doch in der seinem Epos verwandten deutschen 
Dichtung, sich zugleich auch vorfindenden Elemente der byzantinischen 
Chosrosage aus. Wahrscheinlich aber ist ein Nachwirken jener 
älteren persischen Reichsgründungssagen in irgend einer Form, aus 
welchen auch der persische Nationaldichter, die byzantinischen Ge¬ 
schichtsschreiber und die Salomonsage schöpften. 

Es ist längst erkannt, daß die spätere Chosrosage mit den 
Farben der Kyrossage entworfen ward. Auch die Kyrossage beginnt 
mit dem Sturze eines guten Königs und Richters durch einen fremden 
blutigen Tyrannen. Der Mederkönig Astyages, welcher in dieser 
alten Sage nach den Berichten des Herodot und Ktesias auf Grund 
eines Traumgesichtes den persischen Prinzen Kyros, den Sohn seiner 
Tochter Mandane und des Persers Kambyses, umzubringen gebietet, 
ist eine Parallelfigur des Afrasiab, welcher nach arabischen Über¬ 
lieferungen den Sohn seiner Tochter Ferengis, unseren Chosro, zu 
töten befiehlt, während nach dem Schahname der König erlaubt, daß 
das Kind am Leben bleibt. Kyros wie Chosro wachsen in der 
Bergwildnis bei annen Hirten auf. \n den Hof gekommen erfreut 
jener, wie Xenophon, der überhaupt vielfach aus persischen Liedern 
und epische^; Überlieferung schöpfte, erzählt, seinen Großvater durch 
kindliche Naivität, während dieser ihn durch seine törichten Antworten 
täuscht. Zum Dümmlingsmotiv, das bei Firdusi stärker unterstrichen 
ist, gesellt sich dann in beiden Sagen auch das andere, episch frucht¬ 
bare der Rache 3 ). 

’) F. Zarncke, Der Priester Johannes 1. Abhaiullg. Abhandlgn. d. phil.- 
hist. CI. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. VII (1879) 1027 f. 

2 ) Kampers, Lichtland, S. 105 ff. 

3 ) Ich verweise auf A.Bauer, Die Kyros-Sage und Verwandtes. Sitzungs¬ 
berichte der K. Akademie d. Wiss. Phil.-hist. CI. 100 (1882) 495 ff. R. Schubert, 


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Die Sage von diesem Reichsgründer, hinter dem sich das alte 
Rild von dem mythischen Musterkönig zeigt, wie ebenfalls liingst 
erkannt ist, wurde von Kyros zunächst auf Artaschir, den Gründer 
des Sasanidenreiches übertragen. Eine Geschichte dieses Königs im 
Pehlewi erzählt von einem Hirtensohn aus Persien. Traumdeuter 
erkannten aus Träumen der Eltern dieses Helden dessen Größe» 
Als Knabe kommt dieser an den medischen Hof und muß hier durch 
Schicksalsfügung Knechtsdienste tun, kann aber in seine Heimat 
Persis entfliehen, wo er das Königtum erhält 1 ). 

An die Stelle des Rassegegensatzes zwischen Medern und Persern 
in der herodoteisehen Erzählung tritt im Schahname der Gegensatz 
zwischen Turan und Iran. Die Namen wechseln, aber die Fabel 
bleibt die gleiche. Das Dümmlings- und Rachemotiv, das die 
C'hosrosage aus altem Sagengut somit übernimmt, sollte ein Erbstück 
der Weltliteratur werden. 

Eine ganze Fülle von Mären, so die von Lug, Hamlet, Kaiser 
Heinrich, Genovefa, Wieland, Teil und andere hat man auf diese 
Wurzel zurückzuführen 2 ) gesucht — mit welchem Recht jeweils, 
lasse ich unentschieden. Daß aber die Mär, gerade in der Fassung, 
wie sie bei Wolfram und in der mittelenglischen Romanze von Syr 
Percyvelle of Galles 3 ) vorliegt, sicherlich auf diese persische Helden¬ 
sage zurückzuführen ist, läßt sich erweisen. 

Wie Chosro ist also auch der junge Gralheld väterlicher- und 
mütterlicherseits der Erbe zweier hochgefeierter Geschlechter; wie 

Herodots Darstellung der Oyrussage. Breslau 1890. G. Hüsing, Beiträge zur 
Kyros-Sage. Orientalische Literaturzeitg. VI—IX (1903—11*06). H. Lollmann 
Die Kyrossage in Europa. Jahresb. über d. städt. Realschule zu Charlotten¬ 
burg. 1906. Bemerkenswert ist der Hinweis von Th. Nöldeke, der auch sonst 
das Material zu dieser Sage zusaminenstellt (Das iranische Nationalepos. Grund- 
rili d. iran. Philol. II [Straliburg 1898 — 1904.] 12211. Besonders S. 140), auf 
die Tatsache, dali der syrische Text des Alexanderromans für Xerxes überall 
t'hosro setzt, woraus gefolgert werden kann, dali dem l'bersctzer der mythische 
Musterkönig vorschwebte. 

A. von Gutschmid in der Besprechung von Th. Nöldekes ÜbcrBet/ung 
(i- r Gedichte des Artasir i Päpakän aus dem Pehlewi. Zeitschr. d. deutsch, 
morgen). Ges. 34 (1880) 585 f. 

2 ) 0. J. Jiriczek, Hamlet in Iran. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde X 
(1900) 353 ff. Leßmann a. a. 0. 

3 ) Vgl. hierzu die Anmerkung von G. Rosenhagen bei Hertz a. a. 0. 
S. 565 f. J. L. Weston, The legend of 8ir Perceval. London 1908. Besonders * 
nenne »ch C. Stru?ks, Der jung« Parzival. Dis6. Münster. Börna-Leipzig 1910. 


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124 

dieser wächst er fernab der Welt auf* wie jener sich als Tor ge¬ 
bärdet, so spricht aus dem mit Narrenkleidern ausgestatteten Gral¬ 
helden die ganze Unerfahrenheit des Naturkindes; wie Chosro endlich 
den Mord seines Vaters rächt, so tötet Parzival, wie uns die mittel- 
englische Romanze in ihrer ursprünglichen Fassung der Mär zeigt, 
in dem „roten Ritter 44 den Mörder seines Vaters 1 ). Diese Ähnlich¬ 
keiten mit den anderen von mir oben zusamraengestellten Seitenstücken 
als einheitliches Ganzes genommen auf die „Gleichheit der im 
menschlichen Geiste überhaupt wirkenden Kräfte zurückzuführen, 
welche unabhängig von einander analoge Erzählungen hervorrufen 44 , 
ist denn doch bei dieser Fülle verwandter Züge nur sehr schwer 
möglich. Es kommt noch hinzu, daß etwas anderes — ganz ab¬ 
gesehen davon, daß das arabisch-orientalische Kolorit der ursprüng¬ 
lichen Sage in der Wolframschen Dichtung bald hier, bald dort noch 
durehschimmert — zur Annahme einer Entlehnung der Parzivalsage 
aus einer Überlieferung des Ostens zwingt. 

Wolfram erzählt, wie Gachrauret vom Fürsten von Babylon er¬ 
schlagen und dann sein Leichnam nach Bagdad übeiführt ward: 

r Er wart geleit ze Baldac. 
diu koste den baruc ringe wac. 
mit golde wart gehöret, 
groz richeit dran gekeret 
mit edelem gesteine. 
da inne lit der reine, 
gebalsemt wart sin junger re. 
vor jämer wart vil liuten wo. 
ein tiwer rubin ist der stein 
ob sime grabe, da durch er schein, 
uns wart gevolget hie mite: 
ein kriuze nach der marter site, 
als uns Kristes tot loste, 
liez man stozen im ze tröste, 
ze scherm der sele, überz grap. 
der baruc die koste gap: 
ez was ein tiwer smarät. 
wir tätenz änc der heiden rät: 
ir orden kan niht kriuzes pblegn. 
als Kristes tot uns liez den segn. 
ez betont heiden sunder spot 
an in als an ir werden got, 
niht durch des kriuzes ere 

*) Darüber vgl. Strucks, a. a. 0. S. 45 ff. • 


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noch durch des toufes lerc, 
der zem urteillichen ende 
uns loesen sol gebende 1 ).“ 

Der Zug in der deutschen Dichtung, daß der im goldenen Sarge 
Beigesetzte als Gott verehrt wird, ist an sich schon auffällig; er 
wird es noch mehr, wenn wir dem unter Berücksichtigung der 
byzantinischen Berichte von der göttlichen Verehrung Chosros eine 
scheinbar von Firdusi völlig abweichende Überlieferung zur Seite 
stellen. 

Eine syrische Chronik, die bald nach 6ß0 entstand, erzählt uns 
von dem silbernen Sarge des „heiligen Daniel“; der fast gleich¬ 
zeitige Sebeos aber berichtet: „Und es geschah in jenen Tagen, daß 
der König der Griechen (gemeint ist Mauritius) vom Könige der 
Perser (Chosro II) sich den Leib jenes toten Mannes ausbat, der sich 
in der Stadt Saus (Susa) befand, im königlichen Schatze, in einem 
kupfernen (ehernen) Becken liegend, den der Perser Kav Xosrov 
nennt, die Christen aber den (Leib) des Propheten Daniel.“ König 
Chosro will, so heißt es weiter, den Leichnam ausliefern, als dieser 
aber aus der Stadt geführt wird, vertrocknen die Quellen, und die 
Maultiere, welche den Wagen ziehen, kehren um usw. Kurz, der 
Leichnam bleibt in der Stadt 2 ). 

Dieses Grab Daniels war im Orient hochgefeiert. Die Sage 
suchte es aber nicht nur in Susa, sondern auch in Babylon. Nach 
der byzantinischen Sage ist Babylon eine Totenstadt, um die ein 
Drache seinen Riesenleib schlingt. In ihr erhebt sich der von 
Salomon erbaute Zikkurat, den das strahlende Sonnensymbol krönt. 
Diese Totenstadt ist der Aufenthaltsort der heiligen drei Jünglinge. 
Auch hier finden wagemutige Eindringlinge riesige Schätze 3 ). 

Durch den Nebel dieser orientalischen, byzantinischen und 
abendländischen Sagen sehen wir die goldigen Linien einer mythischen 
Mär von einem großen Musterkönige aufleuchten. Der Welt in 
geheimnisvoller Fahrt entrückt, thront er — gleich dem Sonnengotte 
auf dem Länderberge im Paradieseslande — auf der Höhe der 
sakralen architektonischen Nachbildung dieses Weltensitzes in der 
Stadt der Toten. Wir erkennen die gleiche Wurzel der Sage vom 


') Parz. 106, 29 ff. 

*) H. Hübschm&nn, Ir&nica. Zeitschr. d. deutsch, morgenl. Ges. 47 
(1893) 625. 

s ) Die näheren Angaben Kam per s, Licbtland S. 51 u. 82. 


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Verschwinden und von der Beisetzung König Chosros im kupfernen 
Becken — vielleicht dem Becher, in welchem der Sonnengott allnächt- 
lich über das Meer fährt. So verschwindet auch der König Manuel von 
der Romanei, um einzuziehen in den siebenstufigen Bau der Un¬ 
sterblichkeit des Priesterkönigs Johann im Paradieseslande, so ver¬ 
schwindet auch Parzival in jener mittelenglischen Romanze in das 
Mädchenland, das keltische Land der Seligen, oder im deutschen 
Epos in die Gralburg der Abgeschiedenen im glücklichen Traum¬ 
reich der Sehnsucht zwischen Himmel und Erde 1 ), so verschwindet 
auch Kaiser Friedrich in das Reich der Fee Morgane im Innern des 
Götterberges. 

Nunmehr verstehen wir auch, wie die abendländischen Dichtungen 
im Stande waren, jene Steinriesen der Zikkurats, welche es nur im 
fernen Osten, nicht aber im Westen Kleinasiens, im Heiligen Lande, 
gab, richtig zu schildern und besonders deren ursprüngliche kosmische 
und solarische Kennzeichen wiederzugeben, die dem Franzosen oder 
dem Deutschen doch ganz unverständlich sein mußten. Nicht un¬ 
mittelbare Kunde durch Kreuzfahrer oder Reisende bot die Grundlage 
für diese Schilderung, sondern diese ist geradeaus zurückzuführen 
auf mündliche oder schriftliche Überlieferung des Ostens selbst. 

Die Kreuzzugsromantik hat sich vor Wolfram auch dieser per¬ 
sischen Heldensage bemächtigt. Meister Gautier und Meister Otte 
arbeiteten sie zu einem christlichen Epos um. Das Rachemotiv ver¬ 
schwindet; das Dümmlingsmotiv übertragen die Dichter in abgewandel¬ 
ter Form auf den Helden der Kreuzeslegende, Heraklios. Chosro ist 
der Übermensch, welcher in seinem Turme Gott gleich sein will. 
Das war die Zeit, in welcher auch die Elemente der Parzivalmar 
sich zu jenem leuchtenden Krystall unseres nationalen dichterischen 
Eigengutes zusammenschließen konnten und wirklich zusammen¬ 
schlossen. Unmöglich also wäre es nicht bei diesem Sagenbezug, daß 
die Graldichter, als sie die Fabel übernahmen, zugleich auch den 
von mir vermuteten Beinamen des persischen Helden: färis-i fäl, 
Perser der guten Vorbedeutung, sich zu eigen machten. Spricht 
doch auch Hugo von Fleury einmal ganz allgemein von Chosro 
als dem „vir Persa giganteus“ 2 ). 

Wir haben somit in dem persischen Heldensang den Kern der 
Parzivalerzählung gefunden. Mit diesem Kern wurden dann von 

•) Auch über diese Dinge handelte ich in dem eben genannten Buche. 

% ) Maß mann, Kaiserchronik a. a. 0. III, 889. 


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127 


dem ersten Graldichter andere Sagen und Einzelzöge aus solchen 
▼erarbeitet. Das Werk dieses ersten Sängers des ritterlichen Kleinods 
lag in seiner ursprünglichsten Form dem Eschenbacher vor; denn 
er allein bringt die persische Mär am getreuesten. Auch der Ver¬ 
fasser der mittelenglischen Romanze geht ziemlich unmittelbar auf 
diese östliche Überlieferung zurück. Früher 1 ) hatte ich schon aus 
der Tatsache, daß dieses Spielmannsmärchen des 14. Jahrhunderts 
nichts von einem Gralkleinode weiß, gefolgert, daß es uns ursprüng¬ 
liches Sagengut darbiete. Dieses Märchen hätte seiner Natur nach 
sicherlich niemals auf diesen uralten Wunschgegenstand verzichtet, 
wenn es einer Vorlage nacherzählt worden wäre, in welcher der 
Gral bereits das Ziel des Strebens Parzivals war. Wie die Parzival- 
sage zur Gralsage wurde, ist jetzt, hoffe ich, völlig klar zu legen. 
Nicht geblendet vom Glanz des ragenden Kunstwerkes, das Guiot- 
Wolfram schuf, nicht ergriffen von dessen tiefem Lebensinhalte, 
kalt und nüchtern untersuchend, erkennen wir doch, daß manches 
überkommene Sagenbruchstück nicht genügend behauen ward, um 
restlos dem Ganzen eingefügt zu werden, daß vielfach ungenügender 
Verputz die Schichtungen des Aufbaues nicht hinreichend verbirgt. 
Versuchen wir nunmehr unter Bezugnahme auf meine älteren Unter¬ 
suchungen und auf Grund der vorliegenden Erörterungen Bestandteile 
und Schichtungen des Baues in Kürze von einander zu sondern. 

Die persische Mär mit dem Dümmlings- und Rachemotiv wurde 
auf abendländischem Boden zunächst mit der allbekannten und hoch¬ 
gewerteten Artursage in eine ziemlich lockere Verbindung gebracht, 
wie ja dieser volkstümliche Sagenheld auch später nur eine Statisten¬ 
rolle in den Graldichtungen zugewiesen erhielt. Der englische Spiel¬ 
mann, welcher im 14. Jahrhundert den durch diese Verbindung 
seinem Hörerkreise angepaßten Sang weitertrug, hat sein Lied nicht 
selber erfunden. Die Nichterwähnung des Gral ist ein hinreichender 
Beweis dafür, daß das abendländische Parzivalmärchen, vielleicht 
geradeso, wie jener es kündete, schon vor den Graldichtungen hier 
und da erzählt wurde. 

Der rote Ritter, so erzählt es, hat Percyvelles Vater erschlagen. 
Die Mutter erzieht ihren Sohn in der Wildnis. Unerfahren und 
überaus naiv zieht der junge Held mit lächerlicher Ausstattung in 
die lockende Welt. Als Erkennungszeichen gibt ihm die Mutter 


Lichtland S. 8 ff. 


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I 


1*28 


einen Ring mit. Unterwegs steckt er diesen der schlafenden „Dame 
im Zelte“ an den Finger, nachdem er dieser, dem Rate seiner Mutter 
folgend, den ihrigen geraubt hat. Der Ring jener Dame hat die 
Zauberkraft, unverwundbar zu machen. Dann kommt Percyvelles an 
Arturs Hof, wo gerade der rote Ritter, wie alljährlich, den goldenen 
Recher raubt. Nun erfüllt sich die Prophezeiung, daß die bislang 
von Niemandem bezwungenen Kräfte dieses gewaltigen Räubers durch 
den Sohn des von ihm Ermordeten überwunden werden würden. 
Auf seiner weiteren Fahrt gelangt Percyvelles ins Mädchenland, 
dessen Königin er von einem aufdringlichen Sultan befreit und dann 
heiratet. Nach Jahresfrist aber zieht es ihn heimwärts, zur Mutter. 
Den Spuren seines Ringes nachgehend, der inzwischen von der einen 
Hand an die andere wanderte, findet er die Gesuchte. 

Das Märchen offenbart, daß etwas von dem Schmelz des heimischen 
Mythus trotz der geistig stark bewegten Luft der Kreuzzugsromantik 
durch den neuen Zug vom Elfenlande des Paradieses mit seinen 
sinnlichen Freuden auf den fremden Stoff überging 1 ), der seine 
orientalische Herkunft durch die Gestalt des aufdringlichen Sultans 
noch deutlich verrät. Ganz leise hören wir auch das Leitmotiv der 
späteren Gralsuche bereits anklingen; denn jener Zug vom wandern¬ 
den Ringe, den Percyvelles mühsam sucht, konnte die Fahrt in die 
Welt leicht zu jener Gralsuche abwandeln. Gerade dieser letztere 
Zug ist nun aber für uns nach einer anderen Richtung hin noch 
bedeutsam: er weist gleichfalls nachdrücklich nach dem Osten. 

Die Sage vom verlorenen und auf wunderbare Weise wieder¬ 
gefundenen Ringe müßte in eigener, sich lohnender Untersuchung 
klar gelegt werden. So weit sie unsere Parzivalmär angeht, glaube 
ich aber auch ohne diese Vorarbeit die Umrisse der bedeutsamsten 
Zusammenhänge aufzeigen zu können. Vorausgeschickt sei der Hin¬ 
weis darauf, daß ich an anderer Stelle 2 ) die Verwandtschaft der 
Kaiser- mit der Gralsage in einer Reihe wichtiger Züge darlegte. 
Insbesondere wird jene im Aufbau der Gralepen geradezu im Mittel¬ 
punkt stehende und doch dabei so unendlich banale Frage Parzivals 
erst verständlich durch das entsprechende Seitenstück der Kaisersage, 
und weiter entspricht dem Einzuge Parzivals in die Gralburg, die, 
wie gesagt, nichts anderes ursprünglich ist als der Bergthron der 

J ) Kampera a. a. 0. S. 52, 64, n. 66.. 

2 ) Ebenda S. 101 ff. 


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129 


göttlichen Herrlichkeit im Paradieseslande, dem Einzuge des welt¬ 
entrückten Kaisers in den Berg. Indes auch der wandernde Ring 
spielt hier wie dort eine auffallende Rolle. 

In der englischen Romanze gewährt Percyvelles Ring Unverwund¬ 
barkeit; der Zauberring der Kaisersage hat noch andere Kräfte, 
so die, unsichtbar zu machen. Mit seiner Hilfe verschwindet der 
Kaiser vor den Augen seines Gefolges. Französische und italienische 
Prophezeiungen des Merlin überliefern daneben noch einen andern 
Zng. Hier tragen Fischer eine Krone mit Wundersteinen, welche 
sie zufällig im Meer finden, zum Kaiser Friedrich. Daß der rätsel¬ 
hafte Fischzug des Gralkönigs Anfortas durch dieses Sagenmotiv 
anfgehellt wird, führte ich gleichfalls bereits aus. Daß diese Züge 
tatsächlich auch schon der orientalischen Heldensage und darüber 
hinaus dem orientalischen Mythus eigneten, läßt sich erweisen. 

Zunächst spricht die enge Verwandtschaft der Schilderung des 
Verschwindens der beiden Herrscher Chosro und Friedrich für die 
Annahme, daß jenes Ringmotiv ursprünglich schon der persischen 
Heldensage angehörte. Diese Voraussetzung wird verstärkt durch 
die weitere Beobachtung, daß der Zug von dem wunderbaren Fund 
im Bauche des Fisches uns auch im Umkreise jener Märchen wieder 
begegnet, welche ebenso wie die Chosrosage auf die Kyrossage 
zurückgeführt werden, und zwar in jener Gruppe, in denen ein Weib 
zur Hauptgestalt wird x ). In dem englischen Märchen „The ring 
and the fish“ 2 ) haben wir eine solche Umkehrung der alten Sage 
vor uns. Hier will ein Tyrann und Zauberer seinen Sohn vor der 
durch das Schicksal bestimmten Heirat mit einem ihm nicht genehmen 
Mädchen bewahren. Es wird auf seinen Befehl ins Wasser 
geworfen, aber gerettet. Später findet er es bei einem armen 
Fischer wieder. Abermals entkommt es seinen Nachstellungen. Nun 
wirft der künftige Schwiegervater einen Ring ins Wasser mit der 
Erklärung, daß er das Mädchen nur, wenn es diesen Ring wieder¬ 
fände, anerkennen würde. Sie entdeckt das Kleinod alsbald im 
Bauche eines Fisches. Ebenso erhält Geuovefa in dem bekannten, 
auch hierher gehörigen Märchen ihren Trauring zurück 3 ). „Diese 

') Dazu Leßmann a. a. 0. S. 27. 

2 ) Ebenda und J. Jacobs, English Fairy Tales. London 1892 p. 190. 

s ) Der Fisch als Wiederbringcr des Ringes begegnet uns auch in Heiligen- 
legmden, die sich dieser Sagengruppe unschwer einordnen lassen. Vgl. 
A. Maury, Oroyances et legendes du moyen äge. Paris 1896. p. 276 »y. Hier- 
Mitfeilnngfü d. Schics. Ges. L Vkde. Bd. XIX. •* 


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130 


ganze Ringgeschichte schlägt Fäden bis ins fernste Morgenland. In 
dem bekannten indischen Märchen von Sakuntala, das auch noch in 
anderen Beziehungen der Genovefalegende gleicht, gibt König Dusch- 
janta der Sakuntala, als er mit ihr die Gandharvenehe schließt, einen 
Ring. Sie verliert ihn beim Baden und wird von diesem Augen¬ 
blicke an von ihrem Gemahle vergessen, der sich aber sofort der 
mit ihr eingegangenen Verbindung wieder erinnert, als ihm der 
Ring, der im Bauche eines Rotkarpfen gefunden wird, wieder vor 
Augen kommt 1 ).“ Überzeugender aber wirkt der schon früher von 
mir dargebotene Hinweis auf die Tatsache, das der Ringstein oder 
Stein im Fischbauch schon in der Alexander- und Saloraonsage eine 
bedeutsame Rolle spielt. Dort strahlt er wie die Sonne, hier über¬ 
gießt er durch den Leib seines Trägers das Meer mit goldenem 
Abendlicht. Ich zeigte, daß dieser Stein ein Herrschafts- und 
Sonnensymbol, ja, die Sonne selbst ist. Der Fisch als Träger des 
Göttlichen ist dem Erdnachen, oder dem Becher, oder der Truhe, 
gleichzusetzen, auf welchem seltsamen Fahrzeug der Sonnengott in 
den verschiedenen Spielarten dieser solarischen Mythen allnächtlich 
zum Bergthrone des Aufganges über das Meer fährt. Und also 
erklärt sich auch das Motiv der Aussetzung des Helden auf das 
Wasser in den Kyrossagen. Der Träger des Ringes ist ursprünglich 
ein solarischer Held. Dem entspricht es, wenn Chosro auf der Höhe 
des Turmes, umgeben von Sonne Mond und Sternen, den Sonnengott 
auf der Höhe des Götterberges spielt. 

So ist der gleiche mythische Grundgedanke wirksam im Helden¬ 
sange des Ostens, wie in der Sage und in der Graldichtung der 
Kreuzzugsromantik des Westens. Das englische Parzivalmärchen, 
welches durch unsere Kaisersage ergänzt wird, der Kern der Grai- 
dichtungen, ist demnach als Ganzes und in seinen wesentlichen 
Hauptzügen die gefällige, leicht mit heimischen Erinnerungen durch¬ 
setzte Nacherzählung eines — wer weiß wie? — aus dem Oriente 
zugeflogenen Stoffes. 


mit bringt Maury auch Matth. XVII, 27, sowie den in der Heraldik wiederholt 
verkommenden Fisch mit dem Ringe im Maul in Verbindung. — Das alte 
Polykrates-Motiv ist auch auf Harun al Raschid bezogen worden. Vgl. M. 
Reinaud, Description des monumens musulmans du cabinet de M. le duc de 
Blacas. I (Paris 1828) 128. — Zu erinnern wäre auch an den unsichtbar machen¬ 
den Ring des Gyges. Vgl. u. a. Cicero, De officiis III, 9. 

') LcUnianrn, a. a. 0. S. 30. 


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Unsere schlichte Fabel mußte sich in dem von Sagenstoffen 
übersättigten Luftkreise der Kreuzzugsepoche alsbald erweitern. Die 
nach Neuem gierige Sage pflückt, bald hier, bald dort, einen Zweig 
zum Kranze für ihren Dümmling Parzival. Wahllos und sorglos 
nach den schillernden fremden Stoffen haschend fügt sie dem Kerne 
stellenweise sogar die gleichen Züge, aber in verschiedenen, sich 
gegenseitig eigentlich ausschließenden Abwandlungen hinzu. Nament¬ 
lich die vielgeästelte Salomonsage wurde in dieser Art ausgeplündert. 

Der Hauptstamm der alten Salomonsage wuchs im Heiligen 
Lande weiter; ein Ableger, durch die Juden und Araber nach 
Spanien gebracht, schoß dort in der phantastischen Literatur des 
Moriscos üppig ins Kraut. In mehreren Zügen sind diese Salomon - 
sagen mit denen von Kyros-Chosro verwandt. Auch Salomon tut 
Knechtsdienste, und zwar unter armen Fischern; auch er findet im 
Bauche eines Fisches seinen Ring wieder, welcher ihm Herrsch¬ 
gewalt auch über die Dämonen verleiht, auch er errichtet einen 
Zikkurat und zwar in Babylon, den ein Sonnenstein krönt. Eine 
andere schon erwähnte Fassung dieses letzteren Zuges erzählt von 
einem Dome, der aus den Ringen aller praeadamitischen Salomone 
aufgetürmt wird, bei dem nur noch der Schlußstein fehlt, den 
Salomon noch am Finger trägt. Hier wird der Sonnenberg, ebenso 
wie im babylonischen Mythus, zugleich zum „Grabe der Sonne“, 
zum „Palast des Schlafens“, zur „Wohnung der Ewigkeit“. Diese 
architektonischen Übersetzungen des Mythus vom Länderberge konnten 
in Israel an die kosmische Tempelsymbolik der Juden anknüpfen. 
Nach diesen Vorbildern erbaute die Sage dem Priesterkönige Johann 
aus Salomons Geschlecht einen Palast der Unsterblichkeit, der ein 
weiteres Modell bot zu der Gralburg, welche der Eschenbacher im 
Seelenlande seinem Dümmling errichtet. Wenn aber Wolfram, un¬ 
bewußt an das Weltbild des alten Orient anknüpfend, das Haus des 
ewigen Schlotes und dabei die Weudelschnecke der Sakraltürrae und 
den auch der Chosrosage bekannten Zauberspiegel, sowie den 
leuchtenden Sonnenstein übernimmt, tut er das nicht, wie mir scheint, 
ohne sich zugleich an eine italienische, zu seiner Zeit bekannte Sage 
zu erinnern. 

„Munsalvaesch“ nennt der deutsche Dichter seine Gralburg. 
Dieses Wort deutet meines Erachtens auf die Wolfram wohlbekannte 
Sage vom Zauberer Virgilius, der ihm, wie anderen, zu einem 
arabischen Philosophen geworden ist. Dieser, so wird erzählt, baute 

9* ’ 


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auf dem Kapitol einen Spiegel auf einer Säule, die „Salvatio Komae“, 
in dem man alles sehen konnte, was sich irgendwo ereignete.. Das 
ist keine originäre Sage *). Ganz Gleiches erzählte man u. a. von jenem 
Pharos Alexanders des Großen in Alexandrien und von dem Wunder¬ 
spiegel auf grüner Säule, den der König Saurid errichtete. Es ist 
kein Zweifel, daß der Zauberspiegel des Priesterkönigs auf der Säule 
und der Wolframs auf der Wendelschnecke nach jenen Vorbildern 
errichtet wurden. Auch die „berühmte Säule“ auf dem Berge, von 
der ein Fortsetzer Chrestiens, Gautier de Doulens, erzählt, gehört 
hierher. Da nun eine dieser Säulen „salvatio“ und darnach wohl 
das Kapitol „Mons salvationis“ genannt werden konnte, so liegt es 
nahe, damit den Namen Munsalvaesch in Verbindung zu bringen 2 ). 

5 ) Eine eigentümliche Auffassung des Kapitols wird von Ranulphus 
Higden [Polycbronicon ed. by Ch. Babington. Rer. Brit. Script. XI, 1. 
(London 1876) 216. I c. 24] vorgetragen: „Item in Capitolio, quod erat 

altis muris vitro et auro coopertis, quasi speculum mundi sublimiter erectum, 
ubi consules et senatores mundum regebant etc.“ Zu den ältesten Erwähnungen 
der „Salvatio“ vgl. Graf, Roma 1. c. p. 188 f. Darunter die Beda vielfach 
zuerkannte Schrift: „De septein miraculis mundi.“ Dort heißt es: „Quod 
primum est Capitolium Romae, salvatio civium, maior quam civitas, ibique 
fuerunt gentium a Romanis captarum statuae, vel deorum imagines, et in 
statuarum pectoribus nomina gentium scripta, quac a Romanis capta fueraut, 

et tintinnabula in collibus eorum appensa.si quaelibet eorum moveretur, 

sonum mox faciente tintinnabulo, nt scirent, quae gens Romanis rebellaret.“ 
In anderer Überlieferung ist die „Salvatio“ ein Spiegel. In den „Seven Sages“ 
[by „Wright. London. 1845. (Percy Society LIII) 1] ist der Erbauer des 
Spiegels nicht Virgilius, sondern Merlin. Zu dieser uns angehenden Fassung 
der Sage vgl. Graf, 1. c. p. 206 f. Von den Belegen ist für uns besonders 
anziehend die Stelle bei Filippo Mouskes, La destruction de Rome. Hrsg, 
v. G. Gröber, Romania II (1873) v. 666—9; hier ist von einem Turm 
„Miraour“ die Rede. 

*) Hertz, a. a. 0. S. 506 f., leitet das Wort von altfr. „mons salvaiges“, 
der „wilde Berg' 4 ab. Vgl. K. Bartsch, Die Eigennamen in Wolframs Parzival 
und Titurel. Germanistische Studien II (1875) 139 mit dem Hinweis auf 
Wolframs eigene Burg „Wildenberg“. Dieser vielleicht beabsichtigte Doppel¬ 
sinn des Wortes würde auch durch meine Deutung nicht ausgeschlossen, welche 
übrigens neben San Maile [Germania II, 392] schon Mone aber mit ganz anderer 
Begründung vorschlug. Mone, Zeugnisse für die Gedichte vom Gral. Anzeiger 
f. Kunde des deutschen Mittelalters. II (1833) 294 ff. Zum Zauberspiegel vgl. 
Kampers, Lichtland S. 57ff. F.Liebrecht, Zur Volkskunde. Heilbronn 1879* 
S. 88 f. D. Comparetti, Virgilio nel medio ovo. II (Firenze 1896) 76 sq. 
Eine „Virgilii cordubensis philosophia“ bei Heine, Bibliotheca aneedotorum 
1. c. p. 2 11 sq. Hier wird Bezug genommen auf eine spanische Hs. angeblich 


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133 _ 

Noch unmittelbarer wirkte dann weiter ein anderer Zug der 
jüdischen Sage auf den Ausbau der Mär vom Gral ein: es ist jener 
von dem salomonischen Tisch, der als Prunkstück des gotischen und 
karolingischen Schatzes von den zeitgenössischen Berichterstattern 
hoch gefeiert wurde. Spanische Romanzen und maurische Sagen 
künden, daß dieser geheimnisvoll irgendwo in der Welt gehütet 
werde. Dieses Sagenbild findet nur in dem orientalischen Weltbilde 
seine Erklärung. 

Mit dem Tische ,in der Burg hat die Parzivalsage ihr erstes 
Kleinod empfangen. Die Angaben, daß dieser Tisch aus einem 
einzigen Edelstein gefertigt und mit kosmischen Figuren verziert 
ward, tuen dar, daß wir einen Nachfahren des Smaragdtisches des 
Priesterkönigs, des kosmischen Tisches im Schatze der Goten und 
Karolinger, des die Erde bedeutenden Schaubrottisches des jüdischen 
Tempels, des Sonnentisches auf dem Götterberge vor uns haben. 
Ein mythischer Doppelgänger dieses Tisches ist bei Wolfram Arturs 
kreisrundes Tafeltuch. Auch die Erinnerung, daß Arturs runde 
"Tafel, die in anderen Sagen dieses Helden sich „wie die Welt dreht“, 
ursprünglich im Paradieseslande, oder im hretonischen „Mädchen¬ 
lande“ zu suchen ist, blickt noch beim Eschenbacher durch; denn 
jeder Ritter der Runde — dieser Zug ist freilich etwas verzerrt — 
muß, wie im Mädchenlande, seine Liebste zur Seite haben 1 ). 

Die spanischen Sagen und Lieder von Salomon haben dann 
weiter auch die einfache Handlung des alten Parzivalmärchens bunter, 
üppiger und gedankenvoller gestaltet. Der Held selbst erscheint 
jetzt in französischen Fassungen der Gralsage als Nachkomme 
Salomons, und auch Wolfram, der als dessen Stammmutter die Fee 

aus dem 13. Jahrhundert, die für die Geschichte des Aberglaubens von Belang 
ist und 1290 in Toledo aus dein Arabischen ins Lateinische übersetzt sein will. 
Sehr viel interessantes Material zu dieser Sage findet sich auch schon in Der 
keiser- und kunige buoch oder die sogenannte Kaiserchronik, hrsg. v. 
H. F. Ma Um an n III (Leipzig 1854) 425 fl". Hierher gehört auch die bei B. de 
Montfaucon, Diarium italicum, 1702, p. 186 sq. sich findende Sage von der 
großen Kalkdrüse [rota lapidea ad inolae forinain] in S. Maria in Oosmedin, 
der heute noch bekannten bocca della veritä, die Orakel kündete. Nachträglich 
sehe ich, daß über den Zauberspiegel auch A. Hilka [Studien zur Alexander¬ 
sage. Roman. Forschungen 29 1910—1911) 5 f.] eingehend gehandelt hat. 
Dort noch einige Literaturnachweise: besonders erwähuenswert: V. Chauvin, 
Bibliographie des ouvrages arabes. VIII [Liege 1904.] 191. 

') Parz. 776. 


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134 


Morgane nennt, widerspricht dem nicht. Seine Gralsuche Parzivals 
ist eine Lichtlandreise. Diese wieder ist gezeichnet nach dem sagen¬ 
haften Bilde der solarischen Fahrt Salomons zuy Königin von Saba 
im Mohrenlande, dort, wo nach dem antiken Mythus die Sonne hinter 
dem Länderberge mit dem Sonnentische emporsteigt. 

Jene neue Handlung wird zugleich aber auch vertieft. Im 
Märchen steckt Parzival seinen Ring der schlafenden Schönen an den 
Finger, und nachher muß er ihn mühsam suchen. Auch die jüdische 
Sage weiß, daß Salomon seinen Ring mit dem zauberwirkenden 
Sonnenstein einer seiner Frauen zur Aufbewahrung gibt, als er zur 
Buße in die Wüste geht. Mit dieser Ringsage vereinen die Moriscos 
die Sage von seiner Brautfahrt. Als einfacher Fischer lindet der 
König sein Kleinod im Bauche eines Fisches wieder und entführt 
dann — wieder im Besitze seiner Zaubermacht — in einer Wolke 
des Königs Tochter. Von diesem Ringe aber heißt es: „Er tat ihn 
an seinen Finger, und alsbald kamen aus der Luft mit großem 
Geräusch alle Dämonen, zugleich mit kostbaren Gewändern und 
vielen wohl zu bereiteten Speisen, und sie erbauten zur Stelle einen 
prächtigen Palast.“ Also auch „wohlzubereitete Speisen“ werden 
hier von dem Ringe gespendet. Noch mehr aber konnte für das 
Lebensepos Wolframs aus dieser Fischersage entnommen werden: 
das Motiv der Demütigung, als Vorbedingung der Heiligung. Indem 
nun die Parzivalsage diese Fischersage übernimmt, läßt sie zugleich 
eine Spaltung der Persönlichkeiten eintreten. Als Fischer erscheint 
im Epos nämlich nicht Parzival, sondern Anfortas, der wegen seiner 
Sü nde dahinsiechende Gralkönig. Parzival ist auch auf einer Braut- 
lährt und zwar zur Kondwiramur gedacht, die in anderen Über¬ 
lieferungen dämonische Züge annimmt und recht wohl an die Stelle 
der Königin im Mädchenlande treten kann. Ihr Schloß ist nur eine 
Variante der Gralburg. Der seltsame Fischfang des siechen Anfortas 
ist unter Zuhilfenahme der Salomonsage von mir wie folgt erklärt 
worden: Anfortas verlor durch seine Versündigung, ebenso wie 
Salomon den Stein, an den seine Herrschaft im Gralreiche gebunden 
war. Er fiel ins Meer, und Parzival kommt gerade hinzu, als der 
todesraüde Greis die Netze darnach auswirft und gewinnt das Kleinod 
für sich. Unter der späteren Übertünchung wird der Fischfang des 
Anfortas bei Wdfram zu einer rätselhaften Episode. 

Das Motiv der Demütigung ist in der Salomonsage begleitet von 
dem Motive der Schuld. Ich denke dabei weniger an die sündige 


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Original fro-m 

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Liebe des Anfortas als an das Vergehen des Helden. So sehr hier 
anch die Graldichter aus dem Eigenen hinzugeben, durch den neuen 
Zug von der erlösenden Frage wird auch hier wieder ein Zusammen¬ 
hang mit der Sage vom Priesterkönige und mittelbar mit der 
Salomonsage dargetan, ja, die bei Wolfram im Hinblick auf ihre 
Bedeutung in der Handlung ganz unverständliche Frage wird durch 
diese erst sinngemäß wieder hergestellt. Im Widerstreite mit den 
Pflichten des feinen ritterlichen Anstandes und den Pflichten des 
Herzens versäumt es Parzival auf der Gralburg jene Frage — es 
ist, wie wir aus der Kaisersage schließen können, die Frage nach 
den Bedingungen des seligen Lebens — zu stellen, welche den 
totkranken Gralkönig erlösen kann. Durch das Unterlassen verscherzt 
Parzival den Besitz des Gral, ebenso wie der Kaiser Friedrich in 
der Sage vom Priesterkönige Johann den Besitz des Wundersteins. 

Auch diese letztere Sage mag an der oben erwähnten Loslösung 
des Sonnensymbols von der Spitze der Gral bürg und zur Ver¬ 
selbständigung des Gral beigetragen haben. Wie sich die Kabbala 
dann des Kleinods bemächtigte, haben wir gesehen. 

Weniger stark ist der Einfluß einer gotischen Königssage auf 
die Gestaltung unserer Dichtung gewesen. Der alte Mone zwar war 
anderer Ansicht 1 ): „Abgesehen von jüdischer und bretoniseher 
scheint der Gral eine alte und volksmäßige Grundlage zu haben. 
Es ist nämlich darin die Rettung des gotisch-spanischen Volkes vor» 
den Mauren enthalten.“ Er sucht die „montes salvationis“ in Asturien 
wohin sich Pelagius mit seinen Goten zurückzog, und wovon dann die 
Rettung der Spanier ausging. Das ist nicht haltbar; nur ein 
bedeutungsloser Niederschlag dieser Königssage in Wolframs Epos 
ist wahrnehmbar 2 ). Merkwürdigerweise hat dieser, ohne daß Wolfram 
sich dessen bewußt wird, nicht nur zu einer Spaltung der Personen, 
sondern auch der Dinge geführt. 

Die gotische Sage erzählt: „König Roderich liel an der Spitze 
seines Heeres in der Schlacht bei Xeres. Nach der Schlacht, so 
erzählt die Sage, tänd man nur sein Streitroß Orelia, seine Krone 
und seine mit Gold und Edelsteinen besetzten Prunkgewänder am 
Rande des Flusses, nicht aber den Leichnam des Königs. Haid 

') Mone, a. a. 0. S. 294 ff. 

2 ) Th. Sterzenbach. Ursprung und Entwicklung der Sage vom heiligen 
Gral. Münster i. W. 1908 S. 33. 


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13 « 


entstand nun die Sage, der König sei gar nicht gefallen, sondern 
habe sich schwer verwundet aus dem Getümmel der Schlacht gerettet 
und einige Tage in einem Kloster geborgen. Darauf sei er in Be¬ 
gleitung eines Mönches in das heutige Portugal geflüchtet und habe 
dort in einer Grotte auf einem steilen, fürchterlichen Berge, von 
niemand auffindbar, mit seinem Begleiter gelebt. Ein kostbares 
Marienbild, das aus Jerusalem stammen sollte, hätten sie auf ihrer 
Flucht mitgeführt. — Gestorben und begraben sei der König unweit 
Visien 1 ).“ Es scheint hier die andere Nachricht, daß Pelagius nach 
der unglücklichen Schlacht von Xeres die Trümmer des vernichteten 
gotischen Heeres in einer Felsenhöhle im wilden Gebirge vor dem 
Feinde barg, mit sagenbildend tätig gewesen zu sein. Das aus 
Jerusalem stammende Marienbild ist in dieser späten Nacherzählung 
jener Königssage ersichtlich das gotische Nationalheiligtum: der 
Salomonische Tisch. Die Sage konnte es nicht glauben, daß dieses 
vom heidnischen Feinde entführt sei; geheimnisvoll raunte sie von 
jener verzauberten Grotte mit dem Tische, die wir aus spanischen 
Romanzen ja schon kennen. Das spätere Wiederauftauchen dieses 
Tisches im Schatze der Karolinger, im Schlosse des Priesterkönigs 
und des Gral setzt eine solche weiterdichtende Überlieferung voraus. 
Bewiesen aber wird die Identität dieses Marienbildes und des Tisches 
durch die mit den Farben jener gotischen Königssage gezeichnete 
Episode vom Klausner Trevrizent bei Wolfram. In Sevilla traf 
dieser mit Parzivals Vater zusammen, und Trevrizent erzählt: 

„In tninc herberge er fuor . . . 
er gap sin kleinoete mir: 
swaz ich iin gap daz was sin gir. 
mine kefscu, die du saaehe e, 

(diu ist noch grüener denn« der kle) 
hiez ich wurken liz eim steine 
den mir gap der reine*).“ 

Der Klausner hütet seinen Schatz in seiner 

„klösen in ein relses want. 
eine kefsen Parziväl da vant, 
ein gemAlet sper derbi gelent. 3 )“ 


l ) Ich zitiere nach Sterzenbach, a. a. 0. S. 31. Dort auch die Nach¬ 
weise. 

*) Parziv. 498, 1 ff. 

*) Martin. Kommentar S. 240 leitet „kefse“ von capsa ab und erblickt 
darin einen Reliquieuschreiu. Vgl. dazu, was ich von Schrein und „Arche“ 


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Die Übereinstimmung zwischen dieser Episode einerseits mit jener 
gotischen Königssage, andererseits mit der Sage vom Gralkönig und 
dem Gral drangt sich auf. Trevrizent ist nur ein Doppelgänger 
des Gralhüters Anfortas, und der Gral selbst ist hier, wie in der 
spanischen Sage und wie in der späteren „Krone“ des Heinrich von 
dem Türlin, eine „kefse“, ein Schrein geworden 1 ). Die Erinnerung 
an die ursprüngliche Steingestalt des Gral blickt aber auch hier 
durch. Aus grünem Stein — also auch hier wieder der Smaragd 
— ist jener Schrein geschnitten. Neben dem Gral begegnet in 
dieser Episode zugleich auch der Speer wieder, der hier nicht blutig, 
sondern bemalt ist. Daß dieser bemalte Speer mit der Lanze des 
Longinus garnichts zu tun hat, dürfte offensichtlich sein. Was es 
überhaupt mit dieser Lanze, die uns also in zweifacher Form bei 
Wolfram begegnet, für eine Bewandtnis hat, ist nicht zu ersehen. 
Einen Fingerzeig bietet vielleicht Chrestien, der sie auf die alte 
Weissagung der Barden von Wales bezog: „Durch die blutige 
Lanze werden die Reiche der Sachsen vernichtet werden 2 ).“ Das 
legt die Annahme einer ähnlichen gotischen Sage nahe. Im letzten 
Grunde freilich wird der Speer irgend ein Wetterinstrument oder 
dergl. im Mythus gewesen sein. 

Neben all diesen fremden Einwirkungen auf den Werdegang 
unserer Sage darf man aber auch die bodenständigen Anregungen 
nicht außer Acht lassen. Die Feenwelt der Bretonen lieh ihren 
Zauber und spendete manchen einzelnen Zug. Sie gab dem fremden 
Stoße vielfach das Leben, ohne diesen aber äußerlich wesentlich urn- 
zuwandeln. Bretonische Sagen ragen in unsere Dichtung hinein, 
aber nur wie fast unkenntliche Trümmer. König Artur wird wieder¬ 
holt ohne Grund eingeführt, und der eigentliche Held eines ganzen 
Sagenkreises muß, wie wir sahen, die Rolle eines Statisten spielen. 
Ein Torso einer bretonischen Sage ist auch wohl die Episode von 
dem steinalten Titurel, den der Anblick des Gral am Leben erhält. 
Nichts deutet darauf hin, was dieser Mann mit dem Scheindasein 
eigentlich bedeutet. Vielleicht ist er jener Elbensohn Tydorel, der 
wie ein der Marie de France zugeschriebener Lay singt, niemals 


(I.ichtland S. 94 ff.) sage. Der „gemalt sper“ und die „kefsen“ ist nicht nur 
hier (268, 27 ff.), sondern auch 459 u. 460 erwähnt. 

') Sterzenbach, a. a. 0. S. 36. 

*) Hertz, a. a. 0. S. 434 f. 


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188 


schläft und schließlich in das Wasserreich seines Vaters verschwindet 1 ). 
Genug! Die rätselhafte Gestalt des Greises an sich tut dar, daß die 
Einführung des Gralgeschlechtes durch eine uns nicht näher bekannte 
Sage bedingt ward. Mit jener sagenhaften Vorgeschichte des Gral¬ 
königtums nun wurde die Parzivalsage zusammengeschweißt. In 
seiner unverhüllten Absicht, dem Hailse Aniou eine feine Huldigung 
darzubringen, erweitert Wolframs Gewährsmann, der Provence Guiot 
— oder vielleicht schon eine ältere Vorlage — diese Sage von der 
Vorgeschichte des Gralgeschlechtes und von den Kindern Parzivals 
in der Art, daß sich der Stammbaum des neuen Gralkönigs und 
sein und seiner Söhne Landbesitz den Verwandtschaftsverhältnissen 
seines Aniou und dessen und seiner Söhne Machtstellung in England 
und auf dem Festlande einander angleichen 2 ). Es ist dabei sehr wahr¬ 
scheinlich, daß die Wahl einer elbischen Ahnmutter für Parzival und 
Feirifis durch eine verwandte Stammsäge der Anious nahegelegt wurde. 

Im Durcheinandertinten von Sagen und Vorstellungen hat sich 
also vor Wolfram das großartige kosmische Bild von dem abgestuften 
Götterberge mit dem Tisch der Sonne abgewandelt zum Stufenpalast 
des seligen Lebens mit dem Tische des himmlischen Hochzeitsmahles 
und dem Symbole der vollen Beglückung, dem Gral. Die Farben¬ 
pracht des Orient, der Tiefsinn jüdischer Sage, das Grübeln der 
Gnosis 3 ), spanisch-arabische Kabbalistik, heimische Märchenzüge — 
all das kam in bunter Fülle eingeströmt auf den ersten Sänger vom 
Gral. Der Wucht der wechselnden Eindrücke ist dieser erlegen. 
Wesentliche Sagenzüge dieses abgewandelten Weltbildes werden zu 

') Le lay de Tydorel. Hrsg. v. G. Paris in Romania VIII (1879) 66 sv. 
W. Hertz, Spiclniannsbuck. 2. Aufl. Stuttg. 1900, S. 139 ff. u. S. 388ff. 

2 ) Kainpers, Lieht]aml S. 33. G. Baist [Parzival und der Gral. Rektorats- 
rede Freiburg i. B. 1909, S. 39] glaubt, daß die Plantagenets sich nicht als Anje- 
vinen, sondern als Normannen betrachteten, wie aus ihren Hofdichtem und Hof¬ 
chronisten zu ersehen sei, und daß Wolfram Aniou gewählt habe, weil cs an 
der Peripherie seiner geographischen Kenntnisse in einer für das Wunderbare 
geeigneten Entfernung lag. Dem Provenealen Guiot, der die Anious im Heiligen 
Lande kennen lernte, blieben die Plantagenets das, was sie wirklich waren, 
trotz der von ihnen in England beliebten Stimmungsmache, die unserem Dichter 
nicht bekannt zu sein brauchte. 

3 ) Die Gnosis ist eng im Bunde mit der Kabbala. Das Mahl auf der 
Gralburg ist gleich dem himmlischen Hochzeitsmahle der Pistis Sophia, ln 
den verwandten Sagen vom Priesterkönige und von Apollonius kommen auch 
die Lichtgewänder der Gnosis vor, die der Himmelswanderer an der Kosntos- 
grenze empfängt. Näheres in meinem Lichtlande S. 80 u. 96 f. 


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rätselhaften Bruchstücken, das Gralkleinod selbst verdichtet sich zum 
Tischlein-deck-dieh, zum Wunschkleinod. Über das Ganze breitet 
sich der schimmernde Nebelduft der Kreuzzugsromantik. 

Aber mitten in dieser verschwommenen Märchenpracht sehen 
wir das große und doch so unklare Sehnen dieses Jahrhunderts nach 
Wiedergeburt ‘Gestalt annehmen in Parzival. Der lichte Held opfert 
das Weltliche einem höheren Streben. Er ringt sich durch zu einer 
Erneuerung seiner Seele, zu einer Vita nova im Einklänge mit dem 
Göttlichen. 

Ein Jahrhundert später türmt ein Gigant auch einen Berg in 
sieben Schichten übereinander, dessen Scheitel das irdische Paradies 
trägt. Der Dichter selbst besteigt ihn als Protagonist der Mensch¬ 
heit. Während aber Wolfram unter dem auf seiner Zeit lastenden 
Druck des ungeheuren Zwiespaltes zwischen dem Reiche der Frau 
Welt und dem Reiche Gottes die Erneuerung der Seele in einem 
Traumreiche — höher als die Erde und niedriger als der Himmel 
— feiert, schaut der Sänger der „Commedia“ in gewaltiger Vision 
die Möglichkeit, jenen Widerstreit auf der Erde selbst durch die 
Wiederherstellung des Einklanges zwischen dem Irdischen, dem 
Himmlischen und dem Schönen zu überwinden. Dnrch die Mär des 
Eschenbachers von dem Traumreiche des Gral zittert ein Ahnen des 
kommenden neuen Lebens; Dantes erhabene Terzinen erfüllt der Grund¬ 
ton der köstlichen Feiertagsstimmung der anbrechenden neuen Zeit. 

ln der strahlenden Wirklichkeit des „Neuen Lebens“ mußte die 
Märchenpracht verblassen, Und doch! Ganz verscheuchen konnte 
der tatgewaltige Gegenwartssinn die lockenden Gestalten weltfliehender, 
vergangener Träume nicht. Hier und da singt man auch später 
noch von Parzival und seiner Lichtlandburg mit den wunderwirkenden 
Kleinoden. Daneben aber können dann jene Reste vom uralten 
Weltbilde des Ostens: der Turm und der Tisch der Sonne 1 ), noch 
einmal, wie damals beim Werden der Gralsage, ihre dichterische 
Kraft offenbaren. In die fromme Bildersprache unseres Erbauungs¬ 
buches und der Glasgeraälde jener Mühlhausener Kirche aufgenommen, 
künden jene Mythologeme nunmehr den Preis der hohen Himmelskönigin* 

’) Ich bin geneigt, die Anrufung „Goldenes Haus“ in der Lauretanischen 
Litanei durch unseren goldenen Tisch zu erklären. Der heilige Stein auf dem 
G<>tt<rberge ist in griechischen Hymnen zugleich Altar und Haus des Zeus. 
Die Göttermutter Kybele begegnet uns als göttliches Haus. R. Eisler, Kuba- 
Kybele. Philologus LXV11I ;1909) 162 f. 


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Deutsche Himmelsbriefe und russische 
Heiligenamulette im Weltkriege. 

von Dr. Karl Olbrich in Breslau. 


„Talisman im Karneol 

Gläubgen bringt er Glück und Wohl, 

Alles Übel treibt er fort 

Schützet dich und schützt den Ort. 

Amulette sind dergleichen 

Auf Papier geschriebne Zeichen, 

Und vergönnt ist frommen Seeleu 
Längre Verse hier zu wählen. 

Männer hängen die Papiere 
Gläubig um als Skapuliere.“ 

Goethe: Westöstlicher Divan. 

In breiten, aber oft recht dünnen Schichten hat sich das 
Christentum über Glauben und Brauch der Völker gelagert. Doch 
das mächtige Urgestein der früheren Anschauungen wirkt in der 
Tiefe weiter und bildet mit den jüngeren Schichten oft die selt¬ 
samsten Konglomerate. Wenn es aber in der Welt gärt, wenn er¬ 
schütternde Ereignisse die Menschen gewaltig erregen, dann stößt 
es mächtig empor; das Verlangen der Menschheit, überall vom 
Göttlichen umgeben, vor allem durch einen übernatürlichen Schutz 
gefeit zu sein, erfährt die höchste Spannung: da wird, was nur 
fromme Belehrung, leuchtendes Vorbild, sinniges Symbol sein sollte 
(ein Bibelspruch, ein Heiliger, das Kreuz), als magisch wirkendes Wort, 
Bild, Zeichen zum zauberkräftigeD Talisman, der seinen Träger in Ge¬ 
fahren beschützt. Das zeigen Streit und Kampf vergangener Zeiten *), 
das ist auch im jetzigen Weltkriege wieder in Erscheinung getreten. 

*) Vgl. K. Olbrich, Über Waffensegen. Mitt. 1897. Heft IV, S. 88—92. 


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einer übernatürlichen Einwirkung überall ablehnt, will Grabinski den 
Beweis erbringen, daß nicht alles Aberglauben ist, was auf dem 
Gebiete des Mystischen berichtet wird (S. 84). So behandelt er denn 
mit Vorliebe „vom katholischen Standpunkte aus“ die „mystischen, 
vor allem die ausgesprochen übersinnlichen, ja geradezu über¬ 
natürlichen Phänomene, welche mit dem Weltkriege in Verbindung 
stehen“ (S. VIII). In Wirklichkeit verschwinden auch hier vereinzelte 
Beobachtungen aus unserer Zeit unter einem Wüste geheimnisvoller 
Erscheinungen oft recht wunderlicher Art, welche er aus den ver¬ 
schiedensten Quellen aller Zeiten wahllos entnommen hat. Dieser 
bei weitem größte Teil seines Buches scheidet für die Zwecke der 
Volkskunde völlig aus. Nur von dem kleinen ersten Teile „Der 
Aberglauben im Weltkriege“ bringen etwa 15 Seiten einigen brauch¬ 
baren Stoff. Zwar sind es auch nicht eigene Beobachtungen, sondern 
Auszüge aus Zeitungen und Zeitschriften, doch ist diese Sammlung 
einschlägiger Mitteilungen recht reichhaltig und enthält auch manches 
Verwendbare. Ich selbst habe, soweit es mir fern von der Kultur 
möglich war, entsprechende Zeitungsausschnitte gesammelt, stehe aber 
allen diesen Aufsätzen in der Presse inbezug auf ihre wissenschaft¬ 
liche Brauchbarkeit mißtrauisch gegenüber. Die meisten von ihn« u 
sind Lückenbüßer für „unter dem Strich“ oder für Unterhaltungsbeilagen 
und tragen nur zu deutlich den Stempel feuilletonistischer Gelegeu- 
heitsplauderei. Wer wollte Wahrheit und Dichtung da unterscheiden, 
wo es dem Verfasser lediglich darauf ankommt, den Leser durch 
interessante Mitteilungen und fesselnde Darstellung zu unterhalten ? 

Aufgabe der Volkskunde ist es zunächst, festzustellen, inwieweit 
durch Tatsachen aus dem bisher gesammelten Stoffe schon bekannte 
Dinge erneut bestätigt, neue Gesichtspunkte aus ihnen gewonnen 
werden können. Da lenken vor allem die Himmelsbriefe die 
Aufmerksamkeit auf sich. Der Weltkrieg hat gezeigt, daß in der 
langen Friedenszeit der Glaube an dieses alte Schutzmittel gegen 
alle Fährnisse des Streites nicht geschwuuden war. Seine Ver¬ 
wendung hat sich sogar bei Beginn des Krieges sehr gesteigert, 
nicht zum wenigsten durch die von geschickten Kolporteuren unter¬ 
stützten Anpreisungen gewissenloser Verleger, welche viele Tausende 
gedruckter Exemplare absetzten, und durch gewinnsüchtige Quack¬ 
salber, welche unter der Hand die (mehr wirkungsvollen!) Abschriften 
alter Stücke an die — Frau zu bringen wußten. (Einer bot an¬ 
geblich sogar Schutzbriefe gegen Läuse feil!) 


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Ein auch nur einigermaßen sicherer Überblick über die Ver¬ 
breitung des Himmelsbriefes laßt sich freilich vorläufig noch nicht 
gewinnen# Daß er auch auf der Flotte bekannt sein mußte, war 
vorauszusetzen und ist durch Funde bei Leichen von Matrosen, welche 
nach der Seeschlacht bei Helgoland an den Sylter Straud getriebeu 
wurden, bestätigt worden (Hauptmanu Lohmeyer im 2 . Kriegsblatt 
des klassisch-philologischen Vereins zu Bonn. Oktober 1914). Aber 
die einzelneu Feststellungen sind zerstreut und zum Teil unsicher. 
Von den 8 Schreibern und Ordounanzen unserer Bahuhofskommandantur 
waren z. B. zwei nachweislich im Besitze eines Schutzbriefes, von 
drei anderen vermute ich, daß sie ihn trugen, aus gewissen Gründen 
(s. u.) es aber verheimlichten. Ich wandte mich an die oft wechselnden 
Mannscliaften unserer Sanitätswache und an die Ärzte und Pfleger 
der durchkommenden Lazarett- und Krankenzüge als wohl beste 
Quellen: ihre Aussagen waren völlig verschieden. Die einen be¬ 
haupteten, den Brief fast bei jedem Verwundeten und Toten ge¬ 
funden zu haben; andere kannten wieder nur vereinzelte Fälle. 
Diese Verschiedenheit der Angaben geht wahrscheinlich darauf 
zurück, daß sie bei verschiedenen Truppenteilen tätig waren; Landes¬ 
zugehörigkeit und religiöser Standpunkt (nicht Konfession!) sprechen 
jedenfalls hei der Verbreitung des Briefes mit, freilich auch Vorbild, 
Anregung und Nachahmungstrieb. Wie so manches (oft wunderliche!) 
Marschlied, zunächst von einzelnen gesungen, allmählich Eigentun) 
eines ganzen Truppenteils wird, so verbreitet sich auch der Himmels¬ 
brief. Ist er erst in eine Korporalschaft eingedrungen, so besitzt 
ihn bald ein großer Teil der Kompagnie, ja des Bataillons. Eiue 
besondere Wertschätzung genießen die alten, vergilbten, schweiß- 
durchtränkten Briefe, welche bereits in früheren Kriegen getragen 
wurden und ihre Kraft schon wiederholt bewährt hatten. Einen 
solchen besaß z. B. unser Schreiber und war darauf nicht wenig 
stolz (vgl. auch Lohmeyer a. 0. S. 16 und meine Abhandlung „Zehn 
Schutzbriefe unserer Soldaten“ Mitteilungen Heft XIX, S. 46 u. 67 f). 

Übermittler des Briefes sind zunächst stets Frauen. Der 
ßchein kirchlicher Frömmigkeit, womit der Text harmlose Gemüter 
leicht täuscht — die Neigung des weiblichen Geschlechtes zum 
Geheimnisvoll-Mystischen —- das Streben, den ins Feld ziehenden 
Lieben außer Gebeten und Segenswünschen noch einen vielleicht 
doch wirksamen Schutz mitzugeben, erklären diese Erscheinung ge¬ 
nügend'. Ob dabei — vielleicht unbewußt — auch die uralte An- 


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schauung noch mjtwirkt, daß die Übertragung des Zaubers von einem 
Geschlechte auf das andere seine Wirkung besser verbürgt, muß dahin¬ 
gestellt bleiben. Andeutungen darüber habe ich weder selbst gehört 
noch irgendwo gelesen. Gewöhnlich lassen die Soldaten, welche in 
den Besitz eines Briefes gelangen wollen, sich eine Abschrift aus der 
Heimat von Angehörigen nachschicken; doch schreiben sie ihn auch selbst 
im Schützengraben oder in der Ruhestellung von anderen ab (Mit¬ 
teilung mehrerer Offiziere). 

Hierzn eine Zusammenstellung aus den von mir gesammelten Berichten: 
Vielfach wurde beobachtet, wie Frauen einberufener Reservisten noch am Tage 
vor dem Ausrücken unter Hintenansetzen alles anderen Himmelsbriefe ab¬ 
schrieben, welche eine Freundin oder Nachbarin ihnen geliehen hatte. Andere 
Soldaten bekamen sie durch die Post von unbekannter Seite zugesandt. 
Nicht wenige treue Mütter schickten mit anderen Gaben auch einen Himmels¬ 
brief dem Sohne nach mit der Mahnung, ihn ja stets bei sich zu tragen, dann 
könne ihm kein Leid zustoßen. In Lazaretten zeigten kirchlich fromme Soldaten 
ihren Pflegern und tröstenden Besuchern als „Beweis ihres besonderen Ver¬ 
trauens“ den Brief, den sie, in Leinwand eingenäht, an einer Schnur um den 
Hals trugen. Bezeichnend ist, daß mancher meint, die liebe Mutter müsse den 
schönen Brief wohl von dem Pastor bekommen haben. 

Mit eioer alten Anschauung hängt es auch zusammen, daß der 
Träger des Briefes ihn nur ungern anderen zeigt, vor allem aber 
ihn vor den Augen Ungläubiger ängstlich hütet. Denn hierbei spricht 
'icher nicht nur die Scheu mit, einem Aufgeklärten den eigenen 
Glauben an solche abergläubische Dinge zu verraten. Unser Gefreiter 
L. und mein Bursche gaben z. B. ohne weiteres zu, daß sie einen 
Schutzbrief besaßen; nichts aber konnte sie bewegen, ihn mir zu 
zeigen. „So was zeigt man nicht!“ war die stete Antwort. Es ist 
eben der alte Glaube, daß der Zauber durch Bekanntgebeu an 
andere seine Kraft einbüßt. „Mein Weib, nichts von den Dingen 
sag! Solch geistlich Ding muß heimlich sein!“ sagt der Bauer in 
Hans Sachsens „fahrend Schüler im Paradies.“ Viele verschweigen 
deshalb wohl überhaupt, daß sie einen Brief besitzen. Wenn 
(Hellwig a. 0. S. 47 ff.) ein schwer verwundeter Kanonier behauptet, 
der Brief habe ihn nur deshalb nicht vor dem Geschoß beschützt, 
weil er ihn einem Ungläubigen zum Abschreiben lieh, so bestätigt 
dies genau obige Anschauung. Den Text sämtlicher Briefe, welche 
während des Krieges mir zur Kenntnis kamen, habe ich unter 
Zugrundelegen der von mir (Mitteilungen Heft XIX, S. 46 ff.) auf¬ 
gestellten Haupttypen nachgeprüft. Sie zeigen ohne Ausnahme die 
eine oder andere der vier dort nachgewiesenen Zusammensetzungen; 


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auch der Wortlaut bietet — abgesehen von den üblichen sinnlosen 
Verccbre.bungen - nichts Neues. Durch diese Übereinstimmung 
j.'rd abe ™*'s besttttigt, daß, wie bei jedem Zauber, so auch hier 
die geringste Änderung ängstlich vermieden wird; jede Eigen¬ 
mächtigkeit, jedes Versehen kdnute ja die Wirkung abschwächen oder 
gar anfbeben. Wer, wie ich, eine grellere Sammlung solcher Briefe 
besitzt, beobachtet immer wieder, mit welch peinlicher Sorgfalt die 
meist ungeschickten Hände Buchstaben für Buchstaben langsam nach¬ 
gemalt haben. In dem einen Falle, wo genau derselbe Brief in ein 
und demselben Stücke zweimal hintereinander steht, mag wohl auch 
weniger der Glaube an eine gesteigerte Wirkung, als die Angst vor 
einem Fehler in der ersten Niederschrift, die wunderliche doppelte 
Ausfertigung veranlaßt haben. 


Während so der Himmelsbrief von den Soldaten nachweislich 
gern als Schutzmittel getragen wird, sind eigentliche Amulette 
meines Wissens beim deutschen Heere bisher nicht festgestellt 
worden. Alle jenen lieben Andenken oder Erbstücke, die man stets 
bei sich trägt, deren Verlust Unruhe und Unlustgefühle auslöst, sind 
wie Hellwig (a. 0. S.26ff.) mit Recht betont, doch nur amulett^ 
ähnlich, die damit verbundenen Empfindungen etwa ein verfeinerter 
Amulettglauben. Auch jene Gegenstände, die nach Kronfelds An¬ 
gaben (a. 0. S. 63 ff.) bei Kriegsausbruch in Wiener Geschäften aus- 
lagen und bei den ausrückenden Soldaten guten Absatz fanden, kann 
ich nicht unbedingt als Amulette ansehen. Spielereien, wie Glücks- 
schweinchen, Kleeblätter, u. a., scheiden von vornherein aus; aber 
auch die Svastikakreuze und Thorliämmer, womit wohl vor allem die 
deutschösterreichischen Wodansverehrer sich schmückten, und die im 
offiziellen Aufträge des K. K. Kriegshülfsbureaus aus eisernen Huf¬ 
nägeln gefertigten „Glücksringe- mit der Aufschrift „Kriegsglück 1914 “ 
sind doch schließlich nur Schmucksachen, Anhänger für die ührkette 
kleine Liebesgeschenke. Den Glücksring sah ich bei durchkommenden 
Österreichern:* sie machten sich selbst darüber lustig, an eine wirk¬ 
liche Schutzwirkung glaubte schwerlich einer. Zum Begriff Amulett 
gehören aber zwei wesentliche Eigenschaften: zunächst ein Gegen¬ 
stand, dessen Stofl, Bild, Inschrift nach einer verbreiteten Anschauung 
das bewirkt, was in amolimentum'), der lateinischen Übersetzung von 
(f vöaKtriQiov liegt, d. h. daß es Gefahren von mir abwendet (amoliri). 


l ) An die Herleitung von arabischem humulet = portari glaube ich ni^it 

recht. 


Mitteilungen d Scbles. Ge«, f. Vkde. Bd. XIX. 


1 # 


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14K_ 

Damit aber muß bei dem Träger verbunden sein der feste 
Glaube an seine Wirkung, wie er sich eben in einem bestimmten 
Verhalten (siehe oben Himmelsbrief) unverkennbar äußert. Beides 
ist nun der Fall bei den Münzen, welche die russischen Soldaten 
ohne Ausnahme an einer Halsschnur tragen. Oft sind es so viele, 
daß sie, zusammengerutscht, einen wahren Ballen oder, einzeln auf¬ 
gereiht, eine lange Kette bilden; bisweilen aber ist es auch nur ein 
einziges, meistens größeres und von den Ahnen ererbtes Stück. 
Getragen werden sie auf der bloßen Brust unter dem Hemde; so 
bilden sie und die Schnüre eine gegebene Brutstätte für das 
russische Haustierchen, die Laus. Es sind durchweg kirchlich gesegnete 
Medaillen, sie besitzen aber trotzdem die oben gekennzeichneten 
Merkmale eines Amuletts. Der russische Gefangene zeigt sie nur 
ungern; falls bei Untersuchungen das Hemd anf der Brust sich 
verschiebt, steckt er sie meistens schnell weg. Falls er, dazu auf¬ 
gefordert, sie zeigen muß oder, zutraulicher geworden, von selbst 
zeigt, bemüht er sich, sie wenigstens nicht aus der Hand zu geben, 
wobei wohl noch nicht allein die Besorgnis, man könnte sie ihm 
wegnehmen, mitspricht. Spaß macht es, das Verhalten der Gefangenen 
bei den Entlausungen zu beobachten, wo sie sich völlig entkleiden 
und alles, was sie am Körper tragen, /um Entlausen und Entseuchen 
abliefern müssen. Hier fruchtet kein Versprechen, daß sie nachher 
alles wiedererhalten — auf jede Weise suchen sie ihr Amulett am 
Körper mit durchzuschmuggeln: sie bergen es geschickt in den 
geschlossenen Händen, stecken es in den Mund oder klemmen es in 
einer Körperhöhlung fest. Natürlich suchen die bedrängten Läusescharen 
in Schnur und Münzvertiefungen ihre Zutlucht und klettern nach 
erfolgter Entlausung fröhlich wieder hervor — aber das Amulett 
ist gerettet! Fast jeder Versuch, diese Münzen im Tauschhandel 
(etwa gegen eine Schachtel der sehnsüchtig begehrten Zigaretten) 
zu erwerben, schlägt fehl, obwohl sie meistens weder künstlerischen 
noch Metallwert haben. Seine Orden verkauft der russische Gefangene 
sofort, schwerlich aber sein Amulett! Die Stücke, welche ich be¬ 
sitze. sind zum Teil nach der Verpflegung größerer russischer 
Gefangenentransporte gefunden worden, zum Teil haben sie mir 
befreundete Ärzte überlassen, welche sie Leichen bei den Sektionen 
abnahmen. 

Hierzu einige Beispiele aus meinen Erfahrungen: Ich habe mich in dieser 
Angelegenheit wiederholt an die Transportführer der Gefangenentrupps gewendet, 


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147 


welche aus dem benachbarten Sammellager nach dem Inneren abgeschoben 
wurden. Mit Hülfe der deutschsprechenden Gruppenführer wurde stets fest- 
gestellt, daß alle Gefangenen solche Amulette besaßen, aber nur wenige ent¬ 
sprachen meiner Aufforderung, sie zu zeigen, und auch dann erst, nachdem 
der Dolmetscher sich ausdrücklich verpflichtet hatte, sie nicht aus der Hand zu 
geben. — Einmal besuchte ich mit unserem Stabsarzt Gefangene, welche in 
einer Eisenbahnwerkstatt beschäftigt waren. Durch gute Behandlung und reich¬ 
liche Beköstigung waren sie zutraulicher geworden, insbesondere ihrem Doktor 
zu Danke verpflichtet. Als sie von meinem Wunsche hörten, zeigten sie bereit¬ 
willig ihre Münzen, aber nur einzelne ließen es zu, daß ich sic t in die Hand 
nahm und abzeichnete. Mit ihnen zusammen arbeiteten auch einige französische 
Gefangene, welche spöttisch zusahen, wie, die Ententegenossen ihre Heiligtümer 
vorwiesen. Auf meine Frage, ob sie nicht auch etwas ähnliches besäßen, gaben 
sie mit überlegenem Lächeln die Antwort, Franzosen seien nicht so aber¬ 
gläubisch, höchstens könnten Elsässer solche Dingen besitzen (!) Das wäre denn 
doch von einem Kameraden, der an der westlichen Front tätig ist, nachzuprüfen. 
Nachdem die anderen sich entfernt hatten, brachte der jüdische Dolmetscher, 
der sich gefällig zeigen wollte, noch einen Russen heran, der nach einigem 
Zureden seine Brust entblößte und sein Amulett zeigte. Es war ein sehr altes 
Stück, handtellergroß, in Gestalt eines Triptychons, und sehr stark abgenützt. 
Nach seinen Angaben war es schon mehrere hundert Jahre in seiner Familie. 
Sowohl beim Herausnehmen als beim Einstecken küßte er es ehrfürchtig drei¬ 
mal — Ein gefangener russischer Fliegeroffizicr, der bei uns durchkam und 
sich auf eigene Kosten besser verpflegen durfte, wies, nachdem ein Gespräch 
über Puschkin und Gogol uns näher gebracht hatte, ein sehr wertvolles Kreuz 
vor, dem nach seinem Glauben er allein die Rettung aus dem abgeschossenen 
Doppeldecker verdankte. Nach seinen Erzäungen geht Sitte und Glaube bis 
in die höchsten Kreise. Ich möchte hier auf die bekannte Stelle in Schiller 8 
Demetrius binweisen: 

„schon kniet* ich nieder an dem Block des Todes, 
entblößte meinen Hals dem Schwert. 

In diesem Augenblicke ward ein Kreuz 
von Gold und kostbarn Edelsteinen sichtbar, 
das in der Tauf mir umgehangen ward. 

Ich hatte, wie es Sitte ist bei uns, 

das heilge Pfand der christlichen Erlösung 

verborgen stets an meinem Hals getragen 

von Kindesbeinen an, und eben jetzt, 

wo ich vom süßen Leben scheiden sollt, 

ergriff icl» es als meinen letzten Trost 

und drückt es an den Mund mit frommer Andacht.“ 

Bekanntlich rettet es dem falschen Zarewitsch das Leben. Die Stelle ist 
wieder ei/i Beweis dafür, wie Schiller auf Grund sorgfältiger und eingehender 
Quellenstudien selbst feinere Züge aus Volkssitte und -brauch in seine histori¬ 
schen Dramen,zu verweben wußte. 

10 * 


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148 


Ich gehe nun zu eiuer Besprechung der Stücke über, welche 
sich in meinem Besitze befinden. Zwei davon sind polnischer 
Herkunft. Das eine, in Barockforrn, aus Aluminiuty, zeigt auf der 
einen Seite Papst Pius X., darunter eine kleine und eine große 
Krone, dazu die Umschrift: „Andenken an die zweite Krönung der 
Mutter Gottes von Czenstochau, geopfert durch Pius X. 22. 5. 1910.“ 
Auf der anderen Seite befindet sich die Mutter Gottes mit dem 
Christuskinde und die Umschrift: „Königin der Krone Polens, bitte 
für uns.“ Trotz dieses rein kirchlichen Charakters wird man die 
Münze als Amulett ansprechen dürfen, wenn man bedenkt, daß 
die fanatisch in Russisch-Polen verehrte schwarze Schutzherrin als 
Wundertäterin in allen Notlagen angerufen wird. Deutlicher tritt 
der Amulettcharakter bei der zweiten Münze hervor. Sie ist eben¬ 
falls aus Aluminium gefertigt, aber in der Gestalt eines oben und 
unten spitz zulaufenden Schildes. Auf der Vorderseite befindet sich 
ein Kreuz; in seinen Innenwinkeln stehen vier Buchstaben L (ist) 
S (kutecz) A (ntoniego) P (adawskiego) „wundertätiger Brief 
(= Schutzbrief) des Antonius von Padua“. Anf der Rückseite ist 
das Bild des heiligen Antonius mit dem Jesuskinde, rings herum 
steht der „Brief“: „Hier ist das Kreuz des Herrn f, fliehet ihr 
Satanasse f es wird siegen der Löwe aus dem Stamme Juda aus der 
Wurzel Davids f.“ Legenden bestehen über den frühzeitig heilig 
gesprochenen Antonius von Padua nicht, desto mehr umranken ihn 
volkstümliche Wundergeschichten. Ans dem Kreuze, den Anfangs¬ 
worten des Segens und den drei dazwischen stehenden Kreuzeszeichen 
ergibt sich eine Beziehung auf die Erzählung, daß Antonius schon 
als zehnjähriger Knabe den Teufel aus der Kathedrale von Lissabon 
durch das Kreuzeszeichen vertrieb (vgl. Kerler: „Patronate der 
Heiligen“ S. 237). Die Münze ist ein unverkennbares Amulett gegen 
Angriffe höllischer Mächte. 

Viel mehr, als bei den katholischen Polen, ist bei den orthodoxen 
Russen das Amulett verbreitet. Das russische Christentum besteht ja 
bei der größten Masse nur in gedankenloser Aneignung der äußeren 
Form und des Ritus, von deren peinlicher Beachtung ihnen die Heils¬ 
kräftigkeit des Inhalts abhängt. Ein Gebet ohne heiligen Gegenstand, 
zu dem er betet, ist z. B. für den Russen unmöglich. Der Bauer, 
auf dem Acker von der Stunde der Andacht überrascht, stößt 
sein Grabscheit in die Erde und betet zu dem durch Schaft und 
Handgriff gebildeten Krenze. Im Notfälle legt der Russe, wie ich 


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es selbst öfters bei Gefangenen gesehen habe, die Finger zum Kreuze 
zusammen und küßt sie mit Andacht. Ähnlich steht es mit der 
Bilderverehrung. Die orthodoxe Kirche lehrt zwar, daß das „wunder¬ 
wirkende Bild nur als ein Mittel der von Gott und den Heiligeu 
ausgehenden Gnadenwirkung zu erachten sei“, für den gemeiuen 
Mann aber geschieht die Wunderwirkung durch das Bild selbst — 
damit wird es zum Amulette. Dazu kommt noch, daß die meisten 
Inschriften dieser Münzen infolge alter Überlieferung als (oft rätsel¬ 
hafte) Abbreviaturen mit Titulusstrich geschrieben sein müssen, 
welche die meisten‘Russen selbst'nicht entziffern können; so wirken 
sie denn auch auf den gemeinen Mann als arcana sacra, als magische 
„Charakteres“ ’). 

Am häutigsten sah ich bei den Gefangenen jene eiförmigen, 
dünnen Münzen aus schlechter Bronce, welche angeblich auf Befehl 
der Zarin geprägt, von den Popen geweiht und zu vielen Tausenden 
an die ausrückenden Soldaten verteilt wurden. Die Vorderseite zeigt 
bald einen byzanthinisch-archaischen Christus in Halbtigur mit 
Evangelienbuch und erhobenen Schwurtingern, bald den heiligen 
Georg hoch zu Roß, den Drachen tötend. Er ist ja der Patron aller 
Krieger, der ihnen im Kampf und Streit beisteht (Kerler a. U. S. ßO. 
ii5. 300. 338.). Auf der Rückseite der Münzen stehen mit großen 
schwarzen Lettern die Worte: „spasi i sochrani“ Errette und erhalte! 
als bindender Spruch. 

Ebenso verbreitet, wie diese ovalen Amulette, sind die aus Messing, 
Bronce oder Silber angefertigten, sehr dünnen und leichten Kreuze. 
Ihre Größe schwankt zwischen einem und vier Zentimetern. 
Die Rückseite trägt nur den Fabrik- oder Silberstempel. Es ist für 
den Massenvertrieb hergestellte, billige Ware. Das Kreuz ist stets 
etwas zierlicher gestaltet: bald erweitern sich die vier Ecken durch 
die bekannten, in Rußland sehr verbreiteten kleeblattartigen Ansätze, 
. bald — aber viel seltener — zeigt sich eine dem Johanniterkreuze 
ähnliche Form, welche manchmal durch Aufsetzen von Knöpfchen 
an den Spitzen und in den Winkelecken noch weiter ausgeschmückt 
wird. Der Grund ist blau, seltener grün oder schwarz emailliert; 
bisweilen heben sich auch Zeichnung, Inschrift und Verzierungen in 

*) Beim Entziffern der Inschriften buben Herr Prof. 1 »r. Abicht und 
Fräulein E. Härtel mich wesentlich unterstützt: Herrn Prof. Abicht bin ich 
auch für die wertvollen Hinweise auf die einschlägige russische Literatur zu 
besonderem Danke verpflichtet. 


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Emaille vorn Metallgrunde ab. Das Bild zeigt nur selten Christus 
am Kreuze, meistens ist es ein nacktes Kreuz mit sehr schmalen 
Hölzern, selten das einfache, meistens das Patriarchenkreuz mit drei 
Querbalken, von denen der obere für die Inschrift, der untere als 
Fußptlock gedacht wird; durch Schrägliegen des letzteren ist öfters' 
das Andreaskreuz mit dem Patriarche'nkreuz vereint. Dazwischen 
gestellte Sterne und Arabesken bilden eine weitere, beinahe heraldische 
Ausgestaltung. Zu Füßen des Kreuzstammes liegt fast immer ein 
Totenschädel, dem manchmal gekreuzte Gebeine oder ein Erdhügel 
beigegeben sind *). Neben dem Kreuze ragen bisweilen Lanze und 
Rohr mit Schwamm empor, welche ebenso, »wie Zangen und Nägel, 
in dem Erdboden stecken. Meistens ist am Kopf des Kreuzes 
ein Täfelchen schräg befestigt, auf dem man die vier Buchstaben 
I. N. Z. J. „Jesus Nazarenus König (Zar) der Juden“ erkennen kann. 
Die Inschriften 2 ) laufen den Querbalken entlang, sind zu Füßen 
und Häupten des Kreuzes, auf die Außenecken und Innenwinkel 
verteilt. Sämtliche Münzen tragen in der üblichen Abbreviatur ICXC 
die Inschrift Jesus Christus auf zwei Seiten verteilt. Über dem 
Kreuze stellt abgekürzt meistens das Wort uskres „er ist auf- 

*) Der Schädel, auf dein das Kreuz steht, ist der Schädel Adams. Die 
entsprechende Legende ist wohl im Anschluß au I. Korinth. 15, 45 ff. entstanden, 
im Morgenlande sehr verbreitet und i» den russischen Apokryphen enthalten. 
Dem entspricht die Schilderung, welche der russische Abt Daniel von der 
Kreuzigungsstätte gibt. Seine „Pilgerfahrt ins Heilige Land“ aus den 
Jahren 1113—1115 (mit französischer l’bersetzung und Anmerkungen heraus¬ 
gegeben von Abraham von Noroff. (Petersburg 1864) ist eines der ältesten und 
wertvollsten russischen Schriftwerke. Dort heißt es S. 22 f.: ,,Das Kreuz Christi 
erhob sieh auf einem Steine . . . dieser Stein ist rund wie ein Hügel“ (vgl. die 
Darstellung auf unseren Münzen!) . . . Unter diesem Steine liegt der Schädel 
des ersten Menschen Adam . . . Als unser Herr Jesus Christus am Kreuze 
seinen Geist aufgab ... da zersprang der Stein über Adams Schädel, und in 
diesen Sprung llossen Blut und Wasser aus «len Rippen des Herrn und wuschen . 
die Sünden des Menschengeschlechtes ab . . . und dieser Sprung ist noch in 
dem Steine bis auf den heutigen Tag.“ 

2 ) Jedes russische Heiligenbild muß eine Inschrift als Bezeichnung des 
Gegenstandes tragen, damit der Gläubige nicht etwa etwas Heidnisches oder 
teuflisches anstatt eines Heiligen anbetet. Deshalb wild wohl auch meistens 
obraz = Abbild des . . . hinzugefügt. So ließ der heilige Despot Stephanos 
auf den „Bildern aus dem Westen auf Papier", welche, während er im Sterben 
lag, eingeschmuggelt wurden, sofort eine Unterschrift anbringen, um wenigstens 
den Hauptanstoß zu beseitigen, (vgl. vita Stephani Lazari filii von Konstantin 
Kostenski 1431. p. 324. 28. 


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erstanden“; einige fügen zu Jesus Christus nach tsar slawy „Herr 
des Buhmes“ oder gospoda nasch „unser Herr“. Recht altertümlich 
ist das bei einigen Münzen am Fußende stehende, auf vier Felder 
verteilte vma, eine Erinnerung an Kaiser Konstantins berühmtes 
„fv tovtüi viud“, welches seit der Schlacht bei Saxa rubra bekanntlich 
an den Kreuzen und Fahnen angebracht wurde, unserer Münze aber 
als einem Kriegsamulett vielleicht noch besondere Bedeutung verleiht. 
Nun stehen noch rings um den Kopf Christi auf sämtlichen (den 
ovalen wie kreuzförmigen) Münzen drei rätselhafte Buchstaben; sie 
sind auf drei abgesetzte Felder des Nimbus verteilt und bedeuten: 
„obraz ot nebes = Bild vom (oder aus) dem Himmel.“ Bei dem 
auftauchenden Zweifel, ob ot hier geistige Abstammung oder räum¬ 
liche Herkunft bezeichnet, entscheide ich mich ohne Bedenken für 
die letztere und übersetze „aus dem Himmel gefallenes Bild“. Die 
russische Kirche kennt ja eine Reihe eixöveg ä%eigojtör)TOi, nicht durch 
Menschenkunst hergestellte Bilder; außer den wenigen von Christus 
auf einem Tuch „abgedruckten“ (Bild zu Edessa, vgl. das Schwei߬ 
tuch der Veronika) sind es zahlreiche „erschienene“ oder „gefundene“. 
Das Schestokowsche Marienbild fällt z. B. durch den Schornstein 
in die Ofenhöhlung (Menologion IE, 31). Eine Weiterbildung dieses 
Herabkommens der Bilder vom Himmel als Gnadenzeichen ist es, 
wenu beim Tode des Despoten Stephanos „die heiligen Bilder in der 
großen Kirche von Belgrad von der Stadt weg sich in die Luft er¬ 
heben“ als Zeichen „daß sie die Stadt verlassen“ 2 ). Außer diesen 
beiden, immer wiederkehrenden Formen des Amuletts sind mir noch 
einige andere bekannt geworden, die ich kurz besprechen will. Eine 
ovale Silbermünze zeigt auf der einen Seite Christus, in dessen ver¬ 
goldetem Heiligenscheine sich wieder die vier Buchstaben befinden, mit 
Unterschrift: „Abbild unseres Herrn Jesus Christos“, auf der anderen 
Seite die Mutter Gottes in herabfallendera jüdischen Kopf- und 
Armschleier, welche das vor ihr stehende Christuskind an sich 
zieht. Das vergoldete Schriftband besagt: „Abbild der sehr heiligen 

3 ) Vgl. die oben zitierte vita Stephani p. 324. 13.- woher Stephanos weiß, 
in welcher Reihenfolge die Bilder aufstiegen, weiß ich nicht, doch stimmt diese 
Reihenfolge (Gottesmutter — Johannes der Täufer — je 6 Apostel von beiden 
Seiten) genau mit der Anordnung der Bilder auf mehreren Triptychen (s. u.) 
überein. — Ein in den Lüften schwebendes Kreuz s. Daniel a. 0. S. 12. — 
Orientalisch-hellenistische Einflüsse haben bei diesem Glauben wohl vorbildlich 
eingewirkt, vgl. Hesychius s. v. öioneTTjt; und Euripides Iph. Taur. 87 f. äyaX/ia 

6 <paoiv iv&äöe elg xovobe vaovg ovQavov neaelv äno. 


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Gottesmutter, Rettung für einen Verlorenen 1 ).“ Der Stern der 
Magier auf dem Kopfschleier, der ernste Gesichtsausdruck der nicht 
jugendlich dargestellten Maria, der eigenartig muschelförmig gewölbte 
und geriefte Hintergrund weisen ebenso, wie die archaisch steife 
Darstellung des Ghristuskindes, auf alte Vorbilder hin. Eine zweite 
Silbermünze zeigt auf der einen Seite zwei durch eine Säule ge¬ 
trennte Mönche; nach der auf dem Emaillenbande stehenden Inschrift 
sind es „Abbilder des sehr heiligen Antonius und Theodosius“; 
zwischen ihren Füßen erhebt sich eine winzige Kirche. Es sind die 
berühmten Begründer des Höhlenklosters zu Kiew, an das sich die 
Anfänge des Christentums in Rußland knüpfen, und das Kirchlein 
mit der Zwiebelkuppel und sehr hohem Kreuze ist das Höhlenkloster 
selbst. Die andere Seite trägt nach der Umschrift das „Abbild der 
sehr heiligen Großmärtyrerin Barbara“. Hinter der Krone, Nimbus 
und Kreuz tragenden Heiligen erhebt sich ihr Symbol, der Turm 
mit den drei Schießscharten, von dem die Legende berichtet und der 
sie vermutlich auch zur Waffenheiligen gemacht hat (Kerler a. 0. 
s. v.). So steht der Träger des Amulettes zugleich unter dem 
Schutze der wundertätigen Begründer seiner Kirche und der Patronin 
aller, die Kriegsgerät anfertigen und mit Waffen umgehen. Leider 
hat eine Barbarenhand auf beiden Münzen mitten zwischen die auf 
kleinstem Raume (1,5 cm) schön ausgeführten Gestalten Fabrik- und 
Silberstempel eingeprägt. Eine dritte, rechteckige (3 : 2 cm) Münze 
aus guter Bronce weist auf der Vorderseite in sehr schöner Zeichnung 
den „sehr heiligen Nikolaos, Wundertäter“ im vollen Schmucke eines 
Erzbischofs mit. Evangelienbuch und segnend erhobenen Fingern 
(weiteres s. u.). Auf der Rückseite sieht man ebenso, wie bei 
der nächsten Münze, das Patriarchenkreuz mit Andreasbalken, Adams¬ 
schädel und Marterwerkzeugen. Die Vorderseite des vierten Amuletts, 
eines plumpen, schwarz emaillierten Messingkreuzes (5 cm hoch mit 
der schwerfälligen Öse), ist völlig mit Schriftzeichen bedeckt, die 
ohne Absetzen hinter einander über beide Balken geschrieben sind. 
Soweit sie sich überhaupt entziffern lassen, bedeuten sie: „A. A. 
(Amen, Amen?) und Gott wird aufstehen, uud es werden auseinander¬ 
gehen seine Feinde, und es wird siegen seine Bande.“ Es ist eine 
etwas seltsame, für ein Kriegsamulett aber ganz passende Über¬ 
setzung von Psalm 68, 2. Das Kreuz macht in seiner ganzen Aus- 


*) Die Richtigkeit dieser Übersetzung bleibt fraglich. 


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gestaltung, in Schrift- und Sprachform einen recht altertümlichen 
Eindruck; im Anschluß an weißrussische Wortformen wäre nach¬ 
zuprüfen, ob es etwa einem besonderen (Kosaken?) Stamme eigen¬ 
tümlich ist. Das Museum schlesischer Altertümer besitzt ein gleiches 
Stück. 

Das bei weitem interessanteste Amulett aber sind jene zusammen¬ 
klappbaren Tragaltärchen, welche der Russe ikony nennt. Das 
hiesige Museum schlesischer Altertümer besitzt deren 14 Stück, 
welche vermutlich in Kriegszeiten, 1813/14 oder schon 1761/72, nach 
Schlesien gekommen sind. Cybulski hat 1867 einige in der Zeit¬ 
schrift: „Schlesiens Vorzeit in Bild und Schrift“ (7. Bericht S. 61 ff.) 
beschrieben und erklärt; ihm verdanke ich eine Reihe wichtiger 
Aufschlüsse. Ich selbst habe drei Altärchen von Ärzten aus dem 
Gefangenenlager erhalten, einige bei durchkommenden Gefangenen 
gesehen und zwei abgezeichnet. Die Größe der Triptychen mit auf¬ 
geklappten Seitenflügeln bewegt sich zwischen sieben und zwölf 
Zentimetern in der Breite, fünf bis sechs Zentimetern in der Höhe. 
Sie bestehen aus Messing oder Bronce, einige sind emailliert und 
vergoldet; bei drei Stücken ist auch die Außenseite mit Bildern 
und Inschriften geschmückt. Abgesehen von einem vortrefflich er¬ 
haltenen, reich verzierten Stücke in der Museumssammlung, zeigen 
sie sämtlich Zeichen einer langen Verwendung (s. oben); wie wir 
später sehen werden, können sie mindestens bis in die zweite Hälfte des 
17. Jahrhunderts zurückreichen. Dieser lange Gebrauch des Erb¬ 
stücks in vielen aufeinander folgenden Geschlechtern, das übliche 
Tragen auf der bloßen, mit Schweiß und Schmutz bedeckten Brust, 
schließlich auch das viele Abküssen haben ihre Spuren hinterlassen: 
die Amulette sind, namentlich an den Rändern, stark abgerieben, 
die Inschriften und Reliefbilder abgestumpft, verwischt, z. T. un¬ 
erkennbar. Der kirchlich-künstlerische Typus ist uralt, die Zeichnung 
meistens plump und ungeschickt. Cybulski hat aus dieser archaischen 
Darstellung, welche die Eigentümlichkeiten der ältesten Überlieferung 
wahrt, dem eigenartigen Zusammenhalten der Finger bei der Be- 
kreuzigung und einigen anderen Merkmalen den Schluß gezogen, 
daß diese Altärchen der Ende des 17. Jahrhunderts zuerst auf¬ 
tauchenden Sekte der „Altgläubigen“ oder raskolniki (Abtrünnigen) 
angehören *). Dies mag im allgemeinen zutreffen. Hat man darauf 

*) Über die raskolniki vgl. den guten Aufsatz in Herzog-Haucks: r Keal- 
encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche.“ s. v. 


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achten gelernt, so erkennt man die Angehörigen dieser Sekte an 
ihren Bräuchen alsbald heraus. Als wir z. B. den größten Teil der 
Besatzung des eroberten Modliu (etwa 50000 Mann) zu verpflegen 
hatten, fiel die große Anzahl derer auf, die, ehe sie aßen, nieder¬ 
knieten, ihre Mütze abnahmen, vor dem Essen und nach ihm sich 
dreimal bekreuzten und die gekreuzten Finger küßten. 

Die christlichen Triptychen waren eine Weiterentwicklung der 
römischen Dyptichen, welche die ältesten Christen als ihren Zwecken 
dienlich herübergenommeu und umgestaltet hatten. Sie dienten zu¬ 
nächst als Namensverzeichnisse der Heiligen, Märtyrer und Bekenner, 
dann als tabulae itinerariae, altaria portabilia. Sie waren damals 
schon z. T. nur handtellergroß, wurden, aufgeschlagen, als Altar¬ 
schmuck aufgestellt, in der Zeit der Christenverfolgungen aber 
als Gegenstand der Verehrung von den Gläubigen in ihre Zufluchts¬ 
stätten mitgenommen 1 ). Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie, wie 
Cybulski meint, bei den von Kirche und Andacht ausgeschlossenen, 
von den Rechtgläubigen verfolgten Raskolniki eine ähnliche Rolle 
gespielt haben. Sie sind mit einer Öse versehen, so daß sie am 
Halsbande befe.-tigt werden können; so trug man sie bald als 
Amulett bei sich, bald stellte man sie mit halbgeöffneten Seiten¬ 
flügeln auf, um seine Andacht davor zu verrichten. Zu gleichen 
Zwecken hat der altgläubige russische Soldat sie wohl auch diesmal mit 
ins Feld genommen, obwohl das Scheuern der schweren, harten 
Metallstücke auf der bloßen Brust gewiß keine Annehmlichkeit ist. 
Bilder und Inschriften dieser Tragaltärchen sind recht verschieden. 
Von den mir bekannten tragen auf dem Mittelstück: eines den 
Oftenb., Job. 2, 13. erwähnten Rischof und Großmärtyrer Antipas, 
fünf Christus, sechs die stets als ösotöko >g gekennzeichnete Jungfrau 
Maria, sieben den Bischof und Bekenner Nikolaos von Myra. Eine 
Beschreibung und Deutung im einzelnen liegt dieser Abhandlung 
fern; nur dem am meisten vertretenen Nikolaus müssen wir noch 
etwas näher treten, dem größten Heiligen Rußlands, den auch 
Muhammedaner verehren und die heidnischen Burgaten als „grauen 
Greis“ anbeten 2 ). Dieser lykische Bischof war ein glaubenseifriger, 

’) Vgl. die Realencyklopädie der christlichen Altertümer von Kraus s. v. 
„Dyptichon*. Nach Philostorgios hist. eccl. II, 3 hat der heilige Lucian „auf 
seiner eigenen Brust zelebriert“ d. h. wohl auf dem dort getragenen Tryptichon. 

2 ) Vgl. Maltzews, „Menologion der orthodox katholischen Kirche des Morgen- 
landes u I, 492 ff. 


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streitbarer Herr, der auf dem Konzil zii Nicäa einem Arianer eine 
Ohrfeige gab, deshalb seines Priesterschmuckes verlustig ging, ihn aber 
später von zwei Engeln wiedererhielt und nun auf allen Darstellungen 
in kostbarer Ausstattung und ungewöhnlicher Größe trägt 1 ). Nun 
führt er aber auf vier von den sieben mir bekannten Darstellungen 
ein Schwert in der Rechten, welches auf folgende Legende hindeuten 
soll: Drei junge Soldaten waren vom Konsul unschuldig zum Tode 
verurteilt worden und sollten eben hingerichtet werden, da trat 
Nikolaos heran, entriß dem Henker kühn das Schwert und befreite 
sie. Die Heiligen behalten je in dem orthodoxen Glauben nach dem 
Tode ihre Individualität bei, zeigen besonderes Interesse für Dinge, 
welche mit Ereignissen ihres Lebens Zusammenhängen, und erweisen 
sich da hilfreich 2 ). Der russische Soldat wird demnach wohl wissen, 
warum er gerade diesen Heiligen in den Kampf gegen die Un¬ 
gläubigen mitnahm! 

Die russische Regierung hat es sehr geschickt verstanden, der 
großen Masse den Krieg gegen Deutschland als einen heiligen Krieg 
gegen die Andersgläubigen darzustellen. Dafür spricht auch der 
bei einem russischen Gefangenen in Debreczin gefundene „Heilige 
Brief an die russischen Soldaten' 4 , den nach seiner Angabe die 
Armeeleitung unter die Soldaten verteilen ließ 3 ). 

.Heiliger Brief an die russischen Soldaten! Dieses Schreiben wurde in 
der Potschajewer Klosterkirche hinter dem Bilde der heiligen Jungfrau 
gefunden. Den Brief selbst hat der Sohn Christus der heiligen 
Jungfrau geschrieben, und wer ihn liest, dem bringt der Krieg Glück, der 
bringt dem Väterchen Glück, dem Zaren aller Russen, auf daß er seine Feinde 
niederringe. Russischer Soldat! Ich, Jesus Christus, gebiete Dir, daß Du 
diesen Brief, wenn Du ihn gelesen hast, Deinen Kameraden weitergeben 
sollst. Unser Herr und Gebieter, der große und mächtige Zar, ist mit seinen 
Völkern in Gefahr geraten. Feinde haben ihn angegriffen, wiewohl er über die 
ganze Welt seine Macht ausbreiten muß, damit alle Lebewesen auf Erden die 
Güte und den Segen seiner Hand fühlen können. Der große und mächtige Zar 
hat zu den Waffen gegriffen, damit er mit Euch, russischen Soldaten, das Erbe 
seiner Väter vergrößere. Er ist mit Euch in einen siegreichen Krieg gezogen, 
und Euere Pflicht ist es, für den Zaren das Blut zu vergießen und das Leben 
zu opfern. lu wilden Schlachten ist der Segen der heiligen Jungfrau mit Euch 
und begleitet Euch auf dem Wege der Gerechten. Ruchlos ist der Feind und 

') Cybulski a. O nach dem Catalogus Sanctorum. Venedig 1500. 

2 ) Menologion: Einleitung S. LXXIV. 

3 ) Er stand zuerst im Pester Lloyd, dann auch in mehreren deutschen 
Zeitungen. Sollte er wirklich nicht echt sein, so hätte der ungarische Redakteur 
damit ein Meisterstück gemacht. 


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verursacht Rußland Schaden. Denkt an Eure daheim gebliebenen Familien, an 
Eure Weiber und Kinder. Verteidigt Ihr aber das Land des Zaren nicht, und 
erntet Ihr keinen Sieg, dann verdient Ihr nicht die Sonne, daß Ihr ihre 
Wärme fühlt, verdient Ihr nicht die Luft, daß Ihr sie einatmet, nicht die Ernte 
der Erde, nicht die Gnade des Zaren, die um Euch Strahlen des Glückes windot. 
Seid auf der Hut! Wer in des Feindes Hand gerät, stirbt den Tod der Tode. Er 
fällt der Verdammnis anheim, verliert das Seelenheil, seine Familie wird 
bis zum siebenten Gliede büßen und den strafenden Zorn des Zaren 
fühlen. Kämpfet im Namen der heiligen Jungfrau und des Zaren, denu sie 
sind allgegenwärtig.“ 

Id gewissen Redewendungen klingt dieser .heilige Brief deutlich 
an unsere Himmelsbriefe an. Wie dieser „während der Wandlung 
über die Taufe“ sich herabließ, so wurde der russische hinter dem 
von allen Russen hochverehrten, wundertätigen, von Legenden um¬ 
rankten Muttergottesbilde zu Potschajew (vgl. Menologion I, S. 53) 
„gefunden“. Wie im Himmelsbrief gefordert wird „es soll diesen 
Brief immer einer den andern abschreiben lassen“, so wird hier 
befohlen, den Brief an die Kameraden weiterzugeben. Sonst ist der 
Brief ein in dem üblichen Tone gehaltenes, sehr geschickt auf die 
Instinkte der russischen Volksseele berechnetes Manifest, kein Amulett. 

Amulette sind lür den Russeu nur jene oben geschilderten 
Münzen mit Darstellungen des Heiligen. Sie weisen uns hin auf die 
ältesten Zeiten des Christentums, sie zeigen uns jenes Zeitalter, wo 
unter der ständigen Beeinflussung des Orieutalismus die östliche 
Kirche allmählich erstarrte. Der Himmelsbrief enthält in seineu 
Einleitungsworten einen versteckten altgermanischen Zaubersprueh, 
in der Erzählung vom Grafen Philipp eine Geschichte aus dem 
Mittelalter, welche mit ihren magischen Worten und Zeichen wieder 
auf orientalisch-kabbalistische Einflüsse schließen läßt; der eigent¬ 
liche Himmelsbrief ist als armenischer Text aus dem Ende des 
ersten nachchristlichen Jahrhunderts nachgewiesen *). So enthalten 
diese Unterschichten religiöser Vorstellungen ein gutes Stück Kultur¬ 
geschichte; sie lassen uns aus dem Glauben der Gegenwart blicken 
in das Dunkel der Vergangenheit. Volkskunde, Völkerkunde und 
Religionswissenschaft sind bei ihrer Erforschung auf einander an¬ 
gewiesen. Wenn einst die Kulturgeschichte des Weltkrieges ge¬ 
schrieben werden wird, darf auch dieses Kapitel nicht fehlen. 

') vgl. Mitteilungen XIX S. 51, 59, 62. 


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Die Sprache des Kuhländchens 
nach der Mundart von Kunewald. 

Mit einer Sprachkarte. 

Von Dr. Josef Giernoth in Ratibor O./S. 

Inhalt: Einlcitendens aber Lage, Grenzen und Besiedelung des Landes; 
Literatur. §§ 1—27 Vokalismus. — §§ 28—42 Konsonantismus. — §§ 43—50 Be¬ 
merkungen über Betonung, Wortbildung, Fremdwörter' und Namen. 


Einleitung. 

Nicht weit von den Grenzen der preußischen Provinz Schlesien 
und von der Quelle ihres Hauptstromes, der Oder, dort, wo diese 
in scharfem Knie nach vorübergehend südöstlich gerichtetem Laufe sich 
endgültig gegen Norden wendet, liegt, unweit der Hanna, zwischen 
den Ausläufern der Sudeten und der Beskiden die anmutige Land¬ 
schaft des österreichischen Kuhländchens, für jeden Schlesier durch 
die Zugehörigkeit zum schlesischen Sprachgebiet noch ganz besonders 
anziehend. Zu beiden Seiten der Eisenbahn Oderberg-Wien sich 
ausbreitend, ist es von Breslau in wenigen Stunden mit dem Schnell¬ 
zug — freilich jetzt während des .Krieges nicht so bequem — zu 
erreichen. Weniger schnell, aber mit landschaftlich reizvoller Fahrt, 
gelangt man dahin über Ziegenhals—Jägerndorf—Troppau—Schön¬ 
brunn oder Jägerndorf— Olmütz—Prerau, namentlich aber auf der 
herrlichen Gebirgsfahrt über Mittelwalde oder Neiße—Hannsdorf— 
Sternberg (—Olmütz). 

Sobald man sich von der einen oder von der andern Seite — 
von Oderberg oder von Prerau — dem eigenartigen Ländchen 
nähert, erfreuen seine grünen Fluren und seine malerische Lage 
das Auge. Sanftwelliges Hügelland tritt zu beiden Seiten an die breite 


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Oderniederung heran, die wir entlang fahren. Von Südosten grüßen 
die majestätischen Berge der Beskiden, Lysa Hora und Smrk :-owie 
Radhost, Jawornik, Dlouha uud Kratka, auf der anderen Seite der 
langgestreckte Steilrand des niederen Gesenkes, das von Nordwesten 
an das Kuhländchen herantritt, auf den Vorbergen dieser Randge¬ 
birge Burgen und Schlösser, unter ihnen das Wahrzeichen des Kuh- 
ländchens, der Alttitscheiner Berg (488 m) mit der gleichnamigen 
Burgruine, in seinem dunklen Waldkleide schon von großer Weite 
sichtbar. 

i • i • , 

Die saftigen, blumigen Wiesen und kräuterreichen Triften der 
gesegneten Landschaft begönstigeli die Rindviehzucht, der das Land- 
chen seinen Ruf und wahrscheinlich auch seinen Namen verdankt. 
Die Straßen und Gärten sind reich mit Obstbäumen bestanden. 
Weite Getreidefelder bedecken im Sommer den fruchtbaren Lehm¬ 
boden, und dunkle Wälder auf den ländlichen Gebirgen, und in der 
Niederung der Oder schattieren die Landschaft, die von der jungeu 
Oder und ihren ersten Nebenflüssen reichlich bewässert wird. Unter 
den letzteren ist der größte die Titsch, die von den Beskiden kommt 
und durch Seitendorf, Sohle, Neutitschein, Schönau und Kunewald 
fließt. 

Zwischen den flachen Hügeln zu beiden Seiten der Oder liegen 
die wohlhabenden Ortschaften, meist Reihendörfer, an den Rändern 
im Gebirge auch Haufendörfer. Die großen Reihendörfer sind zu¬ 
meist an den Seitenbächen der Oder zwischen den Hügelu gelegen, 
•von denen die größeren „Hübel“ heißen (wie der Kriegshübel, Hexen¬ 
hübel, Fuchshübel um Kunewald). Zu den größten dieser Reihen¬ 
dörfer gehören Botenwald und Zauchtel (links der Oder), Schönau, 
Kunewald, Paitschendorf und Sedlnitz (rechts der Oder). Beiläufig 
sei bemerkt, daß in Sedlnitz der schlesische Dichter Eichendorff 
seinen Sommersitz gehabt hat, während zu gleicher Zeit, vor hundert 
Jahren, in Partschendorf der Prager Geschichtsprofessor Meiaert, 
der mit Eichendorff im Briefwechsel stand, mit dem Ortspfarrer 
Bayer gemeinsam Kuhländer Lieder sammelte. Eine auffallend lange, 
ununterbrochene Reihe von der Oder bis an die Beskiden bilden die 
Ortschaften Kunewald, Schönau, Neutitschein, Söhle, Seitendorf, 
Murk (dieses letztere bereits tschechisch). Fast überall in den 
deutschen Dörfern erfreuen die stattlichen Kirchen, wie die zwei- 
türmige in Kunewald, un^ die schmucken, weißgetünchten Häuser 
der Bauernhöfe im schlesischen Stil. Hier und da haben sich noch 


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alte Kuhländer Holzhäuser (mit dem „Schietzle“ = Schürzlein am 
Giebel, s. § 8) und ebensolche achteckige Scheunen erhalten. Vgl. 
die beiden Abhandlungen von St. Weigel: „Haus und Ikirfanlagen im 
Kuhländchen“ und „Das alte Kuhländler Hauernlmus und seine Ver¬ 
änderungen bis in neuester Zeit“ in den Heimatsblättern „Unser 
Kuhländchen“ (s. unten!) Bd. I, S. ^35 ff. und •2i»7 - ff. 

Nach dem bisher Gesagten verstelltes sich von selbst, daß sich die 
landschaftlich schönsten Partien des Kuhländchens an den ge¬ 
birgigen Rändern desselben finden. Malerisch liegen hier nament¬ 
lich die Städte Odrau, Fulnek und Neutitschein. 

Neutitschein, rechts der Oder in ausgedehnter Lage zwischen 
den Vorbergen der Beskiden und an der diesen letzteren ent¬ 
quellenden Titsch, ist die politische Hauptstadt des Ländchens. mit 
dem Sitz der Behörden. Von ihrem kuhländischen Charakter hat 
diese alte Tuchmacherstadt, von deren witzigen Bewohnern ein 
Sprüchlein sagt .„neunundneunzig Juden und ein Zigeuner machen 
noch lange keinen Neutitscheiner“, leider viel verloren, namentlich 
durch ihre rege Industrie und das mit solcher in diesen Gegenden 
stets eindringende Tschechentum. Eigenartig ist nur der ganz voh 
Lauben umzogene baumlose Ring mit seinem bunten Marktleben. 
Die vielen beschotterten Straßen mit den meist kleinen, einstöckigen, 
oft sogar nur ein Erdgeschoß aufweisenden Häusern wirken im Ver¬ 
gleich zu der Größe der Stadt dürftig. Einige bessere öffentliche 
Gebäude retten, zumal sie vernachlässigt sind, den Gesamteindruck 
nicht, der jedoch durch die reizvolle Umgebung reichlich ausge¬ 
glichen wird. 

Echt kuhländisch mutet dagegen Fulnek an, links der Oder am 
nördlichen Gebirgssaume reizend zwischen den Ausläufern des Ge¬ 
senkes eingebettet und besonders malerisch durch das langgestreckte 
Schloß und die stattliche Kirche an der Berglehne gerade über dem 
großen Markte, der hier ohne Lauben ist. Neben der Kirche auf 
der Höhe steht die Schule, an der einst Amos Comenius als Rektor 
und Brüderprediger gewirkt hat. Die sauberen Straßen und die freund¬ 
lichen Häuser dieses eigenartigen, stillen Landstädtchens stehen in 
wohltuendem Gegensatz zu der geräuschvollen Geschäfts- und 
Industriestadt, als die uns Neutitschein entgegentritt. 

Überraschend großartig ist jedoch das Bild, das uns vom 
Pohorschberge (südlich von Fulnek) Odrau mit seinem Gebirgs- 
panorama bietet. Es ist die erste Stadt an der Oder, wenige 


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Meilen hinter ihrer Qaelle am Ansgange des Odergebirges, das für 
jeden Preußisch-Schlesier ein besonderes Interesse haben muß — 
nach dem Kriege sollte es mehr als früher von Provinz-Schlesiern, 
insbesondere auch von Breslauern besucht werden. Es ist über 600 
Meter hoch, von plateauartigem Charakter, jedoch mit tief ein¬ 
geschnittenen waldigen Tälern voll malerischer Reize und mit schönen 
Sommerfrischen, unter diesen das idyllisch gelegene Maria-Stein im 
engen Odertale. 

Es sei mir als dankbarem Sohn Breslaus und Schlesiens ver- 
stattet, hier noch ein paar Worte über dieses schöne Oder-Quellge- 
gebiet hinzuzufügen; war doch zu dem Entschluß, das Kuhländchen, 
dessen Sprache und Volkstum zum Gegenstände örtlicher Studien zu 
machen,, neben der Anregung, die ich <im germanistischen Seminar 
der Breslauer Universität empfing, die Lage dieses Ländchens an der 
jungen Oder und die Lust, die nahe Quelle dieses unseres Heimat¬ 
stromes einmal kennen zu lernen, wesentlich mitbestimmend. 

Die Oder entspringt auf mährischem Boden in 634 m Seehöhe 
— zwischen dem 681 m hohen Fiedelhübel bei Haslicht und dem 
653 m hohen Kreuzberg bei Koslau, auf einer waldig-romantischen 
Hochfläche — westlich des malerischen Städtchens Bodenstadt. Die 
Namen der beiden Erhebungen entnehme ich, da mir infolge der 
Kriegszeit kein Meßtischblatt zugänglich war, dem Buche von 
H. Schulig „Meine Heimat, das Kuhländchen* 4 , der S. 15 über den 
Quellauf der Oder noch folgende Angaben macht: „Die Hauptquelle, 
das sogenannte ,gemauerte ßründel 4 , treibt, durch zahlreiche Bäche 
verstärkt, bereits nach einem 2—3 km langen Laufe bei der Häuser¬ 
gruppe (!) Lieselberg eine Mühle und durchrauscht sodann, zwischen 
steilen und waldigen Bergen allmählich zum wilden Bergstrom an¬ 
wachsend, mit reißendem Gefälle ihr enges Tal, bis sie sich bei 
Odrau den Bergen - (dem Odergebirge!) entwindet und das erweiterte 
Wiesental des fruchtbaren Kuhländchens durchströmt.“ 

Dieses dicht bevölkerte Ländchen fällt so ziemlich mit dem 
politischen Bezirk (Bczirkshauptmannschaft) Neutitschein zusammen 
und gehört somit zu Mähren, nur in kleinen Teilen zu Österreichisch- 
Schlesien (hier zu den Bezirkshauptmannschaften Troppau und Wag¬ 
stadt). Im Westen reicht es, namentlich mit den Dörfern Pohl und 
Bolten, in die mährische Bezirkshauptmannschaft Weißkirchen hinein. 

ImNordwesten mitdem Gebiete desGebirgsschlesischen(Glätzischen, 
vgl. von Unwerth „Die schlesische Mundart“ § 118 l, 2) zusammen- 


Gck igle 


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hängend, bildet das Kuhländchen sprachlich eine Halbinsel mitten 
im slawischen Meere, die südöstlichste Zunge des geschlossenen 
schlesischen Sprachgebietes. Die beigefügte Skizze folgt der Karte 
des deutschen Sprachgebietes von Nordmähren und Schlesien von 
F. Held, die im großen und ganzen für das Kuhländchen auch heute 
noch richtig ist, wie ein Vergleich mit der neueren Karte von 
J. Ullrich zeigt; nur ist zwischen Petrowitz und Stauding die Sprach¬ 
grenze jetzt besser durch Botenwald zu ziehen, dessen Niederdorf 
bereits stark vertschechischt ist. 

Über den Ursprung des Namens und den Umfang des Kuh- 
ländchens gehen die Ansichten der Chronisten wie der Heimatforscher 
auseinander. Der Name „Kuhländchen“ scheint verhältnismäßig jung 
zu sein, da Comenins ihn in seiner reich ausgefüllten Karte von 
Mähren nicht vermerkt. Man hat den Namen von dem Adelsgeschlechte 
der Krawarze (zu deutsch „Kuhhalter“) abzuleiten gesucht, das hier 
im 13. bis 15. Jahrhundert reichen Grundbesitz hatte und tief in die 
Geschicke des Ländchens eingriiT. Es liegt jedoch sehr nahe, ihn 
mit der hervorragenden Rindviehzucht in Zusammenhang zu bringen, 
die hier bereits seit dem 18. Jahrhundert planmäßig betrieben wird. 
Und so sagt auch J. G. Meinert, dessen jetzt gerade 100 Jahre alte 
Sammlung Kuhländer Lieder (1817!) wir noch mehrfach zu erwähnen 
haben werden, im Anhang dazu (S. 300): „Die gemeine Meinung, 
daß das Ländchen von der Kuh seinen Namen erhalten, ist zugleich 
die wahrscheinlichste.“ Hier sei bemerkt, daß der berühmte Kuh¬ 
ländler Rinderschlag durch Kreuzung von Schweizer (Berner) Stieren 
mit Sudetenkühen entstanden ist. Die charakteristische Färbung des 
Kuhländler Rindes ist rotbraun mit weißem Kopf und ebensolchen 
Rücken- und Banchstreifen. Berner Vieh wurde schon im 18. Jahr¬ 
hundert von der Herrschaft Kunewald-Zauchtel (besonders durch die 
Gräfin Truchseß-Zeil-Waldburg), auch von der Herrschaft Fulnek 
und von anderen Großgütern im Kuhländchen eingeführt. (Im Jahre 
1902 machten Professor Dr. Holdefleiß und sein Assistent Dr. Frank 
vom landwirtschaftlichen Institut in Breslau eine Studienreise in das 
Kuhländler Zuchtgebiet, deren Ergebnisse in der unten aufgeführten 
Frankschen Abhandlung niedergelegt sind.) 

Von der Zwiespältigkeit der Auffassungen über die Ausdehnung 
das Kuhländchens möge die Nebeneinanderstellung zweier älterer 
Listen der ihm zugerechneten Ortschaften im folgenden ein Bild 
geben. Beide unterscheiden einen engeren und einen weiteren Bezirk. 

Mitt«ilnns'n d. Schles. Ge«, f. Vkde. Kd. XIX. 11 


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Nach den alten Chronisten K. J. Jurende und Felix Jaschke 
(1809 und 1818) liegen innerhalb der „gewissen, ganz sicheren und 
unzweifelhaften Grenze“ die Orte: Heinzendorf, Groß- und Klein- 
Petersdorf, Deutsch-Jaßnik, Grafendorf, Barnsdorf (tschechisch), 
Ehrenberg (tschech.), Neutitschein, Söhle, Schönau, Kunewald, Manken- 
dorf, Zauchtel, Odrau, Fulnek, Gerlsdorf, Stachenwald, Seitendorf b. F., 
Hausdorf, Sedlnitz, Partschendorf, Neuhübel, Petrowitz (tschech.), 
Klantendorf und Botenwald (26), die meisten in Mähren, einige in 
Schlesien. Die zweifelhaften Orte des Kuhländchens sind nach 
Jurende-Jaschke: Wagstadt, Stiebnig, Groß-Olbersdorf, Bölten, Bros- 
dorf, Stauding (tschech.), Engelswald, Libisch (tschech.), Blauendorf, 
Seitendorf b. N., Kleiu-Olbersdorf (tschech.) Pohl, Blattendorf, Hurka 
(tschech.), Halbendorf, Lutschitz, Daub und Schimmelsdorf (18). 
S. Heimatsblätter „Unser Kuhländchen“ I 310 f. II 369 f. 

J. G. Meinert nennt im Anhänge seiner Liedersammlung als 
„Ortschaften des eigentlichen Kuhländchens“ Botenwald, Deutsch- 
Jaßnik, Hausdorf, Klantendorf, Kunewald, Mankendorf, Neuhübel, 
Partschendorf, Schönau, Sedlnitz, Seitendorf, Stachenwald, Zauchtel, 
Liebisch, Petrowitz, Stauding (16), als „zweifelhafte Ortschaften“ 
Emaus, Fulnek, Heinzendorf, Neutitschein, Odrau, Klein- und Groß- 
Petersdorf, Schimmelsdorf, Barnsdorf (9; Barnsdorf sowie Liebisch, 
Petrowitz, Stauding sind bereits als slawisch angemerkt). Meinert 
bezeichnet somit die Städte Odrau, Fulnek und Neutitschein als 
zweifelhaft, was ihm schon F. Jaschke sehr verübelt. 

Von den neueren Meinungen wird die von J. Matzura zu Beginn 
seiner Abhandlung über das Kuhländchen, seine Chronisten etc. 
(s. unten) ausgesprochene den Verhältnissen am besten gerecht: 
„Das Kuhländchen ... ist ein geographischer und volkskundlicher 
Begriff von nicht ganz scharfen Umrissen. Wir meinen heute unter 
dem Namen des Kuhländchens ungefähr den fruchtbaren, diluvialen 
und alluvialen Flachboden der Oderniederung nördlich von der 
Weißkirchner Wasserscheide, talabwärts bis an die slawischen Dörfer 
zwischen Wagstadt und Braunsberg; gegen Abend aber die der 
Oderebene benachbarten niedrigsten und flachsten Abdachungen des 
niederen Gesenkes (von 250—300 Metern absoluter Höhe) bis in 
die Talwinkel von Fulnek und Odrau; und gegen Osten das Flach- 
und Hügelland bis Neutitschein und seine deutschen Nachbardörfer. 
Im allgemeinen umfaßt demnach das Kuhlandel nur deutschen 
Boden, und zwar den Südostflügel, die weitest vorgeschobene Halb- 


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insei der Sudeten-Deutschen (und allenfalls noch die eingeschobenen 
kleinen slawischen Enklaven [Einsehlußgebiete])“. 

Jedenfalls muß man bei der Frage nach der Umgrenzung des 
Kuhländchens die Grenzen der Mundart von denen der Laudschuft 
unterscheiden. Zu der Landschaft gehören nicht nur die deutschen 
Städte Odrau, Fuluek, Wagstadt und -Neutitschein (vgl. Schulig S. 2), 
sondern auch die südlichen und östlichen tschechischen Randgebiete 
um Alttitschein, Stramberg, Freiberg bis gegen Braunsberg und 
Königsberg. Zum Teil greifen diese slawischen Randgebiete tief in 
das deutsche Sprachgebiet des Ländcliens hinein. Die Grenzen der 
eigentlichen kuhländischen Sprache sind vermutlich weit' enger zu 
ziehen; wenigstens im Norden und Westen dürften sie nicht das ganze 
deutsche Gebiet umfassen. Mir wurden hier Botenwald, Klantendorf, 
Fulnek, Waltersdorf, Gerlsdorf, Jastersdorf, Pohorsch, Groß-Peters- 
dorf, Bölten als Grenzdörfer der Mundart bezeichnet. Ich habe diese 
Angaben aus weiter unten angeführten Gründen leider bisher nicht 
kontrollieren können. 

N. B. Nach der Zählurtg vom 31. Dezembei 1 1900 (Schulig 
S. 6—8) hatte das Kuhländchen über 70000 Einwohner, davon gegen 
€0000 Deutsche. <’ 

(Vgl. über Namen und Grenzen „Unser Kuhländchen, periodische 
Blätter für Volks- und Heimatskunde“, Bd. I S. 15 Hausotter, Ein 
Beitrag zur Frage der Größe des Kuhländchens; S. 211 Michel, 
Über die Größe des Kuhländchens; S. 307 Matzura, Das Kuhländchen, 
seine Chronisten und insbesondere Felix Jaschke. Bd. II S. 41 Fort¬ 
setzung der vorerwähnten Abhandlung; S. 365 Matzura, Das Kuh¬ 
ländchen, seine Grenzen und Größe.) 

Im folgenden beschäftigt uns nicht mehr die Landschaft. Sondern 
nur die Sprache und das Volkstum des deutschen Kuhläudchens. die 
sich von dessen frühester deutscher Besiedelung an eigenartig ent¬ 
wickelt haben. 

Das Ländchen wurde im 13. Jahrhundert unter Ottokar II., 
König von Böhmen und Markgraf von Mähren, gleich Schlesien aus 
mitteldeutschen Gegenden besiedelt. Besonders verdient um seine 
Kolonisation sind der Olmützer Bischof Bruno von Schaumburg, 
Ottokars Staatsminister (dessen Namen Braunsberg trägt!), ferner 
das Stift Hradisch bei Olmütz und das bereits früher genannte 
Adelsgeschlecht der Krawarze (der Herren von Krawarn bei Troppau); 
Die schon erwähnten Burgen der Gegend stammen aus jener Zeit; 

ll* 


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4 


_Hi 4 

Beaclitenswert ist es, wie der Chronist F. Jaschke (ein Bürger 
Fulneks) in seinen erwähnten „Gesammelten Nachrichten von dem 
Kühlandel“ uns die Kunewälder vor 100 Jahren schildert (Heimats¬ 
blätter 1 309 f): „Der Charakter der Bewohner ist im ganzen ge¬ 
nommen friedfertig; sie lassen sich mehr dnrch gute als durch strenge 
Behandlung leiten, sind nicht auffallend religiös, nicht abergläubisch, 
nicht kriechend, vielmehr etwas zu gerad, ohne daß sie es dadurch 
an der schuldigen Ehrerbietung gegen Vorgesetzte wollen mangeln 
lassen. Aus Gelegenheit des bestehenden Branntweinhauses lieben 
beide Geschlechter ein Gläschen, ohne ihnen indessen einen Hang 
zum Saufen vorwerfen zu können. Die festlichen Schmausereien sind 
schon in Abnahme gekommen, dagegen geht es bei Hochzeiten noch 
sehr verschwenderisch zu, wobei auch fleißig getanzt wird. Wöchent¬ 
lich werden wenigstens einmal Kuchen gebacken. In der Kleider¬ 
tracht herrscht bei den Wohlhabenden ländliche Pracht und ist im 
ganzen ordentlich; bei Männern Tuch, bei Weibern in Zeugen be¬ 
stehend, mit Bändern, Schnüren und Borten garniert.“ 

Kuuewald war eine Zeitlang der Wirkungsort von K. J. Jurende, 
dem Herausgeber des „Mährischen Wanderers“ und Chronisten des 
Kuhländchens, der hier (unter der verdienten Gräfin Truchseß-Zeil- 
Waldburg) Direktor der Stiftsschule war. 

Als Probe von den munteren alten Gebräuchen folge hier die 
Mitteilung über die Kunewälder Hochzeit aus dem Munde einer 
Kunewälderin. 

Di hokst ai Kunewatt. 

am kulandl tauft a hokst — wosda halt a re^htije hokst Tes — 
drai t$<jh, fo möntiqh wof of mietwo<$, on dö gets halt ofrhant hets 
drbain. 

om lönti«^ nö(^möti<£h dö gien son de bekrwaivr tsu dr hokst- 
mutr on tr^ernr a kwoek, di potr on ä'er, de kwäeglen on da fafr- 
kut^he hlen. dröqlf wän de kwäeglen on da fafrkuqlje gerieve, on dos 
wiet ols gesdaft tsom kuqljebake. 

mönti<^ frl dö kumen de bekrwaivr wTedr. dö wän da mulde 
rai gehuolt on dö wiet aigemaqljt. on wen dr täek öfgana les, dröqlf 
wietr ausgewirkt, dröqt) wän de kud>e bräet gemalt on gefeit. 
erSt maqljmr kwoekkuqlje, flauraa- on möku<jl>e, on Sdraiflkuqlje, on 
dmöqli wän firn braitri<£h, firn brautfirf on fir de geSbiel de trötSn 


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gamaqjjt. (dr trötsr dar wiet grqd afö bräet gamaqljd doswl an 
andr kuqhe, ok a besla grisr. f irm ausbräeta wietr met kwoek gefeit, 
dröqh wietr bräet gamaql^t on kuman llauma drof gasmiert on fafr- 
kuqija dröf gafet. dröqlj wän di flr eka aigaslöern on wenr drnöcj> 
qgabake Tes, dö wietr met meliöhi on potr bagosa on tsokr drof- 
geädreert.) dröqh giet di gaäbief met da trötsn tsom braitri<£h on 
tsom brautfirr. bam braitri^i fqrtfa: di braut löt de<£h slen grisa 
on dö Sektsa dr da trötsr on du foidrn raeöht §Ten gut smeka lön! 
drnöqh gietfe tsom brautfirr on lert: dö bren e<di dr a trötsr on lech, 
opmran hon gut gamaqht! da fraentsoft on da hokstgest krljn äo 
kucha häem gasekt. 

ets kernt s betföern, dof Tes om möntiöh nöqhmetiöh. dö wän 
tswfl pritäka yvr tswö galejnhäeta ganoma, on dö tsln feöh flra fo da 
bekrwaivn ols betawaivr <l on l'etsn feöh öf on näman da beta of da 
äüos. am bök fetst di gasbiet on höt s hemt firn braitriöh on da 
ädrausa om öerma. ets wiet nu lösgaf$ern on bam fqern wiet inda- 
fort gajukst. bam eräta wietshaus wiet sdien gablien, on di betawaivr 
ärain: ets brent ok wos tsu trenka, rar lain äon gants drlaekst 
[=„erlechzt“J! on dö brenn la wain raus on drnöch wiet watr ga- 
fqern, on dnvael sdäln da Iait da petstr [Kopfkissen], on dö müsmrfa 
wiedr auslTefa. bam braitriöh wiet qklqpt on garufa: macht ok öf, 
mr brenn da bet! on wen da tlr öfgamaqljt Tes, dö wiet ai dr sdöf 
dena öfgabet. drbain maqhn da monslait a hets on smaisn da betawaivr 
ai da bet nai, on dö misn dlfa inda wiedr fres maqha. dröqh tünfa 
bam braitreöh kucha asa, kofö on wain trenka; on wen fa ögasa 
fain, dröch feiern fa wiedr tsüdr braut tsurek. 

möntiöh tsövats dö gienfa erst tsom braitrich on drnöch tsur 
braut sderndela macha, dö *gien da möfiölikanta mTet, on dö gets 
wiedr kucha on hier qvr wain. 

om denstich dö ief erst da re<£l)tija hokstt<ik. dö gien da hokst¬ 
gest gatäelt fo dr braut Irr fait tsur braut on fom braitrich fainr 
fait tsom braitrieh tsom frlädek. dö gets halt br*f, kofe, kuclia on 
wain. ets kemt dr braitridh met fan laitn on hüolt fecli da braut ö. 
dr brautfirr giet bleta, op fe<5h dr braitriöh kein da braut hüola, on 
dr hokstfötr leert: eia] dröqh kemt dr hokstbletr on macht da önret, 
on wenr fqrtej Tes, dö giet dr brautfirr ais sdlevla em da braut on 
flrt fa ai da sdöf. diet kriölit fa da fqja fon eldn on drnöqh gien 
fa ai da kleöli on da hokstgest on da mnfiöhkanta gien ä mlet. 


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1 noch dr-traiunk giets ais wietshaus. diet wiets gatantst, gas» 
on gatrotok». em a l'eksa tsövats gienfa ola tsom övatasa, on dö gienfa 
wiedr gatäelt tsfl dr braut on tsom braitridh, on de müficjikanta täeln 
fe<£ji äo. ondam asa wiet da braut a sücjj gasdöla, on dän müs dr 
brautfTrr aushefa. tsom noqjitmöl w$er enr erst rentfup, renttläes met 
krlentonk, dröcji SwainfläeS met kraut, drnöch faälrtas raat gaderta 
flauma, dröqji kofe met böf on kuejja, on tsulertst. kemt hönidhgrls 
met fafrkucha dröf gafet. ets *les son fanr w! enr, ets gets son 
flrarlue fläes, tsom slüf äo nooji dort, on bakarei (tsokrwerk). nögm 
övatasa tantsn da bekrwaivr met da purSa era an mlest, on dröql^ 
giets wiedr ais wietshaus, on dö wiets gatantst wol' of frT. 

om dreta t^k dö wän da sdrausa on hüt gasdokt (om hokstt$k 
wyernfa forna ögasdokt), on dröcji maqhn le(di da hokstgest met da 
müfiöjikanta tsoma on gien tsu dam jona ep$er. dos liastmr öfgaija. 
on wenfe tsu dam jona epyer kuraan, do trafnl'a ots fest tsügamaejit. 
on dö hasts halt ems haus rena on batjn, wosmr eyntli<£h naikrin. 
on dö fent dr brautfTrr met da hokstknaeöjit: . 


dr brautfirr: satsla, etsr kpm eeji, satsla etsr kpm e<£ji, 

macji mr öf da komr, maqiji mr öf da kömr! 
da liokstknaedht: /: ech kön dr n'i öfmacj>e :/ 

/: meine eldn waqjin :/ 


dr brautfirr; /: müsdn äo 5on hait fain? :/ 

/: s kön ja äo of myern blain! :/ 
da hokstknae^ht: /: müsdn äo son ra$ern fain? :/ 

/: s kön ja äo ofs jyer blain! ':/ 
dr brautfirr: /: müsdn äo son ofs jyer lain? :/ 

/: s kyn ja äo son .gyer blain! :/ 


da hokstknaedl.it: /: dausa ai dam wenkl :/ 
/: lait raai wandrspinkl :/ 
dr brautfTrr: /: §weuan of da oksl :/ 

/: tsom adje mai satsl! :/ 


dröcji giets raflyn lös met dam jona myn, on dröcji wiet dam 
jona waip met ruöjiwys flr hets da häuf öfgasotzt; dö fain slene dena 
wos of da knlfcäla. dröcji wiets erst nög a besla gatöflt, on drnöqji 
giets met dr müfidji ais wietshaus, dos jona öpyer foraus. diet wirts • 
wiedr gatantst wos of frT, wöf ok a knoqh höt, on drnöcji höt da 
gantsa gase^jit an ernt. 


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167 


»Im Kuhländchen dauert eine Hochzeit — was eben eine richtige Hochzeit 
ist — drei Tage, von Montag bis Mittwoch, und da gibts halt allerhand Spaß 
dabei. 

»Am Sonntag nachmittag da gehn schon die Bäckerweiber zu der Hochzeits¬ 
mutter und tragen ihr den Quarg, die Butter und Eier, die Kuchenkäse und 
den Pfefferkuchen hin. Danach werden die Käse und die Pfefferkuchen ge¬ 
rieben, und das wird alles zum Kuchenbacken zurechtgestellt. 

»Montag früh kommen die Bäckerweiber wieder. Da werden die Mulden 
hereingeholt und da wird eingemacht. Und wenn der Teig aufgegangen ist, 
da wird er ausgewirkt, danach werden die Kuchen breit gemacht und gefüllt. 
Erst machen wir Quargkuchcn, Pflaumen- und Mohnkuchen, und Streuselkuchen, 
und danach werden für den Bräutigam, für den Brautführer und für die Ge¬ 
spielin (Brautjungfer) die Trotseher (Hochzeitskuchen) gemacht. (Der Trotscher 
wird geradeso breit gemacht wie ein anderer Kuchen, nur ein bißchen größer. 
Vor dem Ausbreiten wird er mit Quarg gefüllt, danach wird er breit gemacht 
und werden Pflaumen darauf geschmiert und Pfefferkuchen drauf gestreut 
Darauf werden die vier Ecken eingeschlagen und wenn er dann abgebacken ist. 
da wird er noch mit Milch und Butter begossen und Zucker darauf gestreut.) 
Danach geht die Gespielin mit den Trotschem zum Bräutigam und zum Braut¬ 
führer. Beim Bräutigam sagt sie: Die Braut läßt Dich schön grüßen und da 
schickt sie Dir den Trotscher und Du sollst Dir ihn recht schön gut schmecken 
lassen! Danach geht sie zum Brautführer und sagt: Da bring ich Dir den 
Trotscher und sieh, ob wir ihn gut gemacht haben! — Die Freundschaft und 
die Hochzeitsgäste kriegen auch Kuchen heimgeschickt. 

»Jetzt kommt das Bettfahren, das ist am Montag nachmittag. Da werden 
zwei Pritschen oder zwei Gelegenheiten (Wagen) genommen, und da ziehn sich 
vier von den Bäckerweibern als Bettweiber an und setzen sich auf und nehmen 
die Betten auf den Schoß. Auf dem Bock sitzt die Gespielin und hat das Hemd 
für den Bräutigam und die Sträuße auf dem Arme. Jetzt wird nun losgefahren 
und beim Fahren wird immerfort gejuxt. Beim ersten Wirtshaus wird stehen 
geblieben, und die Bettweiber schreien: Jetzt bringt nur was zu trinken, wir 
sind schon ganz vertrocknet! Und da bringen sie Wein heraus, und danach 
wird weiter gefahren, und derweil stehlen die Leute die Polster, und da muß 
man sie wieder auslösen. (NB. In diesem Berichte ist nicht erwähnt, daß die 
Dorfbewohner auf der Straße Barrikaden aus alten Möbelstücken errichten, 
deren Beseitigung ebenfalls nur durch Lösegeld möglich ist! So wird das 
„Bettfahren“ zur größten Belustigung fürs ganze Dorf). Beim Bräutigam wird 
angeklopft und gerufen: Macht nur auf, wir bringen die Betten! Und wenn die 
Tür aufgemacht ist, da wird in der Stube drinnen aufgebettet. Dabei machen 
sich die Mannsleute einen Scherz und weifen die Bottweiber in die Betten 
hinein, und da müssen die sie immer wieder frisch machen. Danach essen sie 
beim Bräutigam Kuchen und trinken Kaffee und Wein: und wenn sie abgegessen 
haben (= fertig gegessen haben), dann fahren sie wieder zu der Braut zurück. 

»Montag abend da gehn sie erst zum Bräutigam und danach zur Braut 
Ständchen machen, da gehn die Musikanten mit, und da gibts wieder Kuchen 
und Bier oder Wein. 


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Original frorn 

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168 


»Am Dienstag da ist erst der richtige Hochzeitstag. Da gehn die Hochzeits¬ 
gaste geteilt von der Braut ihrer Seite zur Braut und vom Bräutigam seiner 
Seite zum Bräutigam zum Frühstück. Da gibts halt Babe, Kaffee, Kuchen und 
Wein. Jetzt kommt der Bräutigam mit seinen Leuten und holt sich die Braut 
ab. Der Brautführer geht bitten, ob sich der Bräutigam die Braut holen kann, 
und der Hochzeitsvater sagt: Ja! Danach kommt der Hochzeitsbitter und macht 
die Anrede, und wenn er fertig ist, da geht der Brautführer ins Stübchen nach 
der Braut und führt sie in die Stube. Dort kriegt sie den Segen von den 
Eltern und danach gehn sie in die Kirche, und die Hochzeitsgäste und die 
Musikanten gehn auch mit. 

»Nach der Trauung gehts ins Wirtshaus. Dort wird getanzt, gegessen und 
getrunken. Gegen 6 Uhr abends gehn sie alle zum Abendessen, und da gehn 
sie wieder geteilt zu der Braut und zum Bräutigam, und die Musikanten teilen 
sich auch. Unter dem Essen wird der Braut ein Schuh gestohlen, und den 
muß der Brautführer auslösen. Zum Nachtmahl gab es früher erst Rindssuppe, 
Rindfleisch mit Krentunke, danach Schweinefleisch mit Kraut, darauf „Faschiertes“ 
mit gedörrten Pflaumen, danach Kaffee mit Babe und Kuchen, und zuletzt wird 
Honiggries mit Pfefferkuchen draufgestreut. Jetzt ist es schon feiner wie früher; 
jetzt gibt es schon viererlei Fleisch, zum Schluß auch noch Torte und Backerei 
(Zuckerwerk). Nach dem Abendessen tanzen die Bäckerweiber mit den Burschen 
um den Mist und danach gehts wieder ins Wirtshaus, und da wird getanzt bis 
gegen früh. 

»Am dritten Tag da werden die Sträuße an den Hut gesteckt (am Hochzeits¬ 
tage waren sie vorn angesteckt), und danach machen sich die Hochzeitsgäste 
mit den Musikanten zusammen auf und gehn zu dem jungen Ehepaar. Das 
heißt man „aufgeigen.“ Und wenn sie zu dem jungen Ehepaar kommen, da 
finden sie alles fest zugemacht. Und da heißt’s halt ums Haus rennen und 
betteln, bis man endlich hineinkann. Und da singt der Brautführer mit den 
Hochzeitsknechten (= die männlichen Hochzeitsgäste): 

Der Brautführer: Schätzchen, jetze komm ich, 

Schätzchen, jetze komm ich; 

Mach mir auf die Kammer, 

Mach mir auf die Kammer! 

Die Hochzeitsknechte: /: Ich kann Dir nicht aufmachen :/ 

/: Meine Eltern wachen /: 

Der Brautführer: /: Muß’s denu auch schon heut sein? :/ 

/: ’s kann ja auch auf morgen blcib’n :/ 

Die Hochzeitsknechte: /: Muß’s denn auch schon morgen sein? :/ 

/: ’s kann ja auch aufs Jahr bleib’u :/ 

Der Brautführer: /: Muß’s denn schon aufs Jahr sein? :/ 

/: ’s kann ja auch schon gar bleib’n :/ 

Die Hochzeitsknechte: /: Draußen in dem Winkel :/ 

/: Liegt mein Wanderspinkei :/ 

Der Brautführer: /: Schwing ihn auf die Achsel :/ 

/: Zum Adje mein Schatzel! :/ 


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169 


»Danach geht das Rasieren los mit dem jungen Mann, und alsdann wird 
der jungen Frau mit allerhand Scherz die Haube aufgesetzt; da sind Schlingen 
drin bis auf die Kniekehlen. Danach wird erst noch ein bißchen getäfelt, und 
dann gehts mit der Musik ins Wirtshaus, das junge Ehepaar voraus. Dort wird 
wieder getanzt bis früh, was nur eine Knoche hat, und danach hat die ganze 
Geschichte ein Ende.“ 

Ihre völkische Eigenart haben die deutschen Kuhländler fast nur 
noch in der Sprache bewahrt. Diese, die Kuhländische Mundart, 
hat bislang noch keine eingehende wissenschaftliche Darstellung er¬ 
fahren. In dem weitschweifigen, jedoch verdienten Volksbuche von 
H. Schulig „Meine Heimat, das Kuhländchen“ ist zwar der Sprache 
ein besonderer Abschnitt gewidmet, doch erscheint diese Darstellung 
auch als volkstümliche unzulänglich, sowohl ihrer Anlage nach als 
besonders wegen ihrer mangelhaften Wiedergabe der Laute. Auch 
die kleine Skizze im Anhang der erwähnten Meinertschen Lieder¬ 
sammlung entbehrt der fachwissenschaftlichen Grundlage, wenngleich 
die Schreibung sorgfältiger und für die Kenntnis des damaligen 
Standes der Mundart höchst lehrreich ist. Übrigens erscheint die 
heutige Sprache des Kuhländchens gegenüber der jener alten Lieder 
namentlich im Wortschatz ziemlich verblaßt, was uns gar nicht 
wunder nehmen darf, da das Ländchen durch seine Lage an der 
großen Verkehrsstraße, die von Wien durch das Marchtal nordwärts 
führt, dem zersetzenden Einfluß der modernen Kultur ganz besonders 
stark ausgesetzt ist. So ist das alte Volkstum hier fast ausgestorben, 
und auch die Landschaft, in der es sich entfaltete, ist durch die 
immer mehr sich breit machende Industrie vielfach entstellt. Nur wenige 
der alten Sitten und Gebräuche, unter denen die Hochzeitsgebräuche 
wohl die merkwürdigsten sind, haben sich noch erhalten. Auch die 
alten Lieder und Tänze, welche die heitere Gemütsart des sanges¬ 
frohen, fleißigen und reinlichen, gegen Fremde allerdings mißtrauischen 
Volkes zeigen, sind fast ganz vergessen, und die wunderliche Tracht 
kann man nur noch in Museen studieren, so in den Ortsmuseen in 
Kunewald und Neutitschein. (Die kleinen Häubchen tragen die 
Frauen noch zuweilen unterm Kopftuch.* Stubeneinrichtungen, d. h. 
Kuhländer Bauernstuben, sind auch im Gewerbe- wie im Landes¬ 
museum zu Brünn und im Museum für österreichische Volkskunde 
in Wien zu sehen.) Der der Mundart entgegenwirkende Einfluß der 
Schule und der Städte hat es sogar dahin gebracht, daß die Be¬ 
wohner sich ihrer Sprache schämen und dem Fremden gegenüber 
gar nicht recht damit heraus wollen. 


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170 


Diese Sprache der Kuhländler zeigt neben den typischen gebirgs- 
schlesisch-glätzischen Erscheinungen noch besonders solche des Ober- 
dörfischen. auf die an einzelnen Punkten der Abhandlung hingewiesen 
ist, aber auch wichtige Abweichungen gleich denen der Mundart 
von Kätscher (Abfall des End-e und Diphthongierung von ralid. i 
ü e oe schles. I >Te vor Dentalen jeder Art, z. B. rieflo Röschen, fiel 
Seele, slen schön, vgl. v. Unwerth § 136), sonst insbesondere noch 
reiche Diphthongierung und Abneigung gegen r. Im einzelnen ist 
die Stellung des Kuhländischen zu den übrigen schlesischen Mund¬ 
arten leicht durch Vergleich bei v. Unwerth zu ermitteln 1 ). Ebenda 
§ 137 ist auch bereits auf die Beziehungen des Kuhländischen zu 
den Mundarten von Schönwald (bei Gleiwitz) und um Bielitz-Biala 
(im äußersten Osten von Österreich-Schlesien) hingewiesen, zu denen 
noch die der ungarischen Zips tritt. Alle diese Mundarten teilen 
die den schlesischen Diphthongierungsmundarten eigene, oft bis zur 
Vokalisierung führende velare Aussprache des 1 (= I; Glogau taio 
Teil si^ljo Sichel, kühl, batt bald, fäovr selber, Schönwald weof Wolf, 
fautsa salzen, etc.). Insbesondere, um nur einiges Weitere heraus¬ 
zugreifen, teilt das Kuhländische mit dem Schönwäldischen (K. Gusinde, 
Eine vergessene deutsche Sprachinsel im polnischen Oberschlesien, 
Wort und Brauch, Heft 7) die Entwicklung von mhd. i ü > e und 
mild, u o > o (Sbene spinnen, sdopo stopfen — spena, stppa) und die 
reiche Diphthongierung, wie schles. I kühl. le > schönw. eo (sien schön 

— Seone), schles. ü kühl, üo > schönw. eo (füon Sohn, brüot Brot 

- feon, breot) — schles. ö hingegen bleibt in beiden erhalten (göt 
Gott — göt). Mit der Mundart um Bielitz-Biala (G. Waniek, Zum 
Vokalismus der schlesischen Mundart, Programm Bielitz 1880) teilt 
das Kuhländische u. a. seine äe und äo aus mhd. ei ou öu (kühl, 
läem Lehm, bäom Baum, bäem Bäume — Bielitz läem, baom, bäem 
neben böim). Die Endung -en, kühl, -o, lautet in Schönwald wie 
um Bielitz-Biala -a (kühl, halb Haufen, sdppa stopfen — Schönwald 
haufä, Stupa — Bielitz hefa, stopa); auch das Diminutiv -lin, (kühl, 
-la. haiflo Häuschen) ist hi Schönwald -<£}>a (fis<5ha Füßchen), um 
Bielitz -la (trepla Tröpfchen). Die bei v. Unwerth § 137 noch er¬ 
wähnte Mundart von Lautsch bei Odrau, von der .1. Seemüller in 
den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften, 


l ) l>ie bei v. Un werth § 137 gegebene Aufstellung der Eigentümlichkeiten 
dos Kuhländischen bedarf im einzelnen wohl einiger Änderungen. 


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philos.-histor. Klasse Bd. 158, 4. Abhandlung, eine Probe gibt, ist 
als vom benachbarten Sudetenschlesischen beeinflußte Randmundart 
des Kuhländischen anzusehen. 

Meiner Darstellung der kuhländischen Sprache liegt die Mund¬ 
art von Kunewald zugrunde, das mit Zauchtel, dem wichtigsten 
Eisenbahnknotenpunkte des Ländchens, in der Mitte desselben liegt 
und von jeher als der Sitz „erzkuhländischer“ Art und Sitte galt. 
(F. Jaschke, Gesammelte Nachrichten von dem Kühlandel, 1818, § 3 : 
„Die Kunewälder sind die Erzkuhländer; daher spricht man von 
Kunewälder Tracht, Tanz u. ä.“ Nach den Heimatsblättern II 369 
zitiert.) Die Sprache dieses Ortes darf wohl daher mit dem größten 
Recht als typisch für das Kuhländische überhaupt angesehen werden, 
um so mehr, als Vergleiche mit eigenen und fremden Aufzeichnungen 
aus anderen Dörfern und nicht zuletzt mit den Meinertschen Liedern 
mir die Einheitlichkeit der Kuhländler Mundart — trotz natürlich 
vorhandener lokaler Eigentümlichkeiten — bestätigten. Meine Absicht, 
die Sprachproben von Kunewald möglichst reichlich mit solchen aus 
anderen Dörfern des Kuhländchens zu vergleichen, erwies sich leider 
zur jetzigen Kriegszeit als undurchführbar — liegt doch das Ländchen, 
wie eingangs erwähnt, an der Nordbahnstrecke Wien—Krakau—Lemberg 
und somit an der Hauptheeresstraße Österreichs nach Rußland! Ein 
Umherziehen von Dorf zu Dorf erschien nicht mehr ratsam, nachdem 
ich am eigenen Leibe hatte übel erfahren müssen, daß man dadurch 
leicht in den Verdacht der Spionage kommen kann. Ich mußte daher 
auch die beabsichtigte genaue Feststellung der Grenzen der kuh¬ 
ländischen Sprache einstweilen unterlassen. 

Die folgende Darstellung der Mundart beschränkt sich auf die 
Lautverhältnisse, streift jedoch gelegentlich auch die Formenlehre. 
Die Lautschrift ist im allgemeinen die in den Mitteilungen der 
Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde zuletzt (1915) vorgeschlagene. 
Die Belege entstammen durchweg eigenen Aufzeichnungen. 


Zur Einführung in die Volkskunde des Kuhländchens können die nach¬ 
genannten Schriften dienen, unter denen ich die von mir für diese Arbeit mit 
herangezogenen näher bezeichne: 

K. J. Jurende, Über das Kuhländchen, in dessen Kalender „Mährischer 
Wanderer 1 ', Jahrg. 1809. 

*J. <i. Mt-inert, Alte teutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens, 
Wein und Hamburg 1817. Neudruck vom Deutschen Volkslied-Ausschuß 


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für Mähren und Schlesien, mit Biographie Meinerts von J. Götz. 
Brünn 1909. 

F. Jaschke, Gesammelte Nachrichten von dem Kühlandel, 1818. Manuskript¬ 
werk (im mährischen Landesmuseum in Brünn). 

•J. Enders, Das Kuhländchen. Eine geographisch-ethnographisch-historische 
Schilderung, Neutitschein 1868. 

•W. Müller, Beiträge zur Volkskunde der Deutschen in Mähren, Olmütz 1893. 
# F. Held, Das deutsche Sprachgebiet von Nordmähren und Schlesien. Brünn 
1896. (Karte!) 

*J. Ullrich, Handkarte des Bezirks Neutitschein. Neutitschein, bei Enders. 

(Berücksichtigt auch die sprachlichen Verhältnisse.) 

*H. Schulig, Meine Heimat, das Kuhländchen. Jägerndorf 1908. 

# Unser Kuhländchen, periodische Blätter für Volks- und Heimatskunde, Neu¬ 
titschein, seit 1911. 

J. Ullrich, Volkssagen aus dem Kuhländchen. Neutitschein und Wien (ohne 

Jahreszahl). 

E. Frank, Untersuchungen über das Kuhländler Rind, Breslau 1903. (Druck 

von Friedrich Stollberg, Merseburg.) 

Weitere Literatur ist bei Schulig (im Anhang) und in den Heimatsblättern 
zu linden. 

iSchuligs Buch und die Heimatsblätter „Unser Kuhländchen“ sind fortan 
in der Breslauer Stadtbibliothek erhältlich, Meinerts Lieder sowohl in dieser 
wie in der Universitätsbibliothek.) 

Außer den bezeichneten Spezialschriften habe ich noch folgende Hilfs¬ 
mittel vielfach benützt: 

M. Lexer, Mittelhochd. Handwörterbuch. 

— Mittelhochd. Taschenwörterbuch, 11. u. 12. 

Benecke, Müller und Zarncke, Mittelhochd. Wörterbuch, Leipzig 1854—61. 
Deutsches Wörterbuch. 

F. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 7. Stra߬ 

burg 1910. 

H. Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik. 8. Halle 1911. 

W. Wilmanns, Deutsche Grammatik. I. Band, Lautlehre, 3. Straßburg 1911. 
Th. Siebs, Deutsche Bühnenaussprache, 10. Bonn 1912. 

W. v. Unwerth, Die schlesische Mundart, in Wort und Brauch, 3. Heft. 
Breslau 1908. 

0. Pautsch, Grammatik der Mundart von Kieslingswalde. I. Beiheft der 
Mitteilungen der Sehles. Gesellsch. f. Volksk. Breslau 1901. 

K. Weinhold, Über deutsche Dialektforschung. Wien 1853. 

J. Rank, Allgemeines Handwörterbuch der böhmischen und deutschen Sprache, 
8. Wien und Leipzig 1912. 

Das mitgeteilte Verzeichnis von Spezialschriften bietet nur eine 
kleine Auslese der wichtigsten literarischen Hilfsmittel allgemeiner 
Art. Aber schon der Inhalt der genannten Heimatsblätter „Unser 


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Kuhländchen“ läßt erkennen, daß über das Kuhländchen bereits eine 
rührige Heimatsforschung eingesetzt hat. Diese lehnt sich haupt¬ 
sächlich an die alten hervorragenden Zeugen für Land und Volksart 
daselbst, Jurende, Jaschke und Meinert an, und weist in ihren 
Reihen verdiente Männer auf wie den rührigen Sammler Stephan 
Weigel in Neutitschein (den besten einheimischen Kenner des Kuh- 
ländchens), den Herausgeber der Heimatsblätter Alexander Hausotter 
und den besonders durch seine mundartlichen Erzählungen verdienten 
Schuldirektor Emil Hausotter, sowie auch den um die Sammlung 
und Aufführung alter Kuhländler Weisen und Tänze bemühten Lehrer 
F. Kubiena, denen ich allen für freundliche Förderung meiner 
dortigen Studien zu Dank verpflichtet bin. In besonderem Grade 
gebührt dieser jedoch meinem hochverehrten Lehrer Herrn Professor 
Dr. Theodor Siebs, der die vorliegende Arbeit angeregt und mit 
seiner Teilnahme freundlich begleitet, wie auch Herrn Professor 
Dr. Wolf von Unwerth in Marburg, der sie gewissermaßen ans der 
Taufe gehoben hat. 


I 


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<t>l 


Vorbemerkungen 

über den Lautstand und die Aussprache der Mundart. 

1. Vokale. 

a) Kurze Vokale. 

a ist kurz und hell wie in bühnendeutsch (bd.) „Mann“. 

e ist kurz und offen wie in b/1. „hell“. (NB. Für überoft'enes e. 
zwischen e und a, habe ich öfters er, auch .00 gesetzt.). 

e ist kurz und geschlossen, etwa wie in bd. „Kemenate“ (kerne, 
näta), mit Neigung nach i (Meinert schreibt dafür ei, z. B. 
Streimperlai = Sdremplan Striimpfchen). 

o ist der schwache (gemurmelte) e-Laut in unbetonten Silben 
(ba-, ga-, -a). 

i ist kurz und neigt, besonders.im Diphthong ie, zu geschlossener 
Aussprache, etwa zwischen bd. „mit“ und „Spital“ (mit — 
Spitäl). Übrigens erscheint i ziemlich selten, meist ist es durch 
e ersetzt; metiqh Mittag. 

0 ist kurz und offen wie in bd. „offen“. 

0 ist kurz und geschlossen, etwa wie in bd. „Lokalkolorit“ (lokäl- 
kolorlt), mit Neigung nach u. (Meinert schreibt hierfür ou, 
z. B. Gould golt Gold). 

n ist kurz und hell, etwa wie in bd. „Luft“, jedoch selten, meist 
durch 0 ersetzt. 

b) Lange Vokale, 
ist lang und hell wie in bd. „Tat“, 
ist lang und geschlossen wie in bd. „Mehl“. 

<| ist lang und offen wie in bd. „Säle“. (Den häufig begegnenden 
Langvokal, der zwischen Q und ä liegt, habe ich mit [etwa 
= <jr] bezeichnet.) 


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175 


I ist lang und geschlossen wie in bd. „Liebe“, 
o ist lang und geschlossen wie in bd. „Lohn“. 

$ ist lang und offen, im Gegensatz zum bd. langen ö. 
fi ist lang und geschlossen wie in „Huhn“. 

c) Diphthonge. 

In ai sind kurzes a und ganz kurzes helles i eng verbunden. 
Ebenso ist in au kurzes a mit kurzem hellen u eng verbunden. 

Diesen gewöhnlichen Diphthongen stehen die dem Dialekt eigen¬ 
tümlichen äe und äo gegenüber. (Auch Meinert unterscheidet ae ao 
von ai au: 'Maedle Frao mäedlo fräo Mädchen Frau, Waiv Haus 
waip haus Weib Haus.) In äe verbindet sich langes ä mit kurzem 
offenen e, z. B. häem „heim“, äernöl „einmal“ (betont). In äo ver¬ 
bindet sich langes ä mit kurzem offenen o: fräo Frau, Herrin, bäom 
Baum. 

Die Aussprache der übrigen Diphthonge ergibt sich danach aus 
der Schreibung ihrer Bestandteile: le, $e, fle (flo) üo, ae, ie, ui (ae 
und ie ganz kurz!). Beispiele: kle<£ti Kirche, $em arm, wflerf Wurf, 
gdrüo Stroh, tsubrae^ljo zerbrechen, kieneöh König, fuim neben füorm 
Form. 

Neben f>er hört man oft oier, neben üer (üar) auch uir (ui(e)r). 
Ich hörte diese i-Aussprache vielfach bei jüngeren Frauen. Die 
älteren Leute sprechen §er und üer (üer), wie auch Meinert oe und 
ue schreibt (foen „fahren“, kuez „kurz“). 

2. Konsonanten. 

a) Gutturale und Palatale, g j <<j} k h entsprechen ,den 
betreffenden bühnendeutschen Lauten: bd. „gut, Jahr, acht, echt“ 
etc. 

g ist stimmhafter velarer Reibelaut und entspricht dem qIjl wie j 
dem <5h, z. B. äogoblek Augenblick. 

b) Labiale, b p w f entsprechen den betreffenden bühnen¬ 
deutschen Lauten. 

v ist bilabialer, stimmhaftei Reibelaut, z. B. sdäve sterben, 
b Stimmloses b erscheint namentlich in der Verbindung sp = sb, 
z. B. Sbaldo spalten. 

c) Dentale. dtsf§ wie im Bühnendeutschen. 

f ist stimmhaftes 8, stimmhafter postalveolarer Reibelaut, z. B. 
mtjrfl Mörser. : 


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17(5 


d Stimmloses d erscheint in der Verbindung st = sd: Sdoek stark. 

d) Nasale, m n n wie im Bühnendeutschen. (Silbisch: ip p », 
nur in besonderen Fällen bezeichnet.) 

e) Liquiden, r und 1 kennt der Dialekt in der gleichen 
Qualität wie das Bühnendeutsche, indes erscheinen beide häufig ver¬ 
ändert. 

r ist reduziertes r, oft fast vokalisch (e-ähnlich). 
t ist der sehr häufige velare Vertreter für 1. 

(Silbisch: r, 1, nur in besonderen Fällen bezeichnet.) 


I. Die Vokale. 

1. Die mittelhochdeutschen kurzen Vokale. 

§ 1. mhd. a. 

1 . mhd. a ist im Dialekt meist zu o entwickelt, namentlich vor 
mhd. Geminaten, vor Konsonantenverbindungen und vor sch. womp 
Bauch, komp Kamm, (irofe abraffen, krope Krapfen, lots Latz, kotp 
Kalb, kosta Kasten, bonfip Bansen (Lagerraum in der Scheune), lomp 
Lampe, ofc Esche (mhd. asch), posa passen, flonst. verzerrter Mund, 
Zerrmaul (mhd. vlans), opl Apfel, osp Espe (mhd. aspe), olp Alp, 
hombuos Amboß (mhd. aneböj), flora Flamme, Snora schnarren, sbona 
spannen, Sofa schaffen, Solk Schalk, sukora Schubkarren, Smotsa küssen, 
gos Gasse, tos weibliche Scham, Frauenzimmer, wosr Wasser, rots 
Ratte, wose waschen, floß Flasche. 

Nur ausnahmsweise erscheint o auch bei mhd. einfacher Kon¬ 
sonanz: gafotr Gevatter, tsoraa zusammen, drop Trab, komm Kamin, 
kolendr Kalender. 

tote schwatzen ist erst nhd. (schlesisch tallen aus älterem dallen, 
vgl. Grimm u. Kluge „dahlen“). 

2. Sehr häufig ist mhd. a zu 9 gedehnt, namentlich bei Wörtern 
auf -er, -el, -ein, -em und bei einfacher Konsonanz, auch wenn diese 
mhd. auf den Auslaut beschränkt ist. sn$vl Schnabel, h$vr Hafer, 
l 9 tr Vater, t$k Tag, fnk Sack, m$la mahlen, sd^l Stall, s(if Schaff, 
119 s Hase, ts^spl Zaspel, w$t Wade, d 9 Qlj Dach, m^n Mann, ts^pln 
zappeln, ts^m zahm, gröt gerade, hiimr Hammer, h$n Hahn, h§dr 
Hader, t$dln tadeln, u$s Nase, f(>t satt, lernet Sammet, sn(>tn schnattern, 
f(>t soll (zu mhd. sal), 9 ab, an, $dr (§vr) aber, fijfnoqht Fastnacht, 


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177 


p<)pl Pappel, kw$l Quelle (zu mhd. quäl), kymr Kammer, l$t Lade, 
kl^pr Klapper, k(>n kann, rfipan geräuschvoll arbeiten (mhd. raffeln): 
remrqpan her um wirtschaften, r^dwr Radwer, rr>te<£h Unkraut im Korn, 
§lypr Schwatzmaul (mhd. slappern = klappern), sdrywln strampeln 
(mhd. strabeln). 

In einsilbigen Wortformen findet sich diese Dehnung auch vor 
mehrfacher Konsonanz, z. B. (ist Ast, S$ft Schaft, smfits Kuß. 

töfl Tafel ist wie mhd. ä entwickelt. 

3. Vor r ist Diphthongierung zu ye (oie, vgl. Vorbemerkungen lc) 
eingetreten, mit Reduktion des r vor nachfolgendem Konsonanten: 
gyern Garn, gyerf Garbe, gyersdeöh garstig, gierte Garten, sbyern 
sparen, sn^e^ha schnarchen, Syer Schar, syerf scharf, fyern fahren, 
yema Arm. (Bei Meinert z. B. woem „warm“.) 

Auch pyer Paar und klyer klar haben im Schlesischen mhd. 
kurzes a. 

Kurzes o vor r zeigen kwoek Quark, moek Markt, sworts schwarz. 

4. Die mhd. Lautgruppe -age- ist zu yer entwickelt: klyern 
klagen, myert Magd, f$ern sagen, tryern tragen (oie), tciern tagen, 
Tag werden, jyern jagen, wyern Wagen (pl. wöörn), inner mag (e^h 
rayeran nl ich mag ihn nicht; r vor Konsonanten: e<^ myer ni* ich 
mag nicht), gaslyern geschlagen, nyerl Nagel. (Bei Meinert Moed 
„Magd“, foen „sagen“ etc.) Dagegen frtsyga verzagen. " 

5. mhd. a ist erhalten 

a) vor bloßem ch und k, soweit keine Dehnung eingetreten ist: 
kaclfi Kachel, bak Backe, baka backen, layjja lachen, macl>a machen, 
ganak Nacken, akr Acker, hak Hacke; ausnahmsweise auch in akst 
Achse (sonst vor ch (k) mit folgendem Konsonanten o (vgl. 1): troqljt 
Tracht, floks Flachs, oksl Achsel, wokst Wachs, woksa wachsen, noqlff 
Nacht, o<jl)te acht, slocljta schlachten, frsmo^ta verschmachten, und 
im Präter. gutturaler Verben mit sogen. Rückumlaut: gadokt gedeckt, 
gasdrokt gestreckt, gasmokt geschmeckt, gasdokt gesteckt, garokt ge¬ 
reckt, analpg gasopt geschöpft); 

b) vor n -f- g, n -+- k: ai»l Angel, krank krank, dank Dank, 
gana gegangen, gedran eng (adv.), gafana gefangen, tsan Zange; 

c) vor n H- d, n+t, n z: Sant Schande, ant Ente, swants 

Schwanz, lant Land, bant Band, tantse tanzen, hant Hand, kantsl 
Kanzel, gesdanda gestanden, gants ganz, analog auch in rantsa Bauch, 
Ranzen (mhd. rans); i : 

Mitteilungen ü. Schles. Ge«, f. Vkde. Bd. XIX. 12 


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178 


d) vor ld, lt, lz: walt Wald, falde falten, Sbatda spalten, altr 
Altar, falls Salz, halt bald, kalt kalt, gasdatt gestellt, hergerichtet, 
halde halten (hiel da gos! Halt den Mund!). 

§ 2. mhd. e (und ä). 

1 . mhd. e ist meist erhalten: hemt Hemde, teii]n dengeln, nets 
Netz, fetsa setzen, sdeka stecken, Slenkrle<$l) Perpendikel („Schlenker- 
ling“), smeka schmecken, swel Schwelle, sbera sperren, sepa schöpfen, 
fet fett, flerna weinen, dera dörren, deuka denken, ernt Ende, estre^j) 
Estrich, deka decken, eck Ecke, lesa löschen, bet Bett, bek Bäcker 
(zu mhd. becke), lefl Löffel, hena hängen, kelvr Kälber, esl Nessel 
(über Abfall des n durch Lautabtrennung s. § 40); zu welr welcher? 
vgl. Paul § 43 Anm. 3 (das Relativum lautet därda, dlda). 

2. Bei Dehnung ist e die Regel: efl Esel, wedl Wedel, tsedl 
Zettel, söml Schemel, gejr gegen, gahö^h Gehege, heva heben, lenloQl^t 
Sehnsucht, edl edel, enenkl Enkel (mhd. enenkel), drtsela erzählen, 
döna dehnen, bagrepnis Begräbnis, knöbl Knebel, reda sprechen 
reti<4) Rettich, bletr Blätter, rödr Räder, ket Kette, siech Schläge, 
grevr Gräber, ledeölji ledig. 

. 3. Vor r wird mhd. e zu 9 , unter Reduktion des r vor folgendem 
Konsonanten: gQrt Gerte, hervast Herbst, h^rverech Herberge, sdQrk 
Stärke, f^rte^li fertig, Qrva erben, (jrn Fußboden, dQrm Därme, drnQrn 
ernähren, kQrts Kerze, wtjrn wehren, aber war Wehr, Flußwehr. 

4. Die Lautgruppe -ege- ist zu Qr entwickelt: tr^rt trägt, %-t 
sagt, Qrda Egge (mhd. egede), Ujrn legen, (part. praet. galijrt). Da¬ 
gegen gahe<£l) Gehege, kejl Kegel, etc. 

5. Sekundärumlaut (mhd. ä) wird zu a, gedehnt ä, fo harf herb, 
fasr Fässer, haksa pl. Haxen, Beine, fät Pferd, gävr Gerber, äwas pl. 
Erbsen, äda Ernte, §äma schämen, (>fäwa abfärben, äwedl) verkehrt 
(mhd. äbich, vgl. schlesisch „ebsch“ = verrückt, eingebildet) und die 
Diminutiv- und Komparativformen, soweit sie nicht Primärumlaut 
haben: kastla Kästchen, kraplan pl. kleine Krapfen, Pfannkuchen, 
randla Rändchen, bandla Bändchen, §4 an< ^ 8 F^ Ständchen, gläfla 
Gläschen, häfla Häschen, gätla Gärtchen, betSdätla Schlafstätte, käovla 
Kälbchen; nasr, dam nasta nässer etc., glatr, dam glatsta glätter etc., 
aber tjrmr ärmer, lenr länger, (jijr ärger, eldr älter. 

6 . Vor Gutturalen und Palatalen wird ä zu ae bezw. äe: maeksl 
Mächsel (zu machen), waeöl)tr Wächter, kwäeglan „Quärglein“, kleine 
runde Käse, baenkla Bänkchen, näe<Jl)ta gestern abend, naeka necken. 


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17 ‘> 


# 


7. Die Lautgruppe -üge- wird durch äe vertreten, mit einigen 
Schwankungen: mäedlo Mädchen, täedija hin und her reden (mhd. 
tägedingen, teidingen, vgl. verteidigen). wT>rn pl. Wägen (§ ], 4), 
naiel pl. Nägel, nala Nägelchen (mit Kürzung); auch geträet Getreid e 
schließt sich dieser Entwicklung an (wie überhaupt gesamtschlesisch, 
vgl. v. Unwerth § 110). 


§ 3. mhd. e. 

1 . mhd. e ist gewöhnlich zu a, in den meisten Fällen unter 
Dehnung zu ä entwickelt, letzteres gilt namentlich vor Gemination 
außer 11 . 

a: mas Messe, malka melken, hats Herz, mats Metze, klat 
Klette, kala Kerl, sdalts Stelze, träte tretlen, sdape steppen, fanstr 
Fenster, frgase vergessen, faspr Vesper, fräse fressen, falt Feld, fafr 
Pfeffer, ar (här) er. drase dreschen, ase essen, lawündeeh lebendig, 
batln betteln, wat Welle, astr desto (zu mhd. düster, wohl wie es 1 
§ 2, 1 durch Lautabtrennung, etwa aus oiwlastr „und desto“ ent¬ 
standen), gwastr Schwester, masr Messer und talr Teller haben sich 
auch sonst im Schlesischen der Entwicklung' von e angeschlossen. 

ä: mal Mehl, gäma gähnen, däm dän dem den, bär Har, Eber, 
war wer, wätr Wetter, wän werden, sdätsa Pflugsterzen, ganäle ge¬ 
nesen, tsän zehn, gasän geschehen, gän gern, gän geben, gäst Gerste, 
galäft gelebt, gäl gelb, hat Herd, här her, träspa Trespe (Unkraut 
im Korn) jäte jäten, latän Laterne, sdrän Strähne, smär Schmer, 
kräves Krebs (mhd. krebej). 

2 . Vor ch- und k-Lauten gilt ae bezw. äe: snaek Schnecke, 
flaedht Flechte, (griech. nXenrij)^ sdaeke Stecken, tswaek Zweck, 
läe<Jhts 3 sechzehn, slaeöht schlecht, sneke<£h scheckig, faeöhto fechten, 
drsdaeöha erstechen, laeke lecken, drlaekst ausgetrocknet, verschmachtet, 
blae^l) Hlech, rae^ht richtig, braeche brechen; wäek Weg, lüe<£h Säge, 
fläek Fleck, brostfläek Leibchen, dräek Dreck, bäeölit Pech, räedlie 
rechen, räedht rechtsseitig, s fäeöh (das) Pflugmesser (mhd. sech), fäeöh 
Felge. Eine ähnliche Entwicklung zeigt auch das Oberdörfische (vgl. 
Pautsch, §40), wie überhaupt das Kuhländische im Vokalismus der 
Stammsilben vielfach Ähnlichkeit mit dem Glätzisehen hat (bisher 
mhd. a > »7 § 1 , 2 , mhd. e > e [> Q vor rl § 2 , 2 u. 3 ). äe zeigt 
auch kläewe kleben, part. kläeft geklebt (zu mhd. kleben, nicht kliben, 
welches ai entwickelt haben müßte, s. § 11 ). 

3 . Mitunter ist e erhalten, namentlich vor 1- und r-Verbindungen: 

«• 


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180 


gett Geld, helfe helfen, weit Welt, wela wollen, gelda gelten, kele 
frieren (mhd. keilen), z. B. s kelt meqh of de fenr es friert mich an 
die Finger. 

Bei Dehnung gilt in diesem Falle Q: je Segen, tleja pflegen 
(gatleöht), bewöje bewegen, nweje abwägen, wtjrmert, Wermut, s§r 
Schere, swijrt Schwert, sdtjrtse den Dienst wechseln (mhd. sterzen). 

4. Die Lautgruppe -ege- ist mit Kontraktion zu äe (gekürzt a) 
entwickelt: laens Sense, räen Regen, ran regnen, bagan begegnen, 
galan gelegen. 

§ 4. mhd. i. 

1 . mhd. i klingt im Kuhländischen meist wie geschlossenes e: 
destl Distel, ausgade» Ausgeding, went Wind, wenkl Winkel, bient 
blind, betr bitter, benda binden, breiia bringen, krestkendla Christ¬ 
kindlein, lenfa pl. Linsen, rent Rind, reifte richten, wek Wicke, 
tsens Zins, tseplmets Zipfelmütze, tsweSa zwischen, tsenka pl. Zinken, 
gafeöht Gesicht, gafent. Gesinde, hendmis Hindernis, henka gien hinken, 
hena hinnen, heml Himmel, nepa einnicken, teslr Tischler, trenka 
trinken, fe<$ljr sicher, fetsa sitzen, fena singen, felwr Silber. (Meinert. 
schreibt hier stets ei: Seilver, speinne „Silber, spinnen“.) 

Auch die Endung -ig (mhd. -ic, -ec) lautet regelmäßig 
z. B. %te<^), vertebh, g^ersdeöli fertig, artig, garstig. — smet Schmiede 
und raeli^h Milch zeigen sogar offenes e. 

2 . Während die gewöhnliche Entwicklung i > e mit dem 
Glätzischen übereinstimmt, ist bei Dehnung Diphthongierung zu Je die 
Regel: rief Rippe, mle<$ti mich (betont), mlet mit (betont), ralest 
Mist, tswievl Zwiebel, gasbiet Gespielin, Brautjungfer, gawies gewiß, 
gievf Giebel, hlen hin, nledrdef Niederdorf, l'ieva(na) sieben, sraiera 
schmieren, smlet Schmied, ädleft Stift, Snletliöh Schnittlauch, slieta 
Schlitten, srlet Schritt, Sief Schiff, fiel viel, llet Deckel (mhd. lit.), 
z. B. kälrliet Kellertür, bödmllet Bodentür, fiep Sieb, wleda pl. Wiede 
(mhd. wit), due^lledn vergerben, durchprügeln (mhd. lideren neben 
lederen). 

8 . r wird bei Dehnung reduziert: klers Kirsche, wiert Wirt, 
sbietsa spucken (mhd. spirzen), hlerS Hirse, tslerkl, Zirkel, gabie<£h 
Gebirge, kiermas Kirmeß. sierf Scherbe, kle^h Kirche, wierka wirken, 
gaSmiert geschmiert. (Meinert schreibt einfach ie, z. B. Wietein 
„Wirtin“). 

4. Auch monophthongische Dehnung findet sich; e besonder? 
vor <di, j, s: weg Wisch, gasdeja gestiegen, tsech Ziege, tes Tisch, 


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LSI 


sde<£h Stich, swejrfötr Schwiegervater, knet.se drücken, kneten, quetschen; 
I vor (dial.) n: kln Kinn, blnr Bienenzüchter (zu rahd. bin), golln 
geliehen, auch in ni (ni) nicht u. fik Sieg. 

5. Die participia praeteriti der 1. Ablautsreihe haben teils e, 
teils le (e): grefa gegriffen, garesa gerissen, gabesa gebissen, gasle^ha 
geschlichen; Te bei den Verben auf bgdtn: garieva gerieben, gasdeja 
(vgl. 4) gestiegen, galleda gelitten, garieta geritten, gasiena geschienen. 

6 . Abweichende Bildungen: fbs Fisch, pl. fes, Analogiebildung 
zu pös Busch, pl. pes; wüthop Wiedehopf stimmt zu älterem wudhup 
(steirisch Wudhup(f), in Schleital i. Elsaß Wutthahn), nach Suolahti 
(„Die deutschen Vogelnamen“, Straßburg 1909) onomatopoetisch. 

$ 5. mhd. o. 

1 . mhd. o ist meist zu ö gedehnt (wie gebirgsschlesisch-glätzisch): 
knöta Knoten, gaböt Vorladung, gröp grob, göt Gott, höfa pl. Hosen, 
höne<Jh Honig, töchtr (halblang!) Tochter, töeht taugte, sböt Spott, 
fnt voll, dönan donnern, ötr Otter, öva Ofen, öbast Obst, dön Zug 
(ai äenr dön in einem Zuge, immerfort, mhd. don Spannung), loch 
Loch. 

ebr- Ober- (in Zusammensetzungen, z. B. ebrdef Oberdorf) ist 
wohl umgelautet. 

2. Vor r tritt Diphthongierung ein (pe, glätzisch p): köerti 
(koiern, vgl. Vorbemerkungen l c) Korn, töer 'l'or, dyerf Dorf, k<)erp 
Korb, mpern morgen. Die Kürze bleibt erhalten in gafoe^it ge¬ 
fürchtet, morja Morgen. 

3. Die Lautgruppe -oge- ist zu töer (oier) entwickelt: gaflöern 
geflogen, gatsöern gezogen; aber gaböga gebogen, gawöga gewogen. 
(Die Entwicklung ist demnach die gleiche wie im Oberdörfischen, 
vgl. Pautsch, § 44). 

4. Bei erhaltener Kürze gilt o, oft zu p verdunkelt: golt Gold, 
knop Knopf, wolwl billig („wohlfeil“), forna vorn, et£h kont ich 
konnte, rar kondn, woldn, foldn wir konnten, wollten, sollten (sonst 
praet. selten!), sokjn schaukeln (mhd. schocken), fotdöt Soldat, glok 
Glocke, folk Volk, pks Ochs, rpsdl Pferdestall („Boßstall“), rptsa 
rotzen, wwjli Woche, sdopa stopfen; kuma kommen hat sogar u. 

Vor r tritt in diesem Falle ui ein: uigl Orgel, fuim (neben 
fuarrn) Form. 

5 . Die mittelhochdeutsch auf o lautenden participia praeteriti 
der II., III. und IV. Reihe haben in der Mundart teils p, teils ö : 


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kroctya gekrochen, gadroSa gedroschen, gösa gegossen, ganösa genossen 
(letztere beiden halblang!), gaföta gesotten, gaböga gebogen, gasdöla 
gestohlen, gawöga gewogen (dieses aus der V. in die II. Klasse über¬ 
führt). In gasduava gestorben ist o ganz zu u verdunkelt. 

<*. Besondere Entwicklungen: Neben doch „doch“ erscheintauch 
deöh, de^hr, z. B. mper deöh raags doch! Von mild, solch ist die 
Nebenform sülch zu feöha „solche“ entwickelt; über feta = „fotane“ 
solche vgl. Th. Schönborn, das Pronomen in der schlesischen Mund¬ 
art, § 87 (Wort und Brauch, Heft 9) und Zeitschr. f. deutsche 
Philologie, Bd. 4(>. S. 187. diet „dort“ ist vielleicht umgelautet. 

§ 6. mhd. u. 

1 . mhd. u erscheint meist erhellt als o (wie auch im Glätzischen): 
ir.ontr munter, wondr Wunder, gadonka Gutdünken (mhd. gedunc), 
tspkr Zucker, tson Zunge, gront Grund, font Pfund, gonst Gunst, 
hondrt hundert, dplda dulden, jomfr Jungfrau, liopa hüpfen, hont 
Hund, honr Hunger, polwr Pulver, notsa Nutzen, tomp dumm, tonkl 
dunkel, ton Tonne, tronk Trunk, fomp Sumpf, Ion Sonne, ron Runge, 
of auf (unbetont). 

u ist namentlich vor k und ch zu hören: kluk Gluckhenne, 
fuks Fuchs, dusdre<£h durstig, frsluka verschlucken, fup Suppe, snupa 
schnauben, kuchl Küche (zu mhd. kgche), kuka neugierig schauen 
(„gucken“); ebenso im Rückumlaut schwacher Verben: «"»gaflukt ab- 
gepflückt, ausgasut ausgeschüttet, gadrukt gedrückt, gabukt gebückt, 
frrukt verrückt. 

Auf Entwicklung durch Umlaut (§ 8) weisen: rem herum, nes 
Nuß, (wohl aus dem Plural), templeöh Dummkopf (mhd. tumplich), 
pekleöli bucklig, keparn kupfern, jeka jucken, seleeli schuldig, finkle<jh 
funkelnd, linövat Sonnabend. 

2 . Vor r gilt üe (ui), meist unter Reduktion des r: füeröl^ 
(fui('di) Furche, büarn (buirn) Born, Brunnen, wüarf Sensenstiel, güart 
Gurt, düech durch, gabüart Geburt, füerts (uie) Furz. (Meinert 
schreibt bloß ue, z. B. kuez kurz). 

3. Die participia praeteriti der III. Reihe haben p: gabpnda ge¬ 
bunden, gasbona gesponnen, gasonda geschunden, gaslona geschlungen, 
kwona bezwungen. 

4. Bei Dehnung erscheint ö, üo und ü: öf auf (betont), föutiöh 
Sonntag, sdöf Stube, pöfi Busch, jüot Jude, küogl Kugel, ffton Sohn, 
slüs Schluß, garüt^h Geruch, kümat Kummet, lük Lüge, trügt Truhe. 


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183 


Sme<£h Schwiegertochter (mhd. snurche) weist auf Entwicklung durch 
Umlaut, ebenso gasnledr Schnupfen (zu mhd. snuderen), vgl. § 8, 2. 

§ 7. mhd. ö. 

1 . rahd. ö erscheint als e: serts Schöps, tep Töpfe, tlek Pflöcke, 
fres Frösche, älesr Schlösser, ke<£hen Köchin, rekte Röckchen, un- 
kestn Unkosten, fele<Jh völlig. 

2. Bei Dehnung gilt e: fejl Vögel, hewleöh höflich, gewenle<£h 
gewöhnlich, heften Höschen, emerte schwaches Kind (mhd. ome 
Spreu, überhaupt etwas Unbedeutendes). 

3. Vor r gilt e c : kervte Körbchen, hQrnla Hörnchen, ijrtte kleines 
eigenes Besitztum („Örtchen“). 

NB. Die Entwicklung ist demnach dieselbe wie im Glätzischen. 

§ 8. mhd. u. 

1 . mhd. ü erscheint wie im Glätzischen gewöhnlich als e: keölj 
Küche (zu mhd. küche, vgl. § 6, 1), heps hübsch, melnr Müller, 
gabrest „gebrüstet“, stolz, kets Schürze (mhd. kiitze), glek Glück, 
templ Tümpel, sdek Stück, slepreöh schlüpfrig, dreka drücken, tsepD 
mcts Zipfelmütze, äeletseöh einzeln (rahd. einliitzec), letslwais stück¬ 
weise, eines nach dem andern (rahd. liitzel); offenes e haben Sesl 
Schüssel, hetlr kleiner Häusler („Hüttler“, mit eigenem Haus, aber 
gepachteten Feldern), lekeöli lückig (z. B. s köern is hair leke^h 
das Korn hat dies Jahr schwache Ähren); daneben erscheint auch i, 
z. B. kisa küssen, kit Schar, Haufen (Herde, mhd. kütte). 

Ansatz zu Diphthongierung zeigen sieta schütten, sietln schütteln, 
kienedh König, fiepas fürbaß, vorwärts (sämtlich mit ganz kurzem 
Diphthong!). 

v. Bei Dehnung tritt Diphthongierung zu le ein: krlept Krüppel, 
tiekl Edelstein (mhd. türkel), tlekltauf Turteltaube, mlel Mühle, 
sdievla Stübchen, sletsla Dachvorsprung als Giebelschutz (mhd. 
schürzelin), levr über, Tevl übel, Sdrietsl Striezel, jleden Jüdin, blet 
Bürde, hievt Hügel, 

len Söhne, teja taugen, meja mögen, kena können, gena gönnen 
sind wohl über mhd. ö entstanden (vgl. Pautsch!). 

3. Vor r erfolgt die Dehnung und Diphthongierung (letztere 
hier nicht immer deutlich!) wieder unter Reduktion des r vor Kon¬ 
sonanten : gletl Gürtel. sdTrts Stürze, sletsla Giebelschutz („Schürz- 


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chen“), §ierja schieben („scluirgen“), birSt Bürste, wiemIo Würm¬ 
chen, fe^li drbien (mhd. erbfirn erheben) sich erholen, fe<d> fiedn 
sich „federn“ = sich beeilen (mhd. vürdern), flrwost Schuh-Oberleder, 
Putzleder (mhd. färben putzen), tlr Tür, fir für, vor. (Meinert 
schreibt einfach ie, z. B. wiede „würde“.) 

In terla Türchen, fe^to fürchten bleibt die Kürze erhalten. 


2 . Die mittelhochdeutschen langen Vokale. 

§ 9. mhd. ä. 

1 . mhd. a ist durch 5 (wie gebirgsschlesisch-glätzisch) vertreten: 
möntiqh Montag, amöl einmal (unbetont), höt hat, hfiko Haken, Ruhr¬ 
haken, gotön getan, blö blau, grö grau, gröf Graf, töpan tapern, 
töqljt Docht (mhd. tälit), iiöqI} nach, nölt Nadel, Sbön Spahn, sdröf 
Strafe, Slöfa schlafen, söf Schaf, swögr Schwager, frröt Verrat, frögo 
fragen, döqht dachte, jöman jammern, ös Aas, övet Abend (tsövats 
abends, bei Meinert z ’Obed), klö Klaue, plö Plaue, krö Krähe, tröm 
Balken, dröt Draht, mölo malen, sdöl Stahl, mös Maß, sböt (adv.) 
spät, lön lassen, möfn Masern, und wohl auch böcl^t Schimpfname, 
besonders auf ungezogene Kinder (mhd. bäht Kot, Kehricht, Unrat). 

5 zeigen u. a. tot, loldöt Tat, Soldat, sbinöt Spinat, tsolyt 
Salat, nylt Ahle. 

Kürzung erscheint in hon haben (mr hon, fa hon), bopst Papst, 
nokwr Nachbar, host hast, slofa gien schlafen gehn. 

2 . Vor r gilt §e (oie): j$er Jahr, wyer wahr, kyert gekehrt, 
gal$ert gelehrt, gelernt (zu mhd. gekärt, gelärt). 

3. Abweichende Bildungen: pöka schreien (mhd. bägen) ist wohl 
ebenso wie gräts Schritt und grätsa schreiten durch Umlaut zu er¬ 
klären (§14; mhd. grat = lat. gradus, pl. graste). 

§ 10. mhd. e. 

1 . mhd. e ist bei konsonantischem Auslaut zu Ie diphthongiert: 
wlene<*h wenig, grledl gepflasterter Gang am Hause entlang (mhd. 
grede), krien Meerrettich, gien gehen, Sdlen stehen, fiel Seele, heröjji 
Lerche, tswlena zwei (männlich, ohne Beziehungswort; weibl. tswüa, 
sächl. tswy). 

2 . Im Auslaut ist ö geblieben: kle Klee, we weh, tswe zwei 


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(männl., mit Beziehungswort; weibl. tswü, sächl. tsw£), auch in enr 
eher, früher. 

3. Vor auslautendem r gilt offenes 3 : m<jr mehr, lijr Lehre, ^r 
Ehre (wie im Glätzischen). 

4. Verkürzung zeigen tsin Zehe, pl. tsina, erst erst. 

§ ii. mhd. i. 

1. mhd. i ist gewöhnlich durch ai vertreten: lai<£h Leiche, lait 
liegt, Iaido leiden, faifo pfeifen, aiveS Eibisch, raist Flachsreiste, 
drbain dabei, snait Schneide, Sdaija steigen, Sraiwa schreiben, srain 
schreien, swain Schwein, sdraito streiten, raitn reutern, sieben, faijo 
seihen, fait Seite, glai sogleich, gaijo geigen, wais weiß, tsailwais 
zeilenweise, taich Teich, goliai Spott (zu mhd. gehiwen), vgl. Grimms 
Wörterbuch ,Gehei‘ = „Hohn“ und ,geheien‘ 3 f, g, woselbst auch 
des Kuhländischen gedacht ist. 

2 . Oft ist dieses ai zu a verkürzt (ae vor <£h): dastl Deichsel, 
dratso dreizehn, am = ai dam in dem, bam = bai dam bei dem, 
wa(e)l weil, fanr feiner, san scheinen, strahlen, frati^ Freitag, smast 
schmeißt, rast reist, rat reitet, laedht leicht, watr weiter, falko 
Veilchen, bast beißt, snat schneidet, gran weinen (mhd. grinen). Die 
Verkürzung zeigt sich also namentlich in Komparativen, im Präsens 
(2. 3. sg., 2. pl.) der dental auslautenden Verben der I. Reihe und 
beim Zusammentreffen von Flexions-n mit Stammauslaut n. 

Abweichend von der Regel bleibt der Monophthong, nur ver¬ 
kürzt, in slisa schleißen, z. B. bam fädn slisa beim Federnschleißen. 
Auch kräfa kreischen stellt ganz abseits von der gewöhnlichen Ent¬ 
wicklung. 

§ 12. mhd. ö. 

1 . mhd. 6 ist gewöhnlich zu üo diphthongiert, zumal in ein¬ 
silbigen Wörtern: grüos groß, tüot tot, trüon Thron, nüot Not, nötig, 
Silos Schoß, sdrüo Stroh, srüot Schrot, brüot Brot, rüos Rose, rüot 
rot, grüosla Großmutter, büos Flachsbündel (mhd. bö$e). 

Daneben erscheint auch ö, so in fistn Ostern, galöla los werden 
(mhd. gelesen), sdöse stoßen, asö so (schles. afü, zu afünb „ein so 
einer“, vgl. Zeitsehr. f. deutsche Philologie, Bd. 4(>, 167); verkürzt 
in Son schon, hokst Hochzeit. 

2 . Vor r gilt fie (öie): köer Chor, rfier Rohr, gah^ert gehört, 
uir Ohr und luirwr Lorbeer werden mit ui gesprochen. 


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§ I3> mhd. fl. ' 

mhd. ü erscheint als an: kraut Kraut, tsaura Zaun, maul Maul, 
häuf Haube, graufle^h abscheulich, kauen kauern (mhd. hören) tauf 
Taube, taufet tausend, faule Säule, faur sauer, sdraus Strauß, kaut 
Kaute Flachs (= 10 Reisten), kaul Kugel, kaule kugeln (mhd. küle, 
killen neben kugel(en), tauvl(-gi) Faßdaube (mhd. düge). — Vor r: 
uir Uhr. 

Bei Verkürzung entstand a, wie in grap „Graupen“, Hagel, 
hafe Haufen, latr lauter (wie auch glätzisch). 

Unregelmäßige Entwicklungen sind u. a.: klaove klauben, müfi<& 
^ Musik, tüfl Dusel (zn mhd. tüzen, vgl. Grimm „dufen“ und „dnleln“), 
müfere<£h mauserig, unwohl (mhd. müjen mausern), dr£ödn er¬ 
schaudern, erschüttert werden; traiunk Trauung und slaidr Schleuder 
sind durch Umlaut über iu entstanden. 

§ 14. mhd. «. 

Dem mhd. ;«• entspricht in der Regel e (so auch glätzisch): 
gleöh Gelege, das Zusammengelegte (mhd. gelange; das Getreide wird 
beim Haun zu losen Häufchen zusammengelegt ai gleje geirrt), tet 
täte (dient zur Umschreibung des Konjunktivs), len säen, feie fehlen, 
dren drehen, kren krähen, sbet spät (adj.), kes Käse, kwel Qual 
(zu mhd. quade), legi Milchgefäß (mhd. la*gel), nenr näher, ge, 
geleöh plötzlich, hastig (zu mhd. gaehe) dret Drähte, sben Spähne 
trem pl. Balken, tööhtla kleiner Docht, fei Pfähle. 

Vor r gilt <*: Swör schwer, jörleöh jährlich. 

ä zeigen lär leer, sdät ruhig, langsam. Vgl. auch § 9, 3. 

§ 15. mhd. «. 

1 . Dem mhd. <e entspricht im allgemeinen le: khefle Klößchen, 
kries Gekröse, sien schön, sdiesr Habicht, bies böse, liefe lösen, 
rieste rösten, trleste trösten, krienle kleine Krone. 

2 . Vor r ist «* entwickelt: hörn hören, sdqrn stören, rörn 
Röhren. 

3. Verkürzung zeigen namentlich Komparative und Superlative: 
sinr. sinste schöner, schönste, grisr, griste größer, größte, retr röter, 
heölir he<jhsta höher, höchste; auch das Präsens des Verbums, z. B. 
Mist stößt. (2 und 3 ähnlich im Glätzischen!) 


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§ i6. mhd. iu. 

1 . mhd. iu (iuw) ist zu ai entwickelt: kaian kauen, tsai(s)t 
zieh(s)t, flai<y,it fliegt, baiöht biegt, haila heulen, haiflr Häusler, hait 
heut, hair dieses Jahr, trai treu, naisirech neugierig, slaiöjile kleiner 
Schlauch, nain(a) neun, taiwl Teufel, aitr Euter, blail Bleuel, blaijn 
bleuen = die Wäsche mit dem Bleuel klopfen, sbraitsle mhd. 
spriuz(e) „Spreize“, Holzscheitchen, aifaian einsauern, laigan (-ern!) 
lögen (zu mhd. liugen), frfaima versäumen (mit Umlaut), gerain reuen. 

2. Der Umlaut fehlt im Gegensatz zum Schriftdeutschen in 
knaul Knäuel, faule Säule, sauma schäumen, slaurae gefallen, Zu¬ 
sagen (unpersönlich gebraucht: s’ slaurat mr es gefällt mir). 

3. Häufig tritt Kürzung zu a ein (ae, ganz kurz, besonders vor 
<£h): gast gießt, genast genießt, san Scheune, nantsa neunzehn, 
fraen(t)soft, frlast verlier(s)t, fräst friert, rae<£ht riecht, lae<Hjit leuchtet 
(laeöht amöl! leuchte mal!), bedat bedeutet, latleutet; also namentlich 
im Präsens (1. *2. sg., 2. pl.) der II. Reihe und vor n, ch und t, 
zumal in dentalen Flexionsformen. 


3. Die mittelhochdeutschen Diphthonge. 

§ 17. mhd. ei. 

1 . Als regelmäßige Vertretung von mhd. ei ist für unsere Mund¬ 
art äe charakteristisch (wie im Oberdörfischen): läem Lehm, mäefl 
Meißel, mäe Mai, wäets Weizen, ech wäes ich weiß, mäene meinen 
gamäen Gemeinde, häela heilen, häelr „Heiler“, Arzt, äenletsec]} 
einzeln (einlützee), räetl Reitel, räetjn reitein, üräets „Anreiz“ (Back¬ 
werkgeschenk zum Taufen), häetsa heizen, häes heiß, häern heim, 
näe, inäe nein, täek Teig, täela teilen, faejr Wanduhr (mhd. seig*re 
von seigen seihen neben sihen, also ursprünglich wohl Sand- oder 
Wasseruhr), laef Seife, häet Heideland, sbäeöh Speiche, bräeta zu¬ 
wegebringen (mhd. bereiten). 

ä in gäsbpk (Ziegenbock, mhd. gei3) Spottname für Schneider, 
ist offenbar über äe entwickelt. 

Ausnahmsweise erscheint ai, z. B. tsaije zeigen. 

Im Auslaut ist ei zu entwickelt: Q Ei, tswij zwei (sächl., vgl. 
§ 10), gasrf> Geschrei. 

2 . Kürzung zu a (ae) zeigt sich namentlich in Komparativformen 
und beim Zusammentreffen von Stamm- und Flexions-n, auch im 


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Präsensdental auslautender Verba: klanr kleiner, dam bratsta am 
breitesten, met da sdan mit den Steinen, aetwa elf, brat, brätst, ga- 
brat, z. B. e<£h brats nl ich brings nicht zustande, e<di hörS ni gebrat 
ich habs nicht fertig gebracht, es ist mir nicht geglückt; oft auch 
e<£h was. du wast ich weil! etc. 

§ 18. mhd. ou. 

Dem mhd. ou (ouw-) entspricht äo (vgl. glätzisch ä!) tsäom 
Zaum, käoft gekauft, geräoft gerauft, häon hauen, täop taub, läop 
Laub, tüof Taufe, säon schauen, äo ä auch, äoch Auge, pl. äoga, 
bäom Baum, fäofa saufen, räodi Rauch. 

äe in käefa kaufen, räefa raufen, gläewa glauben u. a. geht auf 
md. Formen mit öu zurück. Ebenso weist häept Haupt (Teil des 
Pfluges und des Ruhrhakens) auf Umlaut. 

§ 19. mhd. ie. 

1 . Dem mhd. ie entspricht I: knl Knie, tsln ziehen, griwa pl. 
Griefen, gris Gries, slda sieden, Sdir Stir, fllja fliegen, idr jeder 
frlifa verlieren, frlfa frieren, fira vier, bija biegen, krija kriegen^ 
bekommen, brif Brief, llt Lied, batrija betrügen. 

2 . Verkürzung zeigt sich namentlich vor mhd. 5 und ch (h): 
gisa gießen, sisa schießen, slise schließen, lisa das Wetter Vorher¬ 
sagen (mhd. lie$en wahrsagen), ri^lia riechen, li<Jhta blitzen; ebenso 
in nirnt nirgends, denstich Dienstag. 

§ 20. mhd. uo. 

1 . mhd. uo erscheint meist als ü: hüt Hut, müm Muhme, ältere 
Frau, müs muß, glüt Glut, gut gut, lmf Huf, tun tun, sfiql,i Schuh, 
pl. sü, sül Schule, füs Fuß, blüm Blume, tswü(a) zwei (weibl., mhd. 
tswuo neben tswo). 

2 . Die Kürzung lautet u: kiudia Kuchen, mutr Mutter, rufa 
rufen, rat Rute, Sdruta Stute, fludita fluchen, drtsun dazu, bust Bast 
(zu mhd. buost). 

Vor r gilt fla (ui): füar (fuir) Fuhre. 

fnjlie suchen, rif(s)t ruf(s)t beruhen auf Umlaut. 

§ 21. mhd. öu. 

1 . Als legitime Vertretung von mhd. öu erscheint, dem Dialekt 
eigentümlich, äe, das zuweilen in a> (zwischen ä und <j) übergeht: 
räevr (rmwr) Räuber, häepla „Häuptchen“, kleiner Kopf, z. B. a 


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189 


häepla tsolört ein Kopf Salat, da bäem die Bäume, fäema säumen, 
einfassen, gäesl Handvoll (dim. zu mhd. goufe), säevl „Schäubel“ 
(dim. zu mhd. schoup) Strohbündel. Säevld§($ Strohdach. Vgl. außer¬ 
dem § 18. 

2. Die mhd. Lautgruppe öuw ist im Inlaut zu ai, im Auslaut 
zu entwickelt: Im Inlaut hair Heuer, Mäher, frain freuen, frait 
Freude, jedoch sdr^rn streuen; im Auslaut h^ Heu, sdre Streu. Über 
die verschiedene Entwicklung vgl. v. Unwerth § 41. 

§ 22. mhd. fie. 

1. mhd. üe ist durch, I vertreten: brin brennen (intr.), firn 
führen, fri früh, blimla Blümlein, rlf Rübe, krijla Krüglein, grin 
grün, kl Kühe, gllnw-h glühend, rlen rühren, flja fügen, sllan pl. 
Schuhchen, banlma versprechen (mhd. benüemen). 

*2. Die Kürzung lautet i: brita brüten, fitn füttern, lis Füße, 
fisa süß, hita hüten, grisa grüßen, mesa müssen, gitla kleines Bauern¬ 
gut, hitla kleiner Hut, kisdl Kuhstall, prela brüllen. 

In gahut gehütet zeigt sich Rückumlaut. 


4. Übersicht über die qualitativen Veränderungen der* 
Stammsilbenvokale. 

§ 23. Diphthongierung. 

1. Diphthongierung langer Vokale: 

6>le § 10. i > ai §11. ö>üo §12. ü>au §13. m>le 
§15. in > ai § 16. 

2. Diphthongierung kurzer Vokale: 

a) durchgehend: ä > ae (äe) vor ch und k, § 2, 6. e > ae (äe) 
vor ch und k, § 3, 2. i > Te bei Dehnung, § 4, 2. ü > Te bei 
Dehnung, § 8, 2. 

b) vereinzelt: u > üo § 6, 4. ii > ie § 8, 1. 

3. Diphthongierung vor r: 

a) kurze Vokale: ar > 9er (oier) § 1, 3. or>yer (oier) § 5, 2. 
ur > üar (ui(e)r) § 6, 2. 

b) lange Vokale: är>(>er (oier) §9,2. 6 r>ver (oier) § 12 
ür > üar (ui(e)r) § 13. 

4. Die mhd. Lautgruppen age, ege, äge, ege, oge: 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



190 


age > 9 er (oier) §1,4. ege > (jr (tjer) § 2, 4. äge > äe (gekürzt a) 
§ 2, 7. ege > äe (gekürzt a) § 3, 4. oge > <)er (oier) § 5, 3. 

§ 24. Monophthongierung. 

1. Regelmäßig tritt dieselbe ein bei: 

ie>l, i. § 19. uo > ü, u. §20. iie>i, i. §22. 

2. Nur bedingt: 

ei>a bei Kürzung § 17, 2. öu>tj im Auslaut § 2i, 2 . 

§ 25. Umlaut. 

Bezüglich des Umlauts tritt die Mundart oft in Gegensatz zum 
Schriftdeutschen. 

1 . Rein äußerlich ist dieser Gegensatz 

a) beim Diminutiv der a-Stämme: hafte Häschen, faste Füßchen, 
kante Kännchen, tarnte kleiner Damm, speziell auf dem Acker die 
Erhöhungen zwischen den Furchen (ädepltamte = Kartoffel furche), 
kastte Kästchen, safte Schäfchen, hänte kleiner Hahn, napte 
Näpfchen; 

b) bei Komparativen: nasr nässer, glatr glätter. — In all diesen 
Fällen stehen a und ä nur äußerlich zum schriftdeutschen ä im 
Gegensatz, mundartlich sind sie die Umlaute zu 0 und $. 

2. Der Umlaut fehlt 

a) beim part. praet. der schwachen Verben mit ü in der Stamm¬ 
silbe: garukt gerückt, (ga)drukt gedrückt, (ga)bukt gebückt, gahut 
gehütet, ausgasut ausgeschüttet; § 1, 5a. Bezüglich des Präteritums 
vgl. Schlußbemerkung zu § 43. 

b) auch sonst häufig, so bei manchen Nominalstämmen, zuweilen 
auch im Präsens der Verben: nocljte Nächte, knaul Knäuel, faule 
Säule, os Esche, osp Espe, sböt spät (adv.); yfyerva abfärben, sauma 
schäumen, hppa hüpfen, snufjn schnüffeln, wokst wächst, gadran 
gedrängt, eng, da sdrausa Sträuße. 

3. Umgekehrt erscheint der Umlaut mitunter, wo er im Schrift¬ 
deutschen fehlt: hert hart, wöörn pl. Wagen, unkestn Unkosten, ti-ch 
Tage (neben töqh), petstr pl. Polster, traiunk Trauung, kwel Qual, 
kiädl Kuhstall, fieha suchen, rifst rufst, kaian kauen, brain brauen, 
faierai Sauerei, schlechtes Wetter, menkjn munkeln, kaileöh kugelig, 
kullig, jeka jucken, u. a. (§ 6 , 1 pekle^lj bucklig, etc.). 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



191 


5. Die quantitativen Veränderungen der Stammsilbenvokale 

§ 26 . Dehnung. • 

1. In mhd. offener Silbe ist die Dehnung allgemein wie im 
Gesamtschlesischen. 

lytl Sattel, pypl Pappel, snywl Schnabel, küogl Kugel, tswievf 
Zwiebel, gievl Giebel, nyerl Nagel, knebl Knebel, edl edel, efl Esel, 
§eml Schemel, wedl Wedel, redr Räder, bletr Blätter, wädr weder, 
wätr Wetter, läva leben, käwr Käfer, sädl Schädel, swäwl Schwefel, 
lewl übel, t§djn tadeln, niedr- Nieder-, kiefl Kiesel, Swejrfytr 
Schwiegervater, dönr Donner, fädr Feder, ötr Otter (mhd. oter), 
kwändlan pl. Quendel (mhd. quenel), lädr Leder, kymr Kammer, 
hymr Hammer, snytn schnattern, geföte gesotten, rief Rippe (mhd. 
ribe), sdöf Stube, ket Kette (also auch wo durch jüngere Apokope 
später Einsilbigkeit entstand). 

Die Dehnung unterbleibt häufig in mhd. offener Silbe, auf die 
die Endungen -er, -el, -en, -ern, -ein folgen, wie in glatr glätter, 
gmelr schmäler, potr Butter, gafotr Gevatter, Seml Schimmel, heml 
Himmel, witiwr Witwer, tsomo zusammen, kuma kommen, bat ln 
betteln. Eine Sonderstellung nimmt kiene«^ König ein. 

2. In mhd. geschlossener Silbe zeigt die Mundart im allgemeinen 
in folgenden Fällen Dehnung: 

a) vor allen einfachen Konsonanten (im Gegensatz zum Neu¬ 
hochdeutschen auch vor t! vgl. Wilmanns § 239 ff.), ebenso vor ch 
und sch und vor auslautendem pf. Meist sind es einsilbige Wörter, 
auch solche, die mhd. inlautend Geminata zeigen. 

Syf Schaff, Sief Schiff, ryt Rad, glyt glatt, lyt satt, Sdyt Stadt, 
blyt Blatt, brät Brett, mlet mit, smlet Schmied, §n!etle<^ Schnittlauch, 
§rlet Schritt, sböt Spott, göt Gott, gaböt Vorladung, betsdätla Schlaf¬ 
stätte, fyk Sack, tyk Tag, gaSmyk Geschmack, wäek Weg, fläek Fleck, 
bök Bock, rök Weiberrock, Slyk Schlag, gröp grob, räophün Rebhuhn, 
gorüqlj Geruch, mleqh mich, dle<£h dich, ie<9i ich, sdeöfi Stich, köklefl 
Kochlöffel, IöqJ* Loch, kwyl Quelle, Sdyl Stall, fal Fell, gäl gelb, 
gd$m Stamm, Slym Schlamm, kln Kinn, föS Fisch, tes Tisch, nyp 
Napf, töp Topf. 

Natürlich finden sich Ausnahmen wie fet Fett, drop Trab, Slof 
schlaff, fre<jh frech, blaeölj Blech, doyj> doch, tswaek Zweck. 


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Original fro-m 

PRINCETON UNIVERS1TY 



m 


b) vor r und r- Zusammensetzungen: gperf Garbe, g^ersde^i 
garstig, gierte Garten, göer gar, g$ern Garn, wörn wehren, kqrts 
Kerze, drnern ernähren, här her, drkwär quer, war wer, hat Herd, 
sdän Stern, stftetse spucken, wlewl Wirbel, smlere schmieren (mhd. 
smirwen), kiers Kirsche, kiermas Kinneß, sdäva sterben, fir vor, d§erf 
Dorf, kqrvla Körbchen, snieröh Schwiegertochter (mhd. snurche), 
wüarf Sensenstiel, büarn, bienla Born Brunnen, tlr Tür, gietl Gürtel, 
sietsla Schürzchen, Giebelschutz, tlekltauf Turteltaube. 

Ausnahmen: sworts schwarz, moek Markt, kwoek Quark, fe<dite 
fürchten, gafoe<£ht gefürchtet, dusdrech durstig, harf herb, berk Berg 
(bäek niedrige Anhöhe — so wenigstens mitgeteilt!), kala Kerl. 

c) bei Wörtern auf -er, -el, -ern, -ein mit mhd. inlautendem 
p oder pp: krlepl Krüppel, klöpr Klapper, klypan klappern, ts^pln 
zappeln, l$pan läppern, trinken, analog röpan (meist remrppan) ge¬ 
räuschvoll tätig sein (herumwirtschaften, mhd. raffeln lärmen, klappern); 
ähnlich auch in kälr Keller (mhd. keller, kelre). 

3. Die Kürze bleibt in der Kegel erhalten bei mhd. Gemination 
und mehrfacher Konsonanz einschließlich z, ch und sch. 

a) Gemination: kesl Kessel, esl Nessel, Sesl Schüssel, älesl 
Schlüssel, fokl Fackel, pekle<£h bucklig, sietjn schütteln, knetl Knüttel, 
letl Löffel, tsepl Zipfel, wosr Wasser, masr Messer, talr Teller, akr 
Acker, fesr Fässer, tsokr Zucker, slesr Schlösser, betr bitter, wela 
wollen, klat Klette, gran weinen, flerna weinen, gawer Gewirr, tsuknelt 
zerdrückt, smeka schmecken, swef Schwelle, sbera sperren; maclja 
machen, waqlja wachen, laqlia lachen, kael)l Kachel, ke<^ (kueljl) 
Küche, ke<dien Köchin, woch Woche, brae^ho brechen, sdaedha stechen, 
drasa dreschen, tos weibl. Scham, Frauenzimmer, flos Flasche, woSa 
waschen, fe<^l Sichel, seqlir sicher, lesa löschen, fres Frösche, tsweSa 
zwischen. 

b) Mehrfache Konsonanz: noqht Nacht, ochta acht, slocljta 
schlachten, flae^it jFlechte, waeqhtr Wächter, golja Galgen, kroraf 
Krampf, klomp schnell vorübergehender örtlicher Krampf (am Finger, 
Fuß etc.), zu mhd. klambe Klemme? womp Bauch, gons Gans, floks 
Flachs, tsits Brustwarze, galedht Gesicht, gafent Gesinde, hendr hinter, 
henke gien hinken, teslr Tischler, trenka trinken, fenstr finster, frfetsa 
verfitzen (Fäden verwirren), slenda schlingen, schlucken, lenla pl. 
Linsen, krestkendla Christkindchen, ront rund, jomfr Jungfrau, Soldr 
Schulter, dolda dulden, gonst Gunst, gront Grund. 


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PRiNCETON UN1VERSITY 



193 


Ausnahmen: laovr selber, $st Ast, näst Nest, mlest Mist, Tes ist^ 
Syft Schaft, töqht taugte, räe<jht rechtsseitig, träspa Trespe, ts^spl 
Zaspel, dr fdmr Kflchenschrank (mhd. almerltn), näe<jhta gestern 
abend. 


§ 27. Kürzung. 

1 . Die Kürzung ist nicht so verbreitet wie die Dehnung; ein¬ 
silbige Wörter trifft sie fast gar nicht, namentlich nicht vokalisch 
auslautende. 

mös Maß, häes heiß, läest Leiste, röm Ruß, laei Seil, nie inäe 
nein, häem heim, wais weiß, kail Keil, srüot Schrot, brüot Brot, hüt 
Hut (dim. hitla!), müs muß, glüt Glut, güt gut, tün tun, brlf Brief, 
llt Lied, dröt Draht, k(>ert gekehrt, grfitS Schritt, ädrüo Stroh, kü 
Kuh, knT Knie, frl früh, wö wo, klö Klee, we weh. 

Auch bei mehrsilbigen Wörtern ist die Kürzung in geschlossener 
Silbe selten. Sie beschränkt sich somit fast nur. auf eine verhältnis¬ 
mäßig kleine Zahl der zahlreichen zweisilbigen in offener Silbe. 

Zweisilbige mit erhaltener Länge in geschlossener Silbe: mönti<^ 
Montag, döqljt dachte, fotd$t Soldat, laimat Leinwand, östn Ostern, 
j<jrle<$h jährlich, laens Sense, lierch Lerche, haiflr Häusler. 

2 . Kürzung erscheint namentlich: 

a) öfters bei monophthongierten Diphthongen: mhd. iu vor n; 
uo namentlich vor ch, auch vor anderen stimmlosen Lauten; üe 
gleichfalls vor stimmlosen Lauten, namentlich vor 5 und t, ie vor¬ 
züglich vor $ und ch; ei nur ausnahmsweise. Vgl. Unwerth, § 104. 

iu: fraentsoft Freundschaft (ae ganz kurz!), San Scheune, nantsa 
neunzehn; uo: kucha Kuchen, fi<ihe suchen, flucht» fluchen, mutr 
Mutter, rut Rute, rufa rufen, Sdruto Stute, drtsun dazu; üe: gitla 
kleines Gut, hitla Hütchen, brita brüten, fitn füttern, kiSdl Kuhstall, 
fisa süß, grisa grüßen, mesa müssen, prela brüllen; ie: sisa schießen^ 
gisa gießen, ganisa genießen, lisa das Wetter vorher sagen, riöha 
riechen, li<^ta blitzen, densti^h Dienstag, nirnt nirgends; ei: aetwa 
elf; auch in falka Veilchen (mhd. viol). 

b) in Steigerungsformen: sinr schöner, sinsta schönste, watr 
weiter, klanr kleiner, fanr feiner, grisr größer. 

c) in den dentalen Flexionsformen der Verben mit dentalem 
Anslaut: bedat bedeutet, hast heißt, gast gießt, rat(s)t reite(s)t, smast 
schmeißt, frlast verlier(s)t, fräst frier(s)t, ganast genießt, frdrast ver¬ 
drießt, brat(s)t bring(s)t zuwege, gabrat zuwege gebracht, gahut ge- 

Mitt*ilnne» , n d. Sehle*. Oe«, f. Vkde. Bd. XIX. 18 


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Original frorn 

PR1NCET0N UNIVERS1TY 



hütet, hast heißt, rast reißt, snat(st) sclweide(s)t, was(t) weiß(t), 
auch raecht riecht; 

d) meist beim Zusammentreffen der Endung -en mit Stamm¬ 
auslaut n: san scheinen, grau weinen, bagan begegnen, met fan 
Swan mit seinen Schweinen; 

e) häufig vor oht (mhd. lit): laeeht leicht, läei^t seicht, faecht 
feucht, (äeöhtüeh Seihtuch, lae^hta leuchten, baeel>t Beicht; 

f) sonst nur ausnahmsweise: wal Weile, dratsa dreizehn, dra- 
seeh dreißig, fratich Freitag, hafa Haufen, tsin Zehe, erst erst, hopst 
Papst, slepa schleppen, mr hon, ir hot wir haben, ihr habt, nokwr 
Nachbar, terla Türchen. 


II. Die Konsonanten. 

1. Gutturale. 

' § 28. mhd. g 

1. mhd. g ist im Anlaut erhalten (gierte Garten, gront Grund, 
glen gehen, gän geben, gejr gegen, etc.). Nur in vereinzelten 
Fällen erscheint es in Eigennamen und 'in Fremdwörtern als j: 
Jier<£h = Jura Georg, jeneräl General, k steht für g in kuka 
gucken, koksa gacksen, kluk Gluckhenne; in Fremdwörtern wie 
kulas Gulasch, kalup Galopp; in naisireqh neugierig beruht das S 
auf dem sg von nd. nisgirig. 

2. Im Inlaut erscheint mhd. g zwischen Vokalen und nach r 
und 1 als Reibelaut, und zwar nach dunklen Vokalen als stimmhafter 
velarer (g), nach hellen Vokalen und r. 1 als palataler Reibelaut (j): 
fröga fragen, wöga wagen, frts$ga verzagen, m^go Magen, gaböga 
gebogen, gawöga gewogen, äoga pl. Augen; sdaija steigen, gasdeja 
gestiegen, laeja pl. Säge?), öweja abwägen, bawya bewegen, ‘fleja 
pflegen, fijja Segen, teja taugen, krlja kriegen, tsaija zeigen, gaija 
geigen, batrija betrügeu. ^Terja schürgen, schieben, aieja eineggen, 
faija seihen, morja Morgen (aber möern morgen!), golja Galgen, 
frjj- ärger, fäeja pl. Felgen, folja folgen (jedoch uigl Orgel, guigl 
Gurgel). 

3. Wo im Dialekt durch Wegfall der Endung -e die Gutturalis 
in den Auslaut tritt, erscheint g als ch oder öl>, ebenso vor dentaler 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



1!)5 


Flexionsendung: fröqlji Frage, wl<£ljt Wiege, tyqh Tage, gle<^i Gelege, 
tse<d) Ziege, sdeqh Stiege, äoch Auge, gdhö^h Gehege, gableqh Ge¬ 
birge, fäeeb Felge, hyrweredh Herberge, wöclji Wage, sbäeeli Speiche, 
trych Trage, sleöh Schläge, krleli Krüge: baiclit biegt, fledht pflegt, 
flai<£l>t fliegt, gawöqht gewagt, gaplöqht. 

4. ln der Stellung vor 1 und r erscheint die Entwicklung zu 
g bezw. j nicht mehr so durchgehend: küogl Kugel, föjl Vögel, wäjr 
wegen, gejr gegen, laejr Wanduhr, swögr Schwager, swejrfntr 
Schwiegervater, Grejr Gregor, krljla Krügchen; daneben, offenbar 
unter dem Einfluß der Schrift: rcgl Riegel, guigl Gurgel, legi 
Milchgefäß, begln bügeln, sbigl Spiegel, uigl Orgel, ergernus Ärger¬ 
nis, m(>gr mager. 

In peko schreien (rnlid. bägen), klpnkrleöli liederlicher Mensch, 
Troddel (mhd. klungeier) wirkt der harte Anlaut auch auf den In¬ 
laut : 

Bezüglich ng vgl. § 4o. 

5. Außer in den Lautgruppen age, ege, äge, ege, oge (§§ 1, 2, 
3, ö) ist g auch sonst noch geschwunden: m<)ern morgen, nirnt 
nirgends. 

§ 29. mhd. k. 

1. Im Anlaut und im Inlaut ist k erhalten (kent Kind, körn 
Kammer, krlje kriegen, knmo kommen, akr Acker, trenka trinken, 
5eko schicken, etc.). 

mhd. qu lautet kw: kweua, praet. kwoiw bewältigen, bezwungen 
kwändlon pl. Quendel, kw$l Quelle, kwel Qual. 

2. k im Stammauslaut (mhd. c, ahd. g und k) ist ebenfa 11 
erhalten: grlntsaik Grünzeug, täek Teig, gasmök Geschmack, fyk 
Sack, krank krank. (NB. Demnach unterscheidet sich tök Tag von 
t 9 ch pl. Tage!) 

jomfr zeigt Ausfall des k und Assimilation. 

mhd. c im Auslaut unbetonter Silben wird im Dialekt durch 
stimmlosen palatalen Reibelaut vertreten (ch): mufeöli Musik (müfiölj- 
kanta Musikanten), f*»rteeh fertig, häeleöh heilig, aile<£h eilig, föntiöl* 
Sonntag, möntich Montag (etc.), fiwieh Viehweg, also namentlich in 
-ec = nhd, -ig, das im Dialekt -eöti lautet; analog ist köereeh karg, 
geizig gebildet. 

13 * 


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PRINCETON UNIVERSITY 



lfltt 

§ 3o. mhd. h, ch. 

1. mhd. Ii ist im Anlaut als' Hauchlaut erhalten (hont Hund, 
häes heiß, drheoan erhungern, etc), im Inlaut zwischen Vokalen 
geschwunden: tsai(s)t zieh(s)t, lain leihen, galin geliehen, lan sehen, 
gaSän geschehen, tsän zehn, tsin sg. Zehe, pl. tsina, kietla = „Küh- 
hirtlein“. 

NB. Das betonte har „er“ entspricht der md. Nebenform her. 

trügl Truhe und wögarn wiehern zeigen g vor liquiden End¬ 
silben des Dialekts. 

2. Der mhd. Verbindung hs entspricht im Dialekt ks: beks 
Büchse, feks sechs, wokst Wachs, woksa wachsen, floks Flachs, 
waeksjn wechseln (wie im Bühnendeutschen!); aber dastl Deichsel 
(vgl. lansitzisch daistl). 

3. Im Inlaut t vor Konsonant,erscheint mhd. h,als cl> bezw. ölj; 
noqht Nacht, ochta acht, slocljte schlachten, flaeqht Flechte, waedhtr 
Wächter, gafeeht Gesicht, sleöljta schlichten, kämmen. 

h in niht ist ausgefallen: nl (ni) nicht. 

4. mhd. h im Auslaut (entsprechend seiner spirantischen Aus¬ 
sprache meist ch geschrieben) behält diese spirantische Aussprache 
meist bei: rau rauh, rö roh, ge jäh, aber ^ü<jh Schuh (pl. SO Schuhe, 
dim. Silan und äücljlan), tu£h Vieh, Tier, flöql) Floh (pl. tlö<£l>, dim. 
tlllan Flöhlein!), fi<$h sieh, höqh hoch. Die Aussprache ch ist auch 
in den Inlaut übertragen: außer suchten Schuhchen auch fiöhr Tiere, 
he<!hr höher, he^hsta höchste. 

5. mhd. ch ist je nach dem vorhergehenden Vokal velar oder 
palatal entwickelt: mache machen, lacha lachen, löch Loch, ech ich, 
rae<ih mich (unbetont), Slae^ht schlecht, räocl) Rauch, bauch Bauch, 
sdraiehr Sträucher. Mitunter findet sich k für ch, so in köklefl 
(unter der Wirkung des Anlauts?) Kochlöffel; in nokwr (mhd. näh- 
gebür) Nachbar; drlaekst „erlechzt“ = ausgetrocknet, verschmachtet. 

Ausfall des ch in welr welcher? (nur Frage-Pronomen); Abfall 
in glai sogleich, äo ä auch, f statt ch zeigt blentslaif Blindschleiche 
(vgl. mhd. slifen gleiten). 

§ 31. mhd. j. 

mhd. j ist stimmhafter palataler Reibelaut geblieben (j\>ern 
jagen, jöman jammern, jorafr Jungfrau, etc.) 

Zwischen Vokalen ist es geschwunden: dren drehen, len säen, 
krön krähen, brln brennen (mh. briiejen), nen nähen, wen wehen, 
bien blähen. (Auch im Glätzischen so, vgl. Pautsch § 124). 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



197 


mhd. ieder hat im Dialekt kein j entwickelt: Idr jeder; ebenso 
ets (mhd. ie-zuo) jetzt, etse<5£ jetzig (mhd. iezec): em da etsija 
tsait. 


(Über mhd. g > j vgl. § 28, 2). 


2. Labiale. 

§ 32 . mhd. b. 

1. mhd.' b ist im Dialekt im Anlaut erhalten (bauch Bauch, 
bek Bäcker, blö blau, bäte beten, byda baden, etc.). 

Zu den Wörtern, die v. Unwerth in seiner Abhandlung über die 
schlesische Mundart § 71 als gemeinschlesisch mit p anlautend anführt 
tritt im Kuhländischen, wenigstens wie es in Kunewald gesprochen 
wird, noch peka schreien (mhd. bägen), prentsledh brenzlig, plus 
Bluse, hattpän entbehren und präf brav (frz. brave), ferner wie im 
Glätzischen (vgl. Pautsch. § 108), pankröt bankrott, pöntsltöp 
Bunzlauer Topf, preshoft bresthaft. Die übrigen lauten paur Bauer, 
pairejen Bäuerin, pokl Bnckel, pekle^li bucklig, pytr Butter, pöS 
Busch, prele brüllen, prel Brille, püers Bursche, (perslo Bürschchen), 
praka ausschneiden. 

2. Inlautendes b ist zwischen Vokalen und Liquiden zu bilabialem 
Reibelaut (v) entwickelt, dessen Bilabialität in der Stellung vor 1 am 
reinsten gewahrt ist, während er sonst zu labiodentalem w neigt. 
(Meinert hat v, z. B. lave „leben“, gave „geben“, Livle „Liebchen“). 

Nach Vokalen: hövr Hafer, räevr Räuber, raive reiben, grlwo 
pl. Griefen, mvo Rüben, aives Eibisch, sraivo schreiben, övot Abend, 
sdlevlo Stübchen, knövle<di Knoblauch, läva leben, krävos Krebs, hevo 
heben, kläovo klauben, lawendeöh lebendig, snövl Schnabel, tswTevl 
Zwiebel, gievl Giebel, lävr Leber, levl übel, fteva(na) sieben, rlewa 
pl. Rippen, r$dwr Radwer (mlid. radeber), söve schaben, gryva graben, 
kläewo kleben, gläewo glauben, navr neben, swäva schweben. Inevl 
Hügel, säwosdekl Schabbesdeckel, schlechter Hut. Bemerkenswert ist 
f in pufl Bubi, Hundename; ferner w$pe Waben (b > p). 

Nach r und 1: sdäve sterben, hörwere^ Herberge, kervta 
Körbchen, bolwlr Barbier, gosdüavo gestorben, hervast Herbst, yrva 
erhen, fäovr selber, käovta Kälbchen, lotwablötr Salbei, lelwr Silber. 

3. Tritt mhd. b im Dialekt in den Auslaut, so wird es zu f: 
slrf Scherbe, rlf Rübe, rTef Rippe, käf Kerbe, sdöf Stube, häuf Haube, 
fotf Salbe, dräf herrschaftlicher Diener. Gesindevorsteher (zu mhd. 


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.198 


(haben?); ebenso vor Flexions-t: sdieft stirbt, läft lebt, galäft gelebt, 
kläoft (ge)klaubt, kläeft (ge)klebt, gläeft (ge)glaubt. (Meinert schreibt 
auch in diesen Fällen v, z. B. Liv „Liebe“, derlaovt „erlaubt“). 

v 

wos bis zeigt im Anlaut w. wos of STen bis nach Schönau. 

4. Außerhalb der Flexion steht unter Verkürzung der mild. 
Nebensilbe p für b: heps hübsch, bopst Papst, häepla Köpfchen 
(mhd. hübesch, bähest, höubetlin). 

Zuweilen steht d für inlautendes b: ^dr aber, ädr-os Eberesche, 
waintraudl Weintraube. 

f>. mhd. mb im Inlaut wird zu m, auch wo es durch Wegfall 
des -e in den Auslaut tritt: kmnr Kummer, swem pl. Schwämme, 
kem Kämme, a tomr ein Dummer, temr dümmer, ein um, rem herum 
jedoch womp Bauch (mhp. wambe). 

mild. Inlauts-b ist ganz geschwunden in gän geben, blain 
bleiben, gablien geblieben. 

•I. Auslautendes b ist wie im Mittelhochdeutschen durch p ver¬ 
treten: laip Leib, waip Weib, gröp grob, gröp Grab, täop taub, läop 
Laub, räophnn Rebhuhn, köerp Korb, kolp ganz junges Kalb (kolf 
nicht mehr ganz junges Kalb, wohl fern. „Kalbe“, mhd. kalbe). In 
fätsdlf Pferdedieb ist f aus dem Inlaute flektierter Formen ein¬ 
gedrungen, vgl. bei Meinert z. B. S. *260 Waiv, Laiv „Weib, Leib“). 

b fällt all in n ab, rn herab (röfola herabfallen, rösdaij» herab¬ 
steigen). 


§ 33. mhd. p. 

1. mhd. p ist im Anlaut erhalten (plüga plagen, pemfl Pinsel, 
plompan plumpsen, mit dumpfem Aufschlag fallen, pöer Paar, etc.). 
Wo mhd. p neben b steht, stimmt der Dialekt mit der Schriftsprache 
übereiu: pltidn pleudern (mhd. blöderen, plöderen), prödija predigen, 
polstr Polster. 

mhd. pf (nh. pf) ist im Dialekt f: fafr Pfeffer, faife pfeifen, 
font Pfund, fät Pferd, tleja pflegen, fiel Kopfkissen, semfe schimpfen, 
fnüdn schnauben (mhd. pfnuten). 

mhd. sp in Anlaut ist sb: sbets Spitze, sbrena springen, sbletse 
spucken, sbnt spät (adv.); auch nach Vorsilben: gosbielt. gespielt. 

Inlautend wechseln sp und sb: faspr neben fasbr Vesper, hosp 
Haspe, roshln raspeln. 

*2. Inlautendes p (pp) (vgl. Wilmanns § ÖS) ist erhalten: raup 


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199 


Raupe, grap „Graupe“ = Hagel, p$pl Pappel, krlepl Kröppel. l^pan 
läppern, klQpon klappern. 

mhd. pf j m Inlaut und im Auslaut nach Vokalen erscheint in 
der Regel als p: hopo hüpfen, slepre<di schlüpfrig, snupo schnauben, 
keparn kupfern, sopo Schuppen, top Topf, tep Töpfe, klopo klopfen, 
sdopa stopfen, nepa einnicken, kropa Krapfen (kraplen pl. Pfannkuchen), 
tsopa Zapfen, füstopa pl. Fußstapfen, wütliop Wiedehopf, opl Apfel, 
templ Tümpel (mhd. tümpfel), plompen plumpsen, l'aur-ompr Sauer¬ 
ampfer. 

3. Im Auslaut nach Konsonanten erscheint pf unter dem Einfluß 
der Schriftsprache meist zu f entwickelt: kroraf Krampf, domf Dampf, 
komf Kampf, aber sdromp Strumpf (pl. sdrerap), fomp Sumpf. 

Im Gegensatz zum Schriftdeutschen bleibt auslautend mp (ahd. 
mb) erhalten (hier also keine Analogie nach dem Inlaut § 32, 5! 
So überhaupt im Gebirgsschlesischen und Glätzischen, vgl. v. Unwerth, 
§ 73): komp Kamm, tomp dumm, swomp Schwamm, slemp schlimm, 
krpmp krumm. 

p ist geschwunden in serts Schöps, ebenso in sukora Schubkarren 
(durch Assimilation), b steht für orthographisches p im Ortsnamen 
Böertsodef Partschendorf. 


§ 34. mhd. v, f. 

mlid. f (v) ist in allen Stellungen als stimmloser labiodentaler 
Reibelaut erhalten: f$tr Vater, fräo Frau, Herrin, räefo raufen, trafa 
treffen, sief Schiff, faef Seife, grof Graf. 

Wo es jedoch inlautend einem gei-manischen f entspricht, wird 
es zwischen Sonoren stimmhaft. Dabei bleibt es im allgemeinen 
labiodental: fern wo fünf, tswetwe zwölf, swäwl Schwefel, taiwl Teufel, 
käwr Käfer, hewle<*h höflich, slwr Schiefer, övo Ofen, ebenso im 
Lehnwort polwr Pulver. 

Verwechselung mit anderen Lauten zeigen holstr Halfter (offen¬ 
bar mit Holfter vermischt, vgl. Kluge „Holfter“), rypon geräuschvoll 
hantieren (mhd. raffeln). 

§ 35. mhd. w. 

1. mhd. w ist im Anlaut als labiodentaler Reibelaut erhalten: 
wö wo, wache wachen, woksa wachsen, waip Weib. 

mir, gewöhnlich mr, für „wir“ erscheint schon mhd. als Neben¬ 
form. 


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200 


mhd. w nach Konsonant erscheint auch in der Mundart labio¬ 
dental: Swastr Schwester, Swäwl Schwefel, swain Schwein, tswß tswü 
tsw? zwei (absolut tswlena tswüa tswij), tswlevl Zwiebel, tsweua 
zwingen, kwoek Quark. 

2. Im Inlaut klingt mhd. w bilabial, auch wo es spätmittelhoch¬ 
deutsch und Schriftdeutsch als b erscheint: nijerva pl. Narben, gyerva 
Garben, $f$erva abfärben, mlrvr mürber. 

Vor t in der Flexion und im Dialekt-Aus laut wird mhd. in¬ 
lautendes w zu f: farfit färbt, gaf^erft gefärbt, f$erf Farbe, n$erf 
Narbe, mirf mürb, gan$erft genarbt. 

m für w iu swolm Schwalbe und melm Milbe, (pl. swolma, 
melma) raelme<d? milbig (so auch im Glätzischen!) ist nach Pautsch, 
§118 durch Assimilation von w-t-n in den flektierten Formen ent¬ 
standen. 

3. Nach langen Vokalen und Diphthongen (ou, öu) ist mhd. w 
wie im Schriftdeutschen geschwunden: klö Klaue, häon hauen, säon 
schauen, traiunk Trauung (zu mhd. triuwen), sdr^ Streu, hair Häuer, 
Mäher, knaul Knäuel, nai neu, kain kauen, frain freuen, rün ruhen. 

In Übereinstimmung mit dem Schriftdeutschen fehlt w auch in 
ämlera schmieren; außerdem noch in den flektierten Formen von 
gäl gelb: pl. gäla. Assimilation ist in laimat Leinwand und laukart 
Langwiede eingetreten. 


3. Dentale. 

§ 36. mhd. d. 

1. mhd. d ist im allgemeinen im Anlaut und Inlaut als stimm¬ 
hafter alveolarer Verschlußlaut erhalten (d$ch Dach, donr Donner, 
dü du, denka denken, etc.). 

In Lehnwörtern erscheint im Anlaut oft t für d: tukyta Dukaten, 
tälia Dahlie, tistllrn destillieren, tesntern desertieren, tolln Doline, 
toplt doppelt, tüsl Dusel, tauvl Daube (mhd. düge), tauarn dauern. 
In tefa dürfen ist das t aus mhd. turren übertragen (vgl. § 37). 
Mit d fand ich datum Datum, dütsat Dutzend, derektr Direktor. 

Anlautendes d ist geschwunden in astr desto (genau so im 
Glätzischen, vgl. Pautsch, § 107), Beispiel für Lautabtrennung nach 
F. Vetter (Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizer- 
deutschen, Herrig’s Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen, 
Bd. CXXX 1913). Das Gegenteil findet bei dam „am“ beim Super- 


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201 


lativ statt, z. ß. dam miesta am meisten (Lautverwachsung, wie jene 
aus häufigem Zusammentreffen mit vorhergehendem dentalem Auslaut 
zu erklären). Auch in der Flexion des Artikels ist d geschwunden: 
e<£h h$r a kperp raem fläes frgasa ich habe den Korb mit dem 
Fleisch vergessen; eqh hnrJm f§tr gaf^ert ich habs dem Vater gesagt. 

2. Im Gegensatz zum Schriftdeutschen steht d in ondr unter, 
hendr hinter, dropa draben, l'oldn sollten, kondn konnten, woldn 
wollten (einige der wenigen Präterita; das Präteritum wird meist 
durch die Formen von hon „haben“ und tön „tun“ umschrieben). 
Für dieselbe Erscheinung irn Glätzischen-vgl. Pautsch § 106. 

In polkrn poltern erscheint k (rahd. bollern, spätmhd. boldern). 
t für d findet sich auch in w$ta pl. Waden, sw$ta Schwaden. 

Im Inlaut fällt d gelegentlich nach Liquiden aus: wän werden, 
gawüarn geworden, öerntleöh ordentlich, seletfh schuldig. 

nd ist abweichend vom Schriftdeutschen auch in slenda schlingen, 
schlucken und grendl Grengel erhalten. In gline<£h glfihend (mhd. 
glüendec) und in on „und“ ist d geschwunden. 

4. Im Auslaut wird d stimmlos wie in der Bühnensprache (kent 
Kind, hont üund, etc.), natürlich auch, wo es erst im Dialekt in 
den Auslaut tritt (durch Wegfall von -e): ernt Ende (er = über¬ 
offenes e!), Sdunt Stunde, w(it Wade, nölt Nadel (mhd. nälde neben 
nädel); in fent findet, bent bindet, gabot gebadet, ijgatsent angezündet 
bei Verschmelzung mit dem Flexions-t von -et. überhaupt in ver¬ 
kürzten Formen (snat schneidet, lat leidet).' 

§ 37. mhd. t. 

1. mhd. t ist im allgemeinen in allen Stellungen, namentlich 
in der Gemination, als stimmloser alveolarer Verschlußlaut erhalten 
(tun tun, tüot tot, bäta beten, bieta bitten, betr bitter, haut Haut, etc.). 

Im Gegensatz zum Schriftdeutschen findet sich anlautendes t. 
auch in folgenden Wörtern erhalten (wie überhaupt gemeinschlesisch, 
vgl. v. Unwerth, §66): tqnkl dunkel, t<)m Damm, (tamla §25, la), 
tengjn deugeln, tötr Dotter, tomp dumm, tel Dille, tena düngen, 
ferner wie im Glätzischen (vgl. Pautsch, § 108) in töql^t Docht, traql> 
Drache, tröm Balken (tremlan), % darf, (terst darfst, tqrn neben 
tefa dürfen; zu mhd. tar, turren), dazu hier noch in te<^ta dichten. 

st wird im Anlaut Ad gesprochen: sdäen Stein, sdan Stern, sdien 
stehen; auch nach Vorsilben: gasdalt gestellt, zugerüstet. 


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202 


Im Inlaut und Auslaut bleibt st alveolar: hust Husten, host 
hast, fest fest, koste Kasten. 

Zu den schriftdeutschen Fällen mdh. tw > qu = kw (kwoek Quark, 
drkwär quer) tritt hier noch kweiia bezwingen, überwältigen. 

2. Nach 1 ist inlautendes t durch d vertreten (wie oft schon im 
Mittelhochdeutschen): xbatda spalten, fatda falten, hafda halten, soldr 
Schulter, eldn Eltern, getda gelten, golda gegolten. Die in diesem 
Falle gemeinschlesisch geltende Dehnung von a unter gleichzeitiger 
Assimilation des d (v. Unwerth § t>7, Pautsch § 109) tritt, hier nicht 
ein. 

Folgende Heispiele zeigen Verlust des t durch Assimilation 
bezw. Kürzung: hampri<ih Handwerk, hamtl Handvoll, hanska Hand¬ 
schuh, fransoft Freundschaft, tenk Tinte, käfamäk Kasematte. 

Die Verba auf d und t der ersten Klasse verhalten sich im part. 
praet. wie im Schriftdeutschen: gasdrieta gestritten, gasniete ge¬ 
schnitten, gamieda gemieden, nur analog dem letzteren galleda gelitten. 

rots Ratte (pl. rotsa) ist schon mhd. ratz(e). 

3. Die Wörter mit Stammauslaut -cht verlieren das t vor den¬ 
taler Flexionssilbe: dam laechste am leichtesten, dam läe<jhsta am 
seichtesten, lae^ljst leuchtest, laecht leuchtet, galaetjht geleuchtet 
(ae überall ganz kurz!). 

Stammauslauts-t verschmilzt mit dem Flexions-t: badat bedeutet, 
rat reitet, tot tatet, bit bittet, gabat gebetet. 

predig Predigt (mhd. bredige) und köri^h Kehricht sind gegen¬ 
über den schriftdeutschen Formen die ursprünglichen, moek Markt 
kann schon mhd. und les „ist“ bereits ahd. ohne t erscheinen. 
Ähnliche Bildungen wie kerieh zeigen auch Flurnamen, so sdekidl* 
Steckicht (vgl. Dickicht!), Oderwiese zwischen Kunewald und Seiten¬ 
dorf b. F., waide<£h Weidicht, Wiese zwischen K. und Hausdorf. 
Für nacket „nackt“ wurde nakeCji gebildet; hiräten ist zu haiarn 
heiraten verstümmelt. Bemerkenswert ist auch hie! halte (ganz kurz! 
hie! da gos halt den Mund! hie! dejem palänts halt dich im Gleich¬ 
gewicht! hieldrs behalt dirs!); vgl. schles. hilst hilt analog zu stilst 
stilt (schles. stäln-häln), Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft 
für Volkskunde, Heft 20 S. 37). 

4. Folgende Wörter zeigen unorganisches t (Wilmanns I § 152), 
eine rein physiologische Folge der Artikulation der voraufgehenden 
Spiranten: pulst Puls, übast Obst (mhd. obej), akst. Achse, wokst 
Wachs, löst Ferse (pl. tasda), tlonst Zerrmaul (mhd. flans), möst 


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Moos, ristl Rüssel, dosthotp deshalb, kaströl Kasserolle, Schmortiegel, 
ynst Anis, gesmäest „Geschmeiß“, Schimpfname besonders auf Ver¬ 
leumder, rjrtst Erz, femft Senf, fluchte fluchen (hier t im Inlaut 
nach Analogie des Auslauts!), bäedlit Pech, analog bechte pichen. 
Das bekannte Schimpfwort heißt jedoch ö$ Aas. 

§ 38 . mhd. s, z. 

2. Bezüglich des Unterschiedes zwischen stimmhaftem und stimm¬ 
losem Reihelaut gelten im allgemeinen im Dialekt dieselben Gesetze 
wie im Bühnendeutschen: f wird im Anlaut vor Vokalen und im 
Inlaut zwischen Sonoren (außer nach r) gesprochen (f$tl Sattel, (an 
sehen, föfnoeljt Fastnacht, kiefl Kiesel, läfe lesen, etc.), s stets im 
Auslaut und für mhd. 5 , 55 , ss (weis was, fös Faß, hftes heiß, häeso 
heißen, wosr Wasser, lesr Fässer, etc.) sowie in mhd. z und in nicht- 
sonoren Konsonantenverbindungen im In- und Auslaut — außer in¬ 
lautendem sp und nach r (tsitso saugen, koste Kasten, tlonst Zerrmaul, 
osp Espe, wokso wachsen, tsens Zins, mTest Mist, etc.). 

Die mhd. Verbindungen sl sm sn sw sp st werden im Anlaut 
wie im Bühnendeutschen mit Zischlaut (postalvaolar) gesprochen (wie 
mhd. nhd. sch = s): sl, sm, sn, sw, sb. sd. Also sl(>m Schlamm, 
slbn schlagen, smaiso schmeißen, smöl schmal, snyvl Schnabel, swemo 
schwimmen, sbets Spitze, sbrena springen, sdnl Stall, etc. 

sb erscheint auch im Inlaut (fasbr Vesper neben faspr, rosbln 
raspeln), aber nicht, wo es mit Auslautsstellung wechselt wie in 
wespo pl. Wespen zu wesp, auch nicht in träspa Trespe, ts^spl Zaspel. 

2. Die wichtigste Abweichung vom Bühnendeutschen (Siebs 
„Deutsche Bühnenaussprache“ § 17 A 5 ; § 1 <S, 2 ; § 11 ) A 2 ) ist in 
der eingangs aufgestellten Hauptregel bereits angedeutet: mhd. rs 
(rj) wird in der Mundart im Inlaut wie im Auslaut stets rs, vor 
Sonoren rf gesprochen; indes ist dies der gemeinschlesische Stand¬ 
punkt. Also andrs anders, erst erst (kurz!), %-s Vers, öers (oiers) 
Arsch. hierS Hirse, hirs Hirsch, merfl Mörser, le<Jh öfperlb 
sich stolz auf blähen, last Ferse, (pl. iasda), gast Gerste, duarst 
Durst, wuarst Wurst, smleri'lkucha Schmierseikuchen, ebenso in wirst 
wirst, werst wärst, werfe wäre sie, firfe für sie, im Genitiv (nopwrs 
hendla Nachbars Hündchen, waiwrslait Weibsleute) sowie in der 
Enklisis: gemrs gib mirs! nemdrs nimm dirs! 

3. s haben auch sonst zahlreiche Dialektausdrücke und Lehn¬ 
wörter: gräts Schritt, trotse schwatzen, grotsa pl. (unschöne) Hände, 


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Original fram 

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204 


trüsan = plfitsrn (stark) regnen, nütsln saugen, nesjn an den Haaren 
zerren, nuskarla Ferkel, hopats Hops, Sprung, sgäka spucken, sganits 
kleine Tüte, Papierbeutel, $foersJn vordreschen (vor dem Aufbinden 
der Garben, „anforscheln“), trötSr Hochzeitskuchen, STtserlan pl. Busch¬ 
birnen, lietsa tröern (Kinder) im Brusttuch tragen, hetSapets Hagebutten¬ 
marmelade, sllska pl. eine Art Knödel, Gänsenudeln, kats—kat$ (auch 
kätS) Lockruf für Enten, lüS Pfütze (pl. lüfa, dim. liflan), nüs Messer 
(pl. nüfa), gäS Gage, räs Wut, etc. etc. 

4. Besonderheiten: Mit s beginnende Nachsilben behandeln dieses 
wie im Anlaut, z. B. Sb$erfora sparsam. — In mäefl Meißel, klleflen 
Klößchen wird auch rahd. 5 stimmhaft gesprochen. — In frlfa frieren 
und frllfa verlieren hat sich im Gegensatz zum Schriftdeutschen das 
alte s erhalten. — Das Verbum lön lassen stößt das s aus: let läßt, 
löt laßt, galön gelassen (außer im Imperativ 1 . pl. lösmrs blain lassen 
wirs bleiben !). — Genetivisches s zeigen klaps leichter Schlag, sluks 
kleiner Schluck (partitiver Sinn!). — ts statt s erscheint in tsolört. 
Salat, tserlr Sellerie (mit überoftenem e!). 

4. Nasale. 

§ 39. mhd. m. 

1 . mhd. m ist überall erhalten (mal Mehl, smotsa küssen, 
närna nehmen, hemt Hemd, tröm Balken, etc.), auch im Auslaut der 
Wörter auf -ein häufiger als im Schriftdeutschen: ödm Atem, bödm 
Boden, bonsm Bansen, fodm Faden, bäfm Besen, büfm Busen, trydm 
Webabfälle, brödm Brodem. 

inda immer (nur so! indafort immerfort) gehört wohl nicht zu 
mhd. iemer, sondern iendert; zum Bedeutungsübergang vgl. die 
Beispiele mit inde bei Schönborn § 101 (s. S. 30). 

2. Auch im Artikel hat sich 111 besser als r und n erhalten, 
wie folgende Deklinationsproben zeigen: 

Sing. Mask. N. dar (da) fnk Sack, G. fom (fo dam) fr»k, I). 111 
(dam) fi)k, A. a (da) lok. 

Sing. Fern. N. da fon Pfanne, G. fo dar (da) Ion, D. dar (da) 
fon, A. da fon. 

Plur. N. da fek Säcke. G. fo a (da) fekn, D. a(da) fekn, A. da fek. 

Sing. Mask. N. a hont ein Hund. G. fo am hont, D. am hont, 
A. an hont. 


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Original frorn 

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205 


•* Sing. Fern. N. a m^ert eine Magd, Ö. fonar m^ert, D. anar 
m(>ert, A. a m$ert. 

Die betonten Formen des Artikels (da, dam) stellen den Gegen¬ 
stand als schon bekannt hin. Eine Genetivform gibt es nicht. Eine 
Dativendung -e erscheint nur ausnahmsweise, so bei einsilbigen 
Substantiven auf nd (m kenda dem Kinde, m honda dem Hunde). 


§ 40. mhd. n. 

1. n ist im An- und Inlaut erhalten (n^erl Nagel, näst Nest, 
ende finden, lüon Sohn, etc.) 

Anlantendes n ist in esl Nessel ausgefallen. Vgl. Natter — Otter; 
Nordschwaben > Ortschwaben, Ortschaft bei Bern (F. Vetter, Laut- 
- Verwachsung und L^utabtrennung im Schwei zerdeutschen, in Herrigs 
Archiv für das Studium der neueren Sprachen, Bd. CXXX, 1913). 

2. Im Inlaut atebt mitunter m für n (namentlich vor Labialen): 
femft Senf, hombuos Amboß (mhd. aneböj), fomft sanft, -kumft = 
kunft (anskumft Auskunft), laimat Leinwand, jomfr Jungfrau, femf 
fünf, femwa z. B. du konst me^h femwa etwa „du kannst mich gern 
haben, du bist mir gleichgültig“, ramftla (romtt) Ränftchen, hempl- 
bf;r Himbeere, peml'l Pinsel, hamfl Handvoll. 

Übergang zu m zeigen auch tsaum Zaun, Flaume (mhd. slünen) 
behagen, ylaum Alaun, gäraa gähnen. 

Vor Gutturalen gilt n > n wie in der Bühnensprache (Siebs „D. 
B.“ § 13 II). Ganz anders wie in dieser ist jedoch die Aussprache 
von ng (= 11 bezw. nk). ng im Inlaut = u: fena singen, fe» 
singt. Im Auslaut gilt nk (lauk lang, bank Bank), bei ausgefallenem 
-e nur n: lau lange Zeit, bau bange, ebenso im Imperativ: henf öf 
hängs auf! fei» amöl sing einmal! 

Inlautendes n.ist ausgefallen in äda Ernte, in fuftseQ} fünfzig, 
dröeh .= drnöi^h danach. Verschmelzung von Inlauts- und Auslauts- 
n ist bei den Wortformen auf -nen die Regel: «an scheinen, 
won wohnen, r.on regnen, bagan begegnen, met da &dan mit den 
Steinen, met dan bridn mit deinen Brüdern, met man Swastn mit 
meinen Schwestern (jedoch nicht bei Stämmen auf nn § 43, 1). 

3. Auslautendes n ist abgefallen: 

a) in mai, dai, läi in attributiver Stellung (mai f^tr mein Vater); 

b) in a (äe) ein, ka (käe) kein, »es eins, käes keins (amöl mal, 
äeraCd is käemöl einmal ist keinmal); 


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Original fro-m 

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2<x; 


c) in ai „in“, nai hinein, rai herein. $ an, dry dran, fo von, 
hendrdrai hinterdrein; 

d) in näe (inäe) neiu (ja — eia!); 

e) in dratsa dreizehn, foraftso fünfzehn etc*., fiepta siebente 
(fievata), dratsafo dreizehnte etc., taul'at tausend, dütsat Dutzend, 
övat Abend (tsövats abends); 

f) in unbetonten Silben, besonders in -ing und -ling: folta 
vollends, pöls polnisch (dar went kemt pöls der Wind kommt von 
Norden), h(*ri<£li Hering. sbQrlich Sperling, hlnli^li Pfifferling, fertig 
Säufer, seprleöh Schipperling; in nävr neben, wäjr wegen, gejr 
gegen ist n mit r vertauscht. 

no nun, mö Mohn, hust Husten, wäets Weizen sind schon mhd. 
ohne n. — Umgekehrt zeigt non nahe (nenr näher, ai dr nen in der 
Nähe) schon mhd. n. Ebenfalls mit n erscheinen enr eher und 
tsien Zehe (pl. tsiena; ie ganz kurz!). 

Die Endung -en lautet -a: sdäva sterben, läva leben, falde pl. 
Falten, riewa pl. Rippen, öva Ofen, öba oben, ofa offen. 

Euphonisch ist n .in drtsun dazu, tsünam zu ihm. bainr bei ihr. 

.5. Liquiden. 

§ 41. mhd. r. 

1. r ist im Kuhländischen häutig verkümmert. Als vollwertiges 
Zungenspitzen-r erscheint es im Anlaut, nach Konsonanten, in der 
Gemination und in den Vor- und Nachsilbeh er-, ver-, -er, auch 
nach langen Vokalen ira Auslaut, rots Ratte, rjon regnen, brüot 
Brot, trenka trinken, sukoro Schubkarren, gawer (Jewirr (das ver¬ 
streute Getreide), fanstr Fenster, sustr Schuster; tsu ktiir z. R. rena 
hin und her rennen, bär Bär, ber Beere, drfir dafür. 

Deutliches Zungenspitzen-r zeigt die Vorsilbe ver-: frgasa ver¬ 
gessen, frlifa verlieren, leqh frfraehta sich aufmachen, wegbegeben 
(„sich auf die Strümpfe machen“) sowie dr in Vertretung der Vor¬ 
silbe er-: drlaekst verschmachtet, drfrifa erfrieren, drbyerma er¬ 
barmen und in Vertretung von mhd. dar- der-: drfir dafür, drtsun 
dazu, drmlet damit, drfön davon, (betont dödrtsun, dödrmiet, dödr- 
fön), drhilem daheim, drhiena über, oben, drnöeh > dröclj danach, 
drwael derweil, drhendr dahinter, drnäva daneben, während der ton¬ 
lose Artikel mehr dr dar klingt (wenn auch allenfalls dr schreib¬ 
bar); betont lautet er dar. — zer- klingt tsu-: tsuresa zerrissen. 

2. r wird fast durchweg vor allen Konsonanten im Inlaut und 


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t -207 

Auslaut reduziert, meist unter gleichzeitiger Dehnung des Stamm¬ 
vokals: göerf Darbe, sworts schwarz, forna vorn, gehöert gehört, 
.gal^ert gelehrt, köert gekehrt, göersdeöh garstig, erst erst, göerte 
Garten, sböern sparen, snöei'dia schnarchen, büarn. blenla Brunnen, 
wüerf Sensenstiel, snTerdh Schwiegertochter, dyerf Dorf, sdörk Stärke, 
b\>erwas barfuß, drbyema erbarmen, t;rn Fußboden. 

Das r wird geradezu vokalisiert bei vorhergehendem I (Meinert 
ie!) und verschwindet ganz bei vorausgehendem a (außer vor Guttu¬ 
ral): sbietsa spucken (mhd. spirzen), wiewl Wirbel, sletsla Giebel¬ 
schutz, tTekl Edelstein, tlekltauf Turteltaube, blet Bürde, kieöh 
Kirche, bienla kleiner Brunnen, wiert Wirt, ftralern schmieren, kiers 
Kirsche, lieröli Lerche (überall deutliche Diphthongierung, wenn auch 
das r nicht mehr so völlig verdrängt scheint wie offenbar zur Zeit 
Meinerts, der durchweg Hiet „Hirt“, wied „wird“ u. s. w. schreibt); 
ferner hat Herd, änst Ernst, gfin gern, sdän Stern, wät wert, gast 
Gerste, sdäva sterben, 3dätsa Ptlugsterzen, äwas pl. Erbsen, kale 
Kerl, hats Herz; däda der, welcher, wäde wer (Relative); vor Guttu¬ 
ral bäek niedrige Anhöhe (aber berk Berg — so wenigstens mit¬ 
geteilt!), wäek Werg, kwäeglan pl. kleine runde Käse. Auch in 
uigl Orgel und guigl Gurgel schwindet r ganz. 

3. Die Reduktion bezw. Vokalisierung des r tritt natürlich 
auch vor der Endung -en > n ein: haltpän entbehren, rien rühren, 
firn führen, hijrn hören, lern lehren, sbien spüren. Insbesondere 
schwindet r gänzlich in kauan kauern, ferner in aifaian einsauern 
(mhd. siuren), dönan donnern (mhd. dunren). 

• In der Nominalendung -ern verschwindet r stets ganz: da andn 
die anderen, da swastn die Schwestern, da köman die Kammern, 
gestn gestern, östn Ostern, da ödn die Adern, da blötn die Blattern, 
hendn hintern (z. B. hendn bäom hinter den Baum). Vgl. folgende 
Deklinations proben: 

N. da kendr Kinder, G. fo (d)a kendn, D. (d)a kendn, A. da kendr. 

N. da swastn Schwestern, G. fo (d)a swastn,- D. (d)a swastn, 
A. da Swastn. 

In der Verbalendung -ern (-eren) erscheint r mindestens stark 
reduziert: khppan klappern, sn$tn schnattern (gasnytat), fitn füttern, 
jüman jammern, fe<^i fiedn sich beeilen, t$pan tapern, drheuan er¬ 
hungern, klätn (auch klädn) klettern. Dasselbe gilt vor der Endung 
-et: gefitrt gefüttert, drheuet erhungert. 

4. Im Gegensatz zum Schriftdeutschen bleiben auch folgende 


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, 208 


Lokalbezeichnungen ohne r: dena drinnen, dausa da draußen, hausa 
hier draußen (in anderen Dörfern -hasa, dasa wie im Glätzischen, 
vgl. Pautsch § 94), dönda drunten, döva droben, dleva drüben (z. B. 
dleva hote<£hs on hieva hyre^hs frluirn drüben hatte ichs und hüben 
hab ichs verloren), herna hier drum (mhd. hier-umbe), dema da 
drum (mhd. därumbe). 

1 tritt für r ein in mattr Mörtel, bolwir Barbier. Umstellung 
des r hat dusdredh durstig. Unorganisches r haben Sdruta Stute 
und (meist nur alleinstehend oder am Satzende) die Partikeln etsr 
jetzt, dotjhr (deqlir) doch, okr nur (mhd. ocker, ockert) hat sein r 
aus dem Mittelhochdeutschen in der Enklisis bewahrt, in der Pro- 
klisis verloren, z. B. s lain ok tsäna (Proklisis) es sind nur zehn; 
aber .als „unmittelbare «Antwort auf die Frage: Wieviel sind es?: 
tsän okr (Enklisis) nur zehn. < 

5. Nach Diphthong im Dialekt wird das r silbisch: paur Bauer, 
fajr Feuer,^ faar sauer; maur Mauer; m-aur kann auch Maurer be¬ 
deuten und zeigt dann wie for Pfarrer Verschmelzung des Stamm-r 
mit der Endung -er. 

-dorf in Ortsnamen ist derf > def: Bänsdef Bärnsdorf; auch 
stets ebrderf Oberdorf, niedrdef Niederdorf. 

§ 42. mhd. 1. 

1. 1 ist im Kuhländischen im In- und Auslaut, namentlich aber 
als silbisches 1, vielfach velar entwickelt. Im Anlaut ist es alveolar 
(gewöhnliches Zungenspitzen-1), während die velare Bildung (in meiner 
Arbeit nur in den deutlichsten Fällen bezeichnet) in der Hauptsache 
die Stellung vor Konsonant, nach dunklen Vokalen und in der Gemi¬ 
nation betrifft. Ion Lunge, lävr Leber, Slön schlagen, loft Luft, 
potm Palme, pypJ Pappel, kwpt Quelle, snet schnell,: fotf Salbe, 
ädepl Kartoffeln („Erdäpfel“), t$dln tadeln, kätr Keller, kofp Kalb, 
käovte Kälbchen, aelwa und atw» elf, tswetf zwölf, halt bald, kwel 
Qual, lnnli<Jj) Pfifferling, epfpislen Äpfelscheibchen. Wie in käovto 
ist auch in fäovr „selber“ das velare 1 geradezu vokalisiert. 

2. Ausgefallen ist 1 in fäeja Felgen, fost sollst, feöha solche, 
und wohl auch in doswi „alswie“ mit epithetischem d (vgl. Pautsch 
§ 96 os = als; F. Blumenstock „Die Mundart von Klein-Allmer- 
spann 0. A. Gerabronn“, Diss. Tübingen 1911: § 109: aswi = „als, 
wie“ in Vergleichen). 


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209 


III. Die Betonung in Nebensilben und Zusammen¬ 
setzung. 

§ 43. Flexionssilben. 

1. -en > a nach Konsonanten außer einfachem r: bäte beten, 
kwela quälen, tyla schwatzen, fetsa sitzen, halde halten, tsaija zeigen, 
gise gießen, smaisa schmeißen, möla malen, öfsbera aufsperren, 
gähnen (Doppel-r!); bolka Balken, plur. tsaue Zangen, flosa Flaschen. 

-en > n nach Vokalen und nach r: blain bleiben, brin brennen, 
nen nähen, len säen, tsTn ziehen; da len die Seen, da wen Wehen, 
lqrn lehren und lernen, föern fahren, Abiern spüren, hqrn hören; 
plur. bqrn Beeren, paurn Bauern; im dat. plur. da hondn den 
Hunden, da fekn den Säcken, da rotsn den Ratten (vgl. § 39); ferner 
im Plural der Konjugation: mr wän, welan, fein, redn, lävn wir 
werden, wollen, sollen, reden, leben. 

Nach einfachem n im Stammauslaut wird -en meist mit diesem 
zusammengezogen: san scheinen, ran regnen, frdin verdienen, gran 
weinen, met man swan mit meinen Schweinen. Dagegen mit Doppel- 
n im Stamraauslaut: Sbona spannen, sbena spinnen, frdena verdünnen, 
gawena gewinnen, dat. plur. met kona mit Kannen. Aber auch mit 
einfachem n nach langem Vokal dena dehnen, mäena meinen. 

2. -ern > ern > an (n): sn§tn schnattern, plompan plumpsen, 
dumpt aufschlagen, fitn füttern, fernstn gien fenster(l)n gehen; als 
Nominalendung stets n: gestn gestern, hettsn hölzern (hettsnr 
hölzerner) met da andn kendn mit den anderen Kindern, of da defn 
auf den Dörfern. 

-ein > Jn: batjn betteln, saufjn pl. Schaufeln. 

3. -e ist abgefallen: 1. sg. ech ret ich rede, gis gieße, blöh 
biege, smais schmeiße, bät bete; kiech Kirche, tsan Zange, fon 
Pfanne, rek Rücken (rahd. rücke); plur. da rek Röcke, da körf 
Körbe, gabies Gebisse. 

In einigen Fällen ist jedoch -e erhalten: 

a) in manchen Partikeln und Adverbien: forna vorn, hema hier 
drum, dema da drum, eia (dial.) ja, ina freilich. 

b) bei den Zahlen von *2—1*2, wenn sie allein stehen: tswlena, 
tswüa zwei (§ 10, 1), femwa fünf, tsäna zehn, etc. und bei den 
Ordnungszahlen: der fievata der siebente, oqljta ochta etc. 

Mittfiluugeu <1. ScUles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 14 


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210 


c) beim Adjektiv in attributiver Stellung: a bleib kn eine böse 

Kuh, a toma tos ein dummes Frauenzimmer, pl. Siena mäedlan 
schöne Mädchen. - 

d) auch sonst vereinzelt: sdruta Stute, l'aula Säule, kala Kerl, 
fisa süß; in der Komposition kwletagäl quittegelb; neben yerm Arm 
nnd mönt Mond hört man auch dr oema (sg!), dr mönda. 

4. -et>t, oft mit auslautendem Dental eng verschmolzen: rat 
reitet, badat bedeutet, gabat gebetet, gabot gebadet, smast schmeißt, 
laecht leuchtet, galae<£ljt geleuchtet. 

5. -el > 1: tswlevt Zwiebel, uigl Orgel, sädl Schädel, mqrfl- 
Sdr.ompl „Mörserstempel“? (mhd. morselstein) Mörserstampfer. (Mit 
gdrnmpl Stempel wäre sdruta Stute zu vergleichen). 

-er > r: fanstr Fenster, akr Acker; menr Männer, kendr Kinder; 
grisr größer, klanr kleiner. Im Gegensatz zum Schriftdeutschen 
fehlt -er in bek Bäcker (mhd. becke neben becker). 

Für die Konjugation ergibt sich demnach folgendes Schema: 

e<£h bren ich bringe, du brenst, (h)ar brent, mr brenan, lr 
brent, fa brenan; e<Jli kont konnte, du kontst, (li)ar kynt, mr kondn, 
Ir kont, fa kondn; eoh tet täte, würde, du totst, (h)ar tet, mr tötn, 
Ir tot, fa tötn. 

Besondere Formen für das Präteritum kommen (namentlich bei 
starken Verben) selten vor, wie e<Jh hot ich hatte, wyer war, wolt 
wollte, folt sollte, kont konnte, lyert sagte, lotst setzte, k$m kam, 
töqiit taugte, tyt tat (vereinzelt auch toft durfte, gun ging). Noch 
seltener sind Formen für den Konjunktiv, der außer e<£lj het hätte, 
wyr wäre, kent könnte, körn käme, auch fett, feldn sollte, sollten mit 
tet umschrieben wird. Von den zahlreichen unregelmäßigen Präsens- 
bildungen sind eine Anzahl an verschiedenen Stellen der Arbeit 
erwähnt. 

§ 44. ge- beim Präteritum. 

ge- beim part. praet. lautet ga: gawuarn geworden, gasrleva 
geschrieben, gabllen geblieben, gafasa gesessen, etc. 

Das participium praeteriti bleibt im Kuhländischen häutig ohne 
Präfix, besonders vor gutturalem, zuweilen auch vor labialem Wurzel¬ 
anlaut: gän gegeben, gana gegangen, kuma gekommen, grefa ge¬ 
griffen, yfana angefangen, gösa (halblang!) gegossen, kwoua be¬ 
zwungen, bewältigt, käoft gekauft, knert „geknetet“ = getreten 
(z. B. e^Ji bien ai wos naiknert ich bin in was hineingetreten, e<£h 
hyrmr a füs frknert ich habe mir den Fuß vertreten), krocl^a ge- 


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21.1 


krochen, k(»ert gekehrt, kläoft geklaubt, kläeft geklebt, gläeft ge¬ 
glaubt, bröqljt (neben gabröcht) gebracht, kriölit gekriegt, klätrt 
geklettert, gase gegessen, tsuknelt zerknüllt, due<£hknelt durchge¬ 
prügelt, knurt geknurrt und geknarrt, grant geheult, gräntst gegrenzt, 
gase gegessen, kret gekräht, grist gegrüßt, kocht gekocht, öflokt ab- 
gepflückt, (q)klopt (an)geklopft, kost gekostet, knolt geknallt, kwelt 
gequält, ofknept aufgeknöpft, klone geklungen, guiglt gegurgelt, 
kokst gegackert, kukt geguckt, gryft gegraben (neben gr^ve). aus- 
gletSt ausgeglitten, kwetst gequetscht, kwTtst, kwätst gequietscht, 
geschrieen, öpakt angepackt, yketst abgekürzt, auskfitrt „ausgekatert“, 
verfärbt, verblichen, krädlt gestohlen (dial.) 

Dagegen lautet das schrifldeutsche „worden“ in Verbindung 
mit dem partic. praet. stets gawuarn, z. B. hait ies de hokst ofga- 
böta gawuarn heut ist „die Hochzeit“ (!) aufgeboten worden. 

§ 45. Vorsilben. 

Hier wie im folgenden Paragraphen werden nur die wichtigsten, 
vom SührifTtdeutschen abweichenden Prä- und Suffixe aufgeführt, 
ba- und ge- mehr wegen ihrer Wirkung auf den Wortsinn, 
be- > be-: benime versprechen, fe<£lj bedenke sorgfältig überlegen. 
ge>ge-: gerain reuen, gedonke Gutdünken (mhd. gedunc); ge- 
kläef Füllung beim Backhuhn („Geklebe“), gesnledr Schnupfen, 
geslijpr „Geschiapper“, Weibergescliwiitz, gesbints Fopperei und 
zahlreiche andere Dialektausdrücke r 
er- > dr: drgän ergeben, drfrlfe erfrieren, drböema erbarmen, 
ver > fr: frgase vergessen, lech frfra<^hte aufbrechen, sich wegbegeben, 
zer-> tsu: tsnslöern zerschlagen, tsuresa zerrissen, 
ent > halt (Meinert hat-): haftkqrn entgegen, hattfaue empfangen, 
haltnärae entnehmen, haltpän entbehren, 
ab- > 9 : $wekln abwickeln, <Jl$de abladen. 

an-> 9 : $f§er§jn = firdrase vordreschen („anforscheln“), $lqrn an- 
legen, §ian. ansehen. 

där- > dr: drfön davon, drnöqh danach, dnnlet damit. 

§ 46. Nachsilben. 

-ec > e <5h: tQrte^li fertig, fompedh sumpfig, dusdre<Jh durstig. 

-lieh > le<£h: \>erntle<^ ordentlich. 

-linc>lieh (letfli). Bildungen mit -li<£h = ling sind im Kuh¬ 
ländischen zahlreich. Sbqrleqlj Sperling, gr^rale^j verdrießlicher 

14 * 


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212 


Mensch, hinlich Pfifl’erling, snfitrlich Schwätzer, frtlewliöh „Ver- 
derbling“, Taugenichts,, slenkrliöh, wetsrliVJi Bezeichnungen für 
Perpendikel, vgl. § 49. 

-haft>hoft: n (»erhoff nahrhaft, bösthoft boshaft, wos snakrhoftijas- 
was Lustiges zum Lachen. 

-schaft > soft: fantsoft Feindschaft, wietsoft Wirtschaft. 

-sam > fom: sbyerfom sparsam. 

-rnuot^mat: yerraat Armut, wörmat, Wermut. 

-a*re?-r: waeöhtr Wächter. 

-isch (-nisch) > s: pöls polnisch, bems böhmisch. 

-heit, -keit =» häet, -käet: krankhäet Krankheit (kranket fallende 
Sucht!), daukböerkäet Dankbarkeit. 

-mat>mart: häemert Heimat. 

-lin > la, pl. -lan: häfla Häslein, pl. hüllen. Die Verwendung der 
Diminutiva ist im Kuhländischen sehr häufig. 

-inne>en (en): paireqhen Bäuerin, de Meksen die „Frau Miksch“. 

§ 47. Komposition. 

1. Meist Verkürzung des zweiten, unbetonten Gliedes: böerwes 
barfuß, jomfr Jungfrau, harntl Handvoll, hanske Handschuh, kppfl 
> kopl Kopfseil, Tragseil zum Karrenziehen, wolwl wohlfeil, hokst 
Hochzeit, yrtst Ortscheit, snTetle^h Schnittlauch, knöbledh Knoblauch, 
jöermat Jahrmarkt, löntidh Sonntag, möntidh Montag, densti<$h 
Dienstag, ebrdef Oberdorf, niedrdef Niederdorf, 1 ankert Langwied, 
firtse vierzehn, fomftse 15, raemvereöh Rainwegerich, etc. 

’l. Beide Glieder sind verkürzt in: frati<£i) Freitag, laimat Lein¬ 
wand, siemlkome schön willkommen! dratse dreizehn, ros dl Pferde¬ 
stall, kisdl Kuhstall. nokwr > nopwr > nppr Nachbar, rnofn-k<jrr 
Rauchfangkehrer, Schornsteinfeger. 

A. Wie im allgemeinen das Flexions-e im Kuhländischen verpönt 
ist, so ist auch das mhd. Verbindungs-e in der Komposition weniger 
vertreten. Ich hörte nur kwletogäl quittegelb mit Flexions-e, dagegen 
grysgriti für grasgrün (glätzisch gröfogrln). Dafür zeigt sich öfter 
genetivisches s (s): fätsdif Pferdedieb, monslait. Mannsleute, waiwrs- 
lait Weibsleute, esposläop Espenlaub, fätsbüf Pferdejunge, kentsfrüo 
Kindfrau, Wöchnerin, fatskraplan Pferdedünger, hontsluiwr „Hunde¬ 
lorbeer“ (beides launige Euphemismen!), pettsörmlsdik pelzärmel- 


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■dick, wandrspiukl „ Wanderspinkel“, Reiseböndel, holpsäet „Halbs- 
heit“, Hälfte. 

NB. Bemerkenswert ist die häufige Verbindung mit der Mehrzahl: kisdl 
Kuhstall, kietlo Kuhjunge, eigtl. Klihstall, Kühhirtlcin, kitsövr Kuhzober, etc. 

§ 48. Anlehnung. 

1. Eine Anzahl einsilbiger Wörter, namentlich Pronomina, zeigen 
verschiedene Quantität, je nachdem sie betont oder unbetont, gewisser¬ 
maßen schwach angelehnt gebraucht werden. Solche sind: wös — 
wos was, d^s — dos das, tedh — e<ih ich, mteeh — medh mich, 
dle<£h •— decli dich, Tem — etn :> am, ihm. sich, har — (h)a er, 
dar — da(r) der der, dän — da den. mTet — met mit, Tes - is ist, 
etc. — „ja“ lautet betont eia, angelehnt ja. 

2. Bei stärkerer Anlehnung pflegen namentlich der Artikel und 
die Personalpronomina sehr zu verkümmern: ech hör im fr»tr galoert 
ich habs dem Vater gasagt. wörtrn äo ai dr kieeh? Wart ihr 
denn auch in der Kirche? mr wändr an senil naigan wir werden 
dir einen Schemel hineingeben, da hon mr a top 011 da tlos tsu- 
§l<~>ern die haben mir den Topf und die Flasche zerschlagen, fa höt 
baina m$ert tönam tsaum gasdanda sie hat bei einer Magd an einem 
Zaun gestanden, hosdn ni gafän? Hast du ihn (denn) nicht ge¬ 
sehen? mr lönan a naia tTr naimaqha wir lassen ihnen eine neue 
Tür hineinmachen, dö wamram misa araöl sraiva da werden wir ihm 
einmal schreiben müssen, mr was ja ni, wis wätr wiet man weiß 
ja nicht, wies Wetter wird, ine dö wamrons frfrachta nun, da werden 
wir uns verfrachten (= aufbrechen, wieder gehen), wos hotrn dö? 
ina mö! Was habt ihr denn da? nun, Mohn! gemrs gosla. eöh gä 
drs wiedr gib mir (das Mündehen = ) einen Kuß, ich geh (dirs 
wieder =) dir auch einen! 

§ 49. Fremdwörter. 

]. Mehrsilbige Fremdwörter, namentlich lateinische und fran¬ 
zösische, erscheinen mehr oder weniger entstellt, z. B. perpatikl 
Perpendikel (auf gut altkuhländisch übrigens sehr treffend mit slenkar- 
letfh oder wetsarleijh bezeichnet!), pätsonkala Portiuncula, gasbenst- 
köert Korrespondenzkarte, sbiklirn spekulieren, telhtörn desertieren, 
kontra kujonieren, eksbens Dispens, tikürs Diskurs, lüparuatsiön 
Subordination, sdandobe auf der Stelle (staute pede), pahints Gleich¬ 
gewicht, smtfl Vorhemdehen. 


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•214 


2. Die infolge der tschechischen Umgebung ziemlich zahlreichen 
slavischen Lehnwörter sind im ganzen besser erhalten geblieben, wie 
pöwldl Pflaumenmus, lös Pffitze, nüs Messer, kas Hirse, katS — kat§ 
Lockruf für Enten, sllska Stopfnudeln, kleingeschnittene Klöße, kapas 
Tasche, plütsr Kürbis, tsTtsarlan Buschbirnen und wohl auch lietsa 
in hetsa tryern (Kinder) im Brusttuch tragen, taränt ungezogenes 
Kind, pownnk großblütige Gartenblume (vgl. tschechisch hejöka 
Schaukel von Leintuch, taranda Plaudertasche, povonny duftend). 

§ 50. Eigennamen. 

1. Stark vereinfacht erscheinen namentlich die Rufnamen: Dolf 
Adolf. Lex Alexander, Lois Aloysia, Tön Anton, Bfibrla Barbara, 
Böertlm,' Bartholomäus, Lls Lifla Elisabeth, Tina Ernestine, Nantla 
Ferdinand, Jier<£h Jüra Georg, Len Helene, Sef Beps Josef, Dit 
Judith, Lina Linka Karoline, Kät Katharina, Lön Magdalena, Myrta 
Martin, Mätes (Möts) Tes Matthias, Medhl Michael, Sinka Sin Rosina, 
Rfldl Rudolf, Sfil'i Susanna, Tres Theresia. Bemerkenswert ist Ans» 
Anna, vielleicht nach Analogie des Gebrauchs der Familiennamen, 
z. B. die Schmidtsehe, die Müllersche, vielleicht auch unter dem 
Einfluß des slavischen Deminutivs -us. 

2. Nicht so stark ist natürlich die Tendenz zur Kürzung bei 
den Familiennamen, von denen hier einige aus Kunewald genannt 
seien: Bläska ßlaschke, Bens Höhnisch, HäekaweMr Heikenwälder, 
Hlkl Hiickel, Klems Klemisch, Köflr Kosler, Mäk Maak, Monsbyert 
Mansbart, Meks Miksch, Mika Mücke, Rlepr Repper, Schrym Schramm. 

NB. Zur Unterscheidung gleichnamiger Familien erhalten diese 
Namen, oft besondere Zusätze, z. B. Sana-Goldas „Scheunen-Gold’s“ 
(weil ihr Besitztum bei der herrschaftlichen Scheune in Kunewald 
liegt), Bienbaom-Hfkls (weil vor deren Hause ein großer Birnbaum 
steht), KöflrrBäbas Kosler-Barwigs (weil ein früherer Besitzer dort 
Kosler hieß). Auch der Stammbaum wird umständlich mit dem 
Namen in Verbindung gebracht, wie Telska-Tönas Anla Teltschik- 
Antons Anna, Menstr-Hanfas-Dawits Sef Münster-Hansens (Großvater) 
Davids (Vater) Setf. 

J. Heimische Ortsnamen: Kümvalt Kunewald, Slen Schönau, 
Siel Sohle. Satndef Seitendorf, Byertsadet Partschendorf. Bänsdef 
Barnsdorf, Semftläva Senftleben. 


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Wortgeschichtliche Studien II. 

Von Dr. G. Schoppe in Breslau. 


Ablaut und »blauten: Kluge, Et. Wb. (1915) 3 b : ,von Jakob 
Grimm 1854 im DWB. zufrühst gebucht, und in seiner Grammatik 
1819 (*2. Autl. 1822 1, 10 geprägt). Grimm verzeichnet DWB. I, 69 
unter Ablaut: permutatio vocalium literarum, geregelter Übergang 
des vocals der wurzel in einen andern 1 ; und unter ablauten vermerkt 
er als Bedeutung auch nur ,den vocal der Wurzelsilbe wechseln 4 . 
Es war ihm also unbekannt, daß wir das Wort geraume Zeit früher 
haben. So lesen wir bei J. P. Zwengel 1568 Formular Buch 3b: 
,In bewegung des leibs sind warzunemen die theil der stimm 
(davon ab laut) sich darnach zu bewegen. 4 Ira Jahr 1673 er¬ 
schien in 4° zu Braunschweig ohne Namen ein Büchlein ,Horren- 
dum bellum Grammaticale Teutonum antiquissimorum 4 , das Schotte- 
lius verfaßt hat. Hier lesen wir auf Seite 42 f.: ,Die beiden 
übrigen Regimenter bestanden in lauter ungleichfliessenden*) 
Zeitwörtern, waren stärker dan die vorigen (sc. die aus gleich- 
fliessenden bestanden), und musten alle Dragoner werden, dan sie nicht 
wie die gleichtliessenden Zeitwörter, einerlei Ordnung und gleich- 
messigen Zug und March behielten, sondern bald lings, bald rechts, 
dan zu Pferd, dan zu Fuß, sich setzten, stellen und fechten 
kunten. Waren versuchte Leute, hatten zwei erfahrne Obristen, die 
hiessen: Fechten und halten, die zwantzig Dragoner-Haubtleute waren 
diese: Brechen, denken, fahren, fangen, linden, gelten, hauen, helfen, 
kennen, können, nehmen, rauften, reissen, reiten, schiessen, schlagen, 
stechen, treffen, wachsen, werfen: welche alle unter sich wakkere 

*) Die Ausdrücke gleichfließende und ungleichfließende Zeitwörter 
hat Schottelius der niederländischen Grammatikerspracbe entnommen. Gegen 
diese Verdeutschung von transitiv und intransitiv hat sich J. Grimm in der 
Vorrede zum 1. Bande des DWB. ebenso entschieden ausgesprochen, wie gegen 
die jetzt beliebte zielend und ziellos. 


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216 


Kriegs Kinder hatten, so willig folgten, und mit dem Tode den Ge¬ 
horsam enderten, wiewol ihre Ordnung und Nachmarch ungleich¬ 
förmig, und ihr Dragoner Trummeischlag ungleichfliessend und ab¬ 
lautend war‘: Seite 90: sonderlich dem Teutschen Pöbelvolke, sei 
das Maul so krum und voll geworden, und die Zunge und Lippen 
so scheef und knobbicht gewachsen, daß man so unartig, ablautend 
und übel sprechen und ausreden müssen 1 ; und Seite 85 finden wir 
ablautsam: ,Aber über zwantzig Jahren nach dieser Sprach Ver¬ 
giftung und misteutschen Wassertrinken, war diesen teutschen Wörter 
Rinderen der Hals, Maul, Zunge und Lippe gantz breit, misformig, 
ablautsam und unkennlich 4 . Schottelius ist also das ablautende, das 
ungleichmäßige, das unschöne. Aber wichtig bleibt es doch, daß 
er die ungleichfließenden Zeitwörter, also die starken, ablautende 
nennt. 

Sich ahmarachen. Vgl. Schmeller I, 1640; Sanders II 239* 
belegt das Wort aus Voß und Zs. f. d. W. 13, 306 aus Joh. Gott¬ 
werth Müller; Paul im WB. bringt einen Beleg aus Immermann; aus 
Ostpreußen belegt vonE.Lemke, Volkstümliches ausOstpreußenl57; auch 
bei K. Sallmann (Reval 1880) Beiträge zur deutschen Ma. in Estland 48. 
Früher als diese Belege ist eine Stelle bei Zinzendorf. 1748 In den 
Reden über die Augsburgische Konfession Seite 174 spricht er von 
dem Stimulus des Todes, der die Hütte abmarachet, bis sie da liegt. 
Ich füge noch bei aus dem von Vahlen (1892) herausgegebenen 
Briefen Lachmanns an Moritz Haupt aus dem Jahre 1*44 eine Stelle 
Seite 132: ,Letzte Woche war ich wie ein Gaul ahmarecht. In 
der Vorrede XII erwähnt der Herausgeber, daß Weinhohl ihm das 
Wort gedeutet habe. Die Ableitung ist ohne weiteres klar. 

Abweichung. Nach Piur (Halle 1903) »Studien zur Sprachlichen 
Würdigung Christian Wolfs 39. 93, wäre das Wort von der Ab¬ 
weichung der Magnetnadel zuerst bei diesem zu belegen; er beruft 
sich auf Stieler, dem dieser Gebrauch noch unbekannt ist. Diese 
Behauptung Piurs bedarf, wie so manche andere in dem Büchlein, 
der Berichtigung. Bei I). Specker 15X9 Architectura 5* heißt es: ,So 
merck fleißig wenn der schatten vom Stylo, so inn der mitten stehet 
eim Circkelriß eben gleich kompt im Abweichen, so mach ein fleißiges 
Püntlin dahin 4 ; und ibid. ,wie viel Gradus und Minuten das Züngle 
(des Kompasses) von Mittag abweiche 4 . Der Ausdruck, die Ab¬ 
weichung des Magnets 4 steht bei H. Röslin 1610 Mitternächtige 
Reisen 68. Noch andere Belege sind: E. Weigel 1665 Erd-Spiegel 


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217 


70: ,daselbst der Magnet auch nichts merkliches abweichen soll 4 : 
und S. 78: ,Abweichung des Magnet-Züngleins 4 ; und Chr. A. 
Knorr v. Rosenroth 1680 Pseudoxia Epidemica 467.: ,es ist eine 
Abweichung der Magnet-Nadel gegen die Ost- und West-Seite von 
der wahrhaften Mittags-Linie 4 . — Ich möchte mir die Frage erlauben: 
Wann werden wir endlich einmal dahin kommen, daß wir die Wörter¬ 
bücher nicht als absolut sichere und untrügliche Zeugen anrufen, sondern 
nur als Kontrolle benützen bei der eigenen Durcharbeitung gleichzeitiger 
Schriftsteller? Denn es ist doch schon hervorgehoben worden, daß 
bei Schottelius, Stieler usw. sich Lücken finden, und sie naturgemäß 
auch nachhinken müssen. Tut das etwa das I)WB. nicht, und finden 
sich hier keine Lücken? So fehlt z. B. unter abweichen und Ab¬ 
weichung die hier behandelte Bedeutung. 

Affenschande. Im Jahre 1819 scheint das Wort noch nicht 
bekannt gewesen zu sein; sonst hätte es Vilmar wohl gebraucht. 
In einer bei Hopf I, 78 abgedruckten Briefstelle sagt er: „wo sich 
über 120 Gießener und — o Afterschande! nur 40—50 Marburger 
einfanden 4 . Man könnte freilich auch daran denken, daß Vilmar, 
der bei dem Wort Affenschande an den Affengreuel erinnert wurde, 
absichtlich hier eine Umbiegung vorgenommen hat. Vgl. noch 
Gombert, Zs. f. d. W. 8* 122. So dürfte der bis jetzt frühste 
literarische Beleg folgende Äußerung Jahns aus dem Jahre 1881 sein, 
Briefe 329: ,Auch gehört Belgien, wenn es sich von Holland trennt, 
wieder zu Deutschland, und seine Festungen sind als deutsche Bundes- 
festungen zu besetzen, wenn sich nicht die neue Affenschande blau, 
rot, weiß darin einnisten soll. Diese Dreifarbe ist eine Heraus¬ 
forderung von ganz Europa von Lissabon bis Moskau 4 . Man vergleiche 
auch noch folgende Stelle Ludwig Feuerbachs (3 II. 1835) an Christian 
Rapp bei Bolin I, 252: ,Bei uns ist allein, wenigstens auf unsern 
Universitäten, die Affenschande noch in Activität 4 . Der Ausdruck 
wird dann bald geläufiger cf. Zs. f. d. W. 4, 310; Sanders, WB. III, 
889 c ; Sanders 1852 Das deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm 
Grimm I, 23, wo er das Fehlen des Wortes im DWB. tadelt; Sanders 
mochte der Ausdruck auch aus dem Plattdeutschen bekannt sein: es 
verwendet ihn z. B. John Brinckmann, Kasper-Ohm un ick 11 (Hesse, 
Band 2) und öfter. 

Anhiedeni. Zu dem Mitt. XVIII, 75 beigebrachten Nachweis sei 
noch nachgetragen aus Fr. v. Raumer(1816) LebenserinnerungenII, 21: 
Daß er (Canova) aber zwei Ringer auf den Vatikan setzen ließ, ist eine 


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218 


die Kritik übermäßig reizende Thorheit.- Nicht als wenn dort nicht 
hundert schlechtere Bildsäulen ständen, sondern weil er der einzige 
Neuere ist, (1er sich dort anbiedert.‘ 

Anheimeln. Das von Kluge 1912, Wortforschung und Wortge- 
schichte 76f. behandelte Wort (vgl. auch Kluge bei Pfaff 1906, Volks¬ 
kunde im Breisgau 151) erscheint 1815 bei C. Graß, Sizilische Reise 
II, 94 in Klammern, wodurch doch wohl angezeigt werden soll, daß 
es schweizerisch und nicht schriftsprachlich ist: .Ich nahte einem stillen 
Thal, das etwasso Heiteres, Friedliches (Anheimelndes) hatte, wie in 
der Schweiz das Haslithal den Wanderer anspricht 4 . In etwas un¬ 
gewöhnlicher Wendung haben wir es denn 1820 bei Vilmar: ,Meine 
Ze?t ist sehr beschränkt, da ich für jetzt nur strebe, mich so viel 
als möglich ein-und anzuheimeln-. Vgl. Hopf, August Vilmar, ein 
Lebens- und Zeitbild I, 90. Das hier gebrauchte Wort einheimeln, 
von dem das DWß. nichts weiß, verwendet nach F. J. Schneider 
1911 Theodor Gottlieb Hippel 12 dieser Schriftsteller: ,die „ein¬ 
heimelnde Simplizität“ ihres Witwensitzes blieb ihm in Erinnerung 4 . 
In den fraglichen Stellen konnte ich aber diesen Ausdruck nicht finden. 

Animos. Von Schulz wird animos im Fremdwörterbuch über¬ 
gangen. Animosität aber erst von dem Jahrp 1802 ab belegt. So mögen 
hier einige Nachträge stehen. ,Haben denn Ew. Wohl-Ehrwiirden 
damals, als sie ihre animosische Feder wider mich spitzeten, an den 
gewissenhafften Radt des frommen Justins gedacht? 4 H. B. Schuftes 
1790. Wohlmeynende Erinnerung 6; vgl. 18: ,und läßt sein animöses 
Gemüthe Wirken 4 ; Zinzendorf 1746 Natflrl. Reflexionen 201: ,so 
war der Syndicus in seinen Ausdrücken so rund, so aniraos, und 
ging so direct wider den Mann an 4 . 

Animosität (vgl. Schulz, Fremdwörterbuch) ist mir zuerst bei 
E. G. Happel 1692 Historia modernae Europae 36* begegnet: ,darauß 
die Animosität deß einen Theils gegen das andere gnugsam er¬ 
hellet 4 ; dann bei Jo. W. Petersen ungefähr 1718: ,Sie würden sich 
solcher Animosität gewiß nicht angenommen haben, wenn sie nicht 
gedacht hätten 4 . Kurtze Abfertigung 16. Gar nicht selten finden 
wir das Wort bei Zinzendorf. ,daß die alte Animosität gegen alle 
diejenige, welche das wahre Gute suchen, noch immer währet 4 1734 
Bedencken 47; 1735 Aufsatz von Christlichen Gesprächen 4: ,wenn 

man ihm (sc. dem Wort Sekte) die unfehlbare Idee einer Trennung, 
Ausschlüssung anderer, und eine nothwendige Animosität und Ver¬ 
folgungs-Geist gegen die Widriggesinnten andichten will 4 ; 1740 


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219 

kleine Schriften 477: .als hier ein unpartheyischer Kirchen-Historicus 
mit einiger Animosität etalirt 4 ; 1746 Natürl. Reflexionen: ,die generale 
Widrigkeit, die damals gegen die Separation gewesen, die hat sieh 
verloren, seitdem die Animosität gegen die Gemeine allgemein worden 
ist 4 ; vgl. auch 1747 Wunderlitaney 274. Noch einige Beispiele aus 
anderen Schriftstellern mögen folgen: Joh. Paul Weise 1747 Un¬ 
gezwungene Heimleuchtung 2: .und hierauf (sc. die Querellen) bis 
jetzo in einer Animosität fortgesetzet, die niemand hinter ihm ge¬ 
sucht hätte 1 . H. Förster 1784 an Sömmering, Briefwechsel 125: 
,Von aller Animosität ist man hier weit entfernt, so sehr auch in 
Berlin gesetzt wird*; Doro Caro 1797 Novellen I, IV: ,so erscheint 
in jeder Messe ein Bändchen, bei dessen Abfassung ich die Warnungen 
einer ohnejAnimosität geschriebene Critik sorgfältig benuzen werde 4 ; 
und zum Schluß J. Fr. Rebmann 1793 Briete über Jena XXIII: 

,Animosität und Leidenschaft gegen Jena kann dem Verfasser gewiß 
nicht Schuld gegeben werden 4 . 

Annektieren, vgl. Ladendorf 6. Lothar Bücher 1862 Bilder 
aus der Fremde I, 374 Anm. berichtet: ,Dieser zartere Ausdruck 
(sc. annexieren für Aneignung fremden Gutes) ist, soviel ich weiß, 
zuerst von den Yankees gebraucht worden, als sie sich Texas nahmen, 
und daher in der englischen Form to annex in die europäische 
Zeitungssprache übergegangen. Seit der obige Artikel geschrieben 
(d. h. 1855). haben die Deutschen mit gewohnter Gründlichkeit be¬ 
wiesen, daß man von L. Napoleon nicht sagen müsse: erannexirt, 
sondern: er annectirt — was ihm ziemlich gleichgültig sein wird, 
wenn die Deutschen ihn nur nicht hindern zu nehmen, was er haben 
will*. Nach dieser Angabe wäre 1845 als Geburtsjahr des Aus¬ 
druckes festgestellt. Man darf wohl mit Sicherheit annehmen, daß 
Treitschke diese Äußerung Lothar Buchers gekannt hat und sein bei 
Ladendorf abgedrucktes Urteil hierauf zurückgeht. 

Beeinträchtigen. Weigand-Hirt nennt als ältesten Beleg 
Schottelius 1641: Frisch 1741 bezeichnet das Wort als Juristen- 
compositum, Adelung 1793 hält er für einen Oberdeutschen Juristen 
ausdruck, während es Heynaz 1796 empfiehlt. Im DWB. wird uns f 
ein Beleg aus Wieland beigebracht. Gottsched kennt das Verbum 
nicht, wohl aber das Substantivum, vgl. Reichel, s. v. Mir ist das 
Wort noch begegnet 1605 Beschreibung des Rheinstromes 365: ,und 
Handelsschaflt keineswegs turbiret oder beeinträchtiget werden 4 - 
Beeinträchtigung haben wir dann noch 1683 Das verwirrete König- 


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220 


) 


reich Ungarn 275: ,Zugleich aber auch die Beeinträchtigung der 
Evangelischen Freiheit ihren Anfang genommen habe 1 : 1 <>84 .Jesuiter 
Rahts-Stube 78: ,Beeinträchtigung ihrer Privilegien und Freiheiten 1 . 
Zinzendorf verwendet des öfteren beide Worte: ,So kan auch nicht 
alle Beeinträchtigung der guten Sache von einem weisen Fürsten 
geandet werden*. 1734 Bedenken und besondere Sendschreiben 19; 
,der Vater will, daß eine Seele nicht den allergeringsten Schaden 
habe, daß nicht das mindeste abgehe, daß sie sich über einige Be¬ 
einträchtigung nicht zu beschweren habe 1 . 1749 Gemein-Reden 
305; ,darum ohne alle Beeinträchtigung, Despotismum und 

Tyranney bleibt* 1748 Londoner Reden 124; ,und was Jesus denen 
Jüngern überhaupt sagt, sie sollen den Beeinträchtigungen nie 
widerstehen, Matth. 5, 39, das wird wohl mehr gelten, wann 
der unsere Obrigkeit ist der uns beeinträchtiget*. 1741 Jere¬ 
mias 96. Wegen des Gebrauches dieses Wortes an dieser Stelle wird 
der Graf hart gescholten von Job. dir. Adami 1747 Jeremias 71: 
,Ich will nur noch anbringen, daß der Herr Verfasser auf dem 
96. Bl die Stelle aus Matth. 5, 39 sehr undeutlich übersetzt, da das 
Wort xot’7]QÖg, durch Beeinträchtigungen gegeben. Ob es aber 
die böhmisch- und mährischen Bauern verstehen werden, glaube ich 
nicht. Beeinträchtigung und Übel ist ja nimmer mehr ein Wort, 

und warum wird es dann in der Übersetzung des hernhuthischeu 

\ 

neuen Testaments durch Boßheit gegeben Bl. 10, wenn es Beein¬ 
trächtigung heißen soll? - 

Bergfex. Ladendorf im Schlagwortwörterbuch belegt das Wort 
nach Sanders vom Jahre 1880. Früher taucht das Wort auf bei 
J. Nordmann, Meine Sonntage. Ich kenne nur die zweite Auflage 
vom Jahre 1880. Dort lesen wir auf Seite 315 in einem Artikel 
aus dem Dez. 1872: ,Ks ist in der jüngsten Zeit Mode unter den 
Bergfexen geworden, Höhenpunkte selbst dann, wenn voraussichtlich 
nicht die beschränkteste Fernsicht zu gewinnen ist, und nur deshalb 
um oben gewesen zu sein, zu erklimmen*. — 

Auf Seite 18 schreibt Nordmann in einem Aufsatz vom 22. V. 1864: 
,Von Dr. Genczig stammt auch die genaue Spezificirung der Touristen 
die er nämlich in „Sternfexe“ oder Mineralogen, in „Gras- und 
Heufexe“ oder Botaniker,.welche beiden er als sehr gefährliche be- 
zeichnete, weil sie die Felsen zum Absturz bringen und die Alpen¬ 
wiesen zertreten, und in die ungefährlichen „Aussichtfexe“ ein- 
theilte. in welche letztere er etwas unberechtigt auch die Landschafts- 


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maler und Schwärmer für Sennerinnen subsumirte*; Seite 214 (29. Juni 
18t>7): ,und verlege mich, vom Aufsteigen ermüdet, auf die Aus- 
sichtsfeierei ; ; Seite 98 gebraucht er das Wort Theaterfex. 

Blasiert. Schulz im Fremdwörterbuch gibt Belege aus dem 
Anfang des 19. Jahrhunderts. Dazu vergleiche man: ,Wenn ihr 
doch wüßtet, welch ein Compliment. ihr mir macht, ihr blasirten 
Geschöpfe, die ihr gar keiner Zeit, euch zu entsinnen wißt, wo ihr 
noch neu wäret 1 . Fr. Bouterwek. 1793 Graf Donamar III, 72. 

Boudieren, so ist Zs. f. d. W. XV, 179 statt des verlesenen 
bondieren zu verbesern. Dieses Wort läßt sich auch anderweitig 
belegen. So schreibt F. L. Stolberg 1784 an Voß, Briefe 114: 
Neulich hat Boie in einem Briefe an Luise geklagt, ich bou- 
dirte ihn, das ist sein Ausdruck (in einem Briefe an meine 
Schwägerin) 4 ; und Wilhelm von Humboldt 1819 an seine Ge¬ 
mahlin: .Dann mußte ich mich auch damals sehr hüten, daß ich 
nicht zu boudieren schiene, nicht Bernstorffs Platz zu haben 4 . Brief¬ 
wechsel VI, 437; und bei Pfickler-Muskau 1840 Südöstl. -Bildersaal I, 
80 heißt es: ,In einer solchen Lage wird sogar das Boudiren (auf 
deutsch glaube ich „Schmollen“ genannt, drückt die Sache aber 
nicht ganz so gut aus), welches eigenmächtige Herren keinen Augen¬ 
blick vertragen, am Platze sein*; und III, 499: ,Er aber warf sich, 
wie gekränkt, und boudirend wegen meiner harten Worte, in die 
tiefere Fluth*. 

Briese. Kluge bringt als ältesten Beleg für das Wort in der 
Seemannsprache ein Zitat aus dem Jahre 1726. Mir ist das Wort 
mehr als 100 Jahre früher begegnet, und zwar gleich sehr häufig 
bei J. de Acosta 1605 America; wir finden hier Seite 58: ,Eins ist, 
daß in der Region oder Gewest Ostwind herrschen, die sie Brysen 
nennen 4 ; .daß ihnen nimmermehr an Brysen mangelt 4 ; ,da finden 
sich alsobald die Brysen 4 . a. a. 0., Seite 59: ,dann man lind all- 
weg bey der Linea Vorwinde, welches sind die Wind Brysen*, 60: 
,was wir mit dem Namen Brysas und Vendanalen andeuten wollen*; 
65: ,Unter denen (Winden) so sie Brysen nennen, begreifen sie alle 
die, welche von Orient oder Ost her blasen*; ähnlich 62: ,daß der¬ 
selben Seiten Winde unnd rechte Orienten oder Ostwinde die sind, 
so gemeinlich in der Torrida blasen, und Brysen genennet werden 4 , 
auf Seite 86 werden aber die Nordwinde einmal Brisen genannt: ,an 
denen Orten, da- die Brysen oder Nordwinde hinwehen 4 , und 
bei D. Dapper 1673 America 442 b ; ,wann sie (die Sonne) aber von 


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222 


Mitternacht nach dem Mittag zu lauffet. dann wehen die schärften 
Ostwinde Brises des Morgens um die siebente Stunde'. Das Wort 
wird aus dem Spanischen entlehnt sein, wo brisa frischer Nord¬ 
ostwind heißt. Mever-Lübke, Romanisches etymologisches Wörter¬ 
buch 95* vermutet, man müßte vielleicht von dem engl, breeze 
ausgehen. Vielleicht wäre dann ein Zusammenhang mit ndl. bruisen 
nhd. brausen anzunehmen. Ich denke hierüber bald näheres bei- 
bringen zu können. 

Creme der Gesellschaft, vgl. Ladendorf, Schlagwörterbuch 
45fg. Hinzuweisen wären auf die Denkwürdigkeiten der Caroline 
Pichlerl, 322: ,Die Versammlung war sehr glänzend; es war die 
Creme de la Sociote, obwohl sie damals noch nicht so genannt 
wurde. Gemeint ist der Fasching vom Jahre 1808, als die Frau 
von Stael in Wien war. Geschrieben sind diese Worte im Jahre 
1836, wie die Pichler 332 selbst sagt. Pückler-Muskau 1835 Semilasso 
in Europall, 12 spricht von der Creme der aristokratischen 
Nuance der Gesellschaft'; Creme de la Noblesse lesen wir 
bei W. v. Rahden 1847 Wanderungen II, 78 und B. Weber. Charakter¬ 
bilder 324 spricht von der Creme deutschen Volkstums, wie er 
die Abgeordneten der Paulkirche nennt: E. Förster 1853 Ge¬ 
dichte 169: 

,Frei sind wir und oben auf als die Reiches Creme, 

Unsere Devise bleibt: Königtum Quand memo! . 

H. Püttmann, Soziale Gedichte 153: 

,Und dann (schaut) die Majestät von Niederland; 

Den Bürgerfreundlichen von ehedem, 

Und viele der Geschichte unbekannt, 

Obwohl der deutschen Adelsstämme Creme*. 

L. Kalisch 1845 Schlagschatten 85: ,die Creme der haute volee*. 

Dank. A. Götze hat Zs. f. d. W. XII, 206 zuletzt über die 
bekannte Lutherstelle ,und kein danck dazu haben* gehandelt, und 
mit Recht gegen Leitzmann hervorgehoben, daß an der Deutung 
Dank = gratia festgehalten werden müsse. Ich möchte hier auf eine 
bisher übersehene nicht lutherische Stelle aus J. Andree 1567 Er¬ 
innerung 31 hinweisen: ,da sie dann ihr schlemmen und prassen, 
fressen und sauffen werden lassen müssen, und dennoch kein danck 
darzn haben. Deine Weib, spricht er, wfirdt in der Statt zur 
Huren werden, deine Sön und Töchter sollen durchs Schwert fallen, 
du aber solt in einem unreinen Land sterben und Israel soll aus seinem 


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Land vertriben werden*. Der Sinn ist doch hier: Ihr Fressen und 
Sauten werden sie lassen, aber es wird ihnen nichts nützen sie werden 
dazu keinen Dank haben, denn außerden werden iltre Weiber zu Huren 
werden (Arnos 7, 17). Angeschlossen sei noch ein Beleg aus demTheatr. 
Diabol. II, 227 b aus .T. Schütz, Sacrament teuffei: ,jr letsterer ir 
müsset mir Christum nicht unter gott, sondern neben gott, auch 
nicht an die linke, sondern an die rechte seite setzen, und keinen 
dnnck darzu haben*. Für die Bedeutung Dank = ,Wollen* könnten 
reichere Belege als bisher beigebracht werden, aber wort- und sprach- 
geschichtlich ist aus ihnen nichts zu lernen. Deshalb unterbleibt 
hier ein Abdruck [vgl. 0. Brenner 1917, in den Lutherstudien 72 fg.] 

Demagogische Umtriebe. Jahn schreibt Anfang September 
IS 19 (Briefe 140) an den König: .Auf bloßen Verdacht wegen Teil¬ 
nahme an heimlichen Umtrieben bin ich auf die Festung gesetzt 
worden*; aber am 27. September 1819 auf Seite 165 lesen wir: .Ich 
weiß nichts von demagogischen Umtrieben, verstehe nicht einmal 
den Ausdruck, und weiß sogar nicht, welche sprachliche Falsch¬ 
münzerei diese Neuerung geprägt hat*. Wir werden also nicht fehl 
gehen, wenn wir annehmen, daß im September 1819 der unglückliche 
Ansdruck zuerst gebraucht wordeu ist, vermutlich von der Unter¬ 
suchungskommission. Bald bildet Jahn nun Umtriebsriecher u. a. 
S. 241; Umtriebshetze 266; Umtriebshände 270; Umtriebs¬ 
jäger 271; Umtrieber 203; umtriebern 297; Zauberum¬ 
triebe 248. 

Dunstkreis. Gombert, Programm 1908 S. 7 weist das Wort 
als Übersetzung von Atmosphäre im Anfänge des 18. Jahrhunderts 
bei Scheuchzer nach und nimmt an, daß von diesem, also von der 
Schweiz, her sich das Wort verbreitet habe. Das ist ein Irrtum. 
Denn bei E. Francisci 1676 Das eröffnete Lust-Haus 52 steht: ,Durch 
sie (sc. die griechischen Philosophen) wissen wir, daß jedwede 
Himmelkskugel, mit jhren Atmosphaeris, oder lufftigen Dunst- 
Kreisen umgeben. Wie man dieses Wort Atmosphaera aufs deutlichste 
zu Teutsch geben möchte*. Vgl. auch S. 19: ,Haben nicht die 
Planeten ihre atmosphaeras oder Dunst-Kreise?* Aber früher ver¬ 
wendet E. Weigel das Wort ohne das Fremdwort daneben zu stellen, 
so daß er also glauben mußte, so verstanden zu werden. Er sagt 
1661 Himmels-Spiegel B s a : ,wie solche Erdkugel rings umher mit 
Lufft urabgeben, das ist mit einem Dunst-Creiß*; und B s b : ,Bei 


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2‘24 


diesem Dunst Creiß ist dieses wohl zu betrachten würdig, daß er 
zwar gantz durchsichtig ist*. 

Energie. Gorabert 1908 Beiträge zur deutschen Wortgeschichte 
lOverzeichnet Belege von 1777 an: Ihm schließen sich Schulz im Fremd¬ 
wörterbuch und Kluge, EWB an. So werden frühere Nachweise für das 
Wort nicht unwillkommen sein. ,Es sind etliche Frantzösische und Latei¬ 
nische Wörter (woran dem gemeinen Mann wenig gelegen) in ihrer 
Sprache um der mehreren Energie willen gelassen worden, die man sich 
(zurNoth) von einem guten Freund kann erklären lassen 4 . Zinzendorf 
173*2 Der teutsche Sokrates 301; Büdingesche Sammlung (1741) I, 
654: das eintzige, was ich (d. i. Zinzendorf) noch gegen sie habe, 
ist dieses, daß sie nicht aus der Fülle ihres Hertzens, aus der ge¬ 
nauen Erkänntniß von meiner Armuth und Nichtigkeit, von meinem 
Elende, mit aller Freymüthigkeit, Deutlichkeit und Energie, allen 
uusern Gemeinen klar machen, daß ich ein Arbeiter bin, auf den 
keine Reflexion mehr zu machen ist*; A. G. Spangenberg 1752 
Apologetische Schluß-Schrift I, 193: ,die occidentalischen Sprachen 
aber sind durch ihre Netigkeit von aller Energie entblösset, und so 
trocken, daß er anbrennen möchte; ,das Wort Airvafug zeigt auch 
eine wörtliche Energie an‘. Zinzendorf 1757 Londoner Predigten II, 
248; ,wem dieselben (Lieder) nicht bekannt sind, wird öfters die 
Energie des ausdrucks nicht verstehen 4 . 1758 Kinder-Keden, Vor¬ 
erinnerung; Z bildet das Wort energi»««>£ bei A. G. Spangenberg 
a. a. 0. II, 597; Außer Z. möge noch J. A. Ebert angeführt werden 
1763 Young’s Nachtgedanken II, 38: ,Deßgleichen Wortfügungen 
haben ihr (der englischen Sprache) gewiß den Ruhm der Energie, 
den sie bei andern Nationen erlangt hat, mit erwerben helfen 4 . 

Hngelsmutter. ,In einer rheinischen Stadt belegt der Volks¬ 
witz die letzteren (Kinderverpfiegerinnen) mit dem sarkastischen 
Namen „Engelmütter“, weil die ihnen anvertrauten Kinder schnell 
in den Himmel kommen 4 . K. Braun 1874 Aus der Mappe eines 
deutschen Reichsbürgers II, 197 (Geschrieben ist die Abhandlung in 
dem Jahre 1864). Das Wort Engelmacherin belegt Gombert, 
Programm 1908, 11 vom Jahre 1842. 

Erbfeind. F. Behrend 1916 Altdeutsche Stimme 16 findet es 
auffallend, daß Kaiser Maximilian, der zuerst die Franzosen als Erb¬ 
feind, der nach dem Rheine stehe, bezeichnet habe, fast keine Nach¬ 
folge gefunden. Zu dem Beleg von Behrend aus dem Jahre 1513 
auf Seite 18 komme nun ein zweiter aus Mechtel (1569—1632?). 


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In der von Knetsch herausgegebenen Limburgisehen Chronik lesen 
Seite 6: ,Alani und Schwaben, der Franken hanpt- und erbfeind, 
iure belli herzukommen 4 . — 

Der Teufel als Erbfeind der Frommen bei Adam Berg (München 
1588) Warhafftige und gründliche Historia, Vom Ursprung . . Montis 
Serrati B 2 b : ,Als er nun in seinem heiligen Wandel also fortgefahren, 
hat der böß Geist, als ein Erbfeind solcher andechtiger Leut, . . disen 
list erdacht 4 . Behrend 8. — Etwas ungewöhnlich werden bei (B. de 
las Casas) 1597 Newe Welt 32 die Spanier wegen ihrer Grausamkeit 
und Mordsucht ,Erbfeinde deß menschlichen Geschlechts 4 genannt. 
Das Original konnte leider nicht verglichen werden. 

Franstreck. Im l)WB. ist eine Stelle aus S. Franck bei¬ 
gebracht, Grimms Vermutung, das Wort dürfte bei Franck häufiger 
erscheinen, ist wohl nicht der Fall, denn Fischer kennt auch nur 
diesen einen Beleg bei ihm, fügt aber noch einen aus einer Augs¬ 
burger Bibel hinzu. Über die Etymologie weiß ich nichts beizu¬ 
bringen, nur hin weisen möchte ich auf eine Reihe von Belegen, aus 
denen wenigstens die Bedeutung sich unschwer feststellen läßt. Merk¬ 
würdig ist, daß die Quellen alle aus Augsburg stammen. So lesen wir 
in einer Übersetzung des Buches de libera vita (Augsburg 1490) des 
Walterus Burleus von Anton Sorge6 b : ,Nun magst du sy (sc. die Wider¬ 
wärtigen und Widerspännigen) nicht als gar vertryben, noch ganz ver¬ 
tilgen, dann dir wyder sein würdet franstrechlychen der dir yetz nit 
verdachtlich ist, vnd jm fürcht darumb er schweiget, vnd der jm nit 
furcht, tut dich pringen 4 . Der lat. Text heißt: Adversabitur autem 
aliquis non suspectorum 4 . Fast genau so steht die Stelle in einer 
Ausgabe aus Augsburg vom Jahre 1519, die übrigens H. Kunst, 
Stuttgarter litter. "Verein 177, 414 Anm. 1 nicht kennt. (Breslauer 
Stadtbliothek 40 194.) 

Gar nicht selten gebraucht das Wort C. Huberinus, über den 
erst Th. Koldes Artikel in der RE. uns recht belehrt hat. Im 
Spiegel der Haustzucht (1553) *21 b : machen damit die Kinder störrig, 
fronstreck, und ungehorsam 4 ; 26»: Dieweil doch solche Kinder so 
fron streck seind, und so gar keyne zucht, noch vermanung an jhnen 
erschießen will, so muß hellesch fewer zuletzt drein schlagen 4 : 169*: 
.Frau Venuß hat sondere besoldung, die sie jhren kriegern zu lohn 
gibt, erstlich das sie wild, fronstreck werden 4 ; 221 b : ,darumb nur 
bey zeit darzu gethon, die weil sich das rütlin nun biegen last, sonst 
werden sie (sc. die Töchter) fronstreck, und geben um kein zucht, 

Mitteilung!“» d. Schles. Ge*, f. Vkde. Bd. XtX. 15 


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226 


und kein vermanung, noch straff mer 4 ; im Christlichen Ritter (155S) 
n^: Oder bist nie ungehorsam gewesen, sondern nur streflich, mut¬ 
willig, fron streck unnd unbendig‘. Im Jahre 157:-* erschien zu 
Augsburg eine Übersetzung des Werkes Ordini di Cavalcare von 
Frid. Griso durch J. Fesser, hier steht *204: Wann es (das Pferd) 
aber gantz franstreck, das ist, nichts urnb die straft geben wolt, so 
magstu die selbige scherpffen der gestalt 4 . Genau so in der Ausgabe von 
J. Fayser (Frankfurt 1043) Hippokomike ‘201. — Sicherlich ist heran¬ 
zuziehen niederd. wranten „mürrisch sein“, wrantrig, frantrig, wfries. 
wrantelich „ärgerlich, verdrießlich“; der Übergang von nd. wr. in obd. 
fr. ist bekannt ; vgl.z.B. Behaghel, Geschichte derdeutschen Sprache 4 228. 

Gattichen. Das Mitteil. XVII, S7 aus Fr. Seidel 1626 Tftrck 
Gelängnis beigebrachte und von Diels erklärte Wort kommt in der 
Form Giattehen vor bei Reinhold Lubenau, der zu derselben Zeit 
wie Fr. Seidel in Konstantinopel weilte und auch mit ihm bekannt, 
war (vgl. die Ausgabe der Reisen des Reinhold Lubenau von W. Sahn, 
Königsberg II (1915) 49. Er hat sich ein kurzes Wörterverzeichnis 
zum täglichen Gebrauch zusammengestellt und a. a. 0. 60 verzeichnet 
er unter den Kleidungsstücken die ,Giattehen 4 . ,Ihre (der Araber) 
Weiber tragen Ungarische Gatic, das ist Hosen aus weißen oder 
blauen Leintuch bis an die Knoten lang 4 . J. G. Harant 1678 Der 
christliche Ulysses 65*2. Diese Gattichen trug der ungarische Pferde¬ 
knecht noch im 19. Jahrhundert, wie Karl Braun 1878 Reise-Ein¬ 
drücke aus dem Süd-Osten II. 55 meldet: ,Der Tschikosch ist in der 
Regel beritten; er trägt den bekannten kleinen schwarzen Hut, 
blaues Hemd und blaue Gatyen (so heißen die fabelhaft weiten 
ungarischen Beinkleider) 4 ; vgl Paul Kretschmer 1916 Wortgeographie 
112 Anm. Reinhold Lubenau a. a. 0. 61 verzeichne! auch Pa putsch, 
cf. Zs. f. d. W. 15, 117 b . 

Dunkle Gefühle. Über das Aufkommen dieses Ausdrucks hat 
0. Walzel im Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft (1914)1, 7f. ge¬ 
handelt, ohne zu einem Abschluß gekommen zu sein. Ich wage hier 
sehr zögernd eine Vermutung zu äußern, die nur als ein Tast¬ 
versuch gelten will, um in diese Frage mehr Licht zu bringen. Als 
ich vor Jahren anfing mich mit Zinzendorf näher zu beschäftigen, 
war ich verwundert, bei ihm den Ausdruck nicht zu finden, bis mir 
allmählich das Verständnis des Begriffes Gefühl bei ihm aufging. 
Wo nämlich Z. sich vorsichtig ausdrückt, wenn es ihm darauf an- 
koramt. scharf umrissen zu sprechen, klingt bei ihm bei dem Wort 


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immer das* Fühlen durch, wie z. R. ganz grobsinnlich verstanden 
als tasten, greifen. Wohl spricht- er einmal vom geheimen Gefühl 
1741 Jeremias B7: dergleichen Ideen pflegen die Obrigkeiten zu 
haben, deren Glück Gott stabilirt, und bey denen ein geheimes 
Gefühl ist, wem sie es zu dancken haben 1 . 

Dagegen fiel bald ein anderer Ausdruck auf. Z. nennt die 
Mystik einen dunklen Glauben 1 ), so 1742 Hüd. Samml. III, 
193: ,Ich habe sehr lange und mehr als es jemand nöthig zu rathen 
ist. in dem sogenannten duncklen Glauben gestanden, davonidie 
Mvstici sehr viel schreiben und ihn zu einem hohen Grad machen 
ich aber nicht*; und 1746 Natfirl. Reflexionen 9t 1 : .Wenn aber der 
ungefühlige, oder dunkele Glaube so viel sagen solle, daß man 
seinen Erlöser einen Tag lieber hat, als den andern, einen Tag mehr 
traut als den andern: so habe ich was gegen diese Sache einzu¬ 
wenden, weil der Ausdruck sie in ein falsches Licht setzet*; Zwei 
und Dreyßig einzele Homiliae oder Gemein-Reden in denen Jahren 
1744. 1745. 1746. XVII. Rede S. 6. ,Und daraus ist endlich diese 
solution geworden, die man schon lange vorher gehabt, und die man 
nicht nöthig hatte, itzo von neuen zu erfinden, daß ein Christ seines 
Glaubens nicht gewiß ist, noch gewiß seyn kan; sondern daß man 
so - dahin geht in einem dunkeln glauben, und so oft einem einfällt, 
ob das ding auch wahr ist, bey sich selbst immer wiederholet: .Ich 
glaube; welches Doctor Luther zu seiner Zeit nennt, sich eineu ge- 
danken machen, der da spricht: Ich glaube; damit fängt man sich 
nun bey ernsthaften leuten an zu behelfen, wenn man keine gewiß- 
heit und beständige freudigkeit erlangt.* — 

XXX. Rede S. 6. Wir finden aber auch noch eine andre art 
von leuten in unserm wege, die mit uns noch weniger auskommen 
können, als wir mit ihnen. Das sind die leute, die vom dunkeln 
glauben reden, und die in praxi auch Atheisten sind: ob man ihnen 
gleich gern zugibt, daß sies nicht von herzen und mit Vorsatz sind, 
und denselben grund nicht dazu haben haben, der in den theoretischen 
Atheisten liegt, die da wünschen, daß weder eine active noch 
passive Unendlichkeit seyn möchte.* 

Wäre es nun nicht möglich, daß dieser Ausdruck später von 

l ) Wohl bekannt ist mir, daß der Ausdruck dunkler Glaube früher vor¬ 
handen ist, z. B. bei A. H. Buchholtz 1666 Herkules I, 21b: ,Behalte dir deinen 
tunkein und überverständlichen Glauben 1 . Hier wird der Glaube der Heiden 
so genannt im Gegensatz zu dem hellen, lichten Ghristusglauben 4 . 

15* 


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2 28 


dem andern .dunkle Gefühle 4 . abgelöst ist •? • Fr. v. Raumer, der 
Schleiermacher nahe stand, schreibt • z. B. 18. 4. 1802 Lebens¬ 
erinnerungen I, 188: ,Er (Lessing) ist der unwidersprechliche Beweis, 
wie die größte Klarheit und Bestimmtheit sich mit der lebendigsten, 
thätigsten, tiefsten Empfindung vereinigen kann und soll; ohne alle 
die vorgeblich nothwendige Beimischung von Mvsticismus, von 
dunkelen unbestimmten Gefühlen, die bei den mehrsten leerer 
Dunst, sind 4 . Die Verbindung von Mysticisinus und dunkelen Ge¬ 
fühlen ist hier beachtenswert. J. v. Baader verwendet den Ausdruck 
öfter in den von Schaden herausgegebenen Tagebüchern; z. B. S. 45- 
vom Jahre 1786. 

Gemütlich. Da frühe Belege für das Wort sehr spärlich sind 
(vgl. DWB.); so seien ein paar nachgetragen. Das puch der hiral. 
Offenbarung der heil, wittiben Birgitte (Nürnberg 100*2) 8. Vorrede: 
,wann ettlichstund in Verzückung des gemütlichen aufferhebens,sehend 
in der verßjldlicjien odpr geistlichen gesiht*. (elevationis mentalis.); ,da. 
die vorgenant fraw von Christo: und der junckfrawen Maria völligklich 
ward underwissen von der materi ze erkennen die geist und gesicht 
und gemietlich erapfindung. a. a. 0. 8 Vorrede *2 (mentalia senti- 
menta). — ,Item das gebett, das da ist ein uffsteigung des gemütz 
in got: und also heist es ein gemütlich gebett, daruß das raunndtlich 
gebett mit den Worten, auch das gesang und lob gotts entspringt. 
Johan von Lanßpurg 1518: Eyn schöne Unterrichtung was die recht 
Evangelisch geystlicheit sy, und was man von den Clöstern halten/ 
soll B 2 *. Valentin Weigel 1013 Gulden Griff B ;1 b : ,Mit dem 
Verstand des Gemüths, siehe ich an die Engel und den ewigen Gott, 
Also ist Gott und die Engel ein Gegenwürff des gemfithlichen 
Auges 4 . Diese Belege und die Verwendung des Wortes gemüthlich 
in ihnen ermöglichen uns auch das Verständnis des im DWB. zu 
kurz abgetanen Gebrauchs des Wortes bei Zinzendorf; cf. IV, I, II, 
3330. Ich stelle eine Auslassung Zinzendorfs voran, die ganz klar 
ist. Bei A. G. Spangenberg 175*2 Schluß-Schrift II, 471: ,Gefühl 
und Salbung ist nicht einerley. Gefühl ist der Effect von der 
Salbung. Die Salbung ist die Theilhaftigkeit an seinem Geiste, 
die agirt, und der Effect von dieser Action ist das Gefühl. Das 
Wort Gefühl ist ein schlechtes Wort. Denn im Grunde heißts nicht 
Gefühl, sondern es ist mir so. Denn beim Gefühl stellen sich die 
Leute vor, als wenn einem etwas stieße, oder über die Haut liefe. 
Gemüthlich drückt es besser aus. Die Salbung macht uns ge- 


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müthlich. Was Zinzendorl' auch anders einmal so ausdrückt Sokrates 
1725 Nr. 23: ,Ich kann nicht alles sehen, woran ich denken kan; 
aber ich kan darauf treffen mit meinem Gemüth; Welches eben so 
viel bei der Seelen ist, als das Fühlen beim Cörper. Das heißt 
also mit anderen Worten: ,Das Gemüt ist für die Seele dasselbe, 
was tür den Leib das Fühlen ist. Es ist gleichsam der ins Geistige 
erhobene Tastsinn*. Die Berührung dieser Auffassung Zinzendorfs 
mit den oben vermerkten aus dem Buch der heiligen Brigitte und 
der Weigels ist klar, wenn auch nicht so scharf pointiert wie bei 
Zinzendorf. Ja, ich vermuthe, daß Z. diese Begriffsbestimmung von 
gemütlich von Gichtei oder dessen Quelle Valentin Weigel übernommen 
hat. Denn Z. kannte beide.. Einen Beleg aus Gichtei bringt das 
DWB. IV', I, II, 3330. — lü dieser zugespitzten Form wendet nun 
Z. das Wort durchaus nicht immer an. Wir begegnen ihm des 
öfteren in der uns verständlicheren Bedeutung. 1757 Londoner 
Predigten II, 25: ,Einem ordinairen Heiden ist, wie man im Teutschen 
sagt, gemüth lieh, es ist nach seinem Sinn, er findet nichts 
revoltirendes drinnen*; 1746 Natürliche Reflexionen 222 , . . kan auf 
drey Seiten betrachtet werden, je nach dem einem Leser gemüth* 
licher ist*; 193: ,denn weil man einem Hauffen super-klugen und 
zum Theil -angesehenen Leute das Maul stopften mußte: so war es 
mir ganz gemüthlich, um denen ehrlichen und gottesdienstlichen 
Pennsylvaniern zu helfen*. 194: ,und es war bevnahe einem jeden 
gemüthlicher, an mir zum Ritter zu werden, als mich zu hören*. 
Diese Ausdrucksweise verspottet z. B. J. G. Schütze 1758 Herrn- 
huthianismus in literis: ,Weil aber das Urtheil Zinzendorffen nicht 
gemüthlich, so leugnete er hernach die Klage gar*. Von hier ist 
nun der Weg nicht mehr weit zu einer gemütlichen Unterhaltung, 
Kneipe, usw. 

Gewächs. Wunderlich lehrt in DWB. IV, I, 3, 4724 unter 8, 
daß die Ausdruckweise ,Gewächs der Reben* zuerst von Luther 
in der Bibelübersetzung verwandt worden sei. Mc. 14, 25 und 
Mt. 26, 29: hinzufügen kann man Lc. 22, 18. Diese Behauptung 
ist aber nicht richtig. Denn wir lesen bereits bei Matthäus Ring¬ 
mann 1513 Der text des Passions und lidens Christi C 2 *: .Wann ich 
sag vch das ich nun hinfürder nit werde trineken von dem gewechß 
der reben*. 

Glaubensbekenntnis. Gombert, Programm 1908. 14 f. wies für 
die übertragene Bedeutung des Wortes auf das grammatische 


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230 


Glaubensbekenntnis Gottscheds vom Jahre 1748 • hin. Diese 
Verwendung des Wortes ist aber alter: ,Noch.zu guter Letzte mit 
dem grösten Amts-Eifler ein Glaubens-Bekäntniß gethan; Das wolte 
er noch hiermit sagen, daß er von des Lipsius Schreib-Art nichts 
hielte, weil Sie allzu kurtz wäre*. J. B. Meneken 1710 Zwei Reden 
vom der Charlatanerie 131. Das politische Glaubensbekenntnis be¬ 
gegnet auch etwas früher als a. a. 0. in den von Geiger heraus« 
gegebenem Briefen Ifflands (8. II. 1703) I, 200: .Zuvor mein poli¬ 
tisches Glaubensbekenntnis über die gegenwärtige politische 
Lage der Dinge 1 . — Für Glaubensartikel in übertragener Bedeutung 
sei bei dieser Gelegenheit folgender Beleg beigebracht aus P. J. Mar¬ 
pe rger 1710 Beschreibung des Hauffs und Flachs 287): ,sintemahl es 
ein Glaubens Articel der Wäscherinnen ist, daß so lange die 
Lauge noch nicht braun scheint, so lang habe auch die Lauge ihre 
gebührende Schärfe noch nicht'. 

Glitschen. Weigand-Hirt verweist auf ein mrh. Voc. ex quo 
vom Jahre 1400, wo glitschen neben glitsen erscheinen. Und 
fährt dann weiter fort: .Nach Campe von Wieland in die Schrift¬ 
sprache eingeführt 1 . Diese Bemerkung ist irreführend. Denn was 
Campe unter Schriftsprache verstand, verstehen wir heut unter dem 
Wort nicht mehr. Es wäre eine verdienstliche Arbeit, einmal zu 
untersuchen, wie der Begriff des Wortes Schriftsprache sich ge¬ 
ändert hat. 

Wer nun keine eigenen Sammlungen hat und z. B. Sanders ver¬ 
gleicht (1, 000“), wo, unter sehr kurzem Hinweis auf Fischart, nur 
Belege aus dem 18. und 10. Jahrhundert gebucht sind, der kann 
leicht vermuten, das Wort wäre seit dieser Zeit erst gebräuchlich 
und stimmt Campe zu. Für das Schwäbische gibt nun Fischer schon 
ein paar Belege aus Brenz und Knifft? Reisen. Hier mögen noch 
einige andere stehen, aus denen man entnehmen kann, daß das Wort 
seit dem Ende des 10. Jahrhunderts ganz geläufig ist und von 
Schriftstellern gebraucht wird, die für ihre Zeit anerkanntes schrift¬ 
sprachliches Deutsch geschrieben haben. Z. Rivander 1501 Fest 
Chronica I. 7*: ,die (Höllenbande) glitzschete abe 4 . H. v. Breüning 
1012 Orient. Reise 103: ,gleich als auff einem Eyß glitschen 4 . 
Harsdörtfer 1001 Heraclitus u. Democritus 502: ,glitschet ihm der 
Fuß*. E. Francisci 1080 Lufft-Kreis 808; ,das Hellschen oder Rutschen 
und Glitschen auf dem Eise 4 . F. v. Sandrart 1680 Iconologie 
deorum 131 b : ,Der breite Weg zeigt uns ein Rosenlindes Reisen 


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231 


Allein das Ende glitscht auf harten Klippen ab’. H. Widerhuld 
1681 Beschreidung der sechs Reisen I, 49* 52*. Diese Belege ließen 
sich leicht vermehren, dürften aber genügen. 

Grell. Im DWB. IV, 1, 6, 102 wird bei Grell m. hinter die 
Bedeutung Zorn, Grimm ein Fragezeichen gesetzt. Folgende Stelle 
ergibt für das Wort als f. fraglos diese Bedeutung; ,welcher bei seinem 
Leben die Rhodiser mit einer sonderbarn unmenschlichen Grell und 
grausamkeit. hat verfolgt 4 . H. Lewenklaw 1590 Neuwe Chronica Türck. 
Nation 301. Was heißt aber Grelle bei Job. Faustus 1619 Fasti 
Limpurgenses 19*? ,Er was ein herrlich starck man, von Leib, von 
Person, und von allem gebeine, und hatte ein groß haubt mit einer 
strauben, ein weite braune grelle, ein weit breit anlitz mit bausenden 
backen, ein scharpf man lieb gesicht, einen bescheidenen mund mit 
gleffe 4 . 

Grellheit. Das DWB. belegt das Wort, zuerst aus Heinsius 
1801 und bringt nur Belege aus dem 19. Jahrhundert. Wir finden 
das Wort aber in der Bedeutung Grausamkeit bereits bei H. Lewenklaw, 
a. a. 0., und noch viel Unruhe vorhanden, wegen des Schach damals 
unfürsiclitiglich geübter Grellheit 4 , 95 und 124: .auch allem Blut¬ 
dürstigen Weisen und Grellheit zuwider seyn 4 . 

Hausmusik. Das DWB. weiß über das Wort weiter nichts zu 
berichten, als daß es einen Beleg aus einem Schriftsteller des 19. Jahr¬ 
hunderts anführt. Es hat also keine Ahnung von der Entwicklung 
des protestantischen Kirchen- und Gemeindegesanges. Es ist dies 
übrigens nicht die einzige Stelle, wo es in dieser Hinsicht den Be- 
nützer völlig im Stich laßt. Das Quellenverzeichnis führt S. 33 
Joh. Heermann, Devoti Musica Cordis Hauß- und Hertz-Musica 
Lpz. 1630 u. 1636 an. Indessen ist das Wort älter. Hierüber be¬ 
richtet jetzt Herman Petrich 1914 Paul Gerhardt 75 f. Jetzt sei 
noch ein von Petrich nicht bemerkter alter Beleg für das Wort bei¬ 
gebracht: ,I)ie beste Haus-Musica stehet in andächtigen Psalmen 
und Lobgesängen 4 . V. Herberger 1619 Trawrbinden VI, 202. Auch 
ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert: ,Diß ist die schönste Haus- 
Musi c, (wenn nämlich Mann und Frau zusammen stimmen). 
H. v. Assig 1719 Ges. Schrifften 314. Den Aufsatz von C. J. Becker, 
Zur Geschichte der Hausmusik, Neue Zs. für Musik. .Juliheft 1837 
konnte ich nicht erlangen. Ebenso stiefmütterlich ist das Wort Haus¬ 
kirche bedacht, obgleich hier aus Büchertiteln sich mancherlei bei- 
bringen ließ. So seien denn hier wenigstens ein paar Nachträge 


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verzeichnet. Andreas Fabritius, Pfarherr in Eisleben zu S. Niclas 
1569 in 8°. Die Hauskirche: Das ist: Wie ein Hausvater neben 
dem öffentlichen Predigtampt, auch daheime sein Heufllein zu Gottes 
Wort und dem lieben Catechismo reitzen soll; ßoth 1573 Catechism. 
Predigt I, 148 b : .Hierzu nemet nu in ewrer Hauskirchen die 
schönen Weihenachts Gesenge 4 ; Wolffg. Musculus 1595 papist. 
Wetterhan 64: ,das ist mein haußkirche, vnd haußzucht 4 ; .und 
wollen (Braut und Bräutigam) ihrem lieben Gott eine keine Hauz- 
kirche anlegen 4 . S. Artomides 1609 Christliche Auslegung I, 759. 

E. Weigel 1685 Rechenschaftliehe Forschung 17: ,I)enn Mahlzeiten 
sind Hauskirchen-Zeiten, die mit lauter Gottes-Furcht und Christ¬ 
licher Erbauung zuzubringen 4 . 

Heimweh. J. A. Walz hat Zs. f. d. W. XII, 184 darauf hin¬ 
gewiesen, daß das Wort sich im Gesangbuch der Brüdergemeinde 
finde. Wir haben es aber hier nicht etwa bloß vereinzelt. Man 
vergleiche Gesangbuch (1737) nr. 8° 1496, 2: 

Ihr friedenskinder, ich hab euch im Herzen, 
nicht ohne heim weh, und desselben schmerzen 4 . 

Aus den Zinzendorfischen Schriften mögen folgende Stellen genügen, 
die sich leicht vermehren ließen. 1738: ,Ferner ist noch bey unsrer 
Heyden-Sache sorgfältig zu vermeiden das Heimweh 4 . Büd. Samml. I, 
675; 1755: ,ein heimweh verursachender wunden-blick 4 . Kinder- 
Reden 12; 1755: ,unds heimweh mach ausstehlich, durchs heilige 
Abendmahl 4 . Kinder-Oden III. Zinzendorf und die Brüdergemeinde 
verwendet ja überhaupt Zusammensetzungen mit heim sehr gern: 
heimgehen, heirakehren, Heimkehr, Heimgang, Heimfahrt, Heimgangs¬ 
gedanke usw. — Bei dieser Gelegenheit seien auch noch ein paar 
schlesische Belege beigebracht: .Vor allem soll Juste die Wehmut, 
d. h. auf gut Breslauisch: das Heimweh nicht auf kommen lassen 4 . 
Joh. Tim. Hermes (31. V. 1806) an seinen Schwiegersohn Zahn in 
Neumarkt, abgedruckt bei G. Hoffmann 1911 Joh. Tim. Hermes. Ein 
Lebensbild 85, und Seite S7: ,vor allem soll auch sie das Heimweh, 
diese schlesische Unart nicht aufkommen lassen. 

Hep! Hep! Ladendorf hat Zs. f. d. W. VI, 50 auf eine 
Germ. 26,382 angezogene Stelle aufmerksam gemacht, nach der das 
Hep! Hep! spöttische Nachahmung des Rufes jüdischer Hausierer 
gewesen sei. Hierzu vergleiche man John Brinkmann, Kasper Ohm 
un ick 61 (Hesse): ,Hepp-hepp-hepp, Schachermachei 4 ; und 

F. Gregorovius, Wanderjahre in Italien 1, 96: .Man sah sie (die 


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Juden) also bis auf diese Zeit mit allen Sachen hausieren gehen, 
und in den Straßen hörte man sie Hep! rufen, womit sie sich an¬ 
kündigten und zum Kauf ihres Kettels einluden*. Warum Laden¬ 
dorf seinen ursprünglichen Weg nicht weiter verfolgt und sich der 
höchst unwahrscheinlichen Erklärung des DW r B. angeschlossen hat, 
für die er ja noch weitere Zustimmung gefunden, ist schwer' zu 
sagen. Ich bin immer noch geneigt anzunehmen, daß die bereits 
1819 aufgestellte Vermutung, Hep sei Verkürzung aus Hebräer, 
richtig ist. Das man das Wort Hebräer in der Bedeutung Händler, 
Hausierer gebrauchte, bestätigt der unter dem Wort im DWB. ab¬ 
gedruckte Beleg aus Thümmel, und mir persönlich ist dieser Ge¬ 
brauch sehr geläufig. Die Frage ist nur, ob die jüdischen Händler 
sich selbst so nannten. Hierzu fehlen mir die Nachweise. 

Inneres Düppel (vgl. Gombert, 1903, Festschrift 33) Fr. 
Engels schreibt am 7. XI. 1804 an Karl Marx: ,wie jetzt Wagener 
einen „inneren Düppel“ verlangt’. Briefwechsel III, 192. Wenn 
Engels hier auf den Artikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung 
vom 30. September 1804 anspielt, so wäre also Hermann Wagener 
der Präger dieses Wortes in der zugespitzten Form. 

In puncto puncti. Gombert, Zs. f. d. W. VIII, 130 hatte 
eine burschikose Abänderung des Ausdruckes in puncto sexti ver¬ 
mutet. Dies wird bestätigt durch eine 1791 namenlos erschienene 
Schrift: ,Freimüthige Briefe über Bahrdts Lebensbeschreibung*; in 
dieser wird p. 73 das in puncto puncti ausdrücklich ein „lustiger 
St u d en ten a us d r uck“ genannt. 

Kleine Leute. (Gombert, Z. s. f. d. W. VII, 8; Ladendorf, 
Schlagworte 171). Mir ist der Ausdruck zuerst begegnet bei A. A. 
Rhode 1755, Schlüssel zu Herrnhut 86: .Das sind kleine Leute 
in ihren (der Herrenhuter) Augen. Sie sehen und kommen viel 
weiter*. Mit den kleinen Leuten sind die Apostel Petrus und Paulus 
gemeint. Hier sind die kleinen Leute offenbar unbedeutende Leute, 
die kein Gewicht, und Ansehn verdienen. Ob dies die ursprüngliche 
Bedeutung des Ausdrucks ist, scheint sehr fraglich. — In demselben 
Sinne lese ich ihn bei Fr. v. Raumer 1824 in einem Briefe an 
W. Müller, Lebenserinnerungen II, 162: ,Einverstanden sind wir, . . 
daß ein ungemein großer Dichter dagewesen sein müsse, und nicht 
alles auf eine Menge kleiner Leute zurückgeführt werdeu könne*. 
In der Antwort verwendet Müller den Ausdruck (II, 165): .Für die 
klei neu Leute, um mich ihres Ausdrucks zu bedienen, ist ein 


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234 


solches Nacharbeiten und Nachhelfen recht eigentlich eine passende 
Arbeit 1 . Ebenso wie uns heut scheint Müller die Anwendung des 
Ausdrucks auf unbedeutende geistige Männer tremd geklungen zu 
haben. — Es ist vielmehr zu vermuten, daß die Redensart aus 
bäuerlichen oder ländlichen Verhältnissen stammt und später all¬ 
gemeinere Bedeutung bekommen habe. So schreibt z. B. E. Ziehen 
1874 Geschichten und Bilder aus dem wendischen Volksleben: ,Einige 
andere Hofbesitzer erhoben ähnliche Klagen und stimmten Warnow 
bei, daß man bei einigen verdächtigen „kleinen Leuten“ Haus¬ 
suchung halten solle. Zur Erklärung dieses Vorschlages muß bemerkt 
werden, daß die wendischen Hofbesitzer vor Zeiten eine auffallende 
Geringschätzung, ja oft eine unerbittliche Härte gegen diejenigen 
Gemeiudeglicder au den Tag legten, die entweder gar kein Eigenthum 
oder nur ein unbedeutendes besaßen und daher auch in der Ver¬ 
sammlung der „großen Leute“ keine Stimme hatten 1 . Sehr oft spielen 
die kleinen Leute eine Rolle in den Werken des Lehrers Adam Lange, der 
die ländlichen Verhältnisse seiner glätzischen Heimat genau kennt und 
mit diesem Ausdruck einen ganz bestimmt umschriebenen Begriff 
verbindet: kleine Besitzer, die, um sich durchzubringen, noch für 
andere arbeiten müssen. In den Erinnerungen aus dem Leben eines 
Dorfschullehrers (1908) schreibt er: ,Von den Familienfeiern der 
Bauern erhalten auch die in der Nähe wohnenden sogenannten 
„kleinen Leute“ ihren Anteil und dadurch wird Neid und Haß 
vermieden 1 , Seite 8. Besonders wertvoll aber sind seine Angaben 
in dem Roman .Der Prozeßgeist 1911‘; z. B. 78: ,aber die „kleinen 
Leute“, die bloß eine Kuh oder Ziege im Stalle haben, die müssen 
das Futter auf dem Rücken herbeischleppen, und doch ist ihnen das 
nicht zu beschwerlich. Sie sind vielmehr froh, wenn ihnen der 
Bauer einen dürren Rand oder eine Lichtung im Walde zum Ab¬ 
grasen überläßt - , 325: „kleine Leute“ — Häusler und Gärtner; 
309: ,Die sogenannten „kleinen Leute“: Stückbauern (Stück¬ 
männer), Feldgärtner, Gärtner und Häusler hatten Handrobot zu 
leisten und zwar jeder 54 Tage innerhalb eines Jahres 4 . — Hiermit 
vergleiche man, was Fürst von Pückler-Muskau 1834 Tutti Frutti 
j, 174 bemerkt: ,Sie (die Bauern) schaffen die Pferde ab, weil sie 
sie nicht mehr auf eigenem Grund und Boden ernähren können. 
Sie werden nun sogenannte kleine Leute, keine Art von weiter 
greifender Industrie kommt ihnen mehr nahe, sie bearbeiten und 
düngen ihr bischen Feld notdürftig seihst mit Frau und Kind nebst 


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ein paar Kühen, und sind für ewig zufrieden, wenn, sie nicht Hunger 
leiden - . Während der Korrektur stoße ich auf folgende Stelle: ,Unter 
denen Heinrichauischen Closter-Gestiffts-Unterthanen, wird durch- 
gehends bei allen Gemeinden die sehr nützliche Umwechslung in 
steter Übung gehalten, solcher gestalten, daß alle Anlagen, wie sie 
auf einander folgen, die eine nach der Indiction, die andere nach der 
Huben-Zahl, ohne Eigen-Nutz eingetrieben werden. Und solcher 
Gestalten kommt der Bauers-Mann guth daran: daß bei der Huben- 
Zahl 4. Gärtner vor eine Huben, und wiederum acht Häußler vor 
eine Huben mit concurriren; Und diese kleine Leuthe kommen auch 
wiederum guth daran, daß sie nach Indiction gar nichts beitragen 1 . 
J. A. Friedenberg 173N De generalibus et particularibus quibusdam 
Silesiae Juribus 319 u. ö. z. B. 320. 327. 

Kneipe. Zu Kluges Artikel über die Geschichte des Wortes 
Kneipe (zuerst Zs. f. d. W. III. 114-fg.; dann Wortforschung und 
Wort geschieht e 1 fg.) hat Meiche, Mitteilungen des Vereins f. 
sächsische Volkskunde 0, 84. 173 sehr dankenswerte Nachträge ge¬ 
bracht. Er hat das Wort hergeleitet von kneipen, kneifen, zwicken, 
schrauben. Seine Ansicht findet eine Bestätigung durch den Aus¬ 
druck ,Kneipzange‘, den wir für eine solche Wirtschaft angewandt 
finden: .Aber wo logieren wir? Doch nicht in der Kneipzange? 4 
(F. A. Kritzinger) 1704 Die bunte Reihe, oder eine Handvoll lustig 
satvrischer Gespräche, zwischen Leipziger neugierigen Junggesellen 
und politischen Mädchen 17. Auf Seite 33 desselben Werkehens 
erfahren wir mehr von dem Betrieb in einem solchen Hause: ,Geht 
er nicht manchmal da drüben nein, in die Kneipe, ich weiß alles, 
was da passieret. — Ich habe ein paarmahl da was zu vermeublen 
hingebracht, je nun Herr Wohlfeil will auch leben, man hat da 
allemal gleich baar Geld davon. Ist es auch etwas Heimliches, so 
verkaufen es diese Leute an die stöckischen Juden, da kriegts nie¬ 
mand zu sehen, da werden Sachen hingebracht, ich kann es Ihnen 
nicht sagen, manchmal aber kömpts doch raus, da thut Ihnen die 
Gesellschaft desto weher. Es sind nun solche ehrliche Leute, die 
einem manchmal aus der Noth helfen und besser sein sollten. 
Doch Silentium, mit Schmerzen sich verrät niemand 4 . 

Koloß auf tönernen Füßen, vgl. R. F. Arnold, Zs. f. d. 
W. VIII, 13. Ich verweise auf R. Prutz 1847 Kleine Schriften I, 01: 
,l)azu kommt, daß dieser Koloß (d. h. Rußland), im Grunde doch 
nur ein Götzenbild ist. das auf t hone men Füßen steht*. Wo- 


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23«; 


dieser Aufsatz ,Der nächste Krieg 4 , aus dem diese Stelle stammt, 
zuerst erschienen ist, konnte nicht ermittelt werden. Außerdem führe 
ich an F. Gustav Kühne 1843 Portraits und Silhonetten I, 100: 
,und was hat Rußland zu tun? — China zu gewinnen, sagt List. 
Hierzu gehören Menschenalter; aber der Coloß auf thönernen 
Füßen muß vor der europäischen Bildungskraft stürzen 4 . 

Lebensknnstler. Ladendorf 180 bringt als frühesten Beleg 
eine Stelle aus Goltz 1860 Typen der Gesellschaft. Einviertel Jahr¬ 
hundert früher finden wir das Wort bei Pückler-Muskau, Semilasso 
in Europa III, 140: ,Ein sehr liebenswürdiger Sanskritgelehrter sagte 
mir einmal, „ich sei der größte Lebenskünstler, der ihm je vor¬ 
gekommen wäre.“ 

Löwe. Im DWB. VF, 1216, 5 wird für dieses Wort in der 
Bedeutung für einen geistig, künstlerisch hervorragenden Menschen 
ein Beleg aus Heine angeführt. Diese Bedeutung des Wortes ist 
natürlich älter. Es schreibt Karl Julius Weber 1826 Deutschland I, 
194: ,Anf der andern Seite der Stadt über die Feuerbacher Haide 
nach Leonberg, Geburts-Ort des philosophischen Löwen Schellings- 
und des freimüthigen Paulus 4 ; während G. Förster 1786 in einem 
Briefe an Sömmenng (Briefwechsel 335) für Löwe das Wort Phönix 
braucht: ,dieser Phönix unter den Philosophen'. Blücher wird der 
Löwe der Schlachten genannt bei L. Rellstab 1827 Gedichte 30. 

Krach. Über das Aufkommen des Wortes im Mai 1873 in 
Wien berichtet L. v. Przibrara 1910 Erinnerungen eines alten «jster- 
reichers I, 360: ,Erinnere ich mich recht, so tauchte dieser Terminus 
(sc. Krach) zum ersten Male in dem Börsenberichte eines Wiener 
demokratischen Blattes auf, dessen Reporter ihn aus dem Munde 
eines Börsenbesuchers galizischer Provenienz vernommen haben wollte. 

Matthäi am letzten wird von Weigand-Hirt aus Bürger belegt. 
Mir ist die Redensart viel früher begegnet: ,Der eine Koch so an- 
richten sollen ein Polack, spricht auff sein böse Deutsch, Nu ist mit 
uns der letzte Mattheus 4 . Friedrich Seidel 1626 Türckische 
Gefängnuß D 4 \ 

Muh. Das Wort wird von Sanders, Ladendorf, Weigand-Hirt 
erst aus dem Jahre 1840 bei Heine gebucht. In der Mitte des 
18. Jahrhunderts ist aber der Ausdruck bei uns ganz geläufig. ,l)er 
Heiland wird uns wohl einmal von dem liederlichen Mob wieder 
erlösen 4 . Zinzendorf bei A. G. Spangenberg, Apologet. Schluß 
Schrift II, 612 und 498: .da heist der Mob auch Gemeine'; in 


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237 


den' Zeyster-Reden 1759: ,Sie wolten des Heilands Sache zu einer 
art von einem Mob, einer erneute du peuple, zu einem tumultuarischen 
Schwindelgeist machen, der über die gemeinen Leute gekommen 
wäre' 85. In der Büdingischen Sammlung können wir aus dem 
Zinzendorfeschen Kreise das Wort noch öfter belegen; z. B. III, 583: 
,Kaum hatte man angefangen zu singen, so machten die Reformirten 
einen Mobb, fielen wie Teufel mit den horribelsten Ausdrücken und 
Geschrei: Schlagt den Hund todt, in die Lutherische Versammlung 
ein‘; III, 585: ,das er (sc. Zinzendorf) durch keinen Mobb sich 
etwas nehmen ließ', und auf derselben Seite: .daß er dem Reformirten 
dieses Haus nicht cediren wolle, weil sie es durch einen Mobb an 
sich gerissen 4 ; D. Cranz 1771 Alte und neue Brüder-Geschichte 374 
schreibt: ,Des bösen Feindes Absicht war wohl keine andere, als das Volk 
gegen die Brüder aufzuwiegeln und einen Mob (das sind die schreck¬ 
lichen Tumulte, die in England oft große Noth und Lebens-Gefahr 
anrichten) zu verursachen' ;.■•> vgl. noch A. G. Spangenberg 1775 Leben 
Zinzendorfs 1922; ,Auch Hessen feindselige Leute fast täglich solche 
Dinge in die Zeitungen einrücken, die gar leicht die Folge hätten 
haben können, daß ein Mobb, daß ist ein tumultuarischer Zusammen¬ 
lauf des Volks, welcher in London was sehr gefährliches ist, gegen 
die Brüder entstanden wäre 4 . Im 19. Jahrhundert finden wir das 
Wort bei Gutzkow 1834 Wellington: dieser Mob tritt Präzedenzien 
in den Kot, die damals als sie neu waren, vergöttert wurden 4 ? VHI, 
41 (Hesse); das Eigenschaftswort ,mobisch 4 lesen wir bei J. Venedey 
1845 England III, 161. 

Moralische Eroberungen. Nicht erst Treitschke (Ladendorf 
206) steht 1864 den »moralischen Eroberungen 4 skeptisch gegenüber. 
Bereits 1860 schreibt Dahlmann an Gervinus (Briefwechsel II, 439): 
,so verläuft es mit den »moralischen Eroberungen 4 , die unser 
gegenwärtiges Ministerium für Preußen in Deutschland machen wollte 4 . 

Mucker. An die Zs. f. d. W. III, 99; VI, 110. 332; VIII, 103 
gesammelten Belege reiht sich ein, was Tobias Friedrich am* 5. Mai 
1730 aus Jena an Zinzendorf schreibt: ,Gestern ging er (sc. August 
Wilhelm Spangenberg) auf der Straße, da kam ein kleiner Gassen¬ 
junge, sah ihm munter ins Gesicht und sagte: Du Mucker! Darüber 
kam er so vergnügt nach Haus und erzählte uns solches mit innigster 
Freude 4 . Gerhard Reichel 1906 A. W. Spangenberg 51 Anm. 3. 

Da Muckernest im DWB. übergangen ist, so stehe hier ein 
allerdings später Beleg:, „das ist rein weg am des Teufels zu werden. 


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238 _ 

wenn man tagaus tagein in dem verdammten Muckerneste hocken 
muß 4 . Freiligrath 1838 bei Büchner I, 277. 

Musterstaat. (Zs. f. d. W. VIII, 129). Oelsner spricht von 
einem erwünschten Musterstaat Preußen in den Politischen Denk¬ 
würdigkeiten 75: ,Preußen nicht bloß für sich zu ordnen, sondern 
auch als Musterstaat für Deutschland aufzustellen; und Weber 
1826 Deutschland I, 179 bezeichnet sein geliebtes Württemberg als 
den deutschen Musterstaat. Für das Wort Musterregierung, 
das im DWB. auch übergangen ist, möge Gustav Pfizer 1849 die 
deutsche Einheit und der Preußenhaß 18 einen Beleg liefern: .es 
fällt kein Gelehrter, kein Staatsmann vom Himmel, und ebensowenig 
eine konstituelle Musterregierung'. 

Naiv. Weigand-Hirt belegt das Wort zuerst vom Jahre 1746 
aus Bodmer und meint, dieser habe es in die Literatur eingeführt. 
In demselben Jahre nun gebraucht Zinzendorf den Ausdruck in 
seinen in London gehaltenen Reden, die dann 1748 gedruckt worden 
sind, Es ist kaum wahrscheinlich, daß Z. sich um Bodmer und 
seine Arbeit gekümmert haben wird. So wird das Wort bereits vor 

1746 bei uns gebraucht sein; die Belege sind nur noch nicht ge¬ 
funden. Zinzendorf Londoner Reden 31: ,Das ist der naive und 
einfältige Sinn der vierten Bitte 1 . Einige andere Belege aus Zinzen- 
dorfschen Reden seien angeschlossen; so z. B. Gemeine Reden (ge¬ 
halten 1747, gedruckt 1748) ,da wird ein naive confession draus'; 

1747 Vier und dreißig Horailien, Vorrede 2b: .Weil Du nun eine 
beständige Liebhaberin von denen einfältigen und naifen Ideen 
gewesen bist und dich der in den ersten Jahren unserer Anstalten 
einschleichenden Trockenheit, und geeirkelten Wesen . . entgegen¬ 
gesetzt. hast; so bedancke ich mich bei dieser Gelegenheit ganz 
herzlich dafür 4 . Neben Zinzendorf möge noch Joh. Paul Weise an¬ 
gemerkt werden: ,auf eine recht naive Art abgeschildert 4 . 1747 
Ungezwungene Heimleuchtung. Naivität habe ich mir nur vom 
Jahre 1752 aus A. G. Spangenbergs Apologetische Schluß-Schrift I, 
199 angemerkt: ,es konnten aber doch noch allemal Critiquen über 
die Naivität oder Dunckelheit mancher Stellen gemacht werden 4 ; 
und II, 464: ,Die Menschen Gottes sollen von allen Sachen, die 
Gott geschaffen, reden, wie die H. Schrift davon redet, mit eben der 
Naivität 4 . 

Putsch (Ladendorf, a. a. 0. 257). J. G. Kohl 1849 Alpen¬ 
reisen II, 456 behauptet: Hier (bei den Bewohnern von Baselland) 


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231» 


ist das Vaterland des- widerlichen Wortes „Putsch“ und des davon 
abgeleiteten Verbums „putschen“, das seitdem auch in Deutsch¬ 
land mit so großem Beifall adoptiert worden ist*. 

Rechnung tragen. Durch den Nachweis, daß die Redewendung 
bei Heynatz im Antibarbarns vom Jahre 1797 gebucht ist (vgl. 
Weigand-Hirt s. v.), sind die früheren Behauptungen und Ver¬ 
mutungen über ihre Entstehung und Aufkommen (vgl. R. M. Meyer 
400 Schlagworte, S. 57f.; Gombert, Zs. f. d. W. II, 270 u. a.) hin¬ 
fällig geworden. Wir finden aber diese Wortverbindung bereits im 
IG. Jahrhundert. So lesen wir bei Hieron. Halverius 1570 Warhatftige 
Beschreibunge aller Ohronikwirdiger namhafftiger Historien und Ge¬ 
schichten 18: ,sonder (er hat) der Florentiner Jugend frett'el und 
mutwillen ernstlich gestraffet, damit er in einer ungewissen zweiffel- 
hafftigen Sach dennoch seines gethanen Eyds, auch seines grossen 
Ampts, ein Rechnung trüge*. In dem lateinischen Original des 
Paulus Jovius, Historiarum sui temporis Tomus Secundus (Florentiae 
i552) 17 steht ,ut in re dubia atque ancipiti magistratns fidem 
sincerumque personae niunus tueretur*. Ferner bei 0. Wurstisen 
1572 Paulj und Aemilij und Arnoldj Ferrarj . . Historien I, 263: ,l)ie 
Teutschen herren trugen jhrer nation rechnung*; ferner 1. 429; .ihr 
solten doch der zeit rechnung getragen haben* II; 65, od. II. 72: 103 u. ö. 
J. Schlusser von Suderbnrg, Beschreibung des Protestierenden 
Kriegs 25 (nach der Ausgabe von Basel 1573): ,er trage auß un- 
gepürlicher gemüts trotzheit. weder Göttlicher noch Weltlicher Sachen 
rechnung. Im Original des Lambertus Hortensius (Basel 1560) De 
bello Gennanico libri septem S. 29 steht: ,Eum nihil divini aut 
humani juris, pre impotenti animi ferocia. sanctum servare*. Johann 
Fuglinus 1586 de praestigiis daemonum 133*: ,Nun aber ob ich 
jhn gleich als wol kenne, als der jhn selbst gemacht hat, wil ich 
doch seines namens auff dißmal verschonen, vnnd meiner eignen 
conscientz, die mir bescheidenheit vnnd frerabder lästern verdeckunge, 
soviel jmmer müglich gebent, rechnung tragen*. Aus dem Original 
bei Wierus lib. II, cap. XVII ist nichts zu erschließen. — J. Gugger 
1590 Christliche Heerpredigten II, 32: ,Dargegen aber welche Kinder 
jhrer Eltern kein rechnung tragen, die kommen zuschanden*. Aus 
dem 17. Jahrhundert stammen drei Belege: 

, Darneben ich noch mehr da find 
Wohnungen vil der Oberkeit, 

Die aller Sachen Rechnung treit*. 


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240 


J. R. Rebmann 1020 Naturae Magnalia 032. — J. J. Grasser 1623 
Waldensische Chronica 47: .Sie pflegten auch den Gefangnen bald 
den Todt zu träwen, sprechende, trage deiner Seele rechnung, 
und widerspreche deinem Irrthurab 4 . Bei dem dritten konnte leider 
das französische Original nicht verglichen werden. H. Widerhold 
1681 Beschreibung der sechs Reisen I, 65 a : ,Welches die Ursach, 
daß dieser Mosqu6e wenig Rechnung getragen wird 4 . Schirmer 
1911 Kaufmannssprache 155 hat nachgewiesen, daß wir bei den 
Redensarten mit Rechnung ein Bedeutungslehnwort von Cento an¬ 
nehmen müssen. So wird auch, worauf Herr Professor Siebs mich 
hinweist, ,Rechnung tragen 4 auf italienischen Ursprung zurückgehen, 
vielleicht ist es eine Wiedergabe des italienischen render conto, 
oder portare conto 4 . Dr. Hilka belehrte mich, daß render conto 
in der lombardischen Geschäftsprache gebräuchlich gewesen ,und von 
hier in die französische ,rendre compte* übernommen worden sei. 
Für ,Rechnung tragen 4 begegnet gelegentlich auch »Rechnung halten, 
so z. B. bei Wurstisen, a. a. 0. I, 191: ,Er hielt nicht nur seiner 
verwandtschafft, sonder auch wolverdienter leuten nnd guter freunden 
rechnung 4 . 

Beinschen. Im DWB. VIII, 708 ist das Wort aus Campe 
(1807) III, 405, der es als ein obersächsisches gewöhnlicher Rede 
angehöriges bezeichnet, übernommen. Belege bringt keiner. Im 
16. Jahrhundert haben wir das Wort noch in der Predigtliteratur. 
,welchesdenn jhrviel begeren nnd darnach reinischen 4 . J.Mathesius 
1591 Corinthier I, 220 b : ,Pferde rin sehen 4 bei Geo. Phil. Hars- 
dörffer 1654 Geschichtspiegel 720; Helwig 1666 Ormund 9: 
.welcher (Schimmel) sich mit stetem wiehelm oder rinschen streitbar 
erzeigete 4 ; Reichel 1754 Bodmerias 33: ,nach unserem Beyfall 
rein seht, letzt nur ein Tröpfchen Lob 4 . Wieder aufgenommeu hat 
dann das wohl ziemlich seltene Wort G. Regis 1832 in seiner 
Rabelaisfibersetzung I, 6-59: .Ich lechz, ich reintsch nach bravem 
Dienst und Arbeit, wie vier Acker Ochsen 4 . Die Niederdeutsche Form 
wrinschen verwendet A. H. Buchholtz 1666 Herkules l, 238 1 : 
»Worauf die Pferde ein solches wrinschen, schlagen und beißen unter 
sich anligen . . . 4 Hier wie bei Harsdorffer und Helwig heißt es nur 
wiehern 4 , (vgl. übrigens Schiller-Lübbeu s. v. und Neumarkter Rechts-, 
buch 167 (cap. 564): ,pfert die rennischz sint 4 ; und Lexer II, 405 1 
s. v. renschen; Germ. VII, 491; Grafl'I, 978; Frisch II, 458*; Müller- 
Fraureuth II, 346). 


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‘241 


Salbader. Von den bisher versuchten Erklärungen, die DWB. 
VIII, 1882, Weigand-Hirt II, 840 verzeichnet stehen, dürfte keine 
befriedigen, auch die Schröders, Streckformen 17-s ist sehr unwahr¬ 
scheinlich. Sollte das Wort nicht entstanden sein aus Salmbader? 
Was Salm bedeutet, erklärt das DWB. VIII, 1898 u. Weigand-Hirt II, 
84*2. Sachlich und lautlich dürfte diese Deutung keine Schwierigkeit 
machen, und einfach ungesucht ist sie auch. 

Sohaumblasen des Widerspruchs. Über die Schaumspritzen 
jugendlicher Freiheit hat Gombert gehandelt Zs. f. d. W. III, 330. 
Die Schaumblasen des Widerspruchs ist eine Redewendung, die 
B. Weber in den Charakterbildern 399 gebraucht. Das Buch ist 
erst 1K53 erschienen, der liier in Betracht kommende Aufsatz aber 
bereits 1848 im Tiroler Boten. Er kann frühestens im Oktober ge¬ 
schrieben sein, denn Dölliger hat den Vortrag, den Weber hier meint, 
damals bei Gründung des Piusvereins gehalten. Es heißt dort also: 
,Sein Vortrag (sc. Döllingers Vortrag in Mainz) floß bestimmt und 
überzeugend im Bette logischer Entwicklung, mit unerbittlicher 
Consequenz alle Schaumblasen des Widerspruchs fortreißend, 
nicht ohne die Artigkeit eines gebildeten Gesichtes 4 . 

Schneiden. Vergleiche Gombert, Zs. f. d. W. VIII, 133 lg. 
Zu beachten ist, was Kohl 1844 Land und Leute auf den brit. Inseln 
sagt II, 97 fg.: Gefallt ihm (dem Peer) ein Plebejer, mit dem er 
einmal bekannt wurde, nicht, so nimmt er nie wieder Notiz von ihm. 
Er blickt ihn nicht einmal an, oder fällt sein Auge etwa zufällig 
auf ihn, so kennt er ihn nicht mehr. Will er ihn nicht wieder in 
seinem Hause sehen, „schneidet er ihn ab“ (he cuts him) und 
dabei hat die Sache für ewig ihr Bewenden 4 . 

Seelenpflege. Das DWB. belegt das Wort zuerst aus Herder. 
Dieser hat es aber fraglos von Zinzendorf übernommen. Daß Herder 
die Schriften Zinzendorfs kannte, ist bekannt. Ferner aber gehörte 
das Wort zu den sogenannten Hernhuter Schlagworten und als so 
einzig Herrnhutisch, daß jeder, der es gebrauchte, sich sofort als 
Hernhuter offenbarte. Bei Fresenius 1748 Bewährte Nachrichten II, 
344 finden wir: ,Wenn aber nachhero die Zeugen-Sache und See len- 
Pflege, wie die Sprache der Hernhuter lautet, allhier ordentlich 
übergeben habe, ist mir noch nicht so merklich vorgekommen 4 . Maria 
Philippine Rönnau klagt 17;>5: ,Wann sie die arme Seele durch 
verkehrten Unterricht, in dem sie die Seelenpflege nicht verstehen, 
verwundet haben 4 in ihrem Büchlein ,Wahrhaftige und gründliche 

MitteiJnngeu d. Fehles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 1*> 


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242 


Entdeckung Einiger Geheimnisse 3. Ich schließe einige Belege aus 
Zinzendorf au. Gesangbuch der Brüdergemeinde Nr. 2103. 7: .Sein 
Geist, die Mutter (denn das heißt und ist er) der masset sich der 
Seelenpflege an, salbt und bestellt auch der Gemeine Priester, 
und giebt ihnen leicht verstand und plan*: und Nr. 2140,(5: 

,Zu ihrer desto bessern seelen-ptlege, 
hast du’s gerichtet in die selge wege‘. 

Zinzendorf 1748 Marienborner Gemeinreden II, 228: ,Dann wird man 
geptleget und gewartet: dann wird einem alles auf die Seite geräumt, 
was einem schädlich sein könnte, und das heißt Gemeinschatt, 
Ordnung, Einrichtung Seelen-Pflege: aber keine Seelenpflege 
kann uns so machen, sondern nur, wenn sie so sind, bewahren, fort¬ 
führen, schmücken, die Gnade, die da ist, merklicher, gebräuchlicher 
und appieabler machen*. Sehr oft verwendet Spangenberg das Wort 
in seiner Biographie des Grafen, z. B. 424. 543. 841. 960, deß- 
gleiehen Cranz, der erste Verfasser einer Brüderhistorie, z. B. (522: 
,darait sie an ihren Orten die nöthige Seelen-Pflege und Erbauung 
genießen könten*; und Seite 548: .und ihnen eine heilsame Seelen- 
Pflege nach ihrem Grad angedeihen zu lassen 1 . Früher findet sich 
das Wort bei A. Pape 1605 Jonas Rhythmicus b7 a : ,zu seinen 
Amptsgeschäfften und Seelenpfleg seinen Göttlichen Segen sprechen, 
das eine reiche Erndte drauff erfolge*; und 1(573 bei Chr. Grvphius, 
Heliconischer Reichs-Tag 154: ,und solche zu denen Postillen ver¬ 
dammte und geschworne geistlose Geistliche von der hochwichtigen 
Seelen-Pflege gänzlich ausschließen oder abschaffen sollen*. Dann 
bei E. Francisci 168 i Trauer-Saal 4, 889: ,angemerckt, der König ihm, 
auf seine Bitte, den neun und zwanzigsten, daran er sonst hätte sterben 
sollen, zu seiner Seelen-Pflege verwilliget hat*. Das Wort Seele n- 
oder Seel-Pfleger, das Francisci a. a. 0. II, 1036 (ehe ihn sein 
Seel-Pfleger mit Trost und Rath versorget) gebraucht, scheint sich bei 
Zinzendorf nicht zu finden; das Wort ist aber viel älter: vgl. Lexer, 
s. v. u. Zs. f. d. W. XV. 205». 

Seeleiistille. Im DWB. wird es erst aus Jean Paul belegt. 
Im Gesangbuch der Brüdergemeinde finden wir es in Liedern, die 
aus dem Jahre 1729 stammen; z. B. 1446,3: 

,Dein seeliges Häufflein nehme zu 
an innrer Seelenstille, 
und gehe ein in seine ruh, 
denn das ist Gottes Wille* - 


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744, lfi: Und gegenüber ruht ein leue, 
der seelen-stille heist: 
und wenn die weit zerreist, 
so hofft er auf eine neue 1 . 

Spangenberg bemerkt in der Lebensbeschreibung Zinzendorfs zum 
Jahre 1729 auf Seite'>51: ,Mit der Hofnung (sc. verband er in der 
Auslegung 1. Kor. 13, 13) die Begnfigsamkeit, Gelassenheit, Weisheit, 
Vorsicht, Seelen stille usw.‘. 

Stimmvieh. Ladendorf 303: K. F. Arnold, Zs. f. d. W. VIII, 
20. Als Beleg möge noch angefügt werden eine Stelle aus J. Sehen - 
1872 Hammerschläge und Historien 146: ,das Stimmvieh 1 , wie die 
Yankees ihre irischen Mitbürger nicht gerade schmeichelhaft nennen - . 
In Hessen war der Ausdruck Wahl vieh im Gebrauche, wie K. Braun, 
Bilder aus der deutschen Kleinstaaterei II (1881) 121 bezeugt. 

Streber (Gombert, Zs. f. d. W. II, 310; Ladendorf 304; Arnold, 
Zs. f. d. W. VIII, 21: Gombert VIII. 136). S. Hensel, Familie 
Mendelssohn I, 181 druckt einen Brief der Fanny M. ab vom 25. XII. 
1828: ,Wissen Sie aber auch, daß er (d. h. A. v. Humboldt) auf 
Höchstes Begehren einen zweiten Kursus im Saal der Singakademie 
begonnen hat, an dem alles Theil nimmt, was nur einigermaßen auf 
Bildung und Mode Anspruch macht, vom König und ganzen Hof, 
durch alle Minister, Generale, Offiziere, Künstler, Gelehrte, Schrift¬ 
steller, schöne und häßliche Geister, Streber, Studenten und Damen 
bis zu dero unwürdigen Correspondentin herab? — Hier hat das 
Wort augenscheinlich noch nicht den unangenehmen Beigeschmack. 
Man vergleiche nun damit folgenden Satz aus B. Weber 1S41 Tirol 
und die Reformation 34: ,Um den eigenen Priesterbedarf zu decken, 
hatten die Stiftsvorstände ohne Rücksichten auf die Vorschriften der 
Kirche oft unreife Jünglinge von 18 Jahren, Laienbrüder ohne ge¬ 
lehrte Kenntnisse, weltdurchtricbene Strebeköpfe zu den höheren 
Weihen des Priestertums befördert 4 . Es scheint Weber das Wort 
Streber mit dem übelen Übersinn bereits gekannt zu haben, war ihm 
aber wahrscheinlich für diese durchtriebene Gesellschaft noch zu edel, 
oder aber, es war diese Bedeutung noch nicht durchgedrungen, und 
so griff er zu dem Ausdruck Strebekopf. 

Das tolle Jahr. vgl. Gombert, Zs. f. d. W. VIII, 137. Wir 
lesen nun noch bei Henke 1867 Jacob Friedrich Fries 20s in der 
Anm. Kunstausdruck (d. h. daß das Jahr 1819 das tolle Jahr ge- 

16 * 


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244 


nannt worden ia-t). des Bearbeiters der Geschichte dieses Jahres» 
L. K. Ägidi aus dem Jahre 1 .'S 19 (2. Autl. Hamburg 1861)'. Ich 
kenne das Buch von Ägidi nicht: ob er aber gewußt hat, daß Erfurt 
das Jahr 1509 so geheißen hat, wäre auch erst noch festzustellen. 

I Überproduktion. Gombert 1908 Festgabe 71 führt einen 
Ausbruch des Fürsten Lichnowsky aus der Sitzung des Vereinigten 
preußischen Landtages vom 17. Mai 1-S47 an. Ich verweise auf 
J. G. Kohl 1S44 Reisen in England und Wales 1, 95: .Denn die 
außerordentliche und übertriebene Production (overproduction) in 
ihren immensen Manufacturen hat die englischen Kautleute zu oft. 
verzweifelten Mitteln und zu einer gezwungenen Ausfuhr verleitet'; 
und II, 184: ,Außer der eigenen Überarbeitung (overproduction) sind 
dann auch von außen her mächtige Competitoien aufgetreten'. Das 
Wort ist also wahrscheinlich aus dem Englischen herübergenommen. 

l’msattcln. Weigand-Hirt belegen das Wort zuerst 1780 aus 
Adelungs Versuch. Kluge dagegen EWB. 8 465 verweist auf Stieler! 
Mitteil. XVII, 113 ist eine Stelle aus Herbergers Predigtsammlung 

über Jesus Sirach abgedruckt, in der das Wort in der uns jetzt 

geläufigsten Bedeutung erscheint, das Studium wechseln. Gedruckt 
sind diese Predigten erst 165)8: sie sind aber gehalten worden 

in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts, wie Herberger selbst 
mehrfach andeutet, z. B. 579*: ,und sie (die Predigten) auff den 
nächsten Dienstag (Anno 1588, den 7. July) wieder anfangen wollen 4 . 
So gehört dieser Beleg in das Ende des 16. Jahrhundert, und 

wird bis jetzt der früheste sein. Bemerkenswert ist, daß bei einer 
ziemlich reichen Zahl späterer Belege aus dem 17. und 18. Jahr¬ 
hundert nur noch ein einziger zur Verfügung steht, wo das Wort in 
derselben Bedeutung stellt^ wie bei Herberger; 1735 Historisch = 
als Theol. Nachricht von der Herrnhuthischen Brüderschaft 37: ,der 
erstlich Theologiam studiret, und umgesattelt'. In den anderen 
Belegen drückt das Wort aus .die Meinung, die Gesinnung, den 
Glauben wechseln*. ,So beklagt sich im gleichen Zwinglius von 
seinen Jüngern, das sie auch bei gelegenbeit leichtlich umbsatteln 
wen sich der wind nur ein wenig verdrehet-. 0. Ulenberg 1589, 
Erhebliche ,und wichtige Ursachen 346. .Es ist jetzo in der Welt 
dahin kommen, daß mancher mit seiner Religion spielet, und sie umb 
ein Hand voll Seid oder Ehrgeitz gantz wiederlich dahin gibt. Und das 
heißet man mit einem Gelächter umgesattelt-. 1). v. Rudelstadt 1638 
Frühlingsgedichte'20. CasperDanckwerth 1652 Neue Landesbeschreibung 


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der Zwey Herzogtümer Schleswich und Holstein 122*: .als ihr Raht 
mit Eydes Pflichten verbunden, dennoch um gesattelt, und sich auf 
des Königs Seite begeben 4 . E. Francisci 1(172 Trauer-Saal III. <>29 
,daß sie wieder umsattelte, und zum Heidentum fiele 4 : Kramer 
1681 Leben und Tapflere Thaten der. . Seehelden 289: .so bald sie 
unsere Fahnen und Standarten sehen, unverzüglich umsatteln und 
das schwere Dienst-Joch mit der santt't- und friedlichen Christen- 
Regierung. von Hertzen gern verwechseln werden 4 ; und 456: .der 
(sc. Her Kardinal) sonsten gar wankelmütig, und leichtlicfi um- 
satteln dörtfte 4 . Hier ist das Holländische om te aerselen so 
wiedergegeben worden: J. W. Valvasor 1689 Die Ehre des Hertzog- 
thums Grain 11, 1*8: .weil die Sclavonische Völcker beydes an Gemüt, 
und auch sonst äußerlich, sehr wandelbar und unbeständig gewest, 
in ihren Entschließungen gar leicht umgesattelt, und sich von 
einem zum Andren bald gewendet 4 ; III. 21)1: .weil er dann sorgte, 
König Ladislaus dörfftc eine Ungnade auf ihn werfl'en. und dieselbe 
über solche seine Güter, auslassen: sattelte er um, und beschloß 
dem König zu Liebe, den Keyser, in der Stadt Cilli, zu überfallen 4 ; 
K. F. Paullini 1695 Zeit-kurtze Erbauliche Lust 23: ,da wirstu 
sehen, was er für ein Heiligen-Fresser sey, wie bald wird er um¬ 
satteln, und doch ins Angesicht (öffentlich) segnen und vermaledeien 4 ; 
J. Kraus 1716 Schwachheiten des Lutherischen Confessionisten II. 36: 
, . . weil die Lutheraner bewiesen haben, daß die Luthrischen ihrer 
Lehre nicht öffters umgesattelt, wie es der Catholisehe Author vor¬ 
gegeben hat 4 : Karoline Schulze-Kummernik, Lebenserinnerungen 
II. 118: .Ja, H. v. Verv behält die Direktion bis er wieder um- 
sattelt und von neuem andern Sinnes wird 4 . Man vergleiche auch 
noch E. Francisci 1678 Seelen-labende Kuhstunden I, 1142: ,der 
trauet dem Winde, der doch alle Stunden umsatteln kann 4 . Ganz 
ähnlich Valvasor, a. a. 0. I, 308. Das Hauptwort begegnet bei 
Valvasor a. a. 0. II, 402: ,Die Länder Karndten und Grain folgten 
aber denen Ungarn, in vorerzehlter ihrer Umsattlung vom Ohristen- 
zum Heidenthum, nicht nach 4 ; I, 275 wird der Timavus, weil er 
bald über, bald unter der Erde fließt ,Um sattlcr 4 genannt. Auf 
die von Sanders II, 2, 860 b : Sehwz. Idiot. VII, 1+40; Martin-Lienhart, 
TI, 379; Müller-Fraureuth II, 596» gesammelten Belege braucht hier 
nicht eingegangen werden, weil sie wortgeschichtlich nichts Neues bieten. 

Unternehmer. In der Neuauflage von Weigand wird be¬ 
hauptet, das Wort trete erst im 19. Jahrhundert auf und sei nach 


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entrepreneur gebildet. Doch bei J. A. Ebert 1760 Young’s Xacht- 
gedanken I, 142* Amn. lesen wir: ,Ks gibt nämlich in England 
Leute, die man Upholders oder Undertakers (Unternehmer) nennt, 
unter welcher letztem Benennung sie mir nur sonst bekannt waren; 
die. sobald eine Standesperson öffentlich begraben werden soll, für 
ein gewisses bedungnes Geld, das der Feyerlichkeit des Begräbnisses 
gemäß ist, die Einrichtung der ganzen Oeremonie übernehmen, und 
alles, was dazu erforderlich wird, anschatten’; 1784 Reise durch den 
Bayrischen Kreis N8: .der Muth der Unternehmer lebte wieder 
auf': 148: .Die Unternehmer dieses Schweinehandels reisen in 
ganz Bayern herum, und heißen gewöhnlich Sautreiber 4 ; J. Ohr. Fr. 
Gutsmuths 1799 Meine Reise im deutschen Vaterlande 14: ,Unsere 
Lese Gesellschaften leisten ziemlich viel, wenn sie nur nicht zum 
Theil erbärmliche Unternehmer hätten, welche der Welt das Roman¬ 
tieber inokulirten 4 . W. v. Kaltenborn 1790 Briefe eines alten Preußi¬ 
schen Offiziers 1, 79: ,und hat sich sehr oft von Unwissenden oder 
gar treulosen Unternehmern betrügen lassen’. Vgl. auch Ohr. T. Wein- 
ling 1784 Briefe über Rom III, 28. 80. 

Voll und ganz (Zs. II. 318. 343: V, 1 -?4). Denn so durch 
vnsern unvleis die lere vnsers glauben» nicht lauter und rein ge¬ 
handelt. oder nicht gantz und völlig dem volck furgetragen und 
nicht recht geteilt wird, so werden wir gar schwer straff dafür leiden 
müssen 4 . Urbanus Regius, wie man fürsichtiglich und ohne ärgernis¬ 
reden soll 30; E. Sarcerius 1553 Hausbuch für die Einfeltigen Haus- 
veter 143 b : .Denn es kan wol geschehen, das der Mensch das 
Sacrament völlig und gantz habe, und doch einen verkerten glauben 4 . 
,es sein etliche actiones, vermittelst deren wir nit allzeit dasjenige, 
was man uns schuldig, gantz und völlig, sonder bißweilen weniger 
bekommen 4 . B. Lang 1645 Zinß Scharmützel ‘248. .Denn voll und 
ganz müssen die beiden Wesen, Mann und Weib, sich vereinen und 
zusammen einen höheren Leib bilden 4 . (Aus dem Jahre 1830)* 
J. C. Bluntschli, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben I, 108. 1848 
schreibt H. von Mühler: Krank, und das in solcher Zeit, wo es aller 
Kraft und Gesundheit bedarf, um voll und ganz der Zukunft ins 
Auge zu sehen 4 39. 

Weinerlich. Weigand-Hirt II, 1231 aus Duez 1664: Von 
Lessing 4, 110 als Übersetzung des frz. Larmoyant verteidigt. Als 
Adv. bei Hermes, Soph. Reis. I, 641. Das Wort findet sich bereits 
15Q3 das buch geistlicher Gnaden 67 b : .darüber hat sie verlorn alle 


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gnade vnd gewöhnliche Süßigkeit auch besuchung gotis alßo das sie 
auch weinerlich claget 4 . 

Weltmarkt, vgl. Gombert 1903 Über das Alter 78; Ladendorf 
190t! S. 333; Weigand-Hirt verweist auf Ladendorf, hebt aber nur 
das Auftreten als Schlagwort um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
hervor, und gibt nicht wie sonst den frühesten Beleg an. Gombert 
hatte nun das Wort aus dem Jahre 1651 beigebracht. Etwas früher 
hinauf kommen wir durch folgenden Beleg. Jeremias Dyke 1638 
Nosce te ipsum 370: .Ein andermal haben wir Ochsen, Pferd, 
Schwein, etc. vom Weltmarck heimbracht 4 . Die Beziehung auf 
Lc. 14, 19 ist nicht zu verkennen. 

Windfeier. Theodor Matthias, Moltke in der Sprache seiner 
Briefe 261 (Heft 28 der Wissenschaftlichen Beihefte zur Zs. d. ADSp.) 
scheint anzunehmen: daß der Ausdruck ,mehrere Stunden wurden 
gewindfeiert 4 eine Bildnng Moltkes sei. Doch vgl. jetzt DWB. s. v. 
Das Verbum habe ich noch angemerkt aus W. H. v. Hohberg 1663 
Der Habspurgische Ottobert, Ttt 2 b : ,wann muß Windfeyren ein 
Schiftmann auf der See 4 . Das Wort ist von ,Windfeier* gebildet. Wir 
lesen nämlich bei K. J. Weber 1827 Deutschland II, 116: ,es geht 
langsamer und langweiliger her (die Fahrt auf der Donau zu Schifte), 
als auf dem Postwagen, und der Reisende ist Nebensache, die Waren 
sind Hauptsache, und alle Augenblicke hält man Wi ndfeier 4 . Das war 
nun ein Ausdruck der Donauschiffer, wenn sie wegen Mangel an Wind 
still liegen mußten, oder, worüber Weber das nötige bemerkt, aus 
allen möglichen Urssslien Windfeiern machen wollten. Weber ge¬ 
braucht das Wort öfter. Das Verbum habe ich mir nicht angemerkt. 
Warum im DW T B. das Wort Windfeier übergangen ist, wo diese 
Weberstelle der Zentralsammelstelle bekannt war, ist nicht recht zu 
ersehen. 

Ziviler Preis. Gombert, Zs. f. d. W. II, 62 hat den Aus¬ 
druck aus Liscow vom Jahre 1736 beigebracht, Weigand-Hirt aus 
Nehring 1710. Im Jahre 1668 gebraucht ihn J. G. Glauberus in 
dem Schriftchen Glauberus concentratus: ,I)eßgleichen alle diejenige 
Medicamenta, . . gleicherweise umb einen civilen Preiß an dehnen 
die solche rare Medicamenten etwan nöthig haben möchten, über zu 
lassen 4 . Angeschlossen sei noch P. J. Marperger 1717 Ausführliche 
Beschreibung des Haar- und Feder-Handels 177: ,vnd so etwan ein 
Herr Johannes . . gern eine Blonde Peruque tragen wolte, so kann er 
mit einer solchen .. gar wol und in civilen Preiß ... bedienet werdend 


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Ein schlesisches Quellenbuch der 
Kundensprache. 

Von l»r. Helmut Wocke in Hayuau. 


Mehrere (schon gedruckte) Wortlisten aus der Sprache der Hand¬ 
werksburschen gibt Friedrich Kluge in dem 1. Band seines „Rot¬ 
welsch“ wieder 1 ). Eine weitere wichtige Quelle, auf die man aber 
m. W. noch nirgends hingewiesen hat, ist der autobiographische 
Roman des schlesischen Schriftstellers Paul Barsch „Von einem, 
der auszog“ (Schweidnitz. Volksausg., 5. Aufl. o. J.), in dem wir ein 
anschauliches Bild von dem Leben auf der Landstraße erhalten. Die 
in dem Buche verstreuten Ausdrücke der Kundensprache stelle ich, 
zugleich mit Barschs Erklärungen, in alphabetischer Reihenfolge zu¬ 
sammen 2 ). 

abklopfen betteln. — arbeiten Geschenke einholen. — Asche 
Geld. — Bankarbeit machen auf der Bank in der Gaststube 
schlafen. — Berliner Ränzel. — Bettelstempel ein Stempel, der 
anzeigt, daß man ein Ortsgeschenk erhalten hat; S. 325; „seine 
eigenen Fleppen seien noch ganz dufte“, d. h. einwandsfrei, ohne 


l ) Die neuesten Veröffentlichungen über Rotwelsch und Ter wandte Sprachen 
sind Ernst Bi sch off, Wörterbuch der wichtigsten Geheim- und Berufssprachen. 
Jüdisch-deutsch, Rotwelsch, Kundensprache: Soldaten-, Seemanns-, Weidmanns-, 
• Bergmanns- und Komödiantensprache, Leipzig 1916 und L. Günther, Das 
Gefängnis im Gaunermunde, Kölnische Zeitung, 29. Juni 1917 (N. 619) und 
8. Juli 1917 (Beilage N. 27). 

a ) In den Anmerkungen sei auf die gleichen Ausdrücke in derSoldaten- 
sprache hingewiesen. Horn = Paul Horn, Die deutsche Soldatensprache, 
2. Aufl., Gießen 1905. Höchst. = Gustav Hochstetter, Der feldgraue Büch¬ 
mann, Berlin, o. J. Bächtold = Hanns Bachtold, Aus Leben und Sprache 
des Schweizer Soldaten, Basel und Straßburg 1916. Maußer = Otto Maußcr, 
Deutsche Soldatensprache, Straßburg 1917. Imme = Theodor Imme, Die 
deutsche Soldatensprache der Gegenwart und ihr Humor, Dortmund 1917. 


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250 

Kies Geld. — im Kittchen stecken eingesperrt sein. — Kluft 
Kleidung im allgemeinen 1 ). — Kohldampf schieben Hunger haben*). 

— Krauter Meister. — Kunde reisender Handwerksbursche; dann 
Losungswort. (Gegenlosung kenn). — Landkarte Gesicht. — Leiche 
Käse. — Macht’s gut Kundengruß. — massenbach massenhaft. 

— Messingdrähte Mohrrüben. — Metall Geld. — eine mieße 
Winde ein Haus, dessen Bewohner nicht freigebig sind. Mutter 
Herbergsmutter. — Penne Herberge; meist: christliche Herberge 
zur Heimat, in der der Wirt auf Ordnung und Ruhe hält, im Gegen¬ 
satz zur wilden Penne. — Pennebos Herbergsvater. — Pflanzer 
Schuhmacher. — Pickus, ein guter Pickus etwas Zünftiges für 
den Magen. — pochen bei den Meistern seines Handwerks um 
Arbeit anfragen oder Geschenke einsammeln; S. 320: „Uns fragte 
er, ob wir auf die Fahrt gestiegen seien, und Heinrich erwiderte, 
wir seien nur pochen gewesen“. — Pocht Bett. — Polende Polizei. 

— Poscher Pfennig. — Putz Gendarm. — Rasse. S. 193: Da 
sieht man gleich, was Rasse, d. h. was ein rechter Kunde ist. — 
Deutsche Reichskäfer Kleiderläuse. — Religion Beruf, Hand¬ 
werk; S. 206: „Was hast Du für eine Religion?“ — Rüssel¬ 
schaber Barbier 3 ). — Sänftchen Bett. — Sänftling Bett. — 
Schal lach Schulmeister. — Sehen i ge lei Arbeit. — schenigelu 
arbeiten. — Schlafpulver Schnaps. — Schlummerkarte Schlaf¬ 
marke. — Schlummerkies Geld für eine Schlafmarke, für ein Bett. 

— schmoren das erbettelte Geld vertrinken; S. 193: „Am Tage 
dalf ich zünftig und abends schmor’ ich zünftig*).“ — auf den 
Schub kommen nach der Heimat zwangsweise befördert werden, 
wegen wiederholten Betteins oder Landstreichens. — schwarz sein 
keine Papiere besitzen. — Schweechen Schnapstrinken; S. 194: 
„Mir kommt nich bald eener gleich; im 'rippein nicli, im Dalfen 
nich und im Schweechen nicht.“ — sitzen lassen ausgeben; S. 195: 
„Was ich am Tage zusammendalfe, laß ich abends auf der Penne 
sitzen. Das ist bei mir Ehrensache.“ — Soroff Schnaps. — Spitz 
Gendarm. Staude Hemd s ). — gut stecken freigebig sein; S.304: 

J ) Soldatenspräche: Horn 9, 62 (= Waffenrock), Höchst. 9 (= Waffen- 
rork), Imme 112 (a) Anzug des Soldaten, b) Waffenrock). 

*) Soldaten spräche: Horn 87, Höchst. 52, Bkchtold 62, Mauffer 65, 100, 
Imme 17 (Kohldampfschicbcr = Beiname des rnteroftiziers), 18, 105. 

3 ) Soldatensprache: Höchst. 28, Imme 45. 

*) Soldaten spräche: H«rn 88. Imme 97. 

5 ) S ol da t i*n spra ch e: Horn 63 (Hanfstaud) u. Anm. 6. 


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„Aber ich sollte denken. Dir könnt es nicht schwer fallen,' fünf 
Flachsen Zusammenhängen. Bei Dir stecken doch die Krauter gut“. 
— Stromer, Landstreicher. Vagabund. — tafter Kunde ein aus¬ 
gebildeter Kunde; noch nicht taften sein. S. 320: „Dabei fand 
ich Gelegenheit, meine schon recht beträchtlichen Kenntnisse der 
Kundensprache zu erweitern und mir noch sonst allerlei nützliches 
Wissen anzueignen, das einem Kunde zur Ehre gereicht und ihm das 
Anrecht gibt, sich als „taften“, das heißt als ausgebildet zu bezeich¬ 
nen.“ — tippeln laufen 1 ). — Usinger Schlesier 2 ). — verschütt 
gehen arretiert werden. — Wagenschmierer Lackierer. — Walz¬ 
bruder ein Handwerksbursche, der auf der Wanderschaft begriffen 
ist. — auf der Walze sein auf der Wanderschaft sein. — Winde 
Haus. — Zinken Stempel. — Zinkenmacher Stempelfälscher; 
S. 323 f.: „Der Zinkenmacher, ein alter, kahlköpfiger und bartloser 
Kunde mit hellen, lauernden Augen, saß mir schrägüber am Tische. 
Er schrieb soeben eine neue „Flebbe“ für einen Kunden. Die alte 
Flebbe (eine Arbeifsbescheinigung), die herumgezeigt wurde, war 
über und über mit Bettelstempeln bedruckt, so daß es Mühe kostete, 
die Schrift zu entziffern. Ich hatte mir erzählen lassen, daß in 
vielen Gegenden, besonders in Süddeutschland, an reisende Hand¬ 
werksburschen sogenannte Ortsgeschenke ausgeteilt werden, und daß 
der Austeiler jedem Geschenknehmer einen Stempel in das Arbeits¬ 
buch oder in das Arbeitszeugnis drucke. Wer viele Bettelstempel 
in den Papieren habe, gelte bei der Polizei ah ein Herumtreiber 
und Faulenzer und sei keinen Augenblick seiner Freiheit sicher. 
Nur der Zinkenmacher könne in solcher Not helfen. Mit flinker 
Hand schrieb nämlich der Zinkenmacher ein neues Zeugnis und 
drückte einen Stempel darauf. . . . Dem Inhaber war auf dem Papier 
bescheinigt, daß er anderthalb Jahr hindurch bei dem Fleischer¬ 
meister Franz Meßner in Altenau gearbeitet und sich während dieser 
Zeit zur vollen Zufriedenheit geführt habe. In veränderter Hand¬ 
schrift folgte dann das Wort „Beglaubigt“, und darunter befand sich 
der Stempel in Blaudruck. Inmitten des Stempels war eine Kirche 
zu sehen. Im Randkreise stand deutlich und sauber zu lesen: „Ge¬ 
meinde Altenau“. Der Namenszug unterhalb des Stempels war un¬ 
leserlich, das Wort „Ortsvorsteher“ aber gut zu entziffern. Als ich 

! ) SoIdatcnsprache; Höchst. 8, Imme 78, 120. 

*j Zur Erklärung «los Namens vgl. Schlesische GescJiichtsb lütter. 
1916, N. 1, S. 23 f. 


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•j 50 


erfuhr, daß der Zinkenmacher den Stempel oder Zinken mit eigener 
Hand hergestellt hatte, galt er mir als verehrungswürdiger Künstler ... 
Er besaß noch andere Zinken mit anderen Ortsnamen und war bereit, 
sie zu verkaufen, das Stück für acht Bleier. Die Zinken gingen von 
Hand zu Hand, und ich sah, daß sie aus Schieferplättchen bestanden. 
Mit einer Feinheit, die ich garnicht für möglich gehalten hätte, 
waren sie ausgraviert. Wie er ein solches Kunstwerk für nur achtzig 
Pfennige verkaufen konnte, blieb mir unklar.“ — zotteln betteln 1 ). 

— Zwirn Geld 1 ). — 

Ein paar Ausdrücke, die ich mir aus dem Munde eines Hand¬ 
werksburschen aufgezeichnet habe, seien zum Schluß noch angeführt: 
Äffchen sein noch nicht „taften“ sein. — Farbuz Barbier. 

— Elementenfärher Brauer. — Finne Schnapstlasche. — er wird 
gefleppt er muß seine Ausweispapiere dem Gendarm vorzeigen. — 
hoch gehen arretiert werden. — Kalfaktor Gehilfe des Herbergs¬ 
vaters, Handlanger 3 ). — Kenn, Mathilde Losungswort. — Klinke 
putzen betteln. — er pickt er ißt: ich habe etwas zum Picken 
ich habe etwas zum essen 4 ). — Platte reißen im Freien übernachten 5 ). 

— Polizeifinger Mohrrübe”). — Schale Kleidung 5 ); er schält 
sich, er zieht sich an; bist Du heute fein in Schale bist du 
heute fein angezogen. — Schwärze Nacht. — Schwarzkünstler 
Buchdrucker. — Sehwimmling Fisch, bes. Hering 8 ). —Sonnen¬ 
schmied Klempner. — Speckjäger ein verbummelter, aber gerissener 
Kunde. — Stenz Stock. — Stichler Schneider. — Trittchen 
Schuh 9 ). — Verpflegung schieben bei jmd. arbeiten und dafür 
Essen und Trinken erhalten. — Vicebos Gehilfe des Herbergs¬ 
vaters. — Walmusch Rock. — Winde Arbeitshaus. — Wind- 
fang Mantel 10 ). 

') Soldaten spräche: Horn 81. Imme 123. 

*) Soldatensprache: Horn 1)5 (= Schnaps) und Anm. 3. Maußer 42. 
s ) Soldatensprache: Horn 38 ( - Oftiziersbedicnter) und 83 (= Angeber). 
Imme 82f. und 90. 4 ) Soldatensprache: Horn 87. Höchst. 53, Imme 7. 104. 

5 ) Soldatcnspraehe: Horn 120 (Platte ruppcn = Ausbleiben in der 
Macht ohne Urlaub), Höchst. 35 u. Imme 75 (in ders. Bedeutung). 

8 ) Soldatensprache: Horn 91, Höchst. 55, Maußer 62 (= gelbe Hübe, 
hannöv.), Imme 110 (= Mohrrilbe). 

7 ) Soldatensprache: Imme 112 (= Waffen rock). 

8 ) Soldatensprache: Höchst. 53. 

y ) Soldatensprache: Horn 9 u. 64, Höchst. 10, Bächtold 60 (Tritt, 
Trittlig). Imme 7 u. 113. 

,0 ) Soldatensprachc: Horn 63, Höchst. 10. Imme 113. 


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Wie der Bauer den Flachs zubereitete. 

Von Kar! Roth>-r in Breslau. 


Noch ums Jahr 1850 stand im Frankensteiner Kreise der Flachs¬ 
bau in hoher Blüte. So besonders in Stolz, dem Geburtsorte meiner 
Mutter, deren Erzählung die folgenden Aufzeichnungen wiedergeben. 
Heute ist der Flachsbau im ganzen Kreise so gut wie ausgestorben, 
und darum geraten auch die Bezeichnungen für die verschiedenen 
Tätigkeiten und Geräte in Vergessenheit, die mit der Flachsverarbeitung 
zusammenhingen. 

Jeder Bauer baute nicht nur so viel Flachs, als er für sich und 
seine Leute brauchte, sondern noch sehr viel darüber für den Handels¬ 
mann oder für den Markt. In Frankenstein war der Flachsmarkt 
auf dem „Schinderplane“. Mit Flachs bezahlte der Bauer auch einen 
Teil des Gesindelohnes. Holtei berichtet im Lammfell *2. 23, daß 
der Hauslehrer auf einem großen Landgute neben fünfzig Taler Jahres¬ 
lohn und freier Station auch „jährliche Leinwand aut sechs Hemden“ 
bekam. Eine Großmagd beim Bauer erhielt jährlich <! Reichstaler, 
15 Ellen wirkene (werkna grobe), 15 Ellen tlächsene (tleksna feinere) 
Leinwand, ß Kloben Flachs, eine grobe Leinwandschürze und eine 
leinene Sonntagsschürze, an deren Stelle bisweilen einen weiteren 
Taler. Häutig wurde auch in gegenseitigem Einverständnisse für den 
einzelnen Dienstboten eine Metze Lein ausgesät. Den Samen mußte 
dieser selbst kaufen und die Bearbeitung „außer der Zeit“ besorgen. 
Dafür erhielt er 2 Kloben Flachs weniger, stand sich dabei aber 
etwas besser, da die Arbeit doch nicht gerechnet wurde. Sparsame 
Dienstboten verfügten auf diese Weise bei ihrer Verheiratung über 
einen erheblichen Vorrat an Flachs und Leinwand, der auf Jahr¬ 
zehnte ihren Familienbedarf deckte. Eine volle Lade war die schönste 
Mitgift. Auch die armen Leute des Dorfes kauften den Flachs 


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•254 


klobenweise vom Hauer. Durch Spinnen verdienten sie sich den not¬ 
wendigen Lebensunterhalt. Das fertige Garn holte allwöchentlich 
der Garnmann (go r nmön). Daher die Redensart: Er hat Geld 
wie ein Garnmann. 

Für den Flachsbau mußte das Land sehr „akrat“ vorbereitet 
werden. Noch heute sagt man, der Acker ist fein wie ein Leinbeete. 
Nach alten Bauernregeln fand die Aussaat vornehmlich in einem 
Lein Zeichen (laentsöqha) statt; das sind Tage, die ein gutes Ge¬ 
deihen der Saat voraussehen lassen. Alte Kalender dürften solche 
Leinzeichen noch anführen. Für Stoppelrüben gelten z. B. als Rüben¬ 
zeichen Laurentius am 10. und Rochus am 16. August 1 ). 

Waren die Pflänzchen etwa fingerlang, so wurde gejätet (jäta, 
jato, gejat). Dieses Wort wurde allein vom Flachs gebraucht: Ge¬ 
treide, Rüben, Kartoffeln u. dgl. werden „ausgetluckt“ (fluka, Hw. 
da fluka). Das Jäten mußte sehr sorgfältig geschehen. Nach der 
Getreideernte kam das Flachsraufen (s tläks refa). „Hamfelweise“ 
ausgebreitet, blieb der Flachs auf dem Felde liegen, bis die „Knutta“, 
(Mz. knuta), d. i. Samenköpfchen, dürre waren. Einmaliges Um¬ 
drehen war gemeiniglich nötig. In großen „Gebfindern u (gabunt,. 
Mz. gabinder) wurde er auf „das Tenne“ (s tena) gefahren und ge¬ 
riffelt. Auf einem in die Seitenwände des Tennos eingelassenen 
Balken waren je nach der Tennbreite drei oder vier Riffeln (de rill, 
Mz. rifa*n) angebracht, damit mehrere gleichzeitig riffeln konnten. 
Jede Riffel bestand aus sechs etwa 22 cm langen, an der Spitze 
leicht gebogenen eisernen Zinken, die so eng standen, daß beim 
Durchziehen die „Knutta“ abgerissen wurden. Diese wurden auf 
dem Boden auf bewahrt, bis sie. am liebsten bei großer Kälte, ge¬ 
droschen werden konnten. „Knuttadrascha war keeno leichte Arbeit“. 
Knuttenspreu (knutasprea) bildete ein beliebtes Viehfutter. Vgl. 
hd. Rüffel, rüffeln. 

Der geriffelte Flachs wurde auf einem Stoppelfelde ganz dünn 
zum Rösten (rista) ansgebreitet und blieb wochenlang liegen, damit 
er durch Regen, Tau und Sonnenschein mürbe und zum Brechen 
vorbereitet wurde. Danach wurde er gebießelt (gobislt), d. i. in 
Gebießel (goblsla vgl. mhd. böje) zusammengerecht und gebunden- 
Ein Gebießel war etwa zwei „Hamfeln“ stark, und eine bestimmte An- 

*) Holtei deutet ein solches Leinzeichen an in „Bilder aus dem häuslichen 
Leben“ 1, 74: Für die Kübensaat möchte das seine Vorteile haben: auch für 
den Flachs, den .Margarete bringt auf die Beete*. 


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zahl traben ein Gebund. Im Winter erfolgte das Dörren (de'n) und 
Brechen (bre^ia). Das Dörr- oder Brechhaus war Gemeinde¬ 
eigentum und stand der Feuersgefahr halber vom Dorfe abseits. 
Dem Dörrmanne (dr dermyn) lag die Heizung und Bewachung des 
Hauses ob: er schlief auch des Nachts darin, wohnte aber im Dorfe. 
Jeder Bauer hatte seinen festgesetzten Brechtag. Zwei Tage vorher 
fuhr der Knecht den Flachs hinaus ins Dörrhaus, und der Dörrinann 
setzte ihn recht fest in die Dörrstube (derstüba) ein. Ln diese war 
eine Art Backofen eingebaut, dessen Einfenerung sich aber in einem 
Nebenraume befand. Unter sehr starker Hitze etwa achtundvierzig 
Stunden gedörrt, war nun der Flachs zum Brechen geeignet, das 
aber in einem andern Baume des Dörrhauses erfolgte, der auch einen 
besonderen Eingang von außen hatte. — Wahrscheinlich an Stelle 
dieser Art dieser Vorbereitung zum Brechen war in noch früheren 
Zeiten der Flachs gerumpelt (garumplt) und gepucht (gepiiQht) 
worden. Über das Humpeln und die Kumpel konnte ich nichts 
erfahren. (Vgl. Kumpelkammer, wahrscheinlich die Kammer, in 
der die Rumpel stand — heut: in der sich Gerümpel belindet.) 
Gepucht, d. i. mit Knütteln geklopft, wurde der Flachs auf der 
Puchbank (puchbanke,). An diese Verrichtung erinnert heute noch 
der Ausdruck Puch-olp als Schelte für ein Mädchen mit widerwärtigen 
Eigenschaften. An die Kumpel knüpfen sich die Scheltwörter n äla 
rumpl, a äles rumplsaet. — 

Im Brechhause standen zu ebener Erde und auf dem Boden 
etwa dreißig bis vierzig Brechen; sie gehörten den Brechweibern, 
von denen sie am Ende der Brechzeit samt dem Rumpelfuße 
(rumplfüs, rumplfisla), dem Gestell, auf dem die Breche befestigt 
wurde, mit nach Hause genommen wurden. Die hölzerne Breche 
(bre< 5 ]) 9 ) war ein einarmiger Hebel zum Zerknicken der festeren 
Stengelteile, wodurch die Flachsfasern freigelegt wurden. Am „an¬ 
gesagten“ Tage schickte der Bauer die Weibsbilder, die Mägde, 
hinaus, und in ein bis zwei Tagen war die Arbeit fertig. Denn die 
Weibsbilder brechten nach der Zahle (nych dr ts$la); die Zahle, 
die vom Bauer festgesetzte Menge, mußte eine jede Magd den 'lag 
über fertig bringen; eher hatte sie nicht Feierabend. Was sie aber 
darüber hinaus noch fertig stellte, wurde ihr besonders vergütet. Die 
Brechweiber erhielten nach Kloben ihre Bezahlung. Die beim Brechen 
herabfallenden Annen (ona, um Münsterberg grona, um Neustadt 
älwa, hd. Scheben) nahmen sich die Brechweiber zur Feuerung mit 


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Original fro-m 

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nach Hause. Zwei Hainfein gebrechten Flachses gaben eine Reiste, 
(raeste, mhd. liste,) und sechzig Hamfeln oder dreißig Reisten wurden 
in einen Kloben (klöba mhd. klobe) gebunden; fünf Kloben gaben 
ein Geb und (gabunt). Was an Flachsfasern beim Brechen abfiel, 
hieß die Zulle (tsula). 

Vorm Spinnen mußte der Flachs noch gehechelt (gahedlilt) 
werden. Die Hechel (he<£hl) stand in einem Schuppen: auf einem 
meterhohen Gestell waren in quadratische hölzerne Platten die 
Hechelzinken (heqhltsiuka) eingelassen, die auf der einen Platte 
enger, auf der anderen weiter zusammen standen. „Beklieben“ ist 
das Wort in der Redensart: die Saat geht auf wie die Hechelzinken 
= sie geht sehr dicht auf. Der fein gehechelte Flachs wurde in 
Kautel (koetla) gedreht; (obersächsisch Flachskaute.) Ein Kautel 
genügte zu einem Rocken (roka). Sehr vorsichtig wurde der Rocken 
angelegt (ygelqt). Der Flachs wurde fein auseinander gezogen, aus¬ 
gebreitet, um das Überrücke (iborike, mhd. überrücke,) gehüllt und 
mit einem bunten Bande umbumlen. Das Überrücke wurde mit dem 
Rocken auf den Rock stecken oder Rocks terzei (rokStetsl) gesteckt. 

Der Abfall vom Hecheln hieß das Werg (werk); dieses wie 
auch die Zulle wurde gekratzelt (kratsaln, gokratslt), mit zwei 
Kratzen gleichsam ausgekämmt. Die Kratze (krotso) bestand aus 
einem Brettchen mit Handgriff, auf dessen Außenseite eine Reihe 
etwas gebogener Zinken (krdtsatsiuka) stand, weiter auseinander als 
bei der Hechel. — Ein ungemein sparsames Weib nennt man eine 
alte Kratze (krotse), weil sie alles zusammenkratzt; schmutzig 
sein, schlecht gekleidet gehen und ein runzeliges Gesicht sind Neben¬ 
begriffe des Ausdrucks. Ist ihr vielleicht die alte Kratzbürste 
des Schriftgebrauches verwandt? — Durch das Kratzein entstanden 
die Kratzein (kratsla Ez. Mz.) Kratzei machen war eine mühsame 
Arbeit, und Kratzei spinnen überließ man gern den ältesten 
Personen. Durch die Öffnung im Handgriff wurde die Kratze auf 
den Rocksterzei gesteckt, ein Kratzel eingelegt, d. h. an den Zinken 
befestigt, und nun übers Rad gesponnen. Aus diesem gröberen 
Garne wurde die wirkene Leinwand (werkno läemt) gemacht; die 
feine Leinwand hieß im Gegensatz dazu flächsene (fleksna laemt). 
Häutig wurde der Leib eines Hemdes aus werkener, die Ärmel aber 
aus tlächsener Leinwand hergestellt; denn mit schön weißen, feinen 
Hemdsärmeln machte man Staat, wenn man am Sonntag Nachmittag 
„hemdsärmelig“ (hemtsermlicl)) ging. 


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Gesponnen wurde mit der Spille (Spila). hd. Spindel, oder mit 
dem Spinnrade (spinrfit, spinrädla). Die Spille war ein geglättetes 
Holzsteekchen etwa von der Länge des Unterarmes, nach unten zu 
etwas stärker werdend. Daran steckte unten der steinerne Wirtel, 
(wertl), durch den der Schwerpunkt auch bei voller Spille unten 
blieb. Gedreht wurde die Spille mit Daumen und Mittelfinger, und 
es gehörte eine gewisse Geschicklichkeit dazu, damit einen recht 
langen Faden zu spinnen, der dann auf die Spille aufgewickelt wurde. 
Daher das Sprichwort: Lange Fädchen, fleißige Mädchen ; kurze 
Fädchen, faule Mädchen (lano tadama, flaesaja mädla, ko r tsa fädama, 
faola mädla). Manche Bauersfrau ließ ausschließlich mit der Spille 
spinnen, weil so das Garn viel feiner wurde. Beim Spinnen mit 
dem Spinnrade wurde leicht der Flachs zu wenig ausgezogen oder 
der Faden zu scharf gedreht. So wurde er knörplich (knerpli<jh) 
oder meeseldrehtich (mefeldröticlj,mifldretich, mesldretich). Meesel- 
drehtig oder miseldrehtig ist heutzutage ein Mensch, wenn er „ver¬ 
dreht“, mürrisch und ärgerlich ist. — Wurde nachmittags in der 
Nachbarschaft ein Besuch gemacht, so wurde zur Ausnutzung der 
Zeit das Spinn zeug (Spintsoek) mitgenommen, und zwar der Be¬ 
quemlichkeit halber lieber die Spille als das Rad: man ging Spillen 
(spila). „Spilla giehn“ heißt heut einfach, einen kurzen (Nach¬ 
mittags-) Besuch in der Nachbarschaft machen. In ähnlicher Weise 
fand am Abend das „Rockengehen“ statt, inan ging „zum Rocken“. 
Die Rockengänger unterhielten sich mit Gesang und Erzählen von 
Geistergeschichten, wurden wohl auch etwas bewirtet. Ans Rocken¬ 
gehen erinnert noch die Drohung: „Komm du mir nur zum Rocken! 
(kum du mr ok tsura roka!) Von den von P. Drechsler in „Sitte, 
Braucli und Volksglaube“ Lpz. 1903 erwähnten Gebräuchen an den 
Rockenabenden war besonders das Aschentopfwerden (S. 171 a.a. 0.) 
üblich. An die beim Werfen des Topfes gerufenen Worte: dö breu 
I<jh a osatöp! faet gabäta un bot mr s loch! knüpft sich die noch 
erhaltene Drohung: dir war i<jh s loch b$da! = dich will ich tüchtig 
verprügeln. Auch der Scheidabend (fiedöbnt) wurde gehalten. 
(S. ebd. S. 173.) 

Aber auch beim Kratzeispinnen blieben noch nutzbare Reste^ 
die Puzen (pütsa). Sie wurden auf dem größeren Puzenrade 
(pütsarädla) gesponnen. Bisweilen wurde auch das gewöhnliche 
Spinnrad dazu eingerichtet. Der Aufsatz, das Flachsgestelle, wurde 
abgenommen und das Puzengestelle pütsagastela) aufgesetzt. 

Mittellnnijen d. Schien. Oe». f. Vkdc. Bd. XIX. 17 


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•_>5X 


Puzengarn = das gröbste Gespinst, Puzenleinwand fand Ver¬ 
wendung zu Arbeitsschürzen, Grastüchern, Pferdedecken, Stubenhadern, 
Futterstoff u. dgl. Wer große Augen hat, höt aoga wi a pütsaryt. 

Für das Spinnrad hat Karl Urban (Landwirtschaftliche Volks¬ 
ausdrücke, Neustadt 0. S. 1897), die Bezeichnung Geist, der in 
meiner Heimat gänzlich unbekannt ist. Die unteren Teile des Spinn¬ 
rades sind das Trittbrett, der Trittli ch (trltli(lj); der Bettel man n 
(batlmyn), seltener Leiermann (laearm$n), bei Urban der Hansel 
genannt, der die Verbindung mit der Radkurbel herstellt; das eigent¬ 
liche Rad (rädla), über das die Rädchenschnur (rädlasnüra) läuft, 
die fast stets aus starker Darmseite bestand und die Bewegung des 
Rades auf den Wirtel überträgt. Dieser gehört aber schon zum 
Rädchengestelle (rädlagaStelo), das ein Flachs-, Werg- oder 
Puzengestelle sein kann. An einer eisernen Spille steckt das 
Schleifel (slefla), bei Urban Pfeifei (faefla), hd. die Spule, da¬ 
hinter der hölzerne Wirtel mit zwei, drei Rillen zur Aufnahme der 
Schnur. Durch längeren Gebrauch vertiefen sich die Furchen, der 
Wirtel wird ausgeniffelt (aosgoniflt) und muß einmal ergänzt 
werden. Vor das hölzerne Schleifel wird die hufeisenförmige Feder 
(fädr) gesteckt; ihre beiden Enden reichen über das ganze Schleifel, 
und durch ihre Löcher wird der Faden auf das Schleifel geleitet. 
Der Faden muß ein Loch weiter gesteckt werden, sobald ein 
Närbchen (nerbla) oder Hälschen (halfla) voll ist. Reißt der 
Faden einmal ab und „fährt hinein“ (naefyrn). so ist sein Ende oft 
schwer zu finden, und es muß von neuem eingefädelt (äegafädmt) 
werden. Daher der wohlmeinende Rat der Eltern an ein aus dem 
Hause gehendes Kind: Laß dir nur den Ort (das Ende des Fadens) 
nicht hineinfahren! lös dr ok a n r t ni naefyrn! = vermeide bald 
von Anfang das Schuldenmachen, man kommt nicht so leicht von 
Schulden los. 

Ist die Spille oder das Schleifel voll, so wird abgeweift oder 
geweift (opwefa, wöfaj. Jene heißt dann Spule (spüle); daher 
„spulen“ auch für gierig, mit vollen Backen essen. Die Weife 
(wefe) war eine kurze oder Breslauer Elle (öle) lang; auf ihre im 
rechten Winkel zueinander stehenden „Hörner“ (wefahom) wurde das 
Garn so übertragen, daß ein Faden vier Ellen maß. Er „weift“ 
(a wöft), sagt man vom schwankenden Gange eines Betrunkenen. 
Beim Weifen sagte mau. wohl nur mehr zum Scherz, die folgenden 
Zählreime (vgl. Mitt. XV, 256; XVI, 153). 


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iu Stolz: 
aens, tswae, doelt, 
liral. liinl, foeh; 
fiml, finil, fiml foeji 
fiml, fiml, foeh. 
wen i<£h glae ni tsela k^tn, 
tswantsidh wä r nr doqh. 


um Ziegenhals: 
es, tswee, doch, 
fiml, fiml, foeh; 
fiml, fiml ihr fiml, 
fiml, fiml, foeh. 
wenn idh glae ni tsela kf>n, 
tswantsidh wä r nr doch 1 ). 


Je 20 Fäden wurden in der Mitte durch einen besonderen 
Faden, den Fitzefaden (fitsafodm), zusammengebunden, gefitzt. 
Hat man die Fäden nicht richtig gezählt, so hat man sich verfitzt. 
Verfitzt sind indessen auch Zwirn, Wolle, Stricke, die ganz verwirrt 
sind. In einen Strick kann man sich auch derart verfitzen, (ver- 
fuchsen frfuksa), daß man hinfällt. Die gefitzten zwanzig Fäden 
waren ein Gebind (gebint). 20 Gebind = eine Zaspel (ts^spl), 
3 Zaspeln = ein Strähn (strän, stränla), 4 Strähne = ein Stück 
(§tike). Zehn oder mehr Stücke wurden zum Weber getragen: nach 
dem Stücke wurde er bezahlt. Zaspel (tsyspl) bezeichnet jetzt eine 
unbestimmte Menge: er hat eine ganze Zaspel Kinder. 

Der Weber (in ursprünglicher Bedeutung) gehört natürlich 
ebenfalls der Vergangenheit an. An ihn sich knüpfende Redens¬ 
arten werden aber bestehen bleiben: Webern (wäbarn) = die 
Beine (heftig) hin und herbewegen. Der Fleischer guckt durch 
den Weber (dr llesr gukt dor<£h a wahr) = durch das zerrissene 
Hemd sieht man die Haut des Armes. Das in katholischen Kirchen 
gesungene observaveris deutet der Volksmund scherzhaft: ops a wäbr 
1s (>br a gornmön, (mit dem Zusatze) wen a ok gelt gonunka höt = 

ob es ein Weber ist, oder ein Garnmann, wenn er nur Geld 

genug hat. Zum Zusammenknüpfen zweier Fäden dient der 
Weberknoten (wäbrknöta), der nie aufgeht. Gar viele aber können 
ihn nicht mehr knüpfen. Darauf bezieht sich Logaus Sinngedicht: 
Ein Weber liegt allhier; sein Faden ist zerrissen, Weiß keinen 
Weber-Knopff, denselben auszubüßen. (Knopf von knüpfen.) 

Die fertige Leinwand (laernt) legte man auf die Bleiche 
(bleche) zum Bleichen, oder man trug sie in die Stadt in die 

*) Vgl. in Ztschr. Oborscblesien 1 481: 

As, zwe-e, doch, Finnnalla, iiunnallu foeh. 

Fiuunalla, tiinmalla, foeh. Wenn ich glci ne zehla koan, 

Fimuialla, linunalla, liuunallafci, Zwanzich sein ihr doch. 

Es sind jedesmal '20 betonte Silben, entsprechend den 20 Faden des Gebinds. 

17* 


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L'tlO 


Bleiche. Selbstgebleiehte Leinwand (lälbr geblochte laemt) war 
nie so ganz weiß: halbgebleichte (holpgobletjhta) sollte angeblich 
haltbarer sein als ganz gebleichte: aus ungebleichter machte man 
die Säcke. Zuweilen wurde auch schon das Garn auf der Garn¬ 
bleiche (gornblööho) selbstgebleicht; anderes ließ man in der 
Farbe fforbe). d. i. in der Färberei, blau färben, zur Anfertigung 
von Züchenleinwand (tsichalaemt). 

Über die Lichtenabende (liöhta-ömda) ist schon verschiedent¬ 
lich berichtet: aber der Ausdruck zum Lichten gehen = einen 
Abendbesuch machen, ist nicht mehr so üblich wie Spillen gehen- 
Auch an den Lichtenabenden wurde nach der Zahle (s. o.) gesponnen. 
Ging die Arbeit besonders gut von statten und man hatte besondere 
Lust dazu, so zahlte es gut, (tsält, teilt), welcher Ausdruck noch 
heut von allerhand andern Arbeiten üblich ist (tsäln), und die Frage: 
Na, wie zahlte? wird sehr häufig von Vorübergehenden an einen 
Arbeitenden gestellt. Wollte die Arbeit des Spinnens nicht recht 
schlaumen (Slaoma), so zahlte wieder besser, wenn die Bauersfrau 
eine Netze (netse) brachte, die meist in verschiedenem Backobste 
bestand. Sie beförderte die Speichelabsonderung, und man konnte 
wieder besser netzen = die Fingerspitzen mit Speichel befeuchten. — 

Wenn auch die Not der Zeit wieder zu vermehrtem Flachsbau 
zwingt — für immer wohl vorüber ist diese Art der bäuerlichen 
Flachsbereitung. 


Mundartenprobe aus Mazedonien. 

Von Tassilo Schultheiß 

Der folgende volkstümliche Text stammt aus einem Dorfe nördlich von Monastir. 

Kbga döjdoa Särbite, so Tnrcina se bia. Nisto löSo ne störija, 
ni nä momi ni nä bulki. Söga pak döjdoa Btigari, nisto löSo ne 
störija i tie, ni Germancite. Ako döjdat setne Francüzite, sicko 
löso ke näpravat i nä momi i nä bulki. Mnögo ot Francüzite i 
straf. Dötie i nöke se sträsvam ot Frencite, da ne dödat. Site site 
höra se bijat, äraa näjveke .Jöncica se böit i vo sönot sköpat ot 
uplava. Ako da se digne Bugärija i Germänija, nie ke otivame, 
sänto se 2äljame mlädosta, so los vek düjde za, mlädite. Ako da ima. 


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Original ffom 

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mir, nema nikoj da se pögubit. Ako döjdat Frencite, sirko ke se 
pögubit imlädosta ke se pögubi nasa i vekot. Dövet meseci sedame, 
vo Makedönija, ötkako otstäpiome ot parva ]>ozicija. Setne sedavme 
vo edna käSta übava vo Särpci. Image nätre vo kästata deset dnsi 
vamilija, samo so ödna biilka se blagodärime mnogo. Nie so neja, 
ta so nas. I)ökaj Bügari södoa, site se oplakvaa. A taja bnlka, so 
sedese prinas, nikak ne se dplaka ot Germancite. Bile mndgo eestni 
Germancite, mndgo eestni lidra bile. I mölit Bdga i Göspoda da sedat 
Bügarite i Germancite, da st an et öden mir i da si djt sekoj vo kasta 
si. I näsite lügje da si döjdat, da se slobödime. Oti sekoj kazvat: 
Püsta Makedönija bez mazi. Se eüdat cela Evropa so Makedönija, 
deka mnogo osiromasi, i toj so imase, maz östana bez mazi, i toj 
so. neniase, edno döjde. Mnogo maöno mu döjde so vojnata. deka rau 
velat: Mazi ke set za spiene, a za ranjenje mazi ne mu set. 


Als die Serben kamen, schlugen sie sich mit den Türken. Sie taten nichts 
Schied)tes, weder Mädchen noch Frauen. Jetzt sind wieder Bulgaren gekommen, 
auch die haben nichts Böses getan, auch nicht die Deutschen. Wenn später 
die Franzosen kommen, werden sic alles Schlechte tun, sowohl Mädchen als 
Frauen. Sie haben viel Angst vor den Franzosen. Tag und Nacht fürchte ich, 
daß die Franzosen kommen. Alle alten Leute fürchten sich, aber am meisten 
Joncica, und erschauern im Schlaf vor Entsetzen. Wenn Bulgaren und Deutsche 
Weggehen, werden wir fortgehen, nur bedauern wir unsere Jugend, denn ein 
schlechtes Zeitalter ist für die jungen Leute angebrochen. Wenn es Frieden 
gibt, geht niemand zugrunde. Wenn die Franzosen kommen, wird alles zugrunde 
gehen, auch unsere Jugend wird zugrunde gehen. Neun Monate wohnen wir in 
Mazedonien, seitdem wir aus der ersten Stellung zurnckgegangcn sind, dann 
wohnten wir in einem schönen Hause in Srpci. Im Hause war eine Familie 
von 10 Köpfen, nur mit einer verheirateten Frau sind wir sehr gut aus¬ 
gekommen. Wir init ihr, sie mit uns. Solange Bulgaren da wohnten, haben 

sich alle beklagt. Aber diese Frau, die bei uns wohnte, hat sich nie über die 
Deutschen beklagt. Die Deutschen waren sehr anständig, es sind sehr an¬ 
ständige Leftte gewesen. Und sie bittet Gott und den Herrn, daß die Bulgaren 
und Deutschen da bleiben, daß ein Friede werde und jeder in sein Haus zurück¬ 
kehrt. Und auch unsere Männer mögen zurnckkommen, damit wir frei werden. 
Denn alle sagen: Leer ist Mazedonien ohne Männer. Ganz Europa wundert 
sich über Mazedonien, weil es so sehr verarmt ist, und was einen Mann hatte, 
hat ihn verloren, und wo keiner war, ist einer gekommen. Recht schwer ist es 

(ihm) geworden mit dem Krieg, denn man sagt: Die Männer werden zum 

Schlafen sein, aber zur Ernährung sind keine Männer da. 


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2<;-j 

Husarenlied. 

Von I)r. Friedrich Andrea© in Breslau. 


Graf Ernst zur Lippe teilt in seinem Husarenbuch Berlin 1863 
S. 54f> „ein Lied der alten schwarzen Husaren, einen ungedruckten [?] 
Feldgesang“ mit: 

1. „Es ist nichts Schöneres auf der Welt und auch nicht so geschwind, 

Als wenn Husaren ziehn ins Feld, wenn wir beisammen sind. 

Wenns blitzt, wenns kracht, wenns donnert gleich, wir schießen rosenrot, 
Wenns Blut von unsern Säbeln fließt, sind wir couragevoll. 

2. 0 ihr Husaren wohl ins gemein, schlagt eure Pistolen an, 

Ergreift den Säbel wohl in der Hand, und gebet kein Pardon. 

So lang die Franzoson nicht deutsch verstehen, so haut nur immer drein, 
Fnd sprechet bassateremtom: der Kopf muß unser sein. - 

In einem vom Kaiser-Wilhelm-Dank durch Hob. Gersbaeh heraus¬ 
gegebenen , „der kleine Kamerad“ betitelten Soldatenliederbüchlein 
Berlin o. J. bei Alfred Wall verlegt, fand ich eine nicht wesentlich 
abweichende Variante dieses Liedes, die allerdings eine Strophe mehr 
enthält: 

1. Es ist nichts lustgeros auf der Welt und auch nichts so geschwind, 

Als wir Husaren in dem Feld, wenn wir in Schlachten sind. 

Wenns blitzt und kracht dem Donner gleich, wir schießen rosenrot; 

Wenns Blut von unserm Körper fließt, sind wir des Mutes voll. 

2. Pa heißts Husaren insgesamt, schlagt die Pistolen an, 

Ergreift den Säbel in die Hand, und gebet kein Pardou! 

Wenn ihr das Franzscbe nicht versteht, so haut auf Ungrisch drein, 

Und sprecht Bassateremtete! Per Kopf muß unser sein. 

3. Wenn gleich manch treuer Kamerad muß bleiben in dem Streit: 

Husaren fragen nichts danach sind all dazu bereit. 

Den Leih begräbt man in der Gruft, der Ruhm bleibt auf der Welt, 

Pie Seele schwingt sich durch die Luft ins blaue Himmelszelt. 

./ 

Strophe 2 dieses Liedes, ist, wie mir der Besitzer dieses Büchleins, 
ein Unteroffizier, aus seiner mehr als zehn .Jahre zurückliegenden 
Dienstzeit versichert (offenbar weil nicht mehr recht verständlich), 
nie gesungen worden, und auch weitere Erkundigungen bei alt 
gedienten Husaren führten zu demselben Ergebnis. Während des 
Krieges habe ich das Lied folgendermaßen singen hören: 


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Original fro-rn 

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263 


1. Es gibt uichts schöneres auf der Welt und kann nichts schönres sein. 

Als wenn Husaren ziehn ins Feld, wenn wir beisammen sein. 

Schatz lebe lebe wohl, und vergiß nicht mein, 

Denn wir können ja nicht immer beisammen sein. 

2. Wenns blitzt, wenns donnert und wenns kracht, wir schießen rosarot, 

Wenn das Blut von unsern Lanzen rollt, also haben wir frohen Mut. Schatz usw. 

3. Der Feind, der kommt von Frankreich her, zu Pferde und auch her zu Fuß, 
Husaren und auch Infanterie 1 ) die Welt regieren muß. Schatz usw. 

4. Es gibt ja nur ein Österreich, es gibt ja nur ein Wien. 

Es gibt ja nur ein deutsches Reich und die Hauptstadt heißt Berlin. Schatz usw. 

Diese letzte Strophe ist erst durch den Krieg entstanden, und 
irre ich mich nicht, ist sie für das Wachsen des Volksliedes recht 
bezeichnend. Die durch den Krieg erst unmittelbar ins Leben 
getretene deutsch-österreichische Waffenbrüderschaft hätte doch auch 
auf eine ganz andere Art und Weise ausgedrückt werden können, 
als durch Berufung auf die beiden Hauptstädte als sinnbildlich da¬ 
für. Aber man knüpft wohl gern an naheliegendes schon vorhanden 
Volksliedmäßiges an und kommt wohl über das „Es gibt nur a 
Kaiserstadt, es gibt nur a Wien“ als Bindeglied zu der neuen 
Formung. 


Agla. 

Von Dr. A. Landau (Wien). 
Zu Mitteilungen Band XVII, 55. 


Agla ist nicht türkisch, sondern aus den Anfangsbuchstaben des im 
jüdischen Morgengebet -verkommenden Satzes 'iTK Ti33 HPK • *Du bist 

mächtig in Ewigkeit, Herr!“ gebildet. Im mitteldeutschen Arzneibuch des 
Meisters Bartholomaeus (Hs. der Wiener Hofbibi. 15. Jahrh.) erscheint es unter 
den „zwain und sibenzig namen Christi“, von denen aber viele gar keine 
Gottesnamen sind. Haupt in Sitzungsber. d. Wiener Akademie, ph.-hist. Kl. 76. 
Bd. 521. Die unrichtige Übersetzung vitulus beruht auf einer Verwechslung 
mit. “?:y, ‘cgel, Kalb. 

Agla findet sich in der Mitte eines „Davidsschildes“ (Hexagramms) 
Kopp, Palaeogr. critica Hl p. 67, besonders häufig in Amuletten zur Abwehr 
von Feuersbrünsten. Beschreibung eines solchen bei Bischoff, Elemente der 
Kabbala II, 193 f. (nach Schudt, Jüd. Merkwürdigkeiten, Frkf. u. Leipz. 1714 ff. 
2. TI. VI. Buch 2. Kap. § 5). Abbildungen bei Wülfer, Theracia Judaica, 

Hierfür wird auch gesungen: Husaren und auch Kürassier. 


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264 


Nürnb. 1681. 74. Man schreibt das Wort, das deutsch als Allmächtiger Gott, 
lösch aus! ausgelegt wird, auf ein Brot oder einen Teiler, und wirft diese ins 
Feuer. Mitteilungen zur jüd. Volkskunde Heft 5, 11. 43. H. 24, 125 f. Ztschr. 
d. Vereins f. rhein. u. westf. Volkskunde II, 202. Gesky Lid XVIII, 301. 
Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar verordnete mit Patent vom 27. XII. 
1772, daß hölzerne Teller, „worauf schon gegessen gewesen“, nach der bei¬ 
gefügten Zeichnung mit AGLA, Consummatum est fff «des Freytags bei ab¬ 
nehmendem Monde Mittags zwischen 11 und 12 Uhr mit frischer Dinte und 
neuen Federn beschrieben“ in jeder Stadt vom Bürgermeister und auf dem 
Lande von den Schultheißen und Gerichtsschöppen vorrätig gehalten und bei 
Ausbruch eines Brandes mit den Worten „Im Namen Gottes“ ins Feuer 
geworfen werden sollten. Nötigenfalls sollte dies dreimal wiederholt werden, 
„dadurch denn die Glut ohnfehlbar gedämpft wird“. Beaulieu-Marcounay, Ernst 
August Herzog v. Sachsen-Weimar-Eisenach. Loipz. 1872. 260 f. 

Auch in anderen Besegnungsformeln kommt Agla vor, so im Wurmsegen 
einer Breslauer Hs.: In nomine patris + et agla et filij usw. Mitt. H. 18, 11. 
In einem Spruch beim Schatzgrabeu mit der Wünschelrute: Güdemann, Gesch. 
d. Erziehungswesens u. d. Kultur d. Juden in Italien. Wien 1884, 333. Beim 
Wahrsagen aus einem wassergefüllten Glasgefäß: Schweiz. Arch. f. Volkskunde 
XII, 123 und in vielen anderen Formeln. Mitt. z. jüd. Volksk. H. 5, 35. 40. 
41. 58. 78. H. 19, 113. 117. H. 42, 43. Auch auf Glocken und Hingen: Otte, 
Handb. d. kirchl. Kunstarchäologie 5 I, 400, und auf einem in der kaiserl. 
Schatzkammer zu Wien aufbewahrten Horoskop Wallensteins. 

Worauf Kopps Angabe 1. c. p. 78 beruht: „Item pontifex Romauus erat, 
qui Ferdinando II gladium ad debellandos et jugulandos Bohemos offerret, cui 
haec inscripta eraut: Tetragrammaton, Alpha ,et Omega, Agla, Sabaoth“, ist 
nicht ersichtlich. Von der großen Zahl geweihter Schwerter, die die Päpste 
zu verleihen pflegten, sind, soweit bisher bekannt, nur 25 erhalten; keines da¬ 
von trägt eine andere Inschrift als den Namen des Papstes und das Jahr 
seines Pontificats. Über die Verleihung eines Schwertes an Ferdinand II ist 
nichts bekannt. H. Modern, Geweihte Schw r erter und Hüte. Jahrbuch der 
kunsthistor. Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses Bd. XXII. Heft 3. 
Wien 1901. 


Zum schlesischen Wörterbuch. 

Von I)r. A. Landau in Wien. 

Zu Mitteilungen XVI, III fl*. 


Kukelskorn S. 111. KocMkömer, cocculae orientales, die Früchte 
von Menispermum cocculus. In Indien zum Fischfang gebraucht. DWb. V, 1566. 

Müchinzen 117. Nicht von inhd. müchen, sondern Iterativbildung von 
tnüthen, schimmlicht riechen. Schlesisch in Frommanns Dtsch. Mundarten IV, 
178. PWb. VI, 2604. 


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Pol icke 124. Poln. polewka, cech. polerhn, Suppe, Brühe. Gauner- 
sprachlich in verschieden entstellten Formen sehr verbreitet vgl. Kluge, Rot¬ 
welsch 202. 218. 227. 230. 

Ritschütt 128. Diese Schreibung beruht nicht auf ungenauem Berichte. 
Ygl. die Formen ritschat bei Überfelder, Kärntner. Idiotikon, Klagenf. 1862. 
201. ritschad, Lexer, Kamt. Wörterb. 209. sloven. HM, Arch. f. slav. Philol. 
14, 540. österr. rtdschaJ, Mareta, Progr. des Schottengymn. Wien 1865. 18. 
Die anderen österr. Idiotika: Höfer, Idiot, austr., Castelli, Loritza, Hügel 
haben ritsch er, ritscha . Knothe, Schles. Mundart in Nordböhmen 447: retsehe, 
retscher. 

Schicker, besikert 136 gehört nicht zu sh’Jcern. Es ist das hebräische 
in md. und nd. Mundarten sehr verbreitete seht Ichor, betrunken. DWb. VIII, 
2657. Auch elsiissisch: Eis. Wörterb. 11,405. 

Schmiere stehen 138 hat mit Schmeer r nichts zu tun. Es geht auf das 
hebr. sehem)rd(h), Wache, zurück. DWb. IX, 1080, 4. 

Tschetter 147 ist Scheiter, gesteifte Leinwand. DWb. VIII, 2603. 

Zu Band XVII. 

Rade Liane 107 ist wohl Rodehaue zu lesen. DWb. VIII, 46 vgl. 
Bodehatr Knothe 452. 


Nachtrag zu Seite 105 Anm. 2. 

Von Dr. Franz Kamp er s in Breslau. 

Die Auflösung, des „lapsit exillis“ in „lapis elixir“ schlug K. Bur dach 
schou in seinem 1900—1902 entstandenen, aber bislang unveröffentlichten 
Werke „Longinus und der Gral“ vor, das er in der „Deutschen Literaturzeitung“ 
[1903, 14. Nov., Sp. 2821—24 und 12. Dez., Sp. 3050—58] sowie in seiner mir 
leider entgangenen und für die Salomonsage wichtigen Mitteilung „Zum Ursprung! 
der Salomo-Sage“ im „Archiv für das Studium der neueren Sprachen“ [108 
(1902) 131 f.] anführt. Diese letztere Mitteilung enthält einige anziehen de Be¬ 
lege für die Entstehungsgeschichte jener Sage vom weisen Judenkönige. 
Burdach ist geneigt, die Gralsage „aus altchristlichen Pilgermärchen und aus 
der Popularisierung, Paganisierung und Magisierung der Mellliturgie, ins¬ 
besondere des Vorbereitungsteiles und der großen Introitusprozession der 
byzantinischen Messe“ herzuleiten — eine Auffassung, die sich bis zu einem 
gewissen Grade mit der meinigen in Einklang bringen läßt. 


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Literatur. 


Günther, Fritz, Die schlesische Volksliedforschung (== Wort und Brauch, volks¬ 
kundliche Arbeiten namens der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, 
herausgegeben von Th. Siebs und M. Hippe, Heft 13). Breslau, M. H. Marcus, 
1916. VIII 4- 232 S. 8,00 M. 

Eine der größten und wichtigsten Aufgaben, die unsere Gesellschaft noch 
zu lösen hat, ist die Veranstaltung einer neuen umfassenden Ausgabe der 
schlesischen Volkslieder, die im Laufe ihres Bestehens und namentlich seit 
ihrem Aufrufe von 1909 in einer fast unübersehbaren Fülle ihren Sammlungen 
zugeströmt sind. Hat doch Günther, der sich mit anerkennenswertestem Eifer 
und Fleiß der Ordnung dieser Stoffmassen annahm, nicht weniger als etwa 
12 000 Zettel gebraucht, um einen ausreichenden Überblick über sie zu gewinnen 
und sie praktisch zugänglich zu machen. Eine schöne und wertvolle Frucht 
dieser Bemühungen ist nun das vorliegende Buch, das zugleich als Einleitung 
zu der künftigen großen Gesamtausgabe unserer Lieder gedacht ist. Es gliedert 
sich in zwei Hauptteile. Der erste ist der Geschichte der schlesischen 
Volksliedforschung gewidmet, der zweite bringt verschiedene quellenmäßige 
Übersichten schlesischer Volkslieder. 

Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit dem „schlesischen Volksliede vor 
1842“. Da sind insbesondere die ältesten, bisher unbekannten Zeugnisse wichtig, 
die Günther aus Urkunden des Breslauer Stadtarchivs mitteilt. Diese frühesten 
Nachrichten über das schlesische Volkslied sind Verbote, die der ehrsame 
Hat der Stadt erlassen hat. Unter dem 23. Oktober 1512 fiudet sich die Ver¬ 
ordnung, es solle ausgerufen werden, *,das ngmandt schandt Uder und gesatigk 
tirhten noch ringen sal u , und unter dem 28. März 1564 heißt es: „Fürs dritte 
sott sielt htnfüro keiner, weder Jung noch alt mit unrorsehampten ergerliehen 
sehand und Jiull lidem und singen hei neehflieher weile noch bei Tage hören 
noch rernehmen lassen .“ Darauf folgt dann eine Reihe amtlicher Verbote gegen 
die Rocken- und Spinnstuben aus dem 16., 17. uud 18. Jahrhundert, darunter 
auch eines, das eine sohr ausführliche und bemerkenswerte Beschreibung eines 
Rockenganges aus dem Anfänge des 18. Jahrhunderts bringt, und hieran schließen 
sich Mitteilungen über die ältesten in schlesischen Handschriften erhaltenen 
Volkslieder und über die schlesischen Zeitschriften, die am Ende des 18. und 
Anfang des 19. Jahrhunderts Volkslieder bringen. Die Ausbeute ist im ganzen 
recht bescheiden, und es muß festgestellt werden, daß die große Bewegung, 
die mit dem Erseheinen von Herders „Volksliedern“ begann, in der Zeit der 


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Romantik blühte und mit Uhlands •Alten hoch- und niederdeutschen Volks¬ 
liedern“ in die Wissenschaft Eingang fand, in Schlesien ziemlich spurlos vor¬ 
übergegangen ist. 

Die erste und einzige allgemeine, groß und wissenschaftlich angelegte 
schlesische Volksliedersamnilung ist die von Ho ff in an n- Richter, die im 
November des Jahres 1842 erschien und bisher noch keine neue Auflage erlebt 
hat. Ihrer Entstehungsgeschichte und Würdigung dient der erste Teil des 
nächsten Abschnittes „das Jahrzehnt der großen Volksliedarbeiten in Schlesien“^ 
Eine weitere, ziemlich starke Schicht gedruckter schlesischer Volkslieder enthalten 
Ludwig Erks •Deutsche Volkslieder“. Die darin erschienenen gehen zum 
größten Teil auf die Sammlungen des trefflichen, um die Pflege unseres Volks¬ 
liedes hochverdienten Kantors, Organisten und Lehrers F. A. L. Jacob zurück, 
der, 1803 zu Kroitsch bei Liegnitz geboren, von 1824—1884 in Konradsdorf 
bei Haynau lebte und lehrte. Er sammelte gegen 600 Volkslieder, von denen 
etwa 400 in vier stattlichen handschriftlichen Bänden erhalten sind, während* 
sich die übrigen vielleicht noch in seinem Nachlasse finden können. Über 
Jacobs Leben, seine Volksliedersammlungen und seinen höchst einflußreichen 
Sängerbund handelt Günther ausführlich S. 44—62. — Hieran schließt sich 
dann ein Überblick über die „Zeitungen, Zeitschriften und Bücher von 1842 bis 
1913“, in denen schlesische Volkslieder abgedruckt oder besprochen sind 1 ). 
Noch ein volles halbes Jahrhundert nach Hoffmann-Richters Werk ist es im 
ganzen ziemlich still, und es findet sich nur selten etwas Bemerkenswertes* 
bis infolge der Begründung unserer Gesellschaft ein neues reges Leben auf 
diesem Gebiete erwacht. Was in uuscren „Mitteilungen“ an Volksliedern und 
über sie erschien, was die Gesellschaft durch Aufrufe und Sammeltätigkeit 
wirkte und erreichte, wird besonders berichtet. 

An quellenmäßigem Stoffe bringt Günther folgendes bei: l) 35 „bisher 
ungedruckte Lieder und bisher ungedrucktc Fassungen bekannter Lieder 
(S. 111 — 152), zum Teil mit Weisen; 2) „Stark abweichende Lesarten schon ge¬ 
druckter Lieder (S. 153 — 174: Nr. 36 — 50); 3) vier höchst lehrreiche Beispiele 
„Eigenartiger Zersingungen von neuen Kunstliedern“ (S. 175—179). Es handelt 
sich lim die Lieder „In einem kühlen Grunde“, „Es zogen drei Burschen wohl 
über den Rhein“, Am Brunnen vor dem Tore“ und „Ich weiß nicht, was soll 
es bedeuten“. Den Abschluß bildet daun ein •Alphabetisches Verzeichnis aller 
schon gedruckten Volkslieder aus Schlesien“ (S. 181—230) mit genauen Quellen¬ 
angaben. 

Das Buch ist eine sehr tüchtige Leistung und für jeden, der sich fortan 
in irgend einer Weise mit dem schlesischen Volksliede beschäftigen will, un¬ 
entbehrlich. Eine besondere Anerkennung hat der Verfasser dafür bereite 
dadurch erfahren, daß sein Werk im Jahre 1912 von der Philosophischen 
Fakultät unserer Universität mit dem Preise der Neigebaur- (Neugebauer-> 
Stiftung gekrönt wurden ist. H. Jantzen. 

! ) Der Vollständigkeit wegen hätten hier auch mit Rücksicht auf die 
bibliographischen Angaben Partsclis „Literatur zur Landes- und Volkskunde 
Schlesiens (1900) mid die drei wichtigen Nachträge dazu von Nentwig (1904—13) 
erwähnt werden können. (Vgl. Mitteilungen 17, S. 228 ff.\ 


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Schweizerische!* Archiv für Volkskunde* Zwanzigster Jahrgang. Festschrift 
ihr Eduard Hoffmgun-Krayer. Herausgegeben von Hans Bächtold. 

Basel und Straßburg 1916. VII, 539 S. 8°. Frcs. 10. 

Eine schöne Festgabe ist es, zu der sich Gelehrte verschiedener Länder 
und Sprachen vereinigt haben, ein internationales Geschenk, wie es inmitten 
des Weltkrieges nur dein Angehörigen eines neutralen Staates dargeboten 
werden konnte. 

übrigens steht die deutsche Sprache im Vordergründe dieses vieizüugigen 
Werkes, selbst Angehörige einiger fremder Staaten haben sich ihrer bedient: 
so z. B. Aarne, Professor in Helsingfors, der über die Einrichtung der finnischen 
Volksliederausgabe handelt, Feilberg, der von allerlei Volkskundlichem be¬ 
richtet, das 'sich auf das Meer bezieht, und v. Sydow in Lund, der das 
Märchen vom Rumpelstilzchen in Perraults „Biquet ä la houppe“ wieder¬ 
erkennen will — wenn Sydow einige gewagte Namenzusainmenstellungen gibt, 
ja sogar Biquet im Namen Ecke Neckepenn und Knirrficker wiedererkennen 
will, so sei demgegenüber auf die mythische Grundlage des Motivs hingewiesen^ 
die ich in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1893 S. 383 erörtert habe. 

B. Ginet Pilsudzki in Krakau, der in deutscher Sprache über Almen- 
Viehzucht im Tatragebirge, in französischer über litauische Kreuze handelt, 
wird verschiedenen Idiomen gerecht. Auf französisch berichtet Delachaux 
über Johann Jakob Hauswirt!). einen volksmäßigen Silhouettenkünstler im 
Waadlande. Gauchat untersucht, ohne freilich zu vollbefriedigender Er¬ 
klärung zu kommen, das waadländische Wort patifott ( komische Person?) 
und prrmi (- Bettstroh): Mereior in Genf erzählt von dem dortigen Kinder¬ 
spiel des Seilspringens: Rossat in Basel teilt das Märchen von Aladdin in 
der Mundart des Jura bernois mit. Auf italienisch berichtet Corso aus liom 
über die „scapigliata“ d. b. den Brauch, daß der Freier sich seine Braut durch 
Abschneiden von Haar, Raub eines Kusses oder des Kopftuches vor der Kirche 
gegen den Willen der Eltern zu eigen gewinnt — eines der vielen Symbole der 
Besitzergreifung, die in der Raub- wie in der Kaufehe bezeugt sind. Leite de 
Vasconcell 0 8 in Lissabon teilt ein portugiesisches Volkslied mit, Decurtins 
eine rätoromanische Ballade: de Cock handelt in niederländischer Sprache 
über das weeroog (Gerstenkorn). 

Allgemeine Fragen der Volkskunde erörtert Was er in Zürich unter dem 
Titel „Volkskundo und griechisch-römisches Altertum“. Er würdigt die Arbeit 
klassischer Philologen zur Volkskunde und nennt vor Allem Dieterich, Usener, 
Wünsch. Diels, .Roscher u. a. (Skutscb wird nicht erwähnt); dann wird eine 
schematische Einteilung der volkskundlichen Arbeit gegeben: I. Sachliche 
Volkskunde (Urgeschichte, Wirtschaft, Haus, Tracht, Volkskunstbetrieb. Nahrung, 
Volksmusik und -tanze), II. Volksdichtung und Volksmund, Volkslied und -epik, 
Märchen und Sagen und Schauspiele, Sprüche und Rätsel usw., Volkswitz^ 
Formeln und Flüche usw., Onomatologisches, Volkssprache). Alle diese Gebiete 
werden in höchst lehrreicher Weise an der Hand der Antike durcbgesprochen, 
uud so ergibt sich in diesem wertvollsten Beitrage der Sammlung nicht nur 
eine kurze Übersicht über das bisher Geleistete, sondern auch manche Anregung. 

Allgemeinere Gebiete volkskundlicher Überlieferung ptlegen 
Bächtold, der über den Ritus der verhüllten Hände, namentlich iin Hochzeits- 


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brauche, handelt, und Fehrlc, der zu demselben Stoffe deutsche Beispiele 
bringt; Sartori bespricht die Zauberkraft gestohlener Gegenstände; Becker 
stellt Beispiele von Gebetsparodien aus dein jetzigen Kriege zusammen: 
Bert holet zeigt, daß gewisse jüdische Ackerbaubräuche des alten Testamentes 
vorjahwistisch seien: Helm spricht über Häufung von Zaubennitteln, besonders 
bei Amuletten und in Segensbriefen, Höhn über den Kropf im Volksglauben. 
John Meier behandelt das Volkslied „Ein Schifilein seh ich fahren“. 

Eine größere Zahl von Aufsätzen betrifft die schweizerische Volks¬ 
kunde: natürlich sind auch sie deswegen nicht minder wertvoll für die Volks¬ 
kunde überhaupt. Dübi gibt einen Beitrag zur Geschichte der schweizerischen 
Volkskunde; Wymann teilt eine Gersauer Karfreitagsprozession von 16% mit; 
Forcart-Bachofen bringt Soldatenlieder ans dem Ende des 18. Jahrhunderts, 
Bolte eine Versnovelle aus dem 15. Jahrhundert, Jörg Zobels Gedicht vom 
geäfften Ehemann; Pfarrer BusS erzählt persönliche Erlebnisse auf dem Ge¬ 
biete des Aberglaubens aus Glarus; Mathilde Eberle spricht vom Volksthcater 
in Oberwallis, Geiger über den Kiltgang und über die blaue Farbe bei Toten¬ 
bräuchen; Kessler über „das festliche Jahr in Wil“, Pult über „Volksbräuche 
und Volkswohlfahrt“, Rütimeycr über archaistische Gebräuche und Gerät¬ 
schaften im Kanton Wallis, Stäuber über Schatzgräberei im Kanton Zürich, 
Zindel-Kressig gibt volkskundliche Anekdoten aus dem Saargansserlarid, 
Greyerz gibt Dichtungen von Bendicht Gletting, einem Dichter des Berner 
Oberlandes aus dem 16. Jahrhundert, und andere Stücke; Zahler erzählt vom 
Lugitrittli, Lügengeschichten einer volkstümlichen Person im Simmental; 
Singer gibt alte schweizerische Sprichwörter; Brandstetter handelt von 
der Katze im Schwcizerdentschen und im Indochinesischen — die sonderbaren 
Parallelen sind interessant und im Hinblick auf manche Art volkskundlicher 
Arbeit nicht ohne humoristischen Beigeschmack. Siebs. 

Freud, Prof. Dr. Sigm. Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Iber Ver¬ 
gessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum). 5. vermehrte AufF 
Berlin, Karger 1917. 232 S. M. 6.— 

Der bekannte Verfasser spricht zunächst über Vergessen von Namen, 
Fremdwörtern usw. und zieht die sogenannte „Verdrängung“ hervor. Ihm fallt 
z. B. di*r Name Signorelli nicht ein, und er sagt statt dessen Botticelli oder auch 
Boltraffio: die Begriffe (Bo)snien, (Tra)foi, Herr und (Herzegowina, die ihm 
nahe lagen, dienten zur Verdrängung. Den nicht Eingeweihten wird derartiges 
kaum glaublich erscheinen, sondern gesucht und willkürlich. Selbstverständlich 
bleibt auch der Vermutung im einzelnen Falle weiter Spielraum; aber im 
Ganzen ist die Methodik der Erklärung höchst bedeutsam. Bei der Behandlung 
des Versprechens geht der Verfasser auf Meringers und Mayers Arbeiten ein: 
er bestreitet die alleinige Bedeutung der Wundtschen „Kontaktwirkung der 
Laute“ und will besonders dem Anlaute keinen entscheidenden Einlluß bei¬ 
messen. — Ich linde nicht hervorgehoben, wie das Versprechen, Stammeln und 
Stottern auch dem Redegewandtesten geschieht, wenn er ermüdet ist; auch 
wird die Tatsache, daß man sich selber unter dem Namen des Angere.detcn 
vorstellt, vielleicht ohne zwingenden Grund (S. 69) auf bestimmte Absichten 
zurnekgofllhrt: der Name dessen, dem man sich vorstellt, liegt einem irn Sinne r 


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so ist es mir auch schon geschehen, daß ich einen Brief mit dem Namen dessen 
unterzeichnet habe, an den er gerichtet war. — In einem besonderen Abschnitte 
wird ein für] die volkskundliche Forschung recht beachtenswerter Gedanke er¬ 
örtert: ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung und auch des Aber¬ 
glaubens ist nichts anderes als in die Außenwelt projizierte Psychologie. Wenn 
Jemand von einem Unternehmen absteht, weil er an der Schwelle seiner Tür 
gestolpert ist, so war ihm dies Stolpern der Beweis einer Gegenströmung in 
seinem Innern, deren Kraft ihn vom Handeln abzieben und den Erfolg schädigen 
konnte. Daher sagt Teil zu Geßler: r Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt ich 
Euch, Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, Und Euer — wahrlich — 
hätt' ich nicht gefehlt.“ — Der Glaube an prophetische Träume kann sich 
darauf stützen, daß vieles sich in der Zukunft so gestaltet, wie es der energische 
Wunsch im Traume vorgespiegelt hat. — Umgekehrt wird die Empfindung, daß 
wir ein Erlebnis schon einmal erlebt, eine Situation schon einmal mitgemacht 
hätten, dies aber durchaus nicht nachweiscn können, damit erklärt, daß wir bei 
diesem „Dejä vu u mit der Erinnerung an eine unbewußte Phantasie zu rechnen 
haben. Sollte nicht hier auch etwa die Aufnahme eines Erlebnisses in das Unter¬ 
bewußtsein eine Holle spielen, sowie wir uns eines in der Hypnose erfahrenen 
Erlebnisses später sehr wohl erinnern, es aber nicht feststellen können? Diese 
Bemerkung eines Laien in der Psychopathologie möge die Teilnahme an diesen 
beachtenswerten Forschungen bekunden. Siebs. 

Hohn, Dr. Erich, Del Spuk in Öls. Beiträge zur Metaphysik in Einzel-Dar¬ 
stellungen. Im Verein mit Fachleuten des In- und Auslandes heraus¬ 
gegeben von Dr. Erich Buhn. Breslau, S. Schott 1 ander, A. G. 1918. 47 S. 

M. 2,50. 

Der als Sachverständiger in einschlägigen Dingen bekannte und in 
okkultistischen Fragen wohl erfahrene Breslauer Rechtsanwalt nimmt hier einen 
von ihm aufgeklärten Spuk, der zu einem Prozeß geführt und viel von sich 
reden gemacht hatte, als Beispiel dafür, wie solcher Spuk — den es ja in allen 
Zeiten und Völkern gegeben hat — sich nur als Summe normaler Tatsachen er¬ 
weisen kann. Meist wird cs sich um beabsichtigten Unfug handeln, wie in 
diesem Falle. 

In der lieihe, die der Herausgeber eröffnet, sollen die verschiedensten 
„metaphysischen" Vorwürfe behandelt und damit dein dilettantischen Einllusse 
entzogen werden. An manchen von ihnen nimmt die Volkskunde eifrig Anteil. 

Siebs. 

Brutaler, J. W., Das Deutsche Volkslied. Uber Werden und Wo.cn des 
deutschen Volksgesanges. 5. Aull. „Aus Natur und Geisteswelt." 7. Bünd¬ 
chen. Leipzig, B. G. Tcubner. 1914. 137. S. M. 1,50. 

Brutaler, J. W., Die germanische Heldensage. Ebenda 48b. Bändchen. 1915. 
139 S. M. 1,50. 

Böckel, 0., Die deutsche Volkssage. 2. Aull. Ebenda 2b2 Bändchen. 1914. 
122 S. M. 1,50. 

Das hübsche Büchlein Bruinier’s über das deutsche Volkslied hat ver¬ 
dienten Erfolg gehabt. Die kurzen und treffenden Bemerkungen von Wüst 


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über Dynamik, Harmonik, Rhythmus und Tonmalerei des Volksliedes kommen 
dem Ganzen sehr zu Gute. Das Wosen des Volksliedes ist gut gezeichnet, 
ohne daß in kleinlicher Worterklärungslust versucht würde, die unbestimmbaren 
Grenzen gegenüber dem volkstümlichen Liede immer wieder festlegen zu 
wollen. Klarer Stil und hübsche Beispiele wirken erfreulich. Die geschicht¬ 
liche Entwicklung von den ältesten Zeiten an wird fesselnd geschildert, indem 
immer die Verbindung mit der Gegenwart aufrecht erhalten wird; übermäßiges 
gelehrtes Beiwerk ist geschickt vermieden. Vielleicht ließe sich erwägen, ob 
nicht das oft wiederkehrende germanische Fremdwort sknp für den alten Sänger 
zu vermeiden wäre; einbürgern wird sich diese Wortform schwerlich Ge¬ 
schichte, Zweck, Stimmungsgehalt, Stoff der verschiedenen Gattungen der 
Volkslieder werden übersichtlich behandelt: die Arten der Ballade, der Liebes¬ 
lieder, der Standeslieder, der Anteil des Schreibers und des Sängers kommen 
gut zum Ausdruck. Mit einem freudigen Blicke in die Zukunft schließt das 
hübsche Büchlein. Es ist so gut in sich abgerundet und geschlossen, daß der 
Verfasser wahrlich nicht nötig hätte, es nach Art minderwertiger Schriftsteller 
in eine Reihe von Punkten oder Gedankenstrichen ausklingen zu lassen. 

, i 

ln der Darstellung dos Volksliedes hat Bruinier öfters auf die Heldensage 
hingewiesen, und nun hat er ihr ein besonderes Büchlein gewidmet. Es beginnt 
mit einem Stück über Begriff und Entstehung der germanischen Heldensage. 
Freilich ließe sich gegen die da geäußerten Ansichten vieles Ginwenden: es ist 
durchaus nicht zu beweisen, „daß jede germanische Heldensage sich immer erst 
in einer germanischen Fremde voll entfaltet hat* 4 , und es ist mir höchst un¬ 
wahrscheinlich, daß das altenglische WidsiÖlied «das älteste Denkmal germa¬ 
nischer Dichtung in heimischer Sprache“ sei, und daß wir von einem «ursprüng¬ 
lich altsächsischen Hildcbrandsliede* 4 zu reden haben. Es ist fraglich, ob der¬ 
artige Vermutungen nicht lieber in fachmännischen Untersuchungen eiörtert 
und gestützt als in volkstümlichen Handbüchern als Tatsachen erwähnt werden 
sollten. Auch in den Einleitungen zu den einzelnen Sagen steht manches, was 
Zweifel erregt. Um so inehr stimmen wir der anregenden Weise zu, in der die 
Sagen von Wieland dem Schmied, den Hartungen (Tacitus scheint sie Alcis 
7 .u nennen, nicht Alci), Wolfdietrich, den Weisungen und Nibelungen, den Atne- 
lungen u. a. erzählt sind. 

In die deutsche Volks sage führt Otto Bö ekel ein. Er handelt zu¬ 
nächst! über ihren Begriff und Art: nach guter deutscher, aber nie nfolg- 
reicher Gepflogenheit wird eine Erklärung des Begriffes der Sage versucht; 
wichtiger und nützlicher ist uns die sich anschließende Gruppierung. Mythische 
Sagen, Sagen mit geschichtlichem Hintergrund, Natursagen, Zauber- und 
Schatzsagen werden geschieden. Sodann wird eine Reihe von bezeichnenden 
Zügen der Sage hervorgehoben: die Auffassung des Familienlebens, der Wohl¬ 
tätigkeit, der Treue, des Rechts. Die nach örtlicher Ordnung gegebene aller¬ 
wichtigste Literatur und eine Aufforderung zur Mitarbeit beschließen das mit 
warmer Empfindung geschriebene Bächlein. Ein kleines Sachregister erleichtert 
die Benutzung: leider fehlt ein solches den von Bruinier herausgegebenen 
Bändchen. Siebs. 


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Petsch, Robert, das deutsche Volksrätsel (= Trübners Bibliothek 6. Grund¬ 
riß der deutschen Volkskunde, herausgegeben von John Meier. Bd. 1). 
Straßburg, K. J. Trftbner, 1917. V -f- 88 S. 2,25 M. 

Schon 1899 hat R. Petsch mit seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit, 
den Netten Beiträgen zur Kenntnis <fes Volksrätsels (Berlin, Palästra, Bd. 4; 
vgl. meine Anzeige im Areh. f. <1. Stud. d. netteren Sprachen tt. Lit . 104, S. 379 ff.) 
eine ausgezeichnete Leistung zur Förderung unserer Erkenntnis auf diesem 
schwierigen und viel verschlungenem Gebiete dargeboten. In dieser galt cs 
ihm hauptsächlich, eine stilistische Beschreibung und den Versuch einer zweck¬ 
mäßigen Einleitung des Volksrätsels vorzulegen. Seitdem hat er in weiteren 
kleineren Arbeiten eine Reihe von Einzelfragen erörtert, z. B. 1899 noch in der 
Netten philologischen Bundschatt , Heft 8 und 9, das schottische Volksrätsel 
behandelt und 1916 in seinen BütselStudien in Paul und Braunes Beitrügen 41 
und in der Zeitsehr. d. Vereins f. Volkskunde 16 verschiedene alte deutsche 
Rätsel untersucht. 

In der hier vorliegenden Schrift kommt es ihm darauf an, einen geschicht¬ 
lich begründeten Überblick über die Arten und Formen des heute bei uns 
lebenden Volksrätsels zu geben, und wenn auch infolge schwieriger, durch den 
Krieg verursachter Umstände, über die er sich im Vorwort ausspiicht, nicht 
eine vollständige Benutzung und Verarbeitung der gesamten Literatur und 
seiner eigenen Vorstudien durchgeführt werden konnte, so ist doch sein Buch 
als eine wertvolle, ja grundlegende Einführung in dieses Sondergebiet dankbar 
zu begrüßen. 

Er beginnt mit einer Untersuchung über „Das Wesen des Rätsels und 
seiner Vorstufen und handelt darin über die Geschichte, den Begriff und die 
Bedeutung des Wortes „Rätsel*, über Weisheitsproben, unwirkliche Rätsel, 
Rätselmärchen und die Salomosage, zu der noch, namentlich wegen der 
wichtigen Literaturangaben, die Ausgabe des Salmno et Marcolfns von Walter 
Benary (Heidelberg 1914) in A. Hilkas Sammlung mittel tateiniseher Texte 
heranzuziehen gewesen wäre. Weiter folgt die „Geschichte des Rätsels, be¬ 
sonders in Deutschland“; in ihr verfolgt er die Gattung in ihren Haupttypen 
von der ältesten Zeit und den einfachsten Formen an, nimmt auch auf den 
Inhalt Bedacht und sucht der Entstehung des Volksrätsels näher zu kommen, 
indem er das Rätsel vom Vogel Federlos, das er schon in Paul und Braunes 
Beitrügen 41 ausführlich besprochen hatte, als Beispiel für die Entwicklung 
genauer erörtert. Inhaltlich kommen insbesondere Gedächtnisfragen, Scharf¬ 
sinusproben und Kenningar in Betracht; auf den engen Zusammenhang der 
deutschen und lateinischen Rätseldichtung wird nachdrücklich hingewiesen. 
Eine wichtige und eigenartige Rolle spielen auch das Traugemundslied, die 
Rätsel-, Wett- und Kranzlieder. — Das Kapitel über „die älteren gedruckten 
Sammlungen deutscher Rätsel* 4 legt die Wurzeln für einen künftigen, von Petsch 
selbst in Aussicht gestellten Stammbaum der deutschen Rätselbücher frei. Die 
recht reichliche Fülle der älteren Denkmäler dieser Art gliedert sich um zwei 
Kerngruppen: Die früheste ist das sogenannte „Straßburger Rätselbuch“ von 
1505, die jüngere eine Bearbeitung davon, ein „neu verwahrtes Ratbüchlein“ 
von 1678. Weitere wichtige alte Rätselbfuber sind im Anhänge verzeichnet. 


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27 « 


— Darnach folgt in engem Anschlüsse an die vorausgehende „Geschichte des 
Rätsels“ ein „Überblick über die Formen unserer Volksrätscl“, der sich mehr¬ 
fach mit den Ausführungen in den Neuen Beiträgen berührt, aber auch über 
sie hinausgeht. — Sehr schätzenswert ist dann noch der „Bibliographische 
Anhang“, der eine gut ausgewählte Übersicht über die wichtigste Rätsel¬ 
literatur bringt. 

Mit seinen vielseitigen und kenntnisreichen Ausführungen reiht sich diese 
Schrift würdig den früheren Arbeiten des Verfassers an und bedeutet zugleich 
einen erfreulichen Fortschritt in der Rätselforschung. — Schließlich sei noch 
um einiger bibliographischer Nachträge willen auf die Anzeige Karl Reuschels 
in der Deutschen Literaturxeitung 1917, Sp. 1038 ff. hingewiesen. H. Jantzen. 

Mogk, Prof. Dr. Eugen, Deutsche Heldensage. Deutschkundliche Bücherei. 
Leipzig, Quelle und Meyer 1917, 48 S. M. 0,60. 

BÖckel, Otto, Das deutsche Volkslied. Ebenda 1917, 103 S. 0,80 M. 

Auch hier werden die germanischen Heldensagen erzählt. Wenn es über¬ 
haupt möglich und nützlich ist, den Stoff in solcher Kürze darzustellen, so ist 
es hier von Mogk geschehen. Der Name des Verfassers bürgt für die Zuver¬ 
lässigkeit des Gebotenen. Das Gleiche gilt von Böckels Behandlung des deutschen 
Volksliedes. Bei der kurzen Form, und da der Verfasser uns ja vielfach an 
anderen Orten mit seinen Ansichten vertraut gemacht hat, dürfen wir neue 
Gesichtspunkte nicht erwarten: Werden und Wesen des Volksliedes werden 
behandelt, die Arten der Volkslieder und die Gelegenheiten ihrer Verwendung. 

Siebs. 

, Fehrle, Eugen, Deutsche Feste und Volksbräuche Aus Natur und Geistes¬ 
welt, 518. Bdch.). Mit 30 Abbildungen. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 
1916. 107 S. 

Das Büchlein will eine volkstümliche, nicht für Forscher, sondern für 
recht weite Kreise bestimmte Übersicht über Art und Sinn unserer Feste und 
Bräuche geben. Diesen Zweck erfüllt es in durchaus brauchbarer Weise, und 
darum ist es freundlich willkommen zu heißen. Denn es kann nie genug ge¬ 
schehen, gerade unsere „Gebildeten“ über diese Teile unserer heimatlichen 
Überlieferungen möglichst gründlich und vielseitig aufzuklären; sind doch 
leider noch immer allzuviele geneigt, ebenso wie sie die Sprache des Volkes, 
die Mundart, einfach für falsch und entstellt halten, auch jene ohnehin nur 
noch dürftigen Reste ursprünglichen Volkslebens, die sich in Sitte und Brauch, 
namentlich bei festlichen Gelegenheiten, erhalten haben, zu belächeln, wo nicht 
gar zu verachten und — polizeilich verbieten zu lassen. 

Verfasser bespricht im ersten Teile des Buches die Jahresfeste voift 
Martinstage an über Weihnachten, Neujahr, Dreikönige, die Frühlings-, Oster¬ 
und Pfingstfeiern bis zu den Sommer- und Herbstfesten, die mit dem Erntefest 
und der Kirchweih schließen. Der zweite Teil behandelt die wichtigsten 
Volksbräuche im Anschluß an den Lauf des Menschenlebens: Geburt und Taufe, 
Krankheiten, Jugend, Liebe, Hochzeit und Tod. Vollständigkeit ist selbst¬ 
verständlich bei dem knappen Raume auch nicht annähernd angestrebt, wohl 
aber ist es dem Verfasser gelungen, die bezeichnendsten Züge herauszuheben. 

Mitteilungen d. Schles. Gei. f. Vkde. Bd. XIX. Iß 


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274 


Überall ist, wenigstens in kurzen Andeutungen, auch der Versuch gemacht, 
neben der Beschreibung des einzelnen durch geschichtliche und vergleichende 
Betrachtungen auf die Grundgedanken, den Sinn und die ursprüngliche Be¬ 
deutung der besprochenen Erscheinungen einzugehn. Hier und da sind auch 
kleine Proben von Volksdichtung eingestreut. — Die Abbildungen sind nur zum 
Teil als gelungen zu bezeichnen. Das Literaturverzeichnis beschränkt sich anf 
knapp l 1 ., Seiten und hätte wohl ein wenig ausführlicher ausfallcn können. 

.* H. Jantzen. 

LaufTer, Otto. Niederdeutsche Volkskunde (=*» Wissenschaft und Bildung, 140. Bd.) 
' Leigzig, Quelle und Mayer, 1917. 136'S. 1,25 M. 

Dieses Büchlein bietet, da es sich auf ein eng begrenztes Gebiet beschränkt, 
inhaltlich mehr und geht gründlicher in die Tiefe als das vorgenannte von Fehrle. 
Der Titel ist insofern nicht ganz zutreffend, als es keineswegs das gesamte 
niederdeutsche Sprachgebiet behandelt, sondern ausschließlich das nieder¬ 
sächsische. Der Bereich der Niederfranken nämlich und insbesondere fast 
ganz Ost-Niederdeutschland bleibt außerhalb der Betrachtung. Die Dar¬ 
stellung ist durchaus allgemeinverständlich, bietet aber auch dem Forscher 
manches Bemerkenswerte. Denn Lauffer hat nicht nur landläufige Literatur 
benutzt, sondern vieles aus eigenen Sammlungen und Beobachtungen beigebracht 
und außerdem eine Reihe von Quellen herangezogen, die bisher in der volks¬ 
kundlichen Forschung nicht eben sehr beachtet wurden, wie die Pommersche 
Chronik des Thomas Kantzow aus dem 16. Jahrhundert, die Gedichte des alten 
Johann Heinrich Voß und die Schriften Ernst Moritz Arndts. 

Die Arbeit beginnt mit einer allgemeinen Übersicht über „Niederdeutsche 
Stammeskunde und Stammesveranlagung“, die geschichtliche und psychologische 
Tatsachen bringt. Ein weiterer Abschnitt behandelt „Die äußeren Lebensformen 
des Niederdeutschen Volkstums“ und verbreitet sich eingehend über Siedlungs¬ 
und Hausformen und über die Tracht. Es folgen dann recht gute Ausführungen 
über die Sprache und die volkstümliche Dichtung, über Volksglauben und 
volkstümliche Sitte. Diese Abschnitte sind trotz der durch den beschränkten 
Raum bedingten Knappheit sehr reichhaltig und bringen eine verhältnismäßig 
stattliche Fülle von Proben und Belegen. 

Zwanzig meist wohlgelungene Abbildungen veranschaulichen gut die 
wichtigsten Grundformen des niederdeutschen Dorfes, des Hauses und der 
Wohnräume und geben eine hinreichende Vorstellung von der Mannigfaltigkeit 
der Trachten. Sehr lehrreich ist auch eine Karte, welche die Abweichung der 
altsächsischen Hausgrenze von der niederdeutschen und niedersächsischen 
Sprachgrenze darstellt. 

Dieses Buch verdient ebenso wie das Fehries weite Verbreitung und 
namentlich Eingang in die Büchereien unserer Schulen und Lehrerbildungs¬ 
anstalten. H. Jantzen. 

Meier, John, Das deutsche Soldatenlied im Felde. Trübners Bibliothek 4. 
Straßburg 1916. 76 S. M. 1,25. 

« Meier, John, Volksliedstudien. Trübners Bibliothek 8. Straßburg 1917. 

246 S, M. 5,75. 


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Bächtold, Hans, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube. Trübncrs 
Bibliothek 7. Straßburg 1917. IV, 48 S. M. 1,50. 

Mausser, Otto, Deutsche Soldatensprache. Trfibners Bibliothek 9. Straßburg 
1917. VIII, 132 S. M. 3- 

Die Arbeit Meiers über das Soldatenlied ist die erweiterte Gestalt eines 
Vortrages: die bisherigen Ergebnisse der ins Feld gesandten Fragebogen sind 
hierzu verwertet worden. Es werden die Fragen erörtert: weshalb singt der 
Soldat, was und wann singt er? Der Gesang fördert den Rhythmus des Marsches, 
er belebt die Stimmung, auch ist er vielfach Arbeitslied und erhöht die Lustig¬ 
keit bei Feiern: in höchstem Maße ist er von der Stimmung abhängig. Ge¬ 
sungen werden allgemein beliebte Volkslieder, sogenannte volkstümliche Lieder, 
aber auch religiöse Lieder und vor allem Vaterlandslieder. Für alles dies 
werden Beispiele gegeben. Auch der Anteil der Standeslicder und die Eigenart 
der Stämme, die sich im Soldatenliede kundgibt, wird besprochen. Zum Schlüsse 
wird über die Veränderung der Melodien beim Marschgesang und über das 
Zusammenwachsen mehrerer Lieder gesprochen; natürlich spielt hierbei „Der 
gute Kamerad 4 * eine besondere Rolle: unaufgeklärt bleibt, im Gegensätze zum 
Hesekiel’schen „Gloria Viktoria“, die Herkunft der Worte „Die Vöglein im 
Walde usw.“, deren Melodie um 1850 von dem poetischen Pastor lvnak ge¬ 
schaffen sein soll. — Das Heft unterrichtet sehr gut über die einschlägigen 
Fragen. Zu den fremden Bestandteilen der Soldatenlieder sei jetzt auf Hermann 
Tardels Aufsatz (Neuere Sprachen 25,285 ff.) verwiesen. 

Das gleiche Urteil gilt auch von den Volksliedstudien, ln vier Aufsätzen, 
von denen uns eiuer (Es ging einst ein verliebtes Paar) bereits bekannt ist, 
werden in methodischer Weise Lebenserscheinungen und Entwicklungsvorgänge 
der volksläuligen Lieder an Beispielen aufgezeigt: Stehe ich am eisernen Gitter; 
die Lieder auf Karl Ludwig Sand, den Mörder Kotzebues; die Lieder auf Hecker, 
die namentlich im badischen Oberlande und weiterhin in ganz Süddeutschland 
verbreitet worden und sogar ins Kinderlied übergegangen sind. Näher auf 
die Ergebnisse Meiers einzugehen, hieße seine Arbeit wiederholen; ein Abriß 
von ihr läßt sich nicht geben. — Sehr richtig bemerkt Meier in der Vorrede, daß 
es „nicht den geringsten Zweck hat, . . . die alten Fragen zu erörtern“ (nämlich 
nach Begriff und Wesen des Volksliedes): nur die Entwicklung vieler Lieder 
kann uns hier belehren. Und gerade auch Meier als trefflichem Kenner danken 
wir, daß wir über die Methodik der Volksliedarbeit und die Grundsätze der 
Entwicklung der Liedertexte jetzt genügend unterrichtet sind und wenig mehr 
hinzuzulernen haben. 

Mit Aberglaube und Brauch des Soldaten beschäftigt sich der Schweizer 
Bächtold. Wahrsagung und Vorzeichen, Schutzmittel und Schießzauber bilden 
die sich leicht ergebende Einteilung für den auf der Verbandstagung gehaltenen 
Vortrag. Eine nützliche Literaturzusammenstellung beschließt das Heftchen. 
Einen größeren Vortrag über die gleiche Sache, der vor dem Erscheinen dieser 
Arbeit druckfertig war, bringen wir demnächst. 

Eine sehr dankenswerte Leistung zur Volkskunde des Soldatenlebens bietet 
die „Deutsche Soldatensprache“ von Mausser, ebenfalls die Erweiterung 
eines Vortrages und veröffentlicht, um die Teilnahme an der Sammlung des 

18* 


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Soldatischen zu heben. Wie sich das Militär aus Angehörigen der verschiedenste*! 
Stande zusammen setzt, so sind auch die ihm eigenen Ausdrücke (und darum 
handelt es sich ja bei der Soldatensprache) aus den verschiedensten Kreisen 
und Gegenden entnommen. Dieser Beurteilung der Herkunft wird die Arbeit 
im erstell Abschnitt gerecht, mehr als die seinerzeit höchst verdienstliche 
Sammlung Horns. Im zweiten Teile werden Sammlungen mitgeteilt, die nach 
einzelnen Gebieten soldatischer Lebensäußerungen geschickt geordnet sind 
(Befehl, Tadel, Strafen usw ; Lazarett, Krankheiten usw.; Waffen usw.) Schließlich 
werden die Aufgaben der soldatensprachlichen Forschung kurz zusammengefaßt, 
und dabei wird auch erwähnt, daß ein Vergleich fremder Soldatensprachen 
lehrreich sein würde. Die^ geschickte Arbeit von Maußer ist ein vorläufiger 
dankenswerter Beitrag zum deutschen Wörterbuche. — Sehr störend war uns die 
gerade auf diesem Gebiet unerfreuliche Häufung ganz überflüssiger Fremdwörter; 
man braucht kein verwegener Sprachrciniger zu sein, um sie in solcher Fülle 
unangenehm zu empfinden. Siebs. 

Limis of Menar und Hoerschelniaiiii, Märchen und Sagen der Baltischen 
Provinzen. Die Baltischen Provinzen. Band 5. Berlin-Charlottenburg r 
Felix Lehmann. 1916. XVIII, 172 S. M. 3.- 

Eine reiche und wohl geordnete Sagensammlung, die begreiflicherweise 
jetzt besondere Teilnahuie weckt, wo die Frage nach den Beziehungen der 
baltischen Provinzen zu Deutschland viel erörtert wird. Wir haben in jenen 
Landen mit drei verschiedenen Stämmen zu rechnen: den Deutschen, die uns. 
dort zuerst um 1200 begegnen; den uns durch kulturgeschichtliche Verwandt¬ 
schaft verbundenen Litoslawen, von denen hier besonders die Letten in Betracht 
kommen; den uns ganz fern stehenden finnisch-esthnischen Bewohnern. Daß zu 
Tacitus Zeit # und wohl noch bis ins dritte Jahrhundert gotische Völker dort 
saßen, kommt für uns hier nicht in Betracht. Zunächst werden Grüuduugs- 
sagen zusammengcstellt: Riga, Dorpat, Reval u. a. Städte sind berücksichtigt. 
Viel Originelles erscheint da nicht. Eine Menge von sonstigen Ortssagen 
schließt sich an, auch schwedische Quellen sind berücksichtigt. Sagen, die mit 
dem Seelenglauben in Verbindung stehen (SeelenWanderung, Werwolf), Riesen- r 
Schatz- und Teufelssagen folgen: Stücke epischer Dichtung der Finnen (von 
dem Sohne des Kalew, dem Kalewipoeg), Märchen und Schwänke bilden den 
Abschluß. — Auch in den nichtgermanischen Stücken wird man manchen Zug 
finden, der in deutschen Sagen wiederkehrt. Siebs. 

Teutsch, F., Die Siebenbürger Sachsen in Vergangenheit und Gegenwart. 
Schriften zur Erforschung des Deutschtums im Ausland. I. Leipzig, 
K. F. Koehlcr. 1916. XIII, 3ö0 S. 

Stciinor, Friedrich, Die Beamten der Stadt Brassd (Kronstadt) von Anfang der 
städtischen Verwaltung bis auf die Gegenwart. Brassd 1916. 166 S. 

Der allgemein verehrte treffliche Bischof Teutsch bietet uns eine dankens¬ 
werte Geschichte der ältesten, heute noch blühenden deutschen Siedlung, des- 
Landes der Siebenbürger Sachsen. Kein anderer kennt besser als er dies sein 
Volk und seine Geschichte. Um 1141 unter Geisa II., der deutsche Bauern 
herbeirief, hat die Besiedlung begonnen. Diese Frühzeit wird ziemlich kur/. 


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*tbgetau. Viel Kaum aber ist der religiösen Entwicklung gewidmet: Reformation 
und Gegenreformation werden ausführlich dargestellt; der Hauptteil gilt 
der Schilderung des 18. und 19. Jahrhunderts. Für die Volkskunde ist das 
Buch nicht sehr ergiebig: erst die letzten Abschnitte, die die Sachsen als 
Volksindividualität und ihr Erbe besprechen, gehen gelegentlich auf Herkunft aus 
Franken und auf Mischung mit Magyaren und Rumänen ein, auf wirtschaft¬ 
liche Organisationen, auf Leistungen in Wissenschaft und Kunst; hübsche 
volkstümliche Skizzen von der Wirkung des Kriegsausbruchs PH4 beschließen 
das Buch. 

Stenners Zusammenstellung hat eigentlich nur rein ortsgeschichtliches 
Interesse für die Stadt Brass«» (Kronstadt); für ihre Entwicklung und Organisation 
ist es beachtenswert. 

ftitsclike, Richard, Geschichte des Dorfes Proschlitz Kreis Kreuzburg O.S. Mit 
5 Bildern und Karte. Breslau 1918. X, 131 S. Nicht im Handel. 

Es ist ein Verdienst des Herrn Rudolf von Watzdorf, Rittergutsbesitzers 
auf Proschlitz, die Herstellung und die prächtige Ausstattung dieser Orts¬ 
geschichte veranlaßt zu haben. Die Geschichte beginnt erst mit dem 14. Jahr¬ 
hundert; aber auch auf die vorgeschichtliche und die slavische Zeit und die 
-deutsche Einwanderung in Schlesien ist ein Streiflicht geworfen. Die orts¬ 
geschichtlichen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen Verhältnisse von den 
ältesten historischen Nachrichten über Proschlitz bis auf den heutigen Tag 
werden behandelt, und so wird die Arbeit, namentlich in Verbindung mit 
anderen Darstellungen ähnlicher Art, für die Kulturgeschichte und die Volks¬ 
kunde beachtenswert. 

Mauz, Gustav, 100 Jahre Berliner Humor. Mit zahlreichen Bildern Berlin 
Verlag Dr. Eysler &. Co., 1916. 272 S. 3,50 M. 

Eine hübsche, von kundigster Seite gebotene Auswahl des eigenartigen 
Humors, wie er den Berliner kennzeichnet. Seine Art ist gauz besonders in dem 
-ersten Abschnitte ,Da haben sie den Berliner 4 geschildert. Den zweiten Teil 
nimmt die erste Hälfte des Jahrhunderts, bis zur Revolution, ein: Berliner Originale 
jener Tage ziehen an uns vorüber, wir hören vom Stralauer Fischzug, von 
Droschkenkutschern u. a m. Sodann wird die Zeit bis zum neuen Reich vor¬ 
genommen: der Kladderadatsch spielt eine Rolle, wir lernen Helmerding, Döring, 
Beckmann kennen, und die berühmten Gestalten des Schusterjungen und des 
Eckenstehers treten auf. lut letzen Abschnitt „Berlin wird Weltstadt - werden 
wir bis auf die Gegenwart geführt; Stettenheim und Stinde kommen 
zu Worte, und Fontane, Trojan, Seidel u. a. sind nicht vergessen. Die Aus¬ 
stattung mit hübschen Bildern ist sehr gelungen. Ein Literaturverzeichnis 
beschließt das Buch; für eine Neuauflage der zu empfehlenden Sammlung wäre 
ein Namensregister wünschenswert. —e — 

Eckart, Rudolf, Der Wchrstand im Volksmund. Eine Sammlung von Sprich¬ 
wort ent, Volksliedern, Kinderreimen und Inschriften an deutschen Waffen 
Gund escliützcn. München, Militärische Verlagsanstalt, 1917. 121 S. 

Dieses Büchlein ist zunächst für Soldaten und die breiten Massen des 
Volkes bestimmt und soll dann auch ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte 


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sein. Dem zuerst genannten Zwecke genügt es völlig, denn es gibt eine zwar 
kleine, aber nicht übel gelungene Auswahl aus deui reichen Schatze unseres 
Soldatenliedes, der zu allen Zeiten im Volke lebte und noch lebt, dann eine 
Auslese von Kinderreimen, in denen Krieg und Soldaten eine Rolle spielen, 
desgleichen eine Sammlung von Sprichwörtern, unter denen sich aber auch 
andere Äußerungen, z. B. von Bismarck und Wellington, sowie Verse von Schiller 
und Arndt finden. Den Schluß bildet eine Zusammenstellung von deutschen 
Waffen- und Geschützinschriften, bei denen freilich auch ein paar Italiener 
mit untergelaufen sind. Sehr reich ist dabei Niederdeutschland, insbesondere 
Bremen bedacht, drei Beispiele stammen auch aus Breslau. 

Für wissenschaftliche Zwecke ist das Bändchen nicht bestimmt und kommt 
dafür auch nicht in Betracht, aber zur Unterhaltung und ersten Belehrung ist 
es wohl geeignet, zumal es mit einer ganzen Reihe guter Bilder nach den 
trefflichen Holzschnitten von Jost Ammann (von 1573) geschmückt ist. Die 
mitgeteilten Lieder und Inschriften stammen sämtlich aus der Vergangenheit, 
die Gegenwart ist nicht berücksichtigt. H. Jantzen. 

Dossier, Hans, Der Försehter-Hons. Eine Liebesgeschichte in schlesischer 
Mundart. Breslau, S. Schottlaender A.-G. 1917. 86 S. M. 1,50. 

Eine Liebesgeschichte vom Dorfe: der arme Försterbursche liebt sie, sie 
soll aber einen Anderen, Wohlhabenden heiraten: der Dorf klatsch kommt dazu; 
der Krieg bricht aus: als der Försterbursche aus dem Felde kommt, hat sie 
doch den anderen geheiratet. So etwas gefällt dem Gcschmacke des Volkes. — 
Es sind ganz nette Verse, die im allgemeinen glatt fließen; freilich könnten 
sie ebenso gut, ja besser in der Schriftsprache als in schlesischer Mundart 
geschaffen sein: viele scheinen geradezu in sic umgesetzt. Manchmal ist die 
Sprache mundartlich unmöglich: so heißt es S. 14: 

doo tritt er ei im Finstern 
a Karle ei a Waig. 

„ei iui Finstern“ (für oim Finstern) gibt es nirgends, und Waig spricht man 
nicht dort, wohin sonst die Mundart des Verfassers weist. S. 19 „a gilt wo&s 
bei n a Leuta“, breta mit dem Infinitiv sind meines Wissens nicht die übliche 
Ausdrucksweise; vor allem aber sind ü-Formen wie hücher (statt hicher „höher“), 
küssa, Geprüll usw. ganz undenkbar. — Es wäre wirklich erfreulich, wenn die 
sogenannte Schlesische Mundartendichtung sich nicht mit der üblichen Be¬ 
wunderung seitens der Stammtische oder anspruchsloser Käseblättchen begnügen, 
sondern ihre Sache ein bischen ernster nehmen wollte; sehr empfehlenswert 
wäre für solche guten Absichten, sich einmal die Urteile in Kurt Wagners neuem 
Buche „Schlesiens mundartliche Dichtung von Holtei bis auf die Gegenwart“ 
anzusehen. —e— 

Der gemütliche Sehlüsinger. Kalender für 1918* Schweidnitz, L. Heege 
1918. M. 0,60 

Der wohl eingebürgerte» von Hermann Bauch lierausgegebeno Kalender gibt 
auch für das kommende Jahr — nächst seinem notwendigen Rüstzeug — eine 
ganze Reihe von literarischen Beiträgen. Unter ihnen nehmen auch jetzt 
wieder diejenigen die erste Stelle ein, die Kriegsereignisse behandeln. Ab- 


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gesehen von einem kurzen Christkindelspiel, wie es ähnlich schon an anderen 
Stellen öfters erschienen ist, und kurzen Bemerkungen über schlesische Spitzen 
ist das Volkskundliche diesmal leider bei Seite geblieben. Denn, was da von 
Rübezahl gesagt wird, das haben wir schon bei Besprechung des letzten Jahr¬ 
ganges als ganz unvolksmäßig bezeichnet, und von so manchem, was in an¬ 
geblich schlesische Mundart umgesetzt erscheint, gilt das gleiche. So steht — 
auch wenn wir einige Beiträge von Barsch, Klings, Lichter, Keller, Honig u. a. 
gern anerkennen wollen — der gemittliche Schläsinger nicht auf dem gleichen 
Boden wie dereinst. Wenn etwa die Käufer anderer Ansicht sein sollten, so 
bedeutet das nichts: ein solcher Volkskalender könnte eine Pflicht darin sehen, 
das Urteil und den Geschmack weiterer Kreise heranzubilden. — e— 


Mitteilungen. 


Volkskunde und Jungdeutschland. 

Volkskunde und Heimatkunde streben auf verschiedenen Wogen den¬ 
selben Zielen zu: die Kenntnis der engeren Heimat zu wecken und zu fördern,, 
das erhaltene alte Gut zu sammeln und zu erforschen, das Lebenswerte liebe¬ 
voll zu pflegen und dem Leben zu erhalten. Mit der vor 20 Jahren einsetzenden 
starken Bewegung für die Pflege des Heimatssinnes zog die Heimatkunde auch 
in die Schulen ein, und ihr tatkräftiger Förderer Oonwentz wies darauf hin, 
wie neben den Lehraustlügen vor allem die Schulwanderungen in den Dienst 
der Sache gestellt werden könnten, um ein heimatkundiges und heimatfrohes 
Geschlecht zu erziehen. Die Pflege des Wandenis übernehmen neben den Ver¬ 
anstaltungen der Schule alsbald die unter dem Banner Juugdeutschlands 
zusanuncngcschlossenen Vereinigungen, und war es zunächst ihr Zweck, die 
heranwachsende Jugend zu körperlich tüchtigen Menschen zn machen, so 
brachte das Schweifen durch Wald und Flur bei besonnener und unterrichteter 
Führung ganz von seihst auch eine innigere Kenntnis der Heimat mit sich. Neben 
einem stärkeren Xaturempfinden erwachte auch Teilnahme und Verständnis für 
die geschichtlichen, vorgeschichtlichen und Naturdenkmäler, für die mannigfache 
Gemeinschaft der Lebewesen, für die mit der Natur verwachsenen Siedelungen 
der Menschen, ihre Sitten und Bräuche, ihre Sagen und Lieder. Damit aber 
hielt auch die Volkskunde ihren Einzug ins Schullehen, nicht als tote Wissen¬ 
schaft und neues Lehrfach, sondern als Gegenstand angeregter Beobachtung 
und freier, lebendiger Betätigung. In wie schöner Weise dies geschieht, davon 
zeugten zwei von den fünf Vorträgen, welche der Jungdeutschland-Mädchenbund 
im Mai als ,, Führerinnenlehrgang* veranstaltete; sie behandelten die 
deutschen Volkstänze und das deutsche Volkslied. Fräulein Heisler 
schilderte die hervorra gende Bedeutung des Tanzes im Volksleben und brachte 


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dann mit ihren Schülerinnen den Inhalt ihrer Hede zu wirkungsvoller An¬ 
schauung durch eine Reihe schöner Volkstänze. Die Darstellung begann mit 
einigen jener schlichten und anmutigen Kinderreigen t„mach auf das Tor, mach 
auf das Tor** — Wagenschieben — „mit den Händchen klapp . . .“), die leider 
heute fast völlig verschwunden sind, und stieg allmählich zu den Tanzspielen 
und Volkstänzen auf. Besonders anzuerkennen war, daß die prächtigen Tänze 
aus der Kiesewälder und Obcrdieckschen Spinnstube vorgeführt wurden: der 
Fuhrmanns-, Trampel- und Würgewalzer, Samtmanchester, Kuckuckstanz, „Herr 
Schmidt“, Besentanz u. a. Die Bedeutung des Volksliedes schildertt* Prof. 
Dr. Olbrich. Er ging davon aus, daß das Volkslied infolge der neuzeitlichen 
Daseinsbcdingungen trotz aller Wiederbelebungsversuche im Volks- und Schul¬ 
leben nicht die Holle spiele, die ihm gebühre und die es gewinnen müßte, soll 
unseres Volkes Innenleben nicht völlig verarmen. Berufen dazu aber seien 
gewiß die wauder- und sangeslustigen Scharen Jungdeutschlands, besonders in¬ 
folge der stärkeren Gemütstiefe und musikalischen Empfindungsvermögens der 
Mädchenbund Unter steten Hinweisen auf die entsprechende Literatur zeigte 
der Redner dann, wie man das echte Volkslied von Nachahmungen unterscheiden 
und aus dem reichen Schatze unserer Volksliedersammlungen manch köstliches 
Gut gewinnen könne. Der lebendigen Erweckung des Volksliedes im gemeinschaft¬ 
lichen Gesänge galt der zweite Teil des Vortrages. Im engen Anschluß an das 
Vorbild des Volkes wurde die rechte Art, ein Volkslied zu singen, nachgewiesen. 
Der Vortragende bekämpfte hier vor allem die übliche Gebundenheit an Noten 
und Text, die angebliche Notwendigkeit eines Dirigenten und einer Begleitung, 
das gedankenlose Singen nur um des Singens willen und zeigte, wie das Volks¬ 
lied, zur rechten Zeit, am rechten Orte gesungen, Innen- und Außenleben 
harmonisch einend, sein reinstes und höchstes Leben gewinnt. Mit einem Hinweis 
auf den ewig frischen Born des Volksgesanges als Quelle innerer deutscher 
Gesundung, neuer Lebensfreude und Lebenskraft schloß der Vortragende. Die 
musikalischen Erläuterungen zu dem Vorgetragenen gab Herr Organist Lange 
mit dem Sängerinnenchor der Viktoriaschule. Die Gegenüberstellung echter 
Volkslieder und volksläutiger Lieder und Lieder im Volkstone, echter Volks¬ 
weisen und späterer Vertonungen desselben Textes ließ so recht hervortreten, 
welche Schätze an Gemüt und Schönheit das Volk in seinen Liedern besitzt. — 
Der Vortragende und Herr Provinzialschulrat Jantzen wiesen auf die Be¬ 
strebungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde hin und regten zur 
Mitarbeit an; zehn Mitglieder traten der Gesellschaft bei, auch die von dem 
Verbände herausgegebenen „Alten und neuen Lieder* wurden stark begehrt. 

Mit den Führerinnen dringt die Pflege des Heimischen hinaus zu Tausenden 
derer, die die Zukunft und Hoffnung unseres Volkes bilden. Möge es in ihnen 
die echte Liebe zur Heimat entzünden und sie vor all dem häßlichen und un¬ 
gesunden Fremden bewahren, das vor dem Weltkriege unser deutsches Empfinden 
überwucherte und erstickte. — ch. 


Am Freitag den 9. Februar 1917 hielt der Professor der Musik¬ 
wissenschaft Dr. Max Schneider, einen Vortrag über „da» Wesen volks¬ 
tümlicher Musik.“ 


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In der Volksliedforschung, dem gepflegtesten Gebiete des Studiums der 
Volksmusik, ist bisher dem Worte mehr Arbeit gegönnt worden als der Weise^ 
Es mag mit daher kommen, daß die Musikforschung erst eine junge Wissenschaft ist: 
aber auch daher, daß wir kaum jemand haben, der zugleich Literaturhistoriker und 
Musiker ist. Was unter Volksmusik fällt, ist schwer zu bestimmen. Ganz abgesehen 
von der unnützen Definition dieses Begriffes, bei der so wenig herauskommt wie 
bei der viel umstrittenen Deutung des Wortes Volkslied — die Frage, wo deutsch»* 
Volksmusik oder volkstümliche Musik vorliegt, ist schwer zu beantworten. 1918 
erging an die Stadtverwaltungen die von Kretzschmar, Graf Hochberg und Anderen 
Unterzeichnete Bitte, festzustellen, ob sich musikalische Weisen aus alter Zeit 
erhalten hätten, für Sänger und Spielleute, kurz oder lang, Signale, Fanfaren, 
ganze Lieder usw. Aus nahezu 250 Orten kamen Beiträge, freilich r^cht un¬ 
gleicher Art': am besten war Schlesien vertreten mit Liedern, Tänzen, Turm- 
signalen, Festfanfaren und ähnlichem. — Wodurch kennzeichnet sich nun die so¬ 
genannte Volksmusik? Im allgemeinen ist sie mehr einstimmig melodisch, kunst- 
mäßige Harmonieverbindungen sind ihr fremd. Die Melodik besteht in leicht zu 
treffenden Tonschritten wie Terz, Quinte, Quart, Oktave, wie sie uns gewohnt 
sind in den Stimmen der Natur, ferner in den Volksausrufen, Signalrufen, beim 
Spielen, in den Ausrufen der Händler, der Nachtwächter usw.; die harmonische 
Konsonanz tritt in'den Stützpunkten solcher Volksweisen stets hervor. Wo das 
Rhythmische das ja mit so mancher Tätigkeit des Volkes verbunden ist, zum 
Melodischen hinzutritt und zur Gliederung im Takt führt, beherrscht es als¬ 
bald das Melodische. Es führt zur Symmetrie. 

Für alle volkstümliche Musik ist charakteristisch die Singbarkeit, wie denn 
auch das Instrument unwesentlich ist und das Volk allen Signalen usw. gern 
einen Text unterlegt. 'Die Volksweise ist selbstständig und selbstherrlich und 
ziemlich unabhängig vom Worte, und so werden viel öfter neue Worte auf alte 
Weisen gesungen als umgekehrt. Und so liegt das eigentliche Wesen des Volks¬ 
liedes in der Musik, nicht im Gedicht. 

All dieser Volksmusik steht nun die Kunstmusik mit ihrem bewußten Ge¬ 
stalten gegenüber. In älterer Zeit, z. B. im lß. Jahrh., galt nicht das Erfinden 
der Melodie als die eigentliche Kuust, sondern die Arbeit des Totisetzers, des 
Symphonikers. Freilich hat die hohe Kunst stets zu ihrem Heile die Volks¬ 
musik als Quelle genutzt, und sie ist, wo sie dadurch allgemeinverständlich 
wirkt, volkstümlich im besten Sinne, und zwar nicht durch äußerliche künstliche 
Nachahmung volksmäßiger Lieder, sondern wie sie die einfache innige Eigenart 
der volksmäßigen Musik erfaßt und verwendet. Besonders im 15. und lß. Jahr¬ 
hundert hat das üppig quellende Volkslied die Kunstmusik bereichert. So wurden 
bekanntlich viele Volkslieder in dieMusik der Kirche aufgenommen; und somanches* 
was uns kirchlich in der Tonart erscheint, hat nur die bis ins 17. Jahrhundert 
in aller Musik herrschende Tonart. Daß auch Verirrungen Vorkommen und 
die Volkstümlichkeit mißbraucht wird, ist begreiflich: so wurden Melodien aus 
der Zauberflöte wie ^Bei Männern, welche Liebe fühlen* auch auf das Kirchen¬ 
lied übertragen, so finden wir heute bei der Heilsarmee die uns lächerlich an¬ 
mutenden weltlichen Melodien vor u. a. m. 

Im 18. Jahrhundert trat man mit neuen volkstümlichen Bestrebungen hervor: 
die Lieder müssen eingänglich sein, sie müssen (so sagt Joh. Abr. Peter Schulz) 


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den Schein des Bekannten“ haben. Das wurde die Formel, und sie läßt sich 
auch auf die Instrumentalmusik ausdehnen. Einfachheit der Melodik, in der 
Resonanz ruhende Harmonik, klare symmetrische Gliederung des rhythmischen 
Aufbaus — durch alles dies sind unsere Militärmärschc volkstümlich, sind die 
Symphonien von Haydn und Mozart es mehr als die Beethovens, ist Schubert und 
in vielen seiner Werke Wagner dem Volke so lieb. Hieraus erwachsen 
nun volksei zieherischc Aufgaben für die Forschung. Sie müßte sich der 
musikalischen Weise mehr als bisher annehmen. Diese wurde vielfach nur von 
Ohr zu Ohr übermittelt, und die schriftliche Aufzeichnung bleibt Geheimnis 
der Zünfte, der Stände und der ihre eigene Hausmusik pflegenden Höfe Aber 
auch praktische Aufgaben ergeben sich: man wird den Geschmack des Volkes 
heben gönnen, indem man seine musikalische Vergangenheit kennen lernt und 
die Ergebnisse verwertet. Dann wird auch die Musik deutsch bleiben, und 
das bedeutet im Lande Bachs, Beethovens und Wagners gewiß keinen Rück¬ 
schritt. Die ausländischen, namentlich englisch amerikanischen Flachheiten 
der Operette, die nicht Menschen, sondern Fratzen und Weichlinge auf die 
Bühne stellt, haben genug Unheil gewirkt. Hoffen wir, daß die Zeit nach dem 
Kriege Besserung bringt. Mit dem kriegerischen Soldatenlicdc haben wir ja 
gute Erfahrungen gemacht. Die Musik muß mit dem Scheine des Bekannten 
dem Volke entgegenkommen, mit Einfachheit und Charakter und liedhafter 
Melodik: dann wird sie auch dem Volke Führer sein können. 

Am Freitag den 12. Januar 1917 fand im Hörsaaal I der Universität die 
Hauptversammlung statt. Zunächst gab der Vorsitzende, Universitäts¬ 
professor Dr. Siebs einen Überblick über die Tätigkeit der Gesellschaft im 
verflossenen Jahre. Die Vorträge, auch Gästen zugäugig, haben regelmäßig 
stattgefunden: die „Mitteilungen“ sind im üblichen Umfange erschienen. In 
der wissenschaftlichen Reihe „Wort und Brauch“ ist ein weiterer Band 
herausgegeben worden: eine dankenswerte „Geschichte der schlesischen 
V o lkslie ds forsch ung“ von Dr. Günther, in der die bisher unbekannten 
schlesischen Volkslieder mit ihren Weisen gedruckt sind. Eine schon längst 
als notwendig empfundene „Geschichte der mundartlichen Dichtung 
Schlesiens“ von Holtei bis auf die Gegenwart ist im Druck und wird in 
kürzester Frist im Verlage von M. und H. Marcus erscheinen. Die Samm¬ 
lungen der Gesellschaft schreiten gut voran. Wünschenswert freilich wäre, 
daß jetzt auf dem Gebiete des Soldatenliedes, des Kriegsaberglaubens (/.. B. 
Vorzeichen, Zauber- und Abwehrmittel, Prophezeiung usw.) und der Soldaten- 
sprache reichlich gesammelt und an den Vorsitzenden der Gesellschaft einge- 
8 andt würden. Manche müßige Stunde im Felde oder in den Lazaretten könnte 
zu solcher wertvollen volkskundlichen Arbeit genützt werden. 

Darauf legte der Schriftführer, Professor Dr. Hippe, im Namen des ab¬ 
wesenden Schatzmeisters Dr. von Eichborn Rechnung, und auf Antrag der 
Rechnungsprüfer Geh. Reg.-Rat Dr. Appel und Prof. Dr. Hilka wurde Entladung 
erteilt. Als Vorstand wurden wiedergewählt die Herren Dr. Dr. Siebs, Hiilo- 
brandt, Hippe, Seger, von Eichhorn, Korber, Feit, Schräder» 
Kühn au, Olbrich, Klapper und Jantzon. 

Sodann hielt der ordentliche Professor der englischen Sprache und 


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Literatur, Dr. Lövin S. Schücking, einen Vortrag über „Shakespeare als 
Vol ksdrama tiker“. Dabei ging er von der Frage aus, inwieweit Shakespeares 
Werke die Chronik seiner Lebenserfahrungen darstellen, und faßte zur Be¬ 
antwortung namentlich die Periode seiner großen Tragödien ins Auge, die sich 
deutlich als eine Zeit der seelischen Erschütterungen, des Wandels seines Welt¬ 
bildes, der Stiinmungsgedrücktheit und von Antlügen der Verbitterung kenn¬ 
zeichnet. Innere und äußere Gründe für diese Erscheinung wurden durch¬ 
gegangen. Die Frage, ob die Sonette autobiographischen Aufschluß gewähren 
könnten, ob das Schicksal des Essex als eines Gönners des Dichters in Betracht 
komme oder Gründe der inneren Entwicklung maßgebend seien, wurden kürzer 
länger dagegen die Frage behandelt, inwiefern Shakespeares Stellung in seiner 
Zeit von Bedeutung für sein Seelenleben sein mußte. Nach Behandlung der 
pekuniären und sozialen Seite dieser Stellung kam der Vortragende zu dem 
eigentlichen Kernpunkt seiner Darlegungen, der künsterischen Stellung 
Shakespeares. Eine Schilderung des elisabethanischen Theaterlebens zeigte die 
soziale Stellung des Theaters sowie die Zusammensetzung der Zlischauerschaft 
auf, soweit die zeitgenössische Literatur ihre auffallendsten Züge widerspiegelt. 
Daran knüpfte sich die Behandlung der Frage nach den eigentlichen Trägern 
der Shakespearischen Kunst, die als eine verhältnismäßig dünne Schicht fest¬ 
gestellt wurde. Es wurde dann erwogen, wie Shakespeares Abhängigkeit von 
seinem Publikum auf seine Kunst eingewirkt haben muß, und an dem Beispiel 
der Kleopatra-Figur wurde gezeigt, wie Shakespeare den Anschauungen eines 
großenteils seelisch grobschlächtigen Publikums auch künstlerische Opfer bringt. 
Bei dieser Abhängigkeit vom Publikum sind die soziologischen Veränderungen 
die sich in dieser Zeit in ihm vollziehen, von der größten Wichtigkeit für die 
Kunst. Als solche Veränderungen kommen die beiden Strömungen des Purita¬ 
nismus für das Bürgertum und der Aristokratisierung für den Adel am meisten 
in Frage. Hand in Hand mit dem letzteren geht in der Kunst die Hinneigung 
zum Neoklassizismus. Dessen Forderungen beschrieb der Vortragende ein¬ 
gehend: sie sind der Shakcspeareschen Dramatik, die durchaus volkstümlich 
ist und großenteils volkskundliche Quellen benutzt, ganz entgegengesetzt. 
Und daß so der Dichter unmodern wurde, stellte der Vortragende zum Schlüsse 
als eine der wahrscheinlichsten Ursachen für Shakespeares seelische Verdüsterung 
in dem gedachten Zeitraum hin. — So wurde bedeutsam und mit tiefer Er¬ 
kenntnis die Wirkung Shakespeares auf sein Publikum, das gegenseitige Ver¬ 
hältnis von Dichter und Volk behandelt. 


Am Freitag den 8. November 1917 hielt Pastor Lic. Dr. Erich Bunzcl 
aus Schreibendorf (Kreis Strehlen) einen Vortrag über „Kriegsaberglauben’ 
am Freitag den 14. Dezember sprach Professor Dr. Karl Olbrich über 
„Waffensegen und Amulette bei den deutschen und russischen 
Soldaten.“ Diese Vorträge werden in den „Mitteilungen“ erscheinen. 


Die hübschen kleinen Volksliederhefte „Alte und neue Lieder- mit 
Weisen und Bildern (von Ludw. Richter, Kalkreuth, Slevogt, Ubbelohde) sind 
bei dem äußerst billigen Preise für unsere Mitglieder (25 Pfg. das Stück) sehr 


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begehrt. Anmeldungen seitens der Mitglieder sind an Professor Pr. Hippe 
(Stadtbibliothek) zu richten. 


Am 16. Juni 1917 starb in Steglitz Professor Dr. Paul Rege 11: er war 
ein trefflicher'Kenner des Riesengebirges und hat uns manche Aufsätze zur 
Rhbezahlsage geliefert. 

Als Mitglieder sind der Gesellschaft beigetreten: 

In Breslau: Univ.-Prof. Dr. L. Schücking, Kandidat d. höh. Lehramts Dr, 
J. Giernoth, Dr. phil. G. S c h o p p e, Oberly ceistin Gertrud Lerche, Kandidatin 
d. höh. Lehramts Ilse Schiff, Kandidatin d. höh. Lehramts Eva Cramer, 
Kandidatin d. höh. Lehramts Adelheid Cramer, Oberlehrerin Elise Anders, 
Lehrerin Elisabeth Winter, Lehrerin Elisabeth Hermes, Kandidatin d. höh. 
Lehramts Dr. phil. Elisabeth Benedict, Lehrerin Lotte Finger, Lehrerin 
Gertrud Keller, Oberlehrer 0. Kretschmer, Frau Marie Kretschmer 
geb. Schumann, Kandidatin d. höh. Lehramts Dr. phil Gertrud Brüning ? 
Zeichenlehrerin Ilse Weber, Kandidatin d. höh. Lehramts Johanna Räthling, 
Handelsschul-Leiterin Elsa Drechsler, Professor Dr. Ing. Hilpert, Pastor 
lic. theol. Konrad Müller, 

von auswärts: das Kaiser Franz-Josef-Museum in Troppau, Osterr.-Schles. 


Alle diejenigen, denen es gegeben ist, in jetziger Zeit für die 
Aufzeichnung von Soldaten- und Kriegsliedern zu wirken, bitten wir, 
der Bestrebungen unserer Gesellschaft zu gedenken. Wort und 
Weise in allen ihren Besonderheiten und Abweichungen sind für 
die Volkslied forsch ung wichtig. Manche unserer Krieger werden 
in den Lazaretten und auch sonst Muße, Gelegenheit und Lust zu 
solchen Aufzeichnungen finden. Auch bemerkenswerte Erlebnisse 
und Erfahrungen in Freundes- und Feindesland bergen manche 
volkskundlich wertvollen Dinge; und für Sammlung und Mit¬ 
teilung solcher Erinnerungen, mögen sie Sitte und Brauch, Volks¬ 
lied oder Mundart betreffen, wissen wir Dank. 

Die Schlesische Gesellschaft für Volkskunde, gegründet im 
Jahre 1894, verfolgt den Zweck, der Wissenschaft der Volkskunde 
zu dienen und das Interesse für volkstümliche Überlieferungen zu 
beleben und zu pflegen; auch will sie möglichst alles, was sich 
von solchen Überlieferungen in Schlesien erhalten hat, sammeln. 

Der Eintritt in die Gesellschaft erfolgt durch Anmeldung bei dem 
Schatzmeister Dr. Kurt von Eichborn, Bankier, Breslau, Blücher¬ 
platz 13 11 oder bei dem Schriftführer Direktor der Stadtbibliothek 
Professor Dr. Max Hippe, Breslau, Brandenburgerstrasse 48. 


Schluß der Schriftleitung: 14. Dezember 1917. 
A. Favorke, Hrtsltu II 


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MITTEILUNGEN 


DER 


SCHLESISCHEN GESELLSCHAFT 
FÜR VOLKSKUNDE 

herausgegeben 


THEODOR SIEBS 


Mit einer Bildtafel 


Band XX 

Jahrgang I91S 


BRESLAU 

Kommissionsverlag von M. & H. Marcus 
1918 


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Alle Rechte Vorbehalten 


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Jiriczek, Dr. Otto L., Seifriedsburg und Seyfriedsage.226 

Wissenschaftliche Beihefte zur Alpenforschung.227 

Uilkema, K., Het friesche Boerenhuis (Siebs) . 227 

Schmied-Kowarczik, Walther, Die Oesamtwissenschaft vom Deutsch¬ 
tum und ihre Organisation, ein Sehnsuchtsruf dreier Jahrhunderte 

(H. Jantzen).228 

Bojunga, Klaudius, Der deutsche Sprachunterricht auf höheren Schulen 228 
Beuschel, Karl, Die deutsche Volkskunde im Unterricht auf höheren 

Schulen (H. Jantzen).228 

Deutschkunde. Ein Buch von deutscher Art und Kunst, herausgegeben 

von Walther Hofstaetter (Siebs).228 

Schlesischer Musenalmanach. Viertcljahrsbüeher für schlesische 

Kunst (— e—).230 

Geschäftliche Mitteilungen. 

Volkskunde und Jungdeutschland; Sitzungsberichte, Nachrichten und 

, Anzeigen.231 


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Die Golemsage und die Sage von der 
lebenden Statue. 

Von Lic. Konrad Müller in Breslau. 


Zu den eigenartigsten Gestalten der jüdischen Sagenwelt gehört 
der dnrch kabbalistische Rabbinerweisheit geschaffene und wieder 
ausgetilgte, mit Leben begabte und wieder in Trümmer geschlagene 
künstliche Mensch, den man den Golem nennt. In letzter Zeit ist 
sie durch Gustav Meyrinks vielgelesenen Roman: „Der Golem“ in 
allerdings stark verwandelter Form der Öffentlichkeit bekannt ge¬ 
worden, hat aber auch schon früher, im neunzehnten Jahrhundert, 
eine Reihe literarischer Verwertungen gefunden. Trotzdem bietet 
noch heute ihre Entstehung und Ausgestaltung eine Anzahl beachtens¬ 
werter und zum guten Teil noch nicht geklärter Fragen und ist 
meines Wissens außer in einem geschickt einführenden Artikel in 
der Jewish Enzyklopedia 1 ) und in einigen populären Darstellungen 
bisher nur in einer ebenso gelehrten wie durch die Hinneigung des 
Verfassers zu kabbalistischen Spekulationen sonderlichen Arbeit von 
Hans Ludwig Held: „Vom Golem und Schern“ 2 ) eingehender be¬ 
handelt, aber in ihren sagengeschichtlichen Problemen auch noch 
durchaus nicht restlos gelöst worden. Im Folgenden seien daher 
Tatsachen und Beobachtungen zur Entwicklung und Behandlung der 
Golemsage vorgelegt, freilich ohne daß dabei eine völlige Aufhellung 
aller vorhandenen Unklarheiten oder auch nur eine vollständige Be¬ 
herrschung des weitschichtigen und schwer zu überblickenden Stoffes 


*) The Jewish Enzyklopedia 1904, Band VI S. 30f. 
a ) Der Artikel von Held erschien in der Zeitschrift „das Reich“ heransg. 
von A. Freiherrn v. Bernus, I. Jahrgang 1916 S. 334—379, 515—559. 
Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 1 


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erreicht werden kann 1 ). Dabei scheint es, weil in der Sage eine 
eigentümliche Form der allgemein verbreiteten Vorstellung von 
lebenden Statuen und künstlichen Menschen geboten wird, angemessen 
zu sein, diese letztere Sagengruppe zunächst im Überblick zu 
skizzieren, sodann die Entstehung uud Ausgestaltung der jüdischen 
Legende selbst zu beschreiben und schließlich die Formen und Be¬ 
sonderheiten ihres Vorkommens in der Literatur zu besprechen. 


I. 

Die Vorstellung vou lebenden Statuen, sich bewegenden, redenden 
oder beseelten Standbildern und Kunstwerken läßt sich in vielen 
Zeiten und bei verschiedensten Völkern nachweisen. 

Aus dem Altertum sei zuerst an das allerdings stark umstrittene 
Wesen des ägyptischen „Ka“, eines eigentümlichen Schutzgottes oder 
Seelengebildes des Menschen, erinnert. In ägyptischen Gräbern finden 
sich nämlich neben anderem Zierat häufig eine oder auch mehrere 
Statuen des Toten aufgestellt, in denen man sich den Ka des Ge¬ 
storbenen verkörpert dachte, und zu deren Standort der Hauch der 
im Grabe geopferten Speisen oder der Duft des dort entzündeten 
Weihrauchs dringen konnte. Sicherlich herrschte dabei nicht selten 
die Annahme, „daß die Seele die Leiche in der Sargkammer verlasse 
und diese Statue wie einen zweiten Körper beziehe 2 ).“ Darum wollte 
im Jahre 1873 der französische Gelehrte Masp6ro 3 ) den Ka als den 
Doppelgänger, le double, des Menschen erklären, durch den die 
Grabstatuen ein selbständiges Leben empfingen. So wie, sagte er, 
in altarabischen Legenden wunderbare Standbilder und Kunstwerke 
die Wächter der heiligen Gräber seien 4 ), denen Bewegung und Leben 
innewohne, so wie in den dem Hermes Trismegistos zugeschriebenen 
Dialogen einmal von belebten und prophetischen Statuen die Rede 
sei, die deshalb als die Ka’s des Gottes Vervielfältigungen seiner 


1 ) Für manche gütige Unterstützung bei meiner Arbeit bin ich Herrn 

Professor Dr. Brann und Herrn Stadtbibliothekar Dr. Dedo in Breslau zu auf¬ 
richtigstem Dank verpflichtet. K 

2 ) Erman: Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum 1883, S. 415, 
421, 424; Erman: Die ägypt. Religion. 2. Aufl. 1909, S. 148. 

3 ) Maspero: *Le double et les statues propbetiques 4, abgedruckt in 
seinen Etudes de mythologie et d’archeologie egyptienne I 1893, p. 77—91. 

4 ) Nach den „Merveilles de l’Egypte de Moustadi < ‘, trad. par Yattier p. 46 ft 


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a 


selbst darböten 1 ), so wie zu Zeiten der 19. Dynastie in Theben 
an die Wundertätigkeit einzelner Statuen unzweifelhaft geglaubt 
werde, der König sich im Tempel mit allerlei Fragen an sie wende 
und die Standbilder durch Kopfneigen Antwort erteilten, so wie in 
einer Erzählung Diodors eine Statue zu Napata bei der Königswahl 
♦ wirksamen Einfluß übe und Synesios von Ptolemais diese Geschichte 
später in vergröberter Form auf ägyptischen Boden übertrage: so 
sei der Glaube von belebten Statuen im ägyptischen Altertum gauz 
allgemein verbreitet. Von ihr zeugt die Sage der Bentreschstatue, 
die aus der Zeit des Pharao Ramses XII. ungefähr 1000 v. Chr. von 
einer wunderkräftigen Statue des Gottes Chonsu von Theben berichtet, 
welche in ein fernes Land zur Vollbringung einer Heilung gesandt, 
dort aber zurückgehalten wurde und erst nach drei Jahren den 
Fürsten des Gebiets durch einen Traum zur Heimschickung nötigte 2 ). 
Vielleicht seien sogar mechanische und technische Vorkehrungen in 
den Statuen zu solchen Bewegungen und Betätigungen angebracht 
gewesen, jedenfalls bedeute das Wort Ka „1'äme de la statue“ und 
lasse sich am besten durch ein Wort „exprimant 1‘idee complexe 
d’une statue prophötique et d'une statue vivante“ wiedergeben 3 ). 
Aber schon Le Page Renouf äußerte sich über den Begriff - des Ka 
weit zurückhaltender als Maspero und sah in ihm eher den Genius 
als den Doppelgänger des Menschen 4 ), und später wollte Steindorft' 
den Sinn des Wortes Ka noch dnger einschränken, ihn ursprünglich 
nur als den Genius des lebenden Königs auffassen und den Glauben 
an die Fortexistenz des Toten in der Grabstatue als eine einfache 
Vorstellung von allgemeiner Verbreitung erklären 5 /. Immerhiu bleibt 
jedoch — auch für das Urteil des in der ägyptischen Mythologie 

’) Louis Menard: Hermes Trismegiste, traduction complete 1867 p. 146; 
167—169. Die genannte Stelle entstammt dem neunten Kapitel des reAeiog 
Aöyog, dabei ist die Vorstellung mystisch gedeutet, die Statuen sind die von 
Menschen gefertigten dieui terrestres qui annonccnt l’avcnir par les sorts et 
les divinations, qui veilleut, chacuu ä sa maniere, aux clioses qui dependent 
de leur providencc speciale et viennent ä notre aide comme des auxiliaires, 
des parents et des amis. (cap. XIII p. 159). 

2 ) Vgl. z. B. Brugsch: Geschichte Ägyptens unter den Pharaonen 1877. 
S. 637 ff.: Kiesewetter: der Occultisinus des Altertums I, S. 274. 

3 ) Maspero, a. a. 0. p. 91. 

4 ) Le Page Renouf: Vorlesungen über Ursprung und Entwicklung der 
Religion der alten Ägypter. 1882, S. 138 ff. 

5 ) Steindorff: „Der Ka und die Grabstatuen“ in der „Zeitschrift für 
ägyptische Sprache und Altertumskunde“. 1911, S. 152—159. 


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4 


Unbewanderten — bestehen, daß die Religion des Nillandes die An¬ 
nahme belebter Statuen seit alters kannte, wie dies auch beispiels¬ 
weise in ihrer Art die volkstümliche Erzählung vom König Khufu 
und seinen Magiern bestätigt, in welcher von einem Hofbeamten 
ein Krokodil aus Wachs gebildet wird, das sich in ein lebendiges 
verwandelt und die Bestrafung eines Ehebrechers herbeiführt 1 ). 

Und ähnliche Vorstellungen finden sich auch bei manchen Aus¬ 
sprüchen in den Werken griechischer und römischer Schriftsteller, 
wie sich die alten Magier ja überhaupt gern mit der Herstellung 
künstlicher Automaten befaßt haben mögen, durch die sie in den 
Ruf geheimnisvoller Wunderkraft kamen, und auch in Mesopotamien 
Standbilder, sogenannte lamassu, an hervorragenden Plätzen der 
Gebäude Aufstellung fanden 2 ). So erzählt schou Homer iq der 
Ilias von lebenden Statuen aus Gold, die dem hinkenden Hephästus 
dienten 3 ,), und Schriftsteller des sechsten und fünften Jahrhunderts 
melden, daß Daedalus Statuen geschaffen habe, welche die Gabe der 
Bewegung und der Sprache besaßen, wie bei Euripides, Plato, 
Aristoteles unter anderem zu lesen ist, wie es aber auch schon der 
Komiker Philippos durch die witzige Behauptung, Daedalus habe in 
seine Statuen Quecksilber gegossen, parodierte*). So wendet sich in 
der taurischen Iphigenie des Euripides das Bildnis der Artemis beim 
Anblick des Muttermörders Orestes ab, so raten in der Elektra die 
Diosknren dem Orestes, er solle, von den Furien verfolgt, in Athen 
das Bild der Pallas umfassen, damit es den Gorgoschild schützend 
über ihn halte 5 ), und so weiß auch Ovid in den Fasten von sich 
bewegenden Götterbildern zu berichten “). 

Auch gehört hierhin die bekannte Pygmalionsage der Meta¬ 
morphosen, nach der ein aus Elfenbein geschnitztes Frauenbild durch 

J ) Maspero: Les contes populaires de l’Egypte ancienne 1889, p. 58 ff. 

,J ) A. Lehmann: Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis 
in die Gegenwart (deutsche Übers.) 1898, S. 30, 90. Lebende Statuen sind 
mir sonst in der Keilschriftliteratur unbekannt: die Legende von Istars Höllen¬ 
fahrt gehört natürlich nicht hierher. Aus dem Alten Testament ist 1. Sam. 5, 3 
zu vergleichen. 

3 ) Ilias XVIII 417 ff. 

*) Paulys Real-Enzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, 
herausg. v. Wissowa IV, 2; 1901, Sp. 2002 f. 

6 ) Radermacher: „Aus Lucians Lügenfreund“ in der „Festschrift für 
Gomperz“ 1902, S. 197—207; vgl. auch Horaz Satiren I 8. 

«) Ovid: Fasti III 41-48; VI 611-619. 


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die Liebe des Künstlers am Venusfest Leben bekommt und sich mit 
seinem Erschaffer vermählt 1 ), eine Erzählung, die Philostephanus, 
wie Arnobius angibt a ), in etwas anderer Form berichtet und die auch 
Poseidippus, wie Clemens Alexandrinus schreibt, 3 ) in seinen Werken 
berührt, ja die mit starken Veränderungen später auch im Mittelalter 
begegnet. 

Weiterhin überliefert Tacitus gelegentlich in seinen Annalen die 
Sitte, ein Apollobild wegen einer kaiserlichen Vermählung zu befragen 4 ), 
und Sueton schreibt beim Ende des Caligula: 

„Futurae caedis mnlta prodigia extiterunt. Olympiae 
simulacrum Jovis, quod dissolvi transferrique Romam placuerat, 
tantum cachinnum repente edidit*, ut machinis labefactis 
opifices diffugerint. . . . u5 ), 

erwähnt außerdem einen Traum Galbas, in welchem ein Bild der 
Fortuna ihm erschien und sagte, es stehe vor seiner Tür und werde, 
falls er es nicht aufnehme, jedes beliebigen Menschen Beute werden, 
und nach Erwachen habe Galba wirklich eine Fortunastatue vor der 
Schwelle seines Hauses gefunden 6 ), und berichtet im Vespasian, daß 
sich das Standbild Cäsars zur Begrüßung des neuen Herrschers selbst¬ 
tätig nach dem Orient gewendet habe 7 ). -Nach Pausauias hatte ferner 
ein Apollobild zu Manesia am Maiander Kraft zu jeglichem Werk, 
nach Plutarch war ein Athenebild zu Pellene besonders unheils¬ 
wirksam 8 ), nach Libanius begab sich zurZeit des Ptolemaensll. Philadel- 
phus im dritten vorchristlichen Jahrhundert mit einem syrischen Stand¬ 
bild der Artemis eine der ägyptischen Bentreschstatuensage ähnliche 
•Geschichte 9 ), nach Dio Chrysostomus sprang die von einem Feinde 
gepeitschte Statue des Theagenes von Thasos von ihrem Sockel herab 
und erschlug den Beleidiger, nach Aristoteles stürzte die Bildsäule 

') Ovid: Metamorphosen X 242—297. 

2 ) Arnobius: Advcrsus nationes VI cap. 22 fol. 132 [ed. Reifferscheid im 
corpus scriptoruni ecclesiasticorum latin. IV S. 233]. 

3 ) Clemens Alexandrinus: Protrcptieos cap. IV 57, 3 (ed Stählin I 
S. 44 f.) 

4 ) Tacitus: Annalen XII 22. 

s ) Sueton: Caligula cap. 57. 

•’) Sueton: Galba cap. 4. 

7 ) Sueton: Vespasian cap. 5. 

*) Schümann-Lipsius: Griechische Altertümer. 4. Aufl. 1902 II S. 193. 

9 ) Wiedemann: „Ungerecht Gut"* in der Zeitschrift „Am Urquell“ 
VL Band 1896 S. 81 f. 


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des Mithys von Argos während eines Festes um und tötete dadurch 
den Mörder des Mithys 1 ). Auch sollen vor der Eroberung Trojas 
die Götter selbst ihre Statuen aus der Stadt getragen haben, eine 
Anschauung, die sich auch sonst nachweisen läßt, und nach der z. B. 
einmal die Tyrier ihre Götterbilder, um deren Auswanderung zu 
verhindern, mit Stricken festgebunden haben sollen 2 ). Selbst Lucian 
beschreibt in seinem „Lügenfreund“ die Gespenstergeschichte der 
Statue eines Pelichos, die von ihrem Hausverwalter um die ihr ge¬ 
opferten Münzen bestohlen wurde und nun den Dieb zur Strafe 
nachts ruhelos im Kreise herumtrieb, heftig durchprügelte und in 
kurzer Zeit zu schmählichem Tode brachte 3 ), wie ja überhaupt die 
Vorstellung, daß die Macht eines Geistes in seinem Abbild wohne 
und dieses sich an seinem Beleidiger rächen könne, im Altertum 
allgemein verbreitet war 4 ). 

Aber auch die christliche Apokryphenliteratur kennt in den 
Akten des Andreas uud Matthias eine eigentümliche Legende, nach 
der Jesus einmal in einem Tempel zwei Sphinxe belebt habe und 
diese darauf zu wandeln, zu sprechen und predigen, ja sogar im 
Hain Mamre die Patriarchen für christliches Zeugnis aus ihren Gräbern 
zu holen begonnen hätten,, berichtet auch, daß der heilige Andreas 
auf Christi Befehl einer in seinem Kerker stehenden alabasternen Bild¬ 
säule geboten habe, Meerwasser über die Stadt der Menschenfresser 
zu ergießen 5 ), und enthält in dem Kindheitsevangelium des Thomas 
die bekannte Legende, nach der der Jesusknabe zwölf Sperlinge aus 


*) Dio Chrysostomus Orationes 31 p. 618 K.; Aristoteles Poetik 
cap. 9; vgl. Kochs Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte neue Folge 
Hand XIII 1899. S. 397 f. 

2 ) Lobccl.: Aglaophamus 1829 I S. 274—276. 

3 ) Lucian: (pi/.oipcvOTrjg cap.45—49; Übersetzt in Hausrath und Marx: Grieeh. 
Märchen 1913 S 194 ff. Wendland .Antike Geister- und Gespenstergeschichten* 
in den .Mitteilungen d. Schlesischen Gesellschaft f. Volkskunde“ XIII—XIV 
1911 S. 52 f. 

*) lieh de: Psyche 3. Aull. I S. 194. Von belebten Götterbildern sprechen 
auch Hermias in den Scholien zu Platons Phädrus p. 87, 6 ed. Couvreur, 
Proklos zum Tiinaeus I 51, 25 ed. Diehl und Damaskios „Leben des Isidor“ 
ed. Asmus p. 64. 

5 ) Thilo: Acta S. S. Apostolorum Andreae et Matthiae graece ex codd. 
Parisiensibus nunc primum edita. Leipziger Universitätschrift 1846 cap 13 fl'.: 
Lipsius: die apokryphen Apostelgeschichten und Apostellegenden 18831 S. 546 ff., 
Cap. S. 552; Reizenstein: Hellenistische Wundererzählungen 1906 R. 131 ff. 


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Lehm geformt und ihnen Lebeu und Bewegung verliehen habe'). 
Und wenn man schließich noch hinzunimmt, daß dem Perserkönig 
Sapor einmal ein Inder eine goldene Statue schenkte, die in ein 
goldenes Horn stieß, sobald ein Spion die Hauptstadt betrat -), daß 
auch Apollonius von ähnlichen Figuren wie denen des Hephästus er¬ 
zählt, die er bei indischen Brahminen gesehen haben will, wenn man 
beachtet, daß in Hierapolis und Antium sich selbst bewegende 
Tempelstatuen gewesen sein sollen, daß im Tempel zu Delphi laufende 
Bildsäulen der Heliaden und goldne singende Jungfrauenstatuen auf¬ 
gestellt waren und Leo der Philosoph singende goldene Vögel auf 
goldenen Platanen und brüllende goldene Löwen besaß 3 ), wenn man 
bedenkt, daß manche christliche Schriftsteller die Dämonen in Götter¬ 
bildern gebannt glaubten und auch Apulejus die Beweglichkeit solcher 
Statuen auf magische Kräfte zurückführte*): so ergibt sich deutlich, 
daß die Sage von der lebenden Statue im Altertum allgemein ver¬ 
breitet war. 

Aus dem Mittelalter findet sich gleichfalls eine Fülle ähnlicher, 
oft aus alten Zügen abgeleiteter Geschichten. Z. B. kleidet die Virgilssage 
manche früheren Legenden in ein neues Gewand. So baute der 
große Zauberkünstler in Rom einen Palast und schmückte ihn mit 
Bildsäulen, den Darstellungen der unterworfenen Völker, die je eine 
Glocke in der Hand hielten. Sobald nun eine Provinz auf Abfall 
sann, begann die betreffende Bildsäule mit ihrer Glocke zu läuten. 
Auch schwang sodann ein auf der Spitze des Palastes stehender 
bronzener Krieger seine Lanze in der Richtung der aufrührerischen 
Provinz, damit die.Römer sich zum Kampf rüsten könnten 5 ). Diese 
Sage kennen schon Beda Venerabilis sowie der im achten Jahrhundert 
lebende Grieche Kosmas; im dreizehnten Jahrhundert wird sie besonders 
genau überliefert. Weiterhin berichtet Wilhelm von Malmesbury in 
seinen Anfangs des zwölften Jahrhunderts geschriebenen gesta regum 
Anglorum unter dem Jahre 1019 die Geschichte einer gespenstischen 
Venusstatue, an deren Finger ein Bräutigam am Hochzeitstage seinen 

*) Hennecke: Neutestamentliche Apokryphen 1904 S. 67. 

2 ) Entnommen aus R. Kleinpaul: Modernes Hexenwesen 1900 S. 19. 

3 ) Schindler: Der Aberglaube des Mittelalters 1858 S. 152. 

4 ) Apuleji: Mctamorphoseon libri XI recens. F. Eyssenhardt 1868 üb II 
cap. 1 S. 17 f. 

5 ) Domenico Comparclti: Virgil im Mittelalter, deutsch von Dütschke 
1875 S. 250 f; Roth: „Über den Zauberer Virgilius“ in Pfeiffers „Germania“ 
IV. Jahrgang 1859 S. 257 ff. 


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Verlobungsring während eines Ballspiels steckte. Nacher konnte 
der Ring von dem inzwischen gekrümmten Finger des Standbildes 
nicht mehr entfernt werden, und in der Hochzeitsnacht legte sich 
die Figur, als die eigentliche Verlobte des Mannes, zwischen die 
Neuvermählten 1 ), eine Erzählung, die sich unter dem Jahre 1045 
auch in einer in der Breslauer Universitätsbibliothek aufbewahrten 
Volkschronik verzeichnet findet und späterhin zu einer Mariensage 
umgestaltet wurde *). Von Papst Gerbert 3 ) (Silvester II.) behaupten einige 
ebenfalls bei Wilhelm von Malmesbury erhaltene Legenden, daß er 
einen redenden Kopf gebildet habe, der ihm durch Ja und Nein 
wichtige Enthüllungen vermittelt hätte; vom Schatze des Oktavian 
wird am gleichen Orte gesagt, daß er, den auch Gerbert aufsuchte, 
von lebenden Statuen behütet und verteidigt worden sei 4 ). Im 
Prozeß gegen die Templer spielt gleichfalls ein redender Kopf eine 
Rolle; von Albertus Magnus wird sogar berichtet, daß bei einem 
seiner Gastmahle metallene Figuren, die menschliche Bewegungen 
nachahmten, bedient hätten 5 ), und daß er einen künstlich automatischen 
Menschen gefertigt habe, den später sein Schüler Thomas in des 
Meisters Laboratorium entdeckte und in blindem Übereifer zerschlug 6 ); 
ja auch Arnold von Villeneuve soll nach Mariana einen künstlichen 
Menschen gebildet und Roger Bacon sowie der Bischof von Lincoln 
Robert Grostete redende Köpfe erfunden haben 7 ). 

Besonders reiche Beispiele ähnlicher Vorstellungen bietet ferner 
die mittelalterliche Marien- und Heiligenlegende. Caesarius von 


•) Wilhelnii Malmesbiriensis inonachi: de gestis regum Anglorutn 
libri quinque cd. by William Stubbs 1887 I lib. II § 205 S. 256 ff. 

s ) Klapper: „Eine Weltchronik des ausgehenden Mittelalters“ in den 
„Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde“ XI Jg. 1909 
S. 132 ff. 

*) W. v. Malmesbury: a. a. 0. lib. II § 172 [S. 202 f.] Sehulthess : 
Die Sagen über Sylvester II. (Virchow u. Holzendorff Gemeinverständl. Vorträge) 
1893 S. 20 f. 

4 ) W. v. Malmesbury a. a. 0. lib. II § 169, 170 (S. 196 ff., 198 ff.); 
Carl Meyer: Der Aberglaube des Mittelalters und der nächstfolgenden Jahr¬ 
hunderte 1834 S. 127 ff. 

s ) Schindler: a. a. 0. S. 152. 

®) Sighart: Albertus Magnus, sein Leben und seine Wissenschaft 1857, 
S. 71 f.; Albertus Magnus in Geschichte und Sage 1880 S. 164 f. 

7 ) Siebert: Roger Bacon, sein Leben und seine Philosophie 1861, 
S. 9 f.; Soldan: Geschichte der Hexenprozesse, 1880 I S 195. 


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Heisterbach erzählt in seinem Dialogus miraculorum aus dem drei¬ 
zehnten Jahrhundert von einem Bilde des heiligen Nikolaus, das, im 
Zimmer einer Wöchnerin stehend, sich bei der Geburtsstunde der 
Frau umdrehte, um nicht Zeuge der Geburt zu sein, oder von einer 
Statue der heiligen Lichthildis, die beim Gebet unfrommer Frauen 
sich unwillig zur Wand kehrte. Er berichtet von einem Kruzifix 
in St. Georg zu Köln, dem der Küster regelmäßig die geweihten 
Kerzen stahl, und das den Mann daraufhin eines Nachts heftig ver¬ 
prügelte, von einem Marienbild, das zu dem Stiftsherrn Heinrich an 
St. Kunibert in Köln in der Kapelle seines Hauses sprach; von einem 
Bild des Gekreuzigten, das Tränen vergoß, als ein Diakon an seinem 
Altar unberechtigt die Messe las; von Worten, die eine Marienstatue 
zu Polch tröstend an einen Priester richtete, und von Kreuzen, die 
bei Lanzen- oder Pfeilstichen Blut von sich gaben 1 ). Auch die 
österreichischen Mariensagen kennen aus dem sechzehnten und sieb¬ 
zehnten Jahrhundert ähnliche Geschichten. So kehrt das Bild der 
Maria in Dornen zu Turas nächtlich an seinen Fundort zurück, so 
nickt das von Maria-Kulm 1383 freundlich einem Beter zu, so hält 
das der Prager Franziskaner 1400 einen Kircbendieb bis zu seiner 
Gefangennahme bei der Hand fest, so kommt ein von den böhmischen 
Ketzern zerrissenes Bild selbsttätig wieder auf den Altar, so streckt 
eine Wiener Marienstatue 1588 ihre rechte Hand aus und spricht 
tröstend zur Königin Elisabeth von Frankreich, so verändert das 
Marienbild zu Stein in Böhmen sein Gesicht, sobald ihm ein Sünder 
naht, so verheißt 1632 ein Marienbild der Karmeliter in Wien Schutz 
gegen den König von Schweden, so vergießen die Marienbilder von 
Poetsch bei Wien, von Raab in Ungarn, von Klausenburg in Sieben¬ 
bürgen, von Tirnau in Ungarn und von Palfalä in Ungarn Tränen 2 ). 
Und auch zu Verviers und im Kloster Steinfeld in der Eifel erzählt 
man von belebten Marienbildern, eine Marienstatue von Werl und 


*) Caesarii Heisterbaccnsis monachi dialogus miraculorum ed. Strauge 
1851, VIII 76 (S. II 144 f.), VIII 83 (S. II 150), VIII 25 (S. II 101), VII 8 
(S. II 11 f.), IX 61 (S. II 212 f.), VIII 85 (S. II 151-153), VII 29 (S. II 38), 
X 19 (S. II 232), X 20 (S. II 232 ff.): Annalen des historischen Vereins für den 
Niederrhein 47. Heft, 1888 (Verdeutschung von A. Kaufmann) S. 33 f., 41 f. 
90 f., 97 f., 103, 108 ff., 157 f., 194, 223: A. Wesselski: Mönchslatein 1909, 
S. 74 f., 131 f., 162 f., 132 ff., 223, 238. 243. 

2 ) Kaltenbaeck: Die Mariensagen in Österreich 1845, S. 17 f., 85, 101, 
104 f., 139 ff., 172, 185, 264 ff., 271, 274, 278 f., 287 f. 


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die Madonna von Kevelaer am Niederrhein kehren an ihren Heiinat- 
platz zurück 1 ), nach einer äthiopischen Sage ergreift ein Marienbild 
einen Maler, dessen Gerüst der Teufel zu Fall brachte 2 ), der Bischof 
Alfonso Maria de Liguori wird einmal bei einer Marienpredigt in 
Amalfi von einem Marienbild mit Lichtstrahlen übergossen und 
meterhoch emporgehoben 3 ), und in Bralin (oder nach anderer Über¬ 
lieferung in Wien) spricht ein Marienbild zu Johann Sobieski von 
Polen 1 ). An die Zauberkraft der Bilder wurde überhaupt im ganzen 
Mittelalter geglaubt, noch Papst Johann XXII. verbot in einer Bulle 
die Anfertigung von Zauberbildern, Karl IV. soll durch ein Zauber¬ 
bild verletzt, Philipp der Schöne durch ein solches sogar getötet 
worden sein, weswegen geradezu Hinrichtungen verhängt wurden, 
und auch im Hexenhammer und in der Bulle Innocenz' VIII. gelten 
solche Dinge als Tatsache 5 ). Die in den Don Juangeschichten er¬ 
haltene Sage vom toten Gast, d. h. von der Statue des Gemordeten, 
die sich selbst zum Gastmahl bei ihrem Mörder einfindet und ihn 
dabei einem grausigen Ende überliefert, entstammt gleichfalls durch 
den spanischen Dichter Gabriel Tellez und sein Vorbild Lopez de 
Vega spätestens dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts 6 ), ja auch 
der Homunculus, der mit der jüdischen Golemsage besondere Ähnlich¬ 
keit besitzt, kommt aus der vielleicht allerdings satirisch gemeinten 
Schrift des 1493 bis 1541 lebenden Paracelsus 7 ) über die Ver¬ 
wendung in Lichtenbergs Veröffentlichungen 8 ) und in Sternes Tristam 
Shandy, 9 ) zu Goethe 10 ), wobei hervorzuheben ist, daß auch bei 
Paracelsus der Homunculus zunächst das kleine, aus Wachs, Pech 


*) Radermacher in der Festschrift f. Gomperz S. 19711'. 

3 ) Budge: Lady Maux mauuscripts »o. 2—5, p. 35 ff., p. XXXIV. 

8 ) R. Kleinpaul: Modernes Hexenwesen 1900, S. 31. 

*) Wosien: .Das historische Volkslied der Polen“, erscheint 1918 in 
„Wort und Brauch“. 

5 ) Schindler: a. a. 0., S. 132 -134. 

6 ) Kail Engel: Die Don Juan-Sage auf der Bilhne 1887, S. 20ff. 

7 ) Paracelsus: De natura reruni IX Bücher, 1. Buch: de gencratione 
rcruui (Ausgabe von 1584, S. 4 f.), vgl. M. B. Leasing, Paracelsus, sein Leben 
und Denken 1839, S. 81: Hartmann, Theophrast v. Hohenheim 1904, S. lOOf. 
Gegen Paracelsus z. B. Ettmiillcr, opera omnia I S. 496 f., Zedlers, Universal¬ 
lexikon 1735. Band XIII, Sp. 751. 

8 ) Lieh tepberg: Vermischte Schriften 1800. I S. 155 f. 

9 ) Sterne: Tristam Shandy, im Anfang. 

,0 ) Goethe-Jahrbuch von Ludwig Geiger. Bd. XXI, 1900. S. 208—223. 


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oder Lehm gefertigte und zu allerlei Hexenspuk verwendete Menschen¬ 
bild und erst später den chemisch erzeugten Menschen selbst be¬ 
deutet zu haben scheint 1 ). 

Allerdings kann weder die natürlich nicht durch die Belebung 
der Rüben zu erklärende Rübezahlsage 2 ) noch die weitverbreitete 
Vorstellung von den Zauberkräften der Alraunwurzel 3 ,) für die Sagen 
von lebenden Statuen oder künstlichen Menschen in Betracht gezogen 
werden; aber wenn man alles Angeführte überdenkt, das sich bei 
genauerer Literaturkenntnis gewiß noch stark vermehren ließe, 
wenn man erwägt, daß auch der finnische Schmiedegott Ilmarinen 
der Sage nach außer einem goldnen Schaf und einem goldnen 
Füllen auch eine goldne Frau von wunderbarer Schönheit bildet, 
die freilich weder Sprache, noch Wärme und Gefühl besitzt 1 ), wenn 
man vergleicht, daß nach litauischen Überlieferungen der Zamaiten 
auf Gottes Befehl die Engel der Schmiedekunst Ugniedokas und 
Ugniegawas eine goldne Jungfrau verfertigen, die in allem das Leben 
der Menschen führen, nur nicht zu sprechen vermag 5 ), und wenn 
man etwa noch hinzunimmt, daß auch Luther in seinem Buch vom 
Schein hamphorasch die Erzählung wiedergibt, wie die Juden „zween 
Hunde von Erz machten und setzten sie auf zwo Säulen für die 
Tür des Heiligtums — wenn nun jemand hineinging und lernte 
die Buchstaben des Schern hamphorasch und wieder herausging, 
so bollen die ehernen Hunde ihn so greulich an, daß er vor 
großem Schrecken vergaß des Namens und der Buchstaben, die er 
gelernt hatte“: so zeigt sich deutlich, wie viel im Altertum und 
Mittelalter von lebenden Statuen und sprechenden und handelnden 
Kunstwerken erzählt und gefabelt worden ist. 

*) Kiesewetter: Geschichte des neueren Occultisinus, 1891, S. 53 f. 

2 ) Zur Riibezahlsage vgl.: K. de Wyl: Rübezahl-Forschungen (Wort und 
Brauch V) 1909; Regel 1: Rübezahl im heutigen Volksglauben (Mitteilungen 
d. Schles. Gesellschaft f. Volkskunde XV, 1913 S. 111 ff.): Zacher ebenda 
1903, S. 5 ff. 

s ) Zur Alraunsage vgl.: 0. Schräder: Reallexikon der indogermanischen 
Altertumskunde 1901 I, S. 35 f.; v. Hoverka und Kronfeld: Vergleichende 
Volksmedizin 1908,1 S. 14—18; Zeitschrift f. Ethnologie 1891, XXIII. Jahrg. 
S. 726 ff.; H. Cohn: l’bcr Madragora im Jahresb. der Schles. Gesellschaft f. 
vaterländ. Kultur Bd. 65: 1888 S. 285 ff.: Wnttke: Volksaberglaube S. 230. 

4 ) Mannhardt: Die lettischen Sonnenmythen in Zeitschr. f. Ethnologie 
VII, 1875, S. 315f. 

s ) Veckenstedt: Die Mythen, Sagen u. Legenden der Zamaiten I, 1883. 

S. 34. 


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12 


II. 

Wendet sich nunmehr die Betrachtung zu der jüdischen Golem¬ 
sage im Besonderen, so sind zunächst die Vorstufen dieser Legende 
zu verfolgen. Ihre biblische Quelle bildet Psalm 139 v. 16. Hier 
heißt es bei der Schilderung der Allwissenheit Gottes 'JO ’p^i. 
„meinen Keim (golem) sahen deine Augen“. ist dabei im Alten 
Testament äna§ As/ö/uevor und wird im Targum mit "orii „meinen 
Körper“, in der Septuaginta mit dKavtQ/aöTÖv iuov, bei Symmachus 
mit dnÖQ<po)TÖv ue und in der Vulgata mit imperfectum meum wieder¬ 
gegeben, während Luther „deine Augen sahen mich, da ich noch 
unbereitet war“ übersetzt. Ob der hebräische Text die ursprünglich 
richtige Lesart bietet, ist fraglich. Von neueren Auslegern behalten 
ihn z. B. De Wette, Hupfeid, Kautzsch und Baethgen bei, uud zwar 
verdeutscht De Wette golem mit „Keim“ und bezieht sich auf eine 
Bemerkung von Buxtorf im Lexikon talmudicum *), Hupfeid, dem 
Hitzig folgt, schreibt dafür „Knaul“ und denkt an „das natürliche 
Bild des Lebensfadens, der hier noch in einem Knaul zusammen¬ 
gewickelt liegt, um später entwickelt zu werden 2 )“, Baethgen behält 
„Keim“ bei 3 ), und Kautzsch überträgt: „als ich noch ein ungestaltetes 
Klümpchen war 1 )“. Duhm liest unter Heranziehung der zweiten 
Vershälfte P'O’ „die ungeformte Masse der Lebenstage 5 )“, 

Staerck schreibt einfach „meine Tage sehen deine Augen“ und er¬ 
klärt: „Auch hier ist der Text nur zum Teil übersetzbar uud ohne 
Konjekturen nicht auszukommen 6 )“, Kittel schlägt, ebenso wie Buhl, 
als Emendation vor und gibt es mit „Deine Augen sahen alle 
meine Tage“ wieder 7 ). Gunkel schreibt „meine Geschicke“ und be¬ 
hauptet, daß man ein solches Wort hier erwarte und golmi korrumpiert 

*) De Wette: Commentar über die Psalmen. 4. Aufl. 1836, S. 276, 279. 

2 ) Hupfeid: Die Psalmen. 1862 IV S. 353. 

3 ) Baethgen: Die Psalmen (in NowacksHandkommentar zum Alten Testament) 
2. Aufl. 1897 S. 287 f. 

4 ) Kautzsch: Die heilige Schrift des Alten Testaments. 3. Aufl. 1909 II 
S. 240. 

5 ) Duhm: Die Psalmen (in Martis Kurzem Handkommentar zum Alten 
Testament) 1899 S. 287 f. 

6 ) Staerck: in den „Schriften des Alten Testaments* 4 III 1, 1911 S. 242 f. 

7 ) Kittel: Die Psalmen (in Sellins Kommentar) 1914 S. 470 f; Buhl in 
Kittel; Biblia Hebraica 1906 S. 1017 Anin. 


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sei 1 ), und nur Wünsche übersetzt „als ich noch ein Klumpen war“ 
und behält also auch unter den neuesten Kommentatoren die Lesung 
des Urtextes bei 2 ). 

Aber diese textkritische Frage ist für die Golemsage selbst von 
geringerer Bedeutung, da für diese nur die rabbinische Deutung des 
Wortes golem in Betracht kommt. Über sie schreibt Gesenius im 
thesaurus 3 ) mit bewährter Genauigkeit: 

„D“;, res convoluta, dein materia rudis et informis, nondum 
elaborata, cuius partes nondum evolutae sunt et expeditae. De 
embryone Ps. 139, 16 . . . Frequentatur vocabulum in Talmude 
de quacumque re rudi nondum elaborata et perfecta v. c. 
mrrc massae vasorum fusilium Chelim 12 § 6, yy ’Vd 'ö^i massae 
vasorum ligneorum Kimchi ad Ps. 1. c., de acubus nondum perforatis 
• Schabb. fol. 52 B, de alica, farina et mass.a panis nondum subacta 
(v. Epiphanius in Palaestina natus haer. 30 § 31: rö ydg duarEQ- 
yaörov yoAfn] ehuaeoev [6 'Eßgcunög], öjieq äourjVEVErai yövögog 
fj GE/xiöäÄEcog KÖKKOg, df/dsv tö ptjöämo elg üqtov ovveXdöv ual 
(pvgadev cet. . ..) et transfertur ad hominem rudern, opp. sapienti 
Pirke Aboth 5 § 7. Etiam apud Arabes huius significationis vestigium 
reperias, nimirum galamatun, quod Golius Dschauharium secutus 
interpretatur corpus excoriatae et exenteratae ovis absque capite et 
pedibus, pr. igitur truncum.“ 

Demnach gilt Golem als eine noch nicht ausgeformte, unvoll¬ 
endete, rohe Masse. Die Bedeutung Golem = der Tor tritt in der 
eben genannten Stelle der Pirqe Aboth entgegen: P.^3 c,-| 77 

n V?®7 „sieben Dinge kennzeichnen den Toren und sieben den 
Weisen“ und findet sich noch heute im vulgären Ostjüdischen, wo 
„a leimeneu golem“ einen „unbeholfenen Tolpatsch“ bezeichnet 4 ), 
wo golem aber auch bisweilen als verächtliche Bennung von Heiligen¬ 
standbildern Vorkommen soll 5 ). Der Sinn golem = Unvollendetes 
spricht sich in dem Sprachgebrauch aus, der — z. B. in Talmud 
Sanhedrin fol. 22 b — eine Frau, die noch nicht empfangen hat, 

*) Gunkel: Ausgewählte Psalmen. 2. Aufl. 1905 S. 251. 

*) Wünsche: Die Schönheit der Bibel I 1906 S 310. 

3 ) Gesenius: Thesaurus philologicus criticus linguae hcbraeacet cbaldaeae 
yeteris Testamenti 1 1835 S. 289. 

4 ) Strack: Jüdisches Wörterbuch 1916. S. 38. 

6 ) Nach mündlicher Mitteilung eines aus Polen stammenden Arztes. 


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golem nennt 1 ) er tritt aber besonders in den talmudischen und spät¬ 
jüdischen Adamssagen hervor 2 ). Hier wird nämlich nach Hereschit 
rabba cap. 14 behauptet, dal) der erste Mensch ursprünglich aus 
Gottes Hand als golem, als unförmiges Gebilde, hervorgegangen sei 
und von der Erde bis zum Himmel, ja auch von einem Ende der 
Erde bis zum andern gereicht habe. Er war auch — nach 
Bercschit rabba cap. 8 — zweigesehlechtig und hatte zwei Angesichte, 
bis das Weib vom Maune losgelöst wurde*). Zuerst erschien Adam 
als lebloser Körper, wie ihn schon die Apocalypse des Esra als 
corpus mortuum beschrieb 4 ), erst später hauchte ihm Gott die Seele 
ein, d. h. er warf ihm, dem riesenhaft Ungestalteten, die Seele in 
den Mund*;, wie ein Mensch in den Mund eines andern, der bei ihm. 
steht, etwas werfen kann. Schließlich bekam der Golem den ent¬ 
wickelten Menschenleib mit seinen 248 Gliedern und 365 Nerven, 
gemäß der 248 Gebote und 365 Verbote der jüdischen Thora. Däbei 
wurde seine ursprüngliche Größe auf 100 Ellen verkürzt und durch 
Abtrennung des Weibes vom Maune die Menschenschöpfung vollendet. 
Aus dieser Anschauung ist das Wort Golem für die spätere Literatur 
aufbewahrt worden und sind einige Züge der ausgebildeten Golem¬ 
sage, z. B. das riesenhafte Anwachsen des künstlichen Menschen, 
entstanden, doch waren für Jahrhunderte weder der Ausdruck noch 
der Begriff irgendwie allgemeiner verbreitet oder vielgenannt. 

Wichtiger als diese Adamslegenden mit ihrer Benutzung des 
Wortes Golem sind vielmehr die Erzählungen, welche einzelnen 


l ) Jewish Enzyclopedia VI p. 36 f. 

9 ) Weber: Die Lehren des Talmud, herausg. v. Delitzsch u. Schnedcrmann, 
1880 S. 203 f: Wunsche: Schöpfung und Sündenfall des ersten Menschenpaares 
(Ex Oriente lux II) 1906: Grün bäum: Neue Beiträge zur semitischen Sagen¬ 
kunde 1893 S. 54 f: Micha Josef ben Gorion: Die Sagen der Juden I 1913 
S. 84 f. 

3 ) Eine genaue, aber eigentümlich verschrobene Darstellung der Adamssageu 
gibt Held „Vom Golem und Schern“ („Das Reich“) 1916 S. 335 ff. 

4 ) Hilgeufeld: Die jüdische Apokalyptik 1857 S. 230. 

5 ) Die jüdische Auslegung benützt dabei den Unterschied des im Gen. 2, 7 
gebrauchten Verbums H5" „er goß, hauchte ein“ von dem anderen häufigeren 
Synonym pT*j, und Haseln erklärt, pT beziehe sich auf Entfernung, 
nDl auf Nähe: also müsse — wegen Gebrauch des letzten Wortes — der Mensch 
so groß gewesen sein, daß er dicht neben Gott stand; es bedurfte keines 
Werfens des Geistes, denn der Mensch reichte bis zum Himmel, (nach Bercschit 
rabbn XIV). 


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Rabbinen die Erschaffung künstlicher Menschen zuschreiben. So 
heißt es in einer talmudischeu Anekdote: Rabba schuf einst einen 
Menschen und schickte ihn zu Rabbi Zera; als dieser aber mit ihm 
sprach und keine Antwort erhielt, sagte er: „du bist von Zauberern 
geschaffen, kehre zu deinem Staub zurück 1 )!“ So sollen im vierten 
nachchristlichen Jahrhundert Rabbi Chaninab und Rabbi Oschija an 
jedem Freitag mit Hilfe des geheimnisvoll tiefsinnigen und unklaren 
„Buches der Schöpfung“ sich ein dreijähriges Kalb hervorgebracht 
und dies dann als Sabbathspeise genossen haben 2 ). So berichtet auch 
der noch ältere jerusalemische Talmud, daß Rabbi Josua ben Chananjah 
im ersten Jahrhundert nach Christus sich gerühmt habe, mit Hilfe 
desselben Buches aus Gurken .und Kürbissen Hirsche und Rehböcke 
machen zu können 3 ), wie auch Rabbi Papa sich einen Daemon als 
Diener geschaffen haben soll 4 ). Noch näher zur späteren Sagen¬ 
gestaltung führen die Erzählungen über den 1021—1058 lebenden 
jüdischen Dichter und Neuplatoniker Salomo ihn Gabirol und den 
1204 sterbenden Philosophen Maimonides. Ersterer soll sich nämlich 
einen weiblichen Dienstboten künstlich erschaffen haben und deshalb 
sogar vor Gericht verklagt worden sein, wobei er den Richtern zeigte, 
daß jenes Geschöpf kein selbständiges belebtes Wesen sei, indem er 
es vor ihren Augen in seine einzelnen Teile zerlegte 5 ). Letzterer 
soll einmal nach erfolgter und durch das Los entschiedenei Ver¬ 
abredung einen seiner Schüler getötet, die Leiche zerstückelt und 
unter Zauberformeln wieder mitBenutzung des „Buches der Schöpfung“ 
in einem Rezipienten aufbewahrt haben. Nach drei Monaten sieht 
er nun, so wird eTzählt, wie sich die zerstückelten Glieder unter 
der Glasumhüllung wieder aneinander zu fügen beginnen. Immer 
deutlicher treten menschliche Formen vor, im siebenten Monat zeigen 
die werdenden Organe schon Atem und Bewegung, im achten Monat 
vollkommene Gestalt. Da wird Maimonides vom Schrecken über sein 
Vorhaben erfaßt, besonders weil er glaubt, daß der nun bald voll¬ 
endete Mensch unsterblich werden würde, und fragt andre Rabbinen 


J ) vgl. Held: a. a. 0. S. 344. 

«) Laz. Goldschmidt: nyX) Das Buch der Schöpfung 1894 S. 4 f. 
Vom Golem steht im „Buch der Schöpfung* kein einziges Wort. 

3 ) Sanhedrin Abschn. VII Hai 19. 

4 ) Sanhedrin 105 *; Bloch in der „Üsterr. Wochenschr.“ 1918 S. 94. 

ß ) Jewish Ency clopediaVI, 526 ff.; Rubin: Geschichte des Aberglaubens 
aus dem Hebräischen übersetzt von J. Stern 1888 S. 98. 


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16 


um Rat. Obgleich er nun ursprünglich seinem Schüler geschworen 
hatte, den Wiederbelebungsvorgang durch keinen Eingriff zu stören, 
empfängt er auch von den anderen Gelehrten den Bescheid, er dürfe, 
um größeres Unheil zu verhüten, den entstehenden Menschen töten. 
Daraufhin zerschlägt er die Masse mit einem Hammer und verbrennt 
das „Buch der Schöpfung“, verliert aber seine eigne innere Gelassenheit 
und kommt bald in mancherlei Elend*). Der Ausdruck Golem wird 
in dieser Legende allerdings, wie es scheint, nirgends gebraucht, doch 
ist ihre Form eine beachtenswerte jüdische Parallele zu deu 
mittelalterlichen Homunculusvorstellungen. 

Von diesen vereinzelten Geschichten indessen abgesehen, scheint 
bis ins sechzehnte Jahrhundert die Golemsage durchaus nicht verbreitet, 
ja auch kaum vorbereitet und eine Sagenbildung mit dieser Bezeichnung 
überhaupt noch nicht entwickelt zu sein. Erst als die Blütezeit der 
kabbalistischen Mystik 2 ) alte Zaubergeschichten der Vergangenheit 
anfTrischte und neue hinzufügte, als durch die krause Weisheit des 
geheimnisvoll phantastischen Buches Sohar regeres Interesse an der 
Legendenfülle der ersten Schöpfungszeit geweckt wurde und über 
Entstehung und Wesen der Seele, über den Adam qadmon, den ersten 
Adam, und seine Frauen Eva und Lilith sich Fabeln und Betrachtungen 
einbürgerten, als das unaussprechbare Tetragramm 3 ) in allerhand 
Variationen, Erweiterungen und Schreibfiguren zur allmächtigen 
Zauberformel für Amulette, Beschwörungen und Wunderwerke, zum 
sogenannten Schern hamphorasch gestempelt ward, als christliche 
Alchemie und Astrologie, mittelalterlicher Aberglaube und öder 
Hexenspuk sich mit dem verworrenen Nachklange altorientalischer 
Philosophien und gnostischer Aouenlehren in den Systemen eines 
Isaak Lurja und Cajim Vidal verflochten, als die ehrwürdigen Weisen 
versunkener Geschlechter Kronzeugen und Namengeber für neue 

’) Weisel in „Sippurim“, Sammlung jüdischer Volkssagon, Erzählungen . . 
begründet von Pascheies. 6. Aufl. 1883 I S. 45 ff; Held a. a. 0. S. 361. 

a ) Zur Einführung in die Kabbala u. a.: Jost: Geschichte des Judentums 
u. seiner Sekten 1859 III S. 143 11'.; Bloch: „Die jüdische Mystik u. Kabbala“ 
in Winter und Wünsche : Die jüdische Literatur III 1897: Kiesewetter: Der 
Occultismus des Altertums I S. 321—438: Bischoff: Die Kabbalah 1903; 
Bisehoff: Die Elemente der Kabbalah 2 Bände 1913/14. 

3 ) Zum Schern hamphorasch außer obigen Werken noch: Neumark: 
Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters 1907 IS. 159 ff; Grünbaum : 
Gesammelte Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde 1901 S. 238—434: Held 
a. a. 0. S. 515 ff. 


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Träumereien und bunte Geheimniskrämereien werden mußten: da 
hat mau auch die Golemanekdoten der talmudischen Traktate wieder 
aus der Vergessenheit herausgeholt, und zu der Zeit, da Paracelsus 
mit seinem Homunoulus in vieler Munde war und die Silvester- und 
Albertsagen wie die Virgils- und Heiligengeschichten weiter erzählt 
wurden, entstand im Golem eine alte und doch auch neue jüdische 
Sagenfigur. 

Und zwar knüpfte sie sich für alle späteren und volkstümlichen 
Darstellungen au die überragende Persönlichkeit des sogenannten 
hohen Rabbi Löw. Dieser 1 ), Juda ben Bezaleel ibn Chajim, soll um 
1512 in Worms geboren sein, dann aber schon in seiner Jugend, 
da seine Familie bald aus Worms auswanderte, mit ihr in Posen 
gewohnt haben. Von 1553 — 1573 war er mährischer Landesrabbiner 
in Nikolsburg, 1573—1584 Rektor an der von ihm begründeten 
Talmudschule in Prag, 1584—1588 wahrscheinlich wieder in Posen, 
1588—1592 erneut in Prag und dann seit 1597 der hochgefeierte 
Oberrabbiner der Prager Gemeinde, bis er am 22. August 1609 
starb. Durch seine in vielen Werken niedergelegte rabbinisch- 
talmudische Gelehrsamkeit war er, ohne in besonderem Maße ein 
Anhänger oder Lehrer der Kabbala zu sein, als Vertreter der 
zeitgenössischen jüdischen Wissenschaft weitberühmt, und auch magische, 
astronomische und alchemistische Künste wurden ihm in großem 
Umfange nachgesagt. Am 16. Februar 1592 wurde er — wohl wegen 
dieser Künste — von Kaiser Rudolf II. in Privataudienz empfangen, 
was bei der damaligen allgemeinen Stellung der Juden als beinahe 
unerhörte Tatsache das allergrößte Aufsehen erregte. Sein und seiner 
bald nach ihm gestorbenen Gattin Perl Gräber sind bis in die Gegen¬ 
wart mit ehrenden Epitaphien auf dem alten jüdischen Friedhof Prags 
erhalten und auch von christlichen Dichtern besungen 3 ), seine 
Gestalt ist als die „des gelehrten und geheimnisvollen hohen Rabbi 
Löw, in welchem alles, was das alte Prager Ghetto Edles hervor¬ 
gebracht hat, verkörpert war“, am neuen Prager Rathaus nach der 
Schöpfung Professor Ladislaus Salouu in wirkungsvoller Statuen- 

') Zu Löws Leben vgl.: The Jewish Encyclopedia VII p. 353 ff.; 
Friedländer: im „Israelitischen Familienblatt u vom 29. 1. 1914; Kohut: 
Der alte Frager jüdische Friedhof 1897. S. 62 ff.; u. a. In allen Einzelheiten 
stimmen die verschiedenen Angaben nicht immer überein. 

2 ) Kohut: a. a. 0. S. 71 f.; eine Abbildung des Grabsteins in der Sammel¬ 
schrift „Das jüdische Prag“ 1917 S. 39. 

Mitteilungen d Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 2 


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gruppe wiedergegeben *), seine Nachkommen, deren viele geschätzte 
und bekannte Gelehrte und tüchtige Menschen voll größerer 
Wirksamkeit geworden sind, haben sich in vielverzweigten Familien 
bis in die Jetztzeit fortgepflanzt. Rabbi Löw war eine überragende 
Persönlichkeit, ein Mittelpunkt seiner Gemeinde, ein Verkörperer 
jüdischer Weisheit und jüdischen Wesens ums Jahr 1600 im Osten 
Deutschlands. Um seine Gestalt hat sich ein bunter Sagenkreis 
gebreitet 2 ), und die Golemsage gehört zu ihm als besonders eigentümlich. 
Man erzählte nämlich später 3 ): Rabbi Löw habe sich dereinst aus 
Ton eine Menschenfigur geformt, ihr die Zauberformel des Sehern 
hamphorasch in den Mund gelegt und ihr dadurch Leben verliehen. 
Dieser Golem, wie man die Figur nannte, habe seinem Herrn während 
der Wochentage in allerlei häuslichen Geschäften als Knecht gedient, 
aber am Sabbath mußte ihm der Schern aus dem Munde entfernt 
werden, weil sonst die Zaubergewalt des heiligen Namens am heiligen 
Tage zu stark geworden wäre und der Golem übermenschliche Kräfte 
— auch zur Ausübung des Bösen — erlangt hätte. Als der Rabbi nun 
an einem Freitagabend die Foitnahme des Zauberpergaments aus 
dem Munde seines Geschöpfes vergessen hatte, begann der Golem 
mit ungeheuer wachsender Kraft allerlei Unfug zu verüben, an den 
Häusern, auch wohl an der Synagoge zu reißen und in den Gassen 
daherzutoben. Voll Angst holte man Rabbi Löw aus der ehrwürdigen 
Altneusynagoge, wo er sich an dem glücklicherweise noch nicht 
beendigten Eingangsgebet des Sabbaths beteiligte 4 ). Die Gemeinde 
wiederholte nun, um den Beginn des für den Golem so gefährlich 
wirksamen Sabbaths noch hinzuziehen, die bereits gesungenen Strophen 
zum zweiten Mal, Löw aber stürzte auf die Straße, warf sich auf 
den Golem und riß ihm die Zauberformel aus dem Mund. Daraufhin 
brach dieser sogleich als Lehmklotz zusammen und zerfiel in Trümmer, 

*) „Das jüdische Prag“ 1917 S. 40 und erstes vollseitiges Bild. 

*) vgl.: Ch. Bloch: „Aus dem Leben des hohen Rabbi Löw“, Neue 
Golemsagen in Blochs Österreichischer Wochenschrift. Jahrgang XXXIV 1917 
Nr. 36 ff.: Nathan Grün: Der hohe Rabbi Löw und sein Sagenkreis 1885 
S. 33 ff. 

3 ) siehe die Darstellung in den „Sippurim“ begründet von Pascheies 
1883. 6. Aull. I S. 51 f.; „Sippurim“ Ghettosagen, jüd. Mythen und Legenden. 
Volksausgabe 3. Aull. 1909 S. 10 f.: Bischoff: die Kabbalah 1903 S. 88 ff.; 
Held a. a. 0. 346 ff. 

4 ) Gemeint ist das Gebet: Lekha dodi; vgl. z. B. Fiebig: Das Judentum 
von Jesus bis zur Gegenwart (Religionsgesch. Volksbücher) 1916 S. 43 ff. 


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die noch viele Jahrhunderte später der Sage nach auf dem öodeu 
der Altneusynagoge zu sehen waren, der Rabbi wagte aber nicht 
mehr, aus Scheu vor ähnlichen Begebenheiten, sich einen zweiten 
Golem zu verfertigen. 

Ungelahr so lautet, allerdings mit manchen Ausschmückungen 
und Verschiedenheiten, die, wie gesagt, später höchst volkstümliche 
Golemsage des hohen Rabbi Löw. Nach ihm schreibt man die 
Fähigkeit, Golems zu verfertigen, auch einigen andern Rabbinern zu, 
so einem Rabbi Elia von Wilna, den im 18. Jahrhundert lebenden 
Rabbi Israel Baal-Schem-tob und Rabbi Mose von Köln und einem 
um das Jahr 1800 lebenden Rabbi David Jaft’6 in Dorhizyn, der 
seinen Golem geradezu als nichtjüdischen Feiertagsarbeiter, als 
Sabbathgoi, verwendete, bis dieser einmal, als er Feuer machen 
sollte, aus Unachtsamkeit einen großen Brand hervorrief und dabei 
selbst von den Flammen vernichtet wurde 1 ). Daß dies aber nur 
eine populäre Vergröberung des beliebten Sagenstoffes darstellt, 
leuchtet ein. 

Nun ist aber höchst auffallend, daß sich in der älteren Literatur 
über Rabbi Löw keinerlei oder so gut wie keinerlei Erwähnung der 
Golemgesehichte findet. So bietet das mit Löw gleichzeitige Chronik¬ 
werk von David Gans (gestorben in Prag 1613), das den Titel 
Tn nos „Gewächs Davids“ führt 2 ), unter dem Jahre 1592 zwar 
Bericht von den Schriften Löws und seiner Audienz bei Rudolf II., 
erwähnt aber des Golems mit keinem Wort 3 ), wie auch die im Anfang 
des 18. Jahrhunderts von seinem Nachkommen Mose Meier Perls 
geschriebene Biographie des berühmten Prager Rabbiners über die 
Sage völlig schweigt 4 ). So verzeichnet auch Joh. Christoph. Wolf 
an mehreren Stellen seiner Bibliotheca hebraea von 1715—1733 zwar 
genau Löws Werke, wobei er den jüdischen Gelehrten bald Rabbi 
Juda ben Bezaleel, bald Rabbi Liva oder Leon de Praga nennt, 
enthält aber vom Golem keine Notiz 5 ), und Zedlers Universallexikon 

J ) The Jewish Encyclopcdia VI p. 38; Held a. a. 0. S. 364: C'hajiin 
Bloch: Östcrr. Wochensehr. 1918 Ko. 6. 

'■*) vgl. Grätz: Volkstümliche Geschichte der Juden 5. Aull. Bd. III S. 296. 

3 ) In der gebräuchlichen Ausgabe des T*“ 112* p. 46 » 

4 ) Nach gütiger Mitteilung von Herrn Professor L)r. Brann in Breslau; 
über Meier Perls: Megilloth Jochasin 1718 vgl. auch N. Grün: Der hohe Rabbi 
Löw 1885 S. 2 ff., besonders S. 37. 

5 ) Joh. Christoph. Wolf: Bibliotheca hebraea 1715 33 I 418 f., III 304—306, 
IV 829 f. 

2 * 


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20 


folgt gänzlich seinem Beispiel 1 ). Ebenso findet sich weder bei 
Eisenmenger 2 ), noch in den von mir eingesehenen christlichen Werken 
des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts über die damals stark 
umsonnene Kabbala, wie bei Hackspan und Buddeus 3 ), vom Golem 
des Rabbi Löw irgend eine Spur. Und Schudt erwähnt zwar in 
einer sehr beachtenswerten Stelle 4 ) seiner „jüdischen Merkwürdigkeiten“ 
unter andern Kuriositäten jüdischer Zauberei auch den Golem und 
sagt: „Der bekehrte Jud Breutz im Jüdischen Schlangenbalg 
lib. I p. 5 sagt: Eine andere Zauberei haben sie, welche Hamor 
Golim genannt wird, da machen sie ein Bild von Leimen, einem 
Menschen gleich, zischpern oder brumlen demselben etliche 
Beschwerung in die Ohren, davon dann das Bild gehet“, führt auch 
einige andere Literaturbelege für diese Überlieferung an und bemerkt 
weiterhin: „sonderlich sollen die heutige Polnische Juden in dieser 
Kunst Meister seyn und den Golem offt machen, dessen sie sich 
in ihren Häusern, wie sonsten die Kobolden oder Hauß-Geister, zu 
alllerhand Hauß-Geschäften bedienen; Arnoldus in Mantissa ad 
Sutam Wagenselii p. 1198 sequ. und auß ihm Tentzel M. U. ad 
annum 1689 p. 145 ss. beschreibts also: Sie machen, nach gewissen 
gesprochenen Gebetern und gehaltenen Fest-Tagen, die Gestalt eines 
Menschen von Thon oder Leimen, und wenn sie das Sehern Hamphorasch 
darüber sprechen, wird das Bild lebendig, und ob es wohl selbst 
nicht reden kann, verstehet es doch, was man redet und ihm befiehlt, 
verrichtet auch allerley Hauß-Arbeit; an die Stirn des Bildes schreiben 
sie ros Emet (oder Emmes, wie sie es außreden) d. i. Wahrheit; 
es wächst aber ein solch Bild täglich, und da es anfänglich gar 
klein, wird es endlich größer als alle Hausgenossen, damit sie ihm 
aber seine Kraft, dafür sich endlich alle im Haus fürchten müssen^ 
benehmen mögen, so löschen sie geschwind den ersten Buchen 8 an 
dem Worte nox an seiner Stirn auß, daß nur das Wort no metli 
(oder wie sie es aussprechen mes) d. i. todt übrig bleibt, wo dieses 
geschehen, fällt der Golem über einen Hautfen und wird in den 

*) Zcdlers Universallexikon 1735 Bd. XIV Sp. 1490 f. 

2 ) Eisenmenger: Entdecktes Judentum. 1711. 

3 ) Hackspan: Miscellaneorum sacrorum libri duo et Cabbalac Judaicae 
brevis expositio 16bO; Buddeus: Introductio ad historiam philosophiaeEbraeorum 
1720. 

4 ) Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten 1714 Band II Buch VI cap. 31 
§21 (Seite II 207 zweite Zählung); Jacob Grimms unten angeführte Notiz ist 
sicherlich von Schudt abhängig. 


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vorigen Thon oder Leim resolviret: Joh. Schmidt im feurigen Drachen- 
Gifft L. 8 sect. 3. p. 61 setzet die Zeit ihres Dienstes nur auf!' 
40 Tage, „daß sie vierzig Tage außer den Reden, allerley menschliche 
Geschaffte verrichtet, und wo man sie hingeschickt, auch einen weiten 
Weg, wie Botten, Briefe getragen; aber wenn man-ihnen nach den 
vierzig Tagen nicht alsbald die Zettel von der Stirn abgenommen, 
ihrem Herrn und den Seinigen entweder am Leib oder am Gut, oder 
am Leben großen Schaden getlian.““ Schudt kennt also eine etwas 
andre, sichtlich im polnischen Judentum mündlich volkstümlich 
überlieferte Form der Golemsage, bei welcher das riesenhafte An¬ 
wachsen des Golems eine alte Erinnerung an die talmudischen Adams¬ 
legenden, die Anwendung des Wortes emeth eine der beliebten jüdischen 
Sprachspielereien ist, aber auch Schudt kennt keine Erwähnung 
des Rabbi Löw als eines Golembildners, sondern schließt seine 
Darstellung vielmehr mit dem wertvollen Satze: „Sie erzählen, daß 
ein solcher Baal Schern in Pohlen, mit Nahmen R. Elias, einen 
Golem gemacht, der zu einer solchen Größe gekommen, daß der 
Rabbi nicht mehr an seine Stirn reichen und den Buchstaben « auß- 
löschen können, da habe er diesen Fund erdacht, daß der Golem 
als ein Knecht ihm die Stieffeln ausziehen sollen, da vermeynte er, 
wenn der Golem sich würde bücken, den Buchstaben an der Stirn 
außzulöschen, so auch angieng, aber da der Golem wieder zu Leimen 
ward, fiel die ganze Last über den auf der Bank sitzenden Rabbi 
und erdrückte ihn.“ 

Nun hat freilich neuerdings Chaim Bloch in einer Artikelreihe der 
„Österreichischen Wochenschrift“ von J. Bloch eineAnzahl von Legenden 
über Rabbi Löw und seinen Golem aus einer bisher unbekannten 
Quellschrift mitgeteilt, die er mit den Worten „ein in hebräischer 
Sprache und Schrift gedrucktes, schmuckloses Büchlein, das sich 
„Wunder des Rabbi Löw“ nennt, vor etwa dreihundert Jahren ver¬ 
faßt wurde und mit tragischen Episoden und entzückenden Legenden 
vollgefüllt ist,“ näher beschreibt 1 )- Aber schon der Umstand, daß 


l ) Blochs Artikel: „Aus dein Leben des hohen Rabbi Löw“ erschienen in 
Blochs „Österreich. Wochenschrift“ vom 14. 9. 1917 No. 36 ab. Auf eine 
schriftliche Anfrage teilte mir Herr Bloch freundlichst mit: „Die angeblich von 
Rabbi Joseph Cohn (Schwiegersohn des Rabbi Löw) gemachten Aufzeichnungen 
sollen sich — wie es in der allerdings sehr primitiv geschriebenen Einleitung heißt 
— in einer Bibliothek in Metz befinden.“ Der ganze Stoff ist in der Blochschen 
Sammlung anekdotenhaft und novellistisch behandelt, die populäre und den 


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hier, nach Blochs Ausspruch, der Golem „zum Künstler, zu einem 
Sherlock Holmes“ gemacht ist, zeigt, daß dieses Büchlein in der von 
allen andern gebräuchlichen Formen der Sage abweichenden und 
nur an eine bei Held verzeichnete mündlich überlieferte ostjüdische 
Tradition 1 ) gemahnenden Eigentümlichkeit seiner Darstellung ohne 
merkbaren literarischen Einfluß und daher auch ohne weitere Verbreitung 
geblieben sein muß, ja daß es in der eigentlichen Geschichte der 
Golemfrage eine ziemlich bedeutungslose und in sich etwas ver¬ 
schwommene Größe darstellt Fraglos scheint daher zu bleiben, und 
Herr Professor Bloch 2 ) bestätigte mir freundlichst durch eine Zu¬ 
schrift vom 15. August 11» l<> diese Annahme, daß die Verbindung 
der Golemsage mit der Person des berühmten Prager Rabbiners vor 
dem neunzehnten Jahihundert literarisch kaum nachweisbar ist und 
daher irgend welche Mittelglieder aufzusuchen sind. 

Diese bieten sich auch in der Überlieferung über den seiner 
Zeit berühmten, später aber wenig bekannten Kabbalisten Elijah von 
Cholm, der um 1550 geboren ist und, seit 1565 in der Talmudschule 
des Rabbi Salomon Lurja in Lublin unterrichtet, als polnischer 
Rabbiner sich einen großen Ruf erwarb 3 ). Er wurde als Verwender 
des Schein hamphorasch zu Zauberkünsten auch Baal schem „Herr 
des Schem“ genannt, er ist unzweifelhaft in der oben ange¬ 
führten Notiz aus Schudt „Jüdischen Merkwürdigkeiten“ gemeint. 
Unter Berufung auf die Künste seines Ahnen behandelt auch 
Elijahs Nachkomme, der als bedächtiger Schriftsteller bekannte 
Hamburger Rabbiner Ha'<am Zewi Aschkenasi*) um 1705 in seinem 
Buche der Responsen die Frage, ob unter den für Abhaltung eines Syna¬ 
gogengottesdienstes notwendigen zehn Teilnehmern (dem sogenannten 
Minjan) auch ein künstlicher Mensch mitgezählt werden könne, 
was Zewi Aschkenasi verneint 5 ). Und noch deutlicher erzählt Azu- 

christliclicn Judcnanklagen gegenüber apologetische Ausschmückung des ganzen 
beweist, daß der Stoff bereits zu einer umfangreichen volkstümlichen Legende 
weiterentwickelt ist. Für die wissenschaftliche Frage nach der Entstehung 
des Golemmotivs läßt sich daher ans der an sich interessanten Arbeit Blochs 
kaum etwas Neues gewinuen. 

*) Held: a. a. 0. S. 373 ff.; siehe unten. 

s ) Herr Professor Bloch aus Posen ist der bekannte Kenucr der Kabbala, 
nicht mit dem genannten Herrn Ohaim Bloch zu verwechseln. 

8 ) The Jcwish Encyclopedia V, p. 130, IV p. 37. 

4 ) Graetz a. a. O. III. S. 440. 

6 ) Kesponsa No. D3; Held a. a. 0. S. 3ß4. 


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1 


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lai 1 ) in seinem 1774 erschienenen Werke Schein hagedolim von 
Elija von v Cholin, daß er mit Hilfe des Sehern einst einen Golem 
gebildet habe. Da dieser Golem aber riesenhaft unförmige Größe 
annahm, habe der Rabbi aus Furcht, sein Gebilde könne die Welt 
zerstören, den Schern aus der Vorhaut des Golems, wo er verborgen 
lag, entfernt und den Golem dadurch wieder zu Staub verwandelt. 
Die Erzählung von einem Golem des Rabbi Elijah von Wilna scheint 
weiterhin nur eine durch die Namensgleichheit mit Elijah von Cholm 
entstandene Abart von der Sage dieses letzteren zu sein 2 ), und aus 
allem festzustehen, daß im achtzehnten Jahrhundert die Golemsage 
ganz vorherrschend — wenn nicht ausschließlich — an die Gestalt 
des Elija von Cholm gebunden war, in ihrer Form die Abhängigkeit 
von den talmudischen Adamssagen bezeugte und mindestens bis ins 
siebzehnte Jahrhundert, zum Teil durch allgemein verbreitete Vor¬ 
stellungen ihrer Zeit unterstützt, zurückzuführen ist. Erst später 
hat sich dann, auf volksmäßige Überlieferungen, die sich vielleicht 
schon frühzeitig besonders in Prag entwickelt haben und möglicher¬ 
weise bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichen, gestützt, die 
Sage auf den der Nachwelt besonders bekannten, durch sein Grabmal 
und seine Nachkommen noch weiter wirkenden Heros des Prager 
Judentums, den hohen Rabbi Löw, übertragen 3 ). Der Ruhm seiner 
Audienz bei Rudolf II. und die Legenden von seinen sonstigen 
Wunderfertigkeiten wie das Andenken an seine imponierende Persönlich¬ 
keit erleichterten diese Übertragung, vielleicht sprach auch der 
Umstand ein wenig mit, daß der Name von Löws Vater Bezaleel ben 
Chajim einerseits an den Exod 37 10 genannten in Modellarbeiten, 
Holzschnitzerei und GebildWirkerei erfahrenen Verfertiger der bib¬ 
lischen Stiftshütte Bezaleel, andererseits durch seinen zweiten Bestand¬ 
teil an D<l 'n „Leben“ gemahnt. Elijah von Cholm ist dann allmählich 
vergessen worden; der Sohn Bezaleels, der ideale Vertreter jüdischer 
Weisheit und Würde, der hohe Rabbiner der ehrwürdigen Altneu¬ 
synagoge zu Prag setzte sich im Herzen der ihn bewundernden und 
auf ihn stolzen Juden späterer Jahre an Elijahs Stelle und in Elijahs 
Erbe, bis er als Verfertiger des Golems auch in der Dichtkunst und 
in den Romanen der Gegenwart geschildert wurde. 

J ) The Jcwish Encyclopedia II p. 375; Azulai: Schein hagedolim 
I 163. 

2 ) The Jewish Encyclopedia VI 37. 

3 ) So nimmt auch Herr Professor Bloch in seinem Brief an mich an. 


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24 


III. 

Wann aber tritt diese Golemsage, zumal in Bezug auf Rabbi 
Low, zuerst in der allgemeinen Literatur hervor? Auch hier scheinen 
sich besondere Verhältnisse zusammen zu finden. Die erste mir 
bekannt gewordene nicht fachwissenschaftlich beschränkte Erwähnung 
des Golems stammt von Jacob Grimm. Er hat in der „Zeitung für 
Einsiedler“ vom Jahre 1808 Nr. 7 S. 56 folgende Notiz eingerückt, 
die dann auch in seine „kleineren Schriften“ 1 ) aufgenommen wurde: 

„Die polnischen Juden machten nach gewissen gesprochenen ge¬ 
beten und gehaltenen fasttägen die gestalt eines menschen aus thon 
oder leimen, und wenn sie das wunderkräftige schem-hamphoras 
darüber sprachen, so musz er lebendig werden, reden kann er zwar 
nicht, versteht aber ziemlich, was man spricht und befiehlt, sie 
heiszen ihn Golem, und brauchen ihn zu einem aufwärter, allerlei 
hausarbeit zu verrichten, allein er darf nimmer aus dem hause gehen, 
an seiner stirn steht geschrieben TDK aemaelh (Wahrheit, gott), er 
nimmt aber täglich zu, und wird leicht gröszer und stärker denn 
alle hausgenossen, so klein er anfangs gewesen ist. Daher sie aus 
furcht vor ihm den ersten buchstaben auslöschen, so dasz nichts 
bleibt als no maeth (er ist todt), worauf er zusammenfällt und 
wiederum in thon aufgelöst wird. 

, Einem ist sein Golem aber einmal so hoch geworden und hat 
ihn aus Sorglosigkeit immer wachsen lassen, dasz er ihm nicht mehr 
an die stirne reichen können. Da hat er aus der angst dem knecht 
geheiszen, ihm die Stiefel auszuziehen, in der meinung, dasz er ihm 
beim bücken an die stirne reichen könne. Dies ist auch geschehen, 
und der erste buchstabe glücklich ausgethan worden, allein die ganze 
leimlast fiel auf den juden und erdrückte ihn.“ 

Daß Grimm in dieser Notiz von Schudt abhängig ist, wird zwar 
nirgends ausdrücklich gesagt, kann aber bei einem Vergleich der 
beiderseitigen Angaben wohl als zweifellos gelten. Durch Grimm 
- lernte dann Achim von Arnim die Golemsage kennen*) und ver¬ 
wertete sie in seiner 1811 veröffentlichten Novelle „Isabella von 


■) Jakob Grimm: Kleinere Schriften 1869 Bd. IV, S. 22. Die Bemerkung 
trägt dabei die rätselhafte Überschrift: „Entstehung der Verlagspoesie.“ 

*) Vgl. Morris: Achim von Arnims ausgewählte Werke Leipzig b. Hesse. 
Bd. IV, S. 14. 


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Ägypten“ *), wo die fautastische Gestalt eines weiblichen Golems, der 
durch Zauberkünste eines Juden geschaffen und mit Hilfe des Wortes 
Tön belebt wird, die sonderbarsten Verwicklungen hervorruft und 
schließlich durch Auslöschen des Buchstabens x zu Grunde geht. 
Die Beziehung der Golemsage auf den Rabbi Löw fehlt bei Arnim 
wie bei Grimm und Schudt noch völlig, aber die allgemeine Literatur 
jener Zeit wurde durch des Dichters Novelle auf die Golemgestalt 
aufmerksam gemacht. Und diese Zeit war für Verbreitung und Ver¬ 
wertung derartiger Sagen besonders geeignet, denn in ihr, das heißt 
um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts und 
in den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts, waren die 
Geschichten von lebenden Statuen und von Versuchen mit künstlichen 
Menschen besonders beliebt und oft dargeboten. Bodmer veröffent¬ 
lichte 1747 seine Dichtung „Pygmalion und Elise“, Goethes Homunculus 
beschäftigte viele tausend Leser seines Faust, durch Mozarts Don 
Juan war seit 1787, der ersten Aufführung jener genialen Oper, 
auch der steinerne Gast eine mit angenehmem Schauder betrachtete, 
weit über Deutschlands Grenzen bekannte und die Erinnerung au 
spanische und französische Vorläufer neu auffrischende Bühnenfigur 
geworden. Dazu kamen die mancherlei automatischen Kunstwerke, 
die damals in weiten Kreisen das Tagesgespräch bildeten. So soll 
im Jahre 1655 der Jesuit Athanasius Kircher eine Statue verfertigt 
haben, die die nach Rom kommende Königin Christina von Schweden 
gerufen und ihre Fragen beantwortet habe; so verfertigte Magister 
Joh. Valentinus Merbitz, gestorben 1704, einen Bescheid gebenden 
und mehrere Sprachen redenden Wunderkopf, den sich der Dresdener 
Hof und mehrere Minister vorführen ließen 2 ). So konstruierte der 
1782 verstorbene französische Mechaniker Vaucanson seine berühmten, 
sich bewegenden und scheinbar lebenden Automaten, so wurde in 
Paris 1783 eine dreizehn Zoll hohe Puppe gezeigt, die frei an 
Bändern hing, eine Art Trompete an den Mund nahm und viele an 
sie gerichtete Fragen deutlich beantwortete. So wurden die Sprech¬ 
maschine und der weltbekannte automatische Türken-Schachspieler 
des 1804 verstorbenen Wolfgang Ritter von Kempelen 3 ), der mecha¬ 
nische in Vaucansonscher Art hergestellte Flötenspieler und der 

*) Arnims „Isabclla v. Ägypten 4- ist in Meyers Volksbüchern Nr. 530/531 
enthalten. 

*) Vgl. Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten II 205f. (zweite Abteilung). 

3 ) Hermann: Alt und Neu, Vergangenheit und Gegenwart. 1883, S.408f. 


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unter einer Glasglocke tanzende und springende oder auf einer Tisch¬ 
platte ruhende, Antwort gebende Kopf vielfach angestaunt und be¬ 
wundert. Größere Werke wie die von Wiegleb 1 ) und von Eckarts¬ 
hausen 2 ) beschäftigten sich mit diesen Figuren, Anekdotensammlungen 
wußten von künstlichen Menschen zu erzählen 3 ), und noch um 1820 
hatten die Sprechmaschine von Posch und um 1840 die des Wiener 
Professors Faber bei ihren öffentlichcu Schaustellungen viel Glück. 

Ja, auch führende Schriftsteller dieser Jahrzehnte wurden von 
solchen Liebhabereien beeinflußt. Beispielsweise schilderte Jean 
Paul in einer humoristisch und satirisch angelegten, aber breit ge¬ 
schriebenen Abteilung seiner „Auswahl aus des Teufels Papieren“ 
die „einfältige aber gutgemeinte Biographie einer neuen, angenehmen 
Frau von bloßem Holz, die ich längst erfunden und geheiratet“, 
wobei in ergötzlicher, aber absonderlicher Genauigkeit die Anfertigung, 
Vorzüge und Fähigkeiten solcher Figur auseinandergesetzt werden 4 ). 
E. T. A. Hoffmann verfaßte 1816 seine schauerlich mystische Novelle 
„der Sandmann“ 5 ), in der die Puppe des Professors Spalanzani, 
Olympia genannt, durch ihre automatische Menschenähnlichkeit eine 
ebenso bedeutende wie verderbliche Rolle spielt, und behandelte 
schon 1814 einen ähnlichen Stoff in seinen „Automaten“, wo die 
Figur des redenden Türken besonders hervortritt und durch das sie 
umschwebende Geheimnis dem Dichter ein völliger Abschluß der 
Novelle sogar unmöglich gemacht wird 6 ). Auch in Arnims „Gräfin 
Dolores“ wird neben ähnlichen Motiven ein automatischer Apparat 
erwähnt 7 ); und wie Ludwig Tieck in dem Märchen „der Runenberg“, 
das in seinem 1812 veröffentlichten „Phantasus“ enthalten ist, die 
alte Alraunsage in neuer Auffassung für seine Ausführungen ver¬ 
wertete 8 ), so bildete etwas später die mittelalterliche Geschichte von 

*) Wieg leb: Die natürliche Magie 1786 I S. 257 ff., 268 ff., II S. 231—250. 

a ) v. Eckartshausen: Aufschlüsse zur Magie 1791, III S. 339 ff., 863 ff., 

367 ff. 

s ) Antihypondriakus oder etwas zur Erschütterung des Zwergfells und 
zur Beförderung der Verdauung 1792, Eilfte Porzion; vgl. E. T. A. Hoffmanns 
sämtliche Werke herausgeg. v. G. von Maassen, III Bd. 1909, S. XII ff. 

*) Jean Paul Richter: Sämtliche Werke 1841, IV. Bd. S. 360—396. 

4 ) E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke hcrausg. von v. Maassen III, S. 3ff. 

«) E. T. A. Hoffmann: a. a. 0. Bd. VI 1912, S. XXXV—XL1V, 87—120. 

’) v. Arnim: Gräfin Dolores, Ausgabe von 1810. Bd. II S. 60 ff. Auch 
an die Puppe in Brentanos „Gockel u. Hinkel“ sei erinnert. (Brentano» 
Werke herausg. v. Reitz, II S. 427 ff.). 

*) L. Tieck: Phantasus 1812, Bd. I S. 239—272 


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der Venusstatue mit dem Ring den Inhalt mehrerer vielgelesener 
Novellen. Sie bearbeitete 1819 Eichendorff in seiner stimmungsvoll 
feinsinnigen Erzählung „das Marmorbild“ *), sie gab den Hintergrund 
zu Gaudys 1838 abgefaßter Geschichte „Frau Venus“, die er seinen 
„Venetianischen Novellen“ einverleibte *), sie fand auch in einer 
Novelle von Prosper Merimße aus dem Jahre 1837 „La V6nus d'Ille“ 
eine packende, französischen Geist atmende Wiedergabe 3 ). Kurz, 
Dichtungen und Erzählungen, die sich mit dem Inhalt der Golem¬ 
sage berühren, waren im Anfang des 19. Jahrhunderts allgemein ver¬ 
breitet, wie sich auch aus dem 1831 von Mrs. Shelley geschriebenen, 
1912 von Widtmann verdeutschten höchst sonderbaren Roman 
„Frankenstein oder der moderne Prometheus“ beweist, in welchem 
die Schöpfung eines künstlichen monströsen Menschen und alles von 
ihm über die Familie seines Verfertigers und diesen selbst herein¬ 
gebrachte entsetzliche Unglück mit grandioser Unnatürlichkeit bis 
zum gemeinsamen Untergang im Polareis — allerdings ohne Er¬ 
wähnung und wohl auch ohne Kenntnis der Golemsage — geschildert 
wird 7 ), wie sich aber auch aus Gottfried Kellers 1872 geschriebenen 
„Sieben Legenden“ mit ihrer Verwendung der Sagen von belebten 
Marien- und Heiligenbildern ergeben kann 4 ). 

Deshalb ist es auch eigentlich nicht verwunderlich, wenn nun 
die Golemsage gleichfalls öfters in der deutschen Literatur behandelt 
wird, wobei sie jetzt fast durchgängig die unterdessen in der volks¬ 
tümlichen Überlieferung herrschend gewordene Beziehung auf den 
hohen Rabbi Löw wahrt. 

Hierher gehört zunächst die gelegentliche Erwähnung, die Auer¬ 
bach in seinem 1837 erschienenen Roman „Spinoza“ von Rabbi 
Löws Golem einfügt 5 ). Als das Märchen einer aus Deutschland 

! ) Eicbendorff: Werke herausgeg. v. Dietze, Bd. II, S. 321—370; 
Engel: Geschichte der deutschen Literatur, 14. Aull. 1912, II S. 60. 

2 ) Franz Freiherr Gaudy: Ausgewählte Werke, herausgeg. v. Siegen 
III, S. 37-53. 

3 ) Mer imee’s Novelle erschien in der Revue des deux mondes; deutsch 
bei Reclam Nr. 5168; vgl. Klapper in den Mitteilungen der Schlesischen 
Gesellschaft für Volkskunde XI, S. 132 ff. 

4 ) Shelley: Frankenstein oder der moderne Prometheus, deutsch von Widt¬ 
mann 1912. 

ß ) G. Keller: Gesammelte Werke. Bd. VII S. 369 ff., 378 ff., 394 ff. 

6 ) Auerbach: „Spinoza. Ein Denkerleben“. Ausg. v. Hesse-Leipzig, 
. 148 f. 


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28 


stammenden geschichtenkundigen Judenmagd Chaja wird die Erzählung 
von der Schöpfung der Lehmfigur, ihrer Belebung durch ein in einer 
Öffnung des kleinen Gehirns verborgenes Pergament mit dem Gottes¬ 
namen, ihrer Hausarbeit, ihrer sabbathlichen Ungebühr, ihrer Ver¬ 
tilgung und der daher kommenden Prager Sitte, das Sabbathlied 
zweimal zu singen, berichtet, wobei ein philosophisch-satirischer 
Schluß nicht fehlt 1 ). 

Ein eigenes populär gehaltenes Gedicht über den Golem ver¬ 
öffentlichte dann im Jahre 1841 Gustav Philippson in der „All¬ 
gemeinen Zeitung des Judentums “ 2 ). Hier kann der Golem auch 
reden und nach seiner Erschaffung dem Rabbi selbst Anweisung 
über seine Behandlung am Sabbathanfang geben. Die Katastrophe 
verlegt Philippson auf das Versöhnungsfest, den Jom Kippurim. 
Bei seinem Beginn entsteht ein eigentümlicher Wirrwarr in der 
Synagoge: 

„Schon ist ja zum Ersticken das ganze Bethaus voll, 

Und furchtbar ist das Lärmen, und alles schreit wie toll; 

Und nichts als Totenköpfe erblickt man in der Luft, 

Sie suchten mit den Augen die stille Totengruft. 

Doch endlich kommt der Rabbi, er merkt das Geisterheer: 

„Werft ab die Sterbekleider und betet keiner mehr, 

Es sind die Toten alle in unserm Tempel hier; 

Ich hab’ in meinem Golem vergessen das Papier.“ 

Er holt dies nun noch vor Sternenaufgang aus dem Golem heraus 
und verschwört sich, keinen ähnlichen Geist mehr als Diener an¬ 
zunehmen: 

„Und nach dem Friedensfeste nimmt er mit ernstem Sinn 
Das Bild von Lehm und Erde und legt es vor sich hin 
Und spricht dann eiuen Segen und nagelt's an die Wand, 

Das ist der Geist, der Golem, wie er in Prag bekannt. 

Das Bild ist da noch heute, von dem man viel erzählt, 

Doch hab' ich diese Sage davon nur ausgewählt.“ 

Im folgenden Jahre 1842 brachte Abraham M. Tendlau in 
seinem „Buch der Sagen und Legenden jüdischer Vorzeit“ ein 


1 ) „Der hohe Rabbi Löw hat gewiß nicht an Cartesius gedacht, und doch 
hatte sein Golem so viel Leben als alle Menschen, wenn man sich mit der 
neuen Ansicht vereinigt: der Zusammenhang zwischen Seele und Körper sei 
so locker, daß er jeden Augenblick aufgehoben und wiederhergestellt werden 
könne.“ (a. a. 0. S. 149). 

2 ) Philippson: „Der Golem“ in der „Allgem. Zeitung des Judentums“, 
V. Jahrgang 1841. S. 629-631; Held: a. a. 0. S. 357 f. 


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*29 


ziemlich ungeschicktes Gedicht 1 ), das er „Der Golem des Hohen 
Rabbi Löw“ betitelt, das ganz wie Auerbach die Sage erzählt, und 
in dem es zum Schlüsse heißt, auf der Synagoge in Prag sei auf 
dem Speicher noch des Golems Tongebein zu sehen, und das 
Sabbathlied werde seitdem in Prag stets zweimal gesungen. 

Übrigens ist noch die bedeutsame Anmerkung Tendlaus be¬ 
achtenswert, daß ihm die Golemsage nur durch mündliche Über¬ 
lieferung bekannt sei. 

Aus dem Jahre 1844 stammt auch ein tiefempfundenes Gedicht 
von Annette von Droste-Hülshoff, die mit Grimm und Achim vou 
Arnim 3 ) gut bekannt war. Es heißt „Der Golem“ und behandelt 
die Klage um eine ehedem begeisterte und dänn alltäglich gewordene 
Frauennatur. Vom Golem selbst handeln darin die Verse: 

„’s gibt eine Sage aus dem Orient 
Von Weisen, toter Masse Formen gebend, 

Geliebte Formen, die die Sehnsucht kennt, 

Und mit dem Zauberworte sie belebend; 

Der Golem wandelt mit bekanntem Schritte, 

Er spricht, er lächelt mit bekanntem Hauch, 

Allein es ist kein Strahl in seinem Aug’, 

Es schlägt kein Herz in seines Busens Mitte. 

Und wie sich alte Lieb ihm unterjocht. 

Er haucht sie an mit der Verwesung Schrecken; 

Wie angstvoll die Erinnrung ruft und pocht, 

Es ist in ihm kein Schlafender zu wecken, 

Und tief gebrochen sieht die Treue schwinden, 

Was sie so lang und heilig hat bewahrt, 

Was nicht des Lebens, was des Todes Art, 

Nicht hier und nicht im Himmel ist zu finden.“ 

Daß die Dichterin die ihr wohl aus der Romantik bekannt ge¬ 
wordene Sage schöpferisch ausgestaltet und symbolisiert hat, ist 
deutlich, ähnlich wie später Theodor Storm 1 ) in einem kleinen Gedicht 
„Ein Golem“ um diesen „Kerl von Leder“ seinen Humor spielen 


1) Tendlau: a. a. 0. S. 16- 18: Held: a. a. 0. S. 347 ff. 

2 ) A. v. D r o s tc-H n 1 sho f f: Letzte Gaben [Ges. Schritten bei Cotta I 
S. 288 f.]; zuerst im „Morgenblatt für gebildete Stände“ 1S44 erschienen. 

3 ) A. v. Droste: Ges. Werke, Verlag v. Schöningh. Herausgeg. von 
W. Kreiten 1885 1 1 S. 36 f., 40 f., 307, 419: III 333-335. 

4 ) Theodor Storni: Sämtliche Werke, Verlag v. G. Westermann, Bd. V, 
S. 278. 


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PR1NCET0N UN1VERS1TY 


30 


läüt. beide Dichtungen beweisen dadurch erneut die Verbreitung 
des Sagenstoffes um die Mitte des 19. Jahrhunderts. 

In den nächsten Jahrzehnten linden sich meines Wissens keine 
neuen Bearbeitungen der Sage, nur die hebräische Zeitschrift Ha 
Maggid brachte im Jahre 1867 eine Darstellung des Golemstoffes 1 ). 
In den achtziger Jahren indessen begegnen wieder einige wichtigere 
Behandlungen des Gegenstandes. Bermann nahm 1883 in seine eigen¬ 
tümliche Anekdotensammlung „Alt und Neu, Vergangenheit und Gegen¬ 
wart in Sage und Geschichte“ auch die Geschichten von „Rabbi Löw 
und seinen Wundern“ auf und schilderte dabei gemütlich breit die 
Sage vom ,Golem 2 ). Nach Hermanns Bericht hat Löw diesem den 
Schern unter die Zunge gelegt und ihn zum Diener an der Synagoge 
bestellt. An einem Freitagabend, als seine Lieblingstocher Esther 
tötlich krank ist und der Rabbi aus Angst um das Leben seiues 
Kindes nicht einmal zum Synagogengottesdienst gehen will, sondern 
nur daheim die fünfarmige Sabbathlatnpe anzündet, meldet man ihm 
nun, der Golem sei rasend geworden und wolle die Synagoge stürmen. 
Rasch, ehe der erste Psalm zu Ende, gesungen ist, stürzt Löw in 
das Gotteshaus, läßt mitten im Gesang, ehe noch der eigentliche 
Sabbath begonnen, innehalten, hemmt dadurch die Wut des Golems 
und wechselt dessen Talisman um. Bermann hat nämlich die eigen¬ 
tümliche Vorstellung, daß der Rabbi bei der Belebung des Golems 
die Verwendung eines Zauberspruchs vergessen habe und daher den 
Golem zu Zeiten eine die magischen Künste seines Herrn übersteigende 
Kraft erlangt. Um diese zu zügeln, habe Löw außer dem Schein 
noch für jeden der sieben Wochentage einen besonderen Talisman 
verfertigt, der vor Sternenaufgang in der Altneusynagoge umgewechselt 
werden mußte. Auch an jenem verhängnisvollen Freitagabend wurde 
nun zwar der Golem durch Auswechselung des Talismans wieder 
zur Vernunft gebracht, und die für Genesung der Tochter Löws 
ausgesprochenen Gebete der dankbaren Gemeinde bewirkten die Ge¬ 
sundung des Mädchens. Aber der Rabbi traute doch dem wieder 
redlich arbeitenden Knecht nicht mehr und nahm eines Tages bei m 
Auswechseln des Talismans auch den Zettel mit dem Sehern unter 
seiner Zunge hervor, so daß der Golem als lebloser Tonklumpen zu 
Boden stürzte. An diese Darstellung, bei welcher die nur hier 

J ) Ha Maggid, Jahrgang 1867 Supplement Nr. 42; der Artikel selbst 
war mir unzugänglich. 

a ) Bermann: Alt und Neu 1883, S. 404—407; Held: a. a. 0., S. 355 ff. 


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Original fro-m 

PRIiNCETON UNIVERSUM 



überlieferte Annahme von verschiedenartigen Talismanen im Golem 
gewiß nichts als eine ausschmückende, wohl vom Verfasser ersonnene 
Zutat ist, schließt Bermann noch eine ergötzliche, halb rationalistische 
halb gutgläubige Auseinandersetzung über die Möglichkeit, solche 
Figuren zu konstruieren und bringt die schon frühzeitig geäußerten 
Zweifel an ihrer Wunderkraft zur Sprache 1 ). 

Eine ganz andersartige Deutung der Sage versucht 1885 Nathan 
Grün in seinem wissenschaftlich angelegten Vortrag über „Rabbi 
Löw und sein Sagenkreis.“ Er meint, Löw habe mit Vorliebe seine 
gottesdienstlichen Reden und Erklärungen durch Gleichnisse bereichert 
und verdeutlicht, und so liege es nahe, daß er in einer oder mehreren 
seiner Reden auch das Gleichnis vom Golem vorgebracht, dieses 
Beifall gefunden und sich zu einem geflügelten Worte entwickelt 
habe, das später, vielleicht zur Erklärung der Prager Sitte, den 
Sabbathpsalm zweimal zu beten, auf Löw selbst anekdotenhaft über¬ 
tragen worden sei 2 ). Grün beachtet bei dieser Erklärung aber nicht, 
daß die Golemsage bereits vor dem Prager Rabbiner als solche 
existierte, und kann eine Vorliebe Löws für das Golemgleichnis, das 
übrigens auch sonst als Gleichnis kaum nachweisbar sein wird, aus 
den Schriften des Rabbiners nicht belegen. 

Eine deutliche Beziehung auf die alten Adamssagen bietet ferner 
im Jahre 1886 die gelegentliche Erwähnung des Golems, die sich 
in dem Lustspiel von Jaroslav Vrchlicky: „Der hohe Rabbi Löw“, 
verdeutscht von E. Grün findet. Hier heißt es gesprächsweise 3 ): 

„Was Volk? Das erzählt auch, Rabbi Löw habe sich aus Lehm 
eine Figur gebildet, den Golem, habe ihm eine Seele eingehaucht, 
und er müsse den Rabbi in seiner Zauberküche bedienen. Einmal 
habe dieser tönerne Bursche dem Rabbi deu Dienst verweigert, habe 
Widerstand geleistet, sei riesenhaft gewachsen, bis sein Haupt die 

*) „Zweifelsucht und das Bemühen, alle Dinge hübsch natürlich und ge¬ 
wöhnlich zu erklären, machten sich aber schon in jenen Tagen geltend, und 
es gab genug Leute, welche meinten, der Golem sei nicht ein Tonklumpen, 
sondern ein ganz gewöhnlicher, auf die natürliche Art entstandener Mensch 
gewesen, der öfter von der Krankheit Cadaxpassio (Fallsucht) heimgesucht wurde, 
deren Bezwingung dem Rabbi bei seinen medizinischen Kenntnissen und der 
Macht seiner Persönlichkeit auch ohne die Zuhilfenahme des komplizierten 
Apparates von sieben Talismanen nicht allzu schwer wurde“ (a. a. 0. S. 407). 

2 ) N. Grün: a. a. 0., S. 34 f. 

3 ) Vrchlicky: Der hohe Rabbi Löw (Jüdische Universalbibliothck 
Nr. 15) S. 26. 


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Zimmerdecke berührte, aber der Rabbi ist nicht erschrocken. Er 
hanchte ihn an, sprach irgend eine Beschwörungsformel und der 
Koloß zerfiel in ein Häufchen Staub.“ 

Ein Jahr später, 1887, berührte auch Rubin in seiner hebräisch 
geschriebenen „Geschichte des Aberglaubens“ die Golemlegende, 
und sein deutscher Übersetzer Stern fügte dazu die ziemlich sonder¬ 
bare Anmerkung 1 ): „Man kann in derlei Sagen die Sehnsucht der 
Menschen ausgedrückt sehen, von der schweren Berufsarbeit entlastet 
zu werden und sie fühllosen Apparaten aufzubürden, welche Über¬ 
menschliches leisten und beliebig zum Stillstand gebracht werden, 
eine Vorahnung der Dampfmaschinen.“ 

In diesem Zusammenhänge seien auch zwei Fassungen der Sage 
erwähnt, die mir nur aus der inhaltlich reichen, aber wegen ihres 
eigentümlichen, kabbalistisch verworrenen Grundzuges in ihren An¬ 
nahmen und Deutungen abzulehnenden Arbeit von Held bekannt ge¬ 
worden sind. Held hat von einem ostjüdischen Kabbalisten folgende 
sehr an Blochs Aufsätze gemahnende Darstellung gehört 2 ): 

„Einst schuf Rabbi Löw aus Ton und Erde ein Menschenbild, 
atmete ihm von seinem Atem ein, neigte sich über den Leichnam, 
legte den Gottesnamen unter seine Zunge, küßte ihn und sprach 
JHVH 3 ). Das tat er viermal, indem er sich nach Osten, Westen, 
Süden und Norden verbeugte. Da sich aber der Golem noch nicht 
regte, rief Löw seine drei Schwiegersöhne und machte sie wissend im 
Worte des Buches. Sie rührten am Sehern, sprachen den Gottes¬ 
namen und verbeugten sich nach den vier Winden. Da erhob sich 
der Golem und stand auf seinen Füßen. Damals wurden aber die 
Juden in Prag beim Kaiser arg verleumdet und waren in Not. 
Deshalb entsandte der Rabbi Löw den Golem, die Verleumder Israels 
auszukundschaften. Der fand diese und lauschte, während er selbst 
unsichtbar war, ihren Reden. Zu seinem Meister zurückkehrend, 
gab er Bericht, und Löw überzeugte nun den Kaiser von der Halt¬ 
losigkeit der böswilligen Verleumdungen. Dann rief er seine Familie 
zusammen, dankte Gott, rief den Golem, neigte sich über ihn, rührte 
an seine Zunge, küßte ihn uud sprach JHVH. Das tat er viermal 
unter Verbeugungen nach den vier Winden. Und ein Zittern kam 
über den Golem. Danach taten die drei Schwiegersöhne Löws ebenso 

*) Rubin: Geschichte des Aberglaubens, deutsch von J. Stern 1888, S. 99. 
J ) Held: a. a. 0., S. 373ff.; Österreich. Wochenschrift 1917 Nr. 36ff. 
s ) JHVH ist das Tetragrainm de9 hebräischen Gottesnamens T*.”!'. 


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_ 33 . 

wie er, verhüllten ihre Häupter und beteten. Und als sie nach dem 
„Schema“, dem bekanntesten jüdischen Gebete, wieder aufblickten, 
sahen sie nichts mehr von Golem dem Enthüller. Denn er war 
wieder Staub geworden und war wie Sammet ihren Füßen.“ 

Zur Erklärung dieser eigentümlichen Sagenform läßt sich 
vielleicht anführen, daß von rbi offenbar als Participium Qual 
mit Suffixen abgeleitet, „ihr Enthüller, Offenbarer“ bedeutet und 
Golem mit Golam verwechselt die Veränderung der Sage bedingt 
haben kann. Daß hier, wie Held wenigstens für möglich ansieht, 
eine originale Darstellung der alten Golemsage vorliege, ist indessen 
wohl ausgeschlossen, die Vorgeschichte der Legende spricht ent¬ 
scheidend dagegen, und der ganze Charakter dieser ostjüdischen 
Tradition zeigt kabbalistisches, wuuderhaft erbauliches Kunstgepräge. 

Auch die Novelle von Carl Baron Torresani „Der Diener“ ver¬ 
wertet die Golemsage in ihrer Art 1 ). Hier kommt der Held der 
Geschichte, ein Arzt, zu einem Rabbi Halbscheid, der einen höchst 
eigentümlichen Diener Hrynko, einen taubstummen, riesengroßen, 
starken, höchst brauchbaren Knecht, hat. In der Nacht wird der 
Arzt durch ein Geräusch geweckt. Der Diener steht vor seinem 
Bett und bedeutet ihm durch allerlei erschreckende Zeichen, daß er 
ihm etwas aus dem Halse ziehen solle. Nach schwerster Anstrengung 
gelingt es dem Arzte, ein Papierröllchen, wie ein Pakethölzchen 
groß, aus der Gurgel des Riesen herauszureißen. Im gleichen Augen¬ 
blicke entsteht gewaltiges Getöse im Haus, das Licht erlöscht, und 
der Arzt verliert das Bewußtsein. Als er sich aufgerafft und sein 
Zimmer verlassen hat, sieht er im Vorsaal den Knecht über dem zu 
Boden geworfenen Rabbiner knieen und ihn mit wütender Riesen¬ 
kraft in Stücke reißen. Das Ganze ist also eine geschickte Um¬ 
formung der Golemsage mit neuen Namen und romantischer Staffage. 

Nach dem Jahre 1900 treten weiter teilweise sehr vertiefte und 
auf allgemeine Probleme hinführende Bearbeitungen des alten Motivs 
hervor. Zunächst hat Hugo Salu9 in seiner 1903 erschienenen 
Gedichtsammlung „Ernte“ auch ein Gedicht „Vom hohen Rabbi 
Löw“ 2 ) aufgenommen. In populärer, heiter moralisierender Weise 


! ) Torresanis Novelle steht in Müuchs Novellenschatz II S. 111—119; 
Held: a. a. 0. S. 369 ff. 

a ) Hugo Salus: Ernte 1903 S. 91 f. Held a. a. 0. S. 365 f. macht 
fälschlich Esther zu Lews Tochter. Auch sein Satz: „Bedeutsam ist der 
Mitteilungen d. Schle*. Ge», t Vkde. Bd. XX. 3 


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wird erzählt, wie Rifke, die Tochter von Esther Löbl, sich in den 
hübschen Golem des Rabbiners verliebt habe und damit den Unwillen 
ihrer Mutter erregt. Um Rifke von ihrer Torheit zu heilen, befiehlt 
Löw seinem Knecht, sie zu umarmen. Der tut dies so stürmisch, 
daß die arg zerquetschte Rifke beschämt davonschleicht, Löw aber 
erteilt der Mutter eine mahnende Zurechtweisung, die das Golem¬ 
motiv heiter popularisiert. 

Bedeutend wertvoller und psychologisch feiner als dieser an¬ 
spruchslose, nette Scherz von Salus ist Rudolf Lothars 1904 in 
zweiter Auflage veröffentlichte Novelle „der Golem“ 1 ). Esther, die 
Tochter Löws und seiner bereits verstorbenen Gattin Perl, ist mit 
dem braven, aber häßlichen und schüchternen Rabbi Elasar verlobt. 
Sie kann sich nicht entschließen, ihn zu heiraten und ist allem Zu¬ 
reden unzugänglich. Da besucht der zauberkundige Reb Simon ihren 
Vater, und beide Männer beginnen das von Simon gegen Löws 
Widerwillen diesem aufgeredete Werk der Golemschöpfung. Die 
sehr schön gestaltete Tonform ist schon fertig, und Simon vertraut 
dem widerstrebenden Löw das Geheimnis sie zu beleben. Nach 
Simons Weggang kommt der von einigen Junkern auf dem Hrad- 
schin arg mißhandelte Elasar in kläglichem Zustande zu dem 
Rabbiner. In dessen Zimmer schläft er erschöpft ein, und Löw 
entschließt sich, ihn zur Belebung des Golems zu benutzen. Er 
sucht die Seele des Bewußtlosen durch allerlei Zauberkünste der 
Tonfigur einzuhauchen, aber scheinbar bewirkt der Beginn des 
Sabbaths ein Mißlingen des Versuchs und zwingt den Rabbiner in 
die Synagoge zu gehen. Aber gerade in der Einsamkeit bekommt 
der Golem durch die in ihn eingegangene Seele Elasars Leben. 
In Toben und Lärmen fühlt er seine Kraft. Als ihm Esther er¬ 
schreckt entgegentritt, stürzt er sich auf sie und gesteht ihr mit 
großer Heftigkeit seine Liebe, denn Elasars Seele spricht aus ihm 
hüllenlos zu dem Mädchen. Unterdessen kehrt Löw von der Synagoge 
heim, er findet sein Kind in der Umklammerung des Golems, befreit 
sie und will ihn zertrümmern. Voll Angst und starker in ihr ent¬ 
keimter Liebe hält ihn Esther zurück, der Golem selbst stürzt sich 
indessen freiwillig zum Fenster herab und zerbricht in Stücke. 
Darüber kommt der bisher bewußtlose Elasar zu sich. Schüchtern 

Schluß des Gedichtes, in dem der Rabbi seine Frau auf das Adamsgeheimnis 
im Menschen aufmerksam macht,“ ist ganz unnötig schwülstig. 

’) Lothar: Der Golem 2. Aull. 1904 S. 1—34; Held a. a. 0. S. 368f. 


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tritt er vor Esther, diese aber erkennt in seiner Seele den Grund¬ 
trieb wieder, deu ihr der Golem offenbarte. Ihr Widerstreben gegen 
eine Heirat ist geschwunden, und zur Freude des Vaters werden 

die beiden ein Paar. Am Ende der eigentümlich gedankenvoll um¬ 
geformten Legende heißt es: „ln Esther ging Seltsames vor. Sie 
erkannte [an Elasar] den Ton der Stimme, sie erkannte die Ge¬ 
fühle, die in dieser Stimme bebten, sie erkaunte mit einem Schlage 
in dem mißgestalteten Leib Elasars die Seele wieder, die sie vorhin 
mit dem göttlichen Kusse der Liebe zu sich in den Himmel gehoben 
hatte. Und der weise Rabbi ahnte, was in dem Gemüt seines 
Kindes vorging. Stumm legte er die Hände Esthers und Elasars 
zusammen. „Geht“, sagte er, „Erkeuntnis heißt der Eingang zur 
Liebe. Und Erkenntnis heiße der Rückblick auf euer Leben, wenu 
enre Stunde gekommen ist. Und Segen bedeute euch beides.“ 

Aus dem Jahre 1908 ist neben der gelegentlichen Erwähnung 
des Golems in Zangwills „Träumern des Ghetto“ ’) das eigen¬ 

tümlich phantastische, in gut getroffenem jüdischen Kolorit und 
feiner Stimmung gehaltene Buch des Breslauers Georg Münzer, „der 
Märchenkantor“ zu nennen 2 ). Hier hat der edle und gelehrte 
Chajim, der eine Christin zur Gattin hat, einen künstlich ge¬ 
schaffenen Diener, der mechanisch seine Hausarbeit verrichtet, die 
Glocke zieht, den Sohn auf Wunsch der Hausfrau ruft und besonders 
bei Gelegenheit eines großen Brandes im weitangelegten Häuser¬ 

viertel des Ghettos in Tätigkeit tritt. Doch verbreitet Münzer über 
das Wesen dieses Golems noch dadurch besondere Unklarheit, daß 
er stellenweise andeutet, Chajim habe im Geheimen statt des Golems 
das Hauswesen nachts selbst besorgt und dessen halb mystische, halb 
mechanische Gestalt nur als Staffage verwendet, sodaß der Golem 
bei Münzer keinerlei eigne Bedeutung beansprucht, sondern die 

Schilderung des jüdischen Lebens nur noch bunter und abenteuer¬ 
licher gestalten soll. 

Gleichfalls im Jahre 1908 erschien die wohl bestgelungene und 

J ) Zan g will: Träumer des Ghetto, deutsch von 11. H. Ewers. 1908 
Bd. II S. 270 ff.: „Warum sollte ich nicht auch [wie andere Rabbiner] am 
Freitag ein schönes, fettes Kalb erschaffen und es zu meinem Sabbathmahl 
verzehren können? Oderein seelenloses Ungeheuer schaffen, das mir diente mit 
Hand und Fuß?“ 

2 ) Münzer: Der Märchenkantor. 1908. S. 48. 141, 195, 21G. Bei 
Held ist Münzers Buch nicht erwähnt. 

3* 


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tiefste Bearbeitung der Sage, das Drama von Arthur Holitscher: 
„Der Golem. Ghettolegende in drei Aufzügen“ ’). Hier wird das 
faustische Problem des Obermenschentums in der Gestalt des Golem¬ 
schöpfers Rabbi Bennahum mit großer Kraft verkörpert. Er gilt 
dem Volke als Wundertäter, verliert aber durch das Mißlingen der 
durch ihn versuchten Totenerweckung eines fünfjährigen Kindes 
vielen Glauben bei der Menge. Seine Tochter Abigail liebt den 
von ihm geschaffenen Golem Amina und weist deshalb die Werbung 
eines wackeren jungen Kaufmanns Rüben Halbstamm ab. Amina 
selbst gewinnt durch diese Liebe allmählich Seele und Selbstbewußt¬ 
sein und widerstrebt sogar den Befehlen Bennahums. Daraus folgt 
eine sehr heftige Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter. 
Der Rabbi sieht in dem Golem nur sein Geschöpf, Abigail dagegen 
die Seele, die gleich ihr selbst zu Gott rufen will. Das Thema 
über Recht und Fähigkeit des Menschen zur Schöpfung wird sehr 
kraftvoll angeschlagen, eine innerlich durchgearbeitete Tragik be¬ 
herrscht das Ganze. Schließlich stürzt sich Abigail vom Dachfenster 
auf die Straße und stirbt, Amina reißt sich an ihrer Leiche das 
Amulett mit dem Lebenszauber wirkenden Schern aus der Brust 
und fällt tot zusammen, das Volk flieht, und Bennahum, in der 
eignen Kraft gebrochen, gemieden und innerlich zerrissen, kniet 
einsam im Gebet: „Wer bist du? Wie bist du genannt? Sind mir 
entschwunden alle deine Namen — alle — bis auf einen: Der 
Starke bist Du! Der Starke bist Du! Gebenedeit! Auch dafür, daß 
du mir zu stark bist, auch dafür gebenedeit, gebenedeit!“ Wohl 
finden sich auch in diesem Stück noch einige Spielereien, wie z. B. 
der Name des Golems Amina rückwärts gelesen das Wort anima 
ergibt und dadurch den Mangel einer echten, vernünftigen Seele 
andeuten soll, aber dramatische Wucht, ernste Problematik, geheimnis¬ 
volle Mystik und tiefe Innerlichkeit verflechten sich zu einem ein¬ 
drucksvollen Gesamtbild, einer wohlgelungenen, anziehenden Moderni¬ 
sierung des alten Motivs. 

In den folgenden Jahren findet sich neben mehr gelegentlichen 
Erwähnungen des Golems in Auguste Hauschners Novelle „Der Tod 
des Löwen“*), wo der Golem des Rabbi Löw in der Gestalt seines 

J ) A. Holitscher: Der Golem 1908. Besonders kraftvoll der dritte Akt 
(von S. 114 an). Das Dramn verdiente größere Beachtung: Held a. a. 0. S. 3G6 ff. 

2 ) A. Hauschner: Der Tod des Löwen (erschienen in der Sammlung 
„Die Feldbücher“) S. 38, 74 ff. 100 ff. 


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stummen, unbedingt gehorsamen und die Tochter seines Herrn in 
eifersüchtiger Liebe behütenden Knechtes Jakob, eines von Löw 
großgezogenen Findlings, verkörpert ist, und dem Vorkommen von 
Rabbi Löw in dem Buche von Max Brod: „Tycho Brahes Wegjiu 
Gott“ ’), auch einmal eine humoristische Bearbeitung des Stoffes in 
Pulvermanns kleiner Geschichte: „Der Prager Golem“ 2 ). Unter Be¬ 
nutzung der Doppelbedeutung des Wortes Golem, das sowohl der 
Golem wie der Narr heißen kann, wird erzählt, daß ein Jude aus 
Kladno, Meier Aron, vom Golem hört, wie sein Lehmklumpen noch 
immer auf dem Boden der Prager Synagoge zu sehen sei. Er ent¬ 
schließt sich daraufhin, um den Golem zu sehen, trotz des Wider¬ 
spruchs seiner Frau Lea nach Prag zu wandern. Er verirrt sich 
aber nachts an einem Kreuzweg und kommt unvermerkt wieder nach 
Kladno zurück. Doch hält er dies für Prag, verwundert sich über 
die Ähnlichkeit mit seinem Heimatsort und meint, als er seine Frau 
antriflt, sie sei auch schon nach Prag uachgekommen. Da sagt 
diese ihm aber: „Den Golem willst du sehen? Weißt du was, 
Meier, guck in den Spiegel, da siehst du den größten Golem, den 
es von hier bis Prag gibt“! Diese heitere Anekdote beweist, wie 
die alte Bedeutung Golem gleich der Narr noch heute im Volk 
lebendig ist und zur gutmütigen Verspottung übertriebener Mystik 
Verwendung findet, doch beansprucht und besitzt Pulvermanns Skizze 
natürlich keinen eigentlichen literarischen Wert. 

Schließlich hat nun Meyrink 3 ) in seinem „Golem“ die alte 
Sage gleichermaßen vertieft wie verzeichnet, modernisiert wie ver- 
zetrt. Er entrollt das Bild des jüdisch-kabbalistischen Prager 
Ghettos. In seinem Traumgesicht jagen sich bald grausig geheimnis¬ 
volle, bald genrebildartig abgeschlossene Szenen. Viel Symbolismus, 
viel Okkultismus und nicht wenig Dekadence spielen hinein. Der 
Geramenschneider Athanasius Pernath beginnt unter dem Lichte des 
Mondscheins in Halbschlaf aufzutreten und endigt vor dem Wunder¬ 
tor des Hermaphroditen und steht mit dem „Ich“ des Verfassers 
selbst in mystischer.Identität. Bei erster Lektüre hält der Meyrink- 
sclie Roman die meisten in atemloser Spannung, bei häufigerem 
Lesen bin ich wenigstens stark enttäuscht geworden. Das Buch war, 

*) M. Rrod: Tycho Brahca Weg zu Gott 1916 S. 383. 

2 ) M. Pulve rmann: „Der Prager Golem“ im „Israelitischen Kamilienblatt* 
▼om 29. 1. 1914 Nr. 5 S. 13 f. 

*) Gustav Meyrink: Der Golem 1916. 


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38 _ 

dank einer maßlosen Reklame, das meistgelesene Werk einer Saison, 
als Kennzeichen des ästhetischen Geschmacks und der Kultur 
unseres Volkes zu bedauern. Auch der hier geschilderte Golem 
ist nicht mehr der der Sage. Wohl wird diese erwähnt*), aber 
sogleich wieder in mystisches Halbdunkel gekleidet. Auch treten 
allerlei Züge des Ahasverus in der Golemfigur hervor*), und sie 
wird Verkörperung des jüdischen Volksgeistes, gleich diesem immer 
neu auftauchend und zugleich in ein zugangsloses Gemach ver¬ 
schlossen, Unglück bringend und vom Unglück verfolgt. Und um sie 
gruppieren sich in buntem Wirrwar der gräßliche Trödler Aron 
Wassertrum und der liebenswerte Archivar Hillel, der halb wahn¬ 
sinnige Charousek und der kabbalistische Ideologe Pernath, die 
jungfräulich reine Mirjam und die Dirne Rosina mit vielen andern 
Gestalten. Der Golem ist ein Wesen und ist doch keines. Er er¬ 
scheint als Personifikation oder auch als Persiflage des über die 
letzten Mysterien des Buches Sohar und der gesamten Welt¬ 
anschauung phantasierenden Menschen. Alle Generationen kommt 
er wieder, viele sehen ihn, jedem entschwindet er. Viel Tschechi¬ 
sches und viel Talmudistisches, viel Hypermodernes und Über¬ 
kultiviertes umlagert ihn. Die dunklen Begriffe der Kabbala liegen 
über ihm wie die wirren Phantome der Somnambulistik, er ist ein 
Geist des Ghettos, und doch im Ghetto verhaßt und fremd. Im 
Einzelnen den Inhalt des Romans anzuführen wäre zu weitläufig und 
könnte auch seine unnachahmliche Stimmung nicht treffen. Und 
einen klaren Begriff des von Meyrink Gewollten habe ich wenigstens 
nicht. Zwar sagt Held in einer begeisterten Anzeige des Buches 3 ): 
„Der „Golem“ ist neben vielen andern künstlerischen Vorzügen vor 
allem auch für denjenigen, der mit der Kabbala bekannt ist, eines 
der einfachsten und klarsten Bücher trotz der ins Traumhafte 
phantastisch hinein versetzten Handlung . . . Trotz der in ihren 
wechselseitigen Verbindungen vielfach verworren wirkenden Personen, 
die nur so erscheinen, wenn man sie vom leidigen psychologischen 
Standpunkt aus betrachtet (aber das ist gerade ein Hauptvorzug des 
„Golem“, daß er weder ein psychologischer, noch ein moderner All¬ 
tagsroman ist), schlingt sich die ganze Handlung dieses Buches wie 

] ) Meyrink: a. a. Q. S. 73 f. 

*) Vgl. meinen Artikel: „Stadien zur Ahasrerussagc“ in „Theolog. 
Studien und Kritiken“ Jahrgang 1916 S. 335. 

*) Held in der Zeitschrift „Das Reich“ Jahrgang 1916 S. 152. 


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ein reiches, künstlerisch beherrschtes Ornament über die architek¬ 
tonische Ruhe der kabbalistischen Gesetze hin. Alles Impressio¬ 
nistische, wie es uns in den Begebenheiten der einzelnen Kapitel 
als merkwürdiger Zufall begegnet, schließt sich als reicher Ring 
harmonisch zusammen und löst eine vollkommene Befriedigung, die 
der Konsequenz, aus.“ Aber ich bin, vielleicht aus Mangel an 
Kenntnis und Verständnis der Kabbala, zu solchen Empfindungen 
ganz außerstande. Ich stimme vielmehr einer Kritik in der „Zeit¬ 
schrift für Bücherfreunde“ zu, die sagt: der „Golem“ Meyrinks 
habe wohl eine Seele. „Aber was für eine? Eine jüdische oder 
tchechische, eine mystisch versonnene oder futuristisch plappernde 
Seele? Ich kann ihn nicht mit einem Ja auf das erste loben uud 
mit einem Ja auf das zweite tadeln, er ist kein Geschöpf, sondern 
Lektüre. Gewiß ist er, so sehr es den Anschein danach haben 
könnte, nicht jüdisch.“ Für mich bleibt das Buch eine literarische 
Kuriosität, welche die abstoßende Unnatürlichkeit von Meyrinks 
„Grünem Gesicht“, seinem auf den „Golem“ folgenden Roman, schon 
ahnen läßt, ich kann es in der Geschichte der Golemsage als eine 
ihrer Bearbeitungen nicht mit Befriedigung nennen uud stelle Lothars 
und Holitschers Dichtungen weit über diese täuschende Nebelgestalt 
modern kabbalistischer Technik und Phantastik, diese Träumerei eines 
Verfassers, dessen sonstige Werke auch gerade den christlichen 
Theologen oft tief verletzten und den man jüngst mit Recht „ein 
modernes Zeitphantom“ genannt hat 2 ). 

Mit dem Meyrinkschen Buche ist meines Wissens die Literatur 
über die Golemsage, die übrigens auch von Hugo Steiner in 25 
Lithographien, „Der Golem“ betitelt, 1916 dargestellt worden ist, 
abgeschlossen. Daher sei noch ein kurzer Rückblick gegeben, für 
dessen Ergänzung und Berichtigung ich dankbar sein werde, und der 
nur Hypothese, nicht Behauptung sein will. Die Golemsage ist 
eine der verschiedenen Formen, die die allgemein verbreitete Sage 
von lebenden Statuen und künstlichen Menschen im Laufe der 
Zeiten angenommen hat. Diese ist schon im Altertum und Mittel- 
alter durch viele Fassungen und Ausschmückungen vertreten und 
entstammt dem Bedürfnis der menschlichen Natur, das Problem 
des Lebens durch eigne Kunst und Kraft einigermaßen zu lösen. 

*) Zeitschrift für Bücherfreunde, Jahrgang 1916 S. 141 ff. 

s ) R. Zickel in der „Christlichen Welt“ 1918 Sp. 8—18; Zimmerinaint 
Gustav Meyrink u. seine Freunde 1917. 


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Ausgehend von einer dunkeln Bibelstelle und talmudischen Schöpfungs¬ 
sagen, verwebt die Golemgeschichte damit andere rabbinische Über¬ 
lieferungen. Ihr Auftreten folgt auf die Zeit des Paracelsus und 
der Naturmagie, der Heiligenlegenden und Spukgeschichten, der 
Heien Verfolgung und der Kabbala und ist von diesen mindestens 
bedingt. Ursprünglich bindet sie sich an die Gestalt des später 
vergessenen Rabbi Elijah von Cholm, wird aber wohl in mündlicher, 
höchstens ganz vereinzelt schriftlich festgehaltener Volksüberlieferung 
allmählich auf die hervorragende und geheimnisvolle Persönlichkeit 
des hohen Rabbi Löw zu Prag übertragen. Lange bleibt sie in 
dieser Form literarisch unbekannt, zumeist nur eine Legende der 
Ostjuden. Von Schudt abhängig, trägt Jacob Grimm sie in die 
schöne Literatur in einer Zeit, die durch romantische Neigung zum 
Phantastischen, automatische Spielereien und Erneuerung mittel¬ 
alterlicher Legenden auch für die Aufnahme der Golemsage besonders 
geeignet war. Ihre ersten Darstellungen folgen tunlichst der Volks¬ 
überlieferung, später sucht man vielerlei Probleme der Liebe, des 
Übermenschentums und der Weltanschauung hineinzugeheiranissen. 
Die neue Mystik der Gegenwart nimmt sie freudig auf und gestaltet 
sie nach ihren Grundsätzen. Die Trümmer des Golem liegen nicht 
mehr in der Altneusynagoge zu Prag, sie spuken durch einen viel¬ 
gelesenen Roman unsrer Tage. Der Träger des Sehern wird zum 
Schemen, Rabbi Löw zum kabbalistischen Faust. Die alte Sage 
bleibt ewig jung. 


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Kriegsaberglauben. 

Von Pastor I«ic. Dr. Ulrich Bunzel in Schreibendorf (Kr. Strehlen). 


Inhaltsverzeichnis. 

I. Weissagungen. Durch Zufall eingetroffen; Malachias. Nostradamus, 

Lehnin, Birkenbäumer Schlacht, Thebc, Anderes; Hamerlingsches Gedicht, 
Altöttinger Weissagung. Wilhelm der Eroberer, Hundertjähriger Kalender, 
Prophezeiungen rom Ende des Krieges; Wahrsagerinnen, Aussagen scharf¬ 
sinniger Politiker. 

II. Eigentlicher Kriegsaberglaube: A. Himmelsbriefc, Amulette, Ketten¬ 

gebete, Biblisches. B. Ahnungen, Träume, Briefe an Tote, Beobachtungen 
an der Natur, Geosophie, Esoterische Betrachtung, Astrologie, Kabbala. 
— Literatur. —Register. 

Der Soldatenstand neigt zum Aberglauben. So sagt schon 
Luther in seiner Schrift, „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein 
können (1526)“ am Ende: „Endlich haben die Kriegsleute auch viel 
Aberglauben im Streit. Einer befiehlt sich St. Georg, der andere 
St. Christoffel, der eine diesem, der andere jenem Heiligen. Etliche 
können Eisen und Büchsensteine beschwören, etliche können Roß und 
Reiter segnen. Etliche tragen St. Johannis Evangelium oder sonst etwas 
bei sich, worauf sie sich verlassen.“ Gustav Adolf verbot in § 1 seiner 
Kriegsartikel auf das schärfste Götzendienst, Hexerei oder Zauberei als 
eine Sünde gegen Gott 1 ). Daß im dreißigjährigen Kriege der Aber¬ 
glauben blühte, ist bekannt; schon die zahlreichen Beispiele aus Schillers 
Wallenstein, die Kronfeld übersichtlich geordnet hat 3 ), lehren das. 
Wenn heutzutage der Aberglaube vielleicht nicht mehr eine solche 
Rolle spielt wie in vergangenen Zeiten, so ist er doch gerade in 
diesem Kriege wieder mächtig geworden. Die nervösen Erschütterungen, 
denen jeder ausgesetzt ist, schallen eine für den Aberglauben außer- 

') A. Hellwig, Weltkrieg uud Aberglauben S. 9f. 

*) E. Kronfeld, Der Krieg im Aberglauben und im Volksglauben. 
S. 28—39 Die Sterne lügen nicht. 


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ordentlich günstige Grundlage. Dazu kommt, daß in diesem Kriege, 
in dem der Soldat mehr denn je von Gefahren umgeben ist, jeder, 
der von Anfang an draußen steht, es gesehen hat, daß eine Kugel 
den Helm aufriß, ohne dem Träger auch nur ein Haar zu krümmen, 
oder daß eine Kugel in der Taschenuhr, in der Brieftasche, in dem 
Bilde der Eltern oder Gattin, kraftlos stecken blieb und dem Ge¬ 
troffenen höchstens eine Quetschung zufügte (Hellwig S. 14 ff.). 
Weiterhin mögen wunderbare Gebetserhörungen, gnädige Bewahrungen, 
die der einzelne erfahren durfte und von denen selten die Zeitung 
oder die Fachliteratur berichtet 1 ), nicht wenig zur Förderung des 
Kriegsaberglaubens bei den anderen beitragen. 

I. Weissagungen. Unter diesen seien zunächst solche er¬ 
wähnt, die bloßem Zufall ihr Dasein danken. Wenn nach der Nieder¬ 
werfung des polnischen Aufstandes 1863 in Polen das Wort entstand: 
nur noch 50 Jahre, und Polen ist frei 3 ), dann ist dies Sprichwort, 
vorausgesetzt, daß es wirklich jetzt besteht, darum wieder lebendig 
geworden, weil es zufällig eingetroffen ist. Es ist ein Spiel des Zu¬ 
falles, wie daß am 23. Mai die italienische Kriegserklärung erfolgt 
ist, an dem Tage, von dem Wallenstein sagt, schweig mir von diesem 
Tag, es ist der 23. des Mais. Solcher Zufälle gibt es viele. Sie 
werden natürlich nur dann als besondere Weissagungen aufbewahrt, 
wenn sie dem Permutationsgesetz zufolge einmal mit einem wichtigen 
Ereignis zusammengetroffen sind. 

Sodann gibt es Weissagungen, die so allgemein gehalten sind, 
daß man alles oder gar nichts aus ihnen lesen kann. Das System 
des delphischen Orakels hat Schule gemacht, nicht nur im Altertum, 
sondern auch im Mittelalter und in der Neuzeit. Hier ist der Ort, 
von den historisch gewordenen Weissagungen zu sprechen. Nicht 
eingehen möchte ich auf die allerhand Prognostika des Paracelsus 3 ), 
die sich in manchen Büchern als merkwürdige Prophezeiungen, nach 
Reiners „wohl auch für den Krieg von 1014“ finden. Sechs Daten 
aber will ich erwähnen, da sie in der Geschichte der Literatur 

*) Ich fand eine einzige derartige abgedruckt. Daheim 50. Kriegs- 
nurnmer 17/7. 15. 

2 ) A. Heiners, Prophetische Stimmen und Gesichte über den Weltkrieg 1914. 
S. 28. F. E. Bau mann, Kriegs-Prophezeiungen 1914/5. S. 24. 

3 ) Paracelsus 1493 zu Maria Einsiedeln geboren; 1542 zu Salzburg als 
berühmter Arzt gesU 1531 allerlei Prognostiken (Sehr unklar geschrieben). 
E. Schlegel, Paracelsus als Prophet 1915. 


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bekannt und in der Gegenwart als bedeutungsvoll viel besprochen 
worden sind. 

Historisch die älteste Weissagung, die heute wieder hervorgeholt 
wird, ist die Papstweissagung des Bischofs Malachias aus dem 
12. Jahrhundert 1 ) auf die religio depopulata vom Jahre 1914 2 ). 
Indes kann man, wie es denn auch in der Geschichte der christlichen 
Kirche geschehen ist, dies Prädikat jeder Zeit zuschreiben, und 
unserer vielleicht mit weniger Recht als anderen. Auch ist die Be¬ 
stimmung der einzelnen mittelalterlichen Sätze auf die einzelnen 
Päpste etwas willkürlich. Nach Malachias würden nur noch 7 Päpste 
regieren und dann entweder die Kirche oder die Welt untergehen. 

Fast noch nichtssagender, darum aber gerade für die gegen¬ 
wärtige Zeit viel mehr ausgebeutet sind die Centuries des Nostra- 
daraus 5 ). Es war in den Tagen des französischen Königs Franzi, 
und seiner drei gekröuten Söhne. Gewaltig erregten die Kämpfe 
der Reformation die Geister, das Abendland zitterte vor den Türken, 
und in blutigem Kampf stritt Kaiser Karl um Land und Leute in 
Frankreich. Da tauchte bald hier, bald da in Frankreich und Italien 
ein ruhelos wandernder Arzt und Sternkundiger auf: Michel de 
Nostre dame, Nostradamus nannte er sich (Zur Bonsen S. 29). Wenn 
uns „dies geheimnisvolle Buch, von Nostradamus eigner Hand“, 
zumeist nur aus der Lektüre des Faust bekannt war, so gibt es jetzt 
sehr viele Leute, die mit Hilfe dieses dunklen Schriftstellers und 

') S. Malachiac archiepiscopi Hiberniae Prophetia de pontificibus Romanis 
ab aev» suo ad inundi linem usque futuris MDCXLII. Bischof M\ 0’ Morgair 
von Armagh 1095—1148. Bernhards Schriften sprechen von ihm. ln HO 
kurzen Sätzen will er die Päpste von 1143, Coelestin 11, an charakterisieren. 

2 ) Auf Pius IX. sollten die Worte Crux de cruce, auf Leo XIII. Lumen de 
coclo, auf Pius X. Ignis ardens und auf Benedikt XV. religio depopulata hin¬ 
deuten. 

*) Michel de Nostre Dame 1503 zu St. Kemy geb., I5tit> in Salon gest. 
Seit 1555 verütTentlicht er insgesamt 10 Centuries von t^uatrains, in denen er 
von 1555—3794 weissagt. Ausgabe: E. Rösch: Die erstaunlichen Bücher des 
großen Arztes, Sehers und Schicksalspropheten Nostradamus, ins Deutsche über¬ 
tragen und dem Verständnis aufgeschlossen von Eduard Rösch, Stuttgart 1850. 
Aus der Bibliothek der Zauber-, Geheimnis- und OfTenbarungsbücher und der 
Wnnderhausschatzliteratur aller Nationen, in allen ihren Raritäten, Kuriositäten, 
insbesondere Acromantie, Alchemie usw. und andere Materien des mysteriösen 
und übernatürlichen mit Einschluß der medizinischen und naturhistorischen 
Sonderbarkeiten zur Geschichte der Kultur hauptsächlich des Mittelalters I. 
Scheible 9, 1 Nostradamus. 


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Arztes die Gegenwart erkennen zu können meinen 1 ). Einmal ist es 
aber sicher kein günstiges Zeichen für die Prophetengabe des' 
Nostradamus, daß er in gewollt dunklen Worten schrieb, wie manche 
(Grobe Wutischkv S. 8) hervorheben. Viele seiner absichtlich dunklen 
Quatrains werden jetzt als verborgene Weisheit gepriesen 2 ). Einen 
statt vieler 3 ) und zwar den am häufigsten erwähnten Schlager, gebe 
ich hier wieder: 

III, 34 Quand le deffaut du Soleil lors scra, 

Sur le plein jour lc monstre sert veu, 

Tout autrement on l'entrepretera, 

Cherte n'a garde ny aura pourvenu 4 ). 

Man kann, wie Hellwig meint, so ziemlich alles da herauslesen, 
was man wilL Wir stimmen Rösch (Vorwort S. 5) bei, der — aller¬ 
dings in anderem Sinne — sagt: bisher ist Nostradamus von noch 
niemandem verstanden worden 5 ). 

! ) P. Zillmann, der Herausgeber der neuen metapli. Rundschau, schreibt 
XXI. Band 1914 [auch später wird stets dieser Band erwähnt] S. 233 f. Mein 
erster Griff in der bedrängten Zeit des Augustanfanges war nach den Zenturien 
des Nostradamus. Da mußte ich finden, wenn überhaupt irgend wo, wie der 
Krieg ausgehen würde. A. Grobe Wutischki der Weltkrieg 1914 in der 
Prophetie 1915 nennt seine Weissagungen verblüffend (S. 8). Und R. Gerling 
der Weltkrieg 1914/15 im Lichte der Prophezeiung findet, daß sich seine 
Prophezeiungen bisher in ganz überraschender (S. 51), ja, in ganz unheimlicher 
Weise (S. 28) erfüllt haben. Nach Kemmerich Prophezeiungen alter Aberglauben 
oder neue Wahrheit (S. 402) ist X. eines der größten Genies der Weltgeschichte. 
Auch Baumann zitiert alle die in Betracht kommenden Weissagungen (S. 29 
bis 31). Vorsichtiger ist Zur Bonsen: Es kann nicht geleugnet werden, daß 
viele der Weissagungen in der Hauptsache, sagen wir mal, sich erfüllt zu haben 
scheinen (S. 30). Fast wörtlich so B. Grabinsky, neuere Mystik. Der Welt¬ 
krieg im Aberglauben im Lichte der Prophetie 1916. (212). Referierend be¬ 
richtet darüber Reiners (S. 51—55), erfrischend negativ Hellwig (S. 88—97), 
vgl. Bächtold S. 5. 

Q ) A. Kniepf, Die Weissagungen des altfranzösischen Sehers Michael 
Nostradamus und der jetzige Weltkrieg. Hamburg 1914; Kr onfeld, S. 34 u. a. in. 

3 ) Bes. werden angeführt: 11,50; 111,57; VIII, 15; X, 100; sowie 11,83; 
VI, 19; 96; IX, 48, 55, 88; X, 31, 51; IL, 75: Stimme des seltsamen Vogels wie 
Orgelton soll auf die Zeppeline hindeuten! 11,68: London im Niedergange, 
wenn das Tor des Meeres geöffnet ist. soll auf den Panamakanal hinweisen! 

4 ) Wird sich dann die Sonne mit Nacht umkleiden 
Wird inan *am Mittag las Monstrum sehn. 

In ganz andrem Sinne wird mans deuten, 

Und auf Teurung keiner sich versehn (E. Rösch, II, 22). 

5 ) Vorwort S. 5. 


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Noch mehr hat von sich reden gemacht die Lehnin’schc 
Weissagung vom Hause Hohenzollern *). Die Weissagung des Herzog 
Hermann von Lehnin, über den alle Quellen schweigen, die schon 
im beginnenden 19. Jahrhundert als eine Fälschung aus den letzten 
Jahren des großen Kurfürsten erkannt wurde, ist dem Boden der 
apokalyptisch monarchischen Vorstellungen des Mittelalters erwachsen. 
Ihre Unechtheit tut Kampers in seinem trefflichen Buche mit 
schlagenden inneren und äußeren Gründen 2 ) dar. Indes, wenn auch 
die Weissagung erst um 1690 entstanden ist, so könnte sie doch auf 
den jetzigen Weltkrieg hinweisen. Es kommen die letzten Verse in 
Betracht: 

95: Et pastor gregem recipit, Germania regem 
March ia cunctorum penitus oblite malorum. 
lpse 8Uos audct fovere, nec advcna gaudet. 

Priscaque Lehnini surgunt et testa Chorini, 

Et veteri more clerus splendescit honore. 

Nec lupus nobili plus insidiatur ovili 3 ). 


Grabinski 218: ganz abgedruckt bei Grobe Wutischki 18—28, am 
ausführlichsten: Fr. Kampers, die Lehninsche Weissagung über das Haus 
Hohenzollern 1897. 

2 ) Kampers, 27; 24 f; 36 f: 43. Es ist sehr auffallend, wie unbestimmt 
die Weissagungen für die Zeit nach 1690, der Abfassungszeit der Fälschung 
werden: 

V. 74 wird bei dem Vers, der auf Friedrich I. gehen soll, nicht einmal 
die Königskrönung erwähnt, wenn auch Grobe Wutischkis Interpretationskünste 
im Worte regentis die engste Anlehnung an rex finden (S. 25). 

V. 88 bietet eine noch schönere Probe exegetischer Künsteleien. Von 
Friedrich Wilhelm II. heißt es, et perit in undis. Gr. W. 27: er starb in 
seinem von Wassern umgebenen Schlosse in Potsdam an der Wassersucht in 
einer Zeit, wo die Wellen des politischen Lebens hoch gingen! 

V. 93 auf Friedrich Wilhelm IV. gedeutet heißt es qui stemmatis ultimus 
erit d. h., der das Szepter der absoluten Monarchie schwingt.!! Gr. W. S. 28. 
Im V. 63 ist dem Seher ein lapsus untergelaufen, durch den er sich unfehlbar 
als Fälscher erweist. Er redet, und die Weissagung soll aus der Zeit 1300 
stammen, von Jehova, eine Bezeichnung, die sich in der Lutherbibel noch 
nicht findet, weil man damals noch nicht diese falsche Lesart des göttlichen 
Tetragramms kannte. Grobe Wutischki ist indes nicht verlegen. Er meint: 
Man kann annehmen, der Seher habe diese Lesart vorausgenommen. Er hat 
gerade mit den Worten der kommenden Zeit reden wollen, und dann würde 
gerade das, was als ein Zeichen der Fälschung angesehen wird, sich als ein 
Zeichen der Echtheit des Vaticiniums offenbaren (S. 35) Sapienti sat! 

8 ) . . . und die Herde den Hirt, Germania den König erhält. 

Gänzlich vergißt jedes Unglück die Mark, 


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Gerling knüpft an diese Worte die mir etwas unverständliche 
Bemerkung: ohne Zwang lassen sich die Worte dahin auslegen, daß 
Deutschland siegreich bleiben, seine Gegner niederwerfen und den 
Frieden erzwingen und sichern werde. 

Eine weitere, wertvolle und eigenartige Weissagung bietet die 
geisterhafte Volke rs ch lach tarn Bi rkenbaum 1 ). Auf dem Birkeu- 
felde an den Holtumer Birken bei Werl in Westfalen tobt die 
grause Zukunftsschlacht in den Lüften. 

„Da steht der Seher wie im Traum, er schaut die Schlacht am Birkenbaum 1 ). 

Nicht leicht gibt es eine wirklich lebende Sage von so ehr¬ 
würdigem Alter und so großartig wie diese Prophetie, so urteilt Zur 
Bonsen in der Einleitung seiner trefflichen Untersuchung über diese 
Sage. Seit 1701 immer wieder im Druck erschienen, war die Sage 
schon vor dem Kriege sogar in Frankreich bekannt, wurde dort zu 
Hetzartikeln, ja zu Fälschungen verwertet 3 ). 1912 gab Kommandant 
Civrieux ein Buch heraus: „La fin de TErapire allemand dans la 
battaille du Champ des Bouleaux 191 . . in dem er auf grutid 
dieser Sage den Untergang des Reiches in der großen Völkerschlacht 
in Westfalen voraussagt. Die feindlichen Völker wollten zum Birken¬ 
baum. Auf dem Birkenfeld in Westfalen atmet die Ackerscholle 
friedlich wie immer, zum katalaunischen Gefilde hinaus donnern die 
deutschen Kanonen. Und wer bleibt der Sieger? Der weiße Fürst! 
Unser Kaiser 1 ). 

Solche Volkssagen von geisterhaften Schlachten sind häufig 8 ), 

Wagt cs, die Ihren zu pflegen. 

Kein Fremdling darf mehr frohlocken. 

In Lehnin und Chorin erhebt sich das frühere Dach, 

Und nach alter Sitte glanzt der Klerus in Ehren. 

Es lauert kein Wolf mehr vor dem edlen Schafstall. 

*) vgl. die tiefgründige Behandlung derselben durch F. Zur Bonsen, dio 
Völkerschlacht der Zukunft „am Birkenbaume“ 1916 4. Aufl. (dies Buch ist in 
den folgenden Zitaten gemeint). 

2 ) Jos. Wormsdell, Gruß an Westfalen. 

8 ) Zur Bonsen 11 ff.; Seitz der Fels, A. Seit/ Kriegsprophezeiungen 
10. Jhg. 1915 Aug. Sept. 399-421, 445-469. 

4 ) ders. 35. Über die Wilhelmsschlacht 35 ff.; Bächtold S. 8. 

6 ) Kronfeld 132: Die Sage von den Gefallenen in der Schlacht auf den 
katalaunischen Gefilden, die in der Luft den grimmen Streit fortsetzen, ist nur 
ein großes Symbol jener heißen Kämpfe, die die Seelen der gestorbenen 
Krieger immer wieder über ihren Gräbern ausfechten. Meistens steigen diese 
gespenstischen Scharen am Jahrestag der Schlacht, in der sie den Heldentod 


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die vorliegende ist wegen ihrer Verbreitung und ihrer Romantik 
besonders wertvoll. Zur Erklärung kann vieles gesagt werden. 
Historisch mag sich eine Erinnerung an die dort geschlagene Schlacht 
im Teutoburger Walde gehalten haben, mythologisch mag der Ge¬ 
danke an den Helden der Nibelungen, an Siegfried, von dem die 
Volkssage der dortigen Gegend viel zu erzählen weiß, zu gründe 
liegen (Zur Bonsen S. 44), volkspsychologisch ist sie zu begründen 
durch die eigenartige Begabung der Westfalen mit dem zweiten 
Gesicht 1 ), und meteorologisch ist sie auf die eigenartige Nebelbildung 
des Münsterlandes zurückzuführen 2 ). 

Hierher gehört sodann die moderne Frau Lenormand de Thebes. 
Ihr Almanach ist ein Beweis dafür, daß der Mord von Sarajewo 
schon längst vorher geplant war. Sagt sie doch selbst, daß sie 
ihren wertvollen Freundschaften in Wien eine ganze Anzahl wichtiger 
Nachrichten verdanke. So ist es leicht für sie, im Almanach von 
1913 zu sagen: der, welcher glaubt, daß er regieren werde, wird 
nicht regieren. Begieren wird ein junger Mann, der nicht regieren 
sollte 4 ). Weicher Wert der Seherin in Wirklichkeit beizumessen 
ist, erhellt aus dem mit Spannung erwarteten Almanach von 1916, 

fanden, zum alten Kampf wieder hervor. Vgl. 0. Böckel, die deutsche Volks¬ 
sage. Aus Natur und Geisteswelt 262. S. 55. Eine besondere Bedeutung im 
jetzigen Kriege hat auch die Sage von der Schlacht auf dem Ochsenfelde bei 
Thann im Elsaü, dem Kampfplatz der Schlacht gegen Ariovist, dem Lügen¬ 
felde, gewonnen. Grabinski S. 234. Kronfeld S. 138 f. Bächtold S. 7. 

*) Spökenkieker. Grabinski 297—330. Das zweite Gesicht 274—296. 
Westfalen ist das Iand des Spukes; neben Schottland ist das alte Westfalen, 
das schon ein Humanist des 16. Jahrhunderts vatum nutrix nannte, das 
klassische Land der wundersamen Erscheinungen (297). 

3 ) Zur Bonsen 90—97. vgl. auch Boehumer Zeitung vom 2. 7. 15, wo 
nach authentischen Berichten von Luftspiegelungen aus Böhmen erzählt wird, 
wo Bilder vom westlichen Kriegsschauplatz in der Luft erschienen. Auch ich 
habe im Gebirge mehrfach eigenartige Lichterscheinungen über dem Kamm 
gesehen, die ich mir nur als Projektion ferner Lichter deuten konnte. Doch 
erhielt ich damit ein Verständnis für die feurigen Walen, die die Gebirgs¬ 
bewohner gesehen zu haben meinen. 

®) Vgl. Baumann S. 13—15; Bächtold S. 5, erfrischend negativ Bau¬ 
mann 95—99: Seitz 460 f; Grabinski 214 ff. 

4 ) Grabinski S. 214 f; Baum an n S. 14; Zur Bonsen S. 27; Gerling 
S. 22 ff. Im Jahrgang 1914 schreibt sie: Die Kriegsgefahr bleibt auf unseren 
Häuptern hängen. Zittern wir nicht! Wir haben nichts von den Prüfungen 
des Ausganges zu fürchten. Frankreich wird daraus erneut hervorgehen. Neue 
metaph. Rundschau S. 240. 


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über den die Franzosen selbst spotten, den sie aber nicht mehr 
des Abdruckes für wert halten. 

Auf einer Stufe mit Madame de Thebes stehen eine Anzahl 
anderer Erscheinungen, die aber nicht so bekannt geworden sind, 
z. B. Tolstois sehr unbestimmte Weissagung, die er 1910 seiner 
Tochter diktiert hat 1 ), Frau de Ferriem, die sehr unbestimmt von 
einem kommenden Kriege gesprochen hat, gegen den 1870 nur ein 
Kinderspiel war. Da hat Bismarck besser von dem Kriege ge¬ 
sprochen, bei dem es bis zum Weißbluten kommen werde. Der 
Dominikaner Korzeniecki mit seinem Gesicht von der Schlacht bei 
Pinsk, der Bauer Mihailowic, der das Schicksal Serbiens hell sah, 
und manches andere ließe sich hier erwähnen. Ähnliche, unbe¬ 
deutendere Weissagungen gibt es viele, z. B. die besonders törichte: 
„Der gegenwärtige Krieg und sein Ausgang bereits 1911 voraus 
geoffenbart. Ein göttlicher Mahnruf an die Menschen in ernster 
Zeit“, oder sonstige Prophezeihungen von Mitgliedern des Gralsordens, 
Forschern der großen Pyramide, Theosophen, Spiritisten und anderen 
Gottesgelehrten 2 ). 

Eine unendliche Zahl von Weissagungen verdankt ihr Dasein 
offenbarer UnWahrhaftigkeit. In allen Blättern sind sie abgedruckt, 
von Mund zu Munde weitergegeben. Gern hat man solche Weis¬ 
sagungen durch gelehrtes Beiwerk glaublicher zu machen gesucht. 

Die bekannteste derartige unwahre Weissagung in diesem Krieg 
ist ein Gedicht in Hamerlingschem Geist 3 ), das Februar 1915 seine 

’) Grabinski S. 225 f: neue metaph. Rundschau S. 241: Baumann 
S. 26 f: Reiners S. 92 f; Zur Bonsen S. 15. 70. 

2 ) Vgl. Ferriem, Mein geistiges Schauen S. 93; vgl. Baumann 
S. 4— 10, 24; Gerling S. 20 f; Hellwig S. 102; Scitz S. 458; Zur Bonsen 
S. 14, 26: Reiners S. 25 ff.; Grabinski S. 226; Bächtold S. 5. 

3 ) Es lautet im Anszuge: 

Dich, o zwanzigtes, seit Christi, waffenklirrend und bewundert, 

Wird die Nachwelt einstens nennen das Germanische Jahrhundert. 

Deutsches Volk, die weite Erde wird vor dir im Staub erzittern; 

Denn Gericht wirst du bald halten mit den Feinden in Gewittern. 

Englands unberührten Boden wird dein starker Fuß zerstampfen — 

Überall wird auf zum Himmel hoch das Blut der Feinde dampfen, 

Und den tönernen Giganten, Rußland stürzest Du zerborsten, 

In der Ostsee reichen Landen wird der deutsche Adler horsten. 

Österreich, du totgcglaubtes! Eh' die zwanzig Jahr vergehen, 

Wirst du stolz und jugendkräftig vor den vielen Völkern stehen. 

Und sie werden dich erzitternd, beugend sich vor deinem Ruhm, 


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Runde durch den deutschen Blätterwald machte 1 ) und vom Dichter 
des Königs von Sion stammen sollte und als bedeutsame Weissagung 
angeführt wurde. Das Original sollte sich im Staatsarchiv von 
Hamburg befinden 2 ). Übrigens bedeuten diese Verse selbst für ihre 
wirkliche Abfassungszeit, 1915, eine eigenartige Prophezeiung 3 ). 

Ähnlich steht es mit der Prophezeiung, dienach Grobe Wutischki, 
das verblüffendste Zeugnis für die Möglichkeit ganz genauer bis ins 
einzelne gehender Vorbestimmungen 4 ) ist. Auch die Weissagung aus 
dem berühmten Wallfahrtsort Altötting, wo die Herzen der bayrischen 
Könige beigesetzt werden, ist eine unwahre Erfindung. • 

Hierher gehört auch die unmögliche dreistrophige Weissagung 
von den drei Wilhelm den Eroberern, die 1066, 1688 und 1914 Eng¬ 
lands unberührten Boden betreten sollten 5 ). Die Zeitungen (z. B. Täg- 

Herrscherin des Ostens nennen, zweites deutsches Kaisertum. 

Mit des neuen Polens Krone wird sich stolz ein Habsburg kränzen! 

Unter ihm in junger Freiheit wird die Ukraina glänzen! 

*) Abgedruckt z. B. im Liegnitzer Tageblatt am 10. 4. 1915 1. Beil. 

*) Grabiuski S. 226 f.i Hellwig S. 135 f.: Reiners S. 90; Seitz 
S. 419 f.; Zur Bonscn S. 57 f. 

3 ) Münsterischer Anzeiger 27. 2. 1915 haben beim Hamburger Staatsarchiv 
die Unechtheit festgestellt. 

4 ) Grobe Wutischki S. 102; Baumaun S. 25. Sie lautet: Das Jahr 
1914 wird sehr ereignisreich. Im Juli bereiten sich große Dinge vor. Ende 
Juni geschieht ein scheußlicher Menschenmord aus Politik, der Kriegsgreuel 
zur Folge hat. Anfang August folgen 8 Kriegserklärungen der Regierungen 
europäischer Staaten. Österreich und Deutschland gehen siegreich vor. 
Deutschland erringt fortwährend Erfolge. Österreich gewinnt ebenfalls erfolg¬ 
reiche Schlachten. Die Monate September und Oktober fordern Millionen von 
Opfern. Zu Weihnachten diktieren zwei Kaiser den Frieden für Österreich und 
Deutschland. Die Folge davon ist, daß Belgien von der Landkarte verschwindet 
und Frankreich ein Kleinstaat wird. Rußland wird viel von seiner Macht und 
England seine Macht zur See einbüßen. Beide verbündete Reiche Österreich 
und Deutschland werden mächtig aufblühen. Es wird Wohlstand und dauernder 
Frieden eintreten. Dieser Weltenbrand wird alles Leid von den Nationen 
banuen. Die deutsche Sprache wird zur Weltsprache werden. 

Die Bochumer Zeitung schreibt am 10. 12. 1914 von folgendem Bescheid 
von dem Guardianat der Kapuziner: Die ganze Geschichte ist eine leere Er¬ 
findung. Hier ist nichts vorhanden und nichts bekannt, usw. 

5 ) Sie lautet: 

Welsch halb, halb Normann von Geschlecht, 

In Falschheit und in Kampf ein Held, 

Landet er Ritter, Troß und Knecht. 

Herr allen Lands, wie's ihm gefällt, 

Mitteilungen d. Schics. Ges. f. Vkdc. Bd XX. 4 


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liehe Rundschau 3. Dez. 1014 Beilage) brachten diese Weissagung, 
und die abergläubische Literatur unserer Tage gab sie weiter. 

Eine andere Weissagung sagte, es heiße in einem alten Kalender 
von 1814, im August werde man an allen Ecken von Krieg hören, 
September und Oktober würden große Blutvergießen mit sich bringen, 
im November werde man Wunderliches sehen, am Weihnachten 
werde man vom Frieden singen. Aber wie Zur Bonsen nachweist, 
handelt es sich nicht um einen Kalender von 1814, auch steht vom 
Friedenssingen kein Wort darin. Hellwig (S. 138 ff.) geht auf dies 
Beispiel unglaublicher Kritiklosigkeit der okkultistischen Forschung 
näher ein. 

Dies die bekanntesten Beispiele. Ich habe mir außerdem aus 
den Zeitungen einige derartige unwahre Weissagungen gesammelt 1 ). 

Erstürmt in einer billigen Schlacht, 

Legt er in Trümmer Englands Macht. 

Mein erster tausend sechs und sechs. 

Dreimal zwei und zwei zweimal 
Bringt zum zweiten Englands Fall. 

Weil Sitte. Beeilt und Glauben trat 
In Staub der König auf dem Thron, 

Lauert im Lande rings Verrat. 

Herbeigerufen kommt ein Sohn 
Erlauchten Stamms, und ohne Streich 
Legt er den Grund zum neuen Reich. 

Mein zweiter sechzehn acht und acht. 

Zweimal zwei und zwei dreimal 
Bringt zum dritten Englands Fall. 

Wähnst du, du seist auserwählt, 

In aller Welt der Völker Fleiß 
Leicht nur zu ernten ungezählt? 

Heut gilt es einen bohren Preis: 

Erfülle dein verwirktes Los, 

Laut pocht an deinem Felsenschloß 
Mein dritter neunzehn vier und zehn. 

l ) Die bekannteste unter ihnen wurde unter der Überschrift „Seherblickc“ 
weitergegebeu und lautet: 

Europa wird zu einer Zeit, wo der päpstliche Stuhl in Rom eine Zeit 
leer stehn wird, von furchtbaren Züchtigungen heimgesucht werden. Ein Volk 
wird wider das andere, ein Königreich gegen das andere kämpfen. Ein starker 
Monarch kommt von der Mitte. Dieses ist der deutsche Kaiser. Er ist an 
einer Seite gelähmt und steigt verkehrt zu Pferde.. Gegen diesen Monarchen 
kommt ein Wall von Feinden von allen Seiten, die ihn durch Bosheit und 
Gehässigkeit verderben wollen. Wenn die Niederträchtigkeit der Feinde ihren 


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bei anderen Prophezeiungen mir auch selbst die Mühe genommen, 
ihre Unwahrhaftigkeit festzustellen 1 ). Zwei derartige Beispiele 
möchte ich erwähnen. Als ich in Petersdorf i. R. das Pfarramt ver¬ 
waltete, erzählte man allenthalben im Ort, in Warmbrunn, also etwa 

Höhepunkt erreicht hat, legt sich die Allmacht Gottes ins Werk und wird den 
Monarchen von Sieg zu Sieg führen. Der Wahlspruch des Kaisers heißt: Mit 
Gott* voran. Er trägt eiu Kreuz auf der Brust. 

Dies alles geschieht, wenn die Vergnügungssucht, Sitten- und Religions¬ 
losigkeit und Hoffart ihren Höhepunkt erreicht haben. Es ist dieses eine Strafo 
Gottes, zu gleicher Zeit aber auch eine Barmherzigkeit Gottes, weil ungezählte 
Tausende zur Religion zurückkehren. Es ist ein Ringen vorgeseheu, vorn in 
Westfalen. Sollte dieses stattfinden, so wird nur ein kleiner Haufen Deutsch¬ 
lands übrig bleiben. Voraussichtlich findet dieses Morden nicht statt. Wenn 
das Volk zur Buße und Religion zurückkehrt. Wohl wird der Niederrhein 
zittern, beben und heulen, aber er wird nicht untergehen und glänzend be¬ 
stehen bleiben bis zum Ende der Zeiten. Es wird der Krieg, der losbricht, 
ein furchtbarer Krieg heißen. Es gibt dann kein Erdreich, das nicht mehr 
oder weniger in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber der starke Monarch wird 
den Krieg geschickt führen, daß keine Macht der Feinde ihm widerstehen 
kann. Mit großer Stärke wird er veraltete Mißbräuche, schmutzige Tänze und 
üppige Kleidertracht abscliaffen, überall hingegen die göttliche Ordnung im 
Staat, Kirche und Familie einsetzen und den Völkern den Frieden bringen. 
In der Nähe eines Dorfes steht ein Kruzifix. Dort wird der Kaiser mit aus¬ 
gebreiteten Armen niederknien. Wehe Lemberg und Soldau am Bach, der dort 
von Osten nach Westen fließt. Der starke Feldherr wird mit den bärtigen 
Völkern des Siebengestirns siegreich aus dem Treffen hervorgehen und vor der 
Kapelle Schaffhausen eiue Rede halten. Frankreich wird nur ein Bild der 
Verwüstung sein. England wird mit seinem Könige geschlagen werden und 
auf die tiefste Stufe des Elends kommen. Eine überaus große Sterblichkeit 
wird dieser verheerende Krieg mit sich bringen. Ein großes Land wird von 
Seuchen und Hungersnot heimgesucht werden. Die Türken werden treue 
Brüder des starken Monarchen sein. Sobald England geschlagen ist, wird der 
Friede einkehren. Es wird eine unermeßlich große Veränderung in den Staaten 
und eine Neuerung in der Kirche vor sich gehen. Nach dem Kriege existieren 
nur noch die Großmächte, der Papst, Österreich und Deutschland. Es wird 
zu edlen Sitten heranwachsen. Der Krieg ist dadurch entstanden, weil die 
Fürsten ermordet wurden. Mord und Metzeleien werden vielfach stattfinden. 
Losbrechen wird der Krieg zur Zeit der Ernte. Eine bessere Zeit wird an¬ 
brechen zur Zeit der Kirschblüte. 

Abgedruckt mit Kritik in der Kölnischen Zeitung 17. 2. 1915, Schlesischen 
Volkszeitung lb. 10. 1915, u. a. m. Grabinski S. 220 f.. Zur Bonsen S. 59 ff. 
Ohne Kritik Baumann S. 28 f. 

1 ) So z. B. bei der Weissagung des Wiener Anthropologen Zanowski, die 
in der Kölnischen Zeitung gestanden haben sollte, u. a. wurde der 17. 8. als 
Tag des Friedensschlusses genannt; das Strehlener Kreis- und Stadtblatt, brachte 

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3 / 4 Stunden entfernt, habe ein Mädchen im Juli 1914 den Krieg 
genau vorausgesagt, auf die Frage aber, wann er enden werde, habe 
sie mit Tränen geantwortet, das werde sie nicht erleben. Sie sei 
anch bald gestorben. Ich habe amtlich festgestellt, daß dies 
Mädchen weder gelebt hat noch gestorben ist. Doch wurde die 
Geschichte mit solchem Nachdruck erzählt, daß man selbst in 
Petersdorf nicht recht an der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte 
zweifeln durfte. In einer etwas anderen Spielart begegnete* mir 
diese Geschichte in Falkenberg i. M., wo das betreffende Kind — 
diesmal zur Abwechslung ein Knabe, — nach einem Traum über 
den Kriegsbeginn taubstumm geworden sein sollte. Auch hier war, 
wie ich amtlich feststellte, kein Wort wahr. Ganz entsprechendes 
fand man allenthalben in den Zeitungen 1 ) und Zeitschriften 2 ). 

Mehr als einmal hörte ich, aber stets nur als unnachprüfbares 
Gerücht von jener immer noch nicht ausgestorbenen klugen Frau, 
die etwas Wichtiges vom Kriege vorausgesagt habe, und zum Erweis 
der Wahrhaftigkeit ihrer Behauptung erklärt habe, das sei ebenso 
wahr, wie die andere Tatsache, daß der Frager so und soviel Geld 
in der Tasche habe. 

Ähnliche Geschichten unzuverlässigster Art hat jetzt wohl jeder 
erlebt. Helm stellt in den Hessischen Blättern für Volkskunde 
bereits 1915 diese beiden Arten von Kriegs- und Friedens¬ 
prophezeiungen zusammen 3 ). 

Daß die Leichtgläubigkeit der Leute auch häutig von der 
Gewinnsucht ausgebeutet wird, ist begreiflich. Wahrsagerinnen 
treiben mit Karten oder Formeln, mit Phrenologie oder Chiromantie 
ihr unsauberes Geschäft. Reiners (S. 100 ff’., vgl. Grabinski 45, 
Zur Bonsen 62) unternimmt einen Streifzug zu den Wahrsagerinnen 
von Berlin und Paris im Aufklärungszeitalter des 20. Jahrhunderts. 
Es ist als dankenswert anzuerkennen, daß sich schon mehrere 


4 

21. 2. 1917 eine Weissagung, von der auch, wie ich feststellte, kein Wort 
wahr war. 

*) Frankfurter Zeitung 11. 4. 1915: 16. 4. 1915; Hamborner General- 
Anzeiger 17. 4. 1915. 

2 ) Hochwacht Y, 153 f., Büchtold, Volkskundliche Mitteilungen aus dem 
schweizerischen Soldatenleben. Schweizer Archiv für Volkskunde 19, 209 f. 
Hellwig 135. B ach toi d, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube S. 9. 

3 ) K. Helm, Kriegs- und Friedensprophezeiungen 1914/15, Hess. Blätter 
für Volkskunde 195 ff. 


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Generalkommandos *) und Entscheidungen der Gerichte bis hinauf 
zum Reichsgericht gegen diese Dinge gewandt haben. Hellwig 
bietet (S. 144 ff.) das ihn als Amtsrichter besonders interessierende 
Kapitel „Maßnahme der Gerichts- und Verwaltungsbehörden gegen 
die -Wahrsager.“ 

Eine große Zahl von Weissagungen hat sich im Laufe der Ge¬ 
schichte schon als verfehlt erwiesen. Meistens werden sie alsbald 
totgeschwiegen: immerhin sind einige weithin bekannt geworden. 
Was lag näher, als daß der große Krieg, der nach mehr als vierzig¬ 
jährigem Frieden kommen mußte, im Jahre der Unglückszahl 13 
ausbrechen würde, das durch die Erinnerung an 1813 zum Kriegs¬ 
jahr prädestiniert war. Zahlenspiele, von denen unteu bei der 
Kabbala gesprochen werden wird, und das Reimwortspiel „1911 ein 
Glutjahr, 1912 ein Flutjahr, 1913 ein Blutjahr“ wiesen ja nur zu 
deutlich darauf hip 2 ). So erklärten die Okkultisten, die vielmehr 
sehen als gewöhnliche Sterbliche, die Franzosen würden 1913 einen 
Angriff auf Deutschland machen und in Mühlhausen einrücken 3 ). 
Und - der Major im Kaiserlich-japanischen Generalstabe „Viconte 
Otojiro Kavacami schrieb 1912 ein Buch „der europäische Krieg 
von 1913“-. 

Nun sollte 1915 das Schicksalsjahr unseres Volkes werdeu. 
Bei unseren Freimarken, so wußte jemand zu berichten 4 ), befindet 
sich auf dem linken Brustpanzer der Germania, vom Beschauer 
also rechts, in der unteren Hälfte nach außen hin eine ganz deut¬ 
liche Zahl 15, die natürlich ungewollt durch die Schraffierung des 
Schattens entstanden ist. Bei genauerem Hinsehen tritt diese Zahl 
in dunklem Ton ganz deutlich hervor. Was sie zu bedeuten hat, 
erklärt der „Gaulois“: die Zahl auf der linken Brust, rief er 
triumphierend aus, also auf der Seite des Herzens, kann das etwas 


’) So Gen. Komin. IX "Vogtländer Anzeiger, 10. 6. 1915: Gen. Komm. VII 
Hochwacbt V. Zur Geschichte des Krieges; Gen. Komm. Bremen Weser 
Zeitung 29. 5. 1915. 

2 ) Als sich das als trügerisch erwies, als trotz des heiüen Sommers 1911 
und des Regenjahres 1912, 1913 dem Reim zu Liebe der Krieg nicht ausbrach, 
dichtete der Volksmuud sogleich weiter: 1913 ein gut Jahr, 1914 ein Blutjahr, 
ygl. Hess. Blätter f. Volkskunde 1914 S. 195. Hellwig S. 63. Bächtold S. 3. 

3 ) Zentralblatt für Okkultismus 1912 Juli; Zur Bousen S. 15. 

*) Bochumcr Anzeiger 29. 5. 1915; Westfäl. Tagebl. 6. 11. 1915. Zur 
Bonsen S. 68. 


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r>4 


anderes bedeuten, als daß Deutschland im Jahre 1915 ins Herz 
getroffen wird? 

Natürlich gibt es auch hier Weissagungen vou innerem Gehalt; 
treffende Urteile scharfsinniger Leute, die ihre Zeit verstanden 
haben. Es sind Propheten, nicht aber Wahrsager; Propheten- im 
Sinne des alten Testamentes, Sturmvögel der Weltgeschichte, die 
warnend ihre Stimme ihrem Volke gegenüber erhoben haben. Arnos 
(5, 2) wollte keine Neuigkeit erzählen und nichts Mystisches sagen, 
wenn er in die Scharen derer, die da feierten, in die Zukunft 
blickend, rief; „Gefallen ist, nicht steht wieder auf, die Jungfrau 
Israel.“ 

Größere Zeitungen haben zu Beginn des Krieges unter der 
Überschrift „Kriegsstammbuch“ Aussprüche von führenden Männern 
der Gegenwart und Vergangenheit abgedruckt, die die Völker über¬ 
raschend richtig beurteilt haben. So haben Schiller ') und Schleier¬ 
macher 2 ), Goethe und Alexis, und viele andere die Sinnesart der 
Völker klar erkannt. So blickte Bismarck, ohne Prophet zu sein, 
in die Zukunft, die wir jetzt Gegenwart nennen, wenn er in der 
letzten großen Septennatsrede sagte: Wenn ein Krieg geführt werden 
muß, dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum 
Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren 
starren, und kein Feind wird es wagen, mit diesem furor teutonicus, 
der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen (6. 2. 1888). 
Ja, in der Reichstagsrede am 9. 1. 1885 redet er von der Seemacht 
Deutschlands, England gegenüber, unter Wasser. So haben uns ge¬ 
legentlich Männer der Wissenschaft, wie Lamprecht (Zur neuen Lage), 
Eucken (die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes), 
Kaufmann (Einleitung zur polit. Gesch. des 19. Jalirh.) und andere 
über den Ernst der Zeit aufgeklärt. Auch manche unserer Dichter 
wären zu nennen 3 ). Geibel singt, ohne Wahrsager sein zu wollen, 
in dem bekannten Gedicht „Ahnung und Gegenwart“ 1858 von der 

J ) Jungfrau v. Orleans II, 2: 

Ihr Engländer streckt die liäuberhände, wo Ihr nicht Hecht 
Noch gültgen Anspruch habt, auf soviel Erde, 

Als eines Pferdes Fuß bedeckt. Gleichwohl 
Ist Euch das dritte Wort Gerechtigkeit. 

®) Reden über die Religion I. An wen soll ich mich wenden als an 
Deutschlands Söhne? Jene stolzen Insulaner, von vielen ungebührlich verehrt, 
kennen keine andere Losung als gewinnen und genießen. 

s ) Vgl. Zur Bonsens Kapitel Dichter und Seher. S. 72 ff.; Hellwig S. 62. 


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Zeit, da der Herr die Schmach seines Volkes zerbrechen wird, und 
Hamerling versichert seinen Feinden: 

Möget ihr an Rache glauben Eine Scholle deutschen Lands, 

Und an kunftger Sitten Glanz, Straßburg werdet ihr nicht haben 

Hoffet nie zurückzurauben Straßburg nimmermehr. 

So ist die Inschrift der Prinz Heinrich Baude 1 ) im Riesengebirge, 
ebenso wenig eine Prophezeiung wie das Gespräch zwischen Bantolino 
und Ambrosio in Hebbels „Ein Trauerspiel in Sizilien“ 2 ). Hierher 
gehört auch, was der Franzose Francis Delaisi in seinem feinsinnigen 
„La guerre qui vient“ 1911 geschrieben: Es ergibt sich für uns 
die Verpflichtung, uns auf der belgischen Ebene die Schädel an¬ 
schlagen zu lassen, um den Londonern den Besitz von Antwerpen 
zu sichern 3 ). Auch das phantasievolle Büchlein über den Tauchboot¬ 
krieg wäre hier zu erwähnen 4 ). 

Zur Bonsen (S. 10, 17) hat recht, man nenne nicht gleich alles 
Prophezeiungen, was kluge Menschen, aufmerksame Beobachter, aus 
dem Verlauf der Dinge als zukünftig zu folgern wissen, ln nicht 
gerade kritischer Weise stellt Reiners (S. 37—48) solche Prophe¬ 
zeiungen von Schriftstellern, Staatsmännern und Strategen zusammen. 
Hier sei an eine Festrede eines schlichten Gymnasialoberlehrers in 
Köln, Nippes erinnert, der von dem kommenden Weltkrieg mit er¬ 
schreckender Klarheit redet. Er schließt mit den Worten: 

Blickt südwärts über die Alpen, und Ihr seht ein an der Tiroler Grenze 
in Waffen starrendes Italien, das zwar auf dem Papier den deutschen Mächten 

’) 

Deutschland, Österreich, treu verbunden, Eine Sprache, eine Sitte 
So besiegt Ihr eine Welt, Schlingt um Euch ein festes Band, 

Blut aus tausendjährigen Wunden, Und cs ist derselbe Himmel, 

Ist’s, das Euch zusammenhält. Der sich Euch zu Häupten spannt. 

2 ) Hebbel, Ein Trauerspiel in Sizilien 1847: 

Bantolino: Im Liegen grübelt ich, ob nicht Gewehre 
Zu machen seien, die an hundert Kugeln 
Versendeten auf einen einzgen Druck. 

Scheint es Dir möglich? 

Ambrosio: Nein; denn wäre es möglich. 

So würde man sie längst erfunden haben! 

Bantolino: Wohl wärs. Es liegt ja tausenden daran. 

*) Übersetzt bei Mittler und Sohn S. 6. Auch Seitz S. 446; Zur 
Bonsen S. 46. 

4 ) A. Conan Doyle, Der Tauchbootkrieg, wie Kapitän Sirius England (in 
wenigen Tagen) niederzwang. 


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verbündet ist, in Wirklichkeit aber — in der Stunde der Entscheidung — 
drücken wir uns vorsichtig aus — zum mindesten nicht auf unserer Seite zu 
finden sein wird. Es ist kein Zweifel, in der Stunde der Entscheidung wird 
der Deutsch»; allein stehen; . . . Der Kampf, den die Ahnen gekämpft haben, 
er wird auch uns nicht erspart, der Kampf um Deutschlands Entwicklungs- 
möglichkeit nicht nur, seine Weltstellung, seine Zukunft, nein einfach um die 
nationale Ehre, um dio staatliche Existenz unseres Vaterlandes. Jedor von 
uns wird als Mitkämpfer oder als Zuschauer Zeuge dieses Kampfes sein. . . . 
Wir grüßen sie über das Jahrhundert hin als Schicksalsverwandte, als Kampf¬ 
genossen, die gleiches Schicksal trugen, das auch uns verhängt oder vergönnt 
ist, die gleichen Kampf mit Todestrotze gewagt, und mit Ehren über Ehren 
zum siegreichen Ende durchgefochten haben, der auch uns bevorsteht 1 ). Ihren 
besonderen Ernst erhalten diese Worte durch die Unterschrift: am 20. 8. 1914 
starb den Heldentod fürs Vaterland Johann Jakob Brnnagel. der Verfasser 
obigen Vortrages. 

Es läßt sich nichts dagegen sagen, daß ein Mensch nicht nur 
rückwärts, sondern auch vorwärts einmal einen Blick in das Buch 
der Geschichte tun kann. Damit unterschreiben wir indes nicht 
Kemmerichs Satz, der sein Buch schließt: Der Glaube an Prophetie 
ist kein mittelalterlicher Aberglaube. Es ist eine neue Wahrheit, 
die wir erstmalig zwingend erwiesen haben. Es ist nicht mehr als 
ein Bild, wenn Gerling (S. 5) meint: Würde jemand mit einem 
guten Fernglas bewaffnet, einer Schar Botokuden mitteilen, er sähe 
Feinde in den für das unbewaffnete Auge noch nicht erkennbaren 
Fernen, so würden vielleicht auch die Botokuden von Unsinn und 
Schwindel reden, wenn diese Worte in ihrer Sprache existieren. 2 ). 
Wir möchten uns von allen spiritistischen, okkultistischen und ähn¬ 
lichen Versuchen, die Zukunft zu erraten, aufs bestimmteste trennen 3 ). 

II. Eigentlicher Kriegsaberglauben. Von altersher hat 
es Schwertsegen gegeben; so hießen sie in der Zeit vor Auf¬ 
kommen der Feuerwaffen. Von den Merseburger Zaubersprüchen, von 
den Klagen über derlei Dinge auf der Synode von 745 an 4 ) hat 
man derlei Dinge bei sich getragen. Die Feuerwaffen und das 
Landsknechtsunwesen gaben den denkbar günstigsten Nährboden für 
ihre Ausbildung und Verbreitung. Im dreißigjährigen Kriege er¬ 
reichte dieser Aberglauben ihren Höhepunkt. Es hat sich bis in 

*) Jahresbericht des städtischen Realgymnasiums zu Köln. Nippes, 1914/15 
S. fi. — Vgl. Daheim, Kriegsnummer 68 20. 11. 1915. 

*) Gerling S. 5. 

s ) Viel zu weit geht anderseits, Heiners S. 10 — 19. 

4 ) K r o n f e 1 d S. 20. 


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unsere Tage in den Heimatsbriefen erhalten 1 ). So schrieben 
verschiedene Zeitungen 1870, daß bei einzelnen Regimentern der¬ 
artige Schutzbriefe bekannt seien. Nach meiner Erfahrung sind sie 
viel verbreiteter, als man zumeist meint. Ich habe schon im 
Frieden eine Anzahl gedruckter und geschriebener Himmelsbriefe mit 
und ohne Bild verschiedenster Art gesammelt. 

Jetzt im Kriege ist der Himmelsbrief, fast möchte ich sagen, 
soweit ich wahrnehmen konnte, allgemein verbreitet. Über die 
äußere Gestaltung eines solchen Briefes brauche ich nach den 
mancherlei Arbeiten darüber namentlich auch in' den Mitteilungen 
der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde 2 ), und da hin und her 
jetzt im Kriege solche abgedruckt worden sind 3 ), nicht viel zu 
sprechen. Ein besonders törichter ist hier abgedruckt 4 ). 

x ) vgl. dazu Olbrich. Über Waffensegen Mitt. d. scbles. Ges. f. Volks¬ 
kunde 1897 IV, 1 S. 88 ff; Kronfeld S. 102—104: Himmelsbriefe jetzt und 
in früheren Kriegen. 

2 ) Am umfangreichsten und gründlichsten in der Literaturangabe ist W. Vogt. 
Die Schutz briefe unserer Soldaten. Mitt. d. schles. Ges. f. Volksk. 1911- 1912. 
Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Breslau S. 586—620. 

3 ) Bächtold S. 17 ff. Christaller, Der Himmelsbrief. M. Warneck. 

Das monistische Jahrhundert Jahrg. IV 1914 S. 181 ff: Ein merkwürdiges 

Kulturdokument. Deutsche Gaue Zeitschr. f. Heimatf. 15 1914 S. 4 181 ff. 
Kriegsgebete. Grabinski S. 60—64. Hellwig S. 35 bes. 42—52. Kron¬ 
feld IV. Festmachen und Freikugeln (Passauer Kunst S. 81 — 119. 102 f. 
Himmelsbriefe von 1914/15 und 1870: Sükeland 2 Himmelsbricfe von 1815 
und 1915 in Zeitschrift des Vereins für Volkskunde Bd. 25 S. 241—259. Zur 
Bonsen S. 63 f. Treblin, Kriegsaberglauben in Ev. Freiheit Bd. 15 S. 248 ff. 

4 ) Schutzbrief. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. 
So wie Christus im Olgarfcen stille stand (über Stillstand der Natur vgl. die 
interessante Parallelen A. Marmorstein, Legendenmotive i. d. rabbinist. Literatur 
Archiv, f. Relwiss. 17, 137 f.), soll alles Geschütz stille stebn. Wer dieses 
Geschrieben bei sich trägt, soll nicht schaden. Es wird ihm nichts schaden. 
Pistolen und alle Gewehre durch des heiligen Geistes und Engel Michael. 
Gott sei mit mir. Felix Bradler. Wer diesen Brief bei sich trägt, wird vor 
Gefahren beschützt bleiben. Wer diesen Brief nicht glauben tut, der schreibe 
ihn ab und hänge dem Hund um den Hals und schieße nach ihm. So werdet 
ihr sehen, daß es ihm nichts schadet. Wer diesen Brief bei sich trägt, der 
wird nicht gefangen noch durch des Feindes Geschütz verletzt werden. Amen. 
Sowahr ist alles daß, Jesus Christus gestorben und gen Himmel gefahren ist. 
Sowahr er auf Erden gewandelt hat, kann nichts getan, gestochen noch ver¬ 
letzt werden. Leib und Gedärm alles wird unverletzt bleiben. Ich be¬ 
schwöre alle Waffen und Gewehre auf dieser Welt beim lebendigen Gott, Vater 
Sohn und heiliger Geist. Ich bitto im Namen meines Sohnes Felix Bradler 


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Man hat von jeher gemeint, man könne den Kämpfer kugel¬ 
sicher machen, wie es im Mittelalter hieß, die Passauer Kunst au¬ 
wenden. So wie Wallenstein und der alte Dessauer als fest galten, 
so jetzt Graf Hülsen-Häseler, der zu Beginn des Krieges wie kein 
anderer von der Sage umwoben wurde (vgl. Kronfeld 82 ff. Bächtold 
S. 22). 

Nicht nur der Himmelsbrief schützt die Soldaten, sondern 
auch das Amulett 1 ). Hellwig, der sonst dem Kriegsaberglauben 
sehr skeptich gegenübersteht, sagt davon: „ein Bild von Weib und 
Kind, von der Liebsten, von den Eltern hat ein jeder von uns bei 
sich. Gar mancher auch eine Locke, einen alten Familienring, eine 
Feldbinde, die der gefallne Bruder getragen, einen Anhänger aus 
einer Kugel, die beinahe den Lebensfaden abgeschnitten hätte, 
einen Ring aus einer Patronenhülse oder was dergleichen Gegen¬ 
stände mehr sind.“ Von einem eigentlichen Amulett freilich wird 
man nur reden dürfen, wenn die Soldaten oder doch ihre Angehörigen 
glauben, daß es seinen Träger vor allerlei Ungemach zu beschützen 

des Herrn Jesus und sein Blut, daß mich Felix Bradlcr keine Kugel treffe sie 
sei von Gold, Silber oder Blei. Gott im Himmel macht mich vor allem sicher 
und frei. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, 
Des Sonntags sollt ihr in die Kirche gehen und mit Andacht beten. Und 
werdet ihr das nicht tun, so will ich euch bestrafen mit teuren Zeiten, Pestilenz 
und Krieg. Scheut Menschcn-List und Begierde. So geschwinde wie ich Euch 
geschaffen lu^e, kann ich Euch wieder verschütten. Seid nicht mit der Zunge 
falsch. Ehret Vater und Mutter und redet nicht falsch Zeugnis wider Euren 
Nächsten. Da gebe ich euch Gesundheit und Frieden. Wer diesen Brief nicht 
glaubt und wer nicht glaubt, der wird von mir verlassen und wird keinen 
Segen und Glück haben. Ich sage Euch, daß Jesus Christus diesen Brief 
selber geschrieben hat. Wer diesen Brief widerspricht, der ist verlassen und 

soll keine Hilfe haben. Wer diesen Brief nicht offenbart, der ist verflucht 

von der christlichen Kirche. Diesen Brief soll einer dem andern offenbaren. 
Und wenn Ihr soviel Sünde getan wie Sand im Meere, so sollen sie euch ver¬ 
geben werden. Wer nicht glaubt, soll des Todes sterben. Haltet seine Ge¬ 
bote, die ich euch durch meinen Engel gesandt habe. Im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des heiligen Geistes. Sei mit mir Felix Bradler. Im Kriege 

wie im Frieden zu Lande und zu Wasser und wo es auch immer sein mag. 

Amen. So geh mit Gott, vertrau auf Gott. Deine Dichliebende Mutter. 
Trennung unser Loos. Wiedersehen unsere Hoffnung. 

*) Hellwig S. 26—35. Aus aller Welt und Zeit Kronfeld III. Amulette 
und Talisman S. 40—80. Hier darf auch die Satorformel genant werden, die 
heute allerdings nur historischen Wert hat. Hessische Blätter f. Volkskunde 
XIII, 154 ff. S. Seligmann. 


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imstande sei. In der Kegel werden aber derartige Stöcke eben 
nur ihres Erinnerungswertes wegen getragen, können also nicht als 
Beweis für den Aberglauben im deutschen Heere gelten. Sonst 
würde es wohl nicht einen einzigen Soldaten geben, der nicht vom 
Aberglauben befangen wäre. Hierher gehört die sehr hübsche Ge¬ 
schichte (vielleicht zu hübsch, um wahr zu sein) von dem vier- 
blättrigen Kleeblatt, das die Tochter des Hofrates Schneider dem 
König Wilhelm vor seinem Auszuge in Feindesland 1870 gegeben 
und mit warmem Danke nach dem Kriege von dem Kaiser, der es 
stets getragen habe, zurück erhalten haben soll. Zu Beginn dieses 
Krieges soll unser Kaiser dies Kleeblatt von dem Patenkinde des 
Fräulein Schneider wiedererhalten haben (Kronfeld S. 246). Hellwig 
(S. 30) bemerkt dazu: Sollte unser allerhöchster Kriegsherr in der 
Tat das vierblättrige Kleeblatt mit der Haarsträhne seines Gro߬ 
vaters mitgenommen haben, so würde der Talismansgedanke mit 
dem Erinnerungszeichen so eng verschmolzen sein, daß es schwer 
wäre, den wirklich maßgebenden Gedankengang festzustellen *). 

So weit verbreitet die Amulette sind, sofern sie Erinnerungs¬ 
stücke darstellen, so ist nach neueren Beobachtungen der Gebrauch 
bestimmter Amulette gegen früher zurückgegangen, hat vielmehr 
den Himmelsbriefen den Platz geräumt. Von etwas ähnlichem wie 
den Mansfelder Talern (Kronfeld S. 97) habe ich, wenn man von 
Skapulieren und gesegneten Medaillen absieht 2 ), nichts gefunden; 
doch ist es sicher, daß im Leben sonst geübter Aberglaube auch 
gegen die Kriegsgefahr angewendet werden mag. Bäehtold (S. 15 ff.) 
führt eine größere Zahl abergläubischer Bräuche zum Schutze des 
Lebens der Krieger an. Der Sonderbarkeit wegen sei mitgeteilt, 
daß manche Gelehrte sogar meinen, das Zeichen des Islam, der 
Halbmond, sei eine Umbildung des allbekannten Glückszeichens, des 
Hufeisens, oder es bedeute das bekannte Sinnbild einer Klaue (Kron¬ 
feld S. 44). Nach jetzt verbreiteter Ansicht ist indessen dies 
Zeichen wohl weder so zu deuten noch auch als erstehender Mond, 
sondern als Schwert des Muhamed, der mit Feuer und Schwert seine 

5 ) Hier sei auf die hübsche Geschichte von dem vierblättrigen Kleeblatt 
hingewiesen, die den Dichter Hermann AUnters zu seiner sehr gelungenen 
Hailade veranlaßt hat, vgl. Theodor Siebs, Hermann Allmers. Berlin 1915. 
Seite 347. 

2 ) Wie sehr man damit anstoßen kann, vgl. Grabinski S. 84. Westfäl. 
Volksblatt 6./5. 1916. 


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Religion ausbreitete, hat also mit dem, was wir hier behandeln, 
nichts zu tun. 

Bei den Fliegern scheint der Aberglaube mehr zu Haus zu sein als 
bei anderen Waffengattungen. Sie nehmen — nach meiner Beobachtung 
— in die Lüfte oftmals nicht nur einen Hund, sondern eine schrecklich 
aussehende Puppe, ein Glücksmänulein') mit, das sie da oben 
schützen soll (vgl. Kronfeld, S. 53). Ich habe einen schrecklich 
gestalteten Glücksgötzen von einem Flieger aus Frankreich erhalten. 
Während man Himmelsbriefen und Amuletten schützende Wirkung 
zuschreibt, hält man Spielkarten für gefährlich. So werfen, er¬ 
zählte mir ein befreundeter Pastor, die Soldaten vor einem Sturm¬ 
angriff ihre Spielkarten weg. (Bächtold S. 27 ff.). 

Zu Beginn des Krieges fand das Kettengebet weite Verbreitung 
(Kronfeld S. 66, Bächtold S. 22 ff.). Ich habe einige solcher Gebete er¬ 
halten 2 ). Manche schwache Menschen sind durch solche Dinge innerlich 
nicht wenig erregt worden s ). Wie sich oft Verschlagenheit und 
Gaunerei zur Erreichung materiellen Vorteils solchen Glaubens be¬ 
dient, das zeigt Bächtold 4 ) an einem Kriegs-Kettengebet aus der 
Schwäbischen Alb, das nicht nur fleißiges Abschreiben und Ver¬ 
senden während neun Tagen verlangt, sondern am Schlüsse das 
Gebot enthält, daß „an jedem Tage wenigstens ein frisches Ei unter 
dem Busche bei’s . . . bauren Acker zu legen“ sei. „Wer das 
nicht tut, der hat kein Glück“. 

Manchmal wird heute in abergläubischer Art die Bibel zur 
Deutung der Zukunft benutzt, indem man Stellen derselben, zu¬ 
meist aus Daniel oder der Offenbarung (Hellwig S. 85) zusammen¬ 
hanglos für unsere Zeit umzudeuten sucht. Diese Art der Aus¬ 
legung der Schrift ist sehr alt, wird aber jetzt wieder besonders 

') Über Galgen- oder GlUcksuiänulein vgl. Kronfeld S. 53. 

2 ) Ein solches lautet: Ein altes Gebet. 0. Jesus Christus, wir erflehen 
vou Dir: Segne das Menschengeschlecht! Hilf alles Böse zu vermeiden und 
gewähre uns wieder, im alten Frieden mit Dir zu leben. Jeder, der dies 
Gebet erhält, soll es neun Tage lang absehreiben, einem anderen lieben Menschen 
zuschicken, dann wird er Glück, sonst aber nach neun Tagen schweres Unglück 
haben. Die Karte darf nicht zerrissen werden. Ohne Unterschrift. 

3 ) Eine an den Händen gelähmte alte Frau kam weinend zu meinem 
Schwiegervater und bat ihn, er möge doch neunmal das Gebet abschreibeu, 
damit ihr nichts Schlimmes begegne. Ähnliches habe ich auch in meiner 
Amtsführung erlebt. 

«) Bächtold S. 23. 


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Original ftom 

PRINCETON UNIVERSlfr * 



gern betrieben. In Krieg und Revolutionszeiten haben Schwarm- 
geister in apokalyptischen Offenbarungen über die Zukunft phan¬ 
tastische Träumereien unter die leichtgläubigen, wundersüchtigen 
Massen verbreitet (Reiners S. 86 ff.). Die Bibel ist aber kein 
Zauber- und Wahrsagebuch. Schon das Wählen bestimmter 
Losungen auf einen besonderen Tag, von denen die Zeitungen am 
Anfang des Krieges wunderbare Fälle berichteten, wie Mt. 4, 13; 
Jes. 27, 1 an Kriegsbeginn als Losung aufgeschlagen, hat gewiß 
manches Bedenkliche. In etwas anderer Art versuchen bestimmte 
Sekten, wie die Adventisten, aus der Schrift die Zukunft zu deuten. 
So wird gern nachgewiesen, daß wir uns in der 12. Stunde des 
Weltgeschehens, dicht vor Weltuntergang, befänden 1 ). Die An¬ 
deutungen der Bibel erfüllten sich jetzt; großer Verstand herrsche 
unter den Menschen (Dan. 12,4), was man füglich bestreiten könnte; 
das Evangelium werde allen Völkern gepredigt (Mt 27, 14), was 
auch durchaus kein Zeichen der Gegenwart ist usw. 

Ein ganz anderes Gebiet bildet der noch im Denken des Menschen 
begründete und nicht durch gegenständliche Mittel wirkende Kriegs¬ 
aberglaube. Hier kommen Ahnungen, Träume usw. in Betracht. 

Ahnungen fallen natürlich nur zu einem Teil in das Gebiet 
des Aberglaubens. Über seelische Fernwirkungen im Kriege ist oft¬ 
mals in den Zeitungen geschrieben worden :| ); öfter nocli wird der 
einzelne derlei Dinge erlebt, noch häufiger gehört haben. Über 
Wert und Bedeutung der Ahnungen ist hier nicht der Ort zu sprechen, 
ich will nur einige bezeichnende Fälle erwähnen. Ich berichte nur von 
Ahnungen, die mir begegnet sind. 

Als ich in Petersdorf i. R. zu einer Frau ging, deren Sohn ge¬ 
fallen war, erzählte sie mir, sie habe vor einiger Zeit des nachts 
gehört, wie er sie gerufen und geklopft habe. Freudig bewegt sei 
sie hinausgegangen, ihm zu öffnen, aber niemand sei da gewesen. 
Wie ich unvermerkt im Gespräch feststellen konnte, war es zu der 

') z. B. 0. Feuerstein in Degerloch bei Stuttgart: Mit dem Weltkrieg 
hat das Weltgericht begonnen, und anderes mehr. 

*) z. B. K. Peikert, Ernste Fragen in ernster Zeit 1916. Heiners, S. 59 
bis 85. Weder sehr klar noch einleuchtend. Grabinski, Ahnungen, Voraus¬ 
empfinden von Todesfällen S. 105—131, Telepathie S. 132—159; Hellsehcn, 
Prophezeiung S. 260—211. 

3 ) Türmer, 17. Jg. Apr.—Sept. 1915. S. 700 Dr. Lehmann, Seelische 
Fernwirkungen. Daheim, 50. Kriegsnummer, 51. Jg. 17/7. 1915 Wahrträume. 
Tägliche Rundschau 24. 5. 1916. Beilage. 


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Zeit, als der Sohn draußen fiel 1 ). Eine durchaus vertrauens¬ 
würdige Dame meiner Gemeinde erzählte mir, sie habe es genau 
gewußt, als ihr Mann draußen schwer verwundet wurde 2 ) und es 
ihren Angehörigen mitgeteilt. Mein Schwager hat an dem Tage, 
ehe er fiel, die Sachen gepackt, weil er wußte, daß sein Leben ab¬ 
geschlossen war. Die Kameraden haben am nächsten Tage dem 
Gefallenen die Sachen abgenommen und so, wie er sie verpackt 
hatte, nach Hause geschickt. Dabei ist er nicht in einer Schlacht 
oder einem Kampf gefallen, sondern hinterrücks vom Baum herab 
erschossen worden. Mein gefallener Bruder erzählte mir, er habe 
genau gewußt, daß er aus der Winterschlacht in der Champagne 
zurückkehren würde, aber ebenso bestimmt habe es ihm am 21. Februar 
geahnt, daß er an diesem Tage schwer verwundet werden würde 3 ). 

Hier liegt allerdings die Gefahr sehr nahe, sich falschen 
Ahnungen hinzugeben, mit Unglückstagen zu rechnen. So erzählte 
mir sowohl einer meiner Brüder als auch mein Schwager, daß sie 
den Sonntag als Unglückstag fürchteten. Einige Male war ihnen 
an diesem Tage etwas Unangenehmes begegnet, sodaß sie auf ihn 
besonders achteten. Kronfeld handelt besonders von solchen Unglücks¬ 
tagen (Kronfeld S. 161 ft.) Wie sehr die Krieger auf alle möglichen 
an sich ganz gleichgiltige Dinge achten, davon gaben mir meine 
' Angehörigen im Felde mehr als einen Beweis. 

Mit noch größerer Zurückhaltung als von den Ahnungen müssen . 
wir von Träumen reden (vgl. Heiners, S. 62 ff., Grabinski S. 85 11‘.) 
Daß es zu jeder Zeit Menschen gegeben hat, die Wahr- und Warn- . 
träume gehabt haben, wie sie die Wissenschaft nennt, ist uns von 
den Klassikern 4 ) wie in der einschlägigen Literatur 5 ) bekannt und 

J ) Das gleiche erzählt der Türmer, S. 700 ff. Aug. 1915. 

*) Ein besonders eigenartiger Fall von Telepathie und Ahnung. Daheim 54, 
14/8. 1915. 

s ) Ein Offizier meiner Gemeinde nannte mir sogar einen derben, aber be¬ 
zeichnenden terininus tcchnicus der Soldatensprache. 

4 ) Vgl. z. B. Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit von 
R. Pissin 123 f. Daß ich von dieser Zeit mein ganzes Leben hindurch voraus¬ 
sagende Träume behielt, die mir zu einer wahren Qual im Leben wurden, einer 
Qual, die ich keinem im Leben wünsche, und die mich praktisch kennen lehrten, 
welch ein Unglück es für den Menschen wäre, hätte ihm Gottes weise Hand 
die Zukunft nicht verschlossen. 

6 ) z. B. Lehmann, S. 504. Bei einigen wirklich festgcstellten Träumeu 
scheint man jedoch nur die Wahl zu haben zwischen einem wunderbaren Zufall 
oder telepathischen Kräften. 


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von mir mehrfach erlebt. So mögen sie auch hier und da in der 
Gegenwart aufgetreten sein. Nun ist es aber einmal unmöglich, 
genau festzustellen, wie der Traum gelautet hat. Auch werden nicht 
zutretiende Träume oft mit großem Nachdruck wiedergegeben *). 
Daß es sehr klare und lebhafte Träume gibt, ist sicher 2 ) und daß 
man ihnen eine besondere Bedeutung zumessen möchte, nur ver¬ 
ständlich 3 ). 

Eine weitere Art des Aberglaubens, die, soweit ich sehen kann, 
am wenigsten bekannt und in der Literatur unserer Tage noch un¬ 
berücksichtigt ist, ist der Brief an Tote. Mein Bruder teilte mir 
aus Rußland mit, daß dort hin und wieder Frauen an ihre gefallenen 
Männer schreiben und bitten, diesen Brief an das Grabeskreuz an¬ 
zuheften 4 ). Nach Ton und Inhalt enthält er Abschiedsworte, Bibel¬ 
stellen, Abbitte und ähnliches. Die Frauen glauben auf diese Weise 
eine Beziehung zu ihren verewigten Männern hersteilen zu können. 

Gelegentlich werden Vorgänge der Natur, die an sich mit dem 
Kriege nicht das Geringste zu tun haben, heute, wo man doppelt 
aufmerksam auf alle Zeichen der Zeit achtet, auf den Krieg ge¬ 
deutet. Viele Dinge, die schon in ruhigen Zeiten als Vorzeichen 
angesehen wurden, bestimmte Tiere, Erscheinungen ganz zufälliger 

*) Einen traurigen Fall erlebten wir beim Tode unseres Bruders im ver¬ 
gangenen Jahre. Eine Pflegerin, die ihn in Stuttgart gepflegt, schrieb uns auf 
die Mitteilung hin: Warum soll ich mit Worten ein Beileid aussprechen, was 
ich nicht fühle. Ihr Sohn lebt und kann es Ihnen nur nicht initteilen. Ich 
habe ganz deutlich im Traume einen Brief von ihm. gelesen, in dem er schreibt, 
ich bin nicht tot, sondern in Gefangenschaft. 

3 ) Mir träumte neulich, ich hatte mich im Walde verirrt. Plötzlich erblickte 
ich durch eine Lichtung den schneebedeckten Kamm des Riesengebirges und 
wußte, wo ich war. Im selben Augenblick zeigte sich in dieser Lichtung 
eine mächtige Anlage von Eichen und anderen starken Bäumen, die alle bekränzt 
waren. Während ich noch über die Bedeutung dieser sonderbaren Erscheinung 
nachsann, kam mein gefallener Bruder, das einzige Mal, daß er mir bisher im 
Traum erschienen ist, aus dem Eichenhain hervor und sagte freudig lächelnd: 
das ist das Sinnbild des neuen deutschen Reiches und eine Stimmt* erklang, 
und er hat es auch mit geschaffen! 

3 ) Vgl. Bismarcks nur sehr allgemeinen, durch seine Gedankengänge be¬ 
einflußten Traum, den er am 18. 12. 1881 seinem Kaiser erzählt. Ged. u. Erg. 
26. IV. Mitte. Cotta II, 193 f. 

4 ) Ein solcher Brief, aufgeschrieben auf ein als Herz ausgeschnittenes 

Stück Papier lautet: Lieber Vater! Ich will, daß, wo ich bin, auch die boi mir 
sind, die du mir gegeben hast. Deine lieben Eltern, Frau Luise und dein 
kleiner Fritz v. St.W.aus Deutschland. 


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Art, werden in Kriegszeiten als besonders bedeutungsvoll angesehen. 
Bächtold nennt eine Anzahl zumeist von früher bekannter Vor¬ 
zeichen, deren Bedeutung man jetzt wieder zu ergründen sucht 
(Kronfeld Orakel, Prophezeiungen usw. S. 120ff., Bächtold S. 4, 13 tf.)- 
Oft wird von Bäumen gesprochen, an denen man in dieser Kriegs¬ 
zeit dieselbe Absonderlichkeit gemerkt habe wie 1870. Ich erinnere 
mich an die Linde in Gröbnig bei Leobschütz O/S., von der es hieß, 
sie habe 1916 ebenso wie 1871 geblüht, ehe sie Blütter hatte, was 
als sicheres Zeichen für das Ende des Weltkrieges angesehen wurde 1 ). 
Eine hierher gehörende Geschichte brachte die Tägliche Rundschau 
am 28. 10. 1914. Eine Insel im Hautsee in Thüringen nicht weit 
von der Wartburg habe jedesmal dann ihre Lage geändert, wenn 
ein weltgeschichtliches Ereignis bevorstaud. So sei es zur Zeit 
Napoleons, 1870 und bei Beginn dieses Krieges beobachtet worden. 
Die großherzogliche Forstverwaltung teilte der Rundschau auf ihre 
Anfrage mit, die Insel habe jetzt allerdings ihren Platz geändert 
und befinde sicli fast am Ufer. Zur Erklärung der Tatsache sei 
hervorgehoben, daß die Insel nachweislich auch zu anderer Zeit ihren 
Platz geändert hat und es auch diesmal der Vergessenheit anheim 
gefallen wäre, wenn nicht ein wichtiges Ereignis zufällig mit dieser 
Naturerscheinung zusammen gefallen wäre. Etwas ähnliches erlebte 
ich in Petersdorf i. R. In dem sehr trockenen Frühjahr 1915, 
als wir auf jede Naturerscheinung achteten, um den Regen herab¬ 
zuzwingen, auf Mondwechsel und Windrichtung, hieß es auf einmal 
im ganzen Riesengebirge, der kleine Teich habe gewellt. Er hatte 
das letzte Mal 1898 vor dem großen Hochwasser Wellen geschlagen. 
Das war für die Gebirgsbewohner das sicherste Anzeichen für ein 
neues Hochwasser. Es ist nicht eingetreten, ja, es hat nicht einmal 
geregnet, und darum hat man davon geschwiegen. Anderenfalls 
wäre der kleine Teich wegen seiner prophetischen Eigenart vielleicht 
als ein Weltwunder angestaunt worden. So brachte die Tägliche 
Rundschau (am 24. 5. 1916 Beilage) unter der Überschrift „die 
Prophetische Quelle“ einen Bericht des „Gaulois“ von einer Quelle, 
ans der das Schlachtenroß der Jeanne d’Arc getrunken habe; diese 
Quelle aber sei zwei bis drei Monate vor Friedenschluß 1871 ver¬ 
siegt. Da sie jetzt wieder von neuem zu plätschern begann, schloß 

*) Etwas ganz Entsprechendes vom Blühen der alten Fehmarner Pappel 
1870 und 1916 als Anzeichen für das Kriegsende. Tägliche Rundschan 1. 7. 1916 
Beilage, vgl. Bächtold, S. 6f. 


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man allenthalben auf den nahenden Frieden. Ähnliche Dinge gibt 
es in großer Zahl. Grobe Wutischki (S. 37—50) redet in einem 
besonderen Kapitel von allgemeinen Vorzeichen über Blut- und 
Kriegsseen, Kriegs- und Totenvögel und kommt zu dem eigenartigen 
Schluß, die Tiere mit ihrem erstaunlichen Witterungs- und Ahnungs¬ 
vermögen empfanden die disharmonischen Störungen in der Völkerwelt. 

Ja, man hat nicht nur einzelne Teile der Natur als bedeutungs¬ 
voll für den Krieg angesehen, sondern die gesamte Erde. Mit dem 
wissenschaftlich klingenden Titel „Geosophische Kriegsursachen“ 
erweist Max. Sewaldt (Neue metaph. Bundschau S. 201 ff.) an der 
Hand eines Bildes der azimutalen Kontinentalerdhalbkugel im Horizont 
von Rom mit Projektion der Ecken und Kanten des Erdkernkristall¬ 
pentagondodekaeders in fast bewunderungswürdiger wissenschaftlicher 
Naivität: Es ist geologisch geschaut ganz klar, daß auf Deutschland 
und Österreich in den Symmetrierichtungen von Südost (Serbien, 
Montenegro), Nordost (Rußland), Südwest (Frankreich) und Nordwest 
(Belgien und England) ein Vorstoß erfolgen mußte. Italien und 
Skandinavien liegen auf dem indifferenten Schwingungsmeridian der 
Neutralen. Glücklicherweise ist diese „wissenschaftliche“ Abhandlung 
geschrieben, ehe Italien aus dem indifferenten Schwingungsmeridian 
der Neutralen heraustrat. 

Wie weit sich der Mensch in solchen Gedankengängen verirren 
kann, zeigt die „esoterische Beleuchtung“ des Weltkrieges, die 
man aufgrund der merkwürdigen Geschichte 1. M. 14 vornehmen zu 
dürfen gemeint hat. Im Urgrund der Siddis') finden wir in der 
Bibel einen Aufriß unseres heutigen Völkerringens, gleichsam nach 
jenem Satze von der Wiederkehr alles Gleichen. Auch fehlen hier 
nicht die kosmischen Komponenten. Die Erzählung selbst zeigt 
einen astropsychologischen Einschlag, der uns auf eine noch ältere 
Fassung im Totenbuch der Ägypter (Kap. 42) zurückweist. Die 
ganze Erzählung sagt uns so im esoterischen Sinne zunächst nichts 
anderes, als daß ebenso wie in den ersten Tagen des Augustes 
unseres Jahres die Planeten in diesem Urgründe zusammenkamen 
und stritten und damit das Fanal zu diesem großen Kampf der 
Könige gaben. Die innerste Zone des Welteis liegt nach der alten 
Astrallehre im Zeichen Wassermann und Löwe, die sich im Zodiakus 


>) Würde er sagen „von Siddim“, so wäre es wenigstens grammatisch 
richtig. 

Mitteiluugen <1. SchUs. Ges. f. Vskde. Bd. XX. 5 


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«6 


gegeuübersteheu als die beiden Zeutralhälften des kosmischen Lichteis 
(oder embryonalen Lichteis) aber ein ganzes bilden. Die biblische 
große Schlacht im Urgrund des Siddhis, die der Seher Abram sah, 
wird sich heute erfüllen. 

Derartige Dinge stehen dem Gebiete der Astrologie nahe. 
Daß man auf besondere Zeichen am Himmel achtet, ist verständlich. 
So bezeichnet nach dem Volksglauben Morgenrot am Neujahrstage 
Blut und Blutvergießen (Kronfeld S. 147). Und am 1. 1. 1915 ging 
die Sonne ja mit besonderer Glut auf. Ebenso verstehen wir, daß 
das Volk im Kometen eine Zdflitrute Gottes zu erblicken geneigt 
ist (Seitz S. 399, Grabinski S. 60). Und wir haben 1914 den Kriegs¬ 
kometen gesehen, der allerdings in keinem Verhältnis zur Schrecklich¬ 
keit des Weltbrandes gestanden hat. Der Volksglaube empfindet, 
wie Schiller den Kapuziner in Wallensteins Lager vom Herrgott 
sagen läßt: „Den Kometen steckt er wie eine Bute drohend am 
Himmelsfenster raus.“ So sagte mir eine alte Frau meines Heimat¬ 
dorfes in Lichtenau o/L. Es wird kein Krieg; denn das Nordlicht 
hat sich noch nicht gezeigt, wie es von Oktober 1870 her noch in 
lebhafter Erinnerung ist 1 ). 

Nun gibt es aber heutzutage Leute, die astrologische Mut¬ 
maßungen über den Krieg der Deutschen 1914, seine Ursachen und 
Folgen schreiben (Tiede), die „hochinteressante“ Büchlein verfassen 
über das Thema „das Jahr des Friedens und des Sieges 1916. 
Astrologische Mutmaßungen“ (E. Courbiner, Neuzeitlicher ßuchverlag. 
Berlin-Schöneberg). Peinlich für die Astrologen ist nur, daß der 
Nestor ihrer Zunft, Zadkiel, ein Engländer ist, der seinen Kalender 
1915 so gehässig gehalten hat, daß „nichts hier abgedruckt werden 
kann und daß er jeden wissenschaftlichen Wert verliert!“, wie seine 
deutschen Schüler sogar sagen. Es müßte doch auch einem ganz 
überzeugten Astrologen Zweifel an der Möglichkeit seiner Kunst 
kommen, wenn er sein Werk anfangen muß, „nicht gerade zum Lobe 
der Astrologie sei es eingestanden, jeder gab zu Beginn des Kriegs 
ein anderes Urteil über die Frage, wie stehn die Sterne! 2 )“. Man 
glaubt sich wirklich um einige Jahrhunderte zurückversetzt, wenn 
man vom Horoskop der Nativitäten der Herrscher liest und aus der 


') Von anderen sonderbaren Erscheinungen am Himmel wird mancherlei 
berichtet. 

a ' Neue inetaph. Kundschau S. 217, 232 


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Ascendenz des Saturn, der Quadratur des Cancer mit der Sonne im 
Sesquiquadrataspekt mit der Sonne und biquintil mit dem Monde, 
während Gemini im 5. Hause steht, auf unheilverkündende Unruhe 
schließt. 

Hier ist die Kabbala zu nennen. Sie gehörte im Mittelalter 
mit der Astrologie zusammen und ist heute mit ihr wieder 
aufgelebt 2 ). Durch die verschiedenste Rechnungsart glaubt man 
bestimmte Daten errechnen zu können. Die beiden bekanntesten 
derartigen Beispiele sind wohl 1) 1849 wurde dem König die Kaiser¬ 
krone angetrageu. Quersumme 22, addiert: 1871 wurde das deutsche 
Reich begründet, Quersumme 17, addiert: 1888 das Dreikaiserjahr, 
Quersumme 25 addiert: 1913: „das letzte Friedensjahr“, da „das erste 
Kriegsjahr“ leider nicht stimmte 3 ). 

In umständlicherer Art versucht die Ivabbalistik durch Addition 
von 11 oder 22 durch Feststellung der Siebnerperiode und was 
derlei Dinge mehr sind, bestimmte Daten zu errechnen. So erklärt 
Grobe Wutischki, nachdem er in unglaublicher Torheit die Zahlen 1812, 
1823, 1837, 1857, 1871, 1891, 1914 errechnet hat, der Kenner der 
Geschichte wird außer den unterstrichenen auch die Zwischenzahlen 
als bedeutungsvoll erkennen. Ja, welches Jahr wäre nicht bedeutungs¬ 
voll für Deutschland gewesen? 

2 ) Das Datum des Friedensschlusses 11. 11. 1915. 18 70-1- 18 70 
ergibt 37 41. Davon die Quersumme der Zwcierzahleu 10. 5., das 
Datum des Friedensschlusses 1871. Ebenso 1914-1-19 15 = 38 29. 
Die Quersummen 11. 11 4 ). 

Ebenso eigenartig wie diese gelehrte Errechnung bestimmter 
Tatsachen ist die Naivität, mit der das Volk bestimmte Daten des 
Friedensschlusses festzuhalten imstande ist. Das erste feste Datum, 
nachdem die Blätter gefallen waren und als die Kirschblüte vorüber 
war, das man für den Friedensschluß angab, war der 27. 4. 1915. 
Wie weit dieser bestimmte Tag als der des kommenden Friedens 
verbreitet war, ersah ich aus einer Nachricht, die mir mein Bruder 

aus dem Felde schrieb, wenn am 28. 4., so hieß es da, nicht Frieden 

» 4 

2 ) Grabinski, S. 238-244, Heliwig, S. 76-85, Scitz, S. 461 fl*. 

3 ) Vgl. Zentralblatt f. Okkult. Febr. 1911, S. 476, Nicineycr, Magie der 
Zahl (Baumann 15 f.) Grobe Wutischki 55 fT., Zur Bonsen 26, Gerling, 
24 f. usw. 

4 ) Abgedruckt z. B. Frankfurter Zeitung 16.4. 1915; Heliwig, S. 132 
Zur Bonsen, S. 67, Bächtold, S. 9 f. 


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werden würde, würden viele Soldaten sehr unzufrieden werden. 
Auch in Zeitschriften wandte man sich gegen diesen bestimmten 
Tag, der allgemein als Friedensschlußtag verbreitet war 1 ). Auch 
Hellwig erwähnt dieses Datum 2 ). Dann hieß es im Herbst 1915 
allgemein, Hindenburg habe erklärt, jeden Schuß, der nach dem 
11. 11. falle, bezahle er. Weiter wurde der 22. 12. als sicherer 
letzter Termin des Friedensschlusses angegeben. Im Mai 1916 
machte dann eine Prophezeiung die Runde durch die Blätter, nach 
der ein Wiener Anthropologe, Prof. Kurt Zanowski in der Köluischen 
Zeitung in einer längeren Prophezeiung verschiedene Daten im 
Weltkrieg, und den Friedensschluß im voraus auf den 17. 8. 1916 
angegeben hatte. Diese Weissagung war mir in mehreren Exemplaren 
zur Beurteilung zugegangen. Auch Grabinski (S. 245) führt sie au. 
Auf meine Nachfrage erhielt ich von der Kölnischen Zeitung die 
Nachricht, daß dort diese Prophezeiung nicht veröffentlicht, auch ein 
Professor Zauowski dort nicht bekannt sei. 

Daß das Volk, das den Frieden ersehnt, sich an solche Dinge 
hält, ist verständlich. Auffällig ist allerdings, daß das letzte all¬ 
gemein genannte Datum des Friedensschlusses nun schon über zwei 
Jahre zurückliegt. Der Eifer hat also auch hier nachgelassen. 
Weniger begreiflich ist, daß man solchen Unsinn mit dem gedruckten 
Wort vertritt. „Bei der Aufhellung der biologischen Probleme der 
Reinkarnation wie zum Verhältnis der Periodizität im Weltgeschehen 
kann uus die Zahlenmystik wahrscheinlich die größte Hilfe leisten.“ 
Und Grobe Wutischki (S. 8<i) schließt eine sehr törichte Zahlen¬ 
berechnung mit den begeisterten Worten: Die Siebnerperiode ist 
geschlossen. Seitz hat recht, wenn er all das nur Spielerei nennt, 
ebenso Hellwig (S. 76/32), der zufügt, der Eifer wäre eiuer besseren 
Sache würdig wie einer solchen Spielerei. All diese Zahlenscherze 
haben vor der alten Pythia nur das voraus, daß sie sich mit positiven 
Zahlenangaben blamieren. Ein derartiger Zahlenscherz hat vor nicht 
langer Zeit die Gemüter erregt und wurde auch von angesehenen 
Zeitungen als Laune der Zahl weiter gegeben, so auch in der 
Täglichen Rundschau vom 13. 6. 1916. Da hieß es, die Summe 
der Zahlen, die Geburtsjahr, Regierungsantritt, Regierungszeit und 
Lebensalter unseres Kaisers und Kaiser Franz Josephs angeben, be- 


J ) Vgl. Ev. Geineindeblatt für das Riesengeb. 11.4. 1915. 
*) Hellwig, S. 125 ff. 


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trüge 3832, wovon die Hälfte 1910 sei. Mithin sei (lies Jahr ent¬ 
scheidend für die beiden Reiche. Abgesehen von der Mangelhaftig¬ 
keit der Logik in diesem Schluß übersah man, daß das die Eigenart 
unserer Zählung ist, daß das Geburtsjahr und das Lebensalter 
immer das gegenwärtig gezählte Jahr ergeben muß. Darin besteht 
ja der ganze Sinn unserer Rechnung *). 

Während, des Krieges ist eine abschließende Behandlung des 
so ausgedehnten Gebietes des Krieg?aberglaubens nicht möglich, 
ich wollte jedoch den mannigfachen Bitten um Stoff’ zur soldatischen 
Volkskunde entsprechen und Anregung zur Weiterarbeit geben und 
erhalten 2 ). 


*) Vgl. Leobschützer Zeitung vom 2.7. 1916 nach der sehles. Volkszeitung. 
a ) Vgl. das überreiche Material im Archiv für ßeligionswissensch z. B. 
Bedeutung der Planeten bei deu alten Indern: Scheftelowitz, Fischsymbol im 
Judentum u. Christentum. Afft. 14, 41. In der syrischen Religion C. Leopold, 
Syrische Religion AfR. 16,567. J. Scheftelowitz, Fischsymbol im Judentum 
ii. Christentum 14, 386 usw. 


Literatur. 


K. Hellwig, Zur Psychologie des Aberglaubens, Dissertation Kiel 1911. 

A. Lehmann, Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis in die 
Gegenwart. Deutsch v. Petersen. Stuttgart 1908. 

A. Nitzsch, Lehrbuch der ev. Dogmatik, herausgeg. v. H. Stephan. Religion 
in Geschichte und Gegenwart II 1909. 

H. Bächtold 3 Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube. Strattburg 1917. 
F. E. Braum an n, Kriegsprophezeiungen 1914/15. 

F. zur Bonsen, die Prophezeiungen zum Weltkrieg 1914 —16. 

H. Gerling, Der Weltkrieg 1914 15 im Lichte der Prophezeiung. 

R. Grabinsky, Neuere Mystik. Der Weltkrieg im Aberglauben und im Lichte 
der Prophetie 1916. 

A. Grobe Wutischky, Der Weltkrieg 1914 in der Prophetie 1915. 

A. Hellwig, Weltkrieg und Aberglaube 1916. 

Komm rieh, Prophezeiungen alter Aberglaube oder neue Wahrheit. 

E. M. Krön feld, Der Krieg im Aberglauben und Volksglauben. 

A. Re in er s, Prophetische Stimmen und Gesichte über den Weltkrieg 1914/16. 
München? 

A. Seitz, Kriegsprophezeiungen in „Der Fels“ 1915 August n. September. 


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70 


S. Malachiae Prophetia MDG XLII. 

A. Kniepf, Die Weissagungen des altfranzösischen.Sehers Michel Nostradamus 
und der jetzige Weltkrieg 1914. 

F. Kampers, Die Lehninsche Weissagung über das Haus Hohenzollern, Ge¬ 
schichte, Charakter und Quellen der Fälschung 1897. 

F. zur Bonsen, Die Völkerschlacht am Birkenbaum 1916. 

E. Bö ekel, Die deutsche Volkssage 19(9. 

P. Zillmann, Die Weissagungen auf den Weltkrieg, Neue metaphys. Rund¬ 
schau XXI 1914 S. 233 if. 

K. Helm, Kriegs- und Friedensprophezeiungen 1914/15. Hess. Blätter für 
. Volkskunde XHI/1914. S, 195 ff. 

R. And ree, Braunschweiger Volkskunde. 

K. Pcikert, Ernste Fragen aus ernster Zeit. 

Offener Brief an alle Deutschen ohne Ausnahme, Zittau. 

Der gegenwärtige Krieg und sein Ausgang breits 1911 offenbart, Zittau. 
Der kommende Krieg (La guerre qui vient) Berlin 1916. 

A. Conan Doyle, Der Tauchbootkrieg. 

Christaller, Der Himmelsbrief Warneck. 

Deutsche Gaue 1914 S. 4 1S1 ff. 

Ev. Freiheit 1915 S. 248 ff. Treblin, Kriegsaberglauben. 

Monistisches Jahrhundert 1915 S. 181 ff. ein merkwürdiges Kultur¬ 
dokument. 

Mitteilungen d. Scliles. Gesellschaft für Volkskunde 1897 Band VI,1 88 ff. 
K. Olbrich, I ber Waffensegen, und Band XIX, 1911 12 S. 580—620. 
Vogt, Die Schutzbriefe unserer Soldateu. 

Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 25 S. 241 — 259. 


Register. 

Adventisten 61. Bismarck 48. 54. 

Ahnungen 61 f. Blutsee 65. 

Alexis 54. Brief an Tote 63. 

Alltners 59. Brünagel 55 f. 

Altötting 49. 

Amulett 58. Civrieux 46. 

Astrologie 66. 

Daten des Friedens- 
Bäume 64 Schlusses 67. 

Beobachtung d.Natur63ff. Deluisi 55. 

Bibel 60 f. Delph. Orakel 42. 

Birkenbaum 46 f. Dessauer, der alte 48. 


Dreißigj. Krieg 41. 

Erfahrungen: Eigene 57, 
Familie 62 f. [60. 
Flieger 60. 

Leobschütz 64. 
Lichtenau 66. 
Petersdorf 51 f. 61 f. 64. 
Schreibendorf 62. 
EsoterischeBetrachtung65 
Euckon £4. 

Freimarken 53. 


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Gaulois 53. 64. 

Geibel 54. 

GenKomm 53. 

Geosophie 65. 
Glüeksmännlein 60. 
Goethe 54. 

Gralsorden 48. 

Große Pyramide 48. 
Gustav Adolf 41. 

Halbmond 59. 

Hamerlings Gedicht 48 f. 
Hebbel 55. 

Himmelsbrief 57 f. 
Hnlsen-Häseler 58 

Jeanne d’Arc 64. 

Insel 64. 

Ital. Kriegserklärung 42. 

Kabbala 67. 

Kalender hundertj. 50. 
Kaufmann 54. 

Kavacami 53. 

Kerner 62. 

Kettengebet 60. 
Kirschblüte 51. 67. 
Kleiner Teich 64. 

Komet 66. 

Korceniecki 48. 


Kriegssec 65. 

Kriegsvogel 65. 

Lamprecht 54. 

Lehn in 45 f. 

Losung 60 f. 

Luther 41. 

Malachias 43. 

Mansfelder Taler 59. 
Medaille gesegnete 59. 
Mihailowicz 48. 
Merseburger Zauber¬ 
sprüche 56. 

Morgenrot 66. 

Nordlicht 66. 
Nostradamus 43 f. 

Okkultismus 50. 53. 

Paracelsus 42. 

Pinsker Schlacht 48. 
Polen 42. 

Prinz Heinrich Baude 55 
Propheten 54 f. 

Quelle 64. 

Schiller 54. 66. 
Schleiermacher 54. 
Schwertsegen 56. 
Serbiens Schicksal 48. 
Siegfried 47. 


Skapuliere 59. 
Soldatenstand aber¬ 
gläubisch 41. 

Spielkarten 60. 

Spiritismus 48. 
Spökenkieker 47. 

Thebes 47 f. 

Theosophen 48. 

Tolstoi 48. 

Totenvogel 65. 

Träume 62. 

\ 

Unglückszahl 53. 
UnwahreWcissagung.48ff. 

Wahrsagerin 52 f. 

I Wal 47. 

Wallenstein 42. 58. 66. 
i Weissagung 42 ff. 

I Möglichkeit ders. 

! Weisser Fürst 46. 
Wilhelm I. 59. 

„ II. 46. 50. 59. 68. 
Wilhelmsgedicht 49 f. 

Zahl 1913 Kriegsjahr 53. 

1915 Schicksalsjahr 53. 
Zweites Gesicht 47. 
Zadkiel 66. 


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Schlesische Iweinbilder aus dem 14. Jahrhundert. 

Mit einer Bildtafel. 

Von Pr. Paul Kniitel in Kattowitz. 


Nachdem der Bober unterhalb von Hirschberg zwischen schroflen 
Felsen die Sattlerschlucht durchflossen hat, trennt er das Dorf Bober- 
Röhrsdorf in zwei Teile. Dieses zieht sich in langgestreckter Mulde 
von Nordosten nach Südwesten hin. Durch seinen Namen (Rudgersdorf) *) 
und seine Anlage gibt es sich als eine deutsche Gründung zu erkennen. 
Drei Gebäude bestimmen hauptsächlich sein Bild in der Landschaft. 
Zunächst die katholische Kirche, die mit dem niedrigen Turme, Lang¬ 
haus und Chor den Typus einer schlesischen Dorfkirche darstellt 2 ). 
Oberhalb von ihr gibt sich ein Gebäude mit Walmdach und Dach¬ 
reiter in der Mitte der First als eine jener saalartigen evangelischen 
Gotteshäuser zu erkennen, wie sie nach der Besitzergreifung Schlesiens 
durch den großen Friedrich in größerer Anzahl, besonders auch in 
den vorwiegend protestantischen Landschaften am Fuß des Riesen¬ 
gebirges, z. B. in Hennsdorf u. K. und in Petersdorf, zunächst als 
Bethäuser entstanden sind. 

Gerade am Ufer des Bober, dort wo ihn die Dorf brücke über¬ 
quert, zieht ein drittes turmartiges Gebäude die Blicke auf sich. 
Es liegt neben dem Wohngebäude, das zu dem in Gräflich Schaff- 
gotschem Besitze befindlichen Dominium gehört. Wir haben in ihm 
einen sogenannten Wohnturm vor uns. Gegenüber den sonstigen 
mittelalterlichen Burgen sind solche Wohntürme immerhin selten; 


') Es wird um 1305 zum ersten Male erwähnt Liber fundationis episc. 
Vratisl. (Cod. dipl. Siles. 4. Bd.) S. 137. 

a ) Nach Lutsch, Verzeichnis der Kunstdenkmäler Schlesiens, 3. Band, 
S. 471 aus der Mitte des 16. Jahrh. Doch scheint mir das von ihm nicht 
erwähnte Gewände des Södportals älter zu sein. Die Kirche wird urkundlich 
1899 zum ersten Mal erwähnt (Neuling, Schlesiens Kirchorte, 2. Aufl. S. 261). 


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in Schlesien ist mir nur noch einer bekannt, in Eckersdorf (Land¬ 
kreis Breslau) 1 ). 

Diese Wohntürme sind ein Mittelding zwischen Palas und 
Bergfried 2 ). Sie verbinden dessen Höhe und Mauerstärke mit der 
Geräumigkeit eines Palas. Das machte sie zur passiven Verteidigung 
und damit zu einem Kern- und Rückzugsbau besonders geeignet. 
An sie schloß sich entweder ein größerer Burgbau an, oder sie hatten, 
besonders in der Ebene, neben einer Ringmauer und -graben nur 
unbedeutende Anbauten 3 ). Als Wohngebäude hatten sie zweck¬ 
entsprechend fast immer geviertförmige Gestalt und waren mit einem 
einfachen Zelt oder Walmdach geschlossen 4 ). Diese Schilderung, 
die der beste gegenwärtig lebende Burgenkenner Piper von dem 
Wesen des Wohnturms gibt, trifft auf unser Bober-Röhrsdorfer Bau¬ 
werk fast völlig zu, und wir werden in ihm auch noch andere Eigen¬ 
tümlichkeiten, die er hervorhebt, verkörpert finden 5 ). 

Am Ende des großen Gutshofes liegt ein niedriges Wohngebäude. 
Mit einem schmalen Seitenflügel, einer Mauer und dem Wohnturme 
schließt es einen kleinen Hof ein. Auf drei Seiten ist diese Anlage 
noch von dem ursprünglichen Wassergraben umgeben, während der 
Teil längs des Wohnhauses zugeschüttet ist. Daraus ergibt sich, 
daß früher nur unbedeutende Baulichkeiten, Ställe u. a., hier ge¬ 
standen haben können und der Turm fast allein Wohn- und Ver¬ 
teidigungszwecken diente. Die früher das Ganze umschließende 
Mauer in der Höhe von etwa 12—14 Fuß ist in ihren letzten 
Resten in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ab¬ 
getragen worden ü ). Das Bauwerk ist auf rechteckigem Grundriß aus 
Bruchsteinen aufgeführt und auf einer Grundfläche von 14: 21 m 
errichtet. Die Mauerstärke beträgt 2 m, seine Höhe bis an das Dach- 

*) Abbildung: Schlesien 2. Bd. S. 411. Vergl. Lutsch, a. a. 0. 2. Bd. 
S. 440. 

2 ) O. Piper, Burgenkunde. 3. Aull. S. 237. 

s ) Piper, a. a. O. S. 244. 4 ) Piper, a. a. O. S. 241 und 243. 

5 ) Abbildungen des Turmes: 1) W. Klose, Das Schlot» zu Bober-Röhrs- 

dorf Tafel 1 in Sehles. Vorzeit in Bild und Schrift, 4. Bd. S. 595 IT. (Per 
Aufsatz wird weiterhin unter Klose angeführt), 2) F. Schröder, Schlesien, 
2. Bd. 1. Tafel, 3) V. Schätzke, Schics. Burgen nnd Schlösser (nach Photogr.) 
zu S. 7 IT., 4) Zeichnung von 1701 in dem compend. Siles. (Breslauer »Stadt¬ 
bücherei Nr. 550 Tafel 11) 5) Zeichnung von 176G in der Topogr. Siles. 

(ebenda Nr. 551- 555, IV 95.) 

6 ) Klose, a. a. 0. S. 599. 


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gesims 19 m. Geschlossen ist er von einem schindelgedeckten, ab- 
gewalmten Satteldache. Obwohl der Turm Wohnzwecken diente, fällt uns 
doch die Kleinheit und geringe Zahl der Fenster auf und macht 
damit seinen Verteidigungszweck noch klarer kenntlich, wenn auch 
der Unterschied vom Bergfried, der nur ganz winzige Öffnungen 
hat, scharf hervortritt. 

Schon sein Äußeres läßt erkennen, daß er außer dem Erd¬ 
geschoß drei Stockwerke enthält *)• Oer Zugang zu dem Turm in 
der Südseite wird durch eine Spitzbogentftr mit einfachem Gewände 
umrahmt. Rechts von dieser Tür wird das Erdgeschoß durch eine 
Mauer in zwei Teile getrennt, einen größeren westlichen und einen 
kleineren östlichen. Dieselbe Einteilung wiederholt sich im ersten 
Stockwerk. In ihm befand sich früher ein dunkelfarbig glasierten* 
Kachelofen mit Reliefs aus dem 1(5. Jahrhundert. Er ist in neuerer 
Zeit auf eine andere Besitzung der Grafen Schaffgotsch gebracht 
worden. Im zweiten und dritten Stock fehlt die Zwischenwand, 
doch muß früher, wie wir noch sehen werden, mindestens im zweiten, 
eine leichtere Wand vorhanden gewesen sein 2 ). Die Treppenanlagen 
sind nicht mehr die ursprünglichen, ebenso sind die flachen Decken 
neu eingezogen. Gegenüber den anderen Geschossen weist das zweite 
gewisse Eigentümlichkeiten'auf, die in ihm den eigentlichen Wohn- 
raum des Burgherrn erkennen lassen. Scheinbar besitzt es in dem 
ursprünglich abgetrennten westlichen Raum drei Fensteröffnungen, 
eine in der Südseite nahe der Südwestecke, zwei in der Nordseite. 
Die nordwestliche Öffnung aber, die durch eine hölzerne Umrahmung 
mit rechtwinkligem Abschluß und vorgekragten Ecken umrahmt 
wird, war, wie die Kragsteine an der Außenseite, je zwei über¬ 
einander, ergeben, früher der Ausgang zu einem Abort 3 ). An der 

’) Der Wohnturm der in Böhmens Geschichte so bedeutungsvollen Burg Karl- 
stein und der der Wasserburg Lechenich in der Rheinprovinz (Kreis Euskirchen) 
haben 5 Stockwerke. (Piper a. a. 0. S. 237.) Plan und Abbildungen der 
Bürg Lechenich und des Wohnturmes allein in den Kunstdenkmälern der Rhein¬ 
provinz 4. Bd. IV. (Kreis Euskirchen) Tafel VIII und IX und Seite 120 n. 121. 

2 ) Innere Scheidewände finden sich schon Tn romanischer Zeit. Sic be¬ 
standen entweder nur aus Brettern oder Balken oder aus Fachwerk, welches ein¬ 
fach mit Stuckdecken und Strohlehm, nur ausnahmsweise mit Mauerwerk, aus¬ 
gefüllt war (Piper a. a. 0. S. 471). 

3 ) „Die Aborte sind bei Burgen mit einer erstaunlichen Einfalt und Offen¬ 
heit angelegt.“ (Bergncr, Handbuch der bnrgerl. Kunstaltert. Deutschlands, 
1. Bd. S. 104). 


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Ostseite sind die Reste einer Heizanlage erhalten, also in dem ehe¬ 
mals abgetrennten kleineren Raume. 

Die Fenster sind hier wie in den anderen Stockwerken un¬ 
symmetrisch angebracht, wie sie eben den Bedürfnissen entsprechen l ). 
Das Südfenster liegt nahe der Südwestecke, das Nordfenster bei der 
wh> erwähnt vorauszusetzenden ehemaligen Zwischenwand. Beide 
Fenster sind gleichartig behandelt. Rechts und links von der 
Fensteröffnung sind in der Tiefe der Mauer in der Fensternische 
gemauerte Sitzbäuke angebracht. Solche hat schon der aus dem 
Anfang des 12. Jahrhunderts stammende bewohnbare Bergfried von 
Hohenklingen. Allgemeiner gebräuchlich werden sie erst im 
13. Jahrhundert und erhalten sich dann bis zum Ende des 15. Jahr¬ 
hunderts 2 ). Der schmale Fensterschlitz ist von einem Steingewände 
umrahmt, das oben mit einem runden Kleeblattbogen umschlossen 
ist. Es ist also, wie schon gesagt, kein Zweifel, daß wir hier im 
zweiten Stockwerk die Wohnräume des Burgherrn zu erkennen haben. 
Ihre höhere Lage bot jedenfalls größere Sicherheit gegenüber 
den unteren Geschossen. So gibt sich z. B. das dritte Geschoß des 
schon erwähnten Wohnturms von Lechenich durch seine größeren 
Fenster als demselben Zwecke dienend zu erkennen. In Karlstein 
liegt die zu schützende Kapelle im dritten Stockwerk 3 ). 

Zur völligen Gewißheit aber erhebt unsere Annahme der Bilder¬ 
schmuck der Wände. Das Verdienst seiner Aufdeckung gebührt dem 
f Rechnungsrat Klose; in dem erwähnten Aufsatze gibt er Rechen¬ 
schaft darüber. Bei einem Besuch des Turmes in den achtziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte er am unteren Teil der 
Wände Reste roter Bemalung bemerkt; bei näherem Zusehen fand er 
an der Südwand zwischen den weit von einander abstehenden Fenstern 
des Gesamtraumes in ungefährer Höhe von l'/» m die Majuskeln 
ALSO . . . EWE. Mit Unterstützung des Rentmeisters Menzel 
gelang im Laufe der Zeit die Loslösung des Kalkbewurfs, und es 
zeigte sich, daß einen Meter vom Fußboden ab die Wandfläche bis 
zu der 4 7 2 m hohen Decke mit Gemälden geschmückt war. Aller¬ 
dings vom südwestlichen Fenster aus nur in der Breite, die dem 

*) Piper, a. a. 0. S. 455. 

2 ) Piper, a. a. 0. S. 453. So auch in dem Wohnturm von Eckersdorf. 

3 ) Piper, a. a. 0. S. *237. In dem 1182 erbauten Wohnturme von Thun 
in der Schweiz liegt der fast 7 m hohe Saal im vierten Stockwerk. (Vergl. 
die kleine Burgenkunde von Piper in der Sammlung Göschen S. 54.) 


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größeren Gemach der unteren Stockwerke entsprach. Daraus ergab 
sich, daß auch hier, wie schon erwähnt, eine Querwand gewesen sein 
mußte. Die Gliederung der bemalten Wandfläche ist derart, daß zu¬ 
nächst von der Querwand an je zwei männliche und weibliche Ge¬ 
stalten dargestellt sind, deren jeder eine unter ihren Füßen kauernde 
Figur entspricht; dann folgt eine hl. Jungfrau mit dem Kipde 
in der Höhe von 2'/» Meter. Das ist ungefähr die Hälfte der Süd¬ 
wand zwischen der verschwundenen Querwand und .der Fensternische. 
Von da an ist die Fläche in zwei gleiche Streifen über einander 
geteilt; nur auf dem unteren sind die Bilder erhalten oder bisher auf- 
gedeckt. Die Fläche in Höhe von etwas über einem Meter vom 
Boden weist keine Bilder auf und sollte ursprünglich vielleicht mit 
Teppichen verhängt werden. In seinem Aufsatz sieht Klose die 
vier Gestalten links, die er alle für männlich hielt, als die Evangelisten 
an, für die rechts der Madonna befindlichen Vorgänge auf dem 
unteren Streifen weiß er keine Erklärung zu geben. Die Abbildung, 
die er von den aufgedeckten Bildern auf der zweiten Tafel seines 
Aufsatzes beibringt, ist recht unvollkommen, zum Teil ganz mi߬ 
verstanden, bot aber bisher die einzige Anregung, sich mit dem 
Werke zu beschäftigen und zum Versuch einer Erklärung zu ge¬ 
langen. 

Auch Lutsch gibt keine Erklärung und spricht bei seiner 
Schilderung nur von einem Turnier, ebenso wenig tun es Schätzke 
in seinem Burgenbuche und G. Malkowsky 1 ). Dieses Schweigen ist 
auch ganz begreiflich. Sehen wir von der Figur der Gottesmutter, 
die sich selbst erklärt, und vorläufig auch von den vier Gestalten 
links von ihr ab, so ergibt sich auf den ersten Blick, daß die bild¬ 
lichen Schilderungen rechts rein weltlichen Charakter tragen. Indem 
die kirchliche Kunst gewisse Gestalten der Bibel, der Kirchen¬ 
geschichte und Legende immer und immer wieder darstellte, hat sie 
im Laufe der Zeit gewisse Typen geschaffen, die in Abwandlungen 
immer wiederkehren. Wenn es sich nicht um recht seltene Heilige 
und Bilder aus ihrem Leben handelt oder die sie bezeichnenden 
Beistücke bei plastischen Gestalten verloren gegangen sind, ,so haben 
wir meist die Möglichkeit, solche kirchliche Darstellungen zu er¬ 
klären, und ein reiches Schrifttum von sogenannten Heiligen- 


') Schätzke, a. a. 0. S. 74: A. Malkowsky, Schlesien in Wort und Bild, 
S. 158. 


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Ikonographien bietet auch für seltenere die Mittel dazu. Anders bei 
weltlichen Darstellungen, mit Ausnahme der Miniaturen von Hand¬ 
schriften, durch deren Texte der Bildinhalt festgelegt ist. Hier 

war eine derartige Typenbildung fast ganz ausgeschlossen 1 ). Daraus 
aber ergibt sich dann auch von selbst die Schwierigkeit, ja oft 
Unmöglichkeit, zu einer wissenschaftlich einwandfreien Erklärung 
weltlicher Bilder und Bilderfolgen zu kommen. Und zwar um so 
mehr, je weniger es zunächst feststeht aus welchem Kreise (Ge¬ 
schichte, Sage, Dichtung) die Vorgänge entnommen sind. Oft 
bringen ja Spruchbänder auf die Spur oder sagen ganz deutlich, 

um was es sich handelt; in manchen Fällen fehlen sie ganz oder 

widerstehen ihrer Entzifferung, wie beides bei unseren Bildern der 

Fall ist. Der Kunstschriftsteller, der sich mit religiöser Kunst be¬ 
schäftigt, wird von selbst auch auf das Studium der kirchlichen 
Bilderkunde geführt. Bei weltlichen Darstellungen kann davon nicht, 
die Rede sein, da es überhaupt keine umfassende Bilderkunde dieser 
Art gleich der kirchlichen geben oder es sich höchstens um Teil¬ 
gebiete handeln kann. So wird es unter Umständen Sache des Zufalls 
sein, ob eine Deutung gewonnen wird oder nicht. Und das trifft 
gerade auch für die Bober-Röhrsdorfer Bilder zu. 

In Bergners Handbuch der bürgerlichen Kunstaltertümer findet 
sich ein Holzschnitt mit Darstellungen aus den Iweinbildern im 
Hessenhofe zu Schmalkalden 2 ). Unter anderem sieht man auf diesem 
Bruchteil, wie die trauernde Laudine am Totenbette ihres von Twein 
getöteten Gemahls steht und diesen beklagt. Dieser Vorgang rief 
in mir die dunkle Erinnerung an eine ähnliche Darstellung hervor, 
ohne daß ich mir zunächst klar wurde, worum es sich handeln 
könnte, bis mir dann endlich unsere Bober-Röhrsdorfer Wandgemälde 
einfielen. Das Typische liegt hier in dem Vorgänge selber, aber 
beide Bilder brauchten deshalb noch nicht dasselbe darzustellen. 
Daß es aber wirklich der Fall war, ergab sich bald bei der weiteren 
Vergleichung der beiden Bilderreihen und der Lesung der entsprechenden 
Stellen des Iwein von Hartmann von Aue. Durch meine Entdeckung 
veranlaßt, hat dann Herr Prof. Dr. Seger als Vorsitzender des 
Schlesischen Altertumsvereins vor allem für eine sachgemäße Auf¬ 
nahme der freigelegten Bilder gesorgt. Das hierbei angewandte, 

J ) Zum Beweise, datt es doeh dazu kommen konnte, sei auf die Boland- 
bildsäulen hingewiesen. 

*) 2. Bd. S. 593 


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von Herrn Prof. Dr. Kautzsch angegebene Verfahren bietet jede nur 
mögliche Gewähr für wissenschaftliche Treue. Es besteht darin, daß 
die Umrisse der Bilder zunächst in voller Größe durchgepaust werden; 
die Pausen werden auf photographischem Wege verkleinert und die 
Verkleinerungen wieder angesichts der Originale farbig ausgeführt. 
Unsere Tafel bringt in starker Verkleinerung photographische Wieder¬ 
gaben der im Besitz des Schlesischen Altertumsvereins befindlichen 
Aquarelle. Die Anordnung der Bilder an der Südwand des Turmes 
ist aus dem folgenden Schema zu ersehen. Der Schlesische 


a 

b 

i 


c j 

Wand 


Plan der Gemälde der Südwand 

(vergl. die Buchstaben der Bildtafel). 


Altertumsverein beabsichtigt ferner, die noch unter der Tünche ver¬ 
borgenen Malereien aufdecken und in derselben Weise aufnehmen zu 
lassen, und er hat sich für diese ebenso mühsame wie kostspielige 
Arbeit der Zustimmung und Unterstützung des Herrn Reichsgrafen 
Schaffgotsch auf Warmbrunn versichert. Seit Kloses Veröffentlichung 
ist keine weitere Aufdeckung größeren Umfangs erfolgt. Nur an 
der Südwand hat vor Jahren ein Wirtschaftsschüler in freilich un¬ 
befugter und roher Weise die unter der Tünche hervorschimmernden 
Umrißlinien zweier gegen einander anreitenden Ritter und einer 
Doppelgruppe mit schwarzer Farbe nachgezogen. Nach diesem 
Machwerk sind die Textabbildungen Seite 83 und 85 hergestellt. 

Wenngleich es natürlich erwünscht gewesen wäre, die vollständige 
Freilegung der Gemälde abzuwarten, so schien es bei der Bedeutung, 
die dieser Bilderkreis für Schlesien insbesondere, aber auch für den 
Niederschlag deutschmittelalterlicher Dichtung in der Kunst überhaupt 


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Wandgemälde ai 


Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde. Band XX. 

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aus Boberröhrsdorf 


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liat, doch angezeigt, schon jetzt einen Vorbericht darüber zu geben 
und die Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam zu machen. 

Hartmanns Epos Iwein erfreute sich einst großer Beliebtheit und 
Anerkennung. Dafür sprechen die zahlreichen Handschriften, die von ihm 
vorhanden sind, abgesehen von den Anlehnungen und Entlehnungen 
jüngerer Dichter 1 ). Unter ihnen aber gibt es keine einzige, die mit 
Bildern geschmückt ist. An ihrer Stelle besitzen wir dagegen zwei 
Bilderfolgen, deren wichtigste und umfassendste sich in dem schon 
erwähnten Hessenhofe in Schmalkalden als Wandgemälde befindet 2 ) 

Der Hessenhof lag ursprünglich im Mittelpunkt des Stadtteils 
von Schmalkalden, der sich jenseits des Grabens vor den Mauern 
der Altstadt entwickelte, und war zuerst wohl Sitz des langrätlich- 
thüringischen Verwalters, vom 14. Jahrhundert an Amtshaus des 
landgräflich-hessischen Verwalters, schließlich im 16. Jahrhundert 
zeitweilig Wohnsitz der Schwester des Landgrafen Philipp von Hessen. 
Die Wandgemälde befanden sich ursprünglich in einem mit einem 
Tonnengewölbe geschlossenen Raume des Erdgeschosses; durch die 
allmähliche Erhöhung der Straße ist er aber zum Keller geworden. 
Die Bilder bedecken in 5 Streifen das Tonnengewölbe, je zwei 
Wandstreifen darunter und das eine Bogenfeld. An dieser Stelle ist 
das Hochzeitsmahl bei der Vermählung Iweins mit Laudine dar¬ 
gestellt. Die Wahl des Gegenstandes erinnert uns an die Bilder 
des hl. Abendmahls oder der Hochzeit von Kanan in den Speise¬ 
sälen von Klöstern und ist hier in ähnlicher Weise durch die Be¬ 
stimmung des Zimmers als Trinkstube bedingt, wie es Weber nach¬ 
gewiesen hat. Von dem ganzen Inhalt des 8166 Verse langen Gedichtes 
Hartmanns umfassen die Bilder die Verse 77 bis 3864, also noch 
nicht die Hälfte 3 ). Das erste Bild zeigt, wie sich König Artus mit 
seiner Gemahlin in die Kemenate zur Ruhe zurückzieht, das letzte 
erhaltene (etwa vier sind zerstört) führt den Drachenkampf vor. Die 


*) Hartmann von Aue, herausg. v. Fedor Bech (in F. Pfeiffer, Deutsche 
Klassiker des Mittelalters) 3. Teil, Iwein oder der Ritter mit dem Löwen, 
2. Aull. S. XIV f. — l)esgl. die Ausgabe von Emil Henrici 1. Teil S XII ff. 

2 ) P. Weber, Dio Iweinbilder aus dem 13. Jahrh. im Hessenholc zu 
Schmalkalden (Lntzows Zeitschr. f. bild. Kunst. Neue Folge 12. Jahrg.) 
1901. — Derselbe in den Bau- u. Kunstdenkm. im Reg.-Bez. Kassel, 5. Bd. 
Kreis Herrschaft Schmalkalden, Teitband S. 208 ff., Tafelband, Tafel 120—122. 
Marburg 1913. 

s ) Vor dem Verse 3824 sind außerdem 900 Verse ausgelassen. 


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-SO 

nach Webers Ausführungen dem 13. Jahrhundert ungehörigen Gemälde 
sind zuerst von Dr. Otto Gerland als der Iweindichtung entnommen 
erkannt und erklärt worden l ), während Hase in ihnen Vorgänge aus 
dem Leben der hl. Elisabeth sehen wollte 2 ). 

Wir gehen zum zweiten Bilderkreis aus der Iweindichtung über, 
wenn wir überhaupt da von einem Kreis reden dürfen, da er nur 
zwei Bilder umfaßt. Aber gerade dieser Umstand erscheint wichtig, 
da er beweist, wie zwei ganz vereinzelte Bilder aus ihm an sich 
verständlich waren, und das spricht für die weit verbreitete Kenntnis 
des Inhalts. Unerörtert bleibt dabei vorläufig die Frage, s>b sich 
diese Kenntnis gerade auf Hartmanns Gedicht stützen muß; wir 
kommen darauf noch später zu sprechen. 

Hier handelt es sich um den sogenannten Maltererteppich 
in der städtischen Altertümersammlung in Freiburg i./B. 8 ). Dieser 
Teppich ist eine Stiftung des Freiburger Bankiers Johann Malterer, 
der ihn wahrscheinlich um 1330 anfertigen ließ und dem Katharinen¬ 
kloster daselbst widmete. Am Anfang und Ende sehen wir das 
Maltererwappen, zwischen ihnen, wie sie in Vierpässen, folgende 
Darstellungen. I a Simson den Löwen tötend. 1 b Simson unter dem 
Seheermesser der Delila, 2 a der weise Aristoteles mit Phyllis 
kokettierend, 2 b Aristoteles von Phillis als Reittier benützt, 3a Virgil 
schleicht sich zur Tochter des Kaisers Augustus, 3 b er wird von 
ihr im Korbe in halber Höhe des Turmes dem Gespötte der Menge 
preisgegeben, 4a Iwein kämpft mit Askalon am Zauberbrunnen, 
4b Iwein wird von Lunete zu Laudine geführt. 5. Eine Jungfrau 
mit dem Einhorn. Im Zusammenhänge mit den übrigen Bildern 
erscheint also hier auch Iwein als einer von den tapferen, starken 
oder weisen Männern, die durch irdisch-sinnliche Liebe zum 
Weibe verführt werden. Dieser gegenüber steht die himmlische 
Liebe, die durch die Jungfrau mit dem Einhorn, dem Sinnbilde der 
Jungfrauenschaft, verbildlicht ist 4 ). 

*) Dr. Otto Gerland, die spätromanischen Wandmalereien im Hessenhofe 
zu Schmalkalden. Leipzig 1896. 

2 ) Schnütgens Zeitschrift für christl. Kunst, Düsseldorf 1893, Bd. II Spalte 
121 — 128. 

3 ) H. Schweitzer, die Bilderteppiche und Stickereien in der städt. 
Altertümersammlung zu Freiburg i./B. S. 35 ff. der Zeitschrift Schau-ins-Land 
des Breisgauvereins Schau-ins-Land, 31. Jahrlauf 1904. 

4 ) Im Gegensätze zu dem Verfasser des angeführten Aufsatzes halte ich 
die Anna, d»*rcn Name zu beiden Seiten des ersten Wappens steht, nicht für 


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_ _ PRIiNCETON UNlViRSIT¥—« 



Der Vergleich der Hessenhofbilder mit den beiden Iweinbildern 
auf dem Maltererteppich läßt sofort erkennen, daß hier, wie schon 
im allgemeinen erwähnt, von Typenbildung nicht die Rede sein kann. 
Dort kämpfen Laudinens Gemahl und unser Held zu Pferde miteinander, 
hier zu Faß; dort ruht das viereckige Becken des Zauberbrunnens 
' auf vier Säulen (zwei sichtbaren), während das Schöpfgefäß an einem 
Baume hängt, hier erscheint der Brunnen amboßartig, ein rundes 
Becken auf viereckigem Sockel, aus dem unten Wasser herausfließt. 
Eine dritte Abwandlung zeigen unsere Bober-Röhrsdorfer Gemälde, 
denen wir uns jetzt zu wenden. 

Zum besseren Verständnis der dargestellten Vorgänge sei kurz der Inhalt 
der bezüglichen Stellen aus Hartmanns Werke angeführt: Am Hofe des Königs 
Artus erzählt Ritter Kalogreant, wie er im Walde von Breziljan den Zauber¬ 
brunnen gefunden und dort von dem Herrn des Waldes, einem gewaltigen 
Ritter, besiegt worden sei. Noch ehe Artus, der mit all seiner Macht zu dem 
Abenteuer ausziehen will, sein Unternehmen in Angriff nimmt, macht sich 
Iwein heimlich auf den Weg. Wie Kalogreant trifft er mit dem Ritter, der 
kein geringerer als König Askalon ist, zusammen und verwundet diesen auf 
den Tod. Während der Sterbende noch den Burghof erreicht, wird Iwein 
zwischen dem äußeren und inneren Tore eingeschlossen. Seine Rettung vor 
den Bewohnern der Burg verdankt er nur dem Mitleid Lunetens, des Kammer- 
fräuleins der nun verwitweten Königin Laudine, indem jene ihm einen 
unsichtbar machenden Zauberring gibt. Unsichtbar sieht er dann von einem 
Ruhebette aus, wie Laudine um den Gefallenen klagt, und die Liebe zu der 
schönen Frau zieht in sein Herz ein. (V. 1—482) Daß unser Held dann, wieder 
mit Hilfe Lunetens, die Hand der Witwe erwirbt, sei nur noch ergänzend bemerkt. 
Im Hessenhofe sind diesem Teile des Epos sechs Bilder entnommen. Iwein trinkt 
am Zauberbrunnen, er kämpft mit Askalon, er verfolgt ihn in seine Burg, Lunete 
reicht ihm den Zauberring. Laudine beklagt den Toten, die Mannen des 
Königs suchen vergeblich nach dem unsichtbaren Iwein. Der Maltererteppich 
enthält daraus, wie schon gesagt, den Kampf am Zauberbrunnen, und wie 
Iwein von Lunete zu der Königin geführt wird. 

Durch eine Anzahl blattförmig gebildeter Bäume ist unser Bild¬ 
streifen in vier Teile geteilt, 1. ein Ritter, 2. eine liegende Gestalt, 
über die sich eine zweite neigt, 3. ein sitzender Ritter, zu dessen 
Füßen ein oben vierseitig umrahmter Gegenstand sichtbar ist, 4. ein 

die Gemahlin des Malterer, sondern für dre eine seiner drei Schwestern, die im 
Katharinenkloster Nonne war. Bei der Gattin müßten wir ihr Familienwappen 
voraussetzen. Gerade der Bilderkreis scheint auf den Beruf der Nonne hinzu¬ 
deuten. Während die sinnliche Liehe, wie die Bilder zeigen, unholde Folgen 
nach sieh zieht, hat sich Anna als ewig jungfräuliche Ordensschwester der 
wahren himmlischen Liebe zugewandt. Möglich, daß die Stiftung des Teppichs 
bei ihrem Eintritt in das Kloster erfolgte. 

Mitttiluugen d. Scliles. Ges. f. Vkde. Bd. XX ö 


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82 


Kampf zweier Kitter. Der letzte Kitter trägt als Helmschmuck ein 
fuchsartiges Tier. Derselbe Helm wiederholt sich über der liegenden 
Gestalt. Daraus geht hervor, daß diese beiden ein und dieselbe 
Person darstellen müssen. Aus der gleichen Farbe des Lendners 
(karmoisin) geht aber auch hervor, daß der sitzende Kitter und der 
andere kämpfende gleich zu setzen sind. Während dieser den rechten 
Arm mit dem nicht mehr erkennbaren Schwerte zum Schlage auf¬ 
gehoben hat, zieht sein Gegner erst sein Schwert. (Vgl. Iwein 
V. 1018 f. dö tnuosen si beide zücken diu swert von den siten.) 
Daraus erklärt sich seine Niederlage, die durch sein Daliegen in dem 
zweiten Hilde noch erkennbarer wird. An einem Baume ist sein Schwert 
aufgehängt, über seinem Haupt, wahrscheinlich an dem mittleren 
Baume mit voller Krone befestigt, ein Schild (nach Klose mit einem 
Hirsch). Besonders fesselt der sitzende Ritter. Sein geneigtes 
Haupt ruht auf der Rechten; die sich auf das Schwert stützt, während 
die linke seinen entsprechenden Unterschenkel umfaßt hält. In der 
ganzen Gestalt drückt sich innige Teilnahme aus. Gegenstücke dazu 
bieten öfters die Gestalten Mariä und des Evangelisten Johannes unter 
dem Kreuze , ). Die Teilnahme des Ritters wendet sich sichtlich den 
beiden mittleren Gestalten zu, und so gehört er mit zu dieser Gruppe 
und scheidet als selbständiges Bild aus. Unwillkürlich denkt man 
an Iwein, der, unsichtbar, Laudine belauscht, und in dessen Herz die 
Liebe zu der schönen Frau einzieht, ganz der Dichtung entsprechend. 

dü ersach si der herre iwein 
und da was ir här und ir lieh 
so gar dem wünsche gelich, 
daz im ir minne 
verkehrte die sinne 2 ). 

In dem Epos geht das alles allerdings in der Burg vor sich. 
Daran dürfen wir uns aber nicht stoßen. Der Meister der Bober- 
Röhrsdorfer Bilder hat eben alles auf die einfachste Formel gebracht. 
Nun erklärt sich auch der Gegenstand zu seinen Füßen, mit dem 
Klose nichts anzufangen wußte. Er ist nichts anderes als der 
Zauberbrunnen, um den die beiden Helden kämpfen, und so gehört 


*) Vgl. z. B. die Marien- und Johannesfigur bei A. Schultz, Schlesiens 
Kunstleben im 13. u. 14. Jahrli. Breslau 1870, Tafel 6 (14. Jahrh.). Über die 
Bedeutung der Gebärdensprache im Mittelalter: Bcrgner, Handbuch d. kirchl. 
Kunstaltert, in Deutschland. S. 435. 

*) Vers 1332 ff. 


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er zu der rechten Gruppe. Die Bäume um ihn sollen den Wald 
Breziljan vorstellen. Wie der kämpfende Iwein hat auch der Ritter 
links ein weißes Roß, und wir dürfen in ihm wohl auch diesen 
Helden sehen, vielleicht wie er auf dem Wege nach dem Zauber- - 
walde begriffen ist. Anstößig erscheint ja allerdings die Aufeinander¬ 
folge der drei Vorgänge in der Anordnung 1—3—2. Doch mag 
das aus kompositionellen Gründen geschehen sein: rechts und 
links die Berittenen, in die Mitte gerückt der Hauptvorgang: die 
Klage Laudinens um den verstorbenen Gemahl und der beobachtende 



Iwein *)• Leider sind gerade diese Gestalten arg zerstört. Askalon 
stützt sich unbekleidet auf den linken Arm. Das scheint eher für 
einen Schlafenden zu sprechen. Doch finden wir dasselbe Motiv bei 
der zweiten Figur unter den vier Einzelfiguren links, und diese ist 
wie die drei anderen unbedingt als ein Toter anzusehen. Wir 
kommen noch darauf zurück. 

In den neu aufgedeckten Teilen der Westwand sehen wir oben 
zwei gegeneinander mit Lanzen anstürmende Ritter, deren einer fast 
völlig zerstört ist. Der andere trägt als Helmschmuck wieder ein 
fuchsartiges Tier 2 ). Als Askalon darf er aber keineswegs erklärt 
werden. Vielmehr haben tvir in ihm hier sicher Iwein selbst zu 
sehen. Als Besieger Askalons hat er das Recht, dessen Abzeichen 
zu führen. Das beweist uns eine Stelle des Meieranz von dem 


•) In den Hesscnhofbildern geht umgekehrt wie bei den anderen Reihen 
die Vorgangsfolge im fünften Streifen von rechts nach links. (Weber, Kunst- 
denkm. d. Reg.-Bez. Kassel, a. a. 0. S. 213). 

2 ) Auf unserem Bilde ungenau wiedergegeben. 

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Pleier 1 ). Godonas, den Meieranz besiegt, führte auf seinem Helm 
(und auf dem Knopf seines Zeltes) einen goldenen Adler. Nun heißt 
es an der angeführten Stelle: 

Den am truoc Godonas, 
des dcz gezclt e was 
üf sinem heim, der kuene man. 
den schilt solt nü ze rehte han 
Meieranz der wigant. 

So hat auch Iwein Schild (Helmschmuck) und Land des Askalon 
erstritten. Einen weiteren Beleg bietet auch der Bilderkreis des Hessen¬ 



hofes. Dort ist in der fünften Reihe dargestellt, wie Iwein den 
Ritter Key im Speerkampf aus dem Sattel wirft. Links davon reitet" 
er als Sieger hinweg und führt dabei einen Adler im Schilde, den¬ 
selben, den Askalon in der zweiten Reihe als Wappen hat. Wenn 
wir so in dem linken Ritter Iwein zu sehen haben, so dürfen wir 
wohl der Folge der Ereignisse nach in unserem Vorgänge den Kampf 
mit Key erblicken. Dem Gedichte nach ist König Artus, kaum daß 
Held Iweins Hochzeit beendet ist, aufgebrochen, um gleichfalls das 
Abenteuer am Zauberbrunnen zu bestehen. Unbekannt eilt Iwein her¬ 
bei und sticht Key vom Pferde, der vorher über ihn gespottet hatte 2 ). 

Es bleibt nun noch die Doppelgruppe unter dem Zweikampfe 
zu betrachten. In dem großen hockenden Manne in phantastischer 

') Herausg. t. Karl Bartsch (Biblioth. des liter. Vereins in Stuttgart, 
60. Bd.) S. 295. Vgl. außerdem R. von Retberg, Die Geschichte der deutschen 
Wappenbilder (Frankf. a. M. 1888) S. 8. 

») Iwein, V. 2454 ff. 


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Tracht und mit dem Spitzhelm auf dem Haupte haben wir ersichtlich 
einen Riesen vor uns. Dafür spricht neben seiner Größe vor allem 
die Keule in seinem rechten Arm 1 ). Das Schwert unseres Riesen 
bildet allerdings eine Ausnahme. Ganz klar ist der Zusammenhang 
der Gruppe nicht. Doch wird man wohl nicht fehlgehen, wenn man an¬ 
nimmt, daß der Riese von dem Ritter, der ihn am Handgelenk faßt, 
besiegt ist, und nun, vom Kampf ermattet, den Todesstoß erwartet. 
Die drei Jünglinge zu Pferde drücken in ihren Gebärden die Freude 
über diesen Sieg aus, und damit gibt sich der Vorgang ebenfalls als eine, 
wenn auch freie Übertragung aus Hartmanns Epos in die Sprache der 
bildenden Kunst zu erkennen *). Es handelt sich um den Riesen Harpin. 
Der hat die sechs Söhne des Burgherrn, zu dem Iwein nach seinem 
Abschied von Laudine gekommen ist, gefangen genommen, zwei ge¬ 
tötet und das Land verheert, weil ihm jener die Hand seiner Tochter 
verweigert hatte. Am anderen Tage besteht Iwein den Kampf gegen 
Harpin, der die Gefangenen auf Pferden gebunden mit sich führt, 
und tötet ihn mit Hilfe seines Löwen 3 ). Statt vier sind hier nur 
drei Jünglinge dargestellt. 

Endlich findet sich die Einzelfigur eines mit der Lanze an¬ 
stürmenden Ritters in Höhe von .1,07 vom Fußboden an der Nord¬ 
wand zwischen der Nordwestecke und der Aborttür. Natürlich ge¬ 
stattet sie in ihrer Vereinzelung keine Deutung. 

Wir wenden uns nun den nicht zum lweinkreis gehörigen Bildern 
zu. Links von der Madonna erblicken wir je einen jugendlichen 
Adligen in Friedenstracht; der erste'links steht einer Frau, der zweite 
einer Jungfrau gegenüber. Die Hände sprechen echt mittelalterlich 
eine beredte Sprache. Leider spotten die Reste der Buchstaben auf 
den Spruchbändern zwischen ihnen vorläufig noch und wahrscheinlich 
für immer jeder Erklärung. Enter anderen bogenförmig angeordneten 
Spruchbändern zeigen sich über eine Brüstung gelehnt vier nackte 


') Val. die 8 Riesen der Waldgeinäldc des Schlosses Ruukelstcin von 
1388. Seelos u. Zingerle, die Wandgemälde von Runkclstcin. Wien; auch 
im Hessenhofe führt der Riese in der ersten Rilderreihe eine solche Keule. 
A. Schultz, das hölischc Leben zur Zeit der Minnesänger. 2. Bd. S. 183. 

*) Ben Hinweis darauf verdanke ich Herrn Prof. Dr. O. Warnatsch in 
tilogau. Möglich ist cs allerdings auch, daß wir in unserem Bilde eine Ab¬ 
wandlung von Hartmanns I Erstellung vor uns haben, vielleicht daß Iwein den 
schlafenden Riesen zum Kampfe weckt. 

*) Iwein 4357 If. 


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menschliche Gestalten. Die Brüstung selbst ist durch eine Bogen¬ 
linie in eine hellere und dunklere Hälfte geteilt. Oben schöne, ihres 
Lebens sich freuende junge Menschen, unten Tote, die in ihren 
Stellungen wie unter einem Drucke zu stehen scheinen *). Wir gehen 
siel.er nicht fehl, wenn wir annehmen, daß wir im Sinne des hodie 
mihi, cras tibi eine der im Mittelalter beliebten moralisierenden 
Darstellungen vor uns haben. Am bekanntesten ist der eine Teil 
des Triumphes des Todes im Campo santo zu Pisa. Da zeigt sich 
uns ganz rechts vor einem grünen Hain eine Gruppe vornehmer 
Männer und Frauen, von weltlichen Gedanken erfüllt, während von 
links der Tod als altes schreckliches Weib (la morte) mit der Sense 
herantliegt, unter ihr in wirrem Durcheinander Gestorbene aus allen 
möglichen Ständen liegen. Ich weise dann noch als weiteren Ver- 
gleichsstoff auf die seit Dürer in Aufnahme gekommenen Darstellungen 
von Liebespaaren hin, zu denen der Tod unbemerkt herantritt. Als 
Predigt von der Vergänglichkeit alles Irdischen hat dieser 'feil unserer 
Wandbilder mit den Iweindarstellungen nichts zu tun. Eine Er¬ 
klärung für ihre Anbringung an dieser Stelle kann aber versucht 
werden. Diese Bilderpredigt war ursprünglich in der Ecke des Ge¬ 
maches, dort, wo die verschwundene Querwand an die Südmauer 
anstieß. Die Breite des Bildes von der Ecke bis zu dem Marien¬ 

bilde beträgt 2,30 m. Das ist etwa die Länge eines Bettes oder die 
Breite eines Doppelbettes, in welchem der Herr mit seiner Gattin 
zusammen zu schlafen pflegte 2 ). Jedenfalls war die Ecke zur Auf¬ 
stellung des Bettes sehr geeignet, und von ihm aus hatte er die 

mahnende Bildpredigt immer vor Augen. Unserer Annahme gibt 
nun das Marienbild eine weitere Stütze, das sonst aus dem Ganzen 
herausfällt. Darnach war es gerade neben der Schlafstelle angebracht, 
und zu seinen Füßen mögen der Hausherr und seine Frau des 

Morgens und Abends niedergekniet sein, um ihre Gebete zu ver¬ 

richten; dann hatte die Freude am ritterlichen Leben, wie sie aus 
dem sonstigen Wandschmuck des Gemaches spricht, ihre Berechtigung. 

Die Umrisse sind schwarz auf dünnem Kalkgrund aufgetragen 
und dann mit den Lokalfärben ausgefüllt worden. Das Ganze trägt 
Reliefcharakter, nur bei dem Zauberbrunnen, der sitzenden Gestalt 
und den Bäumen haben wir den schlichten Versuch einer Vertiefung 

*) Ich erinnere daran, daLS im Mittelaller der Tod und die Toten nicht 
als (Jerippe, sondern als eingetrocknete Leichname dargestellt wurden. 

a ) A. Schultz, Höf. Leben, Rd. S. 81. 


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in der Fläche vor uns. Diese Beobachtungen geben uns noch keinen 
Beweis für das Alter der Wandgemälde. Über dieses befragen 
wir am besten die Trachten der dargestellt